Familienportrait „Wir waren dabei“ / Das Nazi-Regime im Spiegel von Zeitungsausschnitten

Mussolini besucht Berlin und wird von Veteranen in Rollstühlen begrüßt.

Meine Großtante Charlotte heiratete Ende der 1920er Jahre den Polizeioffizier Paul Springer. Für die junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen war er eine gute Partie, wie man sagte. Paul war konservativ, kein ausgesprochener Nazi. Aber er hielt die Hitler-Partei für das richtige Gegengift gegen die politisch „instabile“ Weimarer Republik und die Massenarbeitslosigkeit. Wie viele andere hielt er Rechtsbruch, Antisemitismus und Gesinnungsterror für „Kinderkrankheiten“ auf dem Weg zu einem neuen, erstarkten Deutschland.

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Seine Frau und er glaubten Zeugen einer „großen Zeit“ zu sein. Lotte sammelte Zeitungsausschnitte und gemeinsam klebten sie sie in ein Album, dem sie den stolzen Titel „Wir waren dabei“ gaben. Aufmärsche, Paraden und Staatsbesuche „Unter den Linden“ sind dokumentiert, denn Paul war für die polizeiliche Sicherung dieser Veranstaltungen zuständig. Andere Themen sind die Polizei, Kriminalfälle, die rege Bautätigkeit dieser Jahre und Feierlichkeiten aller Art, wie Weihnachten, denen die Nazis ebenfalls ihren Stempel aufdrücken. Die Sammlung beginnt 1935 und endet abrupt 1938, kurz vor den Novemberpogromen, was kein Zufall ist. Ob es damals die erste Konfrontation zwischen Paul und seinen Vorgesetzten war, weiß ich nicht, aber diese hatte Folgen.

Als am 9. November gegen 22Uhr jüdische Geschäfte angegriffen wurden, stellte Paul uniformierte Polizisten als Schutz vor solche Läden in der Friedrichstraße. Um Mitternacht ging auf dem Revier ein Telex der Gestapo ein, nachdem die Polizei jüdische Einrichtungen nicht mehr schützen sollte, bzw. nur Plünderungen verhindern sollte. Paul Springer soll sich noch eine Stunde unsichtbar gemacht haben, doch gegen eins gab er den Befehl dann weiter.
Damit war seine Karriere im Dritten Reich beendet, der Polizeidienst machte ihm auch kaum noch Spaß. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen, während seine Nazi-Kollegen für unabkömmlich erklärt wurden.

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Schon zwei Jahre vor Kriegsbeginn bereitet sich Berlin auf den Ernstfall vor. Eine ganze Woche übt man Luftangriff, Verdunkelung und Giftgasbedrohung.

Tante Lotte und er überlebten den Krieg und er erhielt eine zweite Chance sich im Polizeidienst zu bewähren, weil er relativ unbelastet war. Schon im Mai 1945 wurde er von den Alliierten als Fachkraft auf dem Revier 2 angestellt. Kurze Zeit danach konnte er als Reviervorsteher den Wiederaufbau des Reviers 12 leiten.

Am 16. März 1946 sicherte Paul mit Kollegen eine Fliegerbombe ab, als es zur Explosion kam. Er wurde schwer am Kopf verletzt, Prellungen, Schnitt- und Platzwunden wurden im Krankenhaus versorgt. Trotz einer Gehirnerschütterung wurde er aus der nach dem Unglück überfüllten Klinik entlassen.
Nach einem Tag ging er wieder arbeiten, gegen ärztlichen und freundschaftlichen Rat glaubte er, preußische Disziplin üben zu müssen. Ständige Kopfschmerzen, Schwindel und eine leichte Verwirrtheit, die er gut überspielte, begleiteten ihn. Am 30. April war seine Krankheit so offensichtlich, dass er sich arbeitsunfähig schreiben lies.
Paul hat sich am 1. Mai 1946 umgebracht, indem er sich vor die Heidekrautbahn legte. Lotte hat nie erfahren, ob sich Paul wegen der Kopfverletzung oder aufgrund von Gewissensbissen infolge seiner Mitwirkung an Naziverbrechen suizidiert hat.
Das „Wir waren dabei-Album“ hat das Kriegsende überstanden, weil es rechtzeitig in Bad Liebenwerda versteckt wurde. Andere Fotoalben und Abzüge auf denen Hakenkreuze oder Nazigrößen zu sehen waren, hat man verbrannt, bevor die Rote Armee Berlin einnahm. Man musste damit rechnen, umgebracht zu werden, wenn „Nazimaterial“ bei einem gefunden wurde. Tante Lotte zog nach Pauls Tod nach Pankow, wo wir sie regelmäßig besuchten, bis der Mauerbau unsere Familie trennte. Aber als Rentnerin konnte Lotte 1965 nach West-Berlin „ausreisen“. Sie wohnte dann mit meiner Oma zusammen in der Prinzregentenstraße. Bevor sie 1980 starb, hat sie mir das Album geschenkt.

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Die sogenannte Ost-West-Achse durch den Tiergarten wird gebaut.

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So sehen Humor und Frohsinn im Nazireich aus.

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Das Programm des gleichgeschalteten Rundfunks auf der Rückseite eines Ausschnitts.

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Blumenkorso zum 700. Geburtstag Berlins. Dominiert wird das großformatig abgedruckte Foto von Hakenkreuzfahnen, der Korso wirkt bescheiden daneben.

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Am Stadtschloss wird gebaut.

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Auch eine Weihnachtsbescherung von Droschkenkutschern ist Mittel der Propaganda, sie wird von der sogenannten “N.S.Volkswohlfahrt” durchgeführt.

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Im April 1937 feiert das Regime die Annexion Österreichs mit einer „Schweigeminute“ und dem „Hitler-Gruß“. Das Foto zeigt das Kranzler-Eck in der Friedrichstraße.

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Auch Propagandaminister samt Familie sind in Weihnachtstsimmung.

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US-Navy Matrosen beehren die “Reichshauptstadt”.

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Frontalunterricht und Hightech im Polizeirevier, Pauls Arbeitsplatz.

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Parade im April 1937.

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Opernball 1937. Das Foto stammt von Heinrich Hoffmann, der als “Hitler-Fotograf” bekannt wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hoffmann_%28Fotograf%29

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1937 wurde der schöne Rundbau des Zirkus Busch wegen Straßenbegradigung der Burgstraße und Erweiterung des Blocks „Börse“ für den Bau von Reichszentralen verschiedener Wirtschaftsverbände abgerissen. Paula Busch hatte vergeblich versucht, durch Verhandlungen mit der Berliner Stadtverwaltung und Reichsstellen den Abriss zu verhindern.

Redaktion: Marcus Kluge

Die Dokumentation wird fortgesetzt.

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