Familienportrait – “Erster Besuch beim Zensor”

Der Text ist ein Auszug aus dem Kapitel “Beim Zensor hinter dem blauen Mond” aus dem West-Berlin-Roman “Ein Hügel voller Narren” von Marcus Kluge.

Burkhardt hatte sich gefreut, von mir zu hören. Er war ja jetzt unter dem Namen “Zensor” eine Institution in der Berliner Musikszene geworden. Nach dem wir, wegen unserer mehr oder weniger politischen Aktionen, vom Gymnasium geflogen waren, hatte ich ihn nur einmal getroffen. Damals hatte er selbstgezogene Kerzen auf dem Kudamm verkauft. Was dann folgte, erzählte man sich in Szene und es stand in der Musikpresse. Im Frühjahr 1978 war er mit 600 Mark nach London gefahren, um dort Platten zu kaufen. Er lernte Geoff Travis kennen, der damals noch den Rough Trade Plattenladen betrieb, aus dem der große gleichnamige Independent-Vertrieb wurde. Burkhardt wurde Geoffs erster Exportkunde. Mit einem Pappkarton voller Singles kam Burkhardt nach Berlin zurück und merkte, wie gefragt, die von ihm ausgesuchte, also “zensierte” Musik war. Schließlich gründete er 1979 den inzwischen berühmten Plattenladen in der Belziger Straße.

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Zwei Tage später stand ich vor der angegebenen Adresse in der Belziger Straße und wunderte mich. Hier war kein Plattenladen, nur eine bunte Modeboutique namens Blue Moon. Aus dem Laden kamen eben zwei ältere Teddy-Boys in Drape-Jackets und eine Frau im Petticoat. Den Typen wäre ich nur äußerst ungern nachts irgendwo begegnet. Ich untersuchte das Klingelbrett an der Haustür zu den Wohnungen, da war nichts von einem Plattenladen zu lesen. Jetzt fiel mir auf, neben dem Hauseingang war ein Fenster mit geschlossenem Rollladen über den man Zensor und Schallplatten geschrieben hatte. Ich klopfte an diesen Rolladen, natürlich passierte nichts, aber als ich näher kam, hörte ich Punkmusik von irgendwo her. Nun gingen zwei Skin-Heads in die Boutique, richtige, fiese, ältere Skin-Heads. Nee, was für ein Laden?
Eine Weile stand ich entschlusslos auf der Straße und überlegte, ob ich wieder nachhause gehen sollte. Das Schicksal hatte entschieden, ich würde den Laden nicht finden und das mit dem Slime-Artikel würde ich auch seinlassen. Wenn man nichts machte, konnte man auch nichts falsch machen. Das war mein Wahlspruch für die 70er Jahre gewesen, vielleicht sollte ich mir auch die 80er damit erleichtern.

Nein, das war Mist. Ich musste mit Burkhardt sprechen, ich brauchte Infos über Slime und überhaupt war er ein guter Kontakt, wenn ich über Musik schreiben wollte. Ich riss mich zusammen und betrat die Blue Moon Boutique. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, irgendwas Schlimmes wahrscheinlich, aber es war ein ganz normaler Laden, so ähnlich wie das Market. Er war vollgestopft mit Jugendmode aus den 50er Jahren und anderen Epochen, Kleider, Jacken, Hosen, Schuhe, fast jeder Geschmack wurde befriedigt. Besonders die Schuh-Auswahl war beeindruckend. Ein Mädchen mit grünen Haaren und einem schwarzen Lack-Mini stapelte Kartons mit Doc Martens-Stiefeln, ich fragte sie nach dem Zensor-Laden. Sie machte große Augen über meine Unkenntnis und und zeigte mit dem Kopf zu einer Tür, die links zu einem Hinterzimmer führte. Dort fand ich den Zensor.

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Der etwa 20qm große Raum war vollgestopft mit Regalen voller Schallplatten, an den Wänden hingen dicke Schichten übereinander geklebte Plakate, die für Konzerte und Tonträger warben. Zwei Kunden wühlten in den Vinylscheiben und in einer Ecke arbeitete eine junge Frau mit halblangen blonden Haaren. Burkhardt saß hinter einer Registrierkasse und sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Jugendlich verschmitzt, nur die schulterlangen Haare waren verschwunden. Sie reichten gerademal knapp über die Ohren. Er aß eine Käsestulle und trank schwarzen Kaffee dazu.
Schnell kamen wir ins Gespräch, ich fühlte mich wieder genauso, wie in unserem alten Kollektiv, wie wir die Clique nannten, der Burkhardt Ende der 60er Jahre, sozusagen als Chefideologe, vorstand. Burkhardt dozierte und ich wurde wieder zum gelehrigen Schüler, der dem Guru zuhörte. Wie damals ging es um Musik, Musiker und andere schräge Vögel aus Kunst, Kultur und angrenzenden Gebieten, nur das Thema Politik schien keine große Rolle mehr zu spielen. Ich hörte mir einen längeren Vortrag über Aleister Crowley an, Burkhardt hatte wohl gerade sein “Buch des Gesetzes” gelesen. Der Okkultist Crowley war in den frühen 80ern fast unbekannt, wie meisten von Burkhardts Entdeckungen.
In den späten 60ern hatte er mich mit Namen wie bekannt gemacht wie Tuli Kupferberg von den Fugs, oder David Peel, der mit “The Lower Eastside” Cannabis-Musik machte. Auf seinen Rat hin las ich Tom Wolfes “Electric Kool-Aid Acid Test” und die Väter der Beat-Literatur wie Kerouac, Ginsberg und Burroughs und begriff, dass auch die “Beatles” sich auf diese Tradition bezogen und das vor den Jungs aus Liverpool schon eine Menge losgewesen war.

Jetzt würde ich also Crowley lesen müssen. Als Burkhardt eine Pause machte kam ich auf mein Anliegen zu sprechen, ich erzählte, dass ich mich als Schreiber betätigen wollte, weil ich keinen richtigen Job hatte und schließlich fragte ich ihn, ob er mir was über Slime erzählen konnte. Er grinste und antwortete kurz:
“Nee, Slime fällt unter die Zensur!”
Ich schaute ihn verständnislos an und fragte nach:
“Wie meinste’n das?”
“Hast du nicht was Interessanteres als Slime? Die sind musikalisch langweilig und inhaltlich haben das die Scherben schon vor zehn Jahren gemacht. Ich bin der Zensor, ich rede nur über gute Musik.”
“Schade, ich soll was über Slime für die taz schreiben.”
Burkhardt holte eine kleines Notizbuch aus der Tasche, er kramte nach Kugelschreiber und Zettel und schrieb mir etwas auf:
“Hier ruf den mal an, der kennt sich mit dieser Art Punk aus. Aber sag mal, wenn du da ‘ne Connection zur taz hast, könntest du ja mal was über eine von meinen Bands schreiben.”
“Ja, natürlich würde ich das gern machen, aber ich muss erstmal sehen, wie das mit dem ersten Artikel läuft. Pappirossi meinte, es wäre nur ein Versuch. Der hat ja noch nie was von mir gelesen.”
Burkhardt lachte laut:
“Du weißt ja, was man über die taz sagt. Die größte Schülerzeitung der Republik. Die werden dich schon nehmen. Im Vertrauen, die nehmen Jeden”
“Ich wollte dich noch was fragen, Burkhardt, kennst du dich mit Fanzines aus? Ich überlege, ob ich sowas wie ein Fanzine mache.”
“Ja, klar.”
Er stand auf und zog ein Heftchen irgendwo vor und reichte es mir. Auf dem schlampig gestalteten Cover stand “Pretty Vacant”.
“Das ist aus Hamburg, fast nur Punk. Da hinten liegt ein ganzer Stapel, auch Berliner Sachen. Aber sag mal, lass mich mal konstatieren. Erstens, du suchst ‘nen Job, zweitens, du willst über Musik schreiben und drittens du brauchst Unterstützung dabei, ein Fanzine zu machen.”

altesfoto2[1] Coca-Cola
In diesem Moment erhob sich die junge Frau, die bis dahin still in einer Ecke über einem Stapel Zettel und einigen Akten gebrütet hatte. Mir fiel auf, dass irgendetwas mit ihrem Gang nicht stimmte, so als ob ein Bein länger wäre als das andere. Sie trug auffallend bunte Kleidung in Buntstiftfarben, einen blauen Pullover, einen knallroten Rock und eine riesige Brille und sie mischte sich in unser Gespräch ein:
“Hat hier jemand Fanzine gesagt? Ich wollte schon immer bei einem Fanzine mitmachen.”
Burkhardt stellte mir die Frau vor:
“Das ist Coca-Cola, meine Buchhalterin.”
“Ich dachte das wäre eine Brause!”, erklärte ich ungewohnt schlagfertig.
“Eigentlich heiße ich Cordula, irgenwann habe ich mich mal vorgestellt und ich muss wohl genuschelt haben, so dass mein Gegenüber Coca-Cola verstanden hat. Seitdem ist das mein Spitzname!”, erklärte Coca-Cola.
“Vielleicht magst du mir helfen bei meinem Heft?”, ich versuchte ein Lächeln. Aber ich war noch woanders:
“Nochmal zurück, Burkhardt, was wolltest du eben sagen, von wegen, erstens, zweitens, drittens?”
“Na ja, deine Interessen und meine Interessen könnte man möglicherwiese verbinden. Ich bräuchte nämlich noch ‘ne Hilfe für den Laden und den Vertrieb. Was würdest du davon halten, bei mir ein Praktikum zu machen, Marcus? Geld kann ich dir zwar nicht geben, aber ‘ne Menge guter Erfahrungen sind für dich drin.”

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Es wurde noch ein erfreulicher Nachmittag. Burkhardt erzählt von seinen Einkaufsreisen nach London, Prag oder Jamaica und legte Platten auf. Cordula erinnerte sich an die Nächte im legendären Punkhouse am Lehniner Platz und wir sammelten schon mal Themen für ein mögliches Fanzine. Daheim packte ich meine Schätze aus, Burkhardt hatte mir ein paar von seinen Platten geschenkt, damit ich darüber schreiben konnte: “Funeral In Berlin” von Throbbing Gristle und eine Single von Frieder Butzmann. Ein paar Platten hatte ich gekauft, ich hatte ja Geld durch Robertos Miete. Zwei teure Maxi-Singles von Fela Kuti und eine Single von den Fehlfarben: “Große Liebe/Maxi”, die mir Burkhardt als erste deutsche Ska-Platte angepriesen hatte, konnte ich meiner Plattensammlung beifügen.

Alle Kapitel des Romans, mit Ausnahme der letzten zwei, sind auf dieser Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-Sx

Illu “Subvert” von Rainer Jacob.

 

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One response to “Familienportrait – “Erster Besuch beim Zensor””

  1. wolfgangdannyweber says :

    lustig: gerade heute hatte ich die visions-cd “slime – rebellen 1979 – 2012” in der hand.!
    übrigens: als ich 1977 meine zelte in berlin abbrach, hatte ich bereits für meine zukunft einen schallplattenladen fest in der planung. so war ich in 1978 dann auch in england, um eine erstbestückung für den laden zu besorgen. in london war ich, um mich zu informieren – die scheiben habe ich mir schließlich aus manchester mitgebracht.

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