Familienportrait – “Osterspaziergang” / Die Legende von Xanadu Kapitel Zwei /  von Marcus Kluge / 1970

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Seit er mit zwölf am Knie operiert wurde, hat Beaky ab und zu Schmerzen und er zieht ein Bein nach. Sein Freund, der “Doktor” genannt wird, bietet ihm regelmäßig ein Schmerzmittel an, aber Beaky will das nicht. Erst als die Schmerzen ihn über eine Woche quälen und er schon Probleme mit dem Treppensteigen bekommt, willigt er endlich ein, das Medikament zu probieren. Immerhin ist es etwas Medizinisches und stammt nicht von der Szene und ist nicht mit werweißwas gestreckt worden. Das Präparat heißt Validol und “Doktor” gibt ihm 20 Tropfen aus der Flasche auf einem Löffel. Nach einer Stunde sind die Schmerzen weg und Beaky fühlt sich pudelwohl. Er muss an seine OP denken, und wie er damals durch den Garten der Klinik gerollt wurde.

Er gewöhnt sich an das Mittel. Der Doktor hat Vorräte davon, es fällt auch nicht unters Betäubungsmittelgesetz, also kann es nicht so gefährlich sein. In gewisser Weise normalisiert sich sein Leben, er kifft weniger und er steht jeden Morgen auf und geht wieder regelmäßig zur Schule. Das Mittel macht ihn irgendwie cool, er hat keine Angst mehr sich zu blamieren oder rot zu werden. Er steht einfach darüber. Selbst seine Noten werden besser. Seine Mutter freut sich.

Seitdem er seine Geschäfte überwiegend zuhause abwickelt, liest er viel. Romane, Reiseberichte und auch Sachliteratur. Er nimmt ein Büchlein zur Hand, das in die Einsteinsche Relativitätstheorie einführt und er liest 50 Seiten am Stück. Zum ersten Mal hat er das Gefühl die Formel des Physikgenies, E=mc2, zu verstehen. Es bereichert ihn, aber es hat etwas von einer Flucht, wie er sich in die Welt der Bücher begibt. Er probiert, auf meine Empfehlung, “Doktor Faustus” von Thomas Mann zu lesen und ist fasziniert von der alten Geschichte über den Pakt mit dem Teufel. Dieser vielleicht deutschesten aller Geschichten vom Gelehrten Faust, der sich an der eigenen Größe berauscht und dafür die Hölle in Kauf nimmt. Danach stürzt er sich in die Lektüre des “Zauberberg”. Der umfangreiche Roman über den jungen Hans Castorp fesselt ihn nachhaltig. Vielleicht identifiziert er sich mit diesem, der statt ein beschwerliches aber wirkliches Leben zu führen, seine Jahre in der bequemen doch irrealen Welt des Davoser Edelsanatoriums “Berghof” zubringt. Beaky beneidet ihn förmlich um dessen Krankheit, die eine unabweisliche Entschuldigung darstellt, sich nicht den Nöten eines Erwachsenenlebens zu stellen.

Eine andere Lektüre, die ihn begeistert ist eine Erzählung der Reisen Marco Polos. Besonders die Schilderungen von Chang-Du, dem eigentlichen Xanadu, verschlingt er geradezu. Wieso Dave Dee & Co das Märchenschloss nach Mexiko verlegt haben, bleibt ihm rätselhaft. Er nimmt den Schulatlas zur Hand und verfolgt Marco Polos Reiseroute. Er ist nie gern verreist, aber Asien muss schon traumhaft sein. Indien würde er gern sehen, aber auch China. Es ist die Zeit, da viele Hippies und Drogenjünger aus Europa und Nordamerika nach Asien aufbrechen, um dort zu leben, zu sterben oder an Erfahrung reicher zurückkehren.

Im Royal Kino im Europa-Center läuft “2001-Odyssee im Weltraum”. Sie schwänzen die letzte Stunde und gehen in die Vorstellung um 13.30 Uhr. 10 Mark kostet die Raucherloge, der Vorteil ist, sie sind allein da. Es wird gekifft und mehrmals holt jemand Langnese-Eistüten. In die lange psychedelische Farbsequenz werden sie förmlich hereingezogen. Anschließend sitzen sie in der Teestube am Ludwigkirchplatz, trinken Jasmintee und diskutieren stundenlang über den Schluss. Sie kommen zu keinem Ergebnis. Jahre später lese ich, Kubrick war sich im klaren darüber, dass der Film keine Antworten gibt, sondern nur Fragen stellt. Ebendas war sein Ziel.

Nicht nur die chemische Unterstützung macht Beaky cool, auch sein kleines Geschäft stärkt sein Selbstbewusstsein. Seine Kunden kommen zu ihm, manche unsicher und ängstlich, andere gutgelaunt und aufgedreht. Aber alle sind sehr freundlich zu ihm, teilweise bis zur Schmeichelei. Sie bitten Beaky um seine Expertise, er doziert über Haschsorten, Herkunftsländer und die verschiedenen Formen des Konsums. Er ist begehrt, wenigstens nimmt er es so wahr. Das es seinen Besuchern letztlich nur um die Drogen geht, kann er leicht verdrängen. Besonders bei den weiblichen Kunden hält er für Flirten, was eigentlich nur die Pflege einer Geschäftsbeziehung ist.

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Zwei Wochen vor Ostern ist der Doktor verschwunden. Schon seit mehreren Tagen hat ihn keiner auf der Szene gesehen. Beaky weiß, der Ältere übernachtet manchmal bei Frauen. Doch normalerweise dauern diese Besuche nicht lange. Ein zwei Tage und Nächte maximal. Die Medizin ist alle und Beaky hat Schmerzen am Knie. Er fühlt sich wie bei einer Grippe, nur ohne Schnupfen und Husten. Die Nachtstunden vergehen nur langsam, ohne Schlaf, so als ob jemand Sand in das große, universale Uhrwerk geschüttet hätte.

Statt in die Schule geht er zum Arzt. Als er nach Validol fragt, wird der alte Hausarzt ungemütlich. Ob er sich nicht im klaren wäre, dass das Teufelszeug sei. Schmerzen müsse man aushalten, zur Not gäbe es rezeptfreie Mittel. Aber starke Schmerzmittel habe der liebe Gott nur für Sonderfälle geschaffen. Bei Krebs und anderen letalen Heimsuchungen, bei sehr alten Menschen und vor allem im Krieg, wenn “tapfere Männer im Stahlbad verwundet werden, sind die Segnungen des Schlafmohns angebracht”. Lediglich eine entzündungshemmende Spritze verabreicht ihm der Mediziner. Der betagte Herr hat studiert, als der Nationalsozialismus die Werte bestimmte und die meisten Deutschen ebenso dachten. In den Hörsälen für Medizin wirkte dieses Denken noch lange nach. “Hart wie Kruppstahl, ein Deutscher kennt keinen Schmerz.” Nach dieser Ideologie sollten wir sein wie Karl Mays “edle”, aber erfundene Indianer.

Beaky probiert es in der Apotheke, auch dort hat er keinen Erfolg. Aber der Apotheker hat wenigstens eine Empfehlung für ihn. Eine teures Mittel, das Grippekranken den Nachtschlaf erleichtern soll, “Mediluna” heißt es. Mit verschwörerischem Zwinkern deutet der Herr im weißen Kittel an, man könne durchaus mehr nehmen, als auf dem Waschzettel stehe. Es ist rezeptfrei und zusammen mit Aspirin bringt es Beaky Erleicherung und der Apotheker bekommt einen neuen Stammkunden. Eine halbe Flasche am Tag braucht es schon.

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Nach einer knappen Woche taucht der verschollene Freund mit der Arzttasche wieder auf. “War ‘ne echte Honeymoon-Phase.” Er hat tolle Neuigkeiten, behauptet er. “Riesig, Alter, riesig. Allet wat dein Herz begehrt.” Er hat bei einer Freundin in der Brandenburgischen Straße gewohnt und dort einen Raubzug ausbaldowert. Vom Hinterhof der Freundin könne man über zwei Mauern zur Hintertür eines Medikamentengroßhandels gelangen. Dort drinnen befände sich eine paradiesische Auswahl an Drogen und Medikamenten. “Das ganze Zeug wartet nur auf moi.”
Beaky ist erstmal skeptisch, es sei doch sicher alles gut verschlossen. Ja, aber da wäre eine Schwachstelle, ein uraltes Gitter. Allerdings bräuchte es einen zweiten Mann, um die ganzen Schätze wegzutragen. Beaky fühlt sich zwar angesprochen, doch er kann sich nicht vorstellen bei einem “Bruch” mitzuwirken.

Der Doktor hat ihm Validol mitgebracht. Beaky geht es schlagartig besser. Er fühlt sich quicklebendig und vergisst ersteinmal die Pläne des Doktors. Aber der lässt nicht locker. Er bearbeitet Beaky immer wieder und irgendwann vernachlässigt Beaky seine Deckung. Nun lässt der Doktor nicht mehr locker bis klar ist, dass sie beim Einbruch Partner sein werden. Beaky braucht noch nicht einmal mit in die Räume kommen. Er soll nur draussen Schmiere stehen und beim Abtransport der Kostbarkeiten helfen. “Das wird der reine Osterspaziergang”, verspricht der Doktor. Beaky fühlt sich als ob er “zwei Seelen in seiner Brust” hätte, eine waghalsige und eine ängstliche. Er traut sich einfach nicht nein zu sagen. In der Nacht träumt er wildes Zeug, von einem schwarzen Hund und einem Kasperle-Spiel, in dem sich Kasperle, der Teufel und ein Gendarm gegenseitig mit Pritschen auf die Köpfe schlagen. Als er erwacht hat er das Gefühl, der Traum will ihm etwas sagen. Aber was? Und dann ist da auch schon Doktor, der bei Bolle Frühstück geklaut hat. Nach dem Frühstück legen sie sich wieder hin und verschlafen den halben Tag. Zwischendurch liest Beaky.

Dann ist es endlich soweit, gegen Mitternacht kommen sie bei Docs Freundin an. Sie tragen dunkle Kleidung und Doktor hat sein Einbruchswerkzeug dabei. Sie beobachten an einem Fenster zum Hof wie langsam überall die Lichter verlöschen. Die braven Bürger gehen schlafen.
Kurz nach zwei beschließt der Doktor nun wäre es optimal. Sie schleichen, ohne Licht zu machen, die Treppe herunter. Sie haben Schlüssel für die Hintertür und sind bald im Hof. Die erste Mauer ist gut zu überwinden, doch die zweite stellt ein Problem dar. Sie benutzen eine der runden, blechernen Mülltonnen als Stufe. Beaky hält die Tonne fest, während Doktor auf die Mauer klettert. Dann ist Beaky an der Reihe, als er sich abstösst kippt die Tonne, die nun keinen Halt mehr hat um. Ein unglaublich lautes Scheppern erfüllt die Nacht.

Die beiden springen in den nächsten Hof, dem Hof hinter dem Arzneigroßhandel. Sie verstecken sich im Schatten der Mauer. Irgendwo geht ein Licht an. Sie hören wie ein Fenster geöffnet wird, eine Männerstimme. Ist es bayrisch, was der Mann dort flucht? Egal, sie warten bis sich alles um sie wieder beruhigt hat. Sie warten lange, sehr lange. Beaky fragt flüsternd, ob es nicht besser wäre, die Aktion abzublasen? Aber der Doktor ist nicht aufzuhalten so kurz vor dem Ziel.

Also beginnt Doktor das alte Gitter am Hintereingang des Medikamentenlagers aufzubiegen, es gelingt ihm scheinbar mühelos, Beaky ist beeinduckt. Dann setzt der Ältere einen Sauger auf das milchige Fensterglas und schneidet mit einem Glasschneider ein Loch, gerade groß genug um hindurch zu greifen und das Fenster zu öffnen. Der Doc zwängt sich durch die Gitterstäbe und lässt sich dann in den Raum unter ihm fallen. Gleich darauf hört Beaky einen Schmerzensschrei. Flüsternd verständigen sie sich. Der Doktor hat sich den Knöchel verstaucht oder so etwas. Er beisst die Zähne zusammen und erkundet das Lager. Er kann sich nur auf einem Bein hüpfend vorwärts bewegen. Er rafft einige Psychopharmaka und Aufputschmittel zusammen und wirft die Tasche nach draussen. Betäubungsmittel findet er nicht, wahrscheinlich sind diese in einem verschlossenen Schrank. Er sucht weiter. Wieso dauert das solange?

Draussen im Hof hört Beaky eine Polizeisirene. Erst in weiter Entfernung, dann kommt sie immer näher. Er verständigt den Doc, der zischt zurück: “Mach die Fliege, Beaky. Jetzt, sofort.” Beaky tritt ratlos von einem Fuß auf den anderen. Er muss sich entscheiden. Er beschließt den Rat zu befolgen. Er hechtet mit ungeahnter Kraft auf die Mauer und in dem Moment, als er sich in den Hinterhof unter sich fallen lassen will, geht dort das Licht an. Zwei Polizisten betreten die Szene, gefolgt von einem dicken Mann mit einem schwarzen, frisch getrimmten Pudel, der unablässig bellt. In unverkennbar bayrischem Dialekt hört Beaky die Worte: “Ah geh, Teifi. Aus, aus sag i!”

Fortsetzung folgt

Im nächsten Kapitel treffe ich Beaky nach drei Jahren wieder und bin bestürzt über seine Veränderung. In der Episode besuchen wir ein Kino am Lehniner Platz und den Athener Grill, legendäre Orte der Berliner Mauerjahre. Der dritte Abschnitt hat den Titel “Uhrwerk”.

Illustration: Rainer Jacob

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

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