Familienportrait – Ca Pousse… – Die Liebe in Zeiten des Krieges

Erneut habe ich den Nachmittag mit dem Lesen von Feldpostbriefen verbracht. Es sind wohl 80 oder 90, teilweise vielseitige Schreiben meines Vaters Helmut an meine Mutter Käte aus den Jahren 1942 bis 1945. IMG_20131009_0001_0001 Helmut rechts

Das meiste steht nicht darin, man muss zwischen den Zeilen lesen. Zum Krieg Andeutungen, die Zensur war sicher ebenso perfekt organisiert, wie die ganze Feldpost überhaupt. Selbst 1945, der Rückzug wird angedeutet, funktioniert alles prima. Mehrere Briefe jede Woche nachhaus und aus Berlin nach Osten zurück an die Front. Es gab sogar Frontbuchläden, in denen sich die Soldaten mit gehobener Literatur eindecken konnten, um sich zwischen dem Töten mit deutscher Kultur abzulenken. So oder so ähnlich werden sich das diese faschistischen “Herrenmenschen” vorgestellt haben. “Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland ” so hat es Paul Celan in der “Todesfuge” ausgedrückt.

Neben der persönlichen Beziehung schrieb Helmut über Literatur, benutzt Bücher als Metaphern für vieles, was zu schreiben nicht möglich war. Immer wieder Zweifel, aber häufiger noch Zuversicht, dass doch noch einmal gute Zeiten kommen. Es scheint, man hat eine innerliche Scheinwelt aufgebaut, um das Grauen zu überstehen.

IMG_20131009_0001  Käte während des Krieges in der Perleberger Straße

Einige Antworten von Käte habe ich auch, ihre Handschrift ist leider schwer zu entziffern, doch es entsteht ein Eindruck, was aus der Heimat den Soldaten wider Willen an der Front erreichte. Den ganzen Wahnsinn zu überstehen, ohne im geringsten an die Nazi-Ideologie und die Berechtigung eines Krieges überhaupt zu glauben, muss ein Kunststück gewesen sein nahe der Schizophrenie.

Wahrscheinlich sollte ich aus diesem umfangreichen Material einen eigenen, monografischen Text zur Korrespondenz inmitten des Weltkrieges destillieren. Viele Stellen müßte ich als Zitat wiedergeben und es dürfte umfangreich werden. Als ich heute mit meiner Stieftochter und der kleinen Neala im Café im alten Wohnhaus meiner Mutter in der Livländischen Straße war, sprachen wir auch über die Kassetten, die Käte besprochen hat, auf denen sie auch diese Geschichte noch einmal vor ihrem Tode erzählt hat. Das müßte ich auch anhören, auch das eine Herkules-Arbeit, für die ich mich i.M. nicht bereit fühle.

Zu den sieben Jahren zwischen Kennenlernen und Happy-End habe ich genug gesammelt, um jetzt zwei oder drei Texte im Portrait-Format zu verfassen und die große Aufarbeitung zu verschieben. Also – Ca pousse – es zieht sich, doch ich habe mich für ein Procedere entschlossen und morgen gehts los, mit dem Kennenlernen der beiden in einer kleinen Konditorei mitten im großen Krieg.

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