Berlinische Leben – “Nachruf: Alexander Kögler” 8.8.1957 – 30.8.2014 / Directors Cut Version von H.P. Daniels

(Für alle, die nur die kürzere Tagesspiegel-Version kennen, dokumentiere ich die H.P.s eigene Langfassung. M.K.)

Selbst Rockstar werden? Das wäre mit Arbeit verbunden. Wie uncool! 

In der West-Berliner Szene war er der lässigste. Es fehlte ihm nur an Beständigkeit. Seine „15 Minutes of Fame“ dauerten immerhin 16 Monate. So lange betrieb er das „Risiko“.

Zum Schluss bekam er Morphium. Nach schweren Operationen wegen eines Gehirntumors, erst im Krankenhaus, dann in einem Tempelhofer Hospiz. Geschwächt von Hepatitis, Leberzirrhose und neuen Tumoren. Am Ende Morphium. Gegen die Schmerzen, gegen die Angst, gegen das Leben, und dessen letzte Härten. So keuchte sich Alex Kögler aus dem Leben, segelte davon. Sabina war bei ihm, hörte auf seinen röchelnden Koma-Atem, hat sein Verschwinden auf Fotos festgehalten. Als sie ihn selbst nicht mehr festhalten konnte. Im Leben. Als er auch längst schon nicht mehr der Alex war, den sie einst gekannt hatte, mit dem sie etliche Jahre gemeinsam gelebt hatte, frühere Jahre, lange her. Mit Auf und Ab. Und An und Aus.

Äußerlich war Alex kaum mehr wiederzuerkennen, aufgedunsen, zahnlos, weiß- und schütterhaarig. Ein greisenhafter Mann mit 57.

Morphium gegen die finalen Schmerzen. Vorher waren es andere Drogen gewesen. Seine Medizin: Alkohol, Amphetamine, Heroin. Und immer wieder und noch mal: Alkohol. Bis zur Bewusstlosigkeit.

Seine Eltern hatten sich getrennt als er sieben Jahre alt war. Sein Vater, ein bekannter Maler, war fortgegangen aus Berlin, nach Karlsruhe, als Professor an die dortige Kunstakademie. Die Mutter hat Alex in ein Internat am Starnberger See geschickt. Die Schule hat er abgebrochen, und dann – zurück in Berlin – hat er auch eine angefangene Fotografenlehre bald wieder hingeschmissen. Es war die einzige richtige Arbeit, der er je nachgegangen ist. Eine gute Zeit, wie er sich später erinnerte.

Es heißt, dass Süchtige emotional stehen bleiben in dem Lebensjahr, in dem sie der Sucht zum ersten Mal nachgeben. Alex war 15, als er mit dem Heroin anfing. Und er ist sein Leben lang ein kleiner Junge geblieben. Und ein Süchtiger. Der noch als Erwachsener diese weichen, jungenhaften Gesichtszüge trug und vor jedem Spielzeugladen stehen blieb, sich begeistert am Schaufenster die Nase platt drückte, bevor er sich wieder etwas in die Vene drückte.

Weihnachten war er immer bei seiner Mutter. Sie wollte das so, hat seine Gesellschaft erwartet, und er hat sich nie geweigert. Ein Ritual, das eigentlich nicht passte zu seiner Coolness und Antispießerattitüde. Genauso wenig wie bestimmte Redewendungen, die er gerne benutzte: “Ach, wie süß!” oder “Ist das niedlich!”. Ganz ohne Ironie.

Aber sonst war Alex wirklich ein cooler Typ. Auch, oder vielleicht gerade, weil er nicht so rumlief, wie es damals in der harten Berliner Leder- und Nieten-Punkszene üblich war. Als nichtberlinernder Berliner gab er sich als Dandy in feinen Maßanzügen, edlen Hemden und Krawatten, Mänteln aus erlesenen Stoffen und schicken Schals. Farblich alles geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Und weil er ein blendend aussehender Typ war, wie ein Film- oder Rockstar, mit kräftigen dunklen, leicht graumelierten Haaren, wie eine Mischung aus Tony Curtis, Richard Burton, Robert Mitchum und Bryan Ferry, wirkte seine Aufmachung weder lächerlich noch maskiert. Sogar die wildesten Punks fanden ihn cool.

Alex stach heraus aus der Menge. Auch Sabina ist er sofort aufgefallen, als sie ihn das erste Mal sah. Und sie ist ihm aufgefallen. Anfang der 80er Jahre im Café Central am Nollendorfplatz kamen sie ins Gespräch und betranken sich. Es dauerte noch eine Weile – bis sie allen auffielen, als schillernd glamouröses Szene-Paar des Berliner Nacht- und Lebenskünstlerlebens.

So charismatisch er wirkte, so gering war sein Glaube an sich selbst. Heroin half und Alkohol sowieso, bis zur Besinnungslosigkeit.

Neben seiner Passion für den amerikanischen Schriftsteller Jim Thompson und besonders dessen dunklen Roman “The Killer Inside Me”, hatte es ihm die Fernsehserie “Ein Herz und eine Seele” mit Ekel Alfred angetan. Gegensätze im Leben, Gegensätze in den Vorlieben. Er liebte Donald Duck, den ewigen Verlierer, wohingegen er Micky Maus, den altklugen Spießer, nicht ausstehen konnte.

Alex lachte, erzählte lustige Geschichten, zitierte immer wieder Heinz Erhardt, imitierte, improvisierte und betrank sich. Doch vor allem begeisterte er sich für Musik. Für die deutschen Elektroniker von Kraftwerk und Can, die kantige “Deutsch Amerikanische Freundschaft”, die schrägen “Throbbing Gristle”, den knarzigen Captain Beefheart und den smarten Bryan Ferry. Später dann “Frankie Goes To Hollywood”: “Relax, don’t do it” Und Sinead O’Connor: “Nothing Compares To You”. Mit besonderer Vorliebe imitierte Alex die unterschiedlichsten Rockstars, ihre Manierismen, ihre Posen. Sabina fotografierte ihn. Alex Kögler und sein Leben als Gesamtkunstwerk. Sabina dokumentierte. Er liebte die große Illusion des Pop-Lebens. Dass jeder ein Star werden könnte. Vielleicht wäre er selber gerne Rockstar geworden. Doch das wäre mit Arbeit verbunden, und verdammt uncool gewesen. Arbeit war nichts für Kögler, den Dandy, der von regelmäßigen Zuwendungen seiner Mutter lebte, finanziert aus der Erbschaft ihres Vaters, des expressionistischen Malers Arthur Degner.

Ein paar Mal stand er aber doch auf Bühnen. “Die unglaubliche Alex Kögler Band” war wohl mehr Name als eine beständige Band. Mit dem avantgardistischen Musiker Frieder Butzmann und der Gruppe “Wir und das Menschliche e.V.” trat er zwischen anderen schrillen Bands am 4. September 1981 vor 1.400 Zuschauern im Tempodrom auf, beim “Festival Genialer Dilletanten”. Wobei Alex deren Konzept sehr entgegenkam: weil es nicht darum ging, Instrumente oder Musik zu beherrschen, sondern eher um das Unvermögen, das Nicht-Können, das Scheitern, eben das Dilettantische als neuem künstlerischem Ausdruck. Wo die Regeln auf den Kopf gestellt wurden, und es als größere künstlerische Leistung galt, einen Saal leerzuspielen, als beim Publikum anzukommen.

Volltrunken stand Alex auf der Bühne und kreischte markerschütternd: “Ich liebe dich!” Hinter Lärm und Show und Suff eine geradezu rührende Liebeserklärung an Sabina. Aber das war auch schon das Ende von Köglers Musikerkarriere. Um weiterzumachen, hätte er weiter machen müssen, vielleicht ein Instrument spielen, vielleicht singen lernen. Doch das Weitermachen, das Beständige, das Bemühen um etwas, war nicht seine Sache. Fand er langweilig. Spießig. Lieber noch mal etwas ganz anderes machen.

Kögler wurde Kneipier. Nach einer Erbschaft übernahm er das “Risiko” an den Yorckbrücken, eröffnete den Laden neu an Silvester 1984. Eine schmale Bar, die unter Köglers Regie aufblühte zu großer Bekanntheit. Designt von Sabina, kühl und schmucklos, dem damaligen Berliner Zeitgeist der coolen neuen Welle entsprechend, wurde das Risiko für unzählige Musiker, Filmer, Maler, Autoren, Performance-Künstler aller Art zum nächtlichen Wohnzimmer.

Alex Kögler war der charmant unterhaltsamer Gastgeber, um den sich alle scharten, die Großen und die Kleineren der Berliner und der internationalen Szene. Von denen manche Große nicht groß blieben in späteren Jahren, und klein nicht manch Kleine, die irgendwann groß rauskamen. Zu Köglers Gästen gehörten Nick Cave, Wim Wenders, Rainer Fetting, Jim Jarmush, Jeffrey Lee Pierce, Anita Lane, Lydia Lunch, Alan Vega, Christiane F., Bela B. Und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten war eine der legendären Tresenkräfte im Risiko. Die Bar als Bühne.

Und Alex Kögler war mit allen befreundet, alle mochten seine liebenswürdige, humorvolle und großzügige Art. Im Risiko stand er im Mittelpunkt einer großen Nonstop-Party. Seiner Party. Wo sie alle Drogen konsumierten, Konzerten und Happenings beiwohnten, die hier unregelmäßig auf engstem Raum stattfanden. Wo die wahnwitzigsten Pläne entstanden und wieder verworfen wurden, Kunstprojekte besprochen, Bands gegründet und wieder aufgelöst wurden. Kögler soff mit allen, ließ sie umsonst saufen, nahm Drogen mit allen, und soff und soff. Drogen als Medizin und als Spaßmittel, zur Beflügelung. Zum Abheben.

Im Morgenlicht stolperten sie hintereinander aus der schmalen, stählernen Tür, die zwei Stufen runter auf die Yorckstraße.

Um die organisatorische und geschäftliche Seite seiner Kneipe kümmerte Kögler sich weniger. Manchmal griff er in seine Kneipenkasse, um Drogen zu kaufen. Seine treue und besorgte Tresenbelegschaft – Maria, Chris, Blixa oder Sabina – versteckten gelegentlich die Kasse vor Alex. Dass er das Geld nicht gleich wieder zum nächsten Dealer trug, und dass noch genug da war für die Miete und Getränkelieferungen. Trotzdem gingen noch oft genug die Getränke aus. Und Alex lief zu “Leos Futterkrippe” an der nächsten Ecke, um sich ein paar Paletten Dosenbier auszuleihen. Und wenn die Heizung nicht mehr lief, holten sie einen Kanister Öl von der Tankstelle gegenüber.

Samstags gab es Prügeleien. Wenn Alex angeschlagen am Foto: Sabina van der LindenFoto: Sabina van der Linden

Boden lag und ihm das Blut übers Gesicht lief, hatte er immer noch diese weichen, kindlichen Züge, und trotz Dreck und Blut strahlte er immer noch seine aristokratisch dandyhafte Eleganz aus. Sabina hat es fotografiert. Das Gesamtkunstwerk Alex Kögler. Trinkend, blutend, auf Speed und Heroin. Am Boden.

Seine Warhol’schen “15 Minutes of Fame” dauerten genau 16 Monate. Am 30. April 1986 schloss das Risiko. Köglers Party war vorbei. Mit all den vielen Freunden. Alles war weg – Bier alle, Geld alle, die Gäste, die Freunde weg. Nur das Finanzamt war noch da mit seinen Forderungen. Alex fiel zurück ins Nichts, in die Bedeutungslosigkeit. Ein tiefes Loch. Er erhöhte die Dosis. Immer mehr. Bis es zu viel wurde, er loskommen wollte von Berlin. Und vom Heroin. Und er Anfang der 90er zu seiner Mutter nach Malta zog, wo sie inzwischen einen Großteil der Zeit verbrachte. Alex versuchte einen Heroin-Entzug und entdeckte stattdessen Codein-Pillen, die rezeptfrei in maltesischen Apotheken zu bekommen waren. Mitte der 90er zog er mit Sabina für eine Weile in die Hauptstadt La Valetta. Und war immer auf der Suche nach Apotheken mit seinen Lieblingspillen.

Irgendwann gingen sie von Malta nach Antwerpen. Schon damals war die belgische Hafenstadt Europas härtester Drogenumschlagplatz. Harte Zeiten für den weichen Alex. Sie wohnten in einer Gegend, wo Polizeirazzien an der Tages- und Nachtordnung waren. Sabina hat es fotografiert. Auch wie Alex auf seinen Dealer wartete. Total verloren in Antwerpen. Wo die Unordnung immer mehr um sich griff. Wo die Junkies in Alex’ Wohnung Rohre und Leitungen aus den Wänden rissen, um das Kupfer zu verkaufen – für Heroin. Wo Alex fast gestorben wäre an einer Überdosis. Und ihn Sabina gerade noch einmal festhalten konnte im Leben. Nochmal rausrütteln konnte aus dem Tod, ihn noch einmal zurückholen ins Leben. Wo sie selber fast gestorben wäre vor Angst. Bis er die Augen wieder aufmachte und sie glasig ansah: “Was ist los?”

Irgendwann haben sie sich gestritten. Heftig. Alex hat gesagt, sie soll gehen. Sabina ist nach Berlin gegangen, hat einen Entzug gemacht, ist clean geblieben. Alex war davon nicht zu überzeugen. Er hat sich aufgegeben.

Als seine Mutter starb, zog er in ihr Reihenhäuschen in Tempelhof. Er hat alles so gelassen wie es früher war. Nur die Pflanzen sind vertrocknet, weil er sie nicht mehr gegossen hat. Irgendwann wollte er wieder Sabina besuchen. Er könne bleiben, sagte sie, aber die Flasche, die er dabei hatte, müsse wieder gehen. Da ging auch er.

Zum Schluss war er in einem Methadon-Programm. Doch gab er jetzt ohnehin dem Alkohol den Vorzug vor dem Heroin. Weil der Prozess des Verschwindens länger dauert mit Alkohol, das Hinübergleiten in den Rausch, ins Abtauchen. Die schönste Phase eigentlich. Immer wieder noch ein Schluck aus der Jägermeister-Flasche.

Zum Schluss bekam er Morphium und segelte davon. Sabina war bei ihm und sah ihn plötzlich wieder so wie sie ihn kennengelernt hatte vor 33 Jahren. Jung und schön.

H.P. Daniels

“LOST – Last Morning Of Risiko” – Film von Uli M. Schueppel, 1986: https://www.youtube.com/watch?v=kltw0YyRHAY

Bei dem Beitragsbild handelt es sich um einen Screen-Shot aus Roland Klicks Film “White Star” von 1983, in dem Alex eine kleine Rolle spielte.

http://www.imdb.com/title/tt0086578/

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