Familienportrait – Oma Elisabeth / Straßenbahnen, Schokoschrippen und Fackeln 1918-33

 

Image   Oma Elisabeth in den frühen 20er Jahren

Am 9. November 1918 rufen Scheidemann und Liebknecht die Republik aus. Meine Oma Elisabeth steht wie alle Deutschen vor einem kompletten Neuanfang. Die Vorkriegswelt, in der jeder wusste, wo sein Platz war und was er erreichen konnte im Leben, existiert plötzlich nicht mehr.

Zum einen ist die Freude groß, der Krieg ist zuende und ein korruptes System von Adel, Beamtentum, Militär, Landjunkern hat sich scheinbar weitgehend aufgelöst. Zum anderen ist Deutschland zerstört und geächtet, es wird wegen der Versailler Verträge lange brauchen, bis seine Bürger es wieder aufgebaut haben werden.

Elisabeth ist trotzdem froh, sie hat Arbeit bei OSRAM, braucht nicht hungern und steht auf eigenen Beinen. Allerdings möchte sie eine Familie gründen. Im Krieg hatte man andere Sorgen, doch jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. 1920 ist sie 25, sie ist selbstbewußt, der Krieg hat sie ein wenig hart gemacht. Also sucht sie einen Mann, der sie nicht dominieren will. Einen derben Kerl, wie es ihn jetzt häufig gibt, der säuft und schlägt will sie nicht, da bliebe sie lieber allein.

Sie hat Glück, sie begegnet Werner. Er ist groß und hat einen schicken Schnurrbart. Sie verlieben sich, aber Elisabeth hält ihn auf Abstand. Es gibt da noch einen Mangel, Werner ist wie so viele arbeitslos. Eine Kollegin bei OSRAM verrät ihr, die BVG sucht Männer.

Am nächsten Morgen weckt sie Werner um vier, lässt kein Pardon gelten und schickt ihn zum Betriebshof Moabit in der Wiebestraße. Heute kann man dort, in der Classic Remise, historische Autos bewundern. Ohne Arbeitsstelle brauche er garnicht wiederzukommen, gibt sie ihm in ihrer resoluten Art auf den Weg.

Image  Elisabeth und Werner

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Käte mit erstem Freund

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Mit Freundinnen und Puppen

Tatsächlich wird er auf Probe angestellt. Er bewährt sich beim Dienst auf der Straßenbahn, kann sich durchsetzen, kein blinder Passagier entgeht ihm, doch er bleibt immer freundlich. So ist er bald Straßenbahnschaffner und wird es 40 Jahre bleiben.

Das Paar findet eine kleine Wohnung in der Stephanstraße, nicht weit vom Depot und am 26.12.1922 wird Käte, meine Mutter geboren. Oma hört auch zu arbeiten, von Werners Lohn können sie leben, natürlich ohne große Sprünge zu machen.

Image  Werner (Mi.) mit Kollegen

Auch Schwester Lotte hat Glück, sie lernt Paul Springer, einen Polizei-Unteroffizier kennen. Paul sieht blendend aus, kommt aus guter Familie und nimmt sie auch ohne Mitgift. Paul hat Lebensart, isst gern und gut, sie machen kleine Reisen. Kinder wollen sie nicht, sie schätzen ihre Unabhängigkeit. Paul fotografiert viel, die Familie, Sehenswürdigkeiten und seine Kollegen vom Revier.

Image   Lotte und Paul vor dem Berliner Dom

Image  Die kleine Käte vorm Weihnachtsbaum

Käte geht nach der Schule gern zu Tante Lotte in die vornehme Tschaikowskistraße nahr dem Deutschen Theater. Sie bekommt Schrippen mir Schokolade, montags mit Schweinebraten vom Sonntag. Tante Lotte betuttelt ihre Nichte gern. Von ihrer Mutter wird die kleine Käte nicht so herzlich behandelt. Ihre Mutter schlägt sie nie, aber Umarmungen und Küsse sind sehr selten.

Manchmal darf Käte ihrem Vater warmes Essen im Henkelmann ins Straßenbahndepot bringen. Das Kind ist beeindruckt von der riesigen Halle mit den spiegelblanken Wagen. Werner ist schmuck in seiner Uniform und er liebt seinen Dienst.

Am 30. Januar 1933 ist Käte 10 Jahre alt. Die Familie sitzt am Abendbrottisch, durch das offene Fenster hört man kehlige Männerstimmen und im Takt marschierende Stiefel. Der schweflige Geruch der Fackeln mischt sich mit dem Testosteron-Dunst der erfolgsberauschten Männer. Die Familie hat kein Radio, aber sie wissen, die Nazis haben die Wahl gewonnen und es wird keine gute Zeit folgen.

Das Kind fragt, wer da draussen singt und grölt? Die Mutter geht zum Fenster, schlägt es zu und zieht die Vorhänge davor. Sie setzt sich wieder und antwortet ärgerlich: “Ess, ess, mein Kind!”

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