Berlinische Leben – “Stoffwechsel” / von H.P. Daniels / Momentaufnahme aus dem West-Berlin der frühen 70er Jahre

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Vorwort:

Anfang der 70er Jahre soll West-Berlin die Welthauptstadt des Heroins gewesen sein. Wahrscheinlich beruht diese Einschätzung auf dem ungeheuren Erfolg des Kolportage-Romans „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. In Wirklichkeit war die Szene der harten Drogen recht begrenzt. Sehr viel größer war die Kifferszene. Ich behaupte mal, es lebte damals eine Generation, in der es mehr Kiffer als Nichtkiffer gab. Schüler, Studenten, Lehrlinge, doch auch Rechtsanwälte, Ärzte und Antiquitätenhändler frönten dem Cannabis-Genuss. Ganz besonders Antiquitätenhändler.

Der „Shit“ war nicht teuer und das Geschäft hatte noch nichts mit Waffen und Gangs zu tun. Es war eine skurrile Szene, die sich abends in Teestuben, Cafés und Discos traf. Seltsamerweise ist über dieses West-Berliner Phänomen kaum geschrieben worden. Als ich mich mit dem Schriftsteller und Musikjournalisten H.P. Daniels darüber unterhielt, holte dieser das Manuskript einer Kurzgeschichte aus der Schublade. Sie sei „nichts zum Veröffentlichen,“ aber ich durfte sie lesen. Meiner Meinung nach, war sie sie für die Schublade zu schade. Und weiter fand ich, dass sie stilistisch und thematisch besonders gut in mein Blog passen würde, auch wenn H.P. Sie für eine Art „Jugendsünde“ zu halten schien. Ich begann H.P. zu überreden und schließlich stimmte er zu. Mein Freund Rainer Jacob hat dann noch den Text mit zwei Bleistiftzeichnungen illustriert. Ich freute mich H.P. Daniels als ersten Gastautor begrüßen zu dürfen und wünsche nun erneut gute Unterhaltung mit „Stoffwechsel“, der Momentaufnahme einer Gruppe dilettantischer Dealer auf ihrer ersten Schmuggeltour. M.K.

 

STOFFWECHSEL

 

Es fängt damit an, dass Daniel einen Rundfunkmoderator kennt, den Bernd auch kennt.
– Klar, kenne ich den: Peter König. King haben sie ihn genannt. Kann schon sein, dass der inzwischen ein ganz netter Typ ist, aber damals konnte ich ihn nicht leiden. Ist ja auch schon mindestens zwanzig Jahre her inzwischen. König war Diskjockey im GLOBE, am Kudamm. Er hat Platten aufgelegt. Und nebenbei gedealt. Oder er hat gedealt. Und nebenbei Platten aufgelegt. Je nachdem, wie man es betrachtet. So genau konnte man das nicht trennen. Das gehörte irgendwie zusammen bei dem: Plattenauflegen und Dealen. Dealen und Platten auflegen. King war sowas wie ein Großhändler, Verteiler. Er hat alle kleinen Dealer von Berlin beliefert. Hundertgrammweise. Heck haben wir dazu gesagt, weil ein Heck sich heckt: es vermehrt sich. Du verkaufst das Meiste, rauchst den Rest und du hast genug Geld, um wieder ein Heck zu kaufen.

 

Irgendwann war uns das zu blöde mit Peter König, mit seiner Monopolstellung. Dass der als Einziger in Berlin den Markt beherrschte, dass er die Preise bestimmte. Mit ein paar Kumpels haben wir unsere ganze Knete zusammengeschmissen, ein paar Klamotten verkauft, Schallplatten und sowas, und noch ein bißchen was gepumpt. Dann sind wir los. Amsterdam. Zu viert in meinem alten Hundertachtziger Daimler. Dschingis war auch mit. Der hat so Ledersachen gemacht: Gürtel, Taschen, Hüte, sowas. Er wollte Leder kaufen in Amsterdam. Das war dort auch günstig

Die ganze Nacht durchgefahren, am Morgen waren wir da. Amsterdam. Eine Kamikaze-Aktion. Dschingis wusste, wo er hingehen musste, wo er sein Zeug bekommt, alle möglichen Sorten von Leder. Er hatte eine Adresse und wir hatten keine Ahnung. Wo wir einkaufen könnten. Etwas ratlos blöde haben wir rumgestanden. Mitten in Amsterdam. Schwer übermüdet nach dem ganzen Weg von Berlin. Und wir haben beschlossen, wenn wir bis abends nichts gefunden haben, hauen wir wieder ab.

 

Irgendwann, mitten im Tag, mitten in der Stadt, kam ein Typ auf uns zu, so mit PSST, PSST, und wollt ihr was kaufen?

– Kommt drauf an, was du hast!
Er zeigte uns ein lächerliches Piece, so ein mickriges Zwanzig-Mark-Krümelchen.

– Eigentlich hatten wir an eine größere Menge gedacht, haben wir ihm gesagt. Und ob er vielleicht einen Tipp für uns hätte?
– Wieviel?
– Na, so drei, vier Kilo.

 Er zuckte. Gleichzeitig mit den Augen und den Mundwinkeln:
– Ihr wollt wirklich drei bis vier Kilo? Und ihr seid euch da auch ganz sicher?

 – Natürlich, es kommt drauf an, was du uns bieten kannst. In punkto Preis und Qualität.
In Ordnung. In zwei Stunden sollten wir wieder zur selben Stelle kommen.

 Und wir haben das gemacht, wir hatten eh keine andere Wahl.

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Der Typ führte uns in eine Wohnung. Sehr schnieke alles. Nicht so eine Höhle, wie man das sonst so kannte. Nein, sehr edel alles, luxuriös eingerichtet. Ledersofa, Glastisch, teuere Stereoanlage. Tausende von Platten. Und überall an den Wänden riesige Posters: Keith Richards, Plakate von Stones-Konzerten. Jimi Hendrix. Doors. Sauber aufgehängt, sehr stilvoll, unter Glas. In edlen, poliert silbrigen Rahmen. Doch, der Typ hatte Geschmack. Und das nötige Kleingeld. Rik war eine eindrucksvolle Erscheinung. Mit einer schwarzen Lederhose, weißer Seidenbluse mit weiten Ärmeln. Und jede Menge Indianerschmuck. Silberne Ringe und Armreifen mit dicken Türkisen. Mit seinen dunklen, lockigen Haaren hatte Rik eine frappierende Ähnlichkeit mit Jim Morrison.

Im Angebot hatte er schwarzen, knetbaren Paki und Kaschmir. Wir durften probieren. Erstklassiges Zeug. Kein großes Gerede, schnell wurden wir uns einig. Der Preis war okay, wir zahlten in bar.

Da standen wir nun mit unseren Kilos. Unser Geld hatte für vier Kilos gereicht. Nicht ganz, aber Rik hatte uns großzügig etwas Rabatt gewährt.

Da standen wir nun mit vier Kilo besten schwarzen pakistanischen Haschischs. Mitten in Amsterdam.

 

Der Vermittler war immer noch dabei. Ganz netter Kerl eigentlich.

 – Und? fragte er. Wie kriegt ihr das Zeug jetzt rüber, über die Grenze? Wussten wir nicht.

– Okay, sagte er, ich zeig euch eine Stelle, wo ihr zu Fuß rüber könnt. Für fünfzig Mark zeig ich euch den Weg.

Zu zweit sind wir los mit dem. Die anderen beiden sind im Auto gefahren. Sie wollten uns auf der anderen Seite aufsammeln. Mit dem Typen sind wir in der Bahn zu irgendeinem Kaff gefahren. Dann hat er uns zu einem Waldstück geführt.

– Hier müsst ihr einfach immer geradeaus gehen. Einfach nur geradeaus. Irgendwann seid ihr über die Grenze. Und wenn ihr eine gelbe Telefonzelle seht, seid ihr in Deutschland.

Wir gingen geradeaus in den Wald, wie er es uns gesagt hatte. Aber irgendwie müssen wir uns verlaufen haben. Stundenlang latschten wir durch diesen gottverdammten Wald. Ich hatte das blöde Gefühl, dass wir ständig im Kreis herumliefen. Inzwischen war es dunkel geworden, und wir haben völlig die Orientierung verloren. Und diese verdammten vier Kilo Shit dabei. Uns wurde immer mulmiger, weil wir nicht wussten, wo die Grenze war. Und wo wir waren. Und weil uns jederzeit Zollbeamte über den Weg laufen könnten. Oder Polizei. Dann wären wir am Arsch gewesen. Aber es blieb ruhig.

 

 

Endlich sahen wir die Telefonzelle. Sie kam uns vor wie ein Leuchtturm für ein Schiff, das den Kurs verloren hatte. Geschafft. Wir hatten es geschafft. Wir waren drüben. In Deutschland mit vier Kilo Haschisch.

– Hey, wir dachten schon, ihr kommt überhaupt nicht mehr, wir dachten, sie haben euch geschnappt. Was war denn los, Mann?

Dschingis erzählt, dass sie mit dem Auto am regulären Grenzübergang einfach durchgefahren sind:

– War kein Grenzer da. Nicht einer. Wir sind durchgefahren, einfach durch. Und mussten noch nicht mal die Pässe zeigen. Keine Kontrolle. Nichts. Ganz easy. Und Ihr. Wo wart ihr denn so lang?

 

In Berlin haben wir die vier Kilo relativ schnell unters Volk gebracht. Haschisch fürs Volk. Hat nicht Karl Marx mal so was gesagt? Wir haben das Zeug fünfzig Pfennig billiger verkauft pro Gramm als Peter König. Unser Programm, hahaha. Da war der King stinkig, weil wir ihm das Geschäft vermasselt haben, und sein Monopol baden ging. Aber er konnte nichts machen.

Das Geschäft lief so gut, dass wir weitermachten, die Sache wiederholten, und wir unsere Beziehungen ausweiteten. Wir fuhren regelmäßig nach Amsterdam, kauften ein bei Rik, gewannen Routine beim Grenzübertritt, wurden professionelle Schmuggler, versorgten die Freaks in Berlin. War ja alles noch nett und harmlos zu der Zeit. Keine Mafia, keine Gewalt, keine Waffen, keine Drohungen. Das kam erst später.

 

Ende

 

Mehr von H.P. Daniels findet Ihr auf seiner Facebook Seite:

https://www.facebook.com/profile.php?id=100000086822391&fref=ts

 

Demnächst erscheinen hier zwei weitere Texte von H.P. Daniels. Zunächst ein Reblog von “Hauptsache Berlin” aus der Reihe “Berlinische Räume” und danach eine Fortsetzung davon als Erstveröffentlichung.


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