Familienportrait – „Schwäne im Orwelljahr” / A Day in the Life 1984

Text: Marcus Kluge – Fotos: Cordula Lippke & Rainer Jacob

Tags: Orwell 1984, Michael Gira Swans, AFN-TV, Foto Kontaktabzüge, Realität Wiederbeschaffung

Das Jahr 1984 kam und man stellte fest, dass Orwells düstere Zukunftsvision noch nicht eingetreten war. Weder die totale Überwachung durch Big Brother, noch permanenter Weltkrieg waren Realität geworden. Doch es gab Anzeichen, dass beides noch kommen könnte. Immerhin sind die USA, Groß-Britannien und die Bundesrepublik Deutschland in stramm konservativer Hand, doch Reagan, Thatcher und Kohl bespaßen sich zunächst mit Sozialabbau und Aufrüstung.

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Seit sechs Jahren wohne ich in einer winzigen Einzimmerwohnung in der Rheinstraße. Sie ist billig, hat einen Kohleofen, kaltes Wasser und die Toilette ist auf halber Treppe im Treppenhaus. Unter mir ist Herbert eingezogen, wir machen zusammen das Fanzine Assasin, noch ist die West-Berliner Szene spannend. Wir bekommen aus aller Welt Kassetten und Platten zugeschickt, gehen auf Konzerte und schreiben darüber. Wir haben uns einen eigenen Mikrokosmos geschaffen, in dem Herbert „Dr. Dr. Dr. Beinhart Attraktiv“ und ich „Sherlock Preiswert“ bin. Ich frage mich ab und zu, wie lange ich dieses Leben noch führen will. Ende des Jahres werde ich 30, ich habe noch nie einen Fulltimejob gehabt.

Anhand des Kontaktsbogens von einem Ilford HP5-Schwarzweißfilm habe ich den 19. und den 20. Mai 1984 rekonstruiert. Natürlich konnte ich mich auch auf die Anhang dokumentierten Artikel stützen.

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Herbert

Normalerweise konnte ich mit Avantgarde- oder Industrial-Music nicht viel anfangen, „Filth“ allerdings, das erste Album der New Yorker Band „Swans“ begeisterte mich. Es fühlte sich an als würde ein Dinosaurier durch die ältesten Regionen meines Hirns stampfen. Die kraftvolle, langsame Musik brachte eine archaische Saite in mir zum Schwingen. Gern hätte ich mehr über die Band und die Ideen hinter der eigentümlichen Musik erfahren. In der deutschen Musikpresse wird „Filth“ verrissen( siehe Anhang). Als ich Filth im Café Mitropa spielen lasse, gibt mir der Barkeeper das Tape nach zwei Minuten zurück, es wäre „zu hart“.
Ein paar Tage vor dem ersten Berliner Konzert der Swans, am 17. Mai im Loft, rief ich Burkhardt Seiler an. Mein ehemaliger Schulfreund war inzwischen unter dem Namen „Zensor“ eine Institution der Independent Musikszene geworden und hatte „Filth“ in Lizenz veröffentlicht. Ich meldete mein Interesse für ein Interview mit der Band an und Burkhardt wollte sich darum kümmern. Zwei Tage später rief mich Michael Gira an, der Sänger und Sprecher der Band. Er fragte mich, ob wir eine 4-Spur-Tonbandmaschine hätten, auf der man einen „Loop“ herstellen könnten. Ein Tape mit Basismaterial war auf dem Weg nach Berlin verlorengegangen. Mit unserem Tonbandgerät produzierten wir sonst Hörspiele und die Kassettenausgaben von Assasin. Also kamen Norman Westberg und Michael Gira zu uns in die Rheinstr. 14. Michael sang, brüllte und gurgelte ins Mikrofon und daraus schnitt Norman kurze Endlosschleifen, die in halber Geschwindigkeit abgespielt wurden. Der Effekt war verblüffend, nun stampfte ein Dinosaurier durch Herberts Einzimmerwohnung. Die Musiker zogen zufrieden ab, wobei Norman sein Schweizer Offiziersmesser vergaß. Auch ich war zufrieden, Michael Gira hatte zugestimmt mir ein Exklusivinterview zu geben.

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Am Sonnabend, dem 19.Mai, kommt Michael mit seiner Freundin zu mir und beantwortet meine Fragen. Er präzisiert mein vages Gefühl, es gehe um Regression, wie zum Beispiel Töne, die ein Embryo im Mutterleib hört. Er spricht von „Musik für Amöben“, der Zuhörer soll ganz von seinem Verlangen und seinem Alltagsempfinden getrennt werden. Es wird ein langes, gutes Gespräch. (Siehe Anhang). Michaels Freundin sagt nichts, sie liest in Kerouacs „On The Road“, das sie in meinem Bücherregal gefunden hat. Cordula fotografiert alles und Herbert schneidet mit. Nach zwei Stunden, ich habe nur noch eine Frage, muss Michael unbedingt mit New York telefonieren. Das Telefonat dauert, ich schaue etwas frustiert, auch weil ich an meine Telefonrechnung denke.

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Als Michael und seine Freundin gehen, vergessen sie Normans Messer mitzunehmen. Wir machen verschiedene Versuche, das Messer zu seinem Besitzer in New York zurückzugeben, doch es klappt nicht. Wir beschließen auf das nächste Berlinkonzert der Swans zu warten. Es liegt an einem besonderen Platz in der Assasin-Redaktion und erinnert uns an die Dinge, die wir vergessen. Irgendwann wird es geklaut.

2015-11-14-0001 (3) Normans Messer

Ich veröffentliche einen begeisterten Text über die Swans im Assasin. Für die taz schreibe ich eine gemäßigte Fassung. Aber die wird nicht gedruckt, angeblich ist das Manuskript verlorengegangen. Auch eine Kopie brauche man nicht, das Thema wäre nun nicht mehr aktuell, heißt es.

Für den Tag nach dem Interview haben Herbert und ich einen Dauerfernsehmarathon geplant. Damals begann das deutsche TV-Programm um 9 Uhr und gegen Mitternacht war Sendeschluss. Nur das US-Soldatenfernsehen AFTV sendete länger, von 6 bis 1.15 Uhr. Mit einem 20-Stundenselbstversuch bereiteten Herbert und ich uns auf die mediale Zukunft vor.
Uns schwant, wenn 1985 das Privatfernsehen eingeführt und West-Berlin verkabelt würde, werde die Quantität der Programme stark ansteigen und die Qualität rapide fallen.

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Am Samstagabend koche ich noch Pilze für mich und Herbert und wir reden noch lange. Natürlich verschlafen wir, aber um 6.15 Uhr schalten wir meine kleine schwarzweiß-Glotze an und da es ein Sonntag ist, müssen wir diverse Gottesdienste über uns ergehen lassen. Kommerzielle Werbung gibt es zwar nicht, aber alle zehn Minuten unterbrechen Clips das Programm, die vor Übergewicht, Drogen oder Spionen warnen und die Ideale des „american-way-of-life“ feiern. Unsere Lieblingsspots sind die „Go out and see Berlin“-Einspieler. Offensichtlich gibt es einen internen Wettbewerb, welcher Kameramann die allerhässlichste Ecke West-Berlins ablichtet. Mir war vorher nie bewusst geworden, wie viele scheußliche Betonblumenkübel es in meiner Heimatstadt gibt.

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Gegen Mittag kommt Rainer um Beweisfotos zu schießen. Mein Bett, indem wir, dekadenterweise, unseren Selbstversuch durchführen, ist mit Tellern, Töpfen und Snackpackungen bedeckt. Wir brauchen wohl viel Energie um durchzuhalten. Gegen Ende wird der Dauerfernseh-Artikel (siehe Anhang), unter dem Einfluss US-amerikanischer Medienkultur, recht seltsam und kryptisch, um nicht zu sagen unintelligent.

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Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass Dauerfernsehen ziemlich blöd macht. Ein Jahr später wurde in der ganzen Bundesrepublik Deutschland das Privatfernsehen eingeführt und mit dem Sendeschluss war ein für alle Mal Schluss.

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Der Hof Rheinstr. 14 (1978)

Eine Kassette und zwei Hefte produzieren wir noch, dann bin ich pleite und die West-Berliner Subkultur wird langweilig, zwischen beiden Tatsachen besteht allerdings kein ursächlicher Zusammenhang. Ende 1985 ziehe ich endgültig zu meiner Freundin und deren Tochter. 1986 beginne ich in der Hochschule für Künste als Pförtner zu arbeiten und wir heiraten. Die Hochzeitsparty findet im Hof der Rheinstr. 14 statt. Ein Jahr später wird das Gebäude abgerissen, ein Neubau mit Supermarkt entsteht stattdessen. Neben dem HdK-Job produziere ich Videofilme und TV-Sendungen für den Offenen Kanal Berlin. 1988 wird Fernsehen mein Hauptberuf, erst als Disponent, dann als Medienberater, arbeite ich 16 Jahre für den Sender, der sich heute ALEX nennt.

Anhang: Scans des Swans- und des AFTV-Artikels.

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Assasin-Website: http://www.assasin.in-berlin.de/

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