Familienportrait Teil 13 – “Spaghetti um halb eins” / 1958-63

Heute führt uns die Serie ins von der SPD regierte West-Berlin des Jahres 1958. Mein Vater begann für das “Büro Willy Brandt” zu arbeiten. Kollegen waren unter anderem Günter Grass, Wolfgang Neuss und ein echtes Berliner Original, der “Flötchen” genannte, Horst Geldmacher. 

1958 hatte mein Vater Helmut seine Dissertation: “Das sprachliche Bild – Die Metapher” fertiggeschrieben. Er reichte sie an der Uni Wien ein, die er sich seltsamerweise als Alma Mater ausgesucht hatte. Vermutlich wollte er ein wenig unbeschwertes Studentenleben, fernab von Frau und Kindern, nachholen. Denn durch zehn Jahre Krieg und Gefangenschaft war ihm diese Erfahrung versagt geblieben. Offiziell war der Doktorvater der Grund, der nun einmal in Wien lehrte und der die Verbindung von Philosophie, Publizistik und Theaterwissenschaft akzeptierte.

Da die Promotion sich noch 1 bis 2 Jahre hinziehen würde, suchte Papa einen Job, aber nichts allzu festes, denn später, mit dem Doktortitel würde er zu höherem streben. Sein SPD-Parteibuch brachte ihm einen Termin bei Willy Brandt ein, dem populären Regierenden Bürgermeister der Stadt. Der bot ihm an, im “Büro Willy Brandt” mitzuarbeiten, einem losen Zusammenschluss von Künstlern und Kreativen, die Public Relations für Brandt entwickeln sollten. Das Büro residierte im Haus am Lützowplatz, dass von Sozialdemokraten, Metallgewerkschaftlern und Künstlern genutzt wurde. Jule Hammer, ein umtriebiger Kulturmanager und Galerist leitete das Haus inoffiziell, ab 1963 bis 91 dann auch offiziell.

Jule Hammer kannte ich auch von SPD-Weihnachtsfeiern im Kurt-Schuhmacher-Haus im Wedding. Mein Vater musste dabei den Weihnachtsmann spielen. Er tat es ungern, weil es ihm, seiner Meinung nach,  als ernsthaftem Schauspieler eigentlich nicht zuzumuten gewesen wäre. Jule Hammer verteilte die Geschenke an uns Kinder der Genossen. Hier lernte ich Hammers kleinen Sohn Thomas kennen, den ich 30 Jahre später wiedertreffen sollte.

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Im Souterrain des Hauses am Lützowplatz trat Wolfgang Neuss auf, der dem Büro Willy Brandt auch nahe stand, aber nicht offiziell angehörte. Brandt war sich klar, Neuss war eine unberechenbare Größe, die seinen Ambitionen irgendwann schaden könnte. Der “Mann mit der Pauke” machte allabendlich Kabarett mit scharfen Improvisationen, die gefürchtet waren. Mein Vater nahm mich einmal mit, am Nachmittag. Neuss kiffte noch nicht, aber er nahm Tabletten, um richtig scharf zu sein und vielleicht auch um die Trauer um Wolfgang Müller zu kompensieren. Sein Partner, beruflich und privat, Wolfgang Müller, kam 1960 während der Dreharbeiten zu Das Spukschloß im Spessart bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz ums Leben. Wolfgang Neuss wurde mit den Worten: „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr!“ von den Dreharbeiten zu diesem Film entlassen. Die einzige Partnerin, die er danach neben sich duldete, zeigte mir mein Vater. Eine Frauenbüste, genannt “die Gips-Uschi aus der Motzstraße”.

Jule Hammer gab mit Neuss die Satirezeitung “Neuss Deutschland” heraus. Später wurde Hammers Sohn Thomas Lebensgefährte von Neuss, in dessen Haschisch- und Spät-Phase. Nach Neuss’ Tod in den 90ern, als ich für den Offenen Kanal Berlin arbeitete, traf ich Thomas wieder, der bei uns Live-Sendungen über Neuss produzierte. Thomas erinnerte an den genialen Kabarettisten, leider versuchte er auch Neuss-Texte zu interpretieren. Dazu hatte er keinerlei Talent und so wurde es eine typische OK-Sendung.

Brandt war verschlossen, er wurde mit meinem Vater und anderen Mitarbeitern nicht warm. Willy, der sich volksnah gab, war in Wirklichkeit ein einsamer Wolf. Immer blieb er unnahbar, selbst wenn man gemeinsam trinkt, was zu dieser Zeit häufig passierte. Im Rathaus und in der Partei wurde der Bürgermeister auch “Wein-Brandt” genannt.

Andere Kollegen im Büro Willy Brandt waren Günter Grass und Horst Geldmacher, genannt “Flötchen, weil der Grafiker und Musiker immer sein Instrument bei sich hatte und oft spontane Konzerte gab.

Über Geldmacher kursierte die Anekdote, wenn diesen der Weltschmerz drücke, hielte er sich wochenlang im Bett auf, ohne es zu verlassen. Auf der linken Seite des Bettes solle eine Kochplatte gestanden haben, auf der Flötchen Spaghetti kochte und daneben standen mehrere Bierkästen, die treusorgende Freunde vorbeigebracht hatten. Auf der rechten Seite landeten die ausgetrunkenen Flaschen, wieder gefüllt mit Flötchens Stoffwechselprodukten.

Das Personal-Tableau des Büros wurde durch weitere Genossen und Kunsttreibende ergänzt. Häufig wurden aus Arbeitstagen längere Zechgelage. Meist fing man unten bei Neuss an und trank sich dann durch West-Berlin. Wenn die Meute hungrig wurde, rief mein Vater meine Mutter an und flötete seinerseits: “Liebes Kätchen, magst du uns nicht was kochen?” Oft ließ sich meine Mutter darauf ein, sie fand es schon schick, prominente, wenn auch oft unkonventionelle Gäste zu bewirten.

Das Kätchen

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Die Eltern

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Käte kochte dann Spaghetti mit Tomatensoße und um halb eins saßen die Genossen Grass, Hammer oder Geldmacher und ihre weniger bekannten Kollegen bei uns zuhause auf dem Teppich (die Stühle reichten nicht) und aßen Nudeln.

Mein Vater blieb dem Büro Willy Brandt verbunden, versuchte sich aber immer wieder in unterschiedlichen Berufen. Als Dozent, Übersetzer, Schauspiellehrer und auch als Schauspieler. Am 21.9.1962 stand er in “Das Testament des Hundes” von Ariano Suassuna, der ersten Inszenierung der Schaubühne (damals noch am Halleschen Ufer), auf der Bühne. Ich habe ihn gesehen, ich war sieben, er kam mit Sporen an den Stiefeln, als reicher Mann lautstark auf die Szene. Ich fand ihn furchtbar peinlich, so ist das wohl in diesem Alter.

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(Vater in “Das Begräbnis des Hundes” in der Schaubühne)

Die letzte Aufgabe für das Büro, war die Planung einer Gala zum 50sten Geburtstag von Brandt. Mein Vater verbreitete das Motto des Abends würde sein: “Willy Brandt, kein falscher Fuffziger mehr.” Der etwas grobe Scherz meines Erzeugers kam Brandt zu Ohren und der feuerte ihn.

Irgendwann kam auch der Kassierer nicht mehr, der die Parteibeiträge eintrieb. Ein alter Mann, der als Kommunist im KZ gewesen sein sollte. Wir Kinder hatten Angst vor ihm, er hatte etwas unheimliches. Dr. phil. Helmut Kluge war aus der SPD ausgetreten, richtig zugehörig hatte er sich ohnehin nie gefühlt.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Alle bisher erschienen Familienportraits sind hier zu finden:

http://wp.me/P3UMZB-1

Über Horst “Flötchen” Geldmacher: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Geldmacher

Dieses wunderbare Buch von Horst Geldmacher hat mich als 6-jähriges Kind mit Spirituals, Gospel und Blues bekanntgemacht. Die Gestaltung war stilistisch einzigartig. (Die Übersetzung von Grass war das einzig Überflüssige im Buch) Ich habe es geliebt, gelesen und danach gesungen, bis es auseinander fiel. http://www.amazon.de/Susanna-Ein…/dp/B0000BIF60

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