Familienportrait Teil 21 – “Pseudo-Schule, ein Pferd ohne Namen und innere Emigration” / Nach der Revolte 1970-77

Die 68er Revolte endet für mich am 21.3.1970. Die Friedrich-Ebert-Oberschule wirft mich hinaus, die Formulierung “verläßt das Gymnasium, um auf einen anderen Zweig der Oberschule zu wechseln” bedeutet für mich, Abi kann ich vergessen. Auch ein Gespräch mit dem Schulrat ändert nichts. Der CDU-Mann wird später im Bauskandal um Stadtrat Antes eine unrühmliche Rolle spielen. Mir vertraut er an, “Mit ihren politischen Aktionen haben sie eine Menge Leute verprellt, da gibt es keinen Weg zurück.”

Danach gehe ich auf eine Privatschule. Schnell wird mir klar, dass von dort eine Hochschulreife auch nicht zu erreichen ist. Eigentlich spielt man nur Schule, alle tun so als ob und die Eltern zahlen Schulgeld. Das im Grunewald gelegene, nach Immanuel Kant benannte Institut ist ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen. Die Lehrer mussten aus unterschiedlichen Gründen die staatlichen Schulen verlassen. Wir Schüler können uns denken wieso. Der Deutschlehrer ist ein unberechenbarer Choleriker, der Mathelehrer hat schon morgens eine Schnapsfahne und der Biolehrer versucht krampfhaft zu verbergen, dass er eine erotische Neigung zu kleinen Jungs hat, was ihm leider überhaupt nicht gelingt.

Auch die Schüler sind in staatlichen Schulen unliebsam aufgefallen, die meist betuchten Eltern hatten irgendwann keine Lust mehr, sich von verbeamteten pädagogischen Besserwissern einbestellen zu lassen und zahlen nun dafür, dass sie von ihren missratenen Sprößlingen nichts mehr hören. Also tun Lehrer und Schüler so als ob, es ist für beide Seiten von Vorteil. Die Lehrer werden fast fürs Nichtstun bezahlt und die Schüler werden in Frieden gelassen, solange sie halbwegs regelmäßig vorbei schauen.

BildWir amüsieren uns

So etwas wie Klassendisziplin gibt es nicht, es wird gequatscht, gegessen, getrunken und es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Lehrer die sich nicht durchsetzen können, werden gnadenlos vorgeführt. Besonders der schwule, stark effeminiert wirkende Biologie-Lehrer Hauser wird zum Gespött der Klasse. Ein Mitschüler ist der damals schon hochkreative, spätere Comiczeichner Bernd Pohlenz. Dieser erfindet ein witzig-satirisches Epos über die Abenteuer des Lehrers Hauser und die von ihm angehimmelten Mitschüler in zahllosen Fortsetzungen. Wir amüsieren uns köstlich.

Ein anderer Zögling, der mein Interesse erregt ist der smarte, gutaussehende Conrad, genannt Connie, dessen Lieblingswort “cool” ist. Connie kennt Gott und die Welt, er selbst nennt seine Bekanntschaften “Connections”. Ich muss zugeben, ich fand Connie eine Zeit lang wirklich sehr cool.

BildAbwege

Zu seinen Bekanntschaften gehören einige G.I.s, die am payday halbe Gallonen Jim Beam und stangenweise Zigaretten anbringen, die sie im PX steuerfrei gekauft haben. Connie gibt ihnen D-Mark und ich glaube auch Grass im Tausch dafür. Ab und zu ließen sich Musiker auch die ein oder andere Fender-Gitarre besorgen, die kosteten im PX ein Bruchteil dessen, was Berliner Musikaliengeschäfte verlangten. Der Army rationiert irgendwann Alkohol und Zigaretten, es wird auch schwierig die schönen Telecasters und Strats zu erwerben, so das Connies Handel einschläft.

In den Sommerferien wohnen wir in der Wohnung von Connies verreister Mutter. In einer Nacht im SOUND, der berühmt-berüchtigten Disco in der Genthiner Straße 26, lernen wir die junge Su kennen. Sie kommt mit uns und wir erleben eine kurze, aber intensive Ménage à trois. Leider geht Su in die USA, ich mochte sie gern. Einmal, kurz nach dem Mauerfall, telefonierten wir noch einmal, sie lebte damals in Boston und arbeitete für eine Bank.

Connie nimmt mich in einen kleinen Club in Halensee mit, in dem ich Natascha kennenlerne. Natascha ist Stripteasetänzerin, sie arbeitet in der Dorett-Bar, einem Animierschuppen in der Fasanenstraße. Mit Natascha habe ich eine kurze Affäre. Sie sieht wie Marylin Monroe aus und hat immer gute Laune. Ihr Nackttanzen stört mich nicht, doch bald bekomme ich mit, dass sie auch anschaffen geht, damit habe ich ein Problem. Zusätzlich merke ich, dass sie Heroin schnupft. Ich beende die Beziehung.

BildKudamm 1971

Als ich wieder in den Club gehe, wird mir plötzlich klar was dort läuft. Jeder zweite hat Stecknadelpupillen und wenn der DJ “A Horse with No Name” von America spielt, nickt eine Mehrheit wissend im Takt, Horse ist ein gebräuchlicher Szenename für Heroin und das Lied handelt von einem Entzug. Glücklichweise bin ich für das Zeug nicht anfällig.

Anfang der 70er Jahre gilt West-Berlin als Welthauptstadt des Heroins. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kam. Es gibt Verschwörungstheorien, manche haben die Stasi im Verdacht, andere die CIA. Tatsächlich kannte ich nicht wenige Menschen, die Ende der 60er politisch aktiv waren und dann in den 70ern zu Drogen greifen. Viele landen bei harten Sachen, fangen an zu spritzen und einige sterben daran. Andere radikalisieren sich und gehen in den Untergrund. Some go to Goa.

BildVerweigerung

BildExile on Main Street

Obwohl die 68er Revolte nicht total gescheitert ist, denn die Gesellschaft hat sich tatsächlich verändert, ist die Niederlage doch bei allen Teilnehmern spürbar und jeder hat eine eigene Art, damit umzugehen. Ich verweigere mich, gehe für mehrere Jahre in eine Art innere Emigration. Beruf oder Karriere spielen keinerlei Rolle für mich. Ich schreibe nicht, musiziere nicht, fotografiere nur etwas, arbeite ein paar Stunden in einem Buchladen oder als DJ und ich lese viel. Spät aber doch irgendwann begreife ich, dass ich mit meiner Verweigerung nur mir selbst schade. Zum ersten Mal im Leben wird es mir langweilig und ich beende mein “Exile on Main Street” und breche auf, zu neuen Ufern.

Update Halloween 2015: Connie habe ich nur einmal wiedergetroffen, Ende der 80er Jahre in den Thermen am Europa-Center. Aus ihm ist ein Kunstsammler und Händler geworden. In den letzten Tagen habe ich an diese Zeit und besonders Su denken müssen. Gestern habe ich sie auf Facebook gefunden. Wir freuen uns über unser Wiedertreffen. Ich werde ihr meinen Xanadu-Roman schicken, der die Zeit in der 70er Jahren beschreibt, in der wir uns kennenlernten. Su lebt heute in Florida, studiert wieder und macht ihren Bachelor in Fotografie.

BildAufbruch

M.K.

Alle bisher veröffentlichten Familienportraits sind auf der Serien-Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-1

Der Xanadu Roman:

http://wp.me/P3UMZB-Rw

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