Berlinische Leben – “Alles Dufte” / Aktualisiert – Kleines olfaktorisches Aide-Mémoire

(Aktualisiert! Im Anhang dokumentiere ich die olfaktorischen Erinnerungen der Leser, wie sie auf Facebook gepostet wurden.)

Der Geruchssinn ist im entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil unseres Gehirns angesiedelt. Die Nase ist so eng, wie kein anderes Sinnesorgan, mit dem Ort im Gehirn verbunden, an dem sensorische Informationen analysiert werden. Marcel Proust hat der Geruch von in Tee getunkten Madeleines zu seinem Monumentalroman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” inspiriert. Mich schickte kürzlich mein Geruchssinn auf eine Erinnerungsreise, als ich beim Friseur saß und den typischen Duft dieser Lokalität roch.

In meiner Erinnerung hat jedes Berliner Jahrzehnt, das ich erlebt habe, einen eigenen, bestimmten Geruch. In meiner Vorstellung gesellt sich meist noch eine Tageszeit und ein typischer Ort dazu. Natürlich sind diese Assoziationen sehr subjektiv und von meiner Biografie bestimmt, trotzdem würde mich interessieren, ob jemand meine Retrospektive teilt, deshalb habe ich sie als kleines Aide-Mémoire aufgeschrieben.

Obwohl ich 1954 geboren bin, habe an die 50er Jahre nur wenige kleine Erinnerungs-Bruchstücke. Zum Beispiel wie ich mit vier oder fünf beim Friseur am Hohenzollerndamm, gegenüber von unserer Wohnung, warten musste. Es roch nach angesengten Haaren, Shampoo und Haarspray. Der warme Raum war voll vom Geplauder der Friseurinnen und ihrer Kundinnen. Zur Unterhaltung hatte man mir einen Stern gegeben und die Comic-Seite der Zeitschrift aufgeschlagen. Ich war fasziniert von Julio dem Gummipferd. Aber eine andere, noch frühere Erinnerung drängt sich vor. Bis ich drei war, hatte ich ein Kindermädchen, weil meine Mutter in der großen Altbauwohnung nahe der Uhlandtstraße auch ihren Buch- und Phono-Klub betrieb und sehr beschäftigt war. Erika hieß sie und morgens hatte sie die Pflicht in sechs Zimmern die Öfen anzuheizen. Normalerweise trug sie mich auf dem Arm, doch um zu arbeiten, setzte sie mich neben dem Ofen ab und ich wartete sehnsüchtig darauf wieder zurück an meinen Lieblingsplatz an ihrem Busen, sicher von ihrem Arm gehalten, in den Duft ihrer Haare und ihrer Haut, zurückzukommen. Natürlich roch es auch nach altem Rauch, Asche, Kohle und Kohlenanzündern.

IMG_20140309_000160er: Sommerliebe

Für die 60er Jahre ist der frühe Morgen im Sommer, die Zeit, die mir als Erstes einfällt. Wahrscheinlich war ich auf dem Weg zur Grundschule in der Prinzregentenstraße, der fast komplett durch Volkspark Wilmersdorf führte. Später Anfang der 70er bot sich diese Szenerie wieder, wenn ich mit Rainer, morgens aus einer Disco in Richtung Heimat steuerte, um mit ihm noch tiefsinniges Gespräch zu führen. In beiden Fällen roch es nach Blumen und Gras, eben nach Sommer.

IMG_20150205_000270er: Desillusionierung

Die mittleren und späten 70er wecken bei mir stets das Gefühl von Enttäuschung und Desillusionierung. Die 68er Revolte schien fehlgeschlagen zu sein und meine persönliche Entwicklung war in einer Sackgasse steckengeblieben.
Es dämmerte und der Novemberabend roch nach Winter, das erste Mal in diesem Herbst. “Schneeluft” nennen manche Menschen das auch. Aus unerfindlichen Gründen verband ich diesen Geruch und diese Tageszeit mit den 70er Jahren. Keine andere Situation war typischer für das zuende gegangene Jahrzehnt. Der Beginn der Nacht am Anfang des Winters, wenn ich wieder einmal feststellte, dass der vergangene Tag mich nicht weitergebracht hatte. Schon weil ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hin wollte.

IMG_20140726_000380er: Lange Nächte

In den wilden 80er Jahren waren die Nächte lang. Ich befinde mich nachts um drei in einem Klub. Wieso ich noch da bin, weiß ich nicht, ich habe es einfach nicht geschafft nach Hause zu gehen. Es reicht nach Rauch, schalem Bier, Make-Up und ein Hauch von schnellem Sex weht aus Richtung der Toiletten bis auf die Tanzfläche.

IMG_20130820_000290er: Lange Tage

Die 90er Jahre waren für mich das Jahrzehnt der Arbeit. Vielleicht weil ich spät angefangen habe so etwas wie eine Karriere zu verfolgen. Es ist die Mittagspause, ich sitze mit Kollegen in der Kantine und plötzlich und unerwartet steigt in mir das dringende Gefühl auf, völlig falsch an diesem Platz zu sein. Es riecht dampfig-mampfig nach Großküchenfraß, nur Hunger und Gewohnheit lassen mich das Zeug verzehren.

Lassen wir es damit bewenden. Das neue Jahrhundert mir noch zu nahe für die Bildung olfaktorischer Legenden. An welche Berlinische Gerüche erinnert ihr euch, wenn ihr zurückdenkt?

M.K.

Foto 80er Jahre: ©Ingrid Johnson, alle anderen: ©Marcus Kluge

Auf Facebook haben sich viele Leser an ihre eigenen olfaktorischen Erlebnisse erinnert. Einige davon dokumentiere ich hier:

West-Berliner Mauerkinder:

  • Angelika Biermann Vielleicht nicht ganz hier passend – aber der Geruchssinn ist wirklich eng mit dem Gedächtnis verknüpft. Ich habe ab meinem 18. Lbj. durchgehend sehr stark geraucht und mit 53 Jahren aufgehört. Mittlerweile konnte ich fast nichts mehr riechen. In den eMehr anzeigen
  • Marcus Kluge Passt sehr gut, finde ich, Angelika. Danke fürs teilen.
  • Cornelia Grosch Ich weiß noch genau, wie die DDR roch. Aber was war das eigentlich für ein Geruch? Putzmittel, Bodenbelag? Mittlerweile wohl aus der Welt verschwunden…
  • Cornelia Grosch Und die berühmte Berliner Luft im Winter (Smogalarm, Ofenheizung)…
  • Antje Lücke Genau, Cornelia… ich habe ein Reisetagebuch, so ein Chinateil mit Satineinband, das damals immer im Zug mitgereist ist. Und in dem sind nicht nur einige Frankreichreisen festgehalten, nein, es hat auch den Geruch eines Reichsbahnzuges konserviert. Ja, es war Putzmittel. Wie ich feststellte, etliche Bahnhöfe im ehemaligen Osten riechen immer noch leicht danach.
  • Antje Lücke Eine sehr intensive Kindheitserinnerung kommt bei mir auf, wenn ich zur Lindenblütenzeit irgendwo auf einem Berliner Gehweg bin. Dann erinnere ich mich daran, wie klein und bodennah ich mal war und wie es sich angefühlt hat, über den Bürgersteig zu gehen. Und ein Geruch, der natürlich auf ewig in meinem Gehirn festgesetzt ist: frisch gezogene Matrize morgens in der 1. Schulstunde.
  • Rainer Jacob Einmal bin ich auf den S-Bhf. Friedrichstrasse in den Osten gegangen und alles roch nach Amoniak (Katzenpisse), die haben das als Reinigungsmittel eingesetzt. Es gibt auch den typischen Berliner Altbaumodergeruch der aus den Kellern in den Hausflur kriMehr anzeigen
  • Christine Tarawally Bei mir gehört der Geruch von Sarotti und Hinz& Küster zur Kindheit dazu. Je nachdem wie der Wind stand.
  • Andrea Steinbrück Um meine olfaktorischen Erinnerungen in Jahre oder Jahrzehnte einzuteilen, müsste ich noch einmal länger überlegen, aber stark in Erinnerung habe ich als Kind 4711, echt Kölnisch Wasser, den Geruch von frisch gewaschener und gemangelter Wäsche, wenn meMehr anzeigen
  • Antje Lücke Genau, Kopien rochen damals echt übel und auch die Haptik war unangenehm. Ganz zu schweigen vom drauf schreiben *kratz*. Denke ich an die 70er, fällt mir tatsächlich vor allem Parfüm ein. Die Avon-Parfüms meiner Mutter… Limara Green Summer, was ich mMehr anzeigen
  • Antje Lücke Und ein berlintypischer Geruch: Gestern wie heute die U-Bahn. Als Spandauer Kind war so eine U-Bahnfahrt ja was Besonderes. Alle paar Monate fuhren Muttern und icke nach Mariendorf zu meiner Patentante und das war immer spannend. Die Geräusche und Gerüche der U-Bahnfahrten meiner Kindheit sind immer noch präsent. Auch wenn ich später jeden Tag damit fuhr.
  • Andrea Steinbrück Ja, das stimmt, speziell der U-Bahngeruch, da ich auch aus Spandau bin, sind wir nicht sooft U-Bahn gefahren, die gab es ja damals noch nicht
  • Antje Lücke Von Ruhleben halt, wenn man wirklich mal wo hinmusste, wo der Bus nicht hinfuhr oder es zu weit für den Bus war. Zum Zoo kam man von Spandau ja mit Bus.
  • Manuela Golze waschkueche, oller muffiger keller und Kohlenkeller …..anna ecke war ne Tankstelle und dem Bäcker, wenn er morgens die Brötchen und das Brot frisch gebacken hatte, dann Omas 4711, opas Old spice…..und den Geruch von der Eisdiele ….
  • Christine Tarawally Also ich finde seit es in der U-Bahn zahlreiche Bäcker und Imbisse gibt, riechts nicht mehr nach U-Bahn.
Heike Schmitz Der Geruch im Sommer. Wenn es nach langen Hitzetagen gerade angefangen hat zu regnen… Ein Geruch, der einfach unverwechselbar ist.Ich liebte das als Kind schon. Und dann, wenn ich bei meiner Oma im Wedding war, Nahe Amrumer Straße, da roch es immer nach Brauerei. Ein schwerer Geruch. Aber die Umgebung war erfüllt damit. Werde mich immer dran erinnern.
Freies West-Berlin:
Volker Hauptvogel Manchmal roch es im Winter wie im Sommer.
Karola Geisler: die gerüche meiner kindheit: brathering, weisskohleintopf, brühkartoffeln, bohnerwachs, schulduft, kaugummi mit schauspielerbildern (habe noch einen grossen stapel der fotos) seifenladen, fleischerei, kaffeeladen an der oberbaumbrücke mit dem grossen rad im schaufenster (haben marchlewskistr. v. 52 bis 61 gewohnt erstbezug an der weberwiese) und stullentasche mit dem duft der stullen, den man niiiiieee im leben vergisst usw……..*grins*
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One response to “Berlinische Leben – “Alles Dufte” / Aktualisiert – Kleines olfaktorisches Aide-Mémoire”

  1. Jurgen says :

    In 68/69 hatte ich den job vormittags das PARK, später TAKT, auszufegen, den Müll zu entsorgen tischchen abputzen. Der morgentliche kalte
    Geruch vom allnächtigen Haschgekiffe, verschüttetem Billigstbier, der abgestandene Mief von den sogenannten Hamburgern, ketchup, kommt mir noch heute auf der anderen Seite der Welt in die Nase und ich sehe mich alleine mit dem grossen Besen im Tageslicht in dem verkommenen Laden beim ausfegen, was die nächtlichen kunden im Halbdunkel und Qualm, im wechselden Licht der Light show und hinter der dröhnenden Musik aus den Dynachords niemals sich hätten vorstellen können.

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