Familienportrait Teil 23 – “Hitlerjunge, Weltenbummel und Clipper Club Caracas” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / Kapitel 1 / 1930-52

(Oben: Wolfgang Kluge als Steward im Clipper Club Caracas)

Im ersten Kapitel finde ich mich nachts auf einer nebligen Pass-Straße in den Anden. Hier erfahre ich, wie ein Berliner Steppke, mein Cousin Wolfgang, in den 1950er Jahren nach Südamerika gekommen ist.

Ich reise nicht gern und das hat seine Gründe. Zum einen hasse ich es, in meinem Bewegungsdrang eingeschränkt zu werden, denn nach dem chinesischen Sternzeichenkreis bin ich Pferd und muss Auslauf haben. Ein paar Stunden im Zug ertrage ich noch, im Flugzeug bekomme ich Zustände und auf den schwankenden Planken eines Schiffs habe ich mich nie wohl gefühlt. Zum anderen schlafe ich in der Fremde schlecht. Daher reise ich selten, doch manchmal muss es eben sein. So besuche ich 1993 zusammen mit meiner Mutter meine Cousine Notburga Kluge und ihren Sohn Johannes in Venezuela. Ihr Mann, Wolfgang Kluge, lebte zu dieser Zeit leider nicht mehr. Nach ein paar Tagen zur Akklimatisierung fliegen wir in die hübsche, kleine Universitätsstadt Merida, die sich auf 1600 Meter in Tallage ins Andenhochland schmiegt. Notburgas Bruder Walter hat dort ein Ferienhaus mit spektakulärem Blick auf den höchsten Berg Venezuelas, den Pico Bolivar der sich 4981 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Wir lassen uns mit dem Hauswart, Ricardito fotografieren. Die Venezolaner nennen Johannes und mich “Wikingos”, Wikinger, weil wir groß und blond sind.

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“Los wikingos” und Ricardito in Merida

Eines Tages beschließt Johannes mit mir auf den höchsten Pass des Landes zu fahren, dem Pico el Aguila, auf dem in 4000 Metern Höhe Vegetation und Luft knapp werden. Nach abenteuerlicher Fahrt über unzählige Haarnadelkurven, neben denen ein freier Fall ins Tal droht, erreichen wir gegen 17 Uhr die Passhöhe, ich bin erstaunt wie schwer mir das Atem holen fällt.

Da es früh dämmert, treten wir bald die Rückkehr an. Hier in Äquatornähe kommt die Dunkelheit schnell und immer pünktlich gegen halb sieben. Als es dunkel wird, haben wir erst wenige der 75 km zurück ins Tal geschafft. Dazu bildet sich ein dichter Nebel, der Jeep hat Nebelscheinwerfer, nur nutzen sie nichts, mit ihnen beträgt die Sicht 2 bis 3 Meter, ohne Licht 5 bis 10, allerdings sehr vage Meter. Nur mit Schritttempo vermeidet Johannes den Absturz.

Ich überlege wieso meine Verwandten ausgerechnet nach Venezuela gekommen sind? Ich denke an den Vater von Johannes, meinen Cousin Wolfgang Kluge, der im Gegensatz zu mir, soviel und so gern reiste, dass sein Pass aus den Nähten platzte. Ich weiß das Wolfgang Anfang der 50er Jahre, nachdem er einige Zeit zur See fuhr, hier in Venezuela landete und dann seine Frau kennenlernte. Viel mehr weiß ich nicht, also bitte ich Johannes mir die Geschichte zu erzählen, während wir Kilometer für Kilometer die Passstraße abwärts schleichen.

“Wolfgang wird 1930 geboren, seine Mutter Frieda muss recht wenig mütterlich gewesen sein und sein Vater, Willy Kluge stirbt als Wolfgang 11 ist. Nun wird die Hitler-Jugend zum Elternersatz für ihn. Die Wanderungen und Ausflüge gefallen ihm, sogar Ski fahren lernt er. Außerdem bringt man den Jungen das Schießen bei.

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Wolfgang in der HJ

Im Januar 1945 wird der 14-jährige aus der Schule geholt. Man steckt ihn in schlecht sitzende Uniformstücke unterschiedlicher Truppenteile und rüstet ihn mit einem K98-Karabiner und einem Drahtesel aus. Beides klapprig und verrostet, eine einzige fabrikneue Panzerfaust ergänzt die Ausrüstung.

Zum Ende des Krieges sitzt er mit seiner Einheit in Bayern, an einem der ebenso schönen wie berühmten Seen. Auf der anderen Seeseite nähert sich eine Kolonne wuchtiger, amerikanischer Sherman-Tanks, die die jungen Burschen unter Aufopferung ihrer Leben, für Führer und Vaterland, in ihrem Fortkommen behindern sollen, wenn möglich bis zum Endsieg.

Ihr Kommandeur, ein älterer SS-Offizier, lässt sie antreten und befiehlt ihnen kurz und schneidig, ihre gesamten Waffen im See zu versenken. Das haben die Rotznasen auch sofort getan, wahrscheinlich haben sie vermutet, nun bekämen sie die von der Propaganda beschworenen Wunderwaffen ausgehändigt. Daraus wird nichts, der Offizier befiehlt ihnen, sich aus dem Staub zu machen, sich Zivilklamotten zu besorgen und dann nach Hause zu laufen. Am liebsten hätten die Jungs den Vaterlandsverräter auf der Stelle erschossen, aber ihre Waffen lagen ja nun auf dem Grund des Sees und der Kommandierende hatte noch seine MP…

Also haben sie sich aufgemacht und bald danach einen alten Opel “organisiert”. Damit kamen sie der Heimat einige wenige Kilometer näher, doch dann werden sie von G.I.s aufgegabelt und wegen Diebstahls vor Gericht gestellt. Das Verfahren ist kurz: “Uieh haissn daine Faddör? Uieh haissn daine Muddör? Four Days!!!” Als sie nach vier Tagen aus dem Knast kommen (sie wären gerne etwas länger geblieben, denn da hatten sie wenigstens etwas zu Essen bekommen) sehen sie “ihren” Opel schon in flottem Olivgrün und mit weißem Stern im Hof stehen.

Als Wolfgang endlich in Berlin ankommt erfährt er, seine Mutter ist mit dem Stiefvater nach Belgien gezogen. In Hamburg stecken ihn die Briten wieder ins Kittchen, das Gute daran ist, hier trifft er seinen zwei Jahre älteren Bruder Ino. Die Engländer begreifen schnell, dass die beiden keine großen Kriegsverbrecher waren und lassen sie laufen.

Für die Jungen, deren ganzes Leben von der Propaganda der Nazi-Diktatur begleitet wurde, ist der Zusammenbruch Nazi-Deutschlands traumatisch. Jetzt erweist sich, dass alles woran sie geglaubt haben Lügen waren. Eine ganze Generation wacht auf und findet sich in einem Alptraum von Zerstörung und Schuld wieder. Die meisten lernen zu verdrängen. Wolfgang ist nicht bereit zu vergessen, wahrscheinlich kann er es nicht. Während die Mehrheit der Deutschen sich bald mit dem sogenannten Wirtschaftswunder betäubt und alte Nazis auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Karriere machen, als sei nichts geschehen, will Wolfgang auf Abstand zum schwierigen Vaterland gehen. Bei der kühlen, zänkischen Mutter in Belgien möchte er auch nicht bleiben.

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Wolfgang als Reiseagent in Belgien

Nachdem er zwei Jahre für eine auf Flugreisen spezialisierte Reiseagentur gearbeitet hat verlässt Europa, zusammen mit seinem Bruder Ino lässt er sich um die Welt treiben. Die Brüder nehmen fast jeden Job an, zeitweise treten sie sogar als Step-Tänzer auf. Ihr eigentlicher Plan ist es, nach Südafrika auszuwandern. Sie heuern auf Schiffen an. Sie sehen Bombay, durchqueren als Matrosen auf einem Tanker den Persischen Golf, dann wechseln sie auf einen norwegischen Frachter. 1951 landen sie in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela. Hier ist es immer warm, die Menschen sind freundlich, niemand stört sich daran, dass Wolfgang Deutscher ist. Venezuela gefällt ihm gut, es wird sein neues Heimatland werden.

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Bauarbeiter in Venezuela

Zunächst schuftet er auf dem Bau, dann hat er die Möglichkeit als Steward im exklusiven Clipper-Club von Pan American Airways in Caracas zu arbeiten. Im Vergleich zum zerstörten Deutschland muss es dort traumhaft gewesen sein. Die Clipper Clubs waren luxuriöse Lounges der legendären Fluglinie, die anfangs nur auf Empfehlung und später auch gegen eine saftige Gebühr ihre Türen öffneten. Zu dieser Zeit, Anfang der 50er Jahre lernt Wolfgang seine spätere Frau, Notburga, kennen.”

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Als Steward im Clipper Club

1993. Der Nebel auf der schmalen, kurvigen Passstraße in den Anden wird immer dicker. Johannes bleibt stehen, er sieht die Straße nicht mehr und ohne jede Sicherung droht direkt neben dem Straßenrand der Absturz ins tausende Meter tiefere Tal. Ich steige aus und laufe vor dem Jeep, damit Johannes wenigstens langsam weiter fahren kann.

Fortsetzung folgt.

Alle Folgen der Serie findet ihr hier:

http://wp.me/P3UMZB-1

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