Archive | January 2014

Familienportrait–Marathon Tag 13 / Mao, Zodiac Arts Lab, Kollektiv und Schulverweis 1968-70

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Familienportrait Teil 25 – “Sag mir wo die Blumen sind” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / 3. und letztes Kapitel / 1961-2014

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Wolfgang und Notburga in Tokyo (vorn, Mitte)

1961 wird alles anders.

In Hamburg nimmt eine unbekannte Band unter dem Namen “The Beat Brothers” mit Tony Sheridan “My Bonnie” auf. Die Aufnahme wird in Deutschland 100 000mal verkauft. Die Musiker der Gruppe lassen sich ihre Haare zu Moptops schneiden, “Pilzköpfe” sagt man in Deutschland, ihr Name ist nun “The Beatles”. Sie werden nicht nur Mode und Musik nachhaltig beeinflussen, sie werden den Erdball verändern. Der sowjetische Kosmonaut Yuri Gagarin fliegt als erster Mensch in den Weltraum. Barbie bekommt einen Freund namens Ken, in Berlin wird eine Mauer errichtet, die jeden Kontakt zwischen und Ost und West unterbindet und ich bringe mir englisch bei. Ich will die Musik im AFN besser verstehen und die amerikanischen Comics, wie Batman oder Spider-Man lesen können, die ich mir in den Hefte-Tausch-Läden besorge. 1961 ist auch das Jahr in dem die venezolanischen Kluges nach West-Berlin kommen.

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Marcus, die “kleine” Notburga, Ingrid, Thomas

Ersteinmal wohnen sie bei uns. Mein Bruder und ich kampieren mit den beiden Mädchen aus Venezuela im großen Wintergartenzimmer mit Blick auf den Volkspark. Ich bin mit sieben Jahren der Kleinste, Ingrid ist neun, die kleine Notburga ist elf, Thomas ist 13. Wir verständigen uns auf deutsch, mit spanischen und englischen Ausdrücken. Als wir im Sommer ins Strandbad Wannsee gehen, will Ingrid nicht ins Wasser. Sie hat Angst vor Haifischen. Abends quatschen wir lange, ich hatte mir ja immer Schwestern gewünscht. Leider dauert der Ausnahmezustand nicht lange.

Image Wolfgang

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Wolfgang wird meine erste männliche Stil-Ikone. Er trägt amerikanische Oberhemden, die Zigaretten stets in der Brusttasche, schicke Krawatten aus Caracas, seine Haare sind mit Pomade locker gelegt. Obwohl er viel arbeitet und sicher auch Stess hat, strahlt er Ruhe aus und gibt jedem Gesprächspartner das Gefühl, ganz für ihn da zu sein. Die große Notburga sieht im piefigen West-Berlin wie ein Filmstar aus. Selbst im Kopftuch scheint sie den Seiten eines Modemagazins entsprungen zu sein.

Image Notburga

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Wolfgang arbeitet als Manager für die Charterfluglinie “Saturn Airways” im Flughafen Tempelhof. Nachmittags besuche ich ihn öfter dort, er nimmt sich für mich Zeit, zeigt mir das imposante Gebäude, ich darf sogar aufs Rollfeld mit ihm. Anschließend bekomme ich Coco-Cola, echte amerikanische, ich bilde mir ein, dass sie viel besser schmeckt als deutsche.

Die amerikanischen Kluges ziehen in die Nähe vom Flughafen. Alle 20 Minuten donnert ein Clipper im Tiefflug über das Haus. Dann mieten sie einen Bungalow in Lichtenrade, er wirkt sehr amerikanisch, innen und außen. Sie behalten aber auch die ganze Zeit eine Wohnung in Österreich, in Ach an der Salzach, wo Notburgas Vater nach dem Krieg praktizierte. Viele Einwohner können sich an ihren ehemaligen Arzt, Dr. Baumgartner erinnern. Für die große Notburga wird es ein Stück Heimat gewesen sein, dort auszuspannen. Auch meine Familie macht hier Urlaub, im Sommer 1963. Im Dorfkino sehen wir Dr. No, den ersten Bond-Film. Man muss nur über eine Brücke gehen, dann ist man in Burghausen, Deutschland. In Österreich wird auch der Sohn von Wolfgang und Notburga, Johannes, geboren, am 27.2.1964. Die Eltern legen wert darauf, dass er nicht in Deutschland zur Welt kommt, nie soll er eine deutsche Uniform tragen.

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Die große Notburga mit dem kleinen Johannes

Image Marcus 1965

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Als meine Mutter krank wird und in eine Klinik muss, wohne ich eine Zeitlang in der Villa in Lichtenrade. Die große Notburga kümmert sich sehr freundlich um mich. Ich habe angefangen mir das Kochen beizubringen, Notburga unterstützt mich und zeigt mir exotische Gerichte, die sie auf den vielen Reisen rund um den Globus mit Wolfgang kennen gelernt hat. Suki-Yaki wird mein neues Leibgericht. Wolfgang zeigt mir seine technischen Geräte, wie das Uher-Report-Tonbandgerät und seine Filmkamera. Das Haus ist voll mit süd- und nord-amerikanischer Kultur, Platten, Büchern, Bildern und Kunstgegenständen, ich fühle mich sehr wohl. Die größte Entdeckung ist jedoch der kleine Fernseher in der Küche. Dort kann ich das amerikanische Soldatenprogramm sehen, das nicht nur in Dahlem sondern auch am Flughafen Tempelhof einen kleinen Sender betreibt. Zu einer Zeit, als das deutsche Fernsehen um 17 Uhr beginnt und um 23.30 Uhr endet und in West und Ost gleichermaßen langweilig ist, wird das für mich zu einer Offenbarung. Serien wie Dragnet, Addams Family oder The Outer Limits begeistern mich. Jeden Abend läuft die Tonight Show mit Johnny Carson, der Prototyp der Late Night Show. In Deutschland wird es 30 Jahre dauern, bis das Format adaptiert wird. Carson ist großartig und ich lerne viel über US-Pop-Kultur. Jeden Sonnabend kommt ein Gruselfilm der B-Klasse, meist aus den 50er Jahren. “The cheaper they are the better they are!”, wie es Frank Zappa ausdrücken wird.

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Johannes und die kleine Notburga

In Berlin ist für Wolfgang das obere Ende der Karriere-Leiter erreicht, die Familie zieht in den Taunus, nahe dem Rhein-Main-Flughafen. Hier will Wolfgang seine Vison verwirklichen. Durch 20 Jahre Berufserfahrung im Fluglinien-Geschäft und seine unzähligen Reisen, ist er zum Experten geworden. Jetzt will er seine Expertise in einem weltweiten Linienflug- und Straßenatlas einbringen. Ein gigantisches Projekt, das er fast allein auf die Beine stellt, selbst Illustrationen wie die Concorde zeichnet er eigenhändig. Die Flug- und Straßenkarten ergänzt ein umfangreicher Informationsteil, ein mehrsprachiges Wörterbuch ist auch dabei. Leider hat das Produkt keinen durchschlagenden Erfolg. Vielleicht war er mit seiner Idee auch zu früh, 15 oder 20 Jahre später, in einer globalisierten Welt, hätte er wohl mehr Erfolg mit seinem wegweisenden Projekt gehabt.

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Wolfgangs Atlas

Am 2. Juli 1971 sehe ich ihn zum letzten Mal. Auf unserem Weg nach Paris, besuchen wir ihn und die große Notburga, in der Nähe von Frankfurt. Es ist Nachmittag, er hatte sich hingelegt, Notburga will ihn eigentlich schlafen lassen, aber er besteht darauf, uns Hallo zu sagen. Als er im Morgenmantel die Treppe herabkommt, bin ich bestürzt, er sieht alt aus und müde, sehr müde. Ich habe eine Ahnung, ich werde ihn nicht wiedersehen. Nach einer Stunde verabschieden wir uns, wir noch eine lange Strecke vor uns.

In der folgenden Nacht bin ich zum ersten Mal in Paris. Während ich um 3 Uhr morgens am Boulevard St-Michel sitze, stirbt ein paar Ecken weiter Jim Morrison in seiner Badewanne.

https://marcuskluge.wordpress.com/2013/12/09/familienportrait-marathon-tag-15-paris-zum-ersten-1971/

 

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Notburga, Johannes, Wolfgang, Mitte der 70er Jahre

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Johannes, Marcus, 1977 in Berlin

Nach dem Atlas-Projekt zieht Wolfgangs Familie zurück nach Venezuela. Nur die kleine Notburga ist inzwischen in Deutschland verheiratet und hat einen Sohn, sie bleibt in Europa. In Amerika kann Wolfgang an seine beruflichen Erfolge nicht mehr anknüpfen. In Venezuela ist geschäftlicher Erfolg häufig mit Korruption und Vetternwirtschaft verbunden, aber das liegt dem geradlinigen Wolfgang nicht. Die große Notburga geht wieder arbeiten. Wolfgang geht es gesundheitlich nicht gut. Es rächt sich, dass er sich nie geschont hat und auch nie Sport getrieben hat. Er muss ins Krankenhaus, nimmt es wie Urlaub, scherzt es ginge ihm großartig, nach der Erholung im Spital. Niemand rechnet mit der Katastrophe, die sich nun ereignet. Am 24. April 1979 stirbt Wolfgang Kluge an einem Herzinfarkt, keine 50 Jahre Lebenszeit waren ihm vergönnt. Ingrid erkennt die Warnsignale bei ihrem Vater und fährt ihn nach Caracas in Krankenhaus, doch schon auf der Panamericana, mitten im Verkehr, verlassen ihn die Lebensgeister für immer. Er stirbt in ihren Armen.

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Notburga, die den eigenen Schmerz tragen muss, macht sich große Sorgen um ihre Kinder, besonders Johannes. Wolfgang und er standen sich besonders nah. “Wie zwei verschworene Lausbuben”, seinen sie gewesen, schreibt die Witwe meiner Mutter. Johannes ist 14 einhalb, er frisst den Schmerz in sich hinein, auch Notburga verschließt sich. Sechs Monate später schreibt Notburga meiner Mutter, dass sie wieder zueinander gefunden haben. Aber Johannes hat unter dem Druck der Trauer seine Kindheit aufgeben müssen. Er ist nun vollends erwachsen. Schon länger hatte er den Plan auf die Luftwaffenakademie zu gehen, er will fliegen. Dadurch würde sein Studium nicht die Eltern belasten. Notburga hat Vorbehalte, “Du weißt wie ich den Militarismus hasse.”, schreibt sie. Natürlich ist sie trotzdem einverstanden. Der nunmehr 15jährige will auch in den Schulferien arbeiten gehen, um für die kleine Familie beizutragen, das redet sie ihm aus. Für die Luftwaffe ist er zu groß gewachsen und die Brille stört. Er geht zum Heer, sein Kompaniechef ist ein ehrgeiziger Offizier namens Hugo Chavez. Johannes hält ihn damals schon für ziemlich durchgeknallt. 1992 versucht sich Chavez durch das Militär an die Macht zu putschen. Der Umsturz misslingt, nach zwei Jahren wird er begnadigt. 1998 wird er Präsident, er ist vor allem im Ausland umstritten. 2013 stirbt er an Krebs, noch heute besteht die Regierung aus seinen Weggefährten. Zu denen hätte auch Johannes gehören können, doch dieser erkennt früh den Karrieristen, der mit blankem Populismus Anhänger um sich schart, die einen Personenkult betreiben, der Chavez’ Narzissmus schmeichelt.

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Johannes beim Militär

Es ist merkwürdig und traurig, dass offenbar alle Kluge-Männer zu früh auf ihren Vater verzichten mussten. Bei meinem Vater war das so, bei Wolfgang, bei Johannes und auch bei mir. Nach der Scheidung meiner Eltern, da war ich zwölf, hat sich mein Vater nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet, er hat mir nie geschrieben oder sich sonst um mich gekümmert. Ein paar Mal habe ich ihn besucht, die Initiative ging dabei von mir aus. Aber auch bei diesen Treffen hat er nie gefragt, wie es mir ginge, was ich machte oder wie meine Pläne wären. Sicher sind die Einzelschicksale unterschiedlich und können kaum verglichen werden, aber das Fehlen einer Vaterfigur fühlt sich sehr ähnlich an und es ist ein elementarer Mangel, nicht nur in meiner Familie.

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Notburga bei mir in Berlin, Anfang der 90er

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In Los Castores. Anfang der 90er Jahre

1993. Vier Wochen bleiben wir in Venezuela. Wir wohnen bei Notburga und Johannes in Los Castores, einer bewachten Wohnanlage, wo auch andere Familienmitglieder zu Hause sind. Auch Ingrid, die in der Nähe wohnt, treffe ich hier wieder. Neben Merida in den Anden, lernen wir Prado Largo kennen, dort hat die Familie seit langem Urlaub gemacht. Wir wohnen bei Notburgas Schwester Titti und ihrem Mann Diethard. Klimamäßig komme ich mir vor wie im Dschungel. An die 40° bei hoher Luftfeutigkeit sind nicht so mein Wohlfühlwetter. Danach verbringen wir noch eine Woche auf der Karibikinsel Margarita, mit Seebrise und Baden im Atlantik fühle ich mich dort besser aufgehoben. Wir wohnen in einer Ferienwohnung, die der kleinen Notburga und ihrem Mann gehört. Die beiden haben uns schon beim Abflug auf dem Frankfurter Flughafen verabschiedet.

Um 22 Uhr am 3. Dezember 1993 soll unser Rückflug vom Maiquetia-Flughafen abheben. Nach einer tränenreichen Verabschiedung stellen wir fest, dass unser Flug erhebliche Verspätung hat. Erst morgens um 1.30h können wir die Lufthansa-Maschine besteigen. Wir erfahren, dass die Witwe des Drogenbosses Pablo Escobar mit dem gleichen Clipper aus Frankfurt zurückgeflogen ist, nachdem sie vergeblich in Deutschland um Asyl gebeten hat. Escobar wurde am Vortag von einem Elite-Kommando in Medellin erschossen. Deutsche Geheimdienstler haben die Maschine und das Gepäck stundenlang durchgecheckt, weil sie einen Racheanschlag befüchteten. An Bord zeigt sich die Lufthansa großzügig mit den alkoholischen Getränken, meine 70jährige Mutter, die eigentlich Flugangst hat, schläft bald seelig. Ich kann nicht schlafen. Ich denke über Wolfgang und Notburga nach, über den Krieg und seine Folgen, die für Generationen nachwirken. Ich denke an die Verletzungen, die Schuld, die Vertreibung und das Schweigen, dass in so vielen Familien herrscht und das auch die Kinder stumm macht. Ein Lied kommt mir in den Sinn, ich habe es seit der Kindheit nicht mehr gehört. Notburga hat es mir damals vorgespielt. Pete Seeger hat es geschrieben, Marlene Dietrich hat es in Deutschland bekannt gemacht.

Sag mir wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben
Sag mir wo die Blumen sind
Was ist gescheh’n
Sag mir wo die Blumen sind
Mädchen pflückten sie geschwind
Wann wird man je verstehn
Wann wird man je verstehn

Image Venezuela 1959

Die große Notburga stirbt am 20. Dezember 1995 an einem Lungenemphysem und einer Lungenentzündung. Meine Mutter erliegt am 15. Mai 2005 einem Krebs, der ihre Lunge befallen hatte. Beide haben viel und gern geraucht.

Die “kleine” Notburga lebt heute mit ihrem Mann im Taunus, nachdem sie fast ein Leben lang für Fluglinien wie die venezolanische Viasa gearbeitet hat. Ingrid wohnt in der Nähe von Caracas, genau wie ihr Bruder, Johannes W. Kluge, der am 17. Oktober 2009 geheiratet hat.

Ich danke Johannes für seine Unterstützung, seine Hinweise und sein Gedächtnis, ohne ihn hätte ich diese Geschichte nicht aufschreiben können.

Marcus Kluge

Der erste Teil:

http://wp.me/p3UMZB-17Z

Der zweite Teil:

http://wp.me/p3UMZB-18I

 

Familienportrait – Marcus / Rotkopp, Etika, My Fair Lady und ein anderer Kerl 1954-57

marcuskluge

2013-11-13-17-57-22

 

Eigentlich sollte ich ein Mädchen werden. Mein Vater hatte, im Schützengraben und Kriegsgefangenschaft, so lange in männlicher Gesellschaft verbracht, dass er eine gewisse Abneigung gegen das eigene Geschlecht entwickelte. Schon Willy, der ältere Bruder  von Papa wünschte sich 1930 ein Mädchen, doch es wurde ein Wolfgang daraus. Außerdem hegte Pa die Befürchtung, einen Sohn irgendwann in den Krieg schicken zu müssen, aus diesen Gründen wünschte er sich eine Tochter als erstes eigenes Kind.

Image  Rotkopp in weiß

Diesen Gefallen konnte ich ihm nicht tun. Ich wurde am 18. November 1954 als Junge geboren. Ich hatte dünne weiße Härchen, die kräftig durchblutete Kopfhaut schimmerte durch, so dass die Haare rot wirkten. Mein Vater soll mich lange angeschaut haben, die roten Haare irritierten ihn wohl. Er hatte ja schon meinen sechs Jahre älteren Bruder als eigenes Kind angenommen, obwohl Thomas einen anderen Vater hatte. Aber das ist eine eigene Geschichte. Schließlich…

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Familienportrait Teil 1 – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

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Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

Aus dem Brunnen der Vergangenheit können wir schöpfen, um zu ergründen, woher wir kommen. Konkret waren das in meinem Fall Papiere, meist Urkunden und Briefe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Über die Vorfahren meines Vaters sagen sie nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienstmägde und Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf ja erst seit dem 1. Oktober 1920.

Bild Vier Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

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Mein Großvater väterlicherseits ist schon vor Ende des 2. Weltkriegs gestorben, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1930 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte mit seinem älteren Bruder Ino nach Venezuela aus. Inos Spur verliert sich in den 70er Jahren in Caracas. Wahrscheinlich ist er wie die meisten männlichen Kluges nicht alt geworden. Wolfgangs in den 60ern geborener Sohn Johannes Kluge ist außer mir der einzige noch lebende Kluge. Dieser lebt in Venezuela, erfreulicherweise habe ich durch das “Internet” regelmäßigen Kontakt zu ihm.

Bild Liebenwerda, Sonntagspaziergang

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Mehr weiß ich über die Vorfahren meiner Mutter. Meine Urgroßeltern kamen aus der Gegend von Liebenwerda in Süd-Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Liebenwerda, von liv oder lib und werder kommend, heißt soviel wie Liebes- oder Lebens-Insel. Es wurde 1271 das erste Mal erwähnt und gehörte zeitweise zu Sachsen. Die dicken, sächsischen Ordnungshüter wurden sprichwörtlich und noch zu DDR-Zeiten verspottete man sie, denn da traten sie in Gestalt von Stasi-Mitarbeitern erneut auf. Die “Schand-Armen” nannte sie der Volksmund.

Bild Olle Fuchsen

Überhaupt hat man in Liebenwerda nie reines sächsisch gesprochen, stattdessen gab es ein weiches Brandenburger Platt. Der legendäre “olle Fuchs” legte sich oft mit den sächsischen Schandarmen an und wurde unvergesslich. “He labet ju nich mehr, aber he is noch gornich lange dud.”, erzählten die alten Leute.

1815 kam Liebenwerda zu Preußen, eine Folge des Wiener Kongresses. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, eine Gründerzeit folgte, in zwei Jahren wurden 978 Aktiengesellschaften in Preußen gegründet. Leider ging dieser Aufschwung schon 1873 wieder zuende, die durch einen Börsenkrach ausgelöste 20-jährige “Gründerkrise” folgte.

Die Liebenwerdaer hatten jedoch Glück: “Am 1. Juni 1874 wurde die Oberlausitzer Eisenbahn von Kohlfurt über Liebenwerda bis Falkenberg (später bis Wittenberg) übergeben.” Das brachte der Stadt Aufschwung und hier beginnt nun auch die Geschichte der Familie Schnelle.

Bild Goldene Hochzeit

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Julius Schnelle besteht 1881 die Prüfung zum Schuster-Gesellen. 1887 wird er 23-jährig Meister, im gleichen Jahr heiratet er die fünf Jahre jüngere Anna geb. Hanisch. Julius soll ein fleißiger Mann gewesen sein, neben der Arbeit erzählte er gern Geschichten und betätigte sich auch als Verse-Schmied. Anna wird als sehr soziale, umtriebige Frau geschildert. Sie soll sich Achtung und Liebe unter den Liebenwerdaern erworben habe.

Das Ehepaar hat vier Töchter, eine stirbt im Säuglingsalter, die drei anderen heiraten und leben lang. Martha, die älteste darf im Ort bleiben und heiratet Adolf, Elisabeth und die zuletztgeborene Charlotte müssen in Berlin ihr Glück suchen.

Bild Die Schnelle-Tochter Elisabeth mit Mann Werner und meiner Mutter im Wagen, ca. 1924

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“Seit dem 16. Januar 1925 trägt die Stadt den Titel „Bad“, nachdem das Preußische Staatsministerium am 9. Januar 1925 einer Umbenennung der Stadt mit den Worten „Möge die Stadt unter dem neuen Namen glücklichen und gesegneten Zeiten entgegengehen!“ zustimmte.” (WiKi)

1937 feiern Julius und Anna Schnelle Goldene Hochzeit, ein “seltenes Fest” wie die Zeitung bemerkt. Die “Einsegnung des Jubelpaares geschieht in unserer Kirche im Kreise von Kindern und Enkelkindern. “Beide Ehegatten erfreuen sich bester Gesundheit. Vermerkt sei noch, dass das Ehepaar Schnelle seit 30 Jahren im Hause des Lehrers Otte wohnt. Dies ist gewiss ein schönes Zeichen von Verbundenheit zwischen Hauswirt und Mieter.” Im gleichen Jahr feierte Julius 50-jähriges Meisterjubiläum. 1940 stirbt Anna, Julius überlebt sie nicht lange, zwei Jahre später folgt er ihr.

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1990, nachdem die Grenzen offen waren, habe ich mit meiner Mutter Bad Liebenwerda besucht. Mein verstorbener Freund Andi hat uns mit seinem Taxi gefahren und begleitet. Die Stadt sah post-sozialistisch, nämlich ziemlich heruntergekommen, aus. Es würde mich interessieren noch einmal hinzufahren, um nachzusehen was 23 Jahre Kapitalismus aus dem Badeort gemacht haben. Wenigstens das Bad Liebenwerdaer Wasser ist heute in aller Munde.

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Familienportrait – Siebenbürgen, Curare und erneute Vertreibung / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / Kapitel 2 / 1931-61

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In 3000 Metern Höhe laufe ich nachts bei dichtem Nebel, auf einer Passstraße in den Anden, vor dem Jeep, den mein Cousin Johannes steuert. Es ist 1993 und Johannes ist der einzige noch lebende Kluge, außer mir. Deshalb habe ich ihn in Venezuela besucht und um seine Mutter wiederzusehen, Notburga, die ich 1961 kennenlernte, als sie zu uns nach West-Berlin kam, um bei uns zu wohnen. Heute haben wir uns etwas mit der Zeit verschätzt, Johannes hatte wohl auch vor ein kleines Abenteuer zu erleben, dass es so abenteuerlich wird, hat er nicht erwartet.

Ich weiß nicht wie lange ich vor dem Wagen laufend den Weg erkundschaften musste, es war lange und wir sind kaum vorwärts gekommen. Ich bin jedenfalls froh, als die Sicht minimal besser wird und ich wieder einsteigen kann. Müde sind wir nicht, unsere Nebennieren haben reichlich Stesshormone produziert und ich bitte Johannes mir weiter von seinen Eltern zu erzählen.

Auch Notburga hat einen weiten Weg hinter sich, als sie 1952 Wolfgang trifft. Notburgas Vater, Hans Baumgartner, kam aus Siebenbürgen. Während des Medizin-Studiums in Bonn lernt er seine Frau kennen, sie heiraten 1931. Dann ziehen sie nach Rumänien, dort wird bald danach Notburga geboren. Drei weitere Geschwister folgen bis 1941. Dr. Baumgartner, der hier Janos genannt wird, praktiziert als Bezirksarzt in dem von vielen Kulturen geprägten Landstrich. 1939 wird er als Hauptmann zur rumänischen Kavallerie eingezogen wird. Im Lauf des Krieges werden die Militärärzte mehrfach degradiert, Rumänien kann sich den Sold nicht leisten.

Die letzten Kriegsjahre ist Hans verschollen. Die Restfamilie muss Siebenbürgen verlassen, als die Russen näherrücken. Die Mutter läuft mit den vier Kindern zu Fuß nach Deutschland.

Sie haben viel Glück, sie treffen sich wieder. Eine Weile praktiziert Dr. Baumgartner als Dorfarzt im österreichischen Ach an der Salzach, auch aus dem deutschen Burghausen kommen Patienten. Aber als Staatenlose, nur mit Nansen-Pässen versehen, können sie nicht bleiben.

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Kofferanhänger der Emigranten-Familie

 

Notburgas Eltern entschliessen sich nach Venezuela auszuwandern, dort kann der Doktor seinen Beruf ausüben. Er wird Venezuelas erster Indianerarzt. Dr. Baumgartner lebt eine Zeitlang mit seiner Familie bei den Ureinwohnern Venezuelas in Dschungel. Er wird eine hoch respektierte Persönlichkeit und gehört später zu den wenigen Weißen, dem die Indianer Curare anvertrauen. Das berühmte Pfeilgift lähmt die Muskulatur, der Tod tritt durch Herzstillstand ein. Trotzdem kann man das erjagte Wild bedenkenlos essen, da Curare nur über die Blutbahn giftig ist. In den 50er Jahren wird Dr. Baumgartner Curare an Schering in Berlin verkaufen. Ein willkommener Geldsegen nach den vielen Jahren der materiellen Entbehrung.

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Dr. Baumgartner bei seinen Patienten

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Frau Baumgartner mit Ureinwohnern

 

Notburga heiratet 1950 und bekommt ein Jahr später eine Tochter, die sie auch Notburga nennt. In der Familie haben wir deshalb die Mutter, die “große” und die Tochter die “kleine” Notburga genannt. 1952 wird eine zweite Tochter geboren, Ingrid. Notburga hat als Kind zweimal die Heimat verloren, dann wird sie als Teenager in den Dschungel geschickt. Die frühe Ehe sollte ihr wohl Halt und Sicherheit geben. Das Gegenteil passiert, die Ehe scheitert. Als die große Notburga Wolfgang kennenlernt, verlieben sich die Beiden. Wolfgang gibt Notburga endlich Halt, er übernimmt auch Verantwortung für sie und die Töchter. Bis zu seinen Tode wird Wolfgang für die Familie sorgen.

Sie ziehen zusammen und Wolfgang wird Büroangestellter bei der Pan Am. Nach ein paar Jahren wird Wolfgang sogar regional cargo manager für die Fluglinie, eine bemerkenswerte Karriere für den ehemaligen Kellner und Bauarbeiter. Wolfgang ist ergeizig, er will sich hocharbeiten, er glaubt an den amerikanischen Traum und erreicht auch viel, besonders wenn man bedenkt wie steinig seine Lehrjahre waren. Er ist nicht nur hochintelligent, er hat eine sympathische Ausstrahlung, sodass er fast jedermann in kürzester Zeit von sich einzunehmen weiß. Sein großes Ziel ist es aber, sich irgendwann selbständig zu machen und finanziell unabhängig zu sein.Zunächst ist die Familie zufrieden, es geht aufwärts und ein Ende des Aufstiegs ist nicht abzusehen. Wolfgang ist fleißig, er schont sich nicht und Notburga unterstützt ihn dabei.

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Wolfgang, Notburga, die Töchter und Oma Baumgartner im Urwald

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Wolfgang bei seinem Hobby

 

Nachdem 1958 der Diktator Marcos Pérez Jiménez gestürzt wird, sind Ausländer nicht mehr gern gesehen. Jiménez hat die Immigration gefördert, die Einwanderer sind meist besser gebildet als die Alteingesessenen, es geht ihnen materiell gut, so werden sie zum Ziel des Volkszorns. Die kleine Notburga und Ingrid werden auf dem Schulweg angepöbelt, es ist nicht auszuschließen, dass es noch schlimmer kommt. Also entscheiden Wolfgang und die große Notburga nach Deutschland zu gehen. Leicht fällt ihnen die Entscheidung nicht, Wolfgang wollte eigentlich nicht zurück in das Land, das ihm seine Jugend nahm und für Notburga ist es ein fremdes Land.

1993. Der Nebel lässt endlich nach und wir nähern uns Merida. Als wir ins Ferienhaus zurück kommen, stellen wir fest, dass Notburga während wir auf der nebligen Passstraße unterwegs waren, krank geworden ist. Sie hat hohes Fieber bekommen, offensichtlich hat sie sich sehr um Johannes ihren Sohn und auch mich geängstigt. Nachdem sie viel zu früh ihren Mann Wolfgang verloren hat, macht sie sich nicht nur große Sorgen um Johannes, so etwas wie eine latente posttraumatische Belastungsstörung hat von ihr Besitz ergriffen. Als sie uns heil zurückkehren sieht, geht es ihr langsam besser.

Fortsetzung folgt

 

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