Familienportrait – “Downtown” / Die Legende von Xanadu Kapitel Sieben / von Marcus Kluge / 1973

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Sein Knie tat weh, schon den ganzen Morgen, so als ob es auf seine desolate innere Verfassung reagieren würde. Vielleicht war das ja so. War das nicht die Bedeutung von “psychosomatisch”, wie ihm sein Freund, der falsche “Doktor” mal erklärt hatte. Beaky betrat das Wartezimmer, es war fast leer, und er setzte sich auf den nächsten freien Stuhl. Er war froh, dass ein “richtiger” Arzt so schnell Zeit für ihn hatte, er hatte gehofft, es würde ihm sofort besser gehen, mit der Aussicht seine schwierige Lage mit einem echten Mediziner besprechen zu können. Aber im Gegenteil, alle seine Probleme, Ängste und Ungewissheiten stürzten nun geballt auf ihn ein. Sein Hals war wie zugeschnürt, während eine bittere Übelkeit aus seinem Magen nach oben stieg. Sein Liebeskummer, die Heroinsucht, der Brief seiner Mutter und die bange Frage, was eigentlich genau passiert war während seines Black-Outs, als er sich in Puvogels Gewalt befand. All das zerrte nun seine Gedanken in im Kreise laufende Gedankenketten. Sein kleines Schicksals-Schifflein schien auf dem Ozean des Lebens Brechern ausgeliefert zu sein, für das es nicht gebaut worden war. Lange saß er so da, grübelte er und knabberte an seinen Fingernägeln.

Es kam ihm wie Stunden vor, sein Warten, und langsam beruhigte er sich ein wenig und begann zum ersten Mal den Raum, in dem er saß, wahrzunehmen. Es war gar kein richtiges Wartezimmer. In diesem Zimmer erinnerte nichts an gewöhnliche Orte dieser Art. Ein wahres Sammelsurium von gemütlichen alten Sofas, Sesseln und schlichten Thonetstühlen boten eine reiche Auswahl an Sitzgelegenheiten. Statt Illustrierten lagen Geduldsspiele, kleine Bälle, Stifte und Papier herum. Aber das ungewöhlichste sah er erst, als er sich umdrehte. Hinter ihm war eine Glasscheibe, durch die man direkt in das Behandlungszimmer blicken konnte. Ebenfalls erst jetzt fiel ihm auf, wenn man sich darauf konzentrierte, konnte man über zwei kleine Lautsprecher hören, was im Arztzimmer gesprochen wurde.
Beaky fiel der Begriff “ärztliche Schweigepflicht” ein. Gab es nicht sowas? Durfte das der Arzt überhaupt und war es nicht total peinlich, vor anderen Patienten seine Probleme zu schildern? Im Behandlungsraum sah man Professor Philippus hinter einem kleinen antiken Schreibtisch sitzen. Er war dick, nicht so wie Puvogel, der ein Bäuchlein hatte und sonst fast normal aussah, nein, Philippus war fett, überall. Selbst seine Hände, sein Hals und sogar seine Ohren wirkten adipös. Ihm gegenüber saß eine junge Frau mit dunklen, langen Haaren und einem Puppengesicht. Unter ihrer weißen Nylonbluse blitzte ein schwarzer BH hervor. Der Professor fragte sie eben: “Haben sie denn ihrem Freund ihr Unbehagen kommuniziert, Susanna?” Den Namen sprach er Schuschanna aus. “Der dumme Kerl tat als ob er mich nicht verstanden hatte. Dann haben ich gesagt, er muss mit mir auch in Restaurant oder in Kino gehen, nicht immer jeden Tag nur in Bett. Aber er hat gesagt, ich sollen froh sein, das wir jetzt haben sexuelle Revolution und das Frau jetzt gleichberichtigt werde. Da ist mein Temperament durchgegangen und habe ihm Ohrfeigen verpasst”, “Verpasst” betonte sie auf dem “ver”. Susanna zog heftig an ihrer Zigarette und blies Philippus den Rauch ins Gesicht. Sie sprach mit einem Akzent, russisch oder polnisch dachte Beaky, eine besondere Vorliebe schien sie für manche Vokale zu haben. Die zog sie in die Länge. Der Arzt wedelte müde den Rauch vor seinem Gesicht weg, nun bekam seine Stimme etwas mitleidig väterliches: “Wir besprachen doch, das sie lernen müssen ihre Gefühle verbal zu äußern. Mit Gewalt erreichen sie möglicherweise das Gegenteil.” “Manchmal sehe ich rot und dann bricht Temperament mit mir durch.” Témperament! Vielleicht war es auch ein ungarischer Akzent? Nun blickte der dicke Mann auf seine Armbanduhr und verkündete: “Für heute müssen wir schließen, Schuschanna. Vergessen sie nicht zu bezahlen beim rausgehen und denken sie daran, schreien! Schreien sie ihren Frust aus sich heraus wie ein Baby, jeden Tag, am besten gleich morgens und ohne Rücksicht auf Verluste.” Er wirkte wie ein freundlicher großer Bär, als er sie zur Tür geleitete. Zum Abschied umarmte er sie, während sie ihm rechts und links ein Küsschen auf die Wange drückte.
Unter Philippus Kollegen munkelte man, er wäre so dick, weil er die Probleme seiner Patienten in sich hineinfräße. Meistens sprach man positiv über ihn, man wusste dass er spektakuläre Erfolge erzielte mit teilweise sehr unkonventionellen Methoden. Einzig sein unbestreitbar vorhandenes Charisma wurde ambivalent gesehen, viele Patienten wurden geradezu abhängig vom ihm und er scharte Anhänger um sich, mit denen er seltsame, geheime Exerzitien durchführen sollte. Es waren wohl Neider, die ihn mit Sektenführern wie Maharishi Yogi oder Otto Mühl verglichen.

“Von was träumen sie, Herr Becker, oder darf ich Frieder sagen?” “Mein Spitzname ist Beaky”, traute sich der Jüngere zu antworten. “Ich träume eigentlich selten, meist von der Schule.”
“Das meine ich nicht, was ist ihr Lebenstraum, Beaky? Was möchten sie erreichen?”, nun war Beaky aus dem Konzept. Mit einer solchen Frage hatte er nicht gerechnet. “Äh Xa…”, er räusperte sich, “also Xanadu, da will ich mal hin, wissen sie, in China!” “Hochinteressant. Das legendäre Xanadu. Und wenn sie das erreicht haben? Was machen sie am Nachmittag?” Philippus schaute Beaky mit großen Augen fragend an.

Jetzt war Beaky endgültig aus dem Tritt. Es trat eine Pause ein, die Beaky unangenehm war. Philippus tat nichts um die Spannung zu lösen. Er wartete auf eine Antwort. Schließlich fiel dem jungen Mann wieder ein, wieso er hier war und seine Hemmung löste sich. Heroin und Hanna, Hanna und Heroin, der ganze Teufelskreis war wieder präsent, der eben im Wartezimmer sein Hirn durchtobte. Er durchbrach das Schweigen: “Es geht um Hanna, meine Freundin, vielmehr meine Ex-Freundin. Ich liebe sie, aber sie hat Schluss gemacht.” In diesem Moment fiel Beaky siedendheiss ein, das ihr Gespräch im Wartezimmer mitgehört werden konnte. Er blickte zur Seite, durch die Glasscheibe. Dort saßen nur zwei Patienten, ein Langhaariger wie er selbst und eine ältere Dame mit einer Kurzhaarfrisur, die aristokratisch wirkte. Beide schienen am Geschehen im Behandlungszimmer uninteressiert zu sein, was Beaky beruhigte. Außerdem könnte er es jetzt nicht mehr ändern.
Der Psychiater wartete ob noch etwas nachkäme, dann antwortete er: “Darum geht es also, die Liebe. Wissen sie, Beaky, die Liebe ist strenggenommen eine Krankheit für uns Psychoheinis. Wenn man verliebt ist, sieht man die Welt völlig unrealistisch, man wird labil, extrem abhängig vom Verhalten des Liebes-Objektes. Selbst die Schmetterlinge im Bauch sind eigentlich pathologisch. Wir nennen die Liebe deshalb auch die schöne Psychose.” ‘Schöne Psychose’ sagte er mit einem heiteren Glucksen. Dann fuhr er wieder ernst fort: “Wieso hat Hanna sie denn verlassen?” Nun war Beakys Hemmung endgültig weg, an das Wartezimmer dachte er nicht mehr. Von seinem Heroinproblem erzählte er und das er davon loskommen wollte, wegen Hanna und überhaupt. Weder sein Knie ließ er aus, noch seine sorgenvolle Mutter. Auch von seinem Chef, der Einladung, dem riesigen Filmriss und dem Traum, in dem Puvogel ihn würgte, berichtete er dem Psychiater. Philippus fragte nach, wieviel Heroin, wie lange schon, selbst den blassen Striemen auf Beakys Hals untersuchte er. Schließlich nahm der Arzt wieder hinter seinem zierlichen Sekretär Platz.
Dann fasste er seine diagnostischen und therapeutischen Feststellungen zusammen. Er wäre bereit ihn zu unterstützen, wenn er es ernst meine mit dem Entzug. Er würde ihm ein Mittel verschreiben gegen die Ausfallerscheinnungen, besonders gegen die Angst. Dann müsste Beaky zweimal in der Woche in seine Gruppe kommen, das wäre unerlässlich. Besonders wenn es Beaky gelänge Hanna zurück zu gewinnen, würde er, Philippus, einen guten Ausgang sehen. Sein Filmriss bei Puvogel dürfte eine durch Heroin und Alkohol ausgelöste delirante Episode darstellen, die Striemen am Hals könnten sehr wohl beim Transport des Bewusstlosen entstanden sein. Außerdem sei für eine positive soziale Prognose, die Arbeit in der Antik-Galerie wichtig. Nur für sein Knie, da könne er nichts tun, da müsse ein Orthopäde konsultiert werden.

Fünf Minuten später steht Beaky mit einem Rezept auf der Uhlandstraße. Ihm fällt ein, neben der “Besenwirtschaft”, einem Weinlokal, in dem er mit seinem Vater mal Zwiebelkuchen essen war, ist eine Apotheke, also läuft er ein paar Schritte in Richtung Ludwig-Kirch-Straße. Der Apotheker gibt ihm das Medikament, murmelt etwas von Kreislauf, was Beaky nicht versteht. Er ist in Gedanken, unkonzentriert. Als er aus der Tür tritt passiert ihm ein Malheur, obwohl es nur ein Stufe gibt, schafft Beaky es, so heftig zu stolpern, dass er der Länge nach auf den Bauch und auf sein Gesicht fällt. Ein Augenblick kann lang sein, jedenfalls kommt es Beaky so vor. Er hat sich auf die Zunge gebissen, es schmeckt nach Blut, ebenfalls schmeckt es nach Ungeschicklichkeit, Versagen, Scham. Er kennt diesen Geschmack gut. Auf dem Schulhof hat er oft so gelegen, besiegt, beschämt, erniedrigt. Er glaubt um ihn herum stehen Leute und lachen über ihn und seine Dummheit. Tränen schießen in seine Augen. Seine rechte Wange ist aufgeschürft und seine linke Handfläche auch, sonst hat ihn seine Wildlederjacke geschützt. Der Apotheker stürzt aus der Tür, hilft Beaky auf und äußert mitleidig: “Aber Herr Becker, was machen sie denn?” Erstaunt nimmt Beaky wahr, dass niemand ihn auslacht, ein paar Passanten schauen betroffen und der Apotheker geleitet ihn an seinem Arm zurück in den Laden, wo er Beakys Wunden säubert, mit Jodtinktur desinfiziert und verpflastert. Beaky empfindet seine Fürsorge als wohltuend. Ihm fällt ein, er könnte mal ins Musicland schauen, gleich nebenan, kurz vor der Ludwig-Kirch-Straße. Diesmal achtet er sorgsam auf seine Füße, als er die Apotheke verlässt und nach wenigen Schritten betritt er das Geschäft mit den Hieronymus Bosch Fototapeten, in dem er schon viel Geld gelassen hat. Bereits in den 60er Jahren hat er den Lohn aus Vaters Kneipe hier in Vinyl-Scheiben angelegt. Die Wände mit der Bildwelt des mittelalterlichen Malers hatte ihn damals schon fasziniert, kaum zu glauben, dass das nicht irgendein Hippie auf LSD gemalt hat, sondern ein Mensch aus der Renaissance.

BildH. Bosch: “Die Hölle” (©: Public domain)

In der Mitte des Geschäfts steht ein runder Tresen, inmitten dessen ein blasser, schmaler Mann mit Geheimratsecken auf einem Barhocker tront. Von der Decke hängen Kopfhörer einladend über dem Verkaufstisch. “Erna”, so nennen alle den Besitzer, eigentlich heißt er Ernst Wüst, begrüßt den Stammkunden herzlich, fast wie einen alten Freund. Was nicht erstaunlich ist. Beaky war sogar mal bei ihm zuhause gewesen in der Gasteiner Straße. Aus alter Gewohnheit fragt Beaky, ob was gutes Neues reingekommen ist, aber Erna schüttelt nur den Kopf, wie meistens in letzter Zeit. Nein, nicht wirklich, nur Hard-Rock, Heavy Metal und billiger Glam-Rock. Da fällt dem schwulen Plattenhändler ein, dass er Beaky eine Nachricht geben soll, er wühlt aus einem Stapel Visitenkarten und ähnlichem einen Zettel und gibt ihn Beaky. “Von deinem Freund, dem Doktor”, bei Doktor zwinkert er. “Bei Su” steht auf dem Zettel und eine Telefonnummer. Erna beantwortet das klingelnde Telefon und Beaky verabschiedet sich mit einem Winken. Zur Teestube am Ludwig-Kirch-Platz ist es nicht weit, dort scheint ihm ein geeignetes Plätzchen zum Ordnen seiner Gedanken zu sein. Auch die langhaarige, blonde Sabina begrüßt ihn wie einen Freund und macht ihm einen Jasmintee. Merkwürdig, heute sind alle nett zu ihm. Sowas ist der junge Berliner sonst gar nicht gewohnt. Berlin ist ja keine besonders freundliche Stadt und wenn man lange Haare hat, muss man sich, auch 1973 ist das noch so, von der Schultheiss-Fraktion einiges anhören.

Er dreht sich einen kleinen Joint. Seit er auf Heroin ist, kifft er nur noch wenig. Er konzentriert sich auf den Duft und die Wärme, die aus dem Becher aufsteigen. Und dann ordnen sich seine Gedanken fast wie auf einen Schlag und er erkennt, dass nur eines wirklich Priorität hat. Nur Hanna ist ihm wirklich wichtig, alles andere wird sich lösen lassen, denn alles andere hat er in der eigenen Hand. Nur über Hanna kann er nicht bestimmen. Die Beziehung war das Beste was ihm im Leben passiert ist und er wird um sie und ihre Liebe kämpfen. Was immer er dafür tun muss, ist er bereit zu tun, alles mit Ausnahme von Selbstmord, denn dann würde er Hanna auch verlieren. Das war keine Option für ihn. Und noch etwas bemerkt er, sein Knie tut nicht mehr weh, schon seit seinem Sturz auf den Bürgersteig vor der Apotheke hat er keine Schmerzsignale mehr wahrgenommen. Umso besser, dann kann er jetzt unbeschwert seine nächsten Schritte planen.

Lange sitzt er in der Teestube am Ludwigkirchplatz. Er braucht einen Plan, aber es fehlt ihm ein zündender Gedanke, der seine Phantasie in Gang setzt. Dann sieht er einen Mann im Trench-Coat, der mit einem Koffer in die Pfalzburger Straße einbiegt. Es ist ein alter, großer Koffer, er scheint noch nicht einmal voll zu sein, der Mann lässt ihn lässig vor und zurück schwingen, während er zügig läuft. Mit einem solchen Koffer könnte man vieles transportieren. Wertvolles könnte man damit wegtragen, und langsam baut er in seinen Gedanken, wie mit Bausteinen, Klötzchen auf Klötzchen, bis es steht sein Traumschloss, sein Xanadu. Lange hat er nachgedacht, nun hebt er den Kopf und hört auf die Musik, die aus dem Lautsprechern kommt. Normalerweise spielen sie gitarrenlastige Musik, Rock- und Folk-Balladen in der Teestube. Sowas wie “It’s a Beautyful Day”, “America” oder “Cat Stevens”, deshalb ist es ungewöhnlich, dass nun ein klassischer englischer Pop-Song aus den 60er Jahren läuft.

When you’re alone
And life is making you lonely,
You can always go, downtown
When you’ve got worries,
All the noise and the hurry
Seems to help, I know, downtown.”

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Das Lied, mit dem Petula Clark 1964 einen sagenhaften internationalen Erfolg hatte, hellt Beakys Stimmung auf. Manchmal haben Popsongs diese Wirkung bei ihm. Seine inneren Zweifel weichen einer durch nichts begründeten Zuversicht, dass er all seine Probleme in den Griff bekommen wird. Denn nun hat er einen Plan. Einen Plan zur Rückgewinnung von Hannas Liebe, der gleichzeitig eine Rache an Puvogel enthält und nicht zuletzt die Erfüllung seines Lebenstraums bedeuten würde. Xanadu! Der Lebenstraum, an den er zuletzt immer weniger geglaubt hatte, bis zu diesem Tag. Sagte das seine Mutter nicht immer wieder, das gerade die Krisen, die schlimmen Zeiten im Leben, einen weiterbringen und oft zu positiver Fortentwicklung, zu größerer Zufriedenheit oder sogar Glück führen. In diesem Moment glaubt er, dass sie Recht hat. Allerdings würde er die Hilfe eines Freundes benötigen. An mich wird er wohl auch gedacht haben, in diesem Augenblick, aber ich bin in Frankreich und außerdem bin ich nicht der richtige für die Aufgabe. Beaky braucht einen Freund, mit dem er nahezu wortwörtlich “Pferde stehlen” kann, wobei nur “Pferde” eine Metapher darstellt, das “stehlen” nicht. Für dieses Konzept fällt Beaky nur einer ein, sein alter Freund, den alle “Doktor” nennen, obwohl der nicht wirklich ein Arzt ist.

“Doktor” öffnet Beaky die Tür zur Hinterhaus-Wohnung seiner Freundin in der Blissestraße, “Su” steht an der Klingel und “Milan”. Das Zimmer hat keine schöne Aussicht, eigentlich hat es gar keine Aussicht. Aus dem Fenster blickt man auf eine hässliche Brandmauer, die nur wenige Meter entfernt den Augen Einhalt gebietet. Der Raum scheint Wohnzimmer und Küche gleichzeitig zu sein, hinter einer halbgeschlossenen Tür hört man Musik, da vermutet Beaky “Doktors” Freundin und sowas wie ein Schlafzimmer. “Doktor” bietet seinem Freund einen Stuhl an und setzt sich selber. Auf dem Tisch vor ihm liegt eine Federwaage, Plastiktüten mit Pulver und kleine Stücke von buntglänzendem Stanniolpapier, aus dem normalerweise Kinder Weihnachtsbaumschmuck oder ähnliches basteln.

Sie haben sich viel zu erzählen, die Freunde haben sich lange nicht gesehen. Schließlich erleichtert Beaky sein Herz, indem er von Hanna berichtet, das er vom Heroin wegkommen will und das er Angst hat, sein Chef Puvogel könnte ihm K.O.-Tropfen untergejubelt haben und dann irgendwelche perverse Sachen mit ihm angestellt haben: “Er hat Fotos von mir gemacht, schweinische Sachen und dann hat er mich gewürgt, glaube ich.” Obwohl Professor Philippus die Striemen am Hals für normal hielt, sagt ihm sein Bauchgefühl, das rote Mal stammt vom zwielichtigen Kunsthändler. Das erklärt er dem “Doktor”, der nickt und murmelt: “Der fiesen Sau würde ich alles zutrauen. Verprügeln sollten wir ihn, den dreckigen Motherfucker!” In diesem Moment fliegt die Tür zum Nebenzimmer auf und eine hübsche dunkelhaarige Frau in einem Kimono betritt den Raum. Beaky traut seinen Augen nicht, kann es sein, das es die gleiche Person ist, die er beim Professor durch die Scheibe gesehen und über die Lautsprecher gehört hatte? Als sie den Mund aufmacht und spricht, weiß er, sie ist es! “Der Chef deiner, der Perverse, er ist ein Würgeengel. Er steht auf Ersticken-Spiele.” Susanna hatte offensichtlich die ganze Zeit mitgehört. “Doktor” bemüht sich das Gespräch wieder an sich zu reißen: “Das ist mein guter alter Freund Beaky. Wir haben schon einiges zusammen gedreht.” Dabei zwinkert er lustig. Dann steht er auf und stellt Beaky mit einer großen Geste seine Freundin vor: “Und das ist meine große Liebe, Schuschanna!”, wobei er einen dritten Stuhl nimmt und ihn für Susanna bereitstellt.
Danach kommt das Gespräch ins Stocken, Doktor beginnt mit einem Taschenmesser Pulver in drei Häufchen zu teilen. Beaky braucht nicht zu überlegen, er würde nichts von dem Heroin nehmen und das teilt er Doktor mit, vielleicht etwas unfreundlich. Aber “Doktor” überspielt die Situation mit einem lässigen, “Wer nicht will, der hat schon.” Dann reicht er Susanna einen abgeschnittenen Strohhalm, sie zieht ein Häufchen in die Nase, dann folgt “Doktor” ihrem Beispiel.

“Doktor” bietet Zigaretten an, Ernte 23, alle nehmen und rauchen. Dann muss Beaky endlich nachfragen, was ihn dringend beschäftigt: “Was meinst du mit Würgeengel?”
Susanna erhebt sich, geht zum Ausguss und macht den Kaltwasserhahn an. Sie lässt sich ein Glas einlaufen, kommt an den Tisch zurück, trinkt und räuspert sich. “Das ist eine Sexspiel. Hatte mal eine Kollegin in Budapest, die hat mir erklärt. Du drückst Hals zu bei Sex, soll sehr starke Gefühl sein. Kannst Du machen allein oder mit Partner. Manche sind ganz wild dafür, dein Chef wohl auch einer. Ist sehr gefährlich, schon Leute sterben daran.” Beaky schaut Susanna ungläubig an, während “Doktor” kleine Stanniolbriefchen mit Pulver füllt und dann mit der Federwaage auswiegt. Susanna drückt ihre Zigarette aus und verkündet: “Ich muss mich machen fertig. Jemand muss ja arbeiten gehen in diese Haus.” Dem entgegnet Doktor milde: “Was ich hier mache ist also keine Arbeit?”, während er auf die Utensilien vor sich auf dem Tisch deutet, “kannst froh sein, dass ich mich darum kümmere. Sonst wär kein Dope im Haus. Und das möchtest du doch nicht, Liebling.” Susanna zieht die Stirn kraus und verschwindet im Schlafzimmer. Als sie eine Viertelstunde später die Wohnung verlässt und sich verabschiedet, schauen die Männer kaum hoch. Inzwischen sprechen sie über Beakys Plan. Ein anderer Freund, wie ich zum Beispiel, hätte wohl das Waghalsige und die Gefährlichkeit des Vorhabens gewürdigt und ein Wort der Warnung gesprochen. Aber der “Doktor” ist nicht so, er liebt das Risiko und wo Beaky noch Bedenken hat, ist “Doktor” bereits vom Erfolg der Sache überzeugt.

-Wird fortgesetzt-

Die Illustration hat dankenswerterweise Rainer Jacob gezeichnet. Mehr von Rainer: http://www.rainerjacob.com

Text von “Downtown”:
http://www.absolutelyrics.com/lyrics/view/petula_clark/downtown

In diesem fantastischen Artikel erzählt Robert Buskin die Geschichte des Megahits von Petula Clark. Außerdem gibt er einen schönen Einblick in die Studioarbeit der 60er Jahre, besonders in den Pye Studios, wo noch unbekannte Größen wie Jimmy Page oder John McLaughlin sich ein Zubrot als Studiomusiker verdienen. Damals wurde bei Einspielungen noch ein Riesenaufwand getrieben. Neben einer Beat-Combo nahm man, mit vielen Dutzend Mikrofonen, ein komplettes Orchester auf, mit Streichern, Blech- und Holzbläsern, sowie Keyboards und Backgroundchor. Über ein 4-Spur Neumann-Pult zeichnete man auf einem 4-Spur Ampex-Rekorder auf. 1999 sagt Petula Clark: “We had no idea we were recording a monster. You never do.”
http://www.soundonsound.com/sos/jan12/articles/classic-tracks-0112.htm

 “Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.Das achte Kapitel trägt den Titel “Cold Turkey” und ist bereits erschienen:

https://marcuskluge.wordpress.com/2014/06/02/familienportrait-cold-turkey-die-legende-von-xanadu-kapitel-acht-1973-von-marcus-kluge/

   
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