Familienportrait – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

Bild Einschulung auf dem Lande

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Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

 

 

 

Der Brunnen der Vergangenheit ist wohl unerschöpflich, unergründlich würde ich ihn nicht nennen, dem wir können aus ihm schöpfen und ergründen woher wir kommen. Über die Vorfahren meines Vaters weiß ich nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienst-Mägde und -Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. In die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf erst seit dem 1. Oktober 1920.

Bild 4 Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

 

Meine Großeltern väterlicherseits starben schon vor Ende des 2. Weltkriegs, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1931 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte nach Venezuela aus. Sein in den 60ern geborener Sohn Johannes Kluge ist außer mir der einzige noch lebende Kluge. Dieser lebt in Venezuela, erfreulicherweise habe ich durch das “Inter” regelmäßigen Kontakt zu ihm. Irgendwann erzähle ich Euch auch die Geschichte von Wolfgang Kluge, aber heute wollten wir ja tiefer in den Brunnen tauchen, in eine Welt die heute vergangen ist.

Bild Liebenwerda, Sonntagspaziergang

 

Mehr weiß ich über die Vorfahren meiner Mutter. Meine Urgroßeltern kamen aus der Gegend von Liebenwerda in Süd-Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Liebenwerda, von liv oder lib und werder kommend, heißt soviel wie Liebes- oder Lebens-Insel. Es wurde 1271 das erste Mal erwähnt und gehörte zeitweise zu Sachsen. Die dicken, sächsischen Ordnungshüter wurden sprichwörtlich und noch zu DDR-Zeiten verspottete man/frau sie, denn da traten sie in Gestalt von Stasi-Mitarbeitern erneut auf. Die “Schand-Armen” nannte sie der Volksmund.

Bild Olle Fuchsen

 

Überhaupt hat man/frau in Liebenwerda nie reines sächsisch gesprochen, stattdessen gab es ein weiches Brandenburger Platt. Der legendäre “olle Fuchs” legte sich oft mit den sächsischen Schandarmen an und wurde unvergesslich. “He labet ju nich mehr, aber he is noch gornich lange dud.”, erzählten die alten Leute.

1815 kam Liebenwerda zu Preußen, eine Folge des Wiener Kongresses. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, eine Gründerzeit folgte, in zwei Jahren wurden 978 Aktiengesellschaften in Preußen gegründet. Leider ging dieser Aufschwung schon 1873 wieder zuende, die durch einen Börsenkrach ausgelöste 20-jährige “Gründerkrise” folgte.

Die Liebenwerdaer hatten jedoch Glück: “Am 1. Juni 1874 wurde die Oberlausitzer Eisenbahn von Kohlfurt über Liebenwerda bis Falkenberg (später bis Wittenberg) übergeben.” Das brachte der Stadt Aufschwung und hier beginnt nun auch die Geschichte der Schnelles.

Bild Goldene Hochzeit

 

Julius Schnelle besteht 1881 die Prüfung zum Schuster-Gesellen. 1887 wird er 23-jährig Meister, im gleichen Jahr heiratet er die fünf Jahre jüngere Anna geb. Hanisch. Julius soll ein fleißiger Mann gewesen sein, neben der Arbeit erzählte er gern Geschichten und betätigte sich auch als Verse-Schmied. Anna wird als sehr soziale, umtriebige Frau geschildert. Sie soll sich Achtung und Liebe unter den Liebenwerdaern erworben habe.

Das Ehepaar hat vier Töchter, eine stirbt im Säuglingsalter, die drei anderen heiraten und leben lang. Martha, die älteste darf im Ort bleiben und heiratet Adolf, Elisabeth und die zuletztgeborene Charlotte müssen in Berlin ihr Glück suchen.

Bild Die Schnelle-Tochter Elisabeth mit Mann Werner und meiner Mutter im Wagen, ca. 1924

 

“Seit dem 16. Januar 1925 trägt die Stadt den Titel „Bad“, nachdem das Preußische Staatsministerium am 9. Januar 1925 einer Umbenennung der Stadt mit den Worten „Möge die Stadt unter dem neuen Namen glücklichen und gesegneten Zeiten entgegengehen!“ zustimmte.” (WiKi)

1937 feiern Julius und Anna Schnelle Goldene Hochzeit, ein “seltenes Fest” wie die Zeitung bemerkt. Die “Einsegnung des Jubelpaares geschieht in unserer Kirche im Kreise von Kindern und Enkelkindern. “Beide Ehegatten erfreuen sich bester Gesundheit. Vermerkt sei noch, dass das Ehepaar Schnelle seit 30 Jahren im Hause des Lehrers Otte wohnt. Dies ist gewiss ein schönes Zeichen von Verbundenheit zwischen Hauswirt und Mieter.” Im gleichen Jahr feierte Julius 50-jähriges Meisterjubiläum. 1940 stirbt Anna, Julius überlebt sie nicht lange, zwei Jahre später folgt er ihr.

Bild

 

1990, nachdem die Grenzen offen waren, habe ich mit meiner Mutter Bad Liebenwerda besucht. Mein verstorbener Freund Andy hat uns mit seinem Taxi gefahren und begleitet. Die Stadt sah post-sozialistisch ziemlich heruntergekommen aus. Es würde mich interessieren noch einmal hinzufahren, um nachzusehen was 23 Jahre Kapitalismus aus dem Badeort gemacht haben. Wenigstens das Bad Liebenwerdaer Wasser ist heute in aller Munde.

 

Bild Eine vergangene Welt

 

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