Archive | March 2015

Familienportrait Teil 18 – Bücher, Ostfernsehen und Jugendvorstellung / Die Medien meiner Kindheit 1960-1985

Mein Vater spendete mir seine Zuwendung nur sehr selten. Beispielsweise hat er mir nur einmal einen Rat fürs Leben gegeben. Er verbot mir den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. Am besten sei, ich würde gar nichts Künstlerisches tun, aber auf alle Fälle, solle ich mich nie der Schauspielerei widmen. Er wäre diesen Weg gegangen und er hätte es bitter bereut. Da sein Rat ein Einzelfall war, glaubte ich ihn befolgen zu müssen. Ich habe tatsächlich nie diesen Beruf erlernt, wenn man davon absieht, dass ich jahrelang den Stunden beigewohnt habe, die mein Vater jungen Schauspielern gegeben hat. Ausgeübt habe ich den Beruf zwar öfter, doch nie für nennenswerte Gagen.

Doch ich war nie glücklich mit den Berufen, die ich für Geld ausgeübt habe und oft hegte ich die Befürchtung, es wäre ein Fehler gewesen auf meinen Vater zu hören. Das ich überhaupt auf die Bühne verzichten konnte, lag daran das ich ein Ventil für mein schauspielerisches Talent fand. Schon als Kind wurde das Mimen zu einem meiner liebsten Steckenpferde.

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(Mannheimer Straße, Google Maps: siehe unten)

Wie so häufig stand am Anfang eine krisenhafte Zuspitzung der Lebenssituation. Im Alter von sechs Jahren wurde mir angetragen regelmäßig die Schule zu besuchen. Schon am Tag der Einschulung hatte ich erhebliche Probleme mit meiner Unlust und meinem Ekel fertig zu werden. Die meisten anderen Schüler schienen mir dumm, hässlich und unfreundlich zu sein. Auch die Lehrerschaft kam in meinem Urteil nicht besser weg. Das Schlimmste aber war der Gestank, den 35 Kinder damals in dem überheizten, ungelüfteten Klassenraum verbreiteten. 1960 war es in den meisten Familien Usus nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, zu baden und die Unterwäsche zu wechseln. Und das führte zu einem olfaktorischen Stress, den ich kaum ertragen konnte. Wahrscheinlich konnte ich meine Abneigung nicht gut verbergen, auf jeden Fall wurde ich zum Ziel eines kräftigen Hauswartsohns aus der Prinzregentenstraße namens Bernhard. Er zwang mich regelmäßig in den großen Pausen zu Faustkämpfen, für die ich in keinster Weise vorbereitet war. Tatsächlich habe ich die Schule über Jahre hinweg als traumatisch empfunden. Beispielsweise konnte ich bis in meine Teenagerzeit nie frühstücken oder gar in der Schule irgendetwas essen, der Magen war wie zugeschnürt und ich reagierte mit Brechreiz, wenn ich versuchte Nahrung zu mir zu nehmen.

An manchen Morgenden bekam ich Angst und Panikattacken und mein schauspielerisches Talent half mir glaubwürdig eine Erkältung oder eine Magenverstimmung vorzuspielen. Angst und Panik allein schien für meine Mutter kein Anlass für den begehrten Schuldispens zu sein. Noch wahrscheinlicher ist, dass ich diese Gefühle verborgen habe, weil ich mich dafür geschämt habe, ängstlich und panisch zu sein.

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1966, (v.l. ich, mein Bruder)

In den ersten Jahren verbrachte ich diese Tage lesend und hatte die schönsten Begegnungen mit den besten Freunden meiner Kindheit, den Büchern. Ich las für Kinder geschriebenes wie Kästner oder Blyton, bald aber auch leichtere Erwachsenenkost wie Jules Verne oder Robert Louis Stevenson.

Mitte der 60er Jahre hatten meine Eltern den Widerstand gegen eine Fernsehröhre aufgeben, eigentlich hielten sie das für eine Veranstaltung, die sich exklusiv an die bildungsfernen Schichten wendete. Wie prophetisch diese Einschätzung sein sollte, ahnten sie nicht. Nun jedenfalls wechselte ich gegen 10 Uhr mein “Kranken”-Bett gegen den Fernsehsessel und schaltete meist das Ostfernsehen an. Dienstag wurde der UFA-Film vom Vorabend wiederholt, ich liebte die Komödien mit Heinz Rühmann, aber auch Melodramen. Beispielsweise “La Habanera” und “Zu neuen Ufern”, die Detlef Sierk mit Zarah Leander produzierte, bevor er Nazideutschland verließ und sich in Hollywood Douglas Sirk nannte. Günstig war auch der Donnerstag, an dem Willi Schwabe durch seine Rumpelkammer führte und Hintergründe des UFA-Films erklärte. Gern sah ich auch Propagandastreifen über Thälmann oder sowjetische Revolutionsdramen von Eisenstein. Das Westfernsehen sendete seltener Spielfime. Einzelne sind mir jedoch unvergesslich wie “On the Waterfront” von Elia Kazan mit Brando in der Hauptrolle.

Als ich älter wurde, ging ich auch gern am Nachmittag in eins der vielen Kinos, die es noch gab und sah mir für 1.50 DM eigentlich alles, was gerade lief. In Laufweite von Volkspark Wilmersdorf, wo wir lebten, befanden sich mindestens ein Dutzend Kinos, bis die meisten in den 70ern verkündeten, “Now playing: ALDI”. Toll waren auch die Jugendvorstellungen am Sonntag um 13.30 Uhr. Meistens ging ich ins nahe EVA-Kino, wo unter großem Gejohle Sandalenfilme über die Leinwand flimmerten. Daher kam wohl meine große Liebe zum Kino und mein Traum selbst einmal eigene Filme zu verwirklichen. Von einer Karriere beim Fernsehen träumte ich seitdem ich bei meinen Verwandten aus Venezuela das US-amerikanische Soldaten-TV kennengelernt hatte. Da mir jedoch Abitur und Studium versagt blieben, war das so unwahrscheinlich, wie ein Flug zum Mond. Mit 19 besorgte ich mir die Unterlagen für ein Studium bei der DFFB und begriff, das Film und Fernsehen Trauben waren, die zu hoch für mich hingen.

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Die 70er Jahre, zwischen Kaffeetafel und Deutschem Herbst

ImageFoto: Rainer Jacob

Es blieb mir noch mein zweiter Traum, das Schreiben und ein Leben als Schriftsteller, das ich mir in meiner Naivität recht idealisiert vorstellte. Ende der 60er Jahre nahm ich an der Schüler- und Studenten-Revolte teil, in der Folge flog ich vom Gymnasium. Nach einem verlorenen Jahr auf einer Privatschule machte ich 72 die Mittlere Reife, doch ich hatte keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Zusätzlich zu den Depressionen, die mich schon als Kind begleiteten, entwickelte ich als Teenager eine Sozialphobie. Meine Unfähigkeit einen Beruf zu erlernen verklärte ich zu Verweigerung gegen ein politisches System, das ich ablehnte. Es dauerte Jahre bis ich begriff, dass ich mich nur selbst blockierte.

ImageInnere Emigation

ImageSelfie 1975

So hatte ich in den Jahren meiner inneren Emigration kaum die Gelegenheit zu Mimen oder hochzustapeln. Allerdings erinnere ich mich an ein Waldbühnenfestival*, zu dessen Anlass mein Spieltalent nach draussen drängte. Es muss Mitte der 70er gewesen sein, Hawkwind und Juicy Lucy standen auf dem Plakat und ich enterte die Open Air Arena bei schönstem Sonnenschein mit einer halben Flasche Rum im Gepäck. Eigentlich trank ich keinen Alkohol zu der Zeit, wie die meisten meiner Generation damals. Aber ich hatte Liebeskummer und wer Sorgen hat hat auch Likör. Ich ließ mich von der Musik mitreißen, trank und irgendwann legte sich ein Schalter in mir um. Danach sprach ich nur noch englisch, schwindelte mich an der Security vorbei backstage und verbrachte dort zwei sehr lustige Stunden. Meine Matte, die selbstgenähte Samtweste und vor allem mein selbstbewusstes Auftreten ließen keinen Zweifel daran, dass ich ein bekannter Rockmusiker sei, der inkognito unterwegs befreundete Musiker treffen wollte. Ich schwatzte ein Stündchen mit dem sympathischen Gitarristen von Juicy Lucy über den Ärger mit Plattenfirmen, wurde mit Speis und Trank versorgt und gab einige Autogramme. Lemmy war auch dabei, der Bassist von Hawkwind, ein ganz normaler Typ eben. Die Groupies fragen sich noch heute, wer das damals war, backstage in der Waldbühne.

1981 starb mein Vater, kurz nach seinem 63sten Geburtstag und mir wurde bewusst, wie kurz das Leben ist. Ich beschloss mit dem Schreiben ernst zu machen und hatte das Glück, dass mir Freunde, wie Burkhard Seiler, der Zensor halfen. Im Herbst 1982 erfand ich mich dann neu, gründete das Subkulturfanzine Assasin und verdiente tatsächlich mit schreiben etwas Geld. Nicht beim Assasin, der war immer defizitär, aber durch Zeilengeld bei der taz und bei verschiedenen Musikpublikationen wie dem Rockkalender. Ich schrieb meistens unter dem Pseudonym “Sherlock Preiswert”. Die Figur des von Arthur Conan Doyle erfundenen “Ur-Nerds” Holmes sprach den kleinen Asperger in mir an und das Preiswert bezog sich auf das mickerige Zeilenhonorar von 75 Pfennigen, das die taz damals zahlte.

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Preiswert in der taz.

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Das letzte Assasin-Heft

Ich hatte mir tatsächlich einen Lebenstraum erfüllt. 1985 war ich nach 11 Ausgaben Assasin pleite, das letzte Heft hatte fast 1300.-DM gekostet, doch nur 700.- eingespielt.

Also sollte ein Benefiz-Konzert Abhilfe schaffen. Wir hofften damit eine neue Ausgabe vorzufinanzieren. Die Kwahl fand im Sputnik statt, viele Freunde halfen, ein rundes Dutzend Bands trat auf. Volker Hauptvogel und Edgar Domin von MDK standen ein letztes Mal zusammen auf der Bühne, Dreidimensional und Frieder Butzmann spielten, es wurden Filme von Test Department gezeigt und sogenannter “Hausfrauenstriptease” rundete das Programm ab.

ImageKwahlaufruf im Tip

Zum Plakatieren brauchten wir ein Auto, also stellte mir Boeldicke Frank vor, der ein Auto hatte. Dieser Kontakt sollte in der Folge mein Leben verändern. Die Kwahl, wie wir das Ereignis nannten, bezog sich auf die Senatswahlen am folgenden Tag, dem 10. März 1985, an dem zum ersten Mal Diepgen zum Bürgermeister gewählt wurde. Allerdings fand das Event im Sputnik ohne mich statt, ich lag mit 39,5° im Bett und hatte die schlimmste Grippe meines Lebens. Am Morgen blieben 500.-DM in der Kasse. Es war zu wenig für ein neues Assasin-Heft, also kaufte ich einen gebrauchten Videorecorder und machte mich mit Herbert auf zu neuen Ufern. Nachdem ich den Traum Autor zu werden verwirklicht hatte, wollte ich mich nun Film oder Fernsehen produzieren. Das war ziemlich unrealistisch, ich hatte weder Produktionsmittel noch Beziehungen, aber das Schicksal hielt eine Überraschung für mich bereit.

Marcus Kluge

*Waldbühnenfestival: http://tanoscederquist-lounge.blogspot.de/p/schnatter-bar.html

Mannheimer Straße:https://www.google.de/maps/@52.4841134,13.315459,3a,75y,66.8h,84.46t/data=!3m4!1e1!3m2!1siwSwMy7rWtQ0DmsdUlk3Ig!2e0!6m1!1e1

Die Website, die die ersten Assasin-Hefte dokumentiert:

http://www.assasin.in-berlin.de/

Wenn ich mal viel Zeit oder Hilfe habe, scanne und transkribiere ich den Rest.

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Familienportrait Teil 17 – Die Autos meiner Kindheit / 1954-66

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Als ich 1954 geboren wurde hatten meine Eltern einen Fiat. Sie hatten ihn als Neuwagen bei Karl A. Klein am Kudamm gekauft. Weil er teuer war als sogenanntes Wechselgeschäft, d.h. jeden Monat musste eine recht hohe Summe eingezahlt werden, sonst wäre der Wagen zurück zum Händlern gegangen. Mehrfach haben sich meine Eltern Geld borgen müssen, um die Wechsel zu bedienen.

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Der Fiat war schick, klein, schnell und machte immer wieder Ärger. Einmal blieben wir auf der Transitstrecke nach Hannover liegen, was besonders unerfreulich war. Der Thermostat war hinüber und die “Zonen-Werkstatt” hatte natürlich keine Fiatteile. Die Mechaniker waren gewohnt zu improvisieren, sie besorgten sich eine Leberwurst und der Thermostat wurde mit dem Naturdarm geflickt. Uns fiel allen ein Stein vom Herzen, als wir endlich in Braunschweig ankamen und eine Fiatwerkstatt ansteuerten. Es gehört zu meinen allerersten Erinnerungen, dort auf einem Spielplatz herumgeturnt zu sein, während wir warteten.

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Ende der 50er Jahre hatten meine Eltern endgültig genug von der pferdestärkenreichen Diva und kauften einen alten Daimler. Der gemütliche und zuverlässige D 170 war mein Lieblingsauto und häufig wollte ich es garnicht verlassen. Ich war halt ein Stubenhocker und der Mercedes war meine gute Stube.

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Anfang der 60er Jahre starb der Benz an Altersschwäche, die Modelle sieht man heute noch in Kriegsfilmen, wie sie SS-Sturmbannführer oder Stabschefs zu ihren tödlichen Geschäften kutschieren. Als Ersatz erstand Vater einen Opel-Caravan. Dieser hatte eine undefinierbare helle Farbe und sah, selbst wenn er frisch gewaschen war dreckig aus. Wir fuhren oft am Wochenende zur Havelchaussee, um wie viele Berliner, dort den Wagen mit Havelwasser zu reinigen. Das Wort Umweltschutz war noch unbekannt. 1966 wurden meine Eltern geschieden und ich bin nie wieder mit meinem Vater Auto gefahren. Meine Mutter hat nie den Führerschein gemacht, sie posierte zwar gern mal mit den Schlüsseln vor der Kamera, aber fahren lies sie sich stets von “ihren Männern”. Meist war das dann mein älterer Bruder, der 1966 nach zwei Fahrstunden den Führerschein bekam und eine lange Reihe von Käfern fuhr.

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M.K.

Alle veröffentlichten Familienportraits sind hier zu finden:

https://marcuskluge.wordpress.com/about/

Editorial – Lesen eins / Illustrierte Lesung 19. März 2015

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Eine Woche hatte ich am Skript für die Lesung gearbeitet. Ich wollte erzählen wie der Xanadu-Roman zustande kam, ohne von mir geplant gewesen zu sein. Moderationen und Textausschnitte über meine Oma, meine verstorbenen Freunde Andi und Frieder, den Xanadu-Helden, sowie Roberto, den Protagonisten des zweiten Romans, füllten 22 Seiten. Alles aufzuschreiben war auch nötig, damit Rainer jeweils im richtigen Moment das passende Bild projezieren konnte.

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Am Tag vor der Lesung hatten wir eine Probe, alles funktionierte. Auch ins Mikro zu sprechen fiel mir leicht. Trotzdem hatte ich heftiges Lampenfieber. Um 20 Uhr sollte Beginn sein, aber kurz vor acht waren eben ein halbes Dutzend Gäste eingetrudelt, also warteten wir. 20 nach acht fing ich an, das Saallicht wurde ausgeschaltet, ich sah nichts mehr vom Publikum. Aber ich hörte es, da war Reaktion, sogar Lacher. Nach sieben Seiten hatte ich eine erste Pause geplant, ich entschied spontan weiterzulesen. Rainer lies sich davon nicht irritieren. Nach Bleistreustraße las ich “A Saucerful of Löschpapier” und ich erklärte wie ich dadurch inspiriert wurde über Frieder zu schreiben und wie daraus, zu meiner Überraschung ein Roman wurde. Nach den ersten Ausschnitten aus Xanadu entlies ich das Publikum in eine kurze Pause. 16 oder 17 Gäste waren insgesamt erschienen. Thomas, Susanna, Sea Wanton, Neda, Gerlinde und auch mein alter Schulfreund, der die Vorlage für den Helden meines zweiten Romans, Roberto, geworden war. Wie so viele andere hatte ich ihn auf Facebook wiedergefunden. Zufällig wohnt er nur einige Häuser von der Kulturwerkstadt entfernt. Auch Cornelia Grosch war gekommen und machte dankenswerterweise Fotos. Daran hatte ich nicht gedacht.

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Nach der Pause stellte ich das Crowdfunding-Projekt vor, das Xanadu-West-Berlin-Buch. Im zweiten Teil las ich weiter aus Xanadu und danach aus dem zweiten Roman “Ein Hügel voller Narren”. Blöderweise hatte ich mein Wasserglas irgendwo stehen lassen, ich lutschte ein Bonbon, um die Stimme zu ölen. Nur bei besonders emotionalen Stellen, blieb mir die Luft weg. Richtige Hänger hatte ich nur einmal, da musste ich mehrmals ansetzen, weil mir ein Satz nicht einleuchtete. Nach dem offiziellen Text las ich als Zugabe den Detektiv-Traum, indem ich den Mord an Vampir Heinrich Lummer aufkläre. Diverse Lacher. Ich hätte zwar noch Material gehabt, aber nach zweimal 40 Minuten war ich so fertig, dass ich Schluss machte. Ich bekam ein Bier und sehr viel Lob. Ich danke allen, die geholfen haben und allen, die den Weg nach Charlottenburg gefunden haben.

Es war eine tolle, aber enorm anstrengende Erfahrung. Und ja, ich mache es wieder. Schon am 30. April um 21 Uhr kann man mir im Pinguin-Club in der Wartburgstraße lauschen. Dieses Mal ohne Bilder und kürzer, aber dafür ohne Eintritt. Das Programm werde ich wieder maßschneidern, Punk, Mauerstadt West-Berlin und Pinguin-Club werden Themen sein.

M.K.

Fotos: Cornelia Grosch

Familienportrait – Die Serie wurde aktualisiert / 1870 – 1966

Die Serie erzählt nun in 13 Geschichten und zwei Fotostrecken das Leben meiner Familie von 1870 bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts.

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Es begann an Ostern 2013, das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.

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Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die “Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde. Die Fotos, die einen Zeitraum von 1920 bis heute abdecken halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Irgendwann fing ich an, im Kopf Geschichten zu formulieren, aufschreiben war die logische Folge. Zusätzlich motiviert wurde ich, als Julia, die Stieftochter aus meiner Ehe, im Juli selbst eine Tochter bekam und mich zum Opa machte.

Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Mich interessiert das Allgemeingültige der Geschichten und wie die “große Politik” in das Leben der “kleinen Leute” eingreift. Ich bin der Wahrheit verpflichtet, doch manchmal lege ich die Betonung auf ein bestimmtes Thema, weil es für mein eigenes Leben von Bedeutung war und ändere damit die Proportion. Ein weiteres Motiv ist psychotherapeutischer Natur, indem ich mich erinnere, verarbeite ich auch manches, was schon lange im Unterbewusstsein für Unruhe sorgt. Ich zupfe ein wenig an Details und manchmal macht ein kleine Übertreibung anschaulich, dennoch sind all diese Texte authentisch und nicht erfunden.

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Entstanden sind inzwischen etwa zwei Dutzend, meist längere Geschichten. Die Reihe beginnt mit der Nachforschung, wo meine Vorfahren herkamen, bevor meine Oma 1910 nach Berlin kam, um hier als Hausmädchen “in Stellung” zu gehen. Von 1910 bis in die Nuller-Jahre unseres Jahrhunderts umfassen die Portraits “100 Jahre Geschichte einer Berliner Familie”.

Ab heute werde ich hier alle Portraits in chronologischer Reihenfolge verlinken: “Die Serie”*.

3. Februar 2015, Marcus Kluge

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*Die Serie:

Teil 1 erzählt wo meine Vorfahren herkamen, bevor sie Berliner wurden:

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Teil 2 berichtet, wie meine Oma 1910 nach Berlin kam und wie sich ihr Leben durch den 1. Weltkrieg änderte:

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Mein Opa findet Arbeit als Schaffner bei der BVG, 1922 wird meine Mutter geboren. Ihre Kindheit endet am 30.1. 1933, als der braune Mob durch die Stephanstraße zieht und die Machtergreifung feiert. Teil 3:

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In Teil 4 meiner kleinen Familien-Saga erleben wir, wie das Nazi-Regime, zwischen 1933 und 1939, in alle Bereiche des Lebens eindringt, privat bleibt kaum noch etwas. Deutlich wird die Veränderung am Streit um die “Kletterweste”.
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Anfang 1942, der Krieg dauert schon mehr als 2 Jahre, lernt Käte einen Mann kennen. Abends verkündet sie ihren Eltern, sie hätte den Mann getroffen, den sie heiraten werde. Teil 5:
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Die Folgen 6 und 7 zeigen das Berlin und Deutschland vor Beginn des 2. Weltkriegs. Die Nazis prägen das Straßenbild mit Uniformen und Paraden.

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Teil 8. Am 20. Juli 1944 ist das Kriegsende ganz nah. In der Theaterpause glaubt man Hitler sei tot und man macht Pläne für den Frieden. Leider kommt es anders und Helmut muss wieder an die Front.

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Im 9. Teil der Familien-Serie erleben wir das Kriegsende, das nicht nur in Berlin apokalyptische Ausmaße annimmt. Elisabeth und Käte überleben und schlagen sich nach Wilmersdorf durch, wo sie eine Wohnung besetzen.

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Teil 10: Drei Jahre hat sie nichts von ihrem Helmut gehört. Wahrscheinlich ist er im Krieg oder in Gefangenschaft gestorben. Als er dann doch vor ihrer Tür steht, ist sie von einem anderen schwanger.

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Teil 11: Die tragische Geschichte meines Großonkels und seiner Frau schließt Familienserie für die 1. Hälfte des 20. Jh. ab. Der Berliner Polizist und Hobbyfotograf brachte sich am 1. Mai 1946, um. Ich erzähle, wie es dazu kam.
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Teil 12: Die zweite Hälfte der Familienserie beginnt mit meiner Geburt. Mein Vater ist irritiert über die roten Haare, außerdem wollte er ein Mädchen haben. Doch ich habe Glück, er sagt: “Wir nehmen ihn trotzdem!”

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1958 beginnt mein Vater für das “Büro Willy Brandt” zu arbeiten. Kollegen sind unter anderem Günter Grass, Wolfgang Neuss und ein echtes Original, der “Flötchen” genannte Horst Geldmacher. Wenn die Kollegen durch die Kneipen gezogen waren, finden sie sich oft bei meiner Mutter ein und spachteln Nudeln. Teil 13:
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Im 14. Teil der Serie erzähle ich, wie der Mauerbau 1961 auch meine Familie teilte. Allerdings vergrößert sich sie sich im gleichen Jahr, weil die venezolanischen Kluges nach West-Berlin ziehen und mit ihren Kindern bei uns wohnen. Aufregende Zeiten.
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Im 15. Teil der Familienserie erinnere ich mich an eine Freundin aus Kindertagen, die ihr Leben der Aufarbeitung des Holocausts gewidmet hat. Gute Unterhaltung mit “Susi, Ditzewurst und Wiener Library”.
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Familienportrait Teil 15 – “Susi, Ditzewurst und Wiener Library” / 1960-2001

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Es gibt Menschen, die uns prägen, obwohl sie nur kurz Teil unseres Lebens waren. Andere vergessen wir, aber die prägenden fallen uns immer wieder ein, sie begleiten uns, auch wenn wir keinen Kontakt mehr zu ihnen haben.

Meine Mutter hatte in den 60er Jahren ein Geschäft in der Rankestraße, den Europäischen Buch- und Phono-Klub. Eine ihrer Mitarbeiterinnen, Christa S. Wichmann genannt Susi, wurde meine erwachsene Freundin. Ich mochte sie auf eine kindliche Weise einfach ungeheuer gern. Mir gefiel ihr Humor, ihr Lächeln, die Art wie sie ihre Haare zurückstrich und besonders mochte ich ihre leicht heisere, aber sehr gepflegte Stimme. Noch heute denke ich  bei bestimmten Gesten, die ich mir wohl bei ihr abgekuckt habe, an sie. Das einzige Foto (s.o.) das ich von ihr besitze, zeigt sie beim Fasching im Buch- und Phono-Klub in der Rankestraße.

Ich war sechs, gerade in die Grundschule gekommen und hatte das Glück, dass sie gern Zeit mit mir verbrachte. Sie ging mit mir in den Zoo oder ins Museum, ich denke noch heute sehr gern an diese Sonntage zurück. Nach den Ausflügen durfte ich bei ihrer Familie in der Salzbrunner Straße Abendbrot essen. Ich hatte als Kind den Spitznamen Ditze, deshalb wurde die Salami, die ich besonders gern mochte Ditzewurst genannt. Susi hat mir Jahrzehnte später erzählt, so hieße die Wurst in ihrer Familie immer noch.

Bild   Ditze auf dem Spielplatz im Volkspark, nahe der Livländischen Straße, 1961

Zu meinem Kummer ging Susi ein paar Jahre später nach London, um dort für die “Wiener Library For the Study of the Holocaust & Genocide” zu arbeiten. Sie hat ihr gesamtes Berufsleben der Wiener Library und dem Studium des Holocaust gewidmet. 1985 veröffentlichte sie das Buch: “Stationen der Tyrannei”, in dem sie von der Arbeit des Instituts berichtet.

Da sie auch Assistentin des Directors der W.L., Walter Laqueur wurde und kaum Raum für ein Privatleben beanspruchte, sah ich sie erst 1986 wieder. Sie kam mir kaum verändert vor, als ich sie mit meiner Exfrau in Wilmersdorf traf.

1996 heiratete Susi Walter Laqueur, nachdem dessen erste Ehefrau gestorben war. Laqueur, der bis 1993 Director der W.L. blieb, ist ein sehr beschäftigter Mann, ein gefragter Historiker und Publizist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, in denen er sich mit dem Holocaust, aber auch mit zeitgenössischer Politik befasst. Seit der Heirat ist sie nicht nur Ehefrau, sondern auch Assistentin und Privatsekretärin ihres Mannes.

2001, als Laqueur Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs war und sie eine Weile in Grunewald wohnten, hatte ich die Gelegenheit den großen Mann kennenzulernen und Susi wiederzusehen. Ich stritt mit Laqueur über die deutsche Linke, ließ mir von ihm detaillierte Verbesserungsvorschläge für den Offenen Kanal Berlin diktieren, bei dem ich damals arbeitete und wurde von ihm eingehend zu meinem gesamten Leben befragt. Offensichtlich arbeitet der kreative Mann ständig und er ist wohl ein Mensch, der keinen Stillstand zulassen kann. Seine eher konservativen Ansichten teile ich zwar nicht, aber alles was ich von ihm gelesen habe, war bestens recherchiert und brilliant dargelegt.

Das mehrstündige Gespräch war so anstrengend, dass ich als ich wieder in den Wagen stieg um heim zu fahren, einen Hexenschuss bei mir feststellte. Susi bewundere ich für ihre Selbstaufopferung und ihr lebenslanges Engagement für die Dokumentation der Shoa. Ich hoffe, ich werde noch einmal in diesem Leben die Gelegenheit haben, sie zu treffen.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

http://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Library

http://www.laqueur.net/

Alle bisher veröffentlichten Folgen von Familienportrait sind hier verlinkt:

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Berlinische Leben – „Halber Mensch“ / Die Poesie des Unfertigen / 9.11.1989

Heute vor 18 Monaten habe ich dieses Blog online gestellt. Aus diesem Anlass reblogge ich meine Betrachtungen zum Mauerfall-Jubiläum:Halbmensch

28 Jahre habe ich auf der Insel West-Berlin gelebt, die die Mauer wie ein feindlicher Ozean umgrenzte. Heute vermisse ich dieses West-Berlin. Vielleicht könnte man dieses Gefühl „Westalgie“ nennen. Denn im Gegensatz zur Ostalgie, die einem maroden System voller Spitzelei und Kleinbürgerlichkeit huldigt, erinnert uns die „Westalgie“ an eine Welt, in der das Meiste gut und nur weniges schlecht war. Das ist jedenfalls mein Eindruck, wenn ich zurückdenke.
Es ist nun ein Vierteljahrhundert her, dass dieses West-Berlin Geschichte wurde und die Erinnerung neigt dazu, die Dinge schönzufärben. Umso länger sie vergangen sind, umso schöner scheinen sie zu sein. Trotzdem ist auch diese Erinnerung real, wir erfinden ja nichts. Wenn ich etwas besonders an West-Berlin geschätzt habe, dann war es die Vorläufigkeit, die das Leben dort hatte. Nicht nur die Personalausweise waren behelfsmäßig und der Status der Stadt vorläufig. Ich habe mein ganzes Leben dort als vakant und nicht festgelegt empfunden. Ich führte ein halbes Leben, ohne Zukunft und Pläne, ich war ein Halber Mensch, aber diese Unfertigkeit gefiel mir gut. Ich brauchte mich auf nichts festzulegen. Denn jederzeit hätte ich im Radio folgende Nachricht hören können:

„Starke Militärkräfte des Warschauer Paktes bewegen sich auf West-Berlin zu. Die Westalliierten versuchen die Halbstadt solange zu halten, bis West-Berlin evakuiert ist. Bleiben sie zu Hause, bis ihnen mitgeteilt wird, wann sie und von welchem Flughafen sie ausgeflogen werden. Jeder Berliner darf ein Gepäckstück bis 15 Kilo Gewicht mitnehmen, für Kinder gelten 10 Kilogramm.“

Es wäre nicht unwahrscheinlich gewesen, es gab gute Gründe mit einer weiteren Berlin-Krise zu rechnen. Es wäre die vierte gewesen. Erst war da die Blockade, die Krise Nummer eins. 1958 stellte Chrustschow ein Ultimatum, die Krise Nummer zwei. Damals wurde meinen Eltern ein kleine Villa im Grunewald für 20 000 D-Mark angeboten. Sie hatten das Geld nicht und selbst wenn, hätten sie das Haus wohl nicht gekauft, denn sie mussten damit rechnen, kurz danach von den Russen enteignet zu werden. Der Mauerbau wurde dann die dritte Krise und eine 28 Jahre währende Warnung.

Ich war mir einer potentiellen Bedrohung immer bewusst und benutzte sie als eine Entschuldigung meinem Leben etwas Vorläufiges und Offenes zu verleihen. Mit 18 war ich mit der Schule fertig, Abitur und Studium waren mir versagt und es dauerte 14 Jahre, bis ich mit 32 den ersten regulären Vollzeitjob antrat und eine Familie gründete. Bis dahin habe ich so gelebt, als ob es kein Morgen gäbe. Natürlich hatte diese Art zu leben auch etwas Trauriges, aber es entsprach meinem Naturell und ich habe es als stimmig empfunden. Man kann West-Berlin auch als einen ungeplanten sozialen und psychologischen Feldversuch sehen. Wie entwickeln sich Menschen, die in einer ummauerten Stadt wohnen, deren Familien getrennt oder zerfallen sind? Und die gleichzeitig mit der Entfremdung einer hochtechnisierten Gesellschaft im Kapitalismus leben und beobachten können, dass die realsozialistische Versuchsanordnung im Osten der Stadt auch nicht funktioniert. Sie leben als ob nichts wäre. Die Mehrheit macht einfach weiter. Doch Einzelne und subkulturelle Gruppen ziehen ihren Vorteil aus den Eigenheiten der Lage. Die spezielle Freiheit zieht sogar Künstler an. Bekannte wie David Bowie und noch unbekannte wie Wolfgang Müller, der die Stadt wie einen Therapieplatz empfand, als er in den 70ern kam. Neben dem Kapitalismus, wörtlich darunter, bildete sich eine Subkultur, bei der das Geld verdienen zuletzt kam. Brachen und Sub-Standard-Immobilien boten viel Platz für Experimente. Für meine 30 Quadratmeter-Wohnung in der Rheinstraße zahlte ich 1977, 40 Mark Miete, im Monat! An solchen Möglichkeiten mangelt es heute und Freunde und Bekannte von mir ziehen traurigen Herzens aus Berlin weg, weil sie die Mieten und Lebenshaltungskosten nicht mehr aufbringen können.

Ich arbeitete damals 16 oder maximal 20 Stunden in der Woche in den verschiedensten Jobs und hatte meist um die 500 D-Mark zur Verfügung. Das reichte für ein bescheidenes, aber stressfreies Dasein. Sozialhilfe oder andere Beihilfen habe ich nie bezogen, manchmal steckte mir meine Mutter etwas zu. Ich las viel, flanierte durch die Stadt und verbrachte Zeit in Cafés und Discos. Mit Mitte 20 wurde es etwas langweilig, ich fing an zu schreiben und stellte merkwürdige Projekte auf die Beine. Fanzines, Tonträger, Hörspiele, Veranstaltungen und schließlich Filme.
Gab es auch Schlechtes an West-Berlin? Natürlich, das eingesperrt sein, kein Umland zu kennen, die Winter, in denen Berlin ungeheuer trist sein konnte und in denen einem die Braunkohle und der Trabimief den Atem nahmen. Dazu war Berlin nie eine sehr freundliche Stadt, genauso wie in Wien oder New York war hier der Ton stets ruppig. Das mit-einander-umgehen kostete Nerven und selbst als Insel im Sozialismus war West-Berlin eine schnelle Stadt, die einen mit ihrem Tempo ansteckte. Trotzdem war die Mauerstadt soviel beschaulicher als die neue Hauptstadt der Berliner Republik.

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Am Abend des 9. November 1989 war ich mit einer Freundin in einem Restaurant in der Nürnberger Straße essen gewesen. Gegen Mitternacht ging ich auf Nebenstraßen den kurzen Weg zur Lietzenburger Ecke Joachimsthaler Straße, wo ich damals wohnte. Es roch ungewohnt, sonst fiel mir nichts auf. Erst später realisierte ich, das der Dunst von Zweitakter-Gemisch in der Luft lag. Daheim zog ich mich aus, putzte die Zähne und schaltete nebenbei den Fernseher an. Die Stimmen, die aus der Kiste kamen klangen aufgeregt, im vorbeigehen schaute ich auf den Bildschirm und sah das Kranzler-Eck, 400 Meter entfernt, irgendetwas war los. Es war voll auf dem Kudamm, lustige kleine Autos fuhren herum und alle waren aufgeregt. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich begriff, dass die Mauer durchlässig geworden war.
In wenigen Minuten hatte ich mich wieder angezogen, dann lief ich zum Kranzlereck. Etwa drei Stunden stand ich da, umarmte fremde Menschen, trank mit ihnen Rotkäppchen-Sekt, immer wieder liefen mir Freundentränen über die Wangen. Tatsächlich weinte ich zum ersten Mal seit neun Jahren, das letzte Mal hatte ich geweint, nachdem am 8. Dezember 1980 John Lennon erschossen wurde, doch damals weinte ich aus Trauer, nun weil mir ein Stein vom Herzen fiel, von dem ich gar nicht gewusst hatte, das er da war. 28 Jahre hatte ich mit der Mauer gelebt, mein gesamtes Leben als „zoon politikon“, als politisch denkendes Wesen. Sieben war ich beim Mauerbau und es war die erste Erfahrung, die ich mit Politik und Geschichte hatte. Und natürlich hatte sie mich geprägt. Es gab da eine Enge in meiner Brust. Das Gefühl einer tatsächlichen oder vermeintlichen Behinderung, wegen derer ich mein ganzes Leben nur als vorläufiges sah. Eine Behinderung, die dann enden würde, wenn auch die Teilung von Land und Stadt endete. Nun war es soweit.
Aber erstmal dachte ich nicht an das Persönliche, zunächst versuchte ich das Historische einzuordnen. Ich wünschte der DDR und seinen Bürgern einen eigenen, dritten Weg. Noch nichts ahnte ich vom Dammbruch der Werte, vom Sog der D-Mark. Nichts ahnte ich davon, dass es die DDR ein Jahr später nicht mehr geben würde, dass ausgerechnet Helmut Kohl das realsozialistische Land im Sturm erobern würde, ich konnte es mir nicht vorstellen in dieser Nacht der Emotionen.

BalkenHelene

Ein halbes Jahr vorher, im Frühsommer ’89 hatte ich den Eindruck, dass sich in der Hauptstadt der DDR etwas tut. In Mauerzeiten bin nie viel in Ost-Berlin gewesen. Ich fand es deprimierend und vor ’86 konnte ich mir den Zwangsumtausch von 25.-DM kaum leisten. Nun fuhr ich öfter rüber, meistens mit meiner Freundin Helene. Wir merken bald das Doc Martens Stiefel ein KO-Kriterium sind und ziehen neutrales Schuhwerk an. Die Grenzer schielen zwar auf Helenes bunte Strähnen im blondierten Haar, doch weder die Schablone Skinhead noch die des “Punkers” passt auf uns und wir dürfen rein, ins realsozialistische Vergnügen.
Bei unserem ersten Besuch gehen wir auf ein Straßenfest im Ernst-Thälmann-Park. Das scheint eine angenehme Nachbarschaft zu sein. Entspannte, freundliche Berliner, sogar lesbische und schwule Päarchen, die sich nicht verstecken. Das das nicht typisch ist für die DDR oder auch Ost-Berlin ist, ist uns natürlich klar. Wir reden mit ein paar jungen Leuten, die sich vorsichtig, oder aus Mangel an Material, nur leicht punkig gestylt haben. Eine junge Frau fragt Helene nach ihren Haaren. Nicht die bunten Strähnchen interessieren sie, die sind ohnehin utopisch, nein, wie Helene ihren Schopf blondiert möchte sie wissen. Es dauert bis Helene bewusst wird, dass man hier sowas nicht einfach im Drogerie-Markt kaufen kann. Schliesslich empfiehlt sie Wasserstoffperoxid. Davon hat die junge Frau noch nie gehört. Dieses unwesentliche Rencontre mit der Realität des Sozialismus gibt Helene zu denken. Ein Land, in dem Frau ihre Haare nicht ordentlich blondieren kann, ist ein Unding aber auch ein eoxtisches Wunderland, das es zu entdecken gilt.
Ein andermal sind wir an einem Sonnabend am Prenzlauer Berg. Wir haben die ausgefallene Idee, irgendwo tanzen zu gehen. Vom Frannz-Klub haben wir gehört. Wir sprechen mit verschiedenen punkig aussehenden Jugendlichen auf der Schönhauser Starße. Schnell wird klar, dass wir den Frannz-Klub abhaken können. Ohne Karte oder Beziehungen hilft selbst Schlange stehen nicht, weil der Laden schon am frühen Abend voll ist. Wir sind froh wenigstens einen Tisch in einem kleinen Restaurant auf der Schönhauser zu bekommen. Etwas frustriert wollen danach wieder zurück in den Westen, unsere Ostkohle haben wir schon ausgegeben. Plötzlich erscheinen zwei Punks im Lokal, offensichtlich Fremdkörper hier. Noch bevor der Kellner sie herauskomplimentieren kann, haben sie uns einen Zettel zugesteckt. Alles sehr konspirativ.
Die Adresse in der fast unbeleuchteten Kastanienallee ist ein unbewohntes Haus, Licht bzw. Strom scheint es nicht zu geben. Wir schleichen uns mit Herzklopfen und erhobenem Feuerzeug bis in den Hof. Da hängt ein kleines Schild auf dem “Keller” steht und ein Pfeil weist nach unten. Mit angehaltenem Atem tapsen wir die Kellertreppe abwärts. Dann hören wir Musik und sehen ein Flackern. Tatsächlich unten sitzen ca. 20 Punks bei Kerzen und Baustellenleuchten, aus einem kleinen Kassettenplayer tönen die Einstürzenden Neubauten:

“Halber Mensch
Wir sorgen für dich
Wir nehmen für dich wahr
Halber Mensch
Wer geteilt ist, hat nichts mitzuteilen”

Wir werden freundlich begrüßt, es ist eine Party, doch zu trinken gibt es nichts, noch nicht einmal geraucht wird. Kein Geld zu haben gehört wohl irgendwie zu ihrer Art zu leben. Trotzdem freuen sie sich, als wir unsere Zigaretten verteilen. Helene will etwas Gutes tun und besorgt aus einer Kneipe in der Nähe Bier und mehr Zigaretten. Wir unterhalten uns angeregt, ob wir die Neubauten gesehen haben? Ja, im SO36, Blixa war auch Barkeeper, man kennt sich. Besonders angeregt unterhält sich Helene mit einem Rocco. Ich werde langsam nervös, mein paranoides Feintuning sagt mir, wir sollten aufbrechen. Ich mache Druck, wir verabschieden uns, Helene steckt einen Zettel von Rocco ein.

Als sich Helene zehn Tage später mit Rocco treffen will, wird sie an der Grenze zwei Stunden lang aufgehalten. Man befragt sie und sie wird von einer barschen Uniformierten gefilzt. Das wichtigste finden sie nicht, eine Reihe von taz-Artikeln, die Rocco sehr interessieren. Obwohl sie selbst nicht kifft, hat Helene ein kleines Piece für Rocco im BH versteckt, Rocco ist scharf darauf es auszuprobieren. Auch das findet der Grenzdrachen nicht. Die Kiwis und andere Westleckereien darf sie behalten.
Natürlich wird sie verfolgt. Erst mit Rocco hängen sie den Schatten ab. Sie erfährt, 10 Minuten nachdem wir den Keller in der Kastanienallee verlassen hatten, kamen die Bullen und die Stasi. Die Anwesenden wurden eine Nacht festgehalten, doch niemand hatte etwas Verwerfliches dabei, so blieb es dabei. Wenn sie Helene und mich bekommen hätten, wäre das schlimmer gewesen. “Feindliche Agenten” oder irgendsoeinen Quatsch hätten sich die Betonschädel für uns ausgedacht. Einmal mehr im Leben dankte ich meiner Paranoia. Ich lies es mir eine Warnung sein, Helene war eher angestachelt und brachte Rocco regelmäßig “hetzerische Propagangaschriften” mit. Allerdings lernte sie dazu, sie schrieben sich nicht mehr, sondern verabredeten sich immer gleich persönlich.

IMG_20140302_0002Dinah

In der Nacht des Mauerfalls schlafe ich nur zwei oder drei Stunden, mehr brauche ich nicht. Ich lebe höchst gesund, um die für mich neue und ungewohnte Aufgabe, den Offenen Kanal Berlin zu organisieren, bewältigen zu können. Kein Fleisch, kein Zucker, kein Alkohol, leider wird sich auch das durch den Mauerfall ändern. Mit dem Rotkäppchen hat es schon angefangen.
Der 10. November ist ein Freitag. Obwohl die Disposition erst um 10 Uhr aufmacht, bin ich früher da. Ich rechne mit den ersten DDR Bürgern, die sich beim OKB anmelden wollen und ich werde nicht enttäuscht. Gegen halb zehn klopft es an meiner Tür. Eine junge, sympathische Frau mit milchkaffeebrauner Haut betritt vorsichtig mein Büro. “Sind sie Herr Kluge?” “Ja, ich bin der Marcus. Was kann ich für dich tun?” In den Kindertagen des Senders duzten wir eigentlich jeden, der zu uns kam. “Ich bin die Dinah, ich will Fernsehen machen. Das geht doch hier?” “Ja, das geht hier.” Es war der beste Job der Welt, ich liebte ihn.

Dinah war die Prinzessin des Prenzlauer Bergs, sie kannte jeden, wusste Alles und wurde zu meiner Führerin durch die Boheme der Hauptstadt der DDR. Als Nichtweiße in der DDR aufzuwachsen hatte sie tough gemacht, aber sie bemäntelte diese Stärke mit einer entwaffnenden Liebenswürdigkeit. Ich traf sie meistens im „1900“, dem legendären Restaurant, in dem sich die Intelligenz Ost-Berlins traf. Gerade war der in den Westen geflüchtete Ex-Chef zurück gekommen und der Laden brummte jeden Abend. Dinah stellte mich Promis wie Heiner Müller vor, für den sie eine Art Maskottchen war. Anschließend schleppte mich Dinah in offizielle und auch inoffizielle Tränken der Ureinwohner, die von Westberlinern noch nicht entdeckt wurden.
Dinah hatte in den letzten Jahren der DDR gut gelebt. Mit Freunden hatte sie einfache Klamotten genäht, Hemden, Hosen, Westen. Diese haben sie dann verkauft, im Sommer an der Ostsee oder im Winter in den Wintersportorten. Diese Ergänzung der notorisch schlechten planwirtschaftlichen Versorgung mit tragbarer Kleidung, rissen ihnen die DDR-Bürger förmlich aus den Händen. Sie hatten Geld, mehr als sie ausgeben konnten. Sie wohnten in den besten Hotels, speisten in Restaurant wie die Wessis. Die Behörden ließen sie in Ruhe, man wollte das kleine Ventil für die modischen Bedürfnisse der Ostler nicht zudrehen, so pragmatisch wurde auch gedacht in den letzten Tagen des realsozialistischen deutschen Staates.

Als ich am Sonnabend, dem 11.11. 89 vom Balkon sah, warteten etwa 500 DDR-Bürger in einer ordentlichen Schlange auf die Öffnung der Bank am Rankeplatz. Es begannen wilde Tage am Kudamm, schließlich konnte ich kaum noch etwas einkaufen. Als ich am 18. 11. meinen 35. Geburtstag feierte, brachte mir eine Freundin aus Ost-Berlin ein DDR-Care-Paket mit. Mit einem Einkaufsnetz voll Rondo-Kaffee, Tempo-Erbsen und Brausepulver war ich vorerst versorgt. Ich hatte seit Jahrzehnten kein Einkaufsnetz gesehen.
Früher an diesem Tag geriet ich auf ein bekanntes Mauerfall-Foto im U-Bahnhof Schlesisches Tor, inmitten von Ostlern werde auch ich zum „DDR-Touristen“. Neben das Foto schreibt meine Mutter meinen Namen, sie war stolz auf ihre Entdeckung.
Ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt arbeitete Helene damals noch in einem Supermarkt. An ihrer Kasse spielten sich herzerweichende Szenen ab, Kinder küssten Schokoriegel und Kunden aus dem Osten bedankten sich bei ihr, besonders weil die Kassiererinnen Überstunden machten, um den Ansturm zu bewältigen. Ein Einsatz, der in der Arbeitswelt des Realsozialismus wohl schwer vorstellbar war.

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Ich wäre beinahe an den Kollwitzplatz gezogen im Februar 1990; ich fand spannend was da passierte. Schon im März 1990 änderte sich das, denn da wählten meine Brüder und Schwestern Kohl und die D-Mark. Was dann passierte war nicht spannend, es war traurig und beschämend, als die DDR, wie eine Müllhalde der Geschichte von den „Siegern“, den Wessis, abgewickelt wurde. Kohl fiel die Einheit in den Schoß, ein ungeheuerlicher Glücksfall. Ohne den Mauerfall, was würde von Kohl übrig bleiben in den Geschichtsbüchern? Wohl nur seine kriminelle Spendenpraxis und seine Dreistigkeit, über dem Gesetz zu stehen, die er mit den Worten „Ich habe mein Ehrenwort gegeben!“, bewies. Er hat Glück gehabt, die Einheit haben Andere beschlossen zuzulassen. Ich bin kein Feind der Einheit. Deutschland hat Jahrhunderte in Kleinstaatlichkeit existiert, obwohl Sprache und Kultur zusammengehörten und durch den kalten Krieg inzwei geschnitten zu sein, war unnatürlich. Die Einheit Deutschlands, wie auch die Europas, ist eine gute Sache. Problematisch wird sie in den Details, in der Bürokratie und Regelwut. „Den Übermut der Ämter und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist.“*, so ärgerte sich schon Hamlet.
Natürlich freute ich mich über die neue Freiheit, es gab viel zu entdecken und ich machte sogar den Führerschein, denn ich in West-Berlin nie gebraucht hatte. Erst im neuen Jahrtausend wurde mir bewusst, wie sehr mir mein altes West-Berlin fehlte. Bis dahin war ich abgelenkt durch die neue Situation und ihre Möglichkeiten. Doch dann fühlte ich plötzlich eine Leere; mir fehlte West-Berlin, seine Vorläufigkeit, seine Freiheit, seine Einmaligkeit, sein Lebensgefühl und seine provinzielle Gemütlichkeit. Und natürlich das Lebensgefühl als halber Mensch, dem zwar etwas fehlt, der aber dafür ganz im hier und jetzt lebte.
Bin ich denn jetzt ein ganzer Mensch und ist der Grund für diese Heilung das Zusammenwachsen der Stadt? Ja, ich fühle mich heute wie ein ganzer Mensch und Nein, das Zusammenwachsen der Stadt hat damit fast nichts zu tun. Denn zum einen ist die Stadt ja nur höchst unvollkommen zusammengewachsen, überall gibt es Narben und unverheilte Wunden, die durch hässliche, neue Architektur nur noch mehr auffallen. Zum anderen, weil meine persönliche Heilung ein Ergebnis von selbst geleisteter Arbeit war, unter Mithilfe von Menschen, die mich unterstützt haben. Körperliche Krankheit, Schmerzen zwangen mich zur Einkehr und Aufarbeitung kindlicher Traumata. Erst 2006 wurde klar, das nicht nur eine unerkannte Hochbegabung mich gehemmt hatte, sondern auch eine ungefilterte Wahrnehmung der Realität. Nun habe ich gelernt damit zu leben, Berlin hat kaum Anteil gehabt, außer eine immer wieder anregende, inspirierende Athmosphäre zu bieten, auch heute noch.
In jungen Jahren habe ich mich für meine „Unfähigkeit“ selbst bestraft. Heute habe ich mir meine Andersartigkeit verziehen. Ich erlaube es nicht mehr, mich schlecht zu behandeln, oder von anderen schlecht behandelt zu werden und ich würde es nicht mehr akzeptieren, als ein halber Mensch zu leben.

Was ist aus Helene und Dinah geworden? Dinah hat nie Fernsehen bei mir im Sender gemacht. Wir blieben ein paar Jahre lose befreundet und ich beobachtete, wie sie immer neue Projekte entwickelte, ohne wirklich etwas fertigzubringen. Erst das Kind, das sie von einem Juristen bekam, gab ihr Erdung und eine nachhaltige Aufgabe. Dann verlor ich sie aus den Augen, ich glaube sie verlies die Stadt, um an einem idyllischeren Ort zu leben.
Auch Helene bekam Nachwuchs, zweimal sogar. Wir waren lange befreundet, sie arbeitete schon seit Anfang der 90er im Bereich linker Politik und diese Aufgabe fraß irgendwann ihr Privatleben. Wir sahen uns nur noch selten und schließlich antwortete sie nicht mehr. Ich sprach auf ihren Anrufbeantworter, schrieb Mails und Briefe, bat um wenigstens eine Erklärung. Hatte ich etwas gesagt oder getan, war ihr etwas passiert? Nichts kam zurück, es ist jetzt drei Jahre her und für mich immer noch schwer zu begreifen. Erst vor zwei Monaten habe nochmal einen Versuch gemacht, ohne jeden Erfolg. Natürlich heißt Helene nicht Helene und ich werde auch nicht sagen, wo sie politisch wirkt und deshalb hat das Passbild, das sie mir 1989 schenkte, diesen Balken.

Heute, 2014, ist auch die letzte Brache bebaut, jeder Kiez mit einer auswechselbaren Mall versorgt und jeder Freiraum zum Zwecke des Gelderwerbs vernichtet. Es fehlt mir mein altes West-Berlin, heute mehr denn je. In ein paar Tagen 60 zu werden macht es nicht besser. Oder vielleicht doch ein wenig. Denn im Alter hat man ja das Recht, sich mit frohen Gedanken an eine Zeit zu erinnern, „als alles besser war.“

Ende

Diesen Text widme ich Jeanette Chong für ihre tolle Arbeit bei den „West-Berliner Mauerkinder“. Damit erhält sie die Erinnerung an West-Berlin wach und befriedigt das große Bedürfnis nach „Westalgie“. M.K.

Die Illustration “Halber Mensch” hat Rainer Jacob gezeichnet.

Anmerkung: Einige Absätze dieses Textes habe bereits Anfang 2014 im Präsens verfasst. Eigentlich hätte ich diese bei der Redaktion ins Präteritum setzen sollen. Ausnahmsweise habe ich dagegen entschieden, weil ich den Eindruck hatte, dem Text damit seine Frische und Unmittelbarkeit zu nehmen. M.K.

*Hamlets Monolog in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel.

Das Foto von mir als “DDR-Tourist” stammt aus dem Buch “Berlin im November”, erschienen 1990 bei Nicolai.

Familienportrait Teil 14 – “Pankoff, Passierscheine und venezolanische Pässe” / 1961-85

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Mauerbau und Passierscheinabkommen

Der Mauerbau am 13. August 1961 trennt auch meine Familie. Erst das Passierscheinabkommen ermöglicht uns West-Berlinern nach über zwei Mauerjahren den Grenzübertritt. Zwischen dem 19. Dezember 1963 und dem 5. Januar 1964 dürfen wir Tante Lotte besuchen. Wir fahren ein paar Tage nach Weihnachten und treffen bei Tante Lotte auch deren Schwester Martha mit Ehemann Adolf aus Bad Liebenwerda. Mein Bruder Thomas fotografiert uns in der Grabbeallee (s.o.), auf den Gesichtern sieht man die Freude und Genugtuung über die Familienzusammenführung, aber auch Zweifel. Thomas drückt auch auf den Auslöser, als wir hastig, fast wie Geheimagenten das Haus betreten (s.u.). Auf dem Rückweg steigen wir in der Yorckstraße aus der S-Bahn und nehmen uns ein Taxi. Der Taxifahrer begrüßt uns mit den Worten: “Na kommen se aus dem jelobten Land?”

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Die Vorgeschichte:

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Das Haus in Pankow

In den 50er und frühen 60er Jahren gilt das Wort Pankow, nicht nur in Westdeutschland, als Synonym für das verhasste DDR-Regime. Walter Ulbricht und seine Spitzengenossen wohnen dort, bevor sie ab 1961 in die berühmte Waldsiedlung Wandlitz ziehen, die von 1958-61 nach russischem Vorbild, als zweifach eingemauertes Ghetto für die Bonzen gebaut wird. Bundesdeutsche Kommentatoren sprechen den Berliner Bezirk mit dem stimmlosen w gern wie Pankoff aus, weil sich das so schön russisch und martialisch anhört. Für mich als kleinen Jungen bedeutet Pankow Besuche bei Tante Lotte, Tomaten im Garten ernten, Wiener Schnitzel,Schokoschrippen und Spaß haben.

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Weihnachten 1937 mit Leistikow-Gemälde und Perser

Nachdem sich ihr Mann, der Polizist und Fotograf Paul, am 1. Mai vor die Heidekrautbahn legte und sich umbrachte, zog die Schwester meiner Oma mütterlicherseits in die Tschaikowski-Straße in Pankow. Als ich klein war, besuchten wir meine Großtante Lotte regelmäßig. Wir fuhren mit dem Auto nach Wedding, überquerten am Checkpoint Wollankstraße die Sektorengrenze, fuhren mit der Straßenbahn und bogen dann von der Grabbeallee links in die Tschaikowskistraße. Im Westen der Stadt kannten wir niemand mit Garten und so freute ich mich auf die Besuche, Tomaten und Erdbeeren zu ernten war für mich Stadtjungen toll. Oft kam Tante Lotte auch zu uns nach Wilmersdorf, stets schmuggelte sie Schnitzelfleisch unter ihrem Hut, um ihre Spezialität, herrlich dünne in guter West-Butter ausgebratene Schnitzelchen zu bereiten. Am 13. August enden diese wechselseitigen Besuche, eine nahezu unüberwindliche Mauer teilt plötzlich meine Heimatstadt.

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Die “große” Notburga

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Wolfgang Kluge

1961 kommt Wolfgang, ein Neffe meines Vaters mit seiner Frau, von uns die “große” Notburga genannt, mit ihren Töchtern nach Deutschland. Anscheinend hat die Ausländerfeindschaft nach den Fall von Diktator Marcos Pérez Jiménez 1958 dazu gedrängt, Venezuela zu verlassen. .Zuerst wohnen sie bei uns, mein Bruder Thomas und ich freuen uns über zwei “Schwestern”. Wir Kinder hausen im großen Wintergartenzimmer in der Wohnung am Volkspark, in die wir 1960 zogen. Wir unterhalten uns in einem Mischmasch von drei Sprachen, deutsch, spanisch und englisch. 1962 bin ich acht, Ingrid ist zehn, die “kleine” Notburga ist zwölf und Thomas ist 14, eine tolle Zeit.

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Marcus, Ingrid, Notburga, Thomas

Wolfgang und die große Notburga bringen einen Hauch von weiter Welt ins provinzielle West-Berlin. Notburga ist stets modisch gekleidet, sie wirkt etwas wie die große Schwester von Audrey Hepburn. Wolfgang wird zu meinem ersten männlichen Modevorbild. Er sieht aus wie der amerikanische Bruder von O.W.Fischer, ist immer leicht gebräunt, die kurzen Haare mit Pomade zurückgekämmt. Er trägt sorgsam gebügelte amerikanische Oberhemden in Pastellfarben, in den Brusttaschen Zigaretten und Feuerzeug. Seine ruhige, coole Art hebt sich angenehm von der Berliner Ruppigkeit ab, er betreibt Yoga, jedesmal wenn er anruft und mich am Apparat hat, erkundigt er sich freundlich nach meiner Befindlichkeit und hat keinerlei Eile. Bald arbeitet er für eine US-amerikanische Charterfluggesellschaft, “Saturn Airways”, die fliegt die Berliner nach Mallorca und an die Adria, die Ära der Pauschalreisen beginnt.

Da wir Tante Lotte nicht mehr besuchen können, beginnen die große Notburga und Wolfgang regelmäßig in die Tschaikowskistraße zu fahren. Sie halten den Informationsaustausch zwischen den Familienteilen aufrecht. Neben Lotte lebt ja auch die andere Schwester meiner Oma, Martha mit ihrem Mann Adolf im Osten, in Bad Liebenwerda, dem Geburtsort der drei Töchter des Schuhmachermeisters Schnelle.

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Notburga versteckt Tante Lottes Schmuggelgut

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Foto: Geoff Pugh, The Daily Telegraph

50 Jahre später, am 4. Dezember 2013 besuchen mich Journalisten vom Daily Telegraph, um mich zu meinen Erinnerungen an das erste Passierscheinabkommen zu befragen. Tom Rowley, der Magazinartikel für das Blatt schreibt, der ausgezeichnete Fotograf Geoff Pugh und der sympathische junge Dolmetscher William Pimlott, der mein Blog im Internet fand und den Kontakt hergestellt hatte. Aus dem 90 Minuten langen Gespräch kondensiert Tom Rowley neun Zeilen:

-Another Berliner who was a boy at the time, Marcus Kluge, likewise recalls the impact of that Christmas, when, as a nine-year-old, he went to visit his great aunt, Lotte, with his parents. “I can remember feeling that it was fantastic that somewhere in this great wall there was now a hole,” he says. “There were cakes, schnitzel, coffee, and lemonade for me.” Still, he was saddened not to reprise his pre-wall gardening job. “I was disappointed because I thought there would be some tomatoes ready to pick in the garden. It hadn’t occurred to me they wouldn’t be there in winter; we did go out briefly, but it was just too cold to stay.”

All three recall how quickly their hours together passed, and their distress at leaving their relatives behind in time to cross back to the West before the deadline.-

Nach 1963 beschließt Tante Lotte in den Westen überzusiedeln. Die DDR läßt Rentner gehen, die kosten ja nur. Mein Cousin Wolfgang Kluge und seine Frau Notburga, die venezolanische Pässe haben, schmuggeln Schmuck, Domumente und anderes für Tante Lotte in den Westen. Unter anderem den Siegelring von Onkel Paul mit dem Blutjaspis, den ich heute noch trage. Die märkische Kieferlandschaft, gemalt von Walter Leistikow, die Perserteppiche und die schönen Möbel können sie nicht über die Grenze bringen, sie werden die Wohnung eines SED-Bonzen schmücken.

1964 kommt der Sohn von Wolfgang und Notburga, Johannes Kluge, zur Welt. Er wird in Österreich geboren, nie soll er eine deutsche Uniform tragen. Das ist die Lehre, die seine Eltern aus Weltkrieg und den Verbrechen des Dritten Reichs, gezogen haben. Zurück in Berlin wird das Baby beim Schmuggel helfen. In seinem Kinderwagen kann man besonders gut Konterbande verstecken.

Johannes W. Kluge (Sohn von Notburga und Wolfgang Kluge) erinnert sich: “Da wir Venezolaner waren wurden wir nicht so sehr gefilzt. Aber beim letzten mal ist ihnen doch das Herz in die Hose gesunken als ein Vopo “Halt, stehenbleiben” schrie und hinterher lief. Als er sie erreicht hat, sagte er “Dem Kleinen ist der Schuh runtergefallen, das wäre doch schade wenn’s verlorengeht”…

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Johannes. Tante Martha und Tante Lotte

Das letzte Kapitel im Leben der drei Schnelle-Schwestern

1965 zieht Tante Lotte schließlich zu ihrer Schwester Elisabeth, meiner Oma, in die Prinzregentenstr. 21A in Wilmersdorf. Als Witwe eines Polizeioffiziers bekommt sie eine stattliche Rente. Sie hilft die ersten Käfer meines Bruders zu finanzieren. Zum Dank unternimmt er mit seinem VW Reisen mit den beiden alten Damen. Die beiden Schwestern haben eine gute Zeit zusammen. Sie streiten sich zwar, aber versöhnen sich immer wieder, wie ein altes Ehepaar. Tante Lotte stirbt 1980 im Schlaf. Meine Oma hat es nicht so gut, bevor sie 1985 stirbt, lebt sie einige Jahre dement im Altersheim. Tante Martha, die dritte der Schnelle-Schwestern stirbt in Bad Liebenwerda, nachdem sie uns in den 70ern nochmal in West-Berlin besucht hat.

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Notburga, Tante Lotte, Johannes und Oma in der Prinzregentenstraße in Wilmersdorf 1965

– wird fortgesetzt –

Alle bisher veröffentlichten Familienportraits:

http://wp.me/P3UMZB-1

Tante Lotte und Onkel Paul, ihre Geschichte und Pauls tragisches Ende:

http://wp.me/p3UMZB-3W

Der Artikel zum Passierscheinabkommen:

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/germany/10520726/The-time-the-Berlin-Wall-came-down-for-Christmas.html

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