Archive | April 2016

Berlinische Räume – „Schöneberg Revisited“ / Eine Spurensuche

Café Mitropa

 

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Metropol

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Vinylkultstätte

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Das ehemalige Café Central (Foto oben: Knut Sehrgut) und Café Swing ist heute eine Apotheke und sieht ziemlich trist aus.

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22.9. 1981: “In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte.” http://wp.me/p3UMZB-1ii

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Café Berio

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Slumberland

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Winterfeldtmarkt

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Rani

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1983 kamen wir auf die Idee, jeden Dienstag im Mitropa Karten zu spielen. Das Spiel hieß Binokel und wir wurden ziemlich schief angeguckt. Gesellschaftsspiele waren sowas von uncool und dann auch noch Karten! Dazu tranken wir Weizenbier, was auch verpönt war. Heute ist “kiffen” untersagt.

Unten: Mitropa-Anzeige aus Assasin, 1983.

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Deko Behrendt

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Bowie-Haus

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Stadtbad

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Als in der Nacht zum 5. April 1986 im La Belle in der Hauptstraße 78 eine Bombe explodierte und drei Menschen tötete, schlief ich 500 Meter weiter in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Rheinstraße 14. Obwohl man als Berliner immer einer theoretischen Gefahr ausgesetzt war, ist der Terror selten so nahe gekommen. Die Visitenkarte drückte mir, Wochen vorher, eine hübsche junge Dame vor dem Forum Steglitz in die Hand.

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Von unserem alten Domizil (oben) mit dem idyllischen Hof hinter der Leiserfiliale, Rheinstraße 14, ist nichts mehr zu finden. Nur ein seelenloser Neubau steht an seiner Stelle.

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Von 1977 bis 1986 wohnte oder arbeitete ich dort. Anfang der 80er zog Herbert ein und das Gebäude wurde Redaktionssitz des Assasin. Am 10. Juli 1986 feierten wir noch meine Hochzeit auf dem Hof, wenig später wurde alles abgerissen.

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So begann es: – Der Laden, in dem ich jobbte war neben einer Leiser-Schuh-Filiale und das ganze Haus gehörte Leiser. Irgendwann als ich Müll rausbrachte, fiel mir auf, dass es einen Seitenflügel gab, in dem drei Einzimmer-Wohnungen untergebracht waren. Der Seitenflügel machte einen irgendwie prekären Eindruck, man hatte ihn nachträglich an die Brandmauer geklatscht, um etwas billigen Wohnraum zu schaffen, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ich guckte mir auch den Hof genauer an, um den herum Leiser seine Lagerräume hatte. Der Hof, den offensichtlich niemand nutzte, war etwas 6 mal 30 Meter groß, den Abschluss bildete eine Terrasse, die von einem Mäuerchen zum Nebengrundstück begrenzt wurde. Eine Kastanie spendete Schatten gab dem Hof einen grünen Tupfer. Im Sommer könnte man hier bestimmt schöne Wochenenden verbringen.

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Mir war klar, das die Wohnungen keinerlei Komfort boten, vielleicht war es sogar das Prekäre, das mir zusagte, mir förmlich zuflüsterte, hier wäre ein absolut passender Ort zum Leben für mich. Innerhalb von 48 Stunden mietete ich eine der Wohnungen, meine Chefin legte ein gutes Wort für mich ein, und ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Knesebeckstraße in die Rheinstraße um. Am Anfang zahlte ich für 28qm weniger als 40 D-Mark Miete. Es war geradezu eine Einladung mich kreativ auszutoben, ohne auf die Lukrativität meiner Projekte zu achten. –

2015-11-16-0001 (3) Der Maler Stefan Hoenerloh beim Klettern.

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Das Shizzo heute und damals. Das Foto unten stammt von dieser schönen Website: http://shizzo-berlin1980.de/

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Kaisereiche.

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Sparkassen-Kunst

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MusicHall

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“Die Goldenen Vampire” in der Hall.

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Bewegungsmelder Kluge.

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Familienportrait Teil 18 – Bücher, Ostfernsehen und Jugendvorstellung / Die Medien meiner Kindheit 1960-1985

Mein Vater spendete mir seine Zuwendung nur sehr selten. Beispielsweise hat er mir nur einmal einen Rat fürs Leben gegeben. Er verbot mir den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. Am besten sei, ich würde gar nichts Künstlerisches tun, aber auf alle Fälle, solle ich mich nie der Schauspielerei widmen. Er wäre diesen Weg gegangen und er hätte es bitter bereut. Da sein Rat ein Einzelfall war, glaubte ich ihn befolgen zu müssen. Ich habe tatsächlich nie diesen Beruf erlernt, wenn man davon absieht, dass ich jahrelang den Stunden beigewohnt habe, die mein Vater jungen Schauspielern gegeben hat.

Doch ich war nie ganz glücklich mit den Berufen, die ich für Geld ausgeübt habe und oft hegte ich die Befürchtung, es wäre ein Fehler gewesen auf meinen Vater zu hören. Doch schon als Kind fand ich ein Ventil für mein schauspielerisches Talent, das Mimen zu einem meiner liebsten Steckenpferde.

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(Mannheimer Straße, Google Maps: siehe unten)

Wie so häufig stand am Anfang eine krisenhafte Zuspitzung der Lebenssituation. Im Alter von sechs Jahren wurde mir angetragen regelmäßig die Schule zu besuchen. Schon am Tag der Einschulung hatte ich erhebliche Probleme mit meiner Unlust und meinem Ekel fertig zu werden. Die meisten anderen Schüler schienen mir dumm, hässlich und unfreundlich zu sein. Auch die Lehrerschaft kam in meinem Urteil nicht besser weg. Das Schlimmste aber war der Gestank, den 35 Kinder damals in dem überheizten, ungelüfteten Klassenraum verbreiteten. 1960 war es in den meisten Familien Usus nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, zu baden und die Unterwäsche zu wechseln. Und das führte zu einem olfaktorischen Stress, den ich kaum ertragen konnte. Wahrscheinlich konnte ich meine Abneigung nicht gut verbergen, auf jeden Fall wurde ich zum Ziel eines kräftigen Hauswartsohns aus der Prinzregentenstraße namens Bernhard. Er zwang mich regelmäßig in den großen Pausen zu Faustkämpfen, für die ich in keinster Weise vorbereitet war. Tatsächlich habe ich die Schule über Jahre hinweg als traumatisch empfunden. Beispielsweise konnte ich bis in meine Teenagerzeit nie frühstücken oder gar in der Schule irgendetwas essen, der Magen war wie zugeschnürt und ich reagierte mit Brechreiz, wenn ich versuchte Nahrung zu mir zu nehmen.

An manchen Morgenden bekam ich Angst und Panikattacken und mein schauspielerisches Talent half mir glaubwürdig eine Erkältung oder eine Magenverstimmung vorzuspielen. Angst und Panik allein schien für meine Mutter kein Anlass für den begehrten Schuldispens zu sein. Noch wahrscheinlicher ist, dass ich diese Gefühle verborgen habe, weil ich mich dafür geschämt habe, ängstlich und panisch zu sein.

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1966, (v.l. ich, mein Bruder)

In den ersten Jahren verbrachte ich diese Tage lesend und hatte die schönsten Begegnungen mit den besten Freunden meiner Kindheit, den Büchern. Ich las für Kinder geschriebenes wie Kästner oder Blyton, bald aber auch leichtere Erwachsenenkost wie Jules Verne oder Robert Louis Stevenson.

Mitte der 60er Jahre hatten meine Eltern den Widerstand gegen eine Fernsehröhre aufgeben, eigentlich hielten sie es für eine Veranstaltung, die sich exklusiv an die bildungsfernen Schichten wendete. Wie prophetisch diese Einschätzung sein sollte, ahnten sie nicht. Nun jedenfalls wechselte ich gegen 10 Uhr mein “Kranken”-Bett gegen den Fernsehsessel und schaltete meist das Ostfernsehen an. Dienstag wurde der UFA-Film vom Vorabend wiederholt, ich liebte die Komödien mit Heinz Rühmann, aber auch Melodramen. Beispielsweise “La Habanera” und “Zu neuen Ufern”, die Detlef Sierk mit Zarah Leander produzierte, bevor er Nazideutschland verließ und sich in Hollywood Douglas Sirk nannte. Günstig war auch der Donnerstag, an dem Willi Schwabe durch seine Rumpelkammer führte und Hintergründe des UFA-Films erklärte. Gern sah ich auch Propagandastreifen über Thälmann oder sowjetische Revolutionsdramen von Eisenstein. Das Westfernsehen sendete seltener Spielfime. Einzelne sind mir jedoch unvergesslich wie “On the Waterfront” von Elia Kazan mit Brando in der Hauptrolle.

Als ich älter wurde, ging ich auch gern am Nachmittag in eins der vielen Kinos, die es noch gab und sah mir für 1.50 DM eigentlich alles, was gerade lief. In Laufweite von Volkspark Wilmersdorf, wo wir lebten, befanden sich mindestens ein Dutzend Kinos, bis die meisten in den 70ern verkündeten, “Now playing: ALDI”. Toll waren auch die Jugendvorstellungen am Sonntag um 13.30 Uhr. Meistens ging ich ins nahe EVA-Kino, wo unter großem Gejohle Sandalenfilme über die Leinwand flimmerten. Daher kam wohl meine große Liebe zum Kino und mein Traum selbst einmal eigene Filme zu verwirklichen. Von einer Karriere beim Fernsehen träumte ich seitdem ich bei meinen Verwandten aus Venezuela das US-amerikanische Soldaten-TV kennengelernt hatte. Da mir jedoch Abitur und Studium versagt blieben, war das so unwahrscheinlich, wie ein Flug zum Mond. Mit 19 besorgte ich mir die Unterlagen für ein Studium bei der DFFB und begriff, das Film und Fernsehen Trauben waren, die zu hoch für mich hingen.

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Die 70er Jahre, zwischen Kaffeetafel und Deutschem Herbst

ImageFoto: Rainer Jacob

Es blieb mir noch mein zweiter Traum, das Schreiben und ein Leben als Schriftsteller, das ich mir in meiner Naivität recht idealisiert vorstellte. Ende der 60er Jahre nahm ich an der Schüler- und Studenten-Revolte teil, in der Folge flog ich vom Gymnasium. Nach einem verlorenen Jahr auf einer Privatschule machte ich 72 die Mittlere Reife, doch ich hatte keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Zusätzlich zu den Depressionen, die mich schon als Kind begleiteten, entwickelte ich als Teenager eine Sozialphobie. Meine Unfähigkeit einen Beruf zu erlernen verklärte ich zu Verweigerung gegen ein politisches System, das ich ablehnte. Es dauerte Jahre bis ich begriff, dass ich mich nur selbst blockierte.

ImageInnere Emigation

ImageSelfie 1975

So hatte ich in den Jahren meiner inneren Emigration kaum die Gelegenheit zu Mimen oder hochzustapeln. Allerdings erinnere ich mich an ein Waldbühnenfestival*, zu dessen Anlass mein Spieltalent nach draussen drängte. Es muss Mitte der 70er gewesen sein, Hawkwind und Juicy Lucy standen auf dem Plakat und ich enterte die Open Air Arena bei schönstem Sonnenschein mit einer halben Flasche Rum im Gepäck. Eigentlich trank ich keinen Alkohol zu der Zeit, wie die meisten meiner Generation damals. Aber ich hatte Liebeskummer und wer Sorgen hat hat auch Likör. Ich ließ mich von der Musik mitreißen, trank und irgendwann legte sich ein Schalter in mir um. Danach sprach ich nur noch englisch, schwindelte mich an der Security vorbei backstage und verbrachte dort zwei sehr lustige Stunden. Meine Matte, die selbstgenähte Samtweste und vor allem mein selbstbewusstes Auftreten ließen keinen Zweifel daran, dass ich ein bekannter Rockmusiker sei, der inkognito unterwegs befreundete Musiker treffen wollte. Ich schwatzte ein Stündchen mit dem sympathischen Gitarristen von Juicy Lucy über den Ärger mit Plattenfirmen, wurde mit Speis und Trank versorgt und gab einige Autogramme. Lemmy war auch dabei, der Bassist von Hawkwind, ein ganz normaler Typ eben. Die Groupies fragen sich noch heute, wer das damals war, backstage in der Waldbühne.

1981 starb mein Vater, kurz nach seinem 63sten Geburtstag und mir wurde bewusst, wie kurz das Leben ist. Ich beschloss mit dem Schreiben ernst zu machen und hatte das Glück, dass mir Freunde, wie Burkhard Seiler, der Zensor halfen. Im Herbst 1982 erfand ich mich dann neu, gründete das Subkulturfanzine Assasin und verdiente tatsächlich mit schreiben etwas Geld. Nicht beim Assasin, der war immer defizitär, aber durch Zeilengeld bei der taz und bei verschiedenen Musikpublikationen wie dem Rockkalender. Ich schrieb meistens unter dem Pseudonym “Sherlock Preiswert”. Die Figur des von Arthur Conan Doyle erfundenen “Ur-Nerds” Holmes sprach den kleinen Asperger in mir an und das Preiswert bezog sich auf das mickerige Zeilenhonorar von 75 Pfennigen, das die taz damals zahlte.

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Preiswert in der taz.

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Das letzte Assasin-Heft

Ich hatte mir tatsächlich einen Lebenstraum erfüllt. 1985 war ich nach 11 Ausgaben Assasin pleite, das letzte Heft hatte fast 1300.-DM gekostet, doch nur 700.- eingespielt.

Also sollte ein Benefiz-Konzert Abhilfe schaffen. Wir hofften damit eine neue Ausgabe vorzufinanzieren. Die Kwahl fand im Sputnik statt, viele Freunde halfen, ein rundes Dutzend Bands trat auf. Volker Hauptvogel und Edgar Domin von MDK standen ein letztes Mal zusammen auf der Bühne, Dreidimensional und Frieder Butzmann spielten, es wurden Filme von Test Department gezeigt und sogenannter “Hausfrauenstriptease” rundete das Programm ab.

ImageKwahlaufruf im Tip

Zum Plakatieren brauchten wir ein Auto, also stellte mir Boeldicke Frank vor, der ein Auto hatte. Dieser Kontakt sollte in der Folge mein Leben verändern. Die Kwahl, wie wir das Ereignis nannten, bezog sich auf die Senatswahlen am folgenden Tag, dem 10. März 1985, an dem zum ersten Mal Diepgen zum Bürgermeister gewählt wurde. Allerdings fand das Event im Sputnik ohne mich statt, ich lag mit 39,5° im Bett und hatte die schlimmste Grippe meines Lebens. Am Morgen blieben 500.-DM in der Kasse. Es war zu wenig für ein neues Assasin-Heft, also kaufte ich einen gebrauchten Videorecorder und machte mich mit Herbert auf zu neuen Ufern. Nachdem ich den Traum Autor zu werden verwirklicht hatte, wollte ich mich nun Film oder Fernsehen produzieren. Das war ziemlich unrealistisch, ich hatte weder Produktionsmittel noch Beziehungen, aber das Schicksal hielt eine Überraschung für mich bereit.

Marcus Kluge

Mannheimer Straße: https://www.google.de/maps/@52.4841134,13.315459,3a,75y,66.8h,84.46t/data=!3m4!1e1!3m2!1siwSwMy7rWtQ0DmsdUlk3Ig!2e0!6m1!1e1

Die Website, die die ersten Assasin-Hefte dokumentiert:

http://www.assasin.in-berlin.de/

Wenn ich mal viel Zeit oder Hilfe habe, scanne und transkribiere ich den Rest.

Berlinische Leben – „Gefühl und Härte – Fleischers Trip“ / Über Volker Hauptvogels West-Berlin-Roman

Fleischers Blues“ lässt das West-Berlin der Jahre 1976 bis 1981 wiederauferstehen, als habe es den Mauerfall, die Wiedervereinigung und den ganzen Quatsch, der folgte, nie gegeben. Volker Hauptvogels Erinnerung ist quicklebendig und die Sprache scharf, wie der Punk von Volkers Band „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Bei Ex-Zeitgenossen von „Fleischer“ sorgt die Lektüre für nostalgischen Lesegenuss der heiteren Art, während er Nachgeborenen Aha-Erlebnisse beschert. „Gab es das alles wirklich?“, werden sie fragen. Ja, ich kann’s bestätigen, weitgehend!

Volker Hauptvogel ist in Berlin, was die Berliner einen „bunten Hund“ nennen. Volker kennt jeden und jeder kennt ihn, den Autor, Musiker und Gastronomen. Fleischer ist bei aller Fiktion natürlich eine autobiografische Gestalt. Was authentisch ist und was fiktiv, darf spekuliert werden. Der dealende Schriftsetzer und hedonistische Lebenskünstler Fleischer kommt nach West-Berlin, auf der Flucht vor der Bundeswehr. Er zieht in eine typische Ein-Zimmer-Ofenheizungs-Wohnung in der Bürknerstraße, an der Nahtstelle zwischen Neukölln und SO 36, dem wilden Kreuzberg. Bald ist er in der verschworenen Revoluzzerszene genauso zuhause, wie bei den ersten Adressen für Stoffgroßhandel. Auch Fleischers bester Kumpel Ede zieht in die Frontstadt nach und das Geschäft expandiert gemäß Edes Devise „Ware immer nur vom Besten, sowohl als auch die besten Kunden“. Daneben beteiligen sich die beiden an der Weltrevolution, man druckt, sendet schwarz und die Bezirkskasse wird auch erleichtert zum Wohle der guten Sache.

Doch Fleischers Affäre mit der entzückenden Polizistin Claudianna treibt fast einen Keil zwischen die Freunde. Doch Claudianna ist selbst immer mehr im Zweifel über ihre „Beamtenlaufbahn“ bei der grünen Truppe. Schließlich rollt die Punkwelle in Berlin an und die das dynamische Duo ist begeistert, opfert ad hoc die Matte und gründet das „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Der Rest ist Geschichte, könnte man sagen. Oder „großes Kino“, wenn das nicht so eine abgewetzte Metapher wäre.

Wir besuchen die Schauplätze der wilden Jahre, das SO 36, den Jodelkeller, das Quartier Latin oder das legendäre Risiko. Und treffen die schrägen Protagonisten dazu, Ratten-Jenny, Alex Kögler, Blixa Bargeld und einen gewissen „Kippi“, der gar nicht gut weg kommt, woran er allerdings selbst schuld ist. „Gefühl und Härte“, der Slogan jener Tage passt auf „Fleischers Blues“ wie die Faust aufs Auge, oder das Sektglas in Kippis Gesicht, der aus der Erfahrung ein Projekt machte, mit dem er endlich den heiß ersehnten Erfolg hatte. Aber das steht in einem anderen Buch …

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Fleischers Odyssee mündet in den Tag, den keiner vergessen kann, der ihn damals in West-Berlin erlebte. Der 22. September 1981 als, bei einem, von Westentaschen-Napoleon Lummer befohlenen, ultrabrutalen Polizeieinsatz, der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay getötet wird. Hauptvogel schildert das Geschehen in aller Härte + Gefühl, doch Zeitzeugen werden bestätigen, ohne Übertreibung. Selbst Fleischers unerschütterlicher Optimismus gerät ins Wanken.

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Kürzlich besuchte mich mein alter Freund Volker zu einem sonntagnachmittaglichen Gespräch über seinen ersten Roman, die Vergangenheit und das Heute, das weder er noch ich uns so düster ausgemalt hätten. Der Sieg des Kapitalismus, die elektronische Vollüberwachung und eine junge Generation, die sich fast gar nicht für Politik interessiert. Stattdessen entstehen neue braune Horden und „idiocracy“regiert allerorten. Dystopisch aber wahr …

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Wir sprachen über den 2012 verstorbenen Edgar Domin, dem Volker nun ein ewiges literarisches Denkmal gesetzt hat. Über die Polizistin Claudianna und das die „Bullen“ damals ja auch verheizt wurden für eine korrupte Baupolitik des Berliner Filzes und das die Hausbesäzza nicht die geschlossene Front bildeten, die von der Springer-Presse gern beschworen wurde. Den meisten ging es nicht um Straßenkampf, sie wollten selbstbestimmte Lebensmodelle ausprobieren und der „Krieg“ wurde ihnen aufgezwungen, auch von zugereisten, unreifen Revoluzzern aus den eigenen Reihen. Schließlich erinnern wir uns an das Interview, das ich 1983 mit ihm machte. „MDK“ hatten soeben eine USA-Tournee hingelegt und Volkers „Verweigerer-Buch“ war erschienen (siehe Anhang). Volker hatte eine Familie gegründet und schimpfte über das „dreckige“ Kreuzberg. Heute, 2016, lebt er immer noch da und ist nicht wegzudenken. Nun schon gar nicht mehr, denn man kann seinen Roman auch als Liebeserklärung an diesen Bezirk lesen. Aber in erster Linie ist er ein Trip:

Ein wilder Trip für Droogs, die ins Lesealter gekommen sind!“

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Letztlich muss man wieder mal alles selber machen und es entspricht ja auch der Punk-Philosophie, dass nur das eigene Tun und Vorwärtsgehen das Leben sinnvoll macht. Deshalb klettern ältere Herren, wie Volker und ich, wieder auf die Bühne. Volker ist auf Lesereise mit Guntbert Warns, der ja auch die Hörbuchfassung eingelesen hat. Die bei Deutsche Grammophon erschienene Hörfassung ermöglicht übrigens auch ein Wiederhören mit Stephan Remmler, der als Conferencier fungiert.

Außerdem tritt Hauptvogel wieder mit Band auf und hält die politisch-wertvolle Punkmucke lebendig. Das nächste Mal am:

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20. Mai – MDK ( 1. Musikalische Manifestation 2016)
in neuer Besetzung incl. Lesung in
der Regenbogenfabrik, Lausitzer Str. 36.

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Das Buch erschien im Martin-Schmitz-Verlag und lässt sich für 14.80€ erwerben.

Das Hörbuch von Deutsche Grammophon füllt 4 CDs  und kostet ca. 20€.

Text: Marcus Kluge

Illus aus “Verweigerer”, 1983 Karin-Kramer-Verlag.

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Illu zum Fleischer-Kapitel “Neue Bude”. Rainer Jacob porträtierte den kaisertreuen Wohnungsvermieter mit dem High-Heel-Fetisch, als ich vor zwei Jahren die Geschichte vorveröffentlichte. (Sorry, nicht mehr da.)

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Interview mit Volker Hauptvogel 1983 für Assasin.

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Familienportrait: „Im Windschatten” / Ziviles und kleine Fluchten auf Fotos aus den Jahren 1939-45

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Als ich kürzlich ein Foto von einer Kaffeetafel mitten im Krieg entdeckte, stellte ich mir die Frage, gab es unbeschwertes, privates Leben, oder gar ein individuelles Glück, während des 2. Weltkriegs und im Angesicht des Naziterrors? Oder war die Realität so düster, dass sie das normale Leben zur Gänze überdeckte und auch kurze Erlebnisse von frohem Zusammensein und mitmenschlicher Geborgenheit unmöglich machte? Über diese Fragen habe ich am Beispiel meiner Eltern nachgedacht.

Theodor W. Adorno schrieb, unter der Erfahrung des Krieges und des faschistischen Terrors in Europa, seinen berühmten Satz: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”. In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben”. Die Sentenz beendet eines über zwei Seiten langen Kurzessays mit dem Titel Asyl für Obdachlose (Nr. 18, der Text ist unten dokumentiert), der sich mit den Schwierigkeiten beschäftigt, sich in modernen Zeiten irgendwo häuslich einzurichten. Auch wenn man von Adornos besonderer Situation als im Exil lebender Intellektueller absieht, darf man wohl verallgemeinern, dass Krieg, Faschismus, realsozialistische Diktatur und Terror auch das Lebenglück gewöhnlicher Menschen eintrüben oder vernichten können. Kleine Fluchten und Momente des Glückes scheinen dennoch möglich zu sein. Es gibt auch Zeitzeugen, die diese als besonders intensiv beschreiben.

Wir alle kennen die besondere Wahrnehmung von Zeit, die in Krisen eintreten kann. Beispielsweise, wenn man an einer schweren Krankheit leidet, beginnt man in einer Art “Doppelzeit” zu leben. Man ist sich bewusst, in einer besonderen, aber begrenzten Zeiteinheit zu existieren, die endet, wenn man wieder gesund wird. Dann beginnt erneut die “normale Zeiterfahrung”. Diese Fähigkeit Zeit zu relativieren ist wohl eine Ressource unserer Resilienz. Andere Ressourcen sind Menschen, mit denen wir in Freundschaft oder Liebe verbunden sind. Auch Medien wie Briefe, Bücher oder Fotos helfen uns, die traumatische Erfahrung zu überstehen. Diese Fotos zeugen davon.

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Bei der Abi-Feier oben herrscht noch eine trunkene Unbeschwertheit. Zwei Jahre später sind aus den Schuljungs Soldaten geworden, die im Lazarett trotz Schmerz und Fieber feiern.
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Vater versucht sich zu erden entweder, in dem er schreibt, wie unten. Oder wie oben, wo er vor Frühlingsblüten seinen Goethe liest, eine trügerische Idylle.

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Beim zweiten Mal im Lazarett ist “Grabenfieber” die Diagnose. Es wurde in den Schützengräben des 1. Weltkriegs erstmals beobachtet. Auch im 2. Weltkrieg hat man noch keine wirksame Therapie dagegen. Schlecht verheilte Läusebisse verursachen das Leiden, doch an den hygienischen Verhältnissen an der Front ändert sich nichts, wie auch. Er schreibt in krakliger Schrift: “Da gibt es wieder 41 Fieber. Mit dem nächsten Lazarettzug komme ich nach Deutschland. Entschuldige, es geht nicht.” Die Kameraden nehmen das Fieber heiter.

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In Deutschland versuchen die Zivilisten wenigstens für Stunden oder Tage der Bedrückung des Krieges, die in Berlin durch die Bombenangriffe besonders auffällig ist, zu entgehen. Eine kleine Wanderung, eine Paddelboottour oder ein Nachmittag am Strand bieten willkommene Ablenkung. Selbst die Nazi-Propaganda unterstützt den Eskapismus. Goebbels lässt in den UFA-Filmen eine Scheinwelt entstehen, in der niemand vom Krieg spricht oder den rechten Arm zum Hitlergruß hebt. Erst nach der Erklärung des “totalen Krieges” am 18.2. 1943 im Berliner Sportpalast entfallen letzte Alltagsfluchten wie Tanzveranstaltungen.

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Monatelang hat Helmut um ein Studiensemester gekämpft, er kann es kaum glauben, 1944 darf er nach Berlin und ein paar Monate studieren. Am 20. Juli 1944 hören sie im Radio, es hätte ein Attentat auf Hitler gegeben, es ist nicht klar, ob er tot oder nur schwer verletzt ist. Am Abend sind sie im Schauspielhaus, Don Carlos steht auf dem Spielplan. Als Marquis Posa vom Despoten, “Sire, geben sie Gedankenfreiheit!” verlangt, gibt es Szenenapplaus. Es ist bekannt, dass dafür schon mindestens ein Deutscher, der an dieser Stelle  geklatscht hat, erschossen wurde. Aber in diesem Moment ist die Furcht weg. In der Pause machen fast alle Zuschauer Pläne, man hofft der Krieg würde bald zuende sein, nun da “der Verrückte” tot ist. Auch Käte und Helmut machen Pläne. Plötzlich ist die Erfüllung der Träume ganz nah. Als sie in der Perleberger Straße die Treppe hochkommen, steht Oma Elisabeth schon in der Tür und macht eine wegwerfende Geste. Hitler lebt, der Umsturzversuch ist gescheitert, Helmut muss schon bald wieder zurück an die Front. Fast vier Jahre trennt die Weltgeschichte meine Eltern. Meine Mutter hat jeden Grund meinen Vater für tot zu halten, doch ganz gibt sie ihn nicht auf. Als er im Sommer 48 vor ihrer Tür steht, ist sie schwanger. Das Kind will sie, den Erzeuger nicht und so wird Helmut sein Vater.


Asyl für Obdachlose. – Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht. Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat mit prophetischem Masochismus ein deutsches Magazin vor Hitler dekretiert und mit dem Bett die Schwelle von Wachen und Traum abgeschafft. Die Übernächtigen sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewußtlos zugleich. Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein. Will man der Verantwortung fürs Wohnen ausweichen, indem man ins Hotel oder ins möblierte Appartement zieht, so macht man gleichsam aus den aufgezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm. Am ärgsten ergeht es wie überall denen, die nicht zu wählen haben. Sie wohnen wenn nicht in Slums so in Bungalows, die morgen schon Laubenhütten, Trailers, Autos oder Camps, Bleiben unter freiem Himmel sein mögen. Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden. Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen. Schon wenn er sich mit Möbelentwürfen und Innendekoration beschäftigt, gerät er in die Nähe des kunstgewerblichen Feinsinns vom Schlag der Bibliophilen, wie entschlossen er auch gegen das Kunstgewerbe im engeren Sinne angehen mag. Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich. Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.

Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen,: solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. »Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein«, schrieb Nietzsche bereits in der Fröhlichen Wissenschaft. Dem müßte man heute hinzufügen: es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas an von dem schwierigen Verhältnis, in dem der Einzelne zu seinem Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Theodor W. Adorno: “Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben”. Zitiert nach: https://giuseppecapograssi.files.wordpress.com/2013/08/minima_moral.pdf

„A Day in the Life“ – Serie aktualisiert / 5 Episoden

Heute habe ich die Serie “A Day in the Life” aktualisiert. Sie enthält jetzt die Rekonstruktionen von fünf Tagen in den Jahren 1972, 1977, 1978, 1979 und 1984. Jede erinnert mit Original-Fotos und kleinen Geschichten an einen konkreten Tag im Leben meiner Freunde und mir.

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So fing es an – Oktober 2015:

Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Wochen”-Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer Jacob kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. 

Die kleinen Bildchen sind nicht sehr scharf und detailreich, aber gerade das Weiche hat einen Reiz. Die Bilder sind sozusagen “noninvasiv” und lassen noch Raum für die Imagination des Betrachters.

Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Teil 1 rekonstruiert einen Sommertag im Jahr 1978.

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Teil 2 beschreibt zwei Frühlingstage im Orwell-Jahr 1984. Ein Rockstar besucht mich in meiner bescheidenen Außenklo-Wohnung in der Rheinstraße. Am zweiten Tag unternehme ich mit Herbert einen Selbstversuch im Dauerfernsehen.

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Teil 3 entführt uns in ein Loft im Kreuzberg des Jahres 1977, wo Claudia Skoda ihre erste Modenschau veranstaltet. Rainer kommt zum fotografieren, während ich in Liebesdingen unterwegs bin.

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Der Schneewinter 1978-79 ist legendär. Im März ’79 wird es endlich wärmer. Rainer und ich gehen mit der Kamera den Lenz suchen.Teil 4:

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Am 15. Mai 1972 spielen MC5, die legendäre Polit-Rock-Band aus Detroit, in der Technischen Uni. Noch einmal kommt im verschlafenen West-Berlin ein Gefühl von Revolte auf. Danach fahren 500 Konzertbesucher in die Bülowstraße und besetzen ein Haus. Der 5. Teil der Serie:

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Familienportrait Teil 1 – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

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Aus dem Brunnen der Vergangenheit können wir schöpfen, um zu ergründen, woher wir kommen. Konkret waren das in meinem Fall Papiere, meist Urkunden und Briefe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Über die Vorfahren meines Vaters sagen sie nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienstmägde und Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf ja erst seit dem 1. Oktober 1920.

BildVier Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

Mein Großvater väterlicherseits ist schon vor Ende des 2. Weltkriegs gestorben, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1930 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte mit seinem älteren Bruder Ino nach Venezuela aus. Inos Spur verliert sich in den 70er Jahren in Caracas. Wahrscheinlich ist er wie die meisten männlichen Kluges nicht alt geworden. Wolfgangs in den 60ern geborener Sohn Johannes Kluge ist außer mir der einzige noch lebende Kluge. Dieser lebt in Venezuela, erfreulicherweise habe ich durch das “Internet” regelmäßigen Kontakt zu ihm.

BildLiebenwerda, Sonntagspaziergang

Mehr weiß ich über die Vorfahren meiner Mutter. Meine Urgroßeltern kamen aus der Gegend von Liebenwerda in Süd-Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Liebenwerda, von liv oder lib und werder kommend, heißt soviel wie Liebes- oder Lebens-Insel. Es wurde 1271 das erste Mal erwähnt und gehörte zeitweise zu Sachsen. Die dicken, sächsischen Ordnungshüter wurden sprichwörtlich und noch zu DDR-Zeiten verspottete man sie, denn da traten sie in Gestalt von Stasi-Mitarbeitern erneut auf. Die “Schand-Armen” nannte sie der Volksmund.

BildOlle Fuchsen

Überhaupt hat man in Liebenwerda nie sächsisch gesprochen, stattdessen gab es ein weiches Brandenburger Platt. Der legendäre “olle Fuchs” legte sich oft mit den sächsischen Schandarmen an und wurde unvergesslich. “He labet ju nich mehr, aber he is noch gornich lange dud.”, erzählten die alten Leute.

1815 kam Liebenwerda zu Preußen, eine Folge des Wiener Kongresses. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, eine Gründerzeit folgte, in zwei Jahren wurden 978 Aktiengesellschaften in Preußen gegründet. Leider ging dieser Aufschwung schon 1873 wieder zuende, die durch einen Börsenkrach ausgelöste 20-jährige “Gründerkrise” folgte.

Die Liebenwerdaer hatten jedoch Glück: “Am 1. Juni 1874 wurde die Oberlausitzer Eisenbahn von Kohlfurt über Liebenwerda bis Falkenberg (später bis Wittenberg) übergeben.” Das brachte der Stadt Aufschwung und hier beginnt nun auch die Geschichte der Familie Schnelle.

 

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Julius Schnelle besteht 1881 die Prüfung zum Schuster-Gesellen. 1887 wird er 23-jährig Meister, im gleichen Jahr heiratet er die fünf Jahre jüngere Anna geb. Hanisch. Julius soll ein fleißiger Mann gewesen sein, neben der Arbeit erzählte er gern Geschichten und betätigte sich auch als Verse-Schmied. Anna wird als sehr soziale, umtriebige Frau geschildert. Sie soll sich Achtung und Liebe unter den Liebenwerdaern erworben habe.

Das Ehepaar hat vier Töchter, eine stirbt im Säuglingsalter, die drei anderen heiraten und leben lang. Martha, die älteste darf im Ort bleiben und heiratet Adolf, Elisabeth und die zuletztgeborene Charlotte müssen in Berlin ihr Glück suchen.

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“Seit dem 16. Januar 1925 trägt die Stadt den Titel „Bad“, nachdem das Preußische Staatsministerium am 9. Januar 1925 einer Umbenennung der Stadt mit den Worten „Möge die Stadt unter dem neuen Namen glücklichen und gesegneten Zeiten entgegengehen!“ zustimmte.” (WiKi)

1937 feiern Julius und Anna Schnelle Goldene Hochzeit (Foto ganz oben), ein “seltenes Fest” wie die Zeitung bemerkt. Die “Einsegnung des Jubelpaares geschieht in unserer Kirche im Kreise von Kindern und Enkelkindern. “Beide Ehegatten erfreuen sich bester Gesundheit. Vermerkt sei noch, dass das Ehepaar Schnelle seit 30 Jahren im Hause des Lehrers Otte wohnt. Dies ist gewiss ein schönes Zeichen von Verbundenheit zwischen Hauswirt und Mieter.” Im gleichen Jahr feierte Julius 50-jähriges Meisterjubiläum. 1940 stirbt Anna, Julius überlebt sie nicht lange, zwei Jahre später folgt er ihr.

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1990, nachdem die Grenzen offen waren, habe ich mit meiner Mutter Bad Liebenwerda besucht. Mein verstorbener Freund Andi hat uns mit seinem Taxi gefahren und begleitet. Die Stadt sah postsozialistisch, nämlich ziemlich heruntergekommen, aus. Es würde mich interessieren noch einmal hinzufahren, um nachzusehen was 26 Jahre Kapitalismus aus dem Badeort gemacht haben. Wenigstens das Bad Liebenwerdaer Wasser ist heute in aller Munde.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Berlinische Leben – “Grönemeyer kann nicht tanzen” / Eine Pinguin-Club-Anekdote

SiebbiHerbert Grönemeyer (German musician and actor); arrival for the opening of the 59th Berlin International Film Festival. CC BY 3.0

Gestern wurde der deutsche Sänger und Schauspieler Herbert Grönemeyer 60. Auch wenn ich kein Fan seiner Musik bin, wünsche ich ihm alles Gute zu seinem runden Geburtstag. Dabei fällt mir eine kleine Anekdote ein, die ich vor einem Vierteljahrhundert im Schöneberger Pinguin-Club beobachtet habe. Wenn die Berliner etwas gut können, so ist es auf jeden Fall, einem Promi die “kalte Schulter zeigen”. 

11391328_10153353625642250_667197079382556864_nFoto: Tom Drushba

Für die Lesung am 28. Mai 2015 im Pinguin-Club erinnerte ich mich an diese kleine Anekdote:

Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher für das “Hollywood-Friedenau-Spiel” wieder ein. Für ein Brettspiel hatte ich mit Herbert Nonsens-Kurz-Treatments erfunden, in denen wir bekannte Filme verballhornten. Aus “Über den Dächern von Nizza” wurde “Über den Löchern der Pizza”, oder aus “Dial M for Murder” wurde “Dial M for Mini-Pizza”. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.

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Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Die Begleiter zertreuten sich um mit verschiedenen Gästen zu plaudern, während der Sänger etwas verloren an der Theke stehenblieb. Nach einer längeren Weile, gelang es ihm die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erhaschen. Er bestellte sich ein Flaschenbier, vermutlich sowas Nordisches, wie Becks oder Jever. Niemand hatte ihm gesagt, dass es Köpi vom Fass gab. Die neben ihm stehenden kümmerten sich nicht um ihn. Also stellte sich Grönemeyer, an seinem Flaschbier nuckelnd, in die Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Er wippte ein wenig zur Musik, drehte sich langsam um 360 Grad im Kreis, aber niemand guckte zurück. Er wurde ignoriert. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen.

Hier findet Ihr die ganze “Hollywood-Friedenau-Geschichte”:

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Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Eddie Two Hawks

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