Familienportrait–Marathon Tag 17 / Robert T. Odeman / Ein Humorist mit ernsten Augen 1904-85

 

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Als ich zehn oder elf war wollte ich unbedingt Klavier spielen lernen. Nachdem ich öfters auf dem Klavier einer Nachbarin herumgestümpert hatte, stellte mir meine Mutter ihren guten Freund Robert T. Odeman vor. Vorher erklärte sie mir was Homosexualität ist, dass diese ganz normal wäre, der § 175 eine Schande sei und das Odeman wegen seiner Homosexualität im KZ gewesen wäre. Meine Ma drückte sich um das Thema Aufklärung nicht herum. So kam es das Tommi, so nannten wir ihn, mein Klavierlehrer wurde.

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“Humor ist eine ganz ernste Angelegenheit! Herzlichst ihr Robert T. Odeman”

Er war ein eindrucksvoller Mann, mit viel Würde, aber bei aller Herzlichkeit blieb immer eine Distanz zwischen ihm und mir. Als erstes fielen mir seine seltsam verkrüppelten Hände auf, ich wagte aber nie, ihn danach zu fragen. Er konnte damit Klavier spielen, doch man merkte, es fiel ihm schwer.

Tommi gab mir Unterricht und bald stellten wir fest, meine Musikalität war nicht ausgeprägt genug, um ein komplexes Instrument wie das Piano zu beherrschen. Also verlegten wir uns auf Gespräche, wir sprachen über Literatur, Kunst, Musik und er erzählte mir aus seinem Leben.

Ich ging ausgesprochen gern zu ihm, Tommi wohnte in einer riesigen Villa in der Fontanestraße im Grunewald. Sein jüngerer Lebensgefährte Kai trug zu meinem Vergnügen eine Art Livree. Er spielte den Butler und servierte uns Tee mit herrlichen, selbstgebackenen Keksen.

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Tucholski legte er mir nahe

Im Lauf der Jahre schenkte mir Tommi wunderschöne Bücher, er sammelte und wenn er eine noch schönere Ausgabe von etwas fand, bekam ich die alte. Tucholski, Musil, Kästner, aber auch Rabelais oder Casanova. Da ich wenig über klassische Musik wusste, bekam ich von ihm viele Platten, die er als Doubletten hatte.

Odeman schrieb humoristische, satirische Gedichte und Lieder, trug diese auf Tourneen und im Radio vor und veröffentlichte Platten davon. Heute ist er fast vergessen, seine Kunst war Kleinkunst, heiter und fragil, sie trug nicht bis in unsere harte neue Welt. Außerdem lebte sie von seinem Vortrag und seiner schlichten Klavierbegleitung.

Sein Leben und wie er davon erzählte, fand ich spannend. Es ist schade, dass er nie autobiographisch geschrieben hat. Meine Mutter verriet mir später, er spräche eigentlich garnicht gern über seine Vita, aus irgendeinem Grund machte er bei mir ein Ausnahme.

Er wurde 1904 in Blankenese geboren, seine ersten Berufsjahre begleitete er Stummfilme in vielen Hamburger Kinos. Dann arbeitete er als Musiker in Cabarets und Theatern.

wie-kan-ik-nog-vertrouwen-2 Muli und Tommi

1922 lernte er seine erste große Liebe Martin Ulrich Eppendorf, genannt Muli, kennen. Sie lebten zehn Jahre zusammen, bis 1932 als Muli starb. Odeman hat auch damals keinen Hehl aus seiner Homosexualität gemacht, das hat er nie getan, mit Ausnahme einiger Zeit im Nazireich.

Er ging nach Berlin gründete 1935 ein Kabarett, das die Gestapo bald wieder schloss. Im November 1937 wurde er wegen Homosexualität verhaftet und nach dem § 175 zu 27 Monaten Haft verurteilt.

Danach wurde er mit Berufsverbot belegt. Er täuschte eine Beziehung zu seiner Freundin und Kollegin, der Sängerin Olga Rinnebach vor. Trotzdem kam er 1942 ins KZ Buchenwald und konnte erst 1945, kurz vor Ende des Krieges, von einem sogenannten Todesmarsch fliehen.

Nach dem Krieg erlernte er den Schauspielerberuf noch einmal ganz von der Pieke auf, trat dann selbst auf und begann zu schreiben. Er schrieb Chansons und Couplets für verschiedene Sängerinnen, unter anderem Pamela Wedekind und Ursula Herking. 1959 lernte er Kai kennen, den er adoptierte, weil es damals.keine andere Art der offiziellen Verbindung gab. Mit Kai lebte Tommi dann bis zu seinem Tod 1985 zusammen.

IMG_20131018_0004 Widmung

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Jahre nach seinem Tode, fragte ich meine Mutter nach seinen verkrüppelten Händen. Sie verriet das Geheimnis, welches Odeman ihr eines Nachts nach dem Genuss einer halben Flasche Weinbrand mitgeteilt hatte. Obwohl er Opfer war, war es ihm peinlich. Im KZ hatten sadistische SS-Männer mehrfach seine Hände gebrochen, damit er sich “nicht mehr an deutschen Genies wie Beethoven oder Wagner vergreifen konnte”. Als Nazi-Opfer ist Odeman nie entschädigt worden. Selbst die beiden Urteile wegen Homosexualität sind bis zu seinem Tod nie aufgehoben worden. Der § 175 wurde in der Bundesrepublik am 11. Juni 1994 aufgehoben.

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2004 erinnerte eine Ausstellung im Schwulen Museum an ihn.

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