Archive | February 2015

Illustrierte Lesung – “Die Legende von Xanadu – 1973” / 19. März 2015 – Kulturwerkstatt Danckelmannstr. 9a – 20 Uhr

Brandstifter

Marcus Kluge liest aus seinem ersten Roman und anderen Texten über die Mauerstadt. Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen des Romans, daneben schaut der Autor auf die Punk- und Hausbesetzer-Szene in West-Berlin zurück. Die Lesung wird durch Zeichnungen von Rainer Jacob und Originalfotos aus dem Archiv des Autors illustriert.

“Im März 2014 begann ich eine Kurzgeschichte über einen ehemaligen Schulfreund zu schreiben. Das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn war als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nahm. 1973 starb er an einer Heroin-Überdosis und ich hatte das Bedürfnis zu erzählen, wie es dazu kam. Das Thema packte mich derart, dass, zu meiner eigenen Überraschung, ein Roman daraus wurde.”
Marcus Kluge

Der Inhalt des Romans:

Beaky hat einen Plan, doch wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat Beaky aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…

Marcus Kluge liest aus “Die Legende von Xanadu” und stellt die Crowdfunding-Kampagne für die Buchausgabe vor.

19. März in der Kulturwerkstatt Danckelmannstraße 9a/14059 B.

Einlass: 19.30h Beginn: 20h

Karten: 8.-/4.-(erm.) Euro – Kartenbestellung per E-Mail blindepassagiere@gmx.de

Leseprobe:

Familienportrait Teil 11 – “Der Tod eines Preußen” / 1933 – 46

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Bevor ich zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts komme, gilt es noch eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine traurige, aber typische Geschichte für die Zeit des Nazi-Faschismus in Deutschland. Sie handelt von meiner Großtante Charlotte und ihrem Mann, Paul Springer, der sich preußischen Tugenden verpflichtet fühlte, war Polizei-Offizier. Wie viele Konservative hielt er die Nazis, bei ihrer Machtübernahme, für nützliche Idioten und unterstützte sie wohl auch. Er irrte sich gewaltig.

Auf Fotos sieht er sympathisch aus, ich hätte ihn gern kennengelernt, trotz unserer offensichtlichen politischen Differenzen. Doch das konnte ich nicht. Acht Jahre bevor ich geboren wurde, am 1. Mai 1946 ging er, “ohne Hut eine Zeitung kaufen”, wie sich seine Frau, Tante Lotte, erinnert. Er legte sich auf die Schienen der Heidekrautbahn und starb wenig später am Bahnhof Schildow, wohin man den Schwerverletzten gebracht hatte. Wie es dazu kam, erzähle ich:

Charlotte, die jüngere Schwester meiner Oma, kam auch aus dem heimatlichen Liebenwerda nach Berlin und heiratete, Ende der 1920er Jahre, den Polizei-Offizier Paul Springer. Paul war eine “gute Partie”, ein Beamter, der ein kleines Depot an Wertpapieren zusammengespart hatte. Paul war außerdem ein begabter Hobby-Fotograf. Lotte ordnete sich ihrem Mann unter, da war sie ganz anders als meine Oma. Sie, vielmehr er, entschied sich gegen Kinder. Man wollte ein gutes Leben führen, delikat essen, schöne Kleidung tragen, ausgehen und Reisen machen.

Image  Ländliche Szene

Image  Olympische Spiele 1936

Paul stieg im Polizeidienst auf, in seinen Dienstbeurteilungen wird er gelobt, nur energischer gegen seine Untergebenen solle er werden. Laute Töne lagen ihm nicht, er setzte sich mit Ruhe und Geduld durch. Er fotografierte seine Familie, Sehenswürdigkeiten, spektakuläre Ereignisse und seine Kollegen vom Revier. Während der Olypischen Spiele 1936 war er in seinem Element, ihm gelangen prachtvolle Aufnahmen. Er und Lotte gingen gern ins Kino, manchen Bildern sieht man an, dass sie wie Filmeinstellungen komponiert sind.

Image   Filmreif: Am Bahnhof

Er war kein Nazi, aber konservativ. Anfänglich hatte er Sympathien für die neuen, braunen Machthaber. Wie viele Deutsche machte er den fatalen Fehler, Antisemitismus und Rechtsbruch der neuen Machthaber als “Kinderkrankheiten” zu betrachten.

Image  Ereignisse: 700Jahrfeier Berlin

Image  Kollegen in Zivil

Image Kollegen in Uniform

Zur Konfrontation kam es während der Novemberpogrome 1938. Als am 9. November gegen 22Uhr Geschäfte angegriffen wurden, die Juden gehörten, stellte Paul uniformierte Polizisten als Schutz vor solche Läden in der Friedrichstraße. Um Mitternacht ging auf dem Revier ein Telex der Gestapo ein, nachdem die Polizei jüdische Einrichtungen nicht mehr schützen sollte, bzw. nur Plünderungen verhindern sollte. Paul Springer soll sich noch eine Stunde unsichtbar gemacht haben, doch gegen ein Uhr nachts gab er den Befehl dann weiter.

Damit war seine Karriere im Dritten Reich beendet, der Polizeidienst machte ihm auch kaum noch Spaß. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen, während seine Nazi-Kollegen für unabkömmlich erklärt wurden.

Image  Rechts der Mann mit Tschako ist Onkel Paul

Tante Lotte und er überlebten den Krieg und er erhielt eine zweite Chance sich im Polizeidienst zu bewähren, weil er relativ unbelastet war. Schon im Mai 1945 wurde er von den Alliierten als Fachkraft auf dem Revier 2 angestellt. Kurze Zeit danach konnte er als Reviervorsteher den Wiederaufbau des Reviers 12 leiten.

Als Kind in den 1960ern hörte ich in der Familie, Onkel Paul habe sich in der Nazizeit nicht an Verbrechen beteiligt. Instinktiv hatte ich Zweifel und Historiker haben uns belehrt, die Polizei sei regelmäßig als Helfer der Nazischergen aufgetreten. So dachte ich, es sei nahe liegend Pauls tragisches Ende auch in Zusammenhang mit Verstrickungen in Untaten der Nazis zu sehen. Zur Vorbereitung dieses Textes bin ich nochmal alles Material durchgegangen und fand einen ausführlichen Bericht von Tante Lotte über die fatalen Ereignisse des 1. Mai 1946 und ihre Vorgeschichte. Über sein Motiv könnte ich, nach der Lektüre, nur noch spekulieren und das möchte ich nicht.

Zur Vorgeschichte erfuhr ich dies: Am 16. März 1946 sicherte Paul mit Kollegen eine Fliegerbombe ab, als es zur Explosion kam. Er wurde schwer am Kopf verletzt, Prellungen, Schnitt- und Platzwunden wurden im Krankenhaus versorgt. Trotz einer Gehirnerschütterung wurde er aus der nach dem Unglück überfüllten Klinik entlassen.

Nach einem Tag ging er wieder arbeiten, gegen ärztlichen und freundschaftlichen Rat glaubte er, preußische Disziplin üben zu müssen. Ständige Kopfschmerzen, Schwindel und eine leichte Verwirrtheit, die er gut überspielte, begleiteten ihn. Am 30. Juni war seine Krankheit so offensichtlich, dass er sich arbeitsunfähig schreiben lies.

Lotte schreibt dann: ” Nach dem Frühstück (am 1. Mai) schlief er nochmal. Als er zum Essen aufstand unterhielten wir uns und machten Pläne. Danach beschlossen wir einen Spaziergang zu machen und – da ich noch mit Hausarbeit beschäftigt war – sagte mein Mann, er wolle nur inzwischen eine Zeitung holen. Er ging ohne Hut von mir, ließ die Gartentür offen, weil er wohl die Absicht hatte sofort wiederzukehren. Dann sah ich meinen Mann nicht wieder und erhielt am Abend die schreckliche Gewissheit. Die näheren Einzelheiten über sein Ende bitte ich mir zu ersparen und aus den Protokollen zu entnehmen.” Lotte schieb den Bericht wegen ihres Versorgungsanspruchs an die Schutzpolizei.

Sie erklärt: ” Ich kann mir seinen plötzlichen Tod nur durch seine Kopfverletzung und etwa damit verbundene Besinnungslosigkeit bzw. Umnachtung erklären. Wahrscheinlich hat die Wärme und Gewitterschwüle dazu beigetragen, dass er das Bewusstsein verlor und den uns völlig unbekannten Weg einschlug zu dem uns völlig unbekannten Ort Schildow, um dort den Tod zu finden (oder wie er vielleicht in seinem Zustand glaubte: Ruhe vor Schmerzen und Depression).”

Paul Springer hatte sich vor die Heidekrautbahn gelegt und starb wenig später, wie die Sterbeurkunde sagt, am 1. Mai 1946 um 18 Uhr 45 in Schildow, am Bahnhof.

Image Alle Fotos: Paul Springer ©Marcus Kluge

Text: Marcus Kluge

Die Familienportraits werden demnächst mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgesetzt und sind dann hier zu finden:

http://wp.me/P3UMZB-1

 

Editorial – “Adieu Annemarie”

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Liebe Leserinnen und Leser,

leider sind Annemaries Texte, die ich im letzten Jahr veröffentlicht habe, nicht mehr in diesem Blog zu lesen. Die Autorin hat mich gebeten, sie zu löschen und ich konnte sie nicht umstimmen. Schade, denn ich habe gern dazu beigetragen ihre dichte und gefühlvolle Prosa weiterzuverbreiten. Zum Bloggeburtstag im September 2014 schrieb ich: “Hauptsächlich unter dem Titel „Auf der Straße“ verfasst Annemarie kleine Edelsteine, die in wunderbar prägnanter Sprache von den 70er und 80er Jahren berichten.”

Ich danke Annemarie für die spannende und bereichernde Zusammenarbeit und wünsche ihr für ihre Zukunft viel Erfolg, besonders für ihr Buchprojekt.

Marcus Kluge, 26. Februar 2015

Die Illustration hatte Rainer Jacob für die Annemaries Reihe “Auf der Straße” gezeichnet.

Familienportrait Teil 10 – “Der verlorene Mann” / 1946-49

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“Die kleine Hütte”, Helmut mit Heli Finkenzeller in der Tribüne, Premiere am 8. September 1948.

“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” soll der Grieche Platon schon vor 2400 Jahren geschrieben haben. Alle anderen tragen den Krieg mit sich, so lange sie leben und sie geben ihr Trauma an ihre Kinder weiter. Wäre es also besser, wenn die überlebenden Männer nicht aus dem Krieg zurückkommen würden? Wäre es nicht besser für ihre Frauen und Kinder? Ich bin froh, dass ich diese hypothetische Frage nicht beantworten muss. Denn die Überlebenden kommen zurück, meistens jedenfalls und so war es auch mit meinem Vater.

Genauso wie Penelope ihren geliebten Odysseus, so hat auch Käte Helmut nicht vergessen. Obwohl sie fast drei Jahre nichts von ihm gehört hat. Vielleicht ist er bei den Kämpfen um die Marienburg gefallen? Er könnte aber auch in russischer Gefangenschaft sein. Sie weiß, als deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion, könnte er dennoch tot sein, ohne das sie es erfährt. Mindestens ein Drittel der deutschen Gefangenen überleben die Gefangenschaft nicht. Es ist fast hoffnungslos, aber ein Gefühl hindert sie, Helmut ganz abzuschreiben.

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Käte arbeitet täglich 10 Stunden bei der Polizei

Das Leben geht weiter. Im Herbst 1947 lernt sie einen Mann kennen, er umwirbt sie, eine Liebschaft beginnt. Anfang 1948 ist sie schwanger, genau weiß sie nur, sie will dieses Kind. Bei dem Mann ist sie sich nicht so sicher. Sie bleibt bei ihren Eltern wohnen, inzwischen arbeitet sie im Polizeirevier 12 in Mitte, täglich zehn Stunden. Der Dienst hindert sie allzuviel zu grübeln. Onkel Paul* hat ihr im Dezember 1945 die Arbeit besorgt. Am 1. Mai 1946 hat er sich dann vor die Heidekrautbahn gelegt. Seine Witwe, meine Großtante Lotte wird nie erfahren, wieso. War es wegen einer Gehirnverletzung, seit der sein Bewußtsein getrübt war, oder weil er im Dritten Reich, als Polizist schlimme Dinge tat, mit denen er nicht leben konnte? Vielleicht kam auch beides zusammen?

Bild Kriegsgefangene in Sibirien

Der Sommer 1948 ist heiß. An einem Sonntagmittag klingelt es bei Käte und ihren Eltern, vor der Tür steht ein deutscher Soldat. Er ist nicht mehr jung, sehr dünn und bleich, trotz der Sonne draußen. Der zerschlissene Soldatenmantel schlottert ihm um die Hüften. Erst nachdem er angefangen zu sprechen, und auch dann erst nach einer Weile, erkennt ihn Käte. Helmut ist aus dem Krieg zurückgekehrt, sie umarmen sich, beide schluchzen, weinen. Es dauert bis sie ihre Fassung wiederfinden.

Die Wochen die folgen werden schwierig. Schwierig für Käte, die hochschwanger eine Entscheidung treffen muss. Schwierig für Helmut, der es übelnimmt, dass sie das Kind eines Anderen unterm Herzen trägt. Bei allen Entbehrungen der Gefangenschaft in Sibirien, der Kälte, dem Hunger, dem Verlust jeglicher Menschenwürde, hat er nie die Hoffnung verloren, dass Käte auf ihn warten wird.

Obwohl sie nicht weit auseinander wohnen, sie in der Kaiser-(heute Bundes-)Allee, nahe der Berliner Straße, er in der Brandenburgischen Straße, schreiben sie sich wieder Briefe. Nun freiwillig, nachdem es so lange vom Krieg erzwungen war, hilft es ihnen, ihre Situation zu klären.

Seit 24. Juni ist West-Berlin von den Sowjets blockiert. Seitdem wird die Stadt von US-amerikanischen Flugzeugen versorgt, die Luftbrücke nennt man die beispiellose Unternehmung. Auch die anderen westlichen Allierten beteiligen sich. Britische Maschinen landen in Gatow, die Franzosen richten extra für die Luftversorgung den Flughafen Tegel ein. Die Westberliner leben hauptsächlich von Trockenkartoffeln und Brot. Ein “kartenfreies” Stück Kuchen kostet acht Mark, ein Tageslohn. Der “Otto-Normalverbraucher” wird sprichwörtlich, ein spindeldürrer Gert Fröbe spielt ihn in dem Film “Berliner Ballade”.

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Helmut mit meinem Halbbruder Thomas in der Bundesallee

Käte und Helmut einigen sich, Käte gibt dem “Anderen” den Laufpass, sie wird ihn nicht wiedersehen. Das Ungeborene werden sie aufziehen, als ob Helmut sein Vater wäre. Am 2. September 1948 wird mein Bruder Thomas geboren. Käte hat Glück, es gibt gerade Strom im Kreissaal, das ist nicht die Regel. Am 16. März 1949 feiert die kleine Familie Verlobung, Abendgarderobe wird erbeten.

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Die Einladung schreiben sie auf Ausweisformulare, Papier oder Pappe gibt es nicht im blockierten Berlin.

Helmut hat ein Programm vorbereitet, er rezitiert Hauptmann, Goethe, Tucholsky und Shakespeare. Es wird getanzt. Das kalte Buffet wird schlicht ausgefallen sein. Die Blockade endet erst am 12. Mai 1949.

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Entfernung einer Blockade Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße (Co: Walter Heilig/Creative Commons)

Am 8. September hat Helmut in der Tribüne Premiere, endlich kann er wieder auf der Bühne stehen. Er spielt mit Heli Finkenzeller in “Die kleine Hütte” von André Roussin. Es ist ein kalter 8. September, die Premierengäste werden gebeten Kohlen mitzubringen, damit man das Theater heizen kann. Es wird ein großer Erfolg. 1957 wird das Stück mit David Niven und Ava Gardner verfilmt. Am Tag nach der Premiere heiraten meine Eltern.

Helmut wird mit der Inszenierung von den Amerikanern auf ein Festival eingeladen. Helmut schreibt auf Briefpapier von American Airways: ” Nach jedem Bild Applaus. Zum Schluss doller Beifall. Gustaf (Gründgens) lehnte sich zurück und klatschte bis alles raus war. Nach der Vorstellung kam Gründgens zu uns und lobte meine Darstellung und Regie.” Leider kann mein Vater später nicht an diesen Erfolg anknüpfen.

Bild Maijachen nannte er Käte in Briefen

In den Jahren danach bauen meine Eltern ein Geschäft auf. Mein Vater wirbt Mitglieder, meine Mutter verkauft ihnen Bücher und Platten. Es ist ein Buchklub, doch meilenweit entfernt vom “Bertelsmann Käsering”, wie sie die Konkurrenz taufen. Die Deutschen sind hungrig auf Schriftsteller, die in der Nazidiktatur nicht den Weg nach Deutschland fanden. Sartre, Camus, Hemingway und die vielen Deutschen, die nur im Exil oder heimlich schreiben konnten. In der Musik gilt ähnliches, Swing, Hot und Cool Jazz, aber auch moderne Klassik findet viel Interesse.

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Jazz und moderne Klassik findet viel Interesse

 

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Viele gute Jahre, ein Ball in den 50ern

Ein befreundeter Leser schrieb kürzlich, ich würde meinen Eltern ein Denkmal setzen. Dieses Kompliment muss ich leider zurückweisen. Denkmäler werden aus edlen Stoffen, wie Bronze oder Marmor modelliert. Sie sind stilisiert und fast immer idealisiert. Mein Werkstoff ist jedoch das Leben und dieses ist eben fast nie ideal. Und so wird diese Geschichte nicht wie ein Märchen mit den Worten “Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.”, enden. Viele gute Jahre haben meine Eltern. 1954 werde ich, als Wunschkind, nur mit dem falschen Geschlecht geboren. 1960 promoviert Helmut in Philosophie, im gleichen Jahr eröffnet meine Mutter einen großen, schicken Laden in der Rankestraße. Doch Mitte der 60er Jahre holen das Paar die Schatten der Vergangenheit ein. Neun Jahre Krieg und Gefangenschaft haben meinen Vater nicht nur körperlich gezeichnet, auch seelisch hat er tiefe Narben zurückbehalten. Die Details sollen privat bleiben, jedenfalls hat meine Mutter viele Gründe 1967 die Reißleine zu ziehen und die Scheidung einzureichen.

Mein Vater findet erneut eine Ehefrau, als er krank wird pflegt sie ihn, bis er kurz nach seinem 63. Geburtstag an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft stirbt. Meine Mutter findet noch eine Liebe, die in den 70er unglücklich endet. Trotzdem blickt sie auf ein erfülltes, zufriedenes Leben zurück, als sie 2005 in ihrem 83. Lebensjahr stirbt.

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— von Marcus Kluge

Obwohl wir hier schon etwas weiter in die Zukunft geblickt haben, weil es mir wichtig war die Scheidung als Kriegsfolge nicht zu verschweigen, wird die Reihe fortgesetzt. Die nächste Geschichte handelt von meiner Geburt und meinem Kindermädchen, die zu “My Fair Lady” wurde.

*Die Geschichte von Onkel Paul: https://marcuskluge.wordpress.com/2013/10/10/familienportrait-tante-lotte-und-onkel-paul-ein-preuse-polizist-fotograf-und-sein-tragisches-ende-1933-46-2/

Familienportrait Teil 9 – “Die Welt geht unter” / 1945

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Am 10. November 1942 verlässt Zarah Leander Deutschland. Sie wird nicht wieder ins deutsche Reich zurückkehren. Kurz vorher hat Goebbels noch versucht sie mit Schmeichelei und Geschenken umzustimmen. Doch Zarah hat begriffen, dass Deutschland den Krieg nicht mehr gewinnen kann. “Davon geht die Welt nicht unter” singt sie vor Wehrmachtsoldaten und SS-Männern im UFA-Film “Die große Liebe”. Dieser Film ist mit 27 Mio. Zuschauern der erfolgreichste überhaupt im Dritten Reich und hat am 12. Juni 1942 im UFA-Palast am Zoo Premiere. “Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen” ist ein weiterer Schlager aus “Die große Liebe”, der auch Teil der Durchhaltepropaganda wird. Aber es geschieht “kein Wunder” und für die Deutschen geht im Frühjahr 1945 tatsächlich “die Welt unter”.

Käte bekommt Anfang 1945 den letzten von über 100 Feldpostbriefen von Helmut. Er ist zuletzt in Marienburg, dem heutigen Malbork stationiert. Die im 13.Jh. erbaute Zentralburg des Deutschritterordens hat für die Nazis besondere Bedeutung. Helmut berichtet von einer Feierstunde in einem der Remter, so heißen die Speisesäle der Ordensburg. Dabei trägt er den “Cornet” von Rilke vor. Die klassische Soldatenballade “schwankt zwischen Glorifizierung des Heldentodes und der Sinnlosigkeit (jungen) Sterbens, Gefühlen von überzogener Ehre, Verlust und Traurigkeit.” Was er dabei fühlt, kann er wegen der Zensur nicht schreiben.

Bild Helmut deutet an, er würde Käte bald näher kommen, hofft wohl auf einen Rückzug. Dazu kommt es nicht. Ende Januar besetzen sowjetische Truppen die Stadt Marienburg. Die “Festung” wird sechs Wochen gegen die Rote Armee gehalten und am 8. März 1945 geräumt. Viele hundert Soldaten kommen ums Leben, deren “Hundemarken” keiner sammelt.

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Auch in Berlin beginnt der von der Propaganda beschworene “Endkampf”. Alte und Halbwüchsige werden zum “Volkssturm” eingezogen. Verweigerer werden sofort hingerichtet. Oma Elisabeth und meine Mutter überlegen den Straßenkampf in der U-Bahn abzuwarten. Glücklicherweise kommt Onkel Paul, der wieder bei der Polizei arbeitet, kurz in der Perleberger Straße vorbei. Er warnt die beiden vor der U-Bahn und besorgt ihnen Plätze im Bunker an der Schumannstraße neben dem Deutschen Theater. 40 Jahre später wird meine Tochter dort tanzen gehen.

Dass sie die U-Bahn meiden, ist ein großes Glück. Am 2. Mai sprengt die SS den Tunnel unter dem Landwehrkanal. Das gesamte unterirdische Verkehrsnetz wird dadurch geflutet. Ob nur wenige oder etwa 100 Zivilisten ertrinken weiß man nicht genau, auch das Motiv für die Tat bleibt im Dunkeln.

Zwei Wochen bleiben sie im Bunker. Unter unvorstellbaren hygienischen Bedingungen passieren hier kleine und große Tragödien. Der Schauspieler Aribert Wäscher, der in Hunderten Filmen mitgewirkt hat, unter anderem in Riefenstahls Mammutproduktion von Tiefland (1940-44), klagt und zetert laut vor sich hin. Eine daneben sitzende Mutter hat es schwer ihre Kinder bei Laune zu halten. Nach einem Tag und einer Nacht geht sie zu Wäscher, ohrfeigt ihn, danach verstummt der große Mime.

Bild Oma, Anfang der 40er Jahre

Nach etwa zehn Tagen hören Oma und Käte, es würde zwei Ecken weiter Milch aus sowjetischen Beständen ausgegeben. Sie besorgen sich Kannen und verlassen den Bunker. Der Theatervorplatz ist Niemandsland zwischen den Stellungen des Volkssturms und der Russen. Oma holt ein Taschentuch hervor, schwenkt es und betritt den Platz. Tatsächlich läßt das Feuer nach und die Frauen überqueren den Platz. Es sind die längsten 200 Meter ihres Lebens.

Für den Rückweg zeigt ihnen ein Soldat einen Umweg, sie kommen heil zurück in den Bunker. Nach weiteren drei Tagen sind die Kampfhandlungen zuende. Sie können den Bunker verlassen. Was sie draußen erwartet hat apokalyptisches Ausmaß. Überall lodern noch Brände, der Rauch beißt in den Augen. Es riecht nach verbranntem Fleisch, nicht nur Leichen liegen auf den Straßen, auch viele Pferdekadaver sind der Verwesung preisgegeben. An Laternenmasten hängen Tote, die Schilder um den Hals haben. Darauf stehen Sätze wie, ” Ich war zu feige mein Vaterland zu verteidigen”, oder ähnliches. Auf dem Weg in die Perleberger Straße sehen sie mehr Ruinen als bewohnbare Häuser.

Bild Käte mit Freundin Inge im Tiergarten

Zuhaus verbrennen sie Fotos und Dokumente, auf denen Hakenkreuze zu sehen sind. Russische Soldaten erschießen Männer und Frauen, bei denen so etwas gefunden wird. Für Vergewaltigungen reicht es, dass Frauen anwesend sind. In der Nacht weckt sie Krach im Vorderhaus. Es scheinen plündernde Soldaten zu sein. Oma malt Käte rote Punkte ins Gesicht und steckt sie ins Bett, als ob sie eine ansteckende Krankheit hätte, ein Kopftuch verbirgt die verlockend blonden Haare. Sie haben Glück, noch bevor der Mob ins Hinterhaus eindringt, unterbindet Militärpolizei das Geschehen.

Am nächsten Morgen beschließt Oma Moabit zu verlassen. Tiergarten soll russisch werden, wogegen Wilmersdorf und Steglitz von Amerikanern kontrolliert werden soll. Sie packen ihr wichtigstes Hab und Gut auf einen Handwagen und durchqueren den Tiergarten. Am Zoo passieren sie das ausgebombte Aschingers, sie ziehen die Kaiserallee hoch, die heutige Bundesallee. Oma kennt die Straße gut. Vor dem Ersten Weltkrieg ist sie hier sonntags zum Zoo gelaufen. Nun, 30 Jahre später, hat sie zwei Weltkriege hinter sich.

Die kühle Mainacht verbringen sie im Volkspark. Am nächsten Morgen hören sie von einer leeren Wohnung in der Kaiserallee 181, gleich hinter der Berliner Straße. Sie besetzen die Wohnung, später werden sie behaupten, der Mietvertrag wäre verbrannt. Meine Oma wohnte in dem Haus bis sie, Anfang der 60er Jahre, eine Neubauwohnung in der Prinzregentenstraße bezieht.

Von Helmut hört Käte jahrelang nichts, sein Schicksal bleibt zunächst ein Rätsel für sie.

Bild Das letzte Foto: Helmut, 3. v.re.

– wird fortgesetzt –

Marcus Kluge
Alle bisher veröffentlichten Folgen sind hier verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-1

Berlinische Leben – “Fünfziger Jahre Stadtbummel” / West-Berlin Fotos

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Als Anhang eine Geschichte aus den 50ern:

 http://wp.me/p3UMZB-TR

Fotos: ©Marcus Kluge

Familienportrait Teil 8 – “Sire, geben sie Gedankenfreiheit” / 1943-44

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Kriege enden nicht wirklich, wenn eine Partei gewinnt und die andere kapituliert. Kriege wirken nachhaltig. Noch heute leiden, laut der Uni Leipzig, ca. 3.4% der 60- bis 90-jährigen Deutschen an einer posttraumatischen Belastungstörung infolge des 2. Weltkriegs. Ein Drittel der GIs, die aus dem Irak zurückkommen, haben psychische Probleme. Alkoholismus beobachtet man häufig, die Morphiumsucht wurde früher “Soldatenkrankheit” genannt, so häufig war die Abhängigkeit unter Veteranen. Kurz gesagt: Mit Ende des Krieges fangen viele Probleme erst an.

Die Teilnehmer eines Krieges, egal ob Kombattanten oder Nichtkombattanten, dürfen daran nicht denken. Für sie ist es nötig sich vorzustellen, dass im Frieden alles wieder gut wird und die Träume, die ihnen den täglichen Wahnsinn überstehen helfen, wahr werden. Käte stellt sich vor mit Helmut eine Familie zu gründen und ein eigenes Geschäft zu führen, am liebsten was mit Büchern. Helmut möchte Karriere machen, als Schauspieler und Regisseur und er stellt sich Käte als die Frau an seiner Seite vor.

IMG_20131012_0016 Käte träumt

In Berlin wird das Leben durch die fast allnächtlichen Bombenangriffe bestimmt. Die Nächte bringt Käte häufig, ohne Schlaf, im Luftschutzkeller zu. Tagsdrauf sieht sie dann, wo Bomben häßliche Löcher im Straßenbild verursacht haben und das drückt die Stimmung zusätzlich. Die Briefe, die ihr drei oder viermal in der Woche, der Briefträger bringt, zeigen Käte aber doch, es geht noch schlimmer.

Gerade nachdem Helmut seine Verwundung am rechten Oberarm halbwegs auskuriert hat, wird er wieder in die verlausten Schützengräben geschickt. Das hat Folgen, er erkrankt an Wolhynischem Fieber. Es wird auch Trench Fever genannt, weil es in den Schützengräben des 1. Weltkriegs erstmals beobachtet wurde. Beispielsweise die Schriftsteller Tolkien, A.A. Milne und C.S. Lewis waren damals daran erkrankt. Auch im 2. Weltkrieg hat man noch keine wirksame Therapie dagegen. Schlecht verheilte Läusebisse verursachen das Leiden, doch an den hygienischen Verhältnissen an der Front ändert sich nichts, wie auch.

IMG_20131012_0006 Helmut schreibt

Helmut hat tageweise hohes Fieber, über 41°, dazu starke Kopf- und Gliederschmerzen, der Appetit verläßt ihn, er magert ab. Trotzdem schreibt er fast täglich an Käte, wenn das Fieber hoch ist, bringt er nur riesige, krakelige Buchstaben zustande, der Inhalt ist kaum zu entziffern. Dann ist er wieder klar, verfasst wunderbare Gedichte, die sie auf der Maschine sauber abtippt. Er baut für sein Kätchen und sich ein literarisches Luftschloss, in das sie vor dem Krieg flüchten können. Käte ist beeindruckt, hat Mitleid, ist wohl auch verliebt, doch es ist schwierig. Sie weiß nicht wirklich wer dieser Mann ist.

Ein paar Mal schafft es Helmut für ein paar Stunden oder Tage nach Berlin oder Muskau zu kommen, wohin Kätes Arbeitsstelle wegen der Luftangriffe verlegt wird. Seltsamerweise fühlen sich diese Treffen unwirklich an, sie sind einander fremd. Wenn es romantisch wird oder Helmut ihr zu nahe rückt, wird Käte kratzbürstig. In den Briefen sind sie sich viel näher.

IMG_20131012_0017 Sachlich, manchmal kratzbürstig


Monatelang hat Helmut um ein Studiensemester gekämpft, er kann es kaum glauben, 1944 darf er nach Berlin und ein paar Monate studieren. Käte gibt die Anstellung bei der Wirtschaftsgruppe Glasindustrie auf, um auch wieder in Berlin zu leben, die Angriffe sind ihr egal. Sie und Helmut sind sich einig, in solchen Zeiten ist Fatalismus erlaubt, weder Mann noch Frau können das Schicksal beeinflussen und was passieren soll, wird passieren.

Am 20. Juli 1944 hören sie im Radio, es hätte ein Attentat auf Hitler gegeben, es ist nicht klar, ob er tot oder nur schwer verletzt ist. Am Abend sind sie im Schauspielhaus, Don Carlos steht auf dem Spielplan. Als Marquis Posa vom Despoten, “Sire, geben sie Gedankenfreiheit!” verlangt, gibt es Szenenapplaus. Es ist bekannt, dass dafür schon mindestens ein Deutscher, der an dieser Stelle  geklatscht hat, erschossen wurde. Aber in diesem Moment ist die Furcht weg. In der Pause machen fast alle Zuschauer Pläne, man hofft der Krieg würde bald zuende sein, nun da “der Verrückte” tot ist. Mit England und den USA könne man sich einigen, dann würde man gemeinsam die Sowjetunion niederringen… Auch Käte und Helmut machen Pläne. Plötzlich ist die Erfüllung der Träume ganz nah.

Als sie in der Perleberger Straße die Treppe hochkommen, steht Oma Elisabeth schon in der Tür und macht eine wegwerfende Geste. Hitler lebt, der Umsturzversuch ist gescheitert, Helmut muss schon bald wieder zurück an die Front.

IMG_20131016_0003 Es bleiben Briefe

– wird fortgesetzt –

von Marcus Kluge

Familienportrait Teil 7– “In Germany Before the War” / Black and white photographs from the 1930s – Part 2

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Day of school enrollment

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Raceground Hoppegarten

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Collecting money for the nazis

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Neptun fountain in front of the Stadtschloss

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Olympic fire in front of the Stadtschloss

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Ladies with dog on the countryside

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Golden wedding

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Unter den Linden expecting a celebrity

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Brandenburg Gate on christmas 1937

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Girls school

All photographs by Paul Springer

In Germany Before the War – Part One:

http://wp.me/p3UMZB-13P

The Story of Paul Springer in german:

https://marcuskluge.wordpress.com/2013/09/30/familienportrait-tante-lotte-und-onkel-paul-ein-preuse-polizist-fotograf-und-sein-tragisches-ende-1933-46/

Familienportrait Teil 6 – “In Germany Before the War” / Black and white photographs from the 1930s – Part 1

Bevor ich die “Liebesgeschichte im Krieg” fortsetze, zeigen 2 Foto-Strecken das Berlin und Deutschland der Vorkriegsjahre.

marcuskluge

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On the move

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Folklore at the Lustgarten

My great-aunt Lotte was married to the police-officer Paul Springer. Uncle Paul was a conservative but not a nazi. He was deeply convinced that police should provide shelter for people and therefore he despised the prosecution of the jews. When on 9th november 1938 the nazis raided jewish shops he commanded his policemen to protect jewish property on Friedrichstrasse. This was the end of his career in the Third Reich.

He was an amateur fotographer who focused on his fellow policemen, his family, Berlin and the countyside, namely Bad Liebenwerda, a small town on the prussian border to saxony where Tante Lotte was born. I inherited an album of his pictures, the quality and the freshness of the prints is amazing. Many of the small 5 by 10 cm photographs were destroyed by uncle Paul in the last days of the…

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Familienportrait Teil 5 – “In einer kleinen Konditorei” / 1942

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 Trauma

17 Stunden Dienst im Schützengraben. Als endlich die Ablösung kommt, kann Helmut kaum laufen. Ihm wird ein Schlafplatz zugewiesen, ein letzter Handgriff, wie immer an der Front, schiebt er die drei Goethe-Bände unter den Kopf, als Kopfkissen. Trotz des Gefechtslärms schläft er sofort ein, das lernt man an der Front.

Als die Granate einschlägt träumt er von einem blonden Mädchen mit leuchtenden, blauen Augen. Er erkennt sie nicht. Wach wird er nicht wirklich, er nimmt nur einen heißen, grellen Schmerz an der rechten Schulter wahr. Ein großes Tier muss ihn gebissen haben…

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Auf dem Verbandsplatz bekommt er Morphium, der Sanitäter wundert sich über soviel Dusel bei dem verwundeten Obergefreiten. Wenn der Goethe unter seinem Kopf nicht gewesen wäre, hätte es seinen Hinterkopf zerfetzt, so war es nur der rechte Oberarm. Die Kugel aus dem Schrapnell hat eine klaffende Wunde bis auf den Knochen verursacht. Man versorgt sie soweit es möglich ist, der Weg zum Lazarett ist noch weit.

Traum

Die Wunde entzündet sich, Penicillin haben die Deutschen noch nicht. So kämpft Helmuts Körper drei Tage. Bei 40°Fieber zieht sein Leben an meinem Vater vorbei. Die kurze Ehe mit einer kapriziösen Schauspielerin, Saltos machen für René Deltgen in den UFA-Studios, Boxen, 16 Kämpfe, nur zwei verloren, im Schach remis gegen den deutschen Meister.

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Mit Vera von Langen in den UFA-Studios Babelsberg 1938

Das kommt ihm alles so überflüssig vor, eitel, vertane Zeit. Wenn er hier raus kommt und der Krieg vorbei ist, muss er ein ganz neues Leben beginnen. Alles auf Null und dann durchstarten, promovieren, inszenieren und spielen auch, die großen tragischen Rollen: Mephisto in Faust, Hamlet und den Tempelherren im Don Carlos.

Sein 23 Jahre alter Körper gewinnt den Kampf um sein Leben. Doch er erholt sich nur langsam, was ihm einen unerwarteten Vorteil bringt: Er kann auf Heimaturlaub gehen!

 

In einer kleinen Konditorei

 

Über zwei Jahre dauert dieser Krieg schon. Käte sitzt in einer kleinen Konditorei in der Nähe der Friedrichstraße. Der Gastraum ist fast leer. Draußen wird es schon dunkel. Der Soldat in der feldgrauen Uniform sieht nett aus. Er könnte slawischer Herkunft sein, ein russischer Graf vielleicht. Sie ärgert sich über ihre ausschweifende Phantasie. Sie hält sich zur Sachlichkeit an. Immerhin hat sie es in drei Jahren bis zur Buchhalterin geschafft, und sie ist stolz darauf.

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Ein Stapel Bücher neben sich

Später werden beide nicht mehr wissen, wer als Erster gesprochen hat. Vor Helmut steht ein Stapel Bücher auf dem Tisch, daneben Papier, er schreibt etwas. Ein Gedicht, wie sich herausstellt. Käte ist entzückt, ein Mann, der Gedichte schreibt, so jemanden trifft ein junges Mädchen mitten im Krieg nicht oft.

Sie reden über Gedichte, über Romane, Dramen, Schauspieler, kommen auf immer neue Themen, ohne das sie merken, wie die Zeit vergeht. Helmut erklärt, er möchte nicht das einfache, kleine Glück mit Familie und Büroarbeit, er will aufs ganze gehen und großen Erfolg haben oder eben grandios scheitern. Er warnt das junge Mädchen vor sich, mit ihm würde sie es schwer haben. Sie scherzt und tut als ob sie ihn nicht ernst nimmt. In Wirklichkeit hat seine Warnung etwas sehr Ansprechendes für sie. Bei aller Sachlichkeit, schlummert auch Romantik in ihr. Und alles was mit Dramen, mit Schauspielern und Theater zu tun hat, zieht sie magisch an. Sie steht oft die halbe Nacht an, um Karten für die begehrten, billigen Stehplätze im Schauspielhaus, wo Gustaf Gründgens spielt, zu bekommen.

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Nach Stunden stellen sie fest, es ist bereits viertel vor sieben, sie haben sich total verplaudert. Er hat eine Karte fürs Schauspielhaus, Gründgens, Kätes Lieblingsschauspieler, gibt den Mephisto. Er muss los, Faust läßt man nicht warten. Auf der Weidendammer Brücke trennen sie sich. Bevor sie sich von einander losreißen, drückt sie ihm zu seiner Überraschung einen Kuss auf die Wange.

Sie läuft zur elterlichen Wohnung in die Perleberger Straße, sie ist bester Stimmung. Am Abendbrottisch verkündet sie Elisabeth und Werner: ” Heute habe ich den Mann getroffen, den ich heiraten werde.”

– wird fortgesetzt –

Marcus Kluge

Familienportrait – “Berliner Winter” / Fotos 1930er – 1970er Jahre

Mangels eines echten Winters, hier ein paar historische Aufnahmen.

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Brandenburger Tor 1937

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Krumme Lanke 1937

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Rankestraße 1959

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Volkspark Wilmersdorf 1959

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Leider auch Berlin, 1975

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Volkspark Wilmersdorf 1962

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Hohenzollerdamm 1955

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Familienportrait Teil 4 – “Die Kletterweste” – Jugend im Faschismus / 1933-39

Image   (BDM-Mitglied mit Kletterweste bei einer Propaganda-Veranstaltung)

Am 30. Januar 1933 übernehmen die Nazis mit ihren Verbündeten die Macht in Deutschland. Ein kleiner Österreicher mit einem lächerlichen Schnurrbart wird Kanzler und bildet eine Regierung. 44% der Deutschen bestätigen die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933. Zusammen mit ihren Partnern hat die NSDAP eine absolute Mehrheit. Mit legalen und illegalen Mitteln festigen sie ihre Macht um, wie sie erklären, ein 1000jähriges Reich zu errichten. Käte, meine Mutter, ist eben zehn geworden.

Käte ist politisch interessiert, liest die Morgenzeitung und sieht durchaus Gutes im “Dritten Reich”. Die Arbeitslosen werden weniger, scheinbare “Verbrecher” werden verhaftet, sogar gegen die Prügelstrafe in der Schule sprechen sich die braunen Machthaber aus. Für ein naives kleines Mädchen wirkt das durchaus positiv. Als die Lehrerin eine Schülerin ohrfeigt, steht Käte auf und protestiert. Die Aktion endet beim Rektor, zähneknirschend gibt man ihr Recht.

Bald treten viele Mädchen in den Bund Deutscher Mädel ein. Noch ist es nicht Pflicht, aber Käte würde auch gern mit tun. Oma ist natürlich dagegen, sie hat nicht umsonst 1918 die rote Fahne durch Berlin getragen, sie klärt Käte über die wahren Absichten der Nazis auf. Das Kind ist beeindruckt, aber trotzdem möchte sie eine braune Kletterweste haben, wie sie die BDM-Mitschülerinnen tragen. Das Kleidungsstück übte wohl ähnliche Anziehungskraft aus, wie manche Markenkleidung auf die heutige Jugend.

Nicht alle BDM-Erfahrenen erinnern sich positiv an die knapp taillenlange Jacke. Sie hatte den Nachteil, sich am Oberkörper hochzuziehen, man scherzt, eben deshalb hieße sie “Kletterweste”. “Affenhaut” wird sie auch genannt. Aber der alterstypische Neid ist ausgeprägt, vor allem will sich Käte nicht ausgeschlossen fühlen.

Das Weihnachtsfest kommt, meine spätere Mutter hofft noch immer auf das von ihr begehrte Kleidungsstück. Unter dem Christbaum liegt dann tatsächlich eine Kletterweste, eine marine-blaue. Käte ist sauer, Oma hat sich durchgesetzt.

1936 finden Olympische Spiele in Berlin statt. Noch einmal wird die Stadt zu einer quirligen Metropole, bevor der braune Mief sich endgültig wie ein Schleier über Berlin legt. Käte ist begeistert, zum einen von den Sportlern aus aller Welt, dem Trubel Unter den Linden und zum anderen von der leckeren Coca-Cola, die sie zum ersten und für viele Jahre letzten Mal genießt.

Image Olympia 1936, Käte mit dunkler Jacke schaut den Fotografen an.

Jesse Owens, der dunkelhäutige Athlet, der mit vier Goldmedaillen der erfolgreichste Sportler wird, beeindruckt sie nachhaltig. Sie registriert, dass Hitler dem “Neger” den Handschlag verwehrt. Oma erklärt ihr den Rassismus, der dahinter steckt. Käte ist 13.

Am 1. Dezember 1936 wird die BDM-Mitgliedschaft Pflicht. Käte wird mit Vorbereitung eines “Kulturabends” betraut. Meine Mutter rezitiert Hölderlin und Goethe, die Scharführerin ist entsetzt, danach braucht Käte keine Aufgaben mehr in der weiblichen Ausgabe der Hitlerjugend zu übernehmen. Zur Mitläuferin gezwungen, erlebt sie die “Heimabende” als krampfhaft und langweilig.

Image  Dorotheen-Oberlyzeum, Käte mit zwei Freundinnen, 1937.

Am Dorotheen-Oberlyzeum empfindet sie das Klima als zunehmend unangenehm, politische Stellungnahme im Sinne des Nazi-Regimes ist gefragt. Meine Mutter möchte unbedingt Abitur machen, auch wenn sie weiß, dass ein Studium außerhalb der finanziellen Möglichkeiten ihrer Familie ist. Das Einkommen eines BVG-Schaffners reicht gerade fürs Nötigste, vielleicht würde Onkel Paul, der sie sehr gern mag, ihre Ausbildung unterstützen. Aber Oma Elisabeth, resolut wie sie war, bereitet diesen Träumen ein Ende. Mit Beginn der Sommerferien 1938 ist für meine Mutter die Schulzeit vorbei. Omas Entscheidung war erstmal schmerzhaft für Käte, aber Elisabeth kalkuliert richtig, es wird für eine junge Berufstätige leichter sein, unter dem Radar des Regimes zu fliegen, als für eine Abiturientin und Studentin.

Von nun an wird Käthe auf das h in ihrem Vornamen verzichten, Käte findet sie moderner, einfach sachlicher. Sachlich ist ein Schlüsselwort für junge Frauen, die sich in der Arbeitswelt durchsetzen wollen, schon seit den 20er Jahren. Romantik, oder gar Liebe, spielt in ihrem Leben keine Rolle, dass wäre ja auch sehr unsachlich.

Image Im Sommer 1938,  wandern mit Onkel Paul und Tante Lotte.

Sie hat keine Ahnung, was sie aus ihrem Leben machen soll. Sie ist fast verzweifelt, sie glaubt nirgendwo gebraucht zu werden. Fast jeder junge Mensch hat wohl eine solche Phase. Bei mir hat sie fast zehn Jahre gedauert, was heute bei der Generation “Praktikum” auch zunehmend die Regel wird.

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Image   “Arbeitsbuch” in Nazi-Deutschland.

Bei Käte sind es ein paar Monate der Unsicherheit, dann bekommt sie ihr “Arbeitsbuch” und das Arbeitsamt schickt sie zur Wirtschaftsgruppe Glasindustrie. Das Arbeitsbuch war ein Mittel, die freie Berufswahl grundsätzlich einzuschränken, nach 1935 zudem ein Instrument der wirtschaftlichen Mobilmachung.

Man stellt Käte als Bürogehilfin ein. Sie hat einen Platz im Leben gefunden, sie verdient Geld, kann ihre Eltern unterstützen. Eine Zeitlang ist sie sehr zufrieden, fast glücklich. Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Der Krieg wird Kätes persönliche Welt nachhaltig und unwiderruflich erschüttern. Doch sie wird auch die Liebe ihres Lebens kennenlernen in diesen furchtbaren Jahren.

M.K.

– wird fortgesetzt –

Im nächsten Teil der Familien-Saga beginnt die “Liebe in Zeiten des Krieges”. Sechs Jahre wird es dauern, bis die Liebenden zueinander finden.

Familienportrait Teil 3 – “Straßenbahnen, Schokoschrippen und Fackeln” / Oma Elisabeth – 1919-33

Am 9. November 1918 rufen Scheidemann und Liebknecht die Republik aus. Meine Oma Elisabeth steht wie alle Deutschen vor einem kompletten Neuanfang. Die Vorkriegswelt, in der jeder wusste, wo sein Platz war und was er erreichen konnte im Leben, existierte plötzlich nicht mehr.

Zum einen ist die Freude groß, der Krieg ist zu Ende und ein korruptes System von Adel, Beamtentum, Militär, Landjunkern hat sich scheinbar weitgehend aufgelöst. Zum anderen ist Deutschland, dass den Krieg angezettelt hat,  zerstört und geächtet. Es wird auch wegen der Versailler Verträge lange brauchen, bis seine Bürger es wieder aufgebaut haben werden.

Elisabeth, meine Großmutter, ist trotzdem froh, sie hat Arbeit bei OSRAM, braucht nicht hungern und steht auf eigenen Beinen. Allerdings möchte sie eine Familie gründen. Im Krieg hatte man andere Sorgen, doch jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. 1920 ist sie 25, sie ist selbstbewußt, der Krieg hat sie ein wenig hart gemacht. Also sucht sie einen Mann, der sie nicht dominieren will. Viele Männer sind infolge des Krieges verroht. Einen derben Kerl, wie es ihn jetzt häufig gibt, der säuft und schlägt will aber sie nicht, da bliebe sie lieber allein.

Sie hat Glück, sie begegnet Werner. Er ist groß, hat einen schicken Schnurrbart und ist eher zurückhaltend. Sie verlieben sich, aber Elisabeth hält ihn auf Abstand. Es gibt da noch einen Mangel, Werner ist wie so viele Zeitgenossen arbeitslos. Eine Kollegin bei OSRAM verrät ihr, die BVG sucht Männer.

Am nächsten Morgen weckt sie Werner um vier, lässt kein Pardon gelten und schickt ihn zum Betriebshof Moabit in der Wiebestraße. Heute kann man dort, in der Classic Remise, historische Autos bewundern. Ohne Arbeitsstelle brauche er gar nicht wiederzukommen, gibt sie ihm in ihrer resoluten Art auf den Weg.

Image Tatsächlich wird er auf Probe angestellt. Er bewährt sich beim Dienst auf der Straßenbahn, kann sich durchsetzen, kein blinder Passagier entgeht ihm und trotzdem bleibt er immer freundlich. So ist er bald Straßenbahnschaffner und wird es 40 Jahre lang bleiben.

Das Paar findet eine kleine Wohnung in der Stephanstraße, nicht weit vom Depot und am 26.12.1922 wird Käte, meine Mutter geboren. Oma hört auch zu arbeiten, von Werners Lohn können sie leben, natürlich ohne große Sprünge zu machen.

Image  Werner (Mi.) mit Kollegen

Auch Schwester Lotte hat Glück, sie lernt Paul Springer, einen Polizei-Unteroffizier kennen. Paul sieht blendend aus, kommt aus guter Familie und nimmt sie auch ohne Mitgift. Paul hat Lebensart, isst gern und gut, sie machen kleine Reisen. Kinder wollen sie nicht, sie schätzen ihre Unabhängigkeit. Paul fotografiert viel, die Familie, Sehenswürdigkeiten und seine Kollegen vom Revier.

Image   Lotte und Paul vor dem Berliner Dom

Image  Die kleine Käte vorm Weihnachtsbaum

Käte geht nach der Schule gern zu Tante Lotte in die vornehme Schumannstraße nahe dem Deutschen Theater. Sie bekommt Schrippen mir Schokolade, montags mit Schweinebraten-Resten vom Sonntag. Tante Lotte betuttelt ihre Nichte gern. Von ihrer Mutter wird die kleine Käte nicht so herzlich behandelt. Ihre Mutter schlägt sie nie, aber Umarmungen und Küsse sind sehr selten.

Manchmal darf Käte ihrem Vater warmes Essen im Henkelmann ins Straßenbahndepot bringen. Das Kind ist beeindruckt von der riesigen Halle mit den spiegelblanken Wagen. Werner ist schmuck in seiner Uniform und er liebt seinen Dienst.

Am 30. Januar 1933 ist Käte 10 Jahre alt. Die Familie sitzt am Abendbrottisch, durch das offene Fenster hört man kehlige Männerstimmen und im Takt marschierende Stiefel. Der schweflige Geruch der Fackeln mischt sich mit dem Testosteron-Dunst der vom Erfolg berauschten Männer. Die Familie hat kein Radio, aber sie wissen, die Nazis haben die Wahl gewonnen und es wird keine gute Zeit folgen.

Das Kind fragt, wer da draussen singt und grölt? Die Mutter geht zum Fenster, schlägt es zu und zieht die Vorhänge davor. Sie setzt sich wieder und antwortet ärgerlich: “Ess, ess, mein Kind!”

M.K.

In den nächsten Folgen geht es um Kletterwesten, Kätes ersten Job und die große Liebe mitten im großen Krieg. Demnächst in diesem Blog.

Berlinische Leben – “Alles Dufte” / Aktualisiert – Kleines olfaktorisches Aide-Mémoire

(Aktualisiert! Im Anhang dokumentiere ich die olfaktorischen Erinnerungen der Leser, wie sie auf Facebook gepostet wurden.)

Der Geruchssinn ist im entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil unseres Gehirns angesiedelt. Die Nase ist so eng, wie kein anderes Sinnesorgan, mit dem Ort im Gehirn verbunden, an dem sensorische Informationen analysiert werden. Marcel Proust hat der Geruch von in Tee getunkten Madeleines zu seinem Monumentalroman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” inspiriert. Mich schickte kürzlich mein Geruchssinn auf eine Erinnerungsreise, als ich beim Friseur saß und den typischen Duft dieser Lokalität roch.

In meiner Erinnerung hat jedes Berliner Jahrzehnt, das ich erlebt habe, einen eigenen, bestimmten Geruch. In meiner Vorstellung gesellt sich meist noch eine Tageszeit und ein typischer Ort dazu. Natürlich sind diese Assoziationen sehr subjektiv und von meiner Biografie bestimmt, trotzdem würde mich interessieren, ob jemand meine Retrospektive teilt, deshalb habe ich sie als kleines Aide-Mémoire aufgeschrieben.

Obwohl ich 1954 geboren bin, habe an die 50er Jahre nur wenige kleine Erinnerungs-Bruchstücke. Zum Beispiel wie ich mit vier oder fünf beim Friseur am Hohenzollerndamm, gegenüber von unserer Wohnung, warten musste. Es roch nach angesengten Haaren, Shampoo und Haarspray. Der warme Raum war voll vom Geplauder der Friseurinnen und ihrer Kundinnen. Zur Unterhaltung hatte man mir einen Stern gegeben und die Comic-Seite der Zeitschrift aufgeschlagen. Ich war fasziniert von Julio dem Gummipferd. Aber eine andere, noch frühere Erinnerung drängt sich vor. Bis ich drei war, hatte ich ein Kindermädchen, weil meine Mutter in der großen Altbauwohnung nahe der Uhlandtstraße auch ihren Buch- und Phono-Klub betrieb und sehr beschäftigt war. Erika hieß sie und morgens hatte sie die Pflicht in sechs Zimmern die Öfen anzuheizen. Normalerweise trug sie mich auf dem Arm, doch um zu arbeiten, setzte sie mich neben dem Ofen ab und ich wartete sehnsüchtig darauf wieder zurück an meinen Lieblingsplatz an ihrem Busen, sicher von ihrem Arm gehalten, in den Duft ihrer Haare und ihrer Haut, zurückzukommen. Natürlich roch es auch nach altem Rauch, Asche, Kohle und Kohlenanzündern.

IMG_20140309_000160er: Sommerliebe

Für die 60er Jahre ist der frühe Morgen im Sommer, die Zeit, die mir als Erstes einfällt. Wahrscheinlich war ich auf dem Weg zur Grundschule in der Prinzregentenstraße, der fast komplett durch Volkspark Wilmersdorf führte. Später Anfang der 70er bot sich diese Szenerie wieder, wenn ich mit Rainer, morgens aus einer Disco in Richtung Heimat steuerte, um mit ihm noch tiefsinniges Gespräch zu führen. In beiden Fällen roch es nach Blumen und Gras, eben nach Sommer.

IMG_20150205_000270er: Desillusionierung

Die mittleren und späten 70er wecken bei mir stets das Gefühl von Enttäuschung und Desillusionierung. Die 68er Revolte schien fehlgeschlagen zu sein und meine persönliche Entwicklung war in einer Sackgasse steckengeblieben.
Es dämmerte und der Novemberabend roch nach Winter, das erste Mal in diesem Herbst. “Schneeluft” nennen manche Menschen das auch. Aus unerfindlichen Gründen verband ich diesen Geruch und diese Tageszeit mit den 70er Jahren. Keine andere Situation war typischer für das zuende gegangene Jahrzehnt. Der Beginn der Nacht am Anfang des Winters, wenn ich wieder einmal feststellte, dass der vergangene Tag mich nicht weitergebracht hatte. Schon weil ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hin wollte.

IMG_20140726_000380er: Lange Nächte

In den wilden 80er Jahren waren die Nächte lang. Ich befinde mich nachts um drei in einem Klub. Wieso ich noch da bin, weiß ich nicht, ich habe es einfach nicht geschafft nach Hause zu gehen. Es reicht nach Rauch, schalem Bier, Make-Up und ein Hauch von schnellem Sex weht aus Richtung der Toiletten bis auf die Tanzfläche.

IMG_20130820_000290er: Lange Tage

Die 90er Jahre waren für mich das Jahrzehnt der Arbeit. Vielleicht weil ich spät angefangen habe so etwas wie eine Karriere zu verfolgen. Es ist die Mittagspause, ich sitze mit Kollegen in der Kantine und plötzlich und unerwartet steigt in mir das dringende Gefühl auf, völlig falsch an diesem Platz zu sein. Es riecht dampfig-mampfig nach Großküchenfraß, nur Hunger und Gewohnheit lassen mich das Zeug verzehren.

Lassen wir es damit bewenden. Das neue Jahrhundert mir noch zu nahe für die Bildung olfaktorischer Legenden. An welche Berlinische Gerüche erinnert ihr euch, wenn ihr zurückdenkt?

M.K.

Foto 80er Jahre: ©Ingrid Johnson, alle anderen: ©Marcus Kluge

Auf Facebook haben sich viele Leser an ihre eigenen olfaktorischen Erlebnisse erinnert. Einige davon dokumentiere ich hier:

West-Berliner Mauerkinder:

  • Angelika Biermann Vielleicht nicht ganz hier passend – aber der Geruchssinn ist wirklich eng mit dem Gedächtnis verknüpft. Ich habe ab meinem 18. Lbj. durchgehend sehr stark geraucht und mit 53 Jahren aufgehört. Mittlerweile konnte ich fast nichts mehr riechen. In den eMehr anzeigen
  • Marcus Kluge Passt sehr gut, finde ich, Angelika. Danke fürs teilen.
  • Cornelia Grosch Ich weiß noch genau, wie die DDR roch. Aber was war das eigentlich für ein Geruch? Putzmittel, Bodenbelag? Mittlerweile wohl aus der Welt verschwunden…
  • Cornelia Grosch Und die berühmte Berliner Luft im Winter (Smogalarm, Ofenheizung)…
  • Antje Lücke Genau, Cornelia… ich habe ein Reisetagebuch, so ein Chinateil mit Satineinband, das damals immer im Zug mitgereist ist. Und in dem sind nicht nur einige Frankreichreisen festgehalten, nein, es hat auch den Geruch eines Reichsbahnzuges konserviert. Ja, es war Putzmittel. Wie ich feststellte, etliche Bahnhöfe im ehemaligen Osten riechen immer noch leicht danach.
  • Antje Lücke Eine sehr intensive Kindheitserinnerung kommt bei mir auf, wenn ich zur Lindenblütenzeit irgendwo auf einem Berliner Gehweg bin. Dann erinnere ich mich daran, wie klein und bodennah ich mal war und wie es sich angefühlt hat, über den Bürgersteig zu gehen. Und ein Geruch, der natürlich auf ewig in meinem Gehirn festgesetzt ist: frisch gezogene Matrize morgens in der 1. Schulstunde.
  • Rainer Jacob Einmal bin ich auf den S-Bhf. Friedrichstrasse in den Osten gegangen und alles roch nach Amoniak (Katzenpisse), die haben das als Reinigungsmittel eingesetzt. Es gibt auch den typischen Berliner Altbaumodergeruch der aus den Kellern in den Hausflur kriMehr anzeigen
  • Christine Tarawally Bei mir gehört der Geruch von Sarotti und Hinz& Küster zur Kindheit dazu. Je nachdem wie der Wind stand.
  • Andrea Steinbrück Um meine olfaktorischen Erinnerungen in Jahre oder Jahrzehnte einzuteilen, müsste ich noch einmal länger überlegen, aber stark in Erinnerung habe ich als Kind 4711, echt Kölnisch Wasser, den Geruch von frisch gewaschener und gemangelter Wäsche, wenn meMehr anzeigen
  • Antje Lücke Genau, Kopien rochen damals echt übel und auch die Haptik war unangenehm. Ganz zu schweigen vom drauf schreiben *kratz*. Denke ich an die 70er, fällt mir tatsächlich vor allem Parfüm ein. Die Avon-Parfüms meiner Mutter… Limara Green Summer, was ich mMehr anzeigen
  • Antje Lücke Und ein berlintypischer Geruch: Gestern wie heute die U-Bahn. Als Spandauer Kind war so eine U-Bahnfahrt ja was Besonderes. Alle paar Monate fuhren Muttern und icke nach Mariendorf zu meiner Patentante und das war immer spannend. Die Geräusche und Gerüche der U-Bahnfahrten meiner Kindheit sind immer noch präsent. Auch wenn ich später jeden Tag damit fuhr.
  • Andrea Steinbrück Ja, das stimmt, speziell der U-Bahngeruch, da ich auch aus Spandau bin, sind wir nicht sooft U-Bahn gefahren, die gab es ja damals noch nicht
  • Antje Lücke Von Ruhleben halt, wenn man wirklich mal wo hinmusste, wo der Bus nicht hinfuhr oder es zu weit für den Bus war. Zum Zoo kam man von Spandau ja mit Bus.
  • Manuela Golze waschkueche, oller muffiger keller und Kohlenkeller …..anna ecke war ne Tankstelle und dem Bäcker, wenn er morgens die Brötchen und das Brot frisch gebacken hatte, dann Omas 4711, opas Old spice…..und den Geruch von der Eisdiele ….
  • Christine Tarawally Also ich finde seit es in der U-Bahn zahlreiche Bäcker und Imbisse gibt, riechts nicht mehr nach U-Bahn.
Heike Schmitz Der Geruch im Sommer. Wenn es nach langen Hitzetagen gerade angefangen hat zu regnen… Ein Geruch, der einfach unverwechselbar ist.Ich liebte das als Kind schon. Und dann, wenn ich bei meiner Oma im Wedding war, Nahe Amrumer Straße, da roch es immer nach Brauerei. Ein schwerer Geruch. Aber die Umgebung war erfüllt damit. Werde mich immer dran erinnern.
Freies West-Berlin:
Volker Hauptvogel Manchmal roch es im Winter wie im Sommer.
Karola Geisler: die gerüche meiner kindheit: brathering, weisskohleintopf, brühkartoffeln, bohnerwachs, schulduft, kaugummi mit schauspielerbildern (habe noch einen grossen stapel der fotos) seifenladen, fleischerei, kaffeeladen an der oberbaumbrücke mit dem grossen rad im schaufenster (haben marchlewskistr. v. 52 bis 61 gewohnt erstbezug an der weberwiese) und stullentasche mit dem duft der stullen, den man niiiiieee im leben vergisst usw……..*grins*

Familienportrait Teil 19 – “Phonoklub im Agrippina-Haus in der Rankestrasse 5-6″ / 1960-70

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Europäischer Buch- und Phono-Klub in der Rankestrasse

Meine Mutter hat hier von 1960-70 Bücher und Schallplatten an Klubmitglieder verkauft. Der Laden befand sich im 1955 fertig gestellten “Agrippina-Haus” in der Rankestraße 5-6, dass einer Versicherung gehörte.
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Die Inneneinrichtung im Stil der späten 50er Jahre wurde zum großen Teil extra angefertigt. Z.B. die Regale und Thresen aus Teakholz mit Holz-Intarsien. Besonders schön war der 7m lange Phonotresen mit Bakelithörern. Als wir den Laden aufgeben mussten, weil Bertelsmann den Franchisegeber aufgekauft hatte, haben wir leider die Tresen und andere Möbel wegwerfen müssen. Niemand interessierte sich für die Nifty-Fifties. Zwei Lampen habe ich noch.

Mitte der 60er kam ich oft am Nachmittag, nach der Schule, mit einem Freund in die Rankestraße. Auf dem Parkplatz, heute ist dort der Los-Angeles-Platz, zeigten wir den Autofahrern Parkplätze und bekamen Trinkgeld dafür. Das gaben wir dann im Europa-Center für Softeis aus. Gern fuhren wir mit dem Fahrstuhl bis zum Dach des Hochhauses. Dort kuckten wir durch die Ferngläser, manchmal drehten wir uns solange bis wir schwindlig wurden. Am frühen Abend holten wir Mädchen vom Eislaufen ab, es gab ja noch eine Eisbahn inmitten des Europa-Centers.
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Neben den Klubauflagen von Büchern und Platten, gab es noch die sogenannten Industrie-Schallplatten, damit wurden die normalen LPs und Singles gemeint, wie es sie auch in jedem Plattenladen gab. Das bedeutete für mich, wenn ein neues Beatles- oder Rolling Stones-Album erschien, konnte ich es am Erscheinungstag hören und manchmal auch nachhaus mitnehmen. Ich erinnere mich an “Their Satanic Majesties Request” von den Stones, “Ogdens’ Nut Gone Flake” von den Small Faces mit dem runden Cover und besonders “Sgt. Pepper’s”, die ich behalten durfte. Es war ein Ausschneidebogen aus Pappe dabei. Zum Karneval schnitt ich dann die Epauletten, einen Orden etc, aus und bastelte mir eine Sgt. Pepper’s Uniform.
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Im Geschäft wurden auch Lesungen und kleine Konzerte veranstaltet. Der Staatsschauspieler (Ja, so hieß das damals) Wilhelm Borchert war ein Freund meiner Mutter. Im ersten deutschen Nachkriegsfilm, “Die Mörder sind unter uns”, spielte er 1946 die Hauptrolle als desillusionierter Kriegsheimkehrer unter der Regie von Wolfgang Staudte. Die weibliche Hauptrolle spielte Hildegard Knef. Hier liest er aus Franz Kafkas Schriften.
http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Wilhelm_Borchert
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Details mit Noten-Linien, -Schlüsseln und pfeifenden Spatzen
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Gegenüber vom Klub, wo heute das Steigenberger Hotel und Park liegen, war damals eine Freifläche. Nachdem sie den Klub 1970 aufgeben musste, führte sie noch 15 Jahre einen Laden in Friedenau, als Angestellte. In den Klub-Räumen in der Rankestraße sind heute Versicherungsbüros, nichts erinnert mehr an die 60er Jahre, selbst die Wandmosaiken sind beseitigt worden.

M.K.

Alle bisher veröffentlichten Folgen sind hier verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-1

Familienportrait Teil 2 – “Tränen, Erbsensuppe und die rote Fahne” / Oma Elisabeth1895-1918

Die Mutter meiner Mutter, Elisabeth Hellmich, wurde im September 1895 als zweite Tochter des Ehepaars Schnelle in Liebenwerda an der Grenze zu Sachsen geboren. Um das Jahr 1910 wurde sie nach Berlin geschickt, um dort in der Fremde als Hausmädchen zu arbeiten; “in Stellung gehen” nannte man das.

Es muss für die junge Frau hart gewesen sein, allein in der großen Stadt, ihr Glück zu suchen. Dienstmädchen wurden nicht gut behandelt. Schläge und sexuelle Übergriffe durch die “Herrschaft” waren an der Tagesordnung und wurden meist toleriert.

Am Sonntag Nachmittag, wenn Elisabeth frei hatte lief sie zu Fuß, um das Fahrgeld zu sparen, von Steglitz die Kaiserallee (heute Bundesallee) hoch, in Richtung Kudamm. Die Gartenlokale wie “Schramms am See”, dort wo heute der Volkspark Wilmersdorf liegt, reizten sie nicht. Dort wurde geflirtet, geschwooft und getrunken, es ging ihr dort zu derb zu und sie hatte kein Interesse Männerbekanntschaften zu machen.

Ihr Ziel war der Bahnhof und das, über die Grenzen Berlins bekannte Etablissement “Aschingers”. Dort gab es die berühmte Erbsensuppe und der Clou war, man durfte dazu so viele Schrippen essen, wie man wollte. Hier ging man relativ respektvoll mit dem jungen Mädchen um und hin und wieder mag sie auch mit anderen Gästen ins Gespräch gekommen sein. Oft saß sie jedoch allein vor der Suppenterrine und wenn sie an ihre Heimat und ihre Schwestern dachte, liefen ihr Tränen übers Gesicht und fielen in die Suppe.

Mit dem Beginn des Krieges 1914, änderte sich vieles. Frauen wurden in den Fabriken gebraucht und Elisabeth fing an bei Osram zu arbeiten und stellte Glühbirnen her. Sie wurde unabhängiger, kam sich freier vor und war nicht mehr so allein. Später kam ihre vier Jahre jüngere Schwester Charlotte auch in die Hauptstadt. Die dritte Schwester Martha blieb in Liebenwerda, ich vermute weil sie den Vorzug hatte die Erstgeborene zu sein.

Viele Jahre bestimmte dann der Weltkrieg das Leben der Frauen mit all seinen Härten, wie Hunger, Kälte und Unsicherheit. Elisabeth wurde eine resolute Persönlichkeit, die einen grossen Gerechtigkeitssinn entwickelte. Schließlich kapitulierte Deutschland, die Monarchie brach zusammen. Während der Novemberrevolution ging auch meine Oma auf die Straße. Jemand drückte ihr die rote Fahne in die Hand, diese trug sie bis es dunkel wurde. Dann ihr taten die Füße weh, also gab sie das revolutionäre Symbol weiter und marschierte nach Hause. Das war ihr kleiner Anteil an der Revolte, von dem sie später gern erzählte. Als ich 1968/69 auf die Strasse ging, um gegen Vietnamkrieg und andere skandalöse Zustände in der Welt zu demonstrieren, gehörte sie zu den wenigen Erwachsenen, die Verständnis für mich aufbrachten. Nachdem sie zwei Weltkriege überlebt hatte, war ihr Fazit: “Sollen doch die Anführer der Völker gegeneinander kämpfen, statt die Völker in den Krieg zu schicken.”

Das Foto oben zeigt Oma Elisabeth 1975 mit mir auf ihrem Balkon in der Prinzregentenstraße. Auf dem zweiten Bild sieht man die drei Schwestern Schnelle (v.l. Martha, Charlotte, Elisabeth) noch ledig, vor dem 1. Weltkrieg, schick heraus geputzt. Das jüngere Foto (ca. 1927)ImageImage zeigt von links, meine Oma Elisabeth, meine Mutter als kleines Mädchen, Omas Schwester Charlotte und eine Unbekannte. Hier wirken die Damen auf mich erwachsener, recht selbstbewusst und stolz auf ihren Status als nicht mehr berufstätige Ehefrauen.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Der nächste Teil erzählt, wie es Elisabeth in den 20er Jahren erging und endet mit der Machtergreifung der Nazis 1933.

Familienportrait – Die Serie

Es begann an Ostern 2013, das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.

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Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die “Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde. Die Fotos, die einen Zeitraum von 1920 bis heute abdecken halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Irgendwann fing ich an, im Kopf Geschichten zu formulieren, aufschreiben war die logische Folge. Zusätzlich motiviert wurde ich, als Julia, die Stieftochter aus meiner Ehe, im Juli selbst eine Tochter bekam und mich zum Opa machte.

Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Mich interessiert das Allgemeingültige der Geschichten und wie die “große Politik” in das Leben der “kleinen Leute” eingreift. Ich bin der Wahrheit verpflichtet, doch manchmal lege ich die Betonung auf ein bestimmtes Thema, weil es für mein eigenes Leben von Bedeutung war und ändere damit die Proportion. Ein weiteres Motiv ist psychotherapeutischer Natur, indem ich mich erinnere, verarbeite ich auch manches, was schon lange im Unterbewusstsein für Unruhe sorgt. Ich zupfe ein wenig an Details und manchmal macht ein kleine Übertreibung anschaulich, dennoch sind all diese Texte authentisch und nicht erfunden.

Entstanden sind inzwischen etwa zwei Dutzend, meist längere Geschichten. Die Reihe beginnt mit der Nachforschung, wo meine Vorfahren herkamen, bevor meine Oma 1910 nach Berlin kam, um hier als Hausmädchen “in Stellung” zu gehen. Von 1910 bis in die Nuller-Jahre unseres Jahrhunderts umfassen die Portraits “100 Jahre Geschichte einer Berliner Familie”.

Ab heute werde ich hier alle Portraits in chronologischer Reihenfolge verlinken: “Die Serie”*.

3. Februar 2015, Marcus Kluge

Foto oben: Geoff Pugh, The Telegraph

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*Die Serie:

Teil 1 erzählt wo meine Vorfahren herkamen, bevor sie Berliner wurden:

http://wp.me/p3UMZB-12e

Teil 2 berichtet, wie meine Oma 1910 nach Berlin kam und wie sich ihr Leben durch den 1. Weltkrieg änderte:

http://wp.me/p3UMZB-12m

Familienportrait Teil 1 – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

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Aus dem Brunnen der Vergangenheit können wir schöpfen, um zu ergründen, woher wir kommen. Konkret waren das in meinem Fall Papiere, meist Urkunden und Briefe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Über die Vorfahren meines Vaters sagen sie nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienstmägde und Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf ja erst seit dem 1. Oktober 1920.

BildVier Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

Mein Großvater väterlicherseits ist schon vor Ende des 2. Weltkriegs gestorben, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1930 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte mit seinem älteren Bruder Ino nach Venezuela aus. Inos Spur verliert sich in den 70er Jahren in Caracas. Wahrscheinlich ist er wie die meisten männlichen Kluges nicht alt geworden. Wolfgangs in den 60ern geborener Sohn Johannes Kluge ist außer mir der einzige noch lebende Kluge. Dieser lebt in Venezuela, erfreulicherweise habe ich durch das “Internet” regelmäßigen Kontakt zu ihm.

BildLiebenwerda, Sonntagspaziergang

Mehr weiß ich über die Vorfahren meiner Mutter. Meine Urgroßeltern kamen aus der Gegend von Liebenwerda in Süd-Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Liebenwerda, von liv oder lib und werder kommend, heißt soviel wie Liebes- oder Lebens-Insel. Es wurde 1271 das erste Mal erwähnt und gehörte zeitweise zu Sachsen. Die dicken, sächsischen Ordnungshüter wurden sprichwörtlich und noch zu DDR-Zeiten verspottete man sie, denn da traten sie in Gestalt von Stasi-Mitarbeitern erneut auf. Die “Schand-Armen” nannte sie der Volksmund.

BildOlle Fuchsen

Überhaupt hat man in Liebenwerda nie sächsisch gesprochen, stattdessen gab es ein weiches Brandenburger Platt. Der legendäre “olle Fuchs” legte sich oft mit den sächsischen Schandarmen an und wurde unvergesslich. “He labet ju nich mehr, aber he is noch gornich lange dud.”, erzählten die alten Leute.

1815 kam Liebenwerda zu Preußen, eine Folge des Wiener Kongresses. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, eine Gründerzeit folgte, in zwei Jahren wurden 978 Aktiengesellschaften in Preußen gegründet. Leider ging dieser Aufschwung schon 1873 wieder zuende, die durch einen Börsenkrach ausgelöste 20-jährige “Gründerkrise” folgte.

Die Liebenwerdaer hatten jedoch Glück: “Am 1. Juni 1874 wurde die Oberlausitzer Eisenbahn von Kohlfurt über Liebenwerda bis Falkenberg (später bis Wittenberg) übergeben.” Das brachte der Stadt Aufschwung und hier beginnt nun auch die Geschichte der Familie Schnelle.

 

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Julius Schnelle besteht 1881 die Prüfung zum Schuster-Gesellen. 1887 wird er 23-jährig Meister, im gleichen Jahr heiratet er die fünf Jahre jüngere Anna geb. Hanisch. Julius soll ein fleißiger Mann gewesen sein, neben der Arbeit erzählte er gern Geschichten und betätigte sich auch als Verse-Schmied. Anna wird als sehr soziale, umtriebige Frau geschildert. Sie soll sich Achtung und Liebe unter den Liebenwerdaern erworben habe.

Das Ehepaar hat vier Töchter, eine stirbt im Säuglingsalter, die drei anderen heiraten und leben lang. Martha, die älteste darf im Ort bleiben und heiratet Adolf, Elisabeth und die zuletztgeborene Charlotte müssen in Berlin ihr Glück suchen.

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“Seit dem 16. Januar 1925 trägt die Stadt den Titel „Bad“, nachdem das Preußische Staatsministerium am 9. Januar 1925 einer Umbenennung der Stadt mit den Worten „Möge die Stadt unter dem neuen Namen glücklichen und gesegneten Zeiten entgegengehen!“ zustimmte.” (WiKi)

1937 feiern Julius und Anna Schnelle Goldene Hochzeit (Foto ganz oben), ein “seltenes Fest” wie die Zeitung bemerkt. Die “Einsegnung des Jubelpaares geschieht in unserer Kirche im Kreise von Kindern und Enkelkindern. “Beide Ehegatten erfreuen sich bester Gesundheit. Vermerkt sei noch, dass das Ehepaar Schnelle seit 30 Jahren im Hause des Lehrers Otte wohnt. Dies ist gewiss ein schönes Zeichen von Verbundenheit zwischen Hauswirt und Mieter.” Im gleichen Jahr feierte Julius 50-jähriges Meisterjubiläum. 1940 stirbt Anna, Julius überlebt sie nicht lange, zwei Jahre später folgt er ihr.

Bild

1990, nachdem die Grenzen offen waren, habe ich mit meiner Mutter Bad Liebenwerda besucht. Mein verstorbener Freund Andi hat uns mit seinem Taxi gefahren und begleitet. Die Stadt sah postsozialistisch, nämlich ziemlich heruntergekommen, aus. Es würde mich interessieren noch einmal hinzufahren, um nachzusehen was 26 Jahre Kapitalismus aus dem Badeort gemacht haben. Wenigstens das Bad Liebenwerdaer Wasser ist heute in aller Munde.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

 

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