Archive | April 2016

Berlinische Räume – „Schöneberg Revisited“ / Eine Spurensuche

Café Mitropa

 

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Metropol

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Vinylkultstätte

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Das ehemalige Café Central (Foto oben: Knut Sehrgut) und Café Swing ist heute eine Apotheke und sieht ziemlich trist aus.

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22.9. 1981: “In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte.” http://wp.me/p3UMZB-1ii

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Café Berio

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Slumberland

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Winterfeldtmarkt

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Rani

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1983 kamen wir auf die Idee, jeden Dienstag im Mitropa Karten zu spielen. Das Spiel hieß Binokel und wir wurden ziemlich schief angeguckt. Gesellschaftsspiele waren sowas von uncool und dann auch noch Karten! Dazu tranken wir Weizenbier, was auch verpönt war. Heute ist “kiffen” untersagt.

Unten: Mitropa-Anzeige aus Assasin, 1983.

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Deko Behrendt

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Bowie-Haus

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Stadtbad

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Als in der Nacht zum 5. April 1986 im La Belle in der Hauptstraße 78 eine Bombe explodierte und drei Menschen tötete, schlief ich 500 Meter weiter in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Rheinstraße 14. Obwohl man als Berliner immer einer theoretischen Gefahr ausgesetzt war, ist der Terror selten so nahe gekommen. Die Visitenkarte drückte mir, Wochen vorher, eine hübsche junge Dame vor dem Forum Steglitz in die Hand.

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Von unserem alten Domizil (oben) mit dem idyllischen Hof hinter der Leiserfiliale, Rheinstraße 14, ist nichts mehr zu finden. Nur ein seelenloser Neubau steht an seiner Stelle.

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Von 1977 bis 1986 wohnte oder arbeitete ich dort. Anfang der 80er zog Herbert ein und das Gebäude wurde Redaktionssitz des Assasin. Am 10. Juli 1986 feierten wir noch meine Hochzeit auf dem Hof, wenig später wurde alles abgerissen.

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So begann es: – Der Laden, in dem ich jobbte war neben einer Leiser-Schuh-Filiale und das ganze Haus gehörte Leiser. Irgendwann als ich Müll rausbrachte, fiel mir auf, dass es einen Seitenflügel gab, in dem drei Einzimmer-Wohnungen untergebracht waren. Der Seitenflügel machte einen irgendwie prekären Eindruck, man hatte ihn nachträglich an die Brandmauer geklatscht, um etwas billigen Wohnraum zu schaffen, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ich guckte mir auch den Hof genauer an, um den herum Leiser seine Lagerräume hatte. Der Hof, den offensichtlich niemand nutzte, war etwas 6 mal 30 Meter groß, den Abschluss bildete eine Terrasse, die von einem Mäuerchen zum Nebengrundstück begrenzt wurde. Eine Kastanie spendete Schatten gab dem Hof einen grünen Tupfer. Im Sommer könnte man hier bestimmt schöne Wochenenden verbringen.

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Mir war klar, das die Wohnungen keinerlei Komfort boten, vielleicht war es sogar das Prekäre, das mir zusagte, mir förmlich zuflüsterte, hier wäre ein absolut passender Ort zum Leben für mich. Innerhalb von 48 Stunden mietete ich eine der Wohnungen, meine Chefin legte ein gutes Wort für mich ein, und ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Knesebeckstraße in die Rheinstraße um. Am Anfang zahlte ich für 28qm weniger als 40 D-Mark Miete. Es war geradezu eine Einladung mich kreativ auszutoben, ohne auf die Lukrativität meiner Projekte zu achten. –

2015-11-16-0001 (3) Der Maler Stefan Hoenerloh beim Klettern.

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Das Shizzo heute und damals. Das Foto unten stammt von dieser schönen Website: http://shizzo-berlin1980.de/

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Kaisereiche.

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Sparkassen-Kunst

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MusicHall

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“Die Goldenen Vampire” in der Hall.

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Bewegungsmelder Kluge.

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Familienportrait Teil 18 – Bücher, Ostfernsehen und Jugendvorstellung / Die Medien meiner Kindheit 1960-1985

Mein Vater spendete mir seine Zuwendung nur sehr selten. Beispielsweise hat er mir nur einmal einen Rat fürs Leben gegeben. Er verbot mir den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. Am besten sei, ich würde gar nichts Künstlerisches tun, aber auf alle Fälle, solle ich mich nie der Schauspielerei widmen. Er wäre diesen Weg gegangen und er hätte es bitter bereut. Da sein Rat ein Einzelfall war, glaubte ich ihn befolgen zu müssen. Ich habe tatsächlich nie diesen Beruf erlernt, wenn man davon absieht, dass ich jahrelang den Stunden beigewohnt habe, die mein Vater jungen Schauspielern gegeben hat.

Doch ich war nie ganz glücklich mit den Berufen, die ich für Geld ausgeübt habe und oft hegte ich die Befürchtung, es wäre ein Fehler gewesen auf meinen Vater zu hören. Doch schon als Kind fand ich ein Ventil für mein schauspielerisches Talent, das Mimen zu einem meiner liebsten Steckenpferde.

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(Mannheimer Straße, Google Maps: siehe unten)

Wie so häufig stand am Anfang eine krisenhafte Zuspitzung der Lebenssituation. Im Alter von sechs Jahren wurde mir angetragen regelmäßig die Schule zu besuchen. Schon am Tag der Einschulung hatte ich erhebliche Probleme mit meiner Unlust und meinem Ekel fertig zu werden. Die meisten anderen Schüler schienen mir dumm, hässlich und unfreundlich zu sein. Auch die Lehrerschaft kam in meinem Urteil nicht besser weg. Das Schlimmste aber war der Gestank, den 35 Kinder damals in dem überheizten, ungelüfteten Klassenraum verbreiteten. 1960 war es in den meisten Familien Usus nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, zu baden und die Unterwäsche zu wechseln. Und das führte zu einem olfaktorischen Stress, den ich kaum ertragen konnte. Wahrscheinlich konnte ich meine Abneigung nicht gut verbergen, auf jeden Fall wurde ich zum Ziel eines kräftigen Hauswartsohns aus der Prinzregentenstraße namens Bernhard. Er zwang mich regelmäßig in den großen Pausen zu Faustkämpfen, für die ich in keinster Weise vorbereitet war. Tatsächlich habe ich die Schule über Jahre hinweg als traumatisch empfunden. Beispielsweise konnte ich bis in meine Teenagerzeit nie frühstücken oder gar in der Schule irgendetwas essen, der Magen war wie zugeschnürt und ich reagierte mit Brechreiz, wenn ich versuchte Nahrung zu mir zu nehmen.

An manchen Morgenden bekam ich Angst und Panikattacken und mein schauspielerisches Talent half mir glaubwürdig eine Erkältung oder eine Magenverstimmung vorzuspielen. Angst und Panik allein schien für meine Mutter kein Anlass für den begehrten Schuldispens zu sein. Noch wahrscheinlicher ist, dass ich diese Gefühle verborgen habe, weil ich mich dafür geschämt habe, ängstlich und panisch zu sein.

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1966, (v.l. ich, mein Bruder)

In den ersten Jahren verbrachte ich diese Tage lesend und hatte die schönsten Begegnungen mit den besten Freunden meiner Kindheit, den Büchern. Ich las für Kinder geschriebenes wie Kästner oder Blyton, bald aber auch leichtere Erwachsenenkost wie Jules Verne oder Robert Louis Stevenson.

Mitte der 60er Jahre hatten meine Eltern den Widerstand gegen eine Fernsehröhre aufgeben, eigentlich hielten sie es für eine Veranstaltung, die sich exklusiv an die bildungsfernen Schichten wendete. Wie prophetisch diese Einschätzung sein sollte, ahnten sie nicht. Nun jedenfalls wechselte ich gegen 10 Uhr mein “Kranken”-Bett gegen den Fernsehsessel und schaltete meist das Ostfernsehen an. Dienstag wurde der UFA-Film vom Vorabend wiederholt, ich liebte die Komödien mit Heinz Rühmann, aber auch Melodramen. Beispielsweise “La Habanera” und “Zu neuen Ufern”, die Detlef Sierk mit Zarah Leander produzierte, bevor er Nazideutschland verließ und sich in Hollywood Douglas Sirk nannte. Günstig war auch der Donnerstag, an dem Willi Schwabe durch seine Rumpelkammer führte und Hintergründe des UFA-Films erklärte. Gern sah ich auch Propagandastreifen über Thälmann oder sowjetische Revolutionsdramen von Eisenstein. Das Westfernsehen sendete seltener Spielfime. Einzelne sind mir jedoch unvergesslich wie “On the Waterfront” von Elia Kazan mit Brando in der Hauptrolle.

Als ich älter wurde, ging ich auch gern am Nachmittag in eins der vielen Kinos, die es noch gab und sah mir für 1.50 DM eigentlich alles, was gerade lief. In Laufweite von Volkspark Wilmersdorf, wo wir lebten, befanden sich mindestens ein Dutzend Kinos, bis die meisten in den 70ern verkündeten, “Now playing: ALDI”. Toll waren auch die Jugendvorstellungen am Sonntag um 13.30 Uhr. Meistens ging ich ins nahe EVA-Kino, wo unter großem Gejohle Sandalenfilme über die Leinwand flimmerten. Daher kam wohl meine große Liebe zum Kino und mein Traum selbst einmal eigene Filme zu verwirklichen. Von einer Karriere beim Fernsehen träumte ich seitdem ich bei meinen Verwandten aus Venezuela das US-amerikanische Soldaten-TV kennengelernt hatte. Da mir jedoch Abitur und Studium versagt blieben, war das so unwahrscheinlich, wie ein Flug zum Mond. Mit 19 besorgte ich mir die Unterlagen für ein Studium bei der DFFB und begriff, das Film und Fernsehen Trauben waren, die zu hoch für mich hingen.

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Die 70er Jahre, zwischen Kaffeetafel und Deutschem Herbst

ImageFoto: Rainer Jacob

Es blieb mir noch mein zweiter Traum, das Schreiben und ein Leben als Schriftsteller, das ich mir in meiner Naivität recht idealisiert vorstellte. Ende der 60er Jahre nahm ich an der Schüler- und Studenten-Revolte teil, in der Folge flog ich vom Gymnasium. Nach einem verlorenen Jahr auf einer Privatschule machte ich 72 die Mittlere Reife, doch ich hatte keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Zusätzlich zu den Depressionen, die mich schon als Kind begleiteten, entwickelte ich als Teenager eine Sozialphobie. Meine Unfähigkeit einen Beruf zu erlernen verklärte ich zu Verweigerung gegen ein politisches System, das ich ablehnte. Es dauerte Jahre bis ich begriff, dass ich mich nur selbst blockierte.

ImageInnere Emigation

ImageSelfie 1975

So hatte ich in den Jahren meiner inneren Emigration kaum die Gelegenheit zu Mimen oder hochzustapeln. Allerdings erinnere ich mich an ein Waldbühnenfestival*, zu dessen Anlass mein Spieltalent nach draussen drängte. Es muss Mitte der 70er gewesen sein, Hawkwind und Juicy Lucy standen auf dem Plakat und ich enterte die Open Air Arena bei schönstem Sonnenschein mit einer halben Flasche Rum im Gepäck. Eigentlich trank ich keinen Alkohol zu der Zeit, wie die meisten meiner Generation damals. Aber ich hatte Liebeskummer und wer Sorgen hat hat auch Likör. Ich ließ mich von der Musik mitreißen, trank und irgendwann legte sich ein Schalter in mir um. Danach sprach ich nur noch englisch, schwindelte mich an der Security vorbei backstage und verbrachte dort zwei sehr lustige Stunden. Meine Matte, die selbstgenähte Samtweste und vor allem mein selbstbewusstes Auftreten ließen keinen Zweifel daran, dass ich ein bekannter Rockmusiker sei, der inkognito unterwegs befreundete Musiker treffen wollte. Ich schwatzte ein Stündchen mit dem sympathischen Gitarristen von Juicy Lucy über den Ärger mit Plattenfirmen, wurde mit Speis und Trank versorgt und gab einige Autogramme. Lemmy war auch dabei, der Bassist von Hawkwind, ein ganz normaler Typ eben. Die Groupies fragen sich noch heute, wer das damals war, backstage in der Waldbühne.

1981 starb mein Vater, kurz nach seinem 63sten Geburtstag und mir wurde bewusst, wie kurz das Leben ist. Ich beschloss mit dem Schreiben ernst zu machen und hatte das Glück, dass mir Freunde, wie Burkhard Seiler, der Zensor halfen. Im Herbst 1982 erfand ich mich dann neu, gründete das Subkulturfanzine Assasin und verdiente tatsächlich mit schreiben etwas Geld. Nicht beim Assasin, der war immer defizitär, aber durch Zeilengeld bei der taz und bei verschiedenen Musikpublikationen wie dem Rockkalender. Ich schrieb meistens unter dem Pseudonym “Sherlock Preiswert”. Die Figur des von Arthur Conan Doyle erfundenen “Ur-Nerds” Holmes sprach den kleinen Asperger in mir an und das Preiswert bezog sich auf das mickerige Zeilenhonorar von 75 Pfennigen, das die taz damals zahlte.

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Preiswert in der taz.

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Das letzte Assasin-Heft

Ich hatte mir tatsächlich einen Lebenstraum erfüllt. 1985 war ich nach 11 Ausgaben Assasin pleite, das letzte Heft hatte fast 1300.-DM gekostet, doch nur 700.- eingespielt.

Also sollte ein Benefiz-Konzert Abhilfe schaffen. Wir hofften damit eine neue Ausgabe vorzufinanzieren. Die Kwahl fand im Sputnik statt, viele Freunde halfen, ein rundes Dutzend Bands trat auf. Volker Hauptvogel und Edgar Domin von MDK standen ein letztes Mal zusammen auf der Bühne, Dreidimensional und Frieder Butzmann spielten, es wurden Filme von Test Department gezeigt und sogenannter “Hausfrauenstriptease” rundete das Programm ab.

ImageKwahlaufruf im Tip

Zum Plakatieren brauchten wir ein Auto, also stellte mir Boeldicke Frank vor, der ein Auto hatte. Dieser Kontakt sollte in der Folge mein Leben verändern. Die Kwahl, wie wir das Ereignis nannten, bezog sich auf die Senatswahlen am folgenden Tag, dem 10. März 1985, an dem zum ersten Mal Diepgen zum Bürgermeister gewählt wurde. Allerdings fand das Event im Sputnik ohne mich statt, ich lag mit 39,5° im Bett und hatte die schlimmste Grippe meines Lebens. Am Morgen blieben 500.-DM in der Kasse. Es war zu wenig für ein neues Assasin-Heft, also kaufte ich einen gebrauchten Videorecorder und machte mich mit Herbert auf zu neuen Ufern. Nachdem ich den Traum Autor zu werden verwirklicht hatte, wollte ich mich nun Film oder Fernsehen produzieren. Das war ziemlich unrealistisch, ich hatte weder Produktionsmittel noch Beziehungen, aber das Schicksal hielt eine Überraschung für mich bereit.

Marcus Kluge

Mannheimer Straße: https://www.google.de/maps/@52.4841134,13.315459,3a,75y,66.8h,84.46t/data=!3m4!1e1!3m2!1siwSwMy7rWtQ0DmsdUlk3Ig!2e0!6m1!1e1

Die Website, die die ersten Assasin-Hefte dokumentiert:

http://www.assasin.in-berlin.de/

Wenn ich mal viel Zeit oder Hilfe habe, scanne und transkribiere ich den Rest.

Berlinische Leben – „Gefühl und Härte – Fleischers Trip“ / Über Volker Hauptvogels West-Berlin-Roman

Fleischers Blues“ lässt das West-Berlin der Jahre 1976 bis 1981 wiederauferstehen, als habe es den Mauerfall, die Wiedervereinigung und den ganzen Quatsch, der folgte, nie gegeben. Volker Hauptvogels Erinnerung ist quicklebendig und die Sprache scharf, wie der Punk von Volkers Band „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Bei Ex-Zeitgenossen von „Fleischer“ sorgt die Lektüre für nostalgischen Lesegenuss der heiteren Art, während er Nachgeborenen Aha-Erlebnisse beschert. „Gab es das alles wirklich?“, werden sie fragen. Ja, ich kann’s bestätigen, weitgehend!

Volker Hauptvogel ist in Berlin, was die Berliner einen „bunten Hund“ nennen. Volker kennt jeden und jeder kennt ihn, den Autor, Musiker und Gastronomen. Fleischer ist bei aller Fiktion natürlich eine autobiografische Gestalt. Was authentisch ist und was fiktiv, darf spekuliert werden. Der dealende Schriftsetzer und hedonistische Lebenskünstler Fleischer kommt nach West-Berlin, auf der Flucht vor der Bundeswehr. Er zieht in eine typische Ein-Zimmer-Ofenheizungs-Wohnung in der Bürknerstraße, an der Nahtstelle zwischen Neukölln und SO 36, dem wilden Kreuzberg. Bald ist er in der verschworenen Revoluzzerszene genauso zuhause, wie bei den ersten Adressen für Stoffgroßhandel. Auch Fleischers bester Kumpel Ede zieht in die Frontstadt nach und das Geschäft expandiert gemäß Edes Devise „Ware immer nur vom Besten, sowohl als auch die besten Kunden“. Daneben beteiligen sich die beiden an der Weltrevolution, man druckt, sendet schwarz und die Bezirkskasse wird auch erleichtert zum Wohle der guten Sache.

Doch Fleischers Affäre mit der entzückenden Polizistin Claudianna treibt fast einen Keil zwischen die Freunde. Doch Claudianna ist selbst immer mehr im Zweifel über ihre „Beamtenlaufbahn“ bei der grünen Truppe. Schließlich rollt die Punkwelle in Berlin an und die das dynamische Duo ist begeistert, opfert ad hoc die Matte und gründet das „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Der Rest ist Geschichte, könnte man sagen. Oder „großes Kino“, wenn das nicht so eine abgewetzte Metapher wäre.

Wir besuchen die Schauplätze der wilden Jahre, das SO 36, den Jodelkeller, das Quartier Latin oder das legendäre Risiko. Und treffen die schrägen Protagonisten dazu, Ratten-Jenny, Alex Kögler, Blixa Bargeld und einen gewissen „Kippi“, der gar nicht gut weg kommt, woran er allerdings selbst schuld ist. „Gefühl und Härte“, der Slogan jener Tage passt auf „Fleischers Blues“ wie die Faust aufs Auge, oder das Sektglas in Kippis Gesicht, der aus der Erfahrung ein Projekt machte, mit dem er endlich den heiß ersehnten Erfolg hatte. Aber das steht in einem anderen Buch …

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Fleischers Odyssee mündet in den Tag, den keiner vergessen kann, der ihn damals in West-Berlin erlebte. Der 22. September 1981 als, bei einem, von Westentaschen-Napoleon Lummer befohlenen, ultrabrutalen Polizeieinsatz, der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay getötet wird. Hauptvogel schildert das Geschehen in aller Härte + Gefühl, doch Zeitzeugen werden bestätigen, ohne Übertreibung. Selbst Fleischers unerschütterlicher Optimismus gerät ins Wanken.

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Kürzlich besuchte mich mein alter Freund Volker zu einem sonntagnachmittaglichen Gespräch über seinen ersten Roman, die Vergangenheit und das Heute, das weder er noch ich uns so düster ausgemalt hätten. Der Sieg des Kapitalismus, die elektronische Vollüberwachung und eine junge Generation, die sich fast gar nicht für Politik interessiert. Stattdessen entstehen neue braune Horden und „idiocracy“regiert allerorten. Dystopisch aber wahr …

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Wir sprachen über den 2012 verstorbenen Edgar Domin, dem Volker nun ein ewiges literarisches Denkmal gesetzt hat. Über die Polizistin Claudianna und das die „Bullen“ damals ja auch verheizt wurden für eine korrupte Baupolitik des Berliner Filzes und das die Hausbesäzza nicht die geschlossene Front bildeten, die von der Springer-Presse gern beschworen wurde. Den meisten ging es nicht um Straßenkampf, sie wollten selbstbestimmte Lebensmodelle ausprobieren und der „Krieg“ wurde ihnen aufgezwungen, auch von zugereisten, unreifen Revoluzzern aus den eigenen Reihen. Schließlich erinnern wir uns an das Interview, das ich 1983 mit ihm machte. „MDK“ hatten soeben eine USA-Tournee hingelegt und Volkers „Verweigerer-Buch“ war erschienen (siehe Anhang). Volker hatte eine Familie gegründet und schimpfte über das „dreckige“ Kreuzberg. Heute, 2016, lebt er immer noch da und ist nicht wegzudenken. Nun schon gar nicht mehr, denn man kann seinen Roman auch als Liebeserklärung an diesen Bezirk lesen. Aber in erster Linie ist er ein Trip:

Ein wilder Trip für Droogs, die ins Lesealter gekommen sind!“

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Letztlich muss man wieder mal alles selber machen und es entspricht ja auch der Punk-Philosophie, dass nur das eigene Tun und Vorwärtsgehen das Leben sinnvoll macht. Deshalb klettern ältere Herren, wie Volker und ich, wieder auf die Bühne. Volker ist auf Lesereise mit Guntbert Warns, der ja auch die Hörbuchfassung eingelesen hat. Die bei Deutsche Grammophon erschienene Hörfassung ermöglicht übrigens auch ein Wiederhören mit Stephan Remmler, der als Conferencier fungiert.

Außerdem tritt Hauptvogel wieder mit Band auf und hält die politisch-wertvolle Punkmucke lebendig. Das nächste Mal am:

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20. Mai – MDK ( 1. Musikalische Manifestation 2016)
in neuer Besetzung incl. Lesung in
der Regenbogenfabrik, Lausitzer Str. 36.

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Das Buch erschien im Martin-Schmitz-Verlag und lässt sich für 14.80€ erwerben.

Das Hörbuch von Deutsche Grammophon füllt 4 CDs  und kostet ca. 20€.

Text: Marcus Kluge

Illus aus “Verweigerer”, 1983 Karin-Kramer-Verlag.

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Illu zum Fleischer-Kapitel “Neue Bude”. Rainer Jacob porträtierte den kaisertreuen Wohnungsvermieter mit dem High-Heel-Fetisch, als ich vor zwei Jahren die Geschichte vorveröffentlichte. (Sorry, nicht mehr da.)

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Interview mit Volker Hauptvogel 1983 für Assasin.

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Familienportrait: „Im Windschatten” / Ziviles und kleine Fluchten auf Fotos aus den Jahren 1939-45

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Als ich kürzlich ein Foto von einer Kaffeetafel mitten im Krieg entdeckte, stellte ich mir die Frage, gab es unbeschwertes, privates Leben, oder gar ein individuelles Glück, während des 2. Weltkriegs und im Angesicht des Naziterrors? Oder war die Realität so düster, dass sie das normale Leben zur Gänze überdeckte und auch kurze Erlebnisse von frohem Zusammensein und mitmenschlicher Geborgenheit unmöglich machte? Über diese Fragen habe ich am Beispiel meiner Eltern nachgedacht.

Theodor W. Adorno schrieb, unter der Erfahrung des Krieges und des faschistischen Terrors in Europa, seinen berühmten Satz: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”. In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben”. Die Sentenz beendet eines über zwei Seiten langen Kurzessays mit dem Titel Asyl für Obdachlose (Nr. 18, der Text ist unten dokumentiert), der sich mit den Schwierigkeiten beschäftigt, sich in modernen Zeiten irgendwo häuslich einzurichten. Auch wenn man von Adornos besonderer Situation als im Exil lebender Intellektueller absieht, darf man wohl verallgemeinern, dass Krieg, Faschismus, realsozialistische Diktatur und Terror auch das Lebenglück gewöhnlicher Menschen eintrüben oder vernichten können. Kleine Fluchten und Momente des Glückes scheinen dennoch möglich zu sein. Es gibt auch Zeitzeugen, die diese als besonders intensiv beschreiben.

Wir alle kennen die besondere Wahrnehmung von Zeit, die in Krisen eintreten kann. Beispielsweise, wenn man an einer schweren Krankheit leidet, beginnt man in einer Art “Doppelzeit” zu leben. Man ist sich bewusst, in einer besonderen, aber begrenzten Zeiteinheit zu existieren, die endet, wenn man wieder gesund wird. Dann beginnt erneut die “normale Zeiterfahrung”. Diese Fähigkeit Zeit zu relativieren ist wohl eine Ressource unserer Resilienz. Andere Ressourcen sind Menschen, mit denen wir in Freundschaft oder Liebe verbunden sind. Auch Medien wie Briefe, Bücher oder Fotos helfen uns, die traumatische Erfahrung zu überstehen. Diese Fotos zeugen davon.

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Bei der Abi-Feier oben herrscht noch eine trunkene Unbeschwertheit. Zwei Jahre später sind aus den Schuljungs Soldaten geworden, die im Lazarett trotz Schmerz und Fieber feiern.
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Vater versucht sich zu erden entweder, in dem er schreibt, wie unten. Oder wie oben, wo er vor Frühlingsblüten seinen Goethe liest, eine trügerische Idylle.

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Beim zweiten Mal im Lazarett ist “Grabenfieber” die Diagnose. Es wurde in den Schützengräben des 1. Weltkriegs erstmals beobachtet. Auch im 2. Weltkrieg hat man noch keine wirksame Therapie dagegen. Schlecht verheilte Läusebisse verursachen das Leiden, doch an den hygienischen Verhältnissen an der Front ändert sich nichts, wie auch. Er schreibt in krakliger Schrift: “Da gibt es wieder 41 Fieber. Mit dem nächsten Lazarettzug komme ich nach Deutschland. Entschuldige, es geht nicht.” Die Kameraden nehmen das Fieber heiter.

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In Deutschland versuchen die Zivilisten wenigstens für Stunden oder Tage der Bedrückung des Krieges, die in Berlin durch die Bombenangriffe besonders auffällig ist, zu entgehen. Eine kleine Wanderung, eine Paddelboottour oder ein Nachmittag am Strand bieten willkommene Ablenkung. Selbst die Nazi-Propaganda unterstützt den Eskapismus. Goebbels lässt in den UFA-Filmen eine Scheinwelt entstehen, in der niemand vom Krieg spricht oder den rechten Arm zum Hitlergruß hebt. Erst nach der Erklärung des “totalen Krieges” am 18.2. 1943 im Berliner Sportpalast entfallen letzte Alltagsfluchten wie Tanzveranstaltungen.

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Monatelang hat Helmut um ein Studiensemester gekämpft, er kann es kaum glauben, 1944 darf er nach Berlin und ein paar Monate studieren. Am 20. Juli 1944 hören sie im Radio, es hätte ein Attentat auf Hitler gegeben, es ist nicht klar, ob er tot oder nur schwer verletzt ist. Am Abend sind sie im Schauspielhaus, Don Carlos steht auf dem Spielplan. Als Marquis Posa vom Despoten, “Sire, geben sie Gedankenfreiheit!” verlangt, gibt es Szenenapplaus. Es ist bekannt, dass dafür schon mindestens ein Deutscher, der an dieser Stelle  geklatscht hat, erschossen wurde. Aber in diesem Moment ist die Furcht weg. In der Pause machen fast alle Zuschauer Pläne, man hofft der Krieg würde bald zuende sein, nun da “der Verrückte” tot ist. Auch Käte und Helmut machen Pläne. Plötzlich ist die Erfüllung der Träume ganz nah. Als sie in der Perleberger Straße die Treppe hochkommen, steht Oma Elisabeth schon in der Tür und macht eine wegwerfende Geste. Hitler lebt, der Umsturzversuch ist gescheitert, Helmut muss schon bald wieder zurück an die Front. Fast vier Jahre trennt die Weltgeschichte meine Eltern. Meine Mutter hat jeden Grund meinen Vater für tot zu halten, doch ganz gibt sie ihn nicht auf. Als er im Sommer 48 vor ihrer Tür steht, ist sie schwanger. Das Kind will sie, den Erzeuger nicht und so wird Helmut sein Vater.


Asyl für Obdachlose. – Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht. Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat mit prophetischem Masochismus ein deutsches Magazin vor Hitler dekretiert und mit dem Bett die Schwelle von Wachen und Traum abgeschafft. Die Übernächtigen sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewußtlos zugleich. Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein. Will man der Verantwortung fürs Wohnen ausweichen, indem man ins Hotel oder ins möblierte Appartement zieht, so macht man gleichsam aus den aufgezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm. Am ärgsten ergeht es wie überall denen, die nicht zu wählen haben. Sie wohnen wenn nicht in Slums so in Bungalows, die morgen schon Laubenhütten, Trailers, Autos oder Camps, Bleiben unter freiem Himmel sein mögen. Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden. Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen. Schon wenn er sich mit Möbelentwürfen und Innendekoration beschäftigt, gerät er in die Nähe des kunstgewerblichen Feinsinns vom Schlag der Bibliophilen, wie entschlossen er auch gegen das Kunstgewerbe im engeren Sinne angehen mag. Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich. Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.

Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen,: solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. »Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein«, schrieb Nietzsche bereits in der Fröhlichen Wissenschaft. Dem müßte man heute hinzufügen: es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas an von dem schwierigen Verhältnis, in dem der Einzelne zu seinem Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Theodor W. Adorno: “Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben”. Zitiert nach: https://giuseppecapograssi.files.wordpress.com/2013/08/minima_moral.pdf

„A Day in the Life“ – Serie aktualisiert / 5 Episoden

Heute habe ich die Serie “A Day in the Life” aktualisiert. Sie enthält jetzt die Rekonstruktionen von fünf Tagen in den Jahren 1972, 1977, 1978, 1979 und 1984. Jede erinnert mit Original-Fotos und kleinen Geschichten an einen konkreten Tag im Leben meiner Freunde und mir.

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So fing es an – Oktober 2015:

Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Wochen”-Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer Jacob kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. 

Die kleinen Bildchen sind nicht sehr scharf und detailreich, aber gerade das Weiche hat einen Reiz. Die Bilder sind sozusagen “noninvasiv” und lassen noch Raum für die Imagination des Betrachters.

Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Teil 1 rekonstruiert einen Sommertag im Jahr 1978.

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Teil 2 beschreibt zwei Frühlingstage im Orwell-Jahr 1984. Ein Rockstar besucht mich in meiner bescheidenen Außenklo-Wohnung in der Rheinstraße. Am zweiten Tag unternehme ich mit Herbert einen Selbstversuch im Dauerfernsehen.

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Teil 3 entführt uns in ein Loft im Kreuzberg des Jahres 1977, wo Claudia Skoda ihre erste Modenschau veranstaltet. Rainer kommt zum fotografieren, während ich in Liebesdingen unterwegs bin.

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Der Schneewinter 1978-79 ist legendär. Im März ’79 wird es endlich wärmer. Rainer und ich gehen mit der Kamera den Lenz suchen.Teil 4:

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Am 15. Mai 1972 spielen MC5, die legendäre Polit-Rock-Band aus Detroit, in der Technischen Uni. Noch einmal kommt im verschlafenen West-Berlin ein Gefühl von Revolte auf. Danach fahren 500 Konzertbesucher in die Bülowstraße und besetzen ein Haus. Der 5. Teil der Serie:

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Familienportrait Teil 1 – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

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Aus dem Brunnen der Vergangenheit können wir schöpfen, um zu ergründen, woher wir kommen. Konkret waren das in meinem Fall Papiere, meist Urkunden und Briefe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Über die Vorfahren meines Vaters sagen sie nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienstmägde und Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf ja erst seit dem 1. Oktober 1920.

BildVier Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

Mein Großvater väterlicherseits ist schon vor Ende des 2. Weltkriegs gestorben, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1930 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte mit seinem älteren Bruder Ino nach Venezuela aus. Inos Spur verliert sich in den 70er Jahren in Caracas. Wahrscheinlich ist er wie die meisten männlichen Kluges nicht alt geworden. Wolfgangs in den 60ern geborener Sohn Johannes Kluge ist außer mir der einzige noch lebende Kluge. Dieser lebt in Venezuela, erfreulicherweise habe ich durch das “Internet” regelmäßigen Kontakt zu ihm.

BildLiebenwerda, Sonntagspaziergang

Mehr weiß ich über die Vorfahren meiner Mutter. Meine Urgroßeltern kamen aus der Gegend von Liebenwerda in Süd-Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Liebenwerda, von liv oder lib und werder kommend, heißt soviel wie Liebes- oder Lebens-Insel. Es wurde 1271 das erste Mal erwähnt und gehörte zeitweise zu Sachsen. Die dicken, sächsischen Ordnungshüter wurden sprichwörtlich und noch zu DDR-Zeiten verspottete man sie, denn da traten sie in Gestalt von Stasi-Mitarbeitern erneut auf. Die “Schand-Armen” nannte sie der Volksmund.

BildOlle Fuchsen

Überhaupt hat man in Liebenwerda nie sächsisch gesprochen, stattdessen gab es ein weiches Brandenburger Platt. Der legendäre “olle Fuchs” legte sich oft mit den sächsischen Schandarmen an und wurde unvergesslich. “He labet ju nich mehr, aber he is noch gornich lange dud.”, erzählten die alten Leute.

1815 kam Liebenwerda zu Preußen, eine Folge des Wiener Kongresses. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, eine Gründerzeit folgte, in zwei Jahren wurden 978 Aktiengesellschaften in Preußen gegründet. Leider ging dieser Aufschwung schon 1873 wieder zuende, die durch einen Börsenkrach ausgelöste 20-jährige “Gründerkrise” folgte.

Die Liebenwerdaer hatten jedoch Glück: “Am 1. Juni 1874 wurde die Oberlausitzer Eisenbahn von Kohlfurt über Liebenwerda bis Falkenberg (später bis Wittenberg) übergeben.” Das brachte der Stadt Aufschwung und hier beginnt nun auch die Geschichte der Familie Schnelle.

 

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Julius Schnelle besteht 1881 die Prüfung zum Schuster-Gesellen. 1887 wird er 23-jährig Meister, im gleichen Jahr heiratet er die fünf Jahre jüngere Anna geb. Hanisch. Julius soll ein fleißiger Mann gewesen sein, neben der Arbeit erzählte er gern Geschichten und betätigte sich auch als Verse-Schmied. Anna wird als sehr soziale, umtriebige Frau geschildert. Sie soll sich Achtung und Liebe unter den Liebenwerdaern erworben habe.

Das Ehepaar hat vier Töchter, eine stirbt im Säuglingsalter, die drei anderen heiraten und leben lang. Martha, die älteste darf im Ort bleiben und heiratet Adolf, Elisabeth und die zuletztgeborene Charlotte müssen in Berlin ihr Glück suchen.

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“Seit dem 16. Januar 1925 trägt die Stadt den Titel „Bad“, nachdem das Preußische Staatsministerium am 9. Januar 1925 einer Umbenennung der Stadt mit den Worten „Möge die Stadt unter dem neuen Namen glücklichen und gesegneten Zeiten entgegengehen!“ zustimmte.” (WiKi)

1937 feiern Julius und Anna Schnelle Goldene Hochzeit (Foto ganz oben), ein “seltenes Fest” wie die Zeitung bemerkt. Die “Einsegnung des Jubelpaares geschieht in unserer Kirche im Kreise von Kindern und Enkelkindern. “Beide Ehegatten erfreuen sich bester Gesundheit. Vermerkt sei noch, dass das Ehepaar Schnelle seit 30 Jahren im Hause des Lehrers Otte wohnt. Dies ist gewiss ein schönes Zeichen von Verbundenheit zwischen Hauswirt und Mieter.” Im gleichen Jahr feierte Julius 50-jähriges Meisterjubiläum. 1940 stirbt Anna, Julius überlebt sie nicht lange, zwei Jahre später folgt er ihr.

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1990, nachdem die Grenzen offen waren, habe ich mit meiner Mutter Bad Liebenwerda besucht. Mein verstorbener Freund Andi hat uns mit seinem Taxi gefahren und begleitet. Die Stadt sah postsozialistisch, nämlich ziemlich heruntergekommen, aus. Es würde mich interessieren noch einmal hinzufahren, um nachzusehen was 26 Jahre Kapitalismus aus dem Badeort gemacht haben. Wenigstens das Bad Liebenwerdaer Wasser ist heute in aller Munde.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Berlinische Leben – “Grönemeyer kann nicht tanzen” / Eine Pinguin-Club-Anekdote

SiebbiHerbert Grönemeyer (German musician and actor); arrival for the opening of the 59th Berlin International Film Festival. CC BY 3.0

Gestern wurde der deutsche Sänger und Schauspieler Herbert Grönemeyer 60. Auch wenn ich kein Fan seiner Musik bin, wünsche ich ihm alles Gute zu seinem runden Geburtstag. Dabei fällt mir eine kleine Anekdote ein, die ich vor einem Vierteljahrhundert im Schöneberger Pinguin-Club beobachtet habe. Wenn die Berliner etwas gut können, so ist es auf jeden Fall, einem Promi die “kalte Schulter zeigen”. 

11391328_10153353625642250_667197079382556864_nFoto: Tom Drushba

Für die Lesung am 28. Mai 2015 im Pinguin-Club erinnerte ich mich an diese kleine Anekdote:

Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher für das “Hollywood-Friedenau-Spiel” wieder ein. Für ein Brettspiel hatte ich mit Herbert Nonsens-Kurz-Treatments erfunden, in denen wir bekannte Filme verballhornten. Aus “Über den Dächern von Nizza” wurde “Über den Löchern der Pizza”, oder aus “Dial M for Murder” wurde “Dial M for Mini-Pizza”. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.

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Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Die Begleiter zertreuten sich um mit verschiedenen Gästen zu plaudern, während der Sänger etwas verloren an der Theke stehenblieb. Nach einer längeren Weile, gelang es ihm die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erhaschen. Er bestellte sich ein Flaschenbier, vermutlich sowas Nordisches, wie Becks oder Jever. Niemand hatte ihm gesagt, dass es Köpi vom Fass gab. Die neben ihm stehenden kümmerten sich nicht um ihn. Also stellte sich Grönemeyer, an seinem Flaschbier nuckelnd, in die Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Er wippte ein wenig zur Musik, drehte sich langsam um 360 Grad im Kreis, aber niemand guckte zurück. Er wurde ignoriert. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen.

Hier findet Ihr die ganze “Hollywood-Friedenau-Geschichte”:

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Editorial – “Passbilder” / Bebilderte Lesung am 15.4 / Wort: Marcus Kluge Bild: Rainer Jacob

Bebilderte Lesung im Periplaneta Literaturcafé* am 15. April um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

Der Autor und Blogger Marcus Kluge liest aus seinen autobiografischen Romanen und Familiengeschichten. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Jahr 1910, in dem seine Großmutter nach Berlin kam, um als Hausmädchen zu arbeiten, und der heutigen Hauptstadt der Berliner Republik. Ihn interessiert das Leben der einfachen Leute und wie die große Politik Einfluss auf sie nimmt.

Im seinem ersten Roman, „Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll“, schildert er den West-Berliner Underground der 70er Jahre. Der zweite Roman, „Ein Hügel voller Narren“, führt den Leser ins von Hausbesetzungen polarisierte Berlin des Jahres 1981.

Rainer Jacob beamt dazu Illustrationen und historische Fotos auf die Leinwand.

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Es begann zu Ostern im Jahr 2013. Das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.
Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die „Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde.
Die Fotos, die einen Zeitraum von 1910 bis heute abdecken, halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Sicher ist auch etwas Sehnsucht nach dem alten Berlin beteiligt, in dem natürlich nicht alles besser war. Doch heute, 2016, ist auch die letzte Brache bebaut, jeder Kiez mit einer auswechselbaren Mall versorgt und jeder Freiraum zum Zwecke des Gelderwerbs vernichtet. Es fehlt mir mein altes Berlin, heute mehr denn je.  M.K.

* Periplaneta Literaturcafé, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin
Tel.: 03044673433  Internet: http://www.periplaneta.com/about/cafe/

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Leseproben:

Es muss ein Sonntag im Sommer‭ ‬1920‭ ‬gewesen sein,‭ ‬als Werner und meine Großmutter sich kennenlertnen.‭ ‬Elisabeth leistete sich eine Erbsensuppe bei Aschinger. Nur noch eine Schrippe lag im Körbchen‭! ‬Im selben Moment wie Elisabeth griff der freundliche Mann mit der Nickelbrille zu,‭ ‬beider Hände berührten sich über dem Körbchen.‭ ‬Beide zogen ihre Hände blitzartig zurück,‭ ‬aber der nette junge Mann fängt sich schnell wieder,‭ verschmitzt ‬lächelnd greift er den Korb und bietet das Brötchen der Dame an:‭ “‬Ladies first,‭ ‬sagen die Engländer,‭ ‬also bitte schön‭!”

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Sie spürt sofort,‭ ‬da ist einer,‭ ‬der sich ihrer Führung nicht verweigert.‭ ‬Schon lange träumt sie den Traum,‭ ‬den viele ledige junge Frauen träumten.‭ ‬Statt in die Fabrik zu gehen,‭ ‬möchte sie Ehefrau,‭ ‬Hausfrau und vielleicht auch Mutter werden,‭ ‬wenn denn das Geld reicht,‭ ‬das der Mann heimbringt.‭ Der stille Werner würde ihr als Gatte gut gefallen,‭ ‬doch einen Fehler hat die Sache, er ist arbeitslos.‭ ‬Elisabeth hört sich um und wird fündig.‭ ‬Morgens um halb fünf weckt sie unsanft ihren Werner und scheucht ihn zu den Verkehrsbetrieben (Die BVG wir erst 1929 gegründet).‭ ‬Ohne Job bräuchte er gar nicht wiederkommen,‭ ‬ruft sie ihm nach.‭

(Die ganze Geschichte: http://wp.me/p3UMZB-1bz)

Frühsommer ’89. Bei unserem ersten Besuch gehen wir auf ein Straßenfest im Ernst-Thälmann-Park. Das scheint eine angenehme Nachbarschaft zu sein. Entspannte, freundliche Berliner, sogar lesbische und schwule Päarchen, die sich nicht verstecken. Das das nicht typisch ist für die DDR oder auch Ost-Berlin ist, ist uns natürlich klar.

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Wir reden mit ein paar jungen Leuten, die sich vorsichtig, oder aus Mangel an Material, nur leicht punkig gestylt haben. Eine junge Frau fragt Helene nach ihren Haaren. Nicht die bunten Strähnchen interessieren sie, die sind ohnehin utopisch, nein, wie Helene ihren Schopf blondiert möchte sie wissen. Es dauert bis Helene bewusst wird, dass man hier sowas nicht einfach im Drogerie-Markt kaufen kann. Schliesslich empfiehlt sie Wasserstoffperoxid. Davon hat die junge Frau noch nie gehört. Dieses unwesentliche Rencontre mit der Realität des Sozialismus gibt Helene zu denken. Ein Land, in dem Frau ihre Haare nicht ordentlich blondieren kann ist ein Unding, aber auch ein exotisches Wunderland, das es zu entdecken gilt.

West-Berlin 1970. Andi und mich nennt man auch Gammler mit unseren mehr als schulterlangen Haaren, den ausgefransten Jeans und den Batik-T-Shirts. Zum Beispiel, wenn wir an Baustellen vorbei kommen, hören wir: “Euch hätte man früher vergast.” oder “Geht doch in den Osten, ihr Dreckschweine.”

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Schläge werden uns angedroht und manchmal müssen wir auch flitzen, um diesen zu entgehen. Acht oder neun Jahre später werde ich wieder an Baustellen vorbei kommen und wieder werden mir Schläge angedroht, nur jenes Mal wegen meiner raspelkurzen Haare. Denn die Bauarbeiter haben inzwischen lange Haare und lange Koteletten, sie tragen Jeans und bunte T-Shirts, während ich nur noch schwarz trage.

 

 

Editorial – “Chronist eines Mythos” / Marcus Kluge Porträt

In “Forum – Das Wochenmagazin” ist dieses hübsche Marcus Kluge-Porträt (Link siehe unten) von Sabine Loeprick erschienen. Nicht jedes Datum stimmt, vermerkt der Porträtierte milde, aber die Stimmung stimmt und das auch ganz schön. Nun bin also “Chronist eines Mythos”. Wenn man meine Romane und Familiengeschichten als Mythos bezeichnet, soll mir das recht sein. Denn ein Mythos ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen.

– Kluge erzählt darin vom „großen Therapieplatz“ West-Berlin in den 70er- und 80er-Jahren. Von durchgeknallten Künstlern und drogenhandelnden Schülern, vom Besuch des ersten Pink-Floyd-Konzerts in der Mauerstadt, von Bandproben, von WG-Erfahrungen in riesigen Altbauwohnungen. Kluge ist ein Chronist des Mythos West-Berlin, eines Lebensgefühls, das heute geradezu exotisch wirkt. Sicher, man habe mit der Mauer leben müssen, und das sei nicht immer angenehm gewesen. Aber auf der anderen Seite habe man eine Freiheit gehabt, die es heute so nicht mehr gibt. –

http://www.magazin-forum.de/news/leben/chronist-eines-mythos

Fotos: Susanne Wolkenhauer

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Berlinische Räume – “Off-Kudamm Atmo” / Eine Spurensuche Teil 1

“Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-75

Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung. 1975 zahlten wir 1500.-DM für 200qm. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

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2016. Ein paar Meter weiter sitzt ein wassertrinkender Franz Josef Wagner, wie ein fleischgewordenes Symbol für die Gentrifizierungsgeier, die vor 40 Jahren diesen Kiez zu ihrem Projekt machten und Leute wie mich und meine W-Genossen vertrieben.

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Steinplatz: oben 2016, unten 1976 Ilona.

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Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

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Von der Atmosphäre des Café Bleibtreu ist nicht viel geblieben, besonders das Filmkunst 66 fehlt. Die Schießerei  am 27. Juni 1970, zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung, nur noch eine verblichene Erinnerung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. “Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte.”

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Als ich sie kennenlernte, arbeitete Ilona in Dralles Teestube in der Pfalzburger Straße. Für den “Xanadu”Roman zeichnete Rainer Jacob den Ort mit Blick auf den Ludwigkirchplatz und stellt “Beaky”, den Protagonisten, vor. Unten: der Ort heute.

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Oben Bleibtreustraße 15, unten die Boutique “Moosgrund” mit ihrem Markenzeichen, der Baumwurzelscheibe, die in Ermangelung einer artgerechten Umgebung, seit 40 Jahren immer wieder geflickt werden muss.

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Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch.

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Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Rosa von Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Kurz danach stirbt er. Es sind wilde Zeiten und viele werden sie nicht überleben. Meist sind Drogen der Grund, AIDS gibt es noch nicht, die Krankheit wird der neue Killer werden.

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Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil.

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Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung und will weiter, am liebsten in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im “Stern”. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

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Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

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Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen. Was bleibt ist die Erinnerung.

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Text + Fotos 2016: M.K. – Illus und Fotos 70er: Rainer Jacob

Berlinische Räume – “MC5 in der TU und frühe Hausbesetzung” / 15. Mai 1972 – A Day in the Life

Wann ist mir eigentlich bewusst geworden, das die Revolte der späten 1960er Jahre endgültig zu ende war und die historische Gelegenheit zu einer Chance in meiner Lebenszeit nicht kommen würde? Und wahrscheinlich nie kommen würde. Spät auf jeden Fall!

Es muss wohl der Abend des 15. Mai 1972 gewesen sein, an dem ich mit Roberto in der Alten Mensa der TU ein Konzert von MC5 besuchte, der berühmten Band aus Detroit, die später zu Recht als Wegbereiter des Punk bezeichnet wurde. Ein denkwürdiges Konzert, den obwohl die 68er Revolte eigentlich gescheitert war, kam an diesem Abend noch einmal das Gefühl von Revolution und Auflehnung in das provinzielle, verschlafene West-Berlin der 1970er Jahre.

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Vier Tage vorher hatte die RAF das alte IG-Farben-Haus in Frankfurt am Main in die Luft gesprengt. Das 5. US-Korps, das dort stationiert war, beklagte einen Toten und 13 Verletzte. Ein “Kommando Schelm” bekannte sich zum Attentat. Das Ziel war geschickt gewählt, natürlich wussten wir von den Verstrickungen der IG-Farben in die Naziverbrechen, vom Zyklon B, mit dem die Gaskammern in Auschwitz betrieben wurden, genauso wie von den C-Waffen der US-Army wussten, die in Vietnam zum Einsatz kam. Wir hatten zwar begriffen, das der Krieg, den die RAF jetzt führte, falsch war und nur zu mehr Repression führen würde, doch klammheimlich hatten wir wohl doch Sympathien. “Ein Schelm, wer Böses dabei denkt” hieß es angeblich im Bekennerschreiben. Dass sich der Name auf Petra Schelm* bezog, wurde von den Medien verschwiegen. Man wollte keine Märtyrerin schaffen. Erst Monate danach las ich in einem Flugblatt, dass sich das Kommando “Petra Schelm” nannte, nach dem ersten RAF-Mitglied, das durch Polizeischüsse getötet wurde.

Was wir am Abend des Konzerts nicht ahnen konnten: Die Großfahndung nach dem IG-Farben-Anschlag würde innerhalb eines Monats zur Festnahme des größten Teils der RAF führen. (Gefangennahme von Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe am 1. Juni 1972, Gudrun Ensslin am 7. Juni 1972, Brigitte Mohnhaupt und Bernhard Braun am 9. Juni 1972, Ulrike Meinhof und Gerhard Müller am 15. Juni 1972.)

Ein Jahr früher hatte es das erste Todesopfer auf Seiten der RAF gegeben. Bei einer Fahndung im gesamten norddeutschen Raum nach etwa fünfzig Mitgliedern der RAF durchbrach Petra Schelm in Begleitung des RAF-Mitglieds Werner Hoppe am 15. Juli 1971 mit ihrem Wagen eine Straßensperre in der Hamburger Stresemannstraße. Nach einer Verfolgungsjagd kam es zu einem Schusswechsel. Petra Schelm wurde von einer Kugel aus einer Maschinenpistole schräg unter dem linken Auge getroffen und tödlich verletzt. Das Opfer wurde zehn Minuten lang liegen gelassen, erst danach wurde Hilfe geleistet. Zunächst wurde sie für Ulrike Meinhof gehalten, erst ein paar Stunden später korrigierte man entsprechende Falschmeldungen. Danach gab es eine Diskussion über die Qualität der Schusswaffenausbildung bei der Polizei.

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Unsere langen Haare und ausgefransten Jeans waren provozierend für die “Schultheiss-Fraktion”, wie ich die Berliner Spießbürger nannte, aber Roberto setzte dem die Krone auf, indem er einen alten Bademantel seines Vaters trug. Heute hört sich das unspektakulär an, aber damals waren die Wertvorstellungen der Bürger was Kleidung anging noch recht rigide. Zu dieser Zeit war es beispeilsweise eine sichere Sache, in der Kneipe zu wetten, man ließe sich eine Glatze schneiden. Damit konnte man immer 100 Mark oder mehr einstreichen, so stigmatisierend war es für einen gesunden jungen Mann mit einem Kahlkopf auf die Straße zu gehen. Roberto wurde auf dem Weg von der Pfalzburger zur Hardenbergstraße laufend angepöbelt. Mehr als einmal mussten wir laufen, um einem Kneipenmob zu entgehen. Wir fühlten uns als Rebellen und waren bester Laune.

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The MC5 “Seagull” poster by Gary Grimshaw. The first poster for the Grande Ballroom, Oct., 1966

MC5 war damals schon eine Legende und wir brannten darauf sie zu erleben. In der »Motor-City« Detroit bildeten weiße Jugendliche eine »White Panther Party«. Musikalisch wurden diese Jugendlichen von MC 5 angestachelt. Die Band forderte auf zur völligen Befreiung von allen hergebrachten Zwängen: Kick out the jams, motherfuckers! Die MC5-Musik fand auch ihren Weg nach Berlin. Auf Demos wurden MC5-Scheiben von Lautsprecherwagen gespielt. Ich hatte sie bei Burkhardt Seiler, dem späteren Zensor, zum ersten Mal gehört.

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Der Eingang zur “Alten Mensa” heute.

Der Eintritt in der “Alten Mensa” der TU kostete 2 Mark Solibeitrag für die Rote Hilfe, die sich um die politischen Gefangenen kümmerte. Als Vorgruppe spielten Ton, Steine, Scherben, die wir kannten, die uns aber nicht interessierten. Der “Blues”, also die aufrührerische psychedelische Rockmusik, die wir suchten und verehrten, kam nicht aus Berlin. Sie kam aus England oder den USA. MC5 spielten diesen “Blues” mit einer beispiellosen aggressiven Energie. Sie hantierten mit Gewehren herum, und Tyler der Sänger wurde scheinbar von Heckenschützen auf der Bühne exekutiert. Zwischendurch informierten politische Gruppen über ihre Arbeit. MC5 spielten “Motor-City Is Burning” von John Lee Hooker, der eigentlich mit dem Lied den Niedergang von Detroit anprangern wollte. Bei MC5 wird daraus die Aufforderung zum Widerstand. An diesem Abend war noch einmal, zum letzten Mal, die Revolution greifbar. Für einen Augenblick dachten wir, jetzt käme die Erhebung wirklich, sie hatte sich nur etwas verspätet, nun würden wir doch siegen und die bürgerlichen Regierungen und ihre bescheuerten Wähler wegfegen. Es war naiv, es war völlig falsch, aber für einen Moment fühlte es sich so an. Zum Ende wurde das Publikum aufgefordert, schwarz mit der BVG zur Lützowstraße 5 zu fahren und dieses Haus zu besetzen. Etwa 500 Konzertbesucher folgten dem Aufruf und ein Teil besetzt das Haus, während sie der Rest auf der Straße anfeuert.

MC5 live in Paris Februar 1972: https://www.youtube.com/watch?v=Y_cXU71XsKA

*http://de.wikipedia.org/wiki/Petra_Schelm

Siehe auch: http://www.riolyrics.de/artikel/id:704

Anhang: Seventies Revisited

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Familienportrait – “Erster Besuch beim Zensor”

Der Text ist ein Auszug aus dem Kapitel “Beim Zensor hinter dem blauen Mond” aus dem West-Berlin-Roman “Ein Hügel voller Narren” von Marcus Kluge.

Burkhardt hatte sich gefreut, von mir zu hören. Er war ja jetzt unter dem Namen “Zensor” eine Institution in der Berliner Musikszene geworden. Nach dem wir, wegen unserer mehr oder weniger politischen Aktionen, vom Gymnasium geflogen waren, hatte ich ihn nur einmal getroffen. Damals hatte er selbstgezogene Kerzen auf dem Kudamm verkauft. Was dann folgte, erzählte man sich in Szene und es stand in der Musikpresse. Im Frühjahr 1978 war er mit 600 Mark nach London gefahren, um dort Platten zu kaufen. Er lernte Geoff Travis kennen, der damals noch den Rough Trade Plattenladen betrieb, aus dem der große gleichnamige Independent-Vertrieb wurde. Burkhardt wurde Geoffs erster Exportkunde. Mit einem Pappkarton voller Singles kam Burkhardt nach Berlin zurück und merkte, wie gefragt, die von ihm ausgesuchte, also “zensierte” Musik war. Schließlich gründete er 1979 den inzwischen berühmten Plattenladen in der Belziger Straße.

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Zwei Tage später stand ich vor der angegebenen Adresse in der Belziger Straße und wunderte mich. Hier war kein Plattenladen, nur eine bunte Modeboutique namens Blue Moon. Aus dem Laden kamen eben zwei ältere Teddy-Boys in Drape-Jackets und eine Frau im Petticoat. Den Typen wäre ich nur äußerst ungern nachts irgendwo begegnet. Ich untersuchte das Klingelbrett an der Haustür zu den Wohnungen, da war nichts von einem Plattenladen zu lesen. Jetzt fiel mir auf, neben dem Hauseingang war ein Fenster mit geschlossenem Rollladen über den man Zensor und Schallplatten geschrieben hatte. Ich klopfte an diesen Rolladen, natürlich passierte nichts, aber als ich näher kam, hörte ich Punkmusik von irgendwo her. Nun gingen zwei Skin-Heads in die Boutique, richtige, fiese, ältere Skin-Heads. Nee, was für ein Laden?
Eine Weile stand ich entschlusslos auf der Straße und überlegte, ob ich wieder nachhause gehen sollte. Das Schicksal hatte entschieden, ich würde den Laden nicht finden und das mit dem Slime-Artikel würde ich auch seinlassen. Wenn man nichts machte, konnte man auch nichts falsch machen. Das war mein Wahlspruch für die 70er Jahre gewesen, vielleicht sollte ich mir auch die 80er damit erleichtern.

Nein, das war Mist. Ich musste mit Burkhardt sprechen, ich brauchte Infos über Slime und überhaupt war er ein guter Kontakt, wenn ich über Musik schreiben wollte. Ich riss mich zusammen und betrat die Blue Moon Boutique. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, irgendwas Schlimmes wahrscheinlich, aber es war ein ganz normaler Laden, so ähnlich wie das Market. Er war vollgestopft mit Jugendmode aus den 50er Jahren und anderen Epochen, Kleider, Jacken, Hosen, Schuhe, fast jeder Geschmack wurde befriedigt. Besonders die Schuh-Auswahl war beeindruckend. Ein Mädchen mit grünen Haaren und einem schwarzen Lack-Mini stapelte Kartons mit Doc Martens-Stiefeln, ich fragte sie nach dem Zensor-Laden. Sie machte große Augen über meine Unkenntnis und und zeigte mit dem Kopf zu einer Tür, die links zu einem Hinterzimmer führte. Dort fand ich den Zensor.

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Der etwa 20qm große Raum war vollgestopft mit Regalen voller Schallplatten, an den Wänden hingen dicke Schichten übereinander geklebte Plakate, die für Konzerte und Tonträger warben. Zwei Kunden wühlten in den Vinylscheiben und in einer Ecke arbeitete eine junge Frau mit halblangen blonden Haaren. Burkhardt saß hinter einer Registrierkasse und sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Jugendlich verschmitzt, nur die schulterlangen Haare waren verschwunden. Sie reichten gerademal knapp über die Ohren. Er aß eine Käsestulle und trank schwarzen Kaffee dazu.
Schnell kamen wir ins Gespräch, ich fühlte mich wieder genauso, wie in unserem alten Kollektiv, wie wir die Clique nannten, der Burkhardt Ende der 60er Jahre, sozusagen als Chefideologe, vorstand. Burkhardt dozierte und ich wurde wieder zum gelehrigen Schüler, der dem Guru zuhörte. Wie damals ging es um Musik, Musiker und andere schräge Vögel aus Kunst, Kultur und angrenzenden Gebieten, nur das Thema Politik schien keine große Rolle mehr zu spielen. Ich hörte mir einen längeren Vortrag über Aleister Crowley an, Burkhardt hatte wohl gerade sein “Buch des Gesetzes” gelesen. Der Okkultist Crowley war in den frühen 80ern fast unbekannt, wie meisten von Burkhardts Entdeckungen.
In den späten 60ern hatte er mich mit Namen wie bekannt gemacht wie Tuli Kupferberg von den Fugs, oder David Peel, der mit “The Lower Eastside” Cannabis-Musik machte. Auf seinen Rat hin las ich Tom Wolfes “Electric Kool-Aid Acid Test” und die Väter der Beat-Literatur wie Kerouac, Ginsberg und Burroughs und begriff, dass auch die “Beatles” sich auf diese Tradition bezogen und das vor den Jungs aus Liverpool schon eine Menge losgewesen war.

Jetzt würde ich also Crowley lesen müssen. Als Burkhardt eine Pause machte kam ich auf mein Anliegen zu sprechen, ich erzählte, dass ich mich als Schreiber betätigen wollte, weil ich keinen richtigen Job hatte und schließlich fragte ich ihn, ob er mir was über Slime erzählen konnte. Er grinste und antwortete kurz:
“Nee, Slime fällt unter die Zensur!”
Ich schaute ihn verständnislos an und fragte nach:
“Wie meinste’n das?”
“Hast du nicht was Interessanteres als Slime? Die sind musikalisch langweilig und inhaltlich haben das die Scherben schon vor zehn Jahren gemacht. Ich bin der Zensor, ich rede nur über gute Musik.”
“Schade, ich soll was über Slime für die taz schreiben.”
Burkhardt holte eine kleines Notizbuch aus der Tasche, er kramte nach Kugelschreiber und Zettel und schrieb mir etwas auf:
“Hier ruf den mal an, der kennt sich mit dieser Art Punk aus. Aber sag mal, wenn du da ‘ne Connection zur taz hast, könntest du ja mal was über eine von meinen Bands schreiben.”
“Ja, natürlich würde ich das gern machen, aber ich muss erstmal sehen, wie das mit dem ersten Artikel läuft. Pappirossi meinte, es wäre nur ein Versuch. Der hat ja noch nie was von mir gelesen.”
Burkhardt lachte laut:
“Du weißt ja, was man über die taz sagt. Die größte Schülerzeitung der Republik. Die werden dich schon nehmen. Im Vertrauen, die nehmen Jeden”
“Ich wollte dich noch was fragen, Burkhardt, kennst du dich mit Fanzines aus? Ich überlege, ob ich sowas wie ein Fanzine mache.”
“Ja, klar.”
Er stand auf und zog ein Heftchen irgendwo vor und reichte es mir. Auf dem schlampig gestalteten Cover stand “Pretty Vacant”.
“Das ist aus Hamburg, fast nur Punk. Da hinten liegt ein ganzer Stapel, auch Berliner Sachen. Aber sag mal, lass mich mal konstatieren. Erstens, du suchst ‘nen Job, zweitens, du willst über Musik schreiben und drittens du brauchst Unterstützung dabei, ein Fanzine zu machen.”

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In diesem Moment erhob sich die junge Frau, die bis dahin still in einer Ecke über einem Stapel Zettel und einigen Akten gebrütet hatte. Mir fiel auf, dass irgendetwas mit ihrem Gang nicht stimmte, so als ob ein Bein länger wäre als das andere. Sie trug auffallend bunte Kleidung in Buntstiftfarben, einen blauen Pullover, einen knallroten Rock und eine riesige Brille und sie mischte sich in unser Gespräch ein:
“Hat hier jemand Fanzine gesagt? Ich wollte schon immer bei einem Fanzine mitmachen.”
Burkhardt stellte mir die Frau vor:
“Das ist Coca-Cola, meine Buchhalterin.”
“Ich dachte das wäre eine Brause!”, erklärte ich ungewohnt schlagfertig.
“Eigentlich heiße ich Cordula, irgenwann habe ich mich mal vorgestellt und ich muss wohl genuschelt haben, so dass mein Gegenüber Coca-Cola verstanden hat. Seitdem ist das mein Spitzname!”, erklärte Coca-Cola.
“Vielleicht magst du mir helfen bei meinem Heft?”, ich versuchte ein Lächeln. Aber ich war noch woanders:
“Nochmal zurück, Burkhardt, was wolltest du eben sagen, von wegen, erstens, zweitens, drittens?”
“Na ja, deine Interessen und meine Interessen könnte man möglicherwiese verbinden. Ich bräuchte nämlich noch ‘ne Hilfe für den Laden und den Vertrieb. Was würdest du davon halten, bei mir ein Praktikum zu machen, Marcus? Geld kann ich dir zwar nicht geben, aber ‘ne Menge guter Erfahrungen sind für dich drin.”

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Es wurde noch ein erfreulicher Nachmittag. Burkhardt erzählt von seinen Einkaufsreisen nach London, Prag oder Jamaica und legte Platten auf. Cordula erinnerte sich an die Nächte im legendären Punkhouse am Lehniner Platz und wir sammelten schon mal Themen für ein mögliches Fanzine. Daheim packte ich meine Schätze aus, Burkhardt hatte mir ein paar von seinen Platten geschenkt, damit ich darüber schreiben konnte: “Funeral In Berlin” von Throbbing Gristle und eine Single von Frieder Butzmann. Ein paar Platten hatte ich gekauft, ich hatte ja Geld durch Robertos Miete. Zwei teure Maxi-Singles von Fela Kuti und eine Single von den Fehlfarben: “Große Liebe/Maxi”, die mir Burkhardt als erste deutsche Ska-Platte angepriesen hatte, konnte ich meiner Plattensammlung beifügen.

Alle Kapitel des Romans, mit Ausnahme der letzten zwei, sind auf dieser Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-Sx

Illu “Subvert” von Rainer Jacob.

 

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