Familienportrait – “Cold Turkey” / Die Legende von Xanadu Kapitel Acht / 1973 / von Marcus Kluge

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Fast zwei Tage ist es gut gegangen, schlimme Entzugserscheinungen hat er nicht bekommen. Er hat das Mittel genommen das Philippus ihm verschrieben hat. Propanolol ist eigentlich gegen Bluthochdruck, aber es hilft auch gegen Angst und Missstimmung. Gut, die Knochen taten etwas weh, besonders das Knie, doch das kannte er. Die Nase lief, aber das war nicht schlimmer als ein kleiner Schnupfen. Am frühen Abend hat er noch das unangenehme Gespräch mit seiner Mutter geführt, sie weiß nun über Hanna und das Heroin-Problem Bescheid. Seine Vermutungen über Puvogel wollte er für sich behalten, um sie nicht weiter zu beunruhigen, aber als er dann vor ihr saß, hat er es doch erzählt. Er kann nur schwer Geheimnisse vor ihr haben. Ist er deshalb ein Muttersöhnchen? Immerhin, es hat sie beruhigt, dass er zu einem Arzt geht und beim Entzug steht sie ihm bei, sagt sie. Danach haben sie zusammen einen Film im Fernsehen gesehen, “Die Verdammten” von Joseph Losey. Der Film war gruselig, radioaktive verseuchte Kinder werden in einem Bunker gefangen gehalten, sie werden durch unzählige Überwachungskameras beobachtet. Die Kinder haben weiß leuchtende Augen und übernatürliche Fähigkeiten. Als er ins Bett geht verfolgen ihn diese Augen. Er wälzt sich hin und her, an Schlaf ist nicht zu denken, nun tut sein ganzer Körper weh. Alles zieht und spannt, er findet einfach keine bequeme Position. Abwechselnd wird ihm heiß und kalt.

“Cold Turkey” nennen sie diesen Zustand, wegen der Gänsehaut die man bekommt, hat ihm der “Doktor” sein Junkiefreund erklärt. “Affe” sagen sie auch für Entzug, ein unberechenbares Tier sitzt einem auf der Schulter und drängelt wieder die Droge zu nehmen. Er geht in die Küche um Tee zu kochen, am Gasherd brennt schon eine Kochstelle. War er eben schon mal hier und hat es vergessen? Nun hilft auch das Medikament nicht mehr, er hat Angst. Etwas Furchtbares wird passieren, er ist sich sicher. Ins Bett zurück will er nicht. Es ist halb zwei, er beschließt sich anzuziehen, er muss einfach raus. Er steckt schnell noch einen 20-Markschein ein, wieso eigentlich?

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Ohne jeden Plan geht er los, vom Bundesplatz läuft er die Bundesallee hoch in Richtung City. Er kommt an der Sparkassenzentrale vorbei, wo ein Wachmann vor drei Monitoren sitzt, auf denen geschlossene Türen zusehen sind. Ob hinter den Türen Kinder mit leuchtenden Augen gefangen gehalten werden? Irgendwann werden auch auf den Strassen Kameras angebracht werden und Uniformierte werden alles beobachten, wie in “1984”. Noch elf Jahre bis dahin, ob der Roman Wirklichkeit wird, überlegt er? Hoffentlich nicht, aber etwas in der Art erwartet er schon. Jetzt hat er das Gefühl, an den Fenstern stehen gruselige Kinder und beobachten ihn. Er geht schneller, wird er jetzt paranoid?
Er überquert die Güntzelstraße, vorbei am ADAC-Haus. Gleich kommt eine Disco, es soll ein verranzter Laden sein, wo Drogen gehandelt werden, “Baustelle” heißt er wohl. Durch den Eingang hört er Musik, “Eight Miles High” von den Byrds. Er geht rein, der große Raum ist fast leer, zur Deko gehören Baugerüste, auf eine Leinwand werden alte Tom und Jerry Filme projeziert und auf der Tanzfläche schaffen sich drei zugedröhnte Gestalten. Beaky setzt sich an die Theke, bestellt eine Cola, die ihm “aufs Haus” vom rockermäßig aussehenden Barkeeper zugeschoben wird. Es ist die 15 Minuten-Fassung vom Byrds-Album “Untitled”. Roger McGuinn versucht auf der zwölfsaitigen Rickenbacker John Coltranes Saxofonspiel nachzuahmen. Normalerweise würde ihn die Musik begeistern, aber ihm ist nur elend. Beaky sieht sich um und ist sicher, obwohl der Laden fast leer ist, würde er hier Heroin oder was gegen den Entzug bekommen. Der Barkeeper zwinkert ihm zu, als ob der seine Gedanken lesen könnte. Der DJ legte jetzt “Cold Turkey” von John Lennon auf. Beaky kommt sich ertappt vor. Als ob der DJ wüsste, dass Beaky auf Entzug ist.

“My body is aching, goose-pimple bone, thirty-six hours, rolling in pain.”

Er kann die Spannung nicht mehr aushalten und verlässt fluchtartig den Laden. Vielleicht war das sowas wie ein Omen, das ihm helfen soll standhaft zu bleiben. Beaky läuft weiter durch die Nacht und findet sich in der Düsseldorfer Straße wieder, wo Hanna wohnt. Wenn er noch drei Tage durchhielte, hätte er das Schlimmste überstanden und wenn er dann clean zu Hanna kommen würde, mit Geschenken, dann würde sie ihn zurücknehmen, oder? Doch, die Chance war da und er würde sie nutzen, auch wenn sein Plan gefährlich war.

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Solange er läuft sind die Schmerzen auszuhalten, er macht einen weiten Bogen, kommt über den Olivaer Platz zum Kudamm und läuft diesen hoch in Richtung Halensee. Auch hier ist alles ruhig, nur ein paar Bars haben noch offen und der Athenergrill natürlich, der hat ja immer auf. Dieses West-Berlin ist ganz schön provinziell denkt Beaky. Er kommt am ehemaligen “Park” vorbei, wo wohl die 2000 Watt Dynakord-Gigant Anlage hingekommen ist? Links lässt er den Club Eins liegen, nein, er würde standhaft bleiben. Über die Brandenburgische Straße erreicht er die Blissestraße, jetzt hat er Bettschwere und will noch einmal versuchen zu schlafen.
Als er auf Zehenspitzen den dunklen Flur zu seinem Zimmer durchquert, stolpert er über die Reisetasche. Er kann sich noch fangen. Er nimmt die Tasche mit ins Zimmer und öffnet sie. Sie ist randvoll mit Büchern, Puvogels Doubletten! Obenauf liegt ein schmales Bändchen: “Kubla Khan and other Poems by Samuel Taylor Coleridge”. Da war doch was mit Xanadu. Ja, er liest fasziniert das berühmte Gedicht über Kublai Khans legendäres Prunkschloss. Er versteht nicht alles, aber er nimmt sich vor in die Bibliothek zu gehen, um Wörter, die er nicht kennt, nachzuschlagen.

“In Xanadu did Kubla Khan
A stately pleasure-dome decree:
Where Alph, the sacred river, ran
Through caverns measureless to man
Down to a sunless sea.”

Gegen zehn Uhr wird er wach, er fühlt sich zerschlagen. Es ist der dritte Tag, der schlimmste der Entzugstage. Er hat Kopf- und Gliederschmerzen, die Nase läuft, ihm ist kalt. Er zweifelt, ob er durchhält. Mit sehr viel Disziplin befiehlt er sich aufzustehen, er wäscht sich, putzt die Zähne und kocht Kaffee. Fast geht es über seine Kräfte. Da fällt ihm siedendheiss ein, um elf Uhr ist Gruppe beim Professor. 15 Minuten später sitzt er im Taxi: “Uhlandstraße Ecke Lietzenburger, bitte.” Der Taxifahrer mault: “Ne noch kürzere Strecke ha’m se nich’?” Beaky ignoriert den Mann und sieht aus dem Fenster, bis sich der Chauffeur endlich in sein Schicksal fügt.
Als Beaky das Wartezimmer betritt, sitzen bereits ein Dutzend Mitpatienten auf den Sitzgelegenheiten, die nun im Kreis aufgestellt sind. Prof. Philippus betritt den Raum und Beaky versucht ihn anzusprechen, aber Philippus weist ihn ab, allerdings mit einem freundlichen “nach der Gruppe”.
Eine Stunde ist Beaky seinen Entzugserscheinungen ausgeliefert. Die Leiden seiner Mitpatienten können ihn nicht ablenken. Er schwitzt, rutscht auf den Thonetstuhl hin und her um die Schmerzen zu lindern, er hört sein Herz pochen und er träumt von einer Zigarette. Einzig Susanna hört er aufmerksam zu, wie sie sich über seinen Freund, den falschen Doktor, beschwert. Er wäre ein absoluter Egoist und seine Freundlichkeit falsch. Wieso sie mit ihm zusammen ist, fragt der Psychiater. Sie liebe ihn, bekennt Susanna. Beaky erfährt auch, dass Su Geld als Striptease-Tänzerin verdient, obwohl sie mal Kunstgeschichte studiert hat. Dann hat sie in Budapest in einer Bar gejobbt und da ist sie “entdeckt” worden. Aber weil sie für den Geheimdienst arbeiten sollte, ist sie über Jugoslawien in den Westen gekommen. Dann soll Beaky sich vorstellen, er glaubt völligen Schwachsinn von sich zu geben, als er über seinen Liebeskummer und sein Suchtproblem spricht. Doch die anderen hören ihm aufmerksam zu, nicken und nehmen ihn ernst.
Nach der Sitzung legt Professor Philippus Beaky einen Arm auf die Schulter, mit dieser freundschaftlichen Geste zieht er den jungen Mann in sein Sprechzimmer. “Was kann ich für sie tun, Beaky?” Der Arzt schaut seinen Patienten aufmerksam an und wartet bis dieser sich gesammelt hat.
“Der Entzug ist schlimm, ich möchte sie um ein Rezept bitten, Validol oder sowas, bitte.”
“Lieber Beaky, natürlich kann ich ihnen ein Rezept geben, gar kein Problem. Nur weiß ich nicht, ob ich ihnen damit einen Gefallen tun würde. Das Schlimmste haben sie doch schon überstanden, wenn sie jetzt durchhalten wird das auf ihre, Hanna heißt sie, ja, … eine große Wirkung haben. Wenn wir nun mit einem Opioid substituierten, würden sie das später immer als Niederlage werten. Verstehen sie?”
Beaky verstand, er verstand erstaunlich schnell und er musste sich der Logik des Arztes anschließen, oder vielleicht schämte er sich zu sehr für seine Sucht, um zu protestieren: “Ja, gut. Ich halte durch.”
Philippus klopfte ihn auf die Schulter und verabschiedete sich leutselig: ” Wir sehen uns, junger Mann.”

Es ist später Nachmittag und eine immer noch wärmende Sonne taucht die Schlüterstraße in ein flirrendes Licht, als ein offener, weißer Rolls-Royce vor Puvogels Galerie parkt. Der Chauffeur, ein kleiner Mann mit einer Livrée und Schirmmütze, springt aus dem Wagen um ,mit einer tiefen Verbeugung, seinem Fahrgast den Schlag zu öffnen. Aus dem Rolls steigt eine blonde Dame im Chanel-Kostüm, mit perfektem Make-Up und dem Lächeln einer Film-Diva. Sie hat einen kleinen, flachen Hut auf, wie ihn Bob Dylan in einem Song beschreibt, ein Pill-Box-Hut. Nur ist der Hut blau und nicht aus Leopardenfell wie im Lied. Nachdem Beaky seine Überraschung über den fantastischen Wagen und den perfekten Aufzug der beiden verarbeitet hat, fragt er sich nun mit Hochspannung, wie Puvogel die Szene aufnehmen wird.
Puvogel, wie immer in Anzug und Krawatte, streicht sich einmal über sein schmales Schnurbärtchen, wobei sein Lächeln dem eines Haifischs gleicht, als er die Nobelkarosse mit dem schicken, weiblichen Fahrgast erspäht. Dann eilt er zur Ladentür, um die Dame mit einem formvollendeten Handkuss zu begrüßen.
“Von Puvogel ist mein Name, ich freue mich sie in meiner Galerie begrüßen zu dürfen, gnädige Frau.” Inzwischen hat er die Blondine in den Laden geführt und ihr einen Stuhl angeboten, doch sie bleibt lieber stehen. Der Chauffeur ist draußen geblieben und wartet in Habacht-Stellung neben dem Luxusgefährt. Obwohl er eher untersetzt ist, geht von ihm eine gewisse Gefährlichkeit aus, er könnte auch ein Body-Guard sein.
“Meiner Name ist Hrabina, also, Gräfin Elzbieta von Rogacki, sie haben bähstimmt von mir gehört. Sie dürfen mich nennen Gräfin”
“Natürlich, wer hätte nicht von ihnen gehört, ich stehe ganz zu ihren Diensten, gnädige Frau Gräfin”, Puvogel hat noch nie von ihr gehört, aber er lässt sich seine Unkenntnis nicht anmerken. Seinem Assistenten Beaky raunt der Galerist zu: “Champagner für die Dame.”
Beaky ist enttäuscht ins Hinterzimmer zu müssen, um eine der Pikkolo-Flaschen aus dem Eisschrank zu holen, die Puvogel für besondere Kunden bereithält. Aber er versucht dem Gespräch durch die offene Tür zu folgen. Die Gräfin schmeichelt Puvogel wegen seiner Jugendstil und Art Deco-Kenntnisse, er wäre ihr empfohlen worden. Der Mann mit dem Clark-Gable-Bärtchen ist seinem Gast nun schon fast verfallen, für Schmeichelei ist er immer empfänglich. Auch als die Gräfin von Rogacki, sie spricht den Namen korrekt, Rogatzki aus und nicht wie die Berliner Rogakki, von einer Notlage erzählt, schöpft er keinen Verdacht.
Als Beaky mit dem Tablett zurückkommt und erst der Gräfin und anschließend seinem Chef Sekt in flachen Schalen serviert, sind die beiden bereits bei den Details eines weiteren Treffens, sie werden sich am Abend noch einmal sehen. “Ich würde sehr gern ihren Schmuck schätzen und selbstverständlich auch ankaufen, mit dem Preis einigen wir uns bestimmt. Ich habe doch kein Interesse, sie zu übervorteilen, Frau Gräfin von Rogacki. Das wäre Gift für mein Renommee.” Puvogel verschweigt das sein Renommee keineswegs günstig ist, er hat schon Kunden übers Ohr gehauen und in der Branche weiß man das. Sie trinken nun auf ein gutes Gelingen ihres Geschäfts, wobei beide gänzlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben.
Fünf Minuten später ist der Mummenschanz vorbei und Beaky fragt sich, ob er die Szene, die sich eben abspielte wirklich erlebt hat, oder ob er er einer Halluzination erlegen war. Doch, es war passiert, Beaky ist seinem Ziel ein Stück näher gekommen, nachdem er den Entzug überwunden hat, hat nun der erste Akt seines Plan erstklassig funktioniert. Allerdings denkt er auch an die Gefahr. Wenn es schiefgeht könnte er wieder im Knast landen, aber andererseits, ein Leben ohne Hanna wäre auch wie ein lebenslanger Knast. Das waren seine Gedanken.

Wird fortgesetzt

Die Illustration hat erneut Rainer Jacob mit spitzem Bleistift kunstvoll zu Papier gebracht.

In der nächsten Folge versucht Beaky Hanna zurück zu gewinnen. Außerdem ist ein tragischer Unfall zu beklagen, was für Beaky unangenehme Folgen hat. Das neunte Kapitel trägt den Titel “Pièce de Résistance” und ist bereits erschienen:

https://marcuskluge.wordpress.com/2014/06/15/familienportrait-piece-de-resistance-die-legende-von-xanadu-kapitel-neun-1973-von-marcus-kluge-2/

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich Namen und Details verändert.

Die Geschichte des Songs “Cold Turkey” von John Lennon:
http://de.wikipedia.org/wiki/Cold_Turkey_%28Lied%29

“Eight Miles High” von The Byrds:
http://de.wikipedia.org/wiki/Eight_Miles_High

 

 

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