Archive | January 2015

Familienportrait – Building West-Berlin / Black & White Photographs from 1960 / Part 2

Bild  Kudamm

Bild  Volkspark

Bild  Playground

Bild  Klepper, Tauentzienstraße

Bild Visitors from the “Zone”

Bild  Livländische Straße

Bild  BAK

Bild  “Stadtautobahn”

Bild  Preußenpark

Familienportrait- “Bilder vom Knipskastenonkel” / Fotos aus den “Goldenen Zwanzigern”

Obwohl es gerade in Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg viele Probleme, wie Arbeitslosigkeit und Inflation gab, hat sich der Begriff “Goldenen Zwanziger” als Pendant zum englischen “Roaring Twenties” eingebürgert. Tatsächlich gab es in der ersten deutschen Republik ein völlig neues Lebensgefühl. Die Frauen schauen selbstbewusst in die Kamera. Der Krieg, durch den sie sich auch Männerberufen bewährt haben, und die Republik haben ihr Rollenverständnis verändert.

IMG_20130916_0004Meine Großeltern

“In Berlin manifestierte sich das Lebensgefühl der Jungen an der Gedächtniskirche und Kurfürstendamm im Westen der Stadt. Dort entstanden am Ende der Stummfilmzeit die neuen Großkinos Marmorhaus, Capitol und Ufa-Palast – noch mit siebzigköpfigem Symphonieorchester in braunen Samtjacken – und machten den ‘Floh-Kinos’ Konkurrenz. Das gesetzte Alter spazierte Unter den Linden, wo Klappstühle für fünf Pfennig aus der Allee eine Kurpromenade machten, so zum Beispiel Gerhart Hauptmann, der häufig im Hotel Adlon wohnte, oder Gustav Stresemann, der versonnen bei Spaziergängen mit seinem Stock im Sand grub. Der Straßenzug zwischen Nollendorfplatz und Olivaer Platz hingegen war Berliner Laufsteg für einen neuen Schick: Mit Erika und Klaus Mann ein Tanz auf dem Vulkan. Max Reinhardt baute seine beiden eleganten Theater am Kurfürstendamm, eingerahmt von Tribüne und Renaissance-Theater.” WiKi

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In den 20er Jahren war die Amateur-Fotografie noch eine Sache für die gehobenen Kreise. Einfache Leute ließen sich von ambulanten Fotografen ablichten, die in Parks und auf großen Plätzen ihre Kundschaft fanden. In Berlin nannte man sie auch “Knipskastenonkels”. Ursprünglich war ein “Knipskasten” die zigarrenkistengroße Apparatur in den Straßenbahnen, mit denen man seinen Fahrschein entwertete. Beim Ausstanzen der Pappstreifen gab es ein Geräusch, das ähnlich war wie das beim Auslösen eines Fotoapparats. Fürs fotografieren bürgerte sich also schnell das lautmalerische Wort “knipsen” ein. Folglich wurde aus der Kamera auch ein “Knipskasten”.

IMG_20140211_0003Atelier-Foto

Wenn man etwas mehr ausgeben wollte, ging man in ein Foto-Atelier. Dort lies man gleich mehrere Kinder oder die ganze Familie ablichten, um Geld zu sparen. Erst als meine Großtante Lotte den Polizei-Offizier Paul Springer heiratete, kam ein Foto-Amateur in die Familie. Onkel Paul war sehr engagiert und seitdem konnte man auf professionelle Fotografen verzichten. Doch merkt man den Bildern an, dass sie noch nicht perfekt sind. Lange Belichtungszeiten führen zu Unschärfen und die Abzüge sind ziemlich körnig. Erst in den 30er Jahren hatte Onkel eine Ausrüstung, die praktisch professionelle Ergebnisse ermöglichte. Ich hätte gern gesehen, was er in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg fotografiert hätte, aber Paul Springer nahm sich am 1. Mai 1946 das Leben, indem er sich unter die Heidekrautbahn legte.

Seine Geschichte kann man hier nachlesen:
http://wp.me/p3UMZB-3W

IMG_20130908_0001Schäfer-Szene

IMG_20130908_0002Schwestern

 

IMG_20140720_0014Conservierte Kindheit

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IMG_20150127_0006Meine Ur-Oma

IMG_20131220_0004Weihnachten

IMG_20130916_0003Sonntagskaffee

Weihnachts- und Kaffee-Foto hat wohl schon Paul Springer gemacht. Waldidyll und Lustgarten stammen auf jeden Fall von ihm.

IMG_20131005_0003Waldidyll (1936)

IMG_20130930_0001700-Jahrfeier Berlin, Lustgarten (1937)

 

Aktualisiert! “Im Westen nichts Neues?” / Lesungen und Crowdfunding

Xanadu fertig

Hier nun die definitiven Termine für beide Lesungen. 

Am 19.3. lese ich dann im Kulturladen hier im Kiez in der Kulturwerkstatt Danckelmannstraße 9a. Beginn ist 20 Uhr. Das wird eine längere, illustrierte Vorstellung des Xanadu-Romans. Daneben bleibt aber noch Platz für Klassiker wie “Erste Liebe – Bleistreustraße” und “Ach Musik”, der Text über die Punkjahre, der sich zum beliebtesten überhaupt im Blog entwickelt hat. Die Bilder wirft ein Videobeamer an die Wand. Rainer Jacob, der ja auch die großartigen Illustrationen zeichnet, fungiert als Operateur. Beginn ist 20 Uhr, ich lese drei Sets, dazwischen ist Zeit für ein Gläschen und einen Plausch.

In der Kulturwerkstatt werde ich auch das Crowdfunding für das Xanadu-Buch vorstellen. Vorab einige Details: Noch im März werden wir in die Bewerbungsphase gehen, da muss man mindestens 25 Fans nachweisen, das wird kein Problem. Dann loben wir Präsente aus für alle, die uns unterstützen. Z.B. jemand der 12 Euro dazugibt bekommt ein signiertes Buch, für 20 ein schönes T-Shirt, oder auch ein Button für drei Euro. Alles natürlich im Stil der 1970er Jahre. Besonders freue ich mich auf ein “Fan-Heft”, das werden wir als Reminiszenz an das alte Assasin gestalten. Wenn das Geld zusammenkommt, wird gedruckt, die anderen Dankeschöns werden hergestellt und anschließend an die Unterstützer versandt.

Am 30.4. lese ich im Pinguin-Klub in der Wartburgstraße in Schöneberg unter dem Motto “Schnelle Schuhe”. Das wird eine kompakte, kleine Veranstaltung im Ramones-Stil: kurze, wilde Stücke, ohne Pause, aber mit Zugabe. Am Tag danach ist 1. Mai, Ausreden gelten also nicht.

Um 21 Uhr im Pinguin erwarten den geneigten Zuhörer kürzere Stücke aus: “Erste Liebe/Blei-Streu-Straße”, dem Punk-Text “Ach Musik!”, der Mauerhommage “Halber Mensch” und eine Erinnerung an die frühen Jahre des Pinguin-Clubs.

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Ausschnitt aus “Ach Musik”:

“Der Punk kam nach West-Berlin und beendete kraftvoll die 70er Jahre, die ich, wenn zu ich einer royalen Familie gehören würde, als mein “Dezennium Horribilis” bezeichnen würde. Es war wirklich ein blödes Jahrzehnt, es baute sich auf der Asche der genialen 60er auf und bestand aus schlechter Musik, hässlicher Mode, dem “Deutschen Herbst” und Stillstand, sowie einem Strukturumbau, der die Grundlagen für den heutigen Turbo-Kapitalismus legte, aber das ahnte ich nur, damals. Umso bunter die Äußerlichkeiten wurden, desto grauer und gefühlskälter wurde die Gesellschaft innerlich. Die “Sexuelle Revolution” entpuppte sich als Erlaubnis Pornografie zu verkaufen und kaufen. Punk war der benötigte grobe Keil, um den 70er-Klotz zu zerhacken. Punk befriedigte den Wunsch der Jungen nach Authentizität, Lebensfreude und Gefühl. Endlich schaffte auch ich es aus meiner selbstgewählten “Splendid Isolation” und meinem Schweigen auszubrechen. Die Latte hing plötzlich so niedrig, dass in Grunde jeder sie überspringen konnte. Drei Akkorde reichten Musik zu machen und das Drei-Finger-Suchsystem reichte, um Autor zu werden.”

M.K.

Berlinische Leben – “Nachruf: Alexander Kögler” 8.8.1957 – 30.8.2014 / Directors Cut Version von H.P. Daniels

(Für alle, die nur die kürzere Tagesspiegel-Version kennen, dokumentiere ich die H.P.s eigene Langfassung. M.K.)

Selbst Rockstar werden? Das wäre mit Arbeit verbunden. Wie uncool! 

In der West-Berliner Szene war er der lässigste. Es fehlte ihm nur an Beständigkeit. Seine „15 Minutes of Fame“ dauerten immerhin 16 Monate. So lange betrieb er das „Risiko“.

Zum Schluss bekam er Morphium. Nach schweren Operationen wegen eines Gehirntumors, erst im Krankenhaus, dann in einem Tempelhofer Hospiz. Geschwächt von Hepatitis, Leberzirrhose und neuen Tumoren. Am Ende Morphium. Gegen die Schmerzen, gegen die Angst, gegen das Leben, und dessen letzte Härten. So keuchte sich Alex Kögler aus dem Leben, segelte davon. Sabina war bei ihm, hörte auf seinen röchelnden Koma-Atem, hat sein Verschwinden auf Fotos festgehalten. Als sie ihn selbst nicht mehr festhalten konnte. Im Leben. Als er auch längst schon nicht mehr der Alex war, den sie einst gekannt hatte, mit dem sie etliche Jahre gemeinsam gelebt hatte, frühere Jahre, lange her. Mit Auf und Ab. Und An und Aus.

Äußerlich war Alex kaum mehr wiederzuerkennen, aufgedunsen, zahnlos, weiß- und schütterhaarig. Ein greisenhafter Mann mit 57.

Morphium gegen die finalen Schmerzen. Vorher waren es andere Drogen gewesen. Seine Medizin: Alkohol, Amphetamine, Heroin. Und immer wieder und noch mal: Alkohol. Bis zur Bewusstlosigkeit.

Seine Eltern hatten sich getrennt als er sieben Jahre alt war. Sein Vater, ein bekannter Maler, war fortgegangen aus Berlin, nach Karlsruhe, als Professor an die dortige Kunstakademie. Die Mutter hat Alex in ein Internat am Starnberger See geschickt. Die Schule hat er abgebrochen, und dann – zurück in Berlin – hat er auch eine angefangene Fotografenlehre bald wieder hingeschmissen. Es war die einzige richtige Arbeit, der er je nachgegangen ist. Eine gute Zeit, wie er sich später erinnerte.

Es heißt, dass Süchtige emotional stehen bleiben in dem Lebensjahr, in dem sie der Sucht zum ersten Mal nachgeben. Alex war 15, als er mit dem Heroin anfing. Und er ist sein Leben lang ein kleiner Junge geblieben. Und ein Süchtiger. Der noch als Erwachsener diese weichen, jungenhaften Gesichtszüge trug und vor jedem Spielzeugladen stehen blieb, sich begeistert am Schaufenster die Nase platt drückte, bevor er sich wieder etwas in die Vene drückte.

Weihnachten war er immer bei seiner Mutter. Sie wollte das so, hat seine Gesellschaft erwartet, und er hat sich nie geweigert. Ein Ritual, das eigentlich nicht passte zu seiner Coolness und Antispießerattitüde. Genauso wenig wie bestimmte Redewendungen, die er gerne benutzte: “Ach, wie süß!” oder “Ist das niedlich!”. Ganz ohne Ironie.

Aber sonst war Alex wirklich ein cooler Typ. Auch, oder vielleicht gerade, weil er nicht so rumlief, wie es damals in der harten Berliner Leder- und Nieten-Punkszene üblich war. Als nichtberlinernder Berliner gab er sich als Dandy in feinen Maßanzügen, edlen Hemden und Krawatten, Mänteln aus erlesenen Stoffen und schicken Schals. Farblich alles geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Und weil er ein blendend aussehender Typ war, wie ein Film- oder Rockstar, mit kräftigen dunklen, leicht graumelierten Haaren, wie eine Mischung aus Tony Curtis, Richard Burton, Robert Mitchum und Bryan Ferry, wirkte seine Aufmachung weder lächerlich noch maskiert. Sogar die wildesten Punks fanden ihn cool.

Alex stach heraus aus der Menge. Auch Sabina ist er sofort aufgefallen, als sie ihn das erste Mal sah. Und sie ist ihm aufgefallen. Anfang der 80er Jahre im Café Central am Nollendorfplatz kamen sie ins Gespräch und betranken sich. Es dauerte noch eine Weile – bis sie allen auffielen, als schillernd glamouröses Szene-Paar des Berliner Nacht- und Lebenskünstlerlebens.

So charismatisch er wirkte, so gering war sein Glaube an sich selbst. Heroin half und Alkohol sowieso, bis zur Besinnungslosigkeit.

Neben seiner Passion für den amerikanischen Schriftsteller Jim Thompson und besonders dessen dunklen Roman “The Killer Inside Me”, hatte es ihm die Fernsehserie “Ein Herz und eine Seele” mit Ekel Alfred angetan. Gegensätze im Leben, Gegensätze in den Vorlieben. Er liebte Donald Duck, den ewigen Verlierer, wohingegen er Micky Maus, den altklugen Spießer, nicht ausstehen konnte.

Alex lachte, erzählte lustige Geschichten, zitierte immer wieder Heinz Erhardt, imitierte, improvisierte und betrank sich. Doch vor allem begeisterte er sich für Musik. Für die deutschen Elektroniker von Kraftwerk und Can, die kantige “Deutsch Amerikanische Freundschaft”, die schrägen “Throbbing Gristle”, den knarzigen Captain Beefheart und den smarten Bryan Ferry. Später dann “Frankie Goes To Hollywood”: “Relax, don’t do it” Und Sinead O’Connor: “Nothing Compares To You”. Mit besonderer Vorliebe imitierte Alex die unterschiedlichsten Rockstars, ihre Manierismen, ihre Posen. Sabina fotografierte ihn. Alex Kögler und sein Leben als Gesamtkunstwerk. Sabina dokumentierte. Er liebte die große Illusion des Pop-Lebens. Dass jeder ein Star werden könnte. Vielleicht wäre er selber gerne Rockstar geworden. Doch das wäre mit Arbeit verbunden, und verdammt uncool gewesen. Arbeit war nichts für Kögler, den Dandy, der von regelmäßigen Zuwendungen seiner Mutter lebte, finanziert aus der Erbschaft ihres Vaters, des expressionistischen Malers Arthur Degner.

Ein paar Mal stand er aber doch auf Bühnen. “Die unglaubliche Alex Kögler Band” war wohl mehr Name als eine beständige Band. Mit dem avantgardistischen Musiker Frieder Butzmann und der Gruppe “Wir und das Menschliche e.V.” trat er zwischen anderen schrillen Bands am 4. September 1981 vor 1.400 Zuschauern im Tempodrom auf, beim “Festival Genialer Dilletanten”. Wobei Alex deren Konzept sehr entgegenkam: weil es nicht darum ging, Instrumente oder Musik zu beherrschen, sondern eher um das Unvermögen, das Nicht-Können, das Scheitern, eben das Dilettantische als neuem künstlerischem Ausdruck. Wo die Regeln auf den Kopf gestellt wurden, und es als größere künstlerische Leistung galt, einen Saal leerzuspielen, als beim Publikum anzukommen.

Volltrunken stand Alex auf der Bühne und kreischte markerschütternd: “Ich liebe dich!” Hinter Lärm und Show und Suff eine geradezu rührende Liebeserklärung an Sabina. Aber das war auch schon das Ende von Köglers Musikerkarriere. Um weiterzumachen, hätte er weiter machen müssen, vielleicht ein Instrument spielen, vielleicht singen lernen. Doch das Weitermachen, das Beständige, das Bemühen um etwas, war nicht seine Sache. Fand er langweilig. Spießig. Lieber noch mal etwas ganz anderes machen.

Kögler wurde Kneipier. Nach einer Erbschaft übernahm er das “Risiko” an den Yorckbrücken, eröffnete den Laden neu an Silvester 1984. Eine schmale Bar, die unter Köglers Regie aufblühte zu großer Bekanntheit. Designt von Sabina, kühl und schmucklos, dem damaligen Berliner Zeitgeist der coolen neuen Welle entsprechend, wurde das Risiko für unzählige Musiker, Filmer, Maler, Autoren, Performance-Künstler aller Art zum nächtlichen Wohnzimmer.

Alex Kögler war der charmant unterhaltsamer Gastgeber, um den sich alle scharten, die Großen und die Kleineren der Berliner und der internationalen Szene. Von denen manche Große nicht groß blieben in späteren Jahren, und klein nicht manch Kleine, die irgendwann groß rauskamen. Zu Köglers Gästen gehörten Nick Cave, Wim Wenders, Rainer Fetting, Jim Jarmush, Jeffrey Lee Pierce, Anita Lane, Lydia Lunch, Alan Vega, Christiane F., Bela B. Und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten war eine der legendären Tresenkräfte im Risiko. Die Bar als Bühne.

Und Alex Kögler war mit allen befreundet, alle mochten seine liebenswürdige, humorvolle und großzügige Art. Im Risiko stand er im Mittelpunkt einer großen Nonstop-Party. Seiner Party. Wo sie alle Drogen konsumierten, Konzerten und Happenings beiwohnten, die hier unregelmäßig auf engstem Raum stattfanden. Wo die wahnwitzigsten Pläne entstanden und wieder verworfen wurden, Kunstprojekte besprochen, Bands gegründet und wieder aufgelöst wurden. Kögler soff mit allen, ließ sie umsonst saufen, nahm Drogen mit allen, und soff und soff. Drogen als Medizin und als Spaßmittel, zur Beflügelung. Zum Abheben.

Im Morgenlicht stolperten sie hintereinander aus der schmalen, stählernen Tür, die zwei Stufen runter auf die Yorckstraße.

Um die organisatorische und geschäftliche Seite seiner Kneipe kümmerte Kögler sich weniger. Manchmal griff er in seine Kneipenkasse, um Drogen zu kaufen. Seine treue und besorgte Tresenbelegschaft – Maria, Chris, Blixa oder Sabina – versteckten gelegentlich die Kasse vor Alex. Dass er das Geld nicht gleich wieder zum nächsten Dealer trug, und dass noch genug da war für die Miete und Getränkelieferungen. Trotzdem gingen noch oft genug die Getränke aus. Und Alex lief zu “Leos Futterkrippe” an der nächsten Ecke, um sich ein paar Paletten Dosenbier auszuleihen. Und wenn die Heizung nicht mehr lief, holten sie einen Kanister Öl von der Tankstelle gegenüber.

Samstags gab es Prügeleien. Wenn Alex angeschlagen am Foto: Sabina van der LindenFoto: Sabina van der Linden

Boden lag und ihm das Blut übers Gesicht lief, hatte er immer noch diese weichen, kindlichen Züge, und trotz Dreck und Blut strahlte er immer noch seine aristokratisch dandyhafte Eleganz aus. Sabina hat es fotografiert. Das Gesamtkunstwerk Alex Kögler. Trinkend, blutend, auf Speed und Heroin. Am Boden.

Seine Warhol’schen “15 Minutes of Fame” dauerten genau 16 Monate. Am 30. April 1986 schloss das Risiko. Köglers Party war vorbei. Mit all den vielen Freunden. Alles war weg – Bier alle, Geld alle, die Gäste, die Freunde weg. Nur das Finanzamt war noch da mit seinen Forderungen. Alex fiel zurück ins Nichts, in die Bedeutungslosigkeit. Ein tiefes Loch. Er erhöhte die Dosis. Immer mehr. Bis es zu viel wurde, er loskommen wollte von Berlin. Und vom Heroin. Und er Anfang der 90er zu seiner Mutter nach Malta zog, wo sie inzwischen einen Großteil der Zeit verbrachte. Alex versuchte einen Heroin-Entzug und entdeckte stattdessen Codein-Pillen, die rezeptfrei in maltesischen Apotheken zu bekommen waren. Mitte der 90er zog er mit Sabina für eine Weile in die Hauptstadt La Valetta. Und war immer auf der Suche nach Apotheken mit seinen Lieblingspillen.

Irgendwann gingen sie von Malta nach Antwerpen. Schon damals war die belgische Hafenstadt Europas härtester Drogenumschlagplatz. Harte Zeiten für den weichen Alex. Sie wohnten in einer Gegend, wo Polizeirazzien an der Tages- und Nachtordnung waren. Sabina hat es fotografiert. Auch wie Alex auf seinen Dealer wartete. Total verloren in Antwerpen. Wo die Unordnung immer mehr um sich griff. Wo die Junkies in Alex’ Wohnung Rohre und Leitungen aus den Wänden rissen, um das Kupfer zu verkaufen – für Heroin. Wo Alex fast gestorben wäre an einer Überdosis. Und ihn Sabina gerade noch einmal festhalten konnte im Leben. Nochmal rausrütteln konnte aus dem Tod, ihn noch einmal zurückholen ins Leben. Wo sie selber fast gestorben wäre vor Angst. Bis er die Augen wieder aufmachte und sie glasig ansah: “Was ist los?”

Irgendwann haben sie sich gestritten. Heftig. Alex hat gesagt, sie soll gehen. Sabina ist nach Berlin gegangen, hat einen Entzug gemacht, ist clean geblieben. Alex war davon nicht zu überzeugen. Er hat sich aufgegeben.

Als seine Mutter starb, zog er in ihr Reihenhäuschen in Tempelhof. Er hat alles so gelassen wie es früher war. Nur die Pflanzen sind vertrocknet, weil er sie nicht mehr gegossen hat. Irgendwann wollte er wieder Sabina besuchen. Er könne bleiben, sagte sie, aber die Flasche, die er dabei hatte, müsse wieder gehen. Da ging auch er.

Zum Schluss war er in einem Methadon-Programm. Doch gab er jetzt ohnehin dem Alkohol den Vorzug vor dem Heroin. Weil der Prozess des Verschwindens länger dauert mit Alkohol, das Hinübergleiten in den Rausch, ins Abtauchen. Die schönste Phase eigentlich. Immer wieder noch ein Schluck aus der Jägermeister-Flasche.

Zum Schluss bekam er Morphium und segelte davon. Sabina war bei ihm und sah ihn plötzlich wieder so wie sie ihn kennengelernt hatte vor 33 Jahren. Jung und schön.

H.P. Daniels

“LOST – Last Morning Of Risiko” – Film von Uli M. Schueppel, 1986: https://www.youtube.com/watch?v=kltw0YyRHAY

Bei dem Beitragsbild handelt es sich um einen Screen-Shot aus Roland Klicks Film “White Star” von 1983, in dem Alex eine kleine Rolle spielte.

http://www.imdb.com/title/tt0086578/

Familienportrait – “Die Autos meiner Kindheit” / 1954-66

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Als ich 1954 geboren wurde hatten meine Eltern einen Fiat. Sie hatten ihn als Neuwagen bei Karl A. Klein am Kudamm gekauft. Weil er teuer war als sogenanntes Wechselgeschäft, d.h. jeden Monat musste eine recht hohe Summe eingezahlt werden, sonst wäre der Wagen zurück zum Händlern gegangen. Mehrfach haben sich meine Eltern Geld borgen müssen, um die Wechsel zu bedienen.

Bild Fiat, Bruder

Der Fiat war schick, klein, schnell und machte immer wieder Ärger. Einmal blieben wir auf der Transitstrecke nach Hannover liegen, was besonders unerfreulich war. Der Thermostat war hinüber und die “Zonen-Werkstatt” hatte natürlich keine Fiatteile. Die Mechaniker waren gewohnt zu improvisieren, sie besorgten sich eine Leberwurst und der Thermostat wurde mit dem Naturdarm geflickt. Uns fiel allen ein Stein vom Herzen, als wir endlich in Braunschweig ankamen und eine Fiatwerkstatt ansteuerten. Es gehört zu meinen allerersten Erinnerungen, dort auf einem Spielplatz herumgeturnt zu sein, während wir warteten.

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Mutter, Accessoires

Ende der 50er Jahre hatten meine Eltern endgültig genug von der pferdestärkenreichen Diva und kauften einen alten Daimler. Der gemütliche und zuverlässige D 170 war mein Lieblingsauto und häufig wollte ich es garnicht verlassen. Ich war halt ein Stubenhocker und der Mercedes war meine gute Stube.

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Gute Stube

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Anfang der 60er Jahre starb der Benz an Altersschwäche, die Modelle sieht man heute noch in Kriegsfilmen, wie sie SS-Sturmbannführer oder Stabschefs zu ihren tödlichen Geschäften kutschieren. Als Ersatz erstand Vater einen Opel-Caravan. Dieser hatte eine undefinierbare helle Farbe und sah, selbst wenn er frisch gewaschen war dreckig aus. Wir fuhren oft am Wochenende zur Havelchaussee, um wie viele Berliner, dort den Wagen mit Havelwasser zu reinigen. Das Wort Umweltschutz war noch unbekannt. 1966 wurden meine Eltern geschieden und ich bin nie wieder mit meinem Vater Auto gefahren. Meine Mutter hat nie den Führerschein gemacht, sie posierte zwar gern mal mit den Schlüsseln vor der Kamera, aber fahren lies sie sich stets von “ihren Männern”. Meist war das dann mein älterer Bruder, der 1966 nach zwei Fahrstunden den Führerschein bekam und eine lange Reihe von Käfern fuhr.

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Opel Caravan

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“Schnelle Schuhe” – Punk-Seite aktualisiert

Auch der vierte Teil der Serie “Landei, aufgeschlagen” von Cordula Lippke ist bei den Lesern sehr erfolgreich gewesen und wird fortgesetzt. Auch dieser Beitrag ist jetzt über die Punk-Seite “Schnelle Schuhe”, oben links im Kopf des Blogs zu erreichen.

Oder gleich hier:

http://wp.me/P3UMZB-Ye

Familienportrait – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

Vor einem Jahr bin ich der Frage nachgegangen, wo meine Wurzeln sind. Ich wollte wissen, wie und wo meine Vorfahren gelebt haben, bevor sie nach Berlin kamen. Was ich fand, ist eine heute längst vergangene Zeit.

marcuskluge

 

Bild Einschulung auf dem Lande

IMG_20131121_0002  Meisterurkunde 1887

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

 

 

 

Der Brunnen der Vergangenheit ist wohl unerschöpflich, unergründlich würde ich ihn nicht nennen, denn wir können aus ihm schöpfen und ergründen, woher wir kommen. Über die Vorfahren meines Vaters weiß ich nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienstmägde und Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf erst seit dem 1. Oktober 1920.

Bild 4 Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

 

Mein Großvater väterlicherseits ist schon vor Ende des 2. Weltkriegs gestorben, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1930 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte mit seinem älteren Bruder Ino nach Venezuela aus. Inos Spur verliert…

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