Berlinische Räume – “Pestalozzistraße möbliert” / von Cornelia Grosch / 1972-73

Mitte September 1972 war ich nach Berlin gefahren und hatte mich auf die mühevolle Suche nach einer Unterkunft gemacht. Damals suchte man in den Wochenendzeitungen, Morgenpost vor allem, aber es gab auch ein paar Anzeigen im Tagesspiegel.

Ich war 18, hatte Abitur, aber bisher nur einen Studienplatz in Braunschweig. Aber wer wollte schon nach Braunschweig! Seit einer Klassenfahrt 1969 war mir klar, dass ich nach Berlin muss, so weit weg wie möglich von meiner verschnarchten südhessischen Heimatstadt. Berlin war das Richtige für mich.
Ich würde auch hinziehen ohne Studienplatz und abwarten. In Berlin war der Numerus Clausus für Architektur an der TU nicht so schlimm, ich würde es auch mit meinem 2,6-er Abi irgendwann schaffen. Architektur war auch klar, seit 1967. Einen Plan B gab es nicht.

Conny3

Ich kannte niemand in Berlin und war in einer Pension in der Nähe der Spichernstraße abgestiegen, von der aus ich ein paar Zimmer besichtigte.
Eine eigene Wohnung zu bekommen erschien damals noch als utopisch, ich würde nehmen müssen, was es gab.

Möbliertes Zimmer, 185 DM, Pestalozzistraße, also in der Nähe der TU.
Gut, aber teuer für jemanden, der 400 Mark monatlich erhalten würde, ich rief trotzdem an und ging hin.

Conny1 (2)

Damals war ich aber mit den Eigenheiten der Berliner Hausnummern noch nicht vertraut.
Auf meinem Stadtplan fing die Pestalozzistraße mit der Nummer 1 am Savignyplatz an, von dort aus bin ich losgelaufen. Aber in Berlin gehen die meisten Hausnummern auf der einen Straßenseite mit 1 los, laufen durch und auf der anderen Straßenseite wieder zurück. Eine Eigenart, die es in Westdeutschland nicht gibt. Später lernte ich, dass die Nummerierung immer an dem Ende der Straße anfängt, die dem Berliner Stadtschloss am nächsten lag.

Es war ziemlich weit bis zu dem Haus, das fast an der Wilmersdorfer Straße lag.
Ich sah mir das Zimmer an, wurde mit den Vermietern handelseinig und bekam das Zimmer.
Ein seltsames Ehepaar – sie eine dicke, relativ junge Berlinerin, er ein deutlich älterer, schmieriger Sachse oder Thüringer. Er war sehr neugierig und ich hielt ihn bald für einen Stasi-Spitzel.
Er schien nichts zu arbeiten, strich auch tagsüber durch die Wohnung, während seine Frau arbeiten war und fragte mich zu allem möglichem aus. Ich hielt auf Abstand und war froh, wenn ich ihn nicht traf.
Ich hatte nun ein recht großes quadratisches Zimmer zur Straße mit 2 Fenstern, äußerst spießig mit abgelegten Möbeln aus den 50iger Jahren eingerichtet, Bett, Schrank, Sofa, runder Tisch mit Stühlen, Kachelofen.
Anfang Oktober 1972 zog ich ein.

Das Zimmer war mit Bad- und Küchenbenutzung. Die Küche war unaufgeräumt und dreckig, mehr als Kaffeewasser habe ich da nie gekocht.
Das Bad war durch das Berliner Zimmer der Vermieter zu erreichen, das als Wohnzimmer diente. Unangenehm, da durch zu müssen, wenn die Vermieter da waren, vor allem spät abends und angetrunken nach einer Kneipentour.

(Berliner Zimmer: das Berliner Zimmer liegt in der Hausinnenecke und verbindet Vorderhaus und Seitenflügel. Es entstand als Notlösung für die Innenecke, war als Durchgangszimmer konzipiert und sehr schlecht belichtet, da es nur ein Fenster in der Hausecke gibt. Eine Berliner Spezialität, da hier die Grundstücke sehr dicht bebaut wurden. Da es Durchgangszimmer war, bot sich die Nutzung als Wohnzimmer an.)

Conny4 (2)

Meine Lebensmittel (nur Brot und Brotbelag) bewahrte ich auf dem Fensterbrett, zwischen den beiden Flügeln der Kastendoppelfenster, auf. Im Herbst und Winter war das o.k., bei warmem Wetter nicht mehr.
Ich frühstückte hier und aß manchmal abends daheim. Wochentags mittags aß ich immer in der TU-Mensa (das Essen war nicht doll, aber billig) und am Wochenende probierte ich mit meiner mit nach Berlin gezogenen Freundin die exotischen Restaurants der Stadt aus, wie Pizzerien und Chinesen.

Conny6 (2)

In der Pestalozzistraße lernte ich, mit einem Kachelofen umzugehen. Aufgewachsen bin ich mit Zentralheizung, das offene Feuer übte seine Faszination auf mich aus.
Schlimm kann der Winter 72/73 nicht gewesen sein, ich habe nicht viel Arbeit und Zeit mit Heizen zugebracht.

(Kachelofen: Feuer machen mit Papier, Pappe und Anmachholz. Wenn alles schön brannte, kamen 2-3 Briketts drauf. Wenn die gut angebrannt waren, legte man noch ein paar Briketts drauf. Wenn alles einigermaßen glühte, konnte man die Ofentür schließen. Die Briketts verbrannten dann langsam und gaben eine angenehme, nicht zu heiße Wärme. Gute Kachelöfen hatten nach ca. 12 Std. noch genug Glut übrig, damit man gleich Briketts nachlegen konnte.
Der Kachelofen hatte einen Brennraum mit Rost unten, darunter die Aschenklappe, wo man die Asche entfernen konnte und einen Hohlraum von außen im oberen Teil, wo man Kaffee warm stellen oder sogar Bratäpfel zubereiten konnte. Dringend benötigt wurde ein Ascheneimer und Schaufel aus Metall. Die Asche war innen oft noch wärmer, als man dachte und jeder, der mal Kohlenheizung hatte, hatte schon mal einen Plastikeiner zum Schmelzen oder sogar Brennen gebracht oder sogar die Mülltonne in Flammen gesetzt. Wichtig war außerdem ein Kohlenkeller, der einmal im Jahr befüllt wurde, wobei jeder Kohlenhändler versuchte, zu betrügen.
Entweder waren die Briketts nass und wogen mehr oder es waren einfach zu wenige. Man musste stichprobenartig die Tragen auf einer Badezimmerwaage nachwiegen.
Kohlenträger war kein schöner Job!
Unangenehm war es, wenn man keinen Keller hatte und die Kohlen in der Wohnung, z. B. in einer Küchenkammer, lagern musste.
Die Vermieter sahen das auch nicht gerne, denn die normalen Wohnungsfußböden waren für solche Belastungen nicht ausgelegt.
Noch unangenehmer war es, wenn man auch dafür keinen Platz hatte und die Kohlen direkt zum Verbrauch in Tüten kaufen musste. Ganz starke Naturen schafften 4 Tüten zu tragen, normale wie ich nur 2. Damals war das Netz von Kohlenhändlern aber noch ziemlich dicht, so dass man nicht allzu weit laufen musste.)

Zum Baden gabs einen Kohle-Badeofen, den habe ich selten benutzt.
Geduscht habe ich 1-2 mal wöchentlich im Hallenbad nach dem Schwimmen, das behielt ich bei, solange ich Ofenheizung und/oder kein Bad hatte.
Wäsche gewaschen habe ich mit der Hand, Bettwäsche und anderes habe ich an Weihnachten und in den Semesterferien mit nach Hause genommen, später dann in die Waschsalons der Umgebung geschleppt.

scannen0001-2

Mitte Oktober, so ungefähr zu Vorlesungsbeginn, bekam ich als Nachrücker einen Studienplatz an der TU. Wir waren ca. 200 neue Architekturstudenten in diesem Wintersemester (von denen sicher ein großer Teil irgendwann das Handtuch schmiss) und wurden in verschiedene Projektgruppen zu ca. 30 Leuten aufgeteilt. Dort sollten wir entwerfen lernen. Alles andere fand dann wieder in gemeinsamen Vorlesungen und Übungen statt.
Es ging ziemlich locker an der TU zu, 1968 war noch nicht lange her und das merkte man.
Etliche linke Gruppen tummelten und bekämpften sich dort und mit einigen sympathisierte ich im Laufe der Zeit. Unistreiks und die Reproduktionsbedingungen der Arbeiterklasse beschäftigten mich damals mehr als das eigentliche Studium. Auf der anderen Seite gab es nicht viel, was einen an dem Studium faszinieren konnte, die TU war damals nicht mit erstklassigem Personal gesegnet. Die Profs hatten ihre eigenen Büros und sahen den Lehrbetrieb nur als lästige Nebenbeschäftigung an. Es gab zunächst keinen, den ich als Vorbild oder Lehrmeister betrachten konnte. Ein paar nette Lehrpersonen gab es, aber nur 2, die herausragten (beide hatten keine Professur, sondern waren damals Gastdozenten): Julius Posener, der ganz wunderbar Architekturgeschichte lehrte und Jonas Geist, ein Architekturtheoretiker, der seinem Fach aber alles Theoretische nahm.

Bild

In dieser ersten Zeit in Berlin war alles neu für mich. Ich fuhr mit der U-Bahn einfach irgendwo hin, stieg aus und guckte mir die Gegend an. Eine BVG-Monatskarte kostete damals 10 DM für Studies, das war ein preiswertes Vergnügen.

Kneipen und Kinos waren für mich ebenfalls sehr interessant. In Charlottenburg war recht viel los, hauptsächlich um den Savignyplatz herum. Auch kleine Musikkneipen gab es wie den Steve Club oder das Go-In, in denen Liedermacher, Jazz- und Bluesleute auftraten. Außerdem begann ich, zu fotografieren. Ich erkundete die Stadt mit der Kamera, nahm Häuser, Straßen und Menschen auf, selbst vor den Polizisten bei Demos machte ich nicht halt.
Und nicht zu vergessen die Berlin-Abteilung der Amerika-Gedenkbibliothek, dort verbrachte ich am Anfang viel Zeit, um alles über Berlin zu erfahren.

Die Vermieter hatten zwar Telefon, ich kann mich aber nicht dran erinnern, es oft benutzt zu haben.
Kaum jemand hatte damals selber Telefon.
Damals verabredeten wir uns mündlich und das klappte auch oder wir besuchten uns spontan.

Das war allerdings nur bis 20 Uhr möglich, dann wurden bei den Berliner Altbauten unerbittlich die Türen abgeschlossen. Klingeln gab es keine. Wer nicht zur Straße raus wohnte oder kein Telefon hatte, bekam abends eben nie Besuch.

Bild

Mit meinen anderen Freunden und Verwandten außerhalb von Berlin unterhielt ich damals einen regen Briefwechsel. Bis Ende des Jahres 1972 gab es in Berlin noch 2x am Tag Post, einmal eher morgens, einmal mittags. An meinem 19. Geburtstag 1972 bekam ich so 2x Briefpost, außerdem noch einige Päckchen!

Aufgeräumt und geputzt habe ich sehr selten. Ich hatte damals aber auch nicht viel Hausrat, ein paar Bücher, Klamotten*, die in einen Koffer passten und ein bisschen Single-Geschirr.

Bis Frühling 1973 hatte ich kein Radio, keinen Plattenspieler und keinen Fernseher. Es fehlte mir auch zuerst nicht, ich hatte genug damit zu tun, mich in Berlin umzusehen und da gabs ja auch noch das Studium.
Ein Radio habe ich mir dann aber doch gekauft, Nachrichten und die aktuelle Musik zu hören fehlte mir mit der Zeit.
Für mich waren damals vor allem die DDR-Sender interessant, weil sie für uns Wessis Neuland waren**. Ein Land, so nahe, wie nur irgend möglich mit unserem verwandt, aber doch so ganz anders. Aus dieser Zeit habe ich einige Kenntnisse der DDR-Schlager der frühen Siebziger!

Im Sommer 1973 fanden in Ost-Berlin die Weltjugend-Festspiele statt. Das bekam ich hautnah am Radio mit, eine euphorische Stimmung herrschte, man war international, auch wenn die „Welt“ hauptsächlich aus sozialistischen Staatsangehörigen und denen befreundeter Länder bestand. Für Westler bestand eine Einreisesperre, es sei denn, man gehörte zur SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlin, dem West-Ableger der SED)*** oder DKP.

Mit der Zeit gingen mir aber die Vermieter, vor allem der neugierige Spitzelsachse, immer mehr auf die Nerven. Ich wollte eine eigene Wohnung haben!
Das sollte noch dauern – erst zog ich in ein anderes, aber viel angenehmeres Untermietszimmer, dann folgten Wohnungen mit Freundin/Freund, WGs, zwischendurch auch mal eigene Substandardwohnungen, bis ich 1983 dort einzog, wo ich bis heute wohne. In den ersten 11 Jahren bin ich 12 Mal umgezogen, jetzt wohne ich seit über 30 Jahren in meiner Wohnung und werde hier nicht freiwillig ausziehen.

Ende

Auch von Cornelia Grosch: http://wp.me/p3UMZB-1oB

Alle Fotos: Cornelia Grosch

Redaktion: Marcus Kluge

*Berlinisch für Kleidung
**http://de.wikipedia.org/wiki/Rundfunk_der_DDR
***http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistische_Einheitspartei_Westberlins

Advertisements

Tags: , , , , , , , , , , ,

One response to “Berlinische Räume – “Pestalozzistraße möbliert” / von Cornelia Grosch / 1972-73”

  1. benwaylab.com says :

    Schöne Geschichte und tolle Fotos!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Eddie Two Hawks

Plant the seeds of peace within yourself, watch them grow in the world

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

bildbetrachten

Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

The Insatiable Traveler

Embrace Adventure. World Travel | Award-winning Photography| Inspiration | Tips

Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

literaturfrey

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Anmerkungen zur Berliner Musikszene

finbarsgift

finbars geschenk ist seine seherische fähigkeit

Rainer "rcpffm" Peffm 's mobile blog and diary

Smile! You’re at the best **mobile** made *RWD* WordPress.com site ever

Leselebenszeichen

Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

%d bloggers like this: