Familienportrait Teil 2 – “Tränen, Erbsensuppe und die rote Fahne” / Oma Elisabeth1895-1918

Zum Frauentag erinnere ich mich an meine Großmutter. Als 15-jährige musste sie allein ins fremde Berlin, um als Hausmädchen zu arbeiten. Während der November-Revolution trug sie die rote Fahne durch Berlin. 2 Weltkriege hat sie erlebt, ihr Fazit war: “Sollen doch die Anführer der Völker gegeneinander kämpfen, statt die Völker in den Krieg zu schicken.”

Die Mutter meiner Mutter, Elisabeth Hellmich, wurde im September 1895 als zweite Tochter des Ehepaars Schnelle in Liebenwerda an der Grenze zu Sachsen geboren. Um das Jahr 1910 wurde sie nach Berlin geschickt, um dort in der Fremde als Hausmädchen zu arbeiten; “in Stellung gehen” nannte man das.

Es muss für die junge Frau hart gewesen sein, allein in der großen Stadt, ihr Glück zu suchen. Dienstmädchen wurden nicht gut behandelt. Schläge und sexuelle Übergriffe durch die “Herrschaft” waren an der Tagesordnung und wurden meist toleriert.

Am Sonntag Nachmittag, wenn Elisabeth frei hatte lief sie zu Fuß, um das Fahrgeld zu sparen, von Steglitz die Kaiserallee (heute Bundesallee) hoch, in Richtung Kudamm. Die Gartenlokale wie “Schramms am See”, dort wo heute der Volkspark Wilmersdorf liegt, reizten sie nicht. Dort wurde geflirtet, geschwooft und getrunken, es ging ihr dort zu derb zu und sie hatte kein Interesse Männerbekanntschaften zu machen.

Ihr Ziel war der Bahnhof und das, über die Grenzen Berlins bekannte Etablissement “Aschingers”. Dort gab es die berühmte Erbsensuppe und der Clou war, man durfte dazu so viele Schrippen essen, wie man wollte. Hier ging man relativ respektvoll mit dem jungen Mädchen um und hin und wieder mag sie auch mit anderen Gästen ins Gespräch gekommen sein. Oft saß sie jedoch allein vor der Suppenterrine und wenn sie an ihre Heimat und ihre Schwestern dachte, liefen ihr Tränen übers Gesicht und fielen in die Suppe.

Mit dem Beginn des Krieges 1914, änderte sich vieles. Frauen wurden in den Fabriken gebraucht und Elisabeth fing an bei Osram zu arbeiten und stellte Glühbirnen her. Sie wurde unabhängiger, kam sich freier vor und war nicht mehr so allein. Später kam ihre vier Jahre jüngere Schwester Charlotte auch in die Hauptstadt. Die dritte Schwester Martha blieb in Liebenwerda, ich vermute weil sie den Vorzug hatte die Erstgeborene zu sein.

Viele Jahre bestimmte dann der Weltkrieg das Leben der Frauen mit all seinen Härten, wie Hunger, Kälte und Unsicherheit. Elisabeth wurde eine resolute Persönlichkeit, die einen grossen Gerechtigkeitssinn entwickelte. Schließlich kapitulierte Deutschland, die Monarchie brach zusammen. Während der Novemberrevolution ging auch meine Oma auf die Straße. Jemand drückte ihr die rote Fahne in die Hand, diese trug sie bis es dunkel wurde. Dann ihr taten die Füße weh, also gab sie das revolutionäre Symbol weiter und marschierte nach Hause. Das war ihr kleiner Anteil an der Revolte, von dem sie später gern erzählte. Als ich 1968/69 auf die Strasse ging, um gegen Vietnamkrieg und andere skandalöse Zustände in der Welt zu demonstrieren, gehörte sie zu den wenigen Erwachsenen, die Verständnis für mich aufbrachten. Nachdem sie zwei Weltkriege überlebt hatte, war ihr Fazit: “Sollen doch die Anführer der Völker gegeneinander kämpfen, statt die Völker in den Krieg zu schicken.”

Das Foto oben zeigt Oma Elisabeth mit mir um das Jahr 1960.

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Auf dem zweiten Bild sieht man die drei Schwestern Schnelle (v.l. Martha, Charlotte, Elisabeth) noch ledig, vor dem 1. Weltkrieg, schick heraus geputzt. Das jüngere Foto (ca. 1927)

Image zeigt von links, meine Oma Elisabeth, meine Mutter als kleines Mädchen, Omas Schwester Charlotte und eine Unbekannte. Hier wirken die Damen auf mich erwachsener, recht selbstbewusst und stolz auf ihren Status als nicht mehr berufstätige Ehefrauen.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Der nächste Teil erzählt, wie es Elisabeth in den 20er Jahren erging und endet mit der Machtergreifung der Nazis 1933.

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