Familienportrait Teil 15 – “Susi, Ditzewurst und Wiener Library” / 1960-2001

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Es gibt Menschen, die uns prägen, obwohl sie nur kurz Teil unseres Lebens waren. Andere vergessen wir, aber die prägenden fallen uns immer wieder ein, sie begleiten uns, auch wenn wir keinen Kontakt mehr zu ihnen haben.

Meine Mutter hatte in den 60er Jahren ein Geschäft in der Rankestraße, den Europäischen Buch- und Phono-Klub. Eine ihrer Mitarbeiterinnen, Christa S. Wichmann genannt Susi, wurde meine erwachsene Freundin. Ich mochte sie auf eine kindliche Weise einfach ungeheuer gern. Mir gefiel ihr Humor, ihr Lächeln, die Art wie sie ihre Haare zurückstrich und besonders mochte ich ihre leicht heisere, aber sehr gepflegte Stimme. Noch heute denke ich  bei bestimmten Gesten, die ich mir wohl bei ihr abgekuckt habe, an sie. Das einzige Foto (s.o.) das ich von ihr besitze, zeigt sie beim Fasching im Buch- und Phono-Klub in der Rankestraße.

Ich war sechs, gerade in die Grundschule gekommen und hatte das Glück, dass sie gern Zeit mit mir verbrachte. Sie ging mit mir in den Zoo oder ins Museum, ich denke noch heute sehr gern an diese Sonntage zurück. Nach den Ausflügen durfte ich bei ihrer Familie in der Salzbrunner Straße Abendbrot essen. Ich hatte als Kind den Spitznamen Ditze, deshalb wurde die Salami, die ich besonders gern mochte Ditzewurst genannt. Susi hat mir Jahrzehnte später erzählt, so hieße die Wurst in ihrer Familie immer noch.

Bild   Ditze auf dem Spielplatz im Volkspark, nahe der Livländischen Straße, 1961

Zu meinem Kummer ging Susi ein paar Jahre später nach London, um dort für die “Wiener Library For the Study of the Holocaust & Genocide” zu arbeiten. Sie hat ihr gesamtes Berufsleben der Wiener Library und dem Studium des Holocaust gewidmet. 1985 veröffentlichte sie das Buch: “Stationen der Tyrannei”, in dem sie von der Arbeit des Instituts berichtet.

Da sie auch Assistentin des Directors der W.L., Walter Laqueur wurde und kaum Raum für ein Privatleben beanspruchte, sah ich sie erst 1986 wieder. Sie kam mir kaum verändert vor, als ich sie mit meiner Exfrau in Wilmersdorf traf.

1996 heiratete Susi Walter Laqueur, nachdem dessen erste Ehefrau gestorben war. Laqueur, der bis 1993 Director der W.L. blieb, ist ein sehr beschäftigter Mann, ein gefragter Historiker und Publizist. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, in denen er sich mit dem Holocaust, aber auch mit zeitgenössischer Politik befasst. Seit der Heirat ist sie nicht nur Ehefrau, sondern auch Assistentin und Privatsekretärin ihres Mannes.

2001, als Laqueur Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs war und sie eine Weile in Grunewald wohnten, hatte ich die Gelegenheit den großen Mann kennenzulernen und Susi wiederzusehen. Ich stritt mit Laqueur über die deutsche Linke, ließ mir von ihm detaillierte Verbesserungsvorschläge für den Offenen Kanal Berlin diktieren, bei dem ich damals arbeitete und wurde von ihm eingehend zu meinem gesamten Leben befragt. Offensichtlich arbeitet der kreative Mann ständig und er ist wohl ein Mensch, der keinen Stillstand zulassen kann. Seine eher konservativen Ansichten teile ich zwar nicht, aber alles was ich von ihm gelesen habe, war bestens recherchiert und brilliant dargelegt.

Das mehrstündige Gespräch war so anstrengend, dass ich als ich wieder in den Wagen stieg um heim zu fahren, einen Hexenschuss bei mir feststellte. Susi bewundere ich für ihre Selbstaufopferung und ihr lebenslanges Engagement für die Dokumentation der Shoa. Ich hoffe, ich werde noch einmal in diesem Leben die Gelegenheit haben, sie zu treffen.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

http://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Library

http://www.laqueur.net/

Alle bisher veröffentlichten Folgen von Familienportrait sind hier verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-1

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