Editorial – „Ein Jahr. Geschichten werden erzählt. Es geht.“ / von Marcus Kluge / 13. September 2014

Ein Jahr. Genau heute vor einem Jahr habe ich dieses Blog gegründet. Ich suchte einen öffentlichen Ort für meine autobiografischen Texte und ich habe ihn gefunden. Seitdem hat die Statistik 22 000 Zugriffe auf Beiträge oder Homepage des Blogs registriert. Real sind es mehr gewesen, aber auch diese Zahl erstaunt mich. Zuerst stand meine Familie im Vordergrund, dann reagierte ich auf das starke Interesse am Berlin der Mauerjahre und schrieb darüber. Von 191 Beiträgen sind etwa 40% Erstveröffentlichungen gewesen und ca. jeder achte wurde von einem Gastautor verfasst. 892 Stichworte führen von Suchmaschinen auf das Blog. Nachdem mir bis vor kurzem nur ein halbes Dutzend andere Blogger gefolgt sich, sind es nun 31, sowie 669 inklusive Facebook. In den 80er Jahren habe ich mit meinem Assasin-Heft vielleicht 2 000 – 3 000 Leser pro Nummer erreicht und der Aufwand ist erheblich höher gewesen. Ich bin also hochzufrieden, auch mit den freundlichen Kommentaren und Mails, die mich erreicht haben.

Es geht. Das eigentliche Wunder für mich ist die Tatsache, dass ich überhaupt wieder schreibe. Vor 2013 war ein Drehbuch für einen Film über Kathy Acker im Jahre 1990, der letzte persönliche Text, der mir gelang. Dann schrieb ich 23 Jahre nur noch beruflich, nichts eigenes. Zu untersuchen woher meine Blockade kam, würde an dieser Stelle zu weit führen, aber sie war massiv und ich hatte die Hoffnung wieder schreiben zu können aufgegeben. Im Frühjahr 2013 verfasste ich kleine Texte und postete sie bei Facebook und sie wurden von einigen Usern geliked. Letztlich war diese Akklamation entscheidend und ich machte weiter. Am 13. 9. stellte ich drei kurze Texte in mein Blog und schon die Reaktion in den ersten Tagen war toll. Im Lauf der Monate wuchsen die Stücke im Umfang von 600-800 Wörtern auf 2500-3000 Wörter und das wurde mein Wochenpensum.

Geschichten werden erzählt. Zu dem Anfangsformat „Familienportrait“ gesellten sich, an der Nachfrage orientierte Rubriken: „Berlinische Leben“ und „Berlinische Räume“. Die „Räume“ behandeln Orte, Kneipen, Institutionen und das Thema „wohnen“ im West-Berlin der Mauerjahre, die „Leben“ erzählen Biografien. Meine Freundin Annemarie begann für die „Räume“ und „Leben“, wunderbare, prägnante Stücke zu verfassen. Im März begann ich „Die Legende von Xanadu“ zu schreiben, ich überlistete mich selbst, denn es wurde ein Roman, ohne das ich mir das verriet. Wenn ich an einem Roman gearbeitet hätte, wäre der Druck zu groß gewesen und ich hätte Angst vor dem „weiten Bogen“ gehabt. So schrieb ich eine Erzählung, die auf wundersame Weise immer länger wurde. Mein Freund Rainer illustrierte die Kapitel mit herrlichen Bleistiftzeichnungen. Als ich am 19. Juli das letzte Kapitel von Xanadu postete, war ich derartig angetan, dass ich sofort anfing an einer Fortsetzung zu arbeiten.

Innerhalb weniger Wochen entwarf ich den neuen Roman: „Ein Hügel voller Narren“. Am 22. September 1981 treffe ich den Rückkehrer im Café Mitropa, es ist der Tag an dem Klaus-Jürgen Rattay stirbt. Wir müssen vor der wildgewordenen Polizei flüchten und Roberto erkennt seine Heimatstadt kaum wieder.
Doch das ist nicht sein einziges Problem, Gangster sind hinter ihm her, sie wollen Geld zurück, das er mit seinem missglückten Schmuggel verloren hat. Als ich Roberto bei mir wohnen lasse, gerate auch ich in den Strudel einer atemberaubenden Geschichte mit überraschenden Wendungen, die bis zum Widerstand gegen das Nazi-Regime während des 2. Weltkriegs zurückführt. Daneben erkunden wir das legendäre Nachtleben, besuchen Klubs wie das SO 36 und die Music-Hall. Wir erleben Bands, zum Beispiel die “Einstürzenden Neubauten” und die “Goldenen Vampire” und treffen originelle Zeitgenossen.

Weiter. In Arbeit ist ein Stück über die 70er Jahre, Disco mit Ilja Richter und den gruseligen Geschmack dieser Ära. Ein neuer Gastautor arbeitet an persönlichen Erinnerungen an den OKB. Aber ich werde alles etwas ruhiger angehen, so wie ich mir das versprochen hatte, als ich 2007 Rentner wurde. Es ist aber auch eine Crux mit meinem geliebten Berlin, es hat immer Tempo drauf und dem kann man sich nur schwer entziehen. Es lebe die Entschleunigung!

Das Foto stammt von Geoff Pugh der mich am 4. Dezember 2013 für den Daily Telegraph fotografiert hat. Wie es dazu kam, erzähle ich hier:
https://marcuskluge.wordpress.com/2014/08/04/familienportrait-pankoff-passierscheine-und-venezolanische-passe-1961-85-von-marcus-kluge/

Advertisements

Tags: , , , , , , , , ,

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Eddie Two Hawks

Plant the seeds of peace within yourself, watch them grow in the world

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

bildbetrachten

Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

The Insatiable Traveler

Live Your Life. Embrace Adventure. World Travel | Award-winning Photography| Inspiration | Tips

Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

literaturfrey

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Anmerkungen zur Berliner Musikszene

finbarsgift

finbars geschenk ist seine seherische fähigkeit

Rainer "rcpffm" Peffm 's mobile blog and diary

Smile! You’re at the best **mobile** made *RWD* WordPress.com site ever

Leselebenszeichen

Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

%d bloggers like this: