Familienportrait Teil 1 – Schuster Schnelle und seine Familie / Blick in eine vergangene Welt 1870-1990

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?” Thomas Mann

img_20130713_0007

Aus dem Brunnen der Vergangenheit können wir schöpfen, um zu ergründen, woher wir kommen. Konkret waren das in meinem Fall Papiere, meist Urkunden und Briefe, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Über die Vorfahren meines Vaters sagen sie nur wenig. Sein “Ariernachweis” zeigt, seine Vorfahren waren Dienstmägde und Knechte südlich von Berlin, die in der zweiten Hälfte des 19.Jh. in die Großstadt Deutsch-Wilmersdorf kamen, um hier als Arbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu Berlin gehört Wilmersdorf ja erst seit dem 1. Oktober 1920.

BildVier Soldaten der Revolution auf Streife in Wilmersdorf 1918

Mein Großvater väterlicherseits ist schon vor Ende des 2. Weltkriegs gestorben, ebenso mein Onkel Willy Kluge. Allein dessen 1930 geborener Sohn Wolfgang überlebte den Krieg, er wanderte mit seinem älteren Bruder Ino nach Venezuela aus. Inos Spur verliert sich in den 70er Jahren in Caracas. Wahrscheinlich ist er wie die meisten männlichen Kluges nicht alt geworden. Wolfgangs in den 60ern geborener Sohn Johannes Kluge ist außer mir der einzige noch lebende Kluge. Dieser lebt in Venezuela, erfreulicherweise habe ich durch das “Internet” regelmäßigen Kontakt zu ihm.

BildLiebenwerda, Sonntagspaziergang

Mehr weiß ich über die Vorfahren meiner Mutter. Meine Urgroßeltern kamen aus der Gegend von Liebenwerda in Süd-Brandenburg an der Grenze zu Sachsen. Liebenwerda, von liv oder lib und werder kommend, heißt soviel wie Liebes- oder Lebens-Insel. Es wurde 1271 das erste Mal erwähnt und gehörte zeitweise zu Sachsen. Die dicken, sächsischen Ordnungshüter wurden sprichwörtlich und noch zu DDR-Zeiten verspottete man sie, denn da traten sie in Gestalt von Stasi-Mitarbeitern erneut auf. Die “Schand-Armen” nannte sie der Volksmund.

BildOlle Fuchsen

Überhaupt hat man in Liebenwerda nie sächsisch gesprochen, stattdessen gab es ein weiches Brandenburger Platt. Der legendäre “olle Fuchs” legte sich oft mit den sächsischen Schandarmen an und wurde unvergesslich. “He labet ju nich mehr, aber he is noch gornich lange dud.”, erzählten die alten Leute.

1815 kam Liebenwerda zu Preußen, eine Folge des Wiener Kongresses. 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, eine Gründerzeit folgte, in zwei Jahren wurden 978 Aktiengesellschaften in Preußen gegründet. Leider ging dieser Aufschwung schon 1873 wieder zuende, die durch einen Börsenkrach ausgelöste 20-jährige “Gründerkrise” folgte.

Die Liebenwerdaer hatten jedoch Glück: “Am 1. Juni 1874 wurde die Oberlausitzer Eisenbahn von Kohlfurt über Liebenwerda bis Falkenberg (später bis Wittenberg) übergeben.” Das brachte der Stadt Aufschwung und hier beginnt nun auch die Geschichte der Familie Schnelle.

 

img_20131121_0002

Julius Schnelle besteht 1881 die Prüfung zum Schuster-Gesellen. 1887 wird er 23-jährig Meister, im gleichen Jahr heiratet er die fünf Jahre jüngere Anna geb. Hanisch. Julius soll ein fleißiger Mann gewesen sein, neben der Arbeit erzählte er gern Geschichten und betätigte sich auch als Verse-Schmied. Anna wird als sehr soziale, umtriebige Frau geschildert. Sie soll sich Achtung und Liebe unter den Liebenwerdaern erworben habe.

Das Ehepaar hat vier Töchter, eine stirbt im Säuglingsalter, die drei anderen heiraten und leben lang. Martha, die älteste darf im Ort bleiben und heiratet Adolf, Elisabeth und die zuletztgeborene Charlotte müssen in Berlin ihr Glück suchen.

2016-04-15-0001 (2)
“Seit dem 16. Januar 1925 trägt die Stadt den Titel „Bad“, nachdem das Preußische Staatsministerium am 9. Januar 1925 einer Umbenennung der Stadt mit den Worten „Möge die Stadt unter dem neuen Namen glücklichen und gesegneten Zeiten entgegengehen!“ zustimmte.” (WiKi)

1937 feiern Julius und Anna Schnelle Goldene Hochzeit (Foto ganz oben), ein “seltenes Fest” wie die Zeitung bemerkt. Die “Einsegnung des Jubelpaares geschieht in unserer Kirche im Kreise von Kindern und Enkelkindern. “Beide Ehegatten erfreuen sich bester Gesundheit. Vermerkt sei noch, dass das Ehepaar Schnelle seit 30 Jahren im Hause des Lehrers Otte wohnt. Dies ist gewiss ein schönes Zeichen von Verbundenheit zwischen Hauswirt und Mieter.” Im gleichen Jahr feierte Julius 50-jähriges Meisterjubiläum. 1940 stirbt Anna, Julius überlebt sie nicht lange, zwei Jahre später folgt er ihr.

Bild

1990, nachdem die Grenzen offen waren, habe ich mit meiner Mutter Bad Liebenwerda besucht. Mein verstorbener Freund Andi hat uns mit seinem Taxi gefahren und begleitet. Die Stadt sah postsozialistisch, nämlich ziemlich heruntergekommen, aus. Es würde mich interessieren noch einmal hinzufahren, um nachzusehen was 26 Jahre Kapitalismus aus dem Badeort gemacht haben. Wenigstens das Bad Liebenwerdaer Wasser ist heute in aller Munde.

Marcus Kluge

– wird fortgesetzt –

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Eddie Two Hawks

Plant the seeds of peace within yourself, watch them grow in the world

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

bildbetrachten

Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

The Insatiable Traveler

Embrace Adventure. World Travel | Award-winning Photography| Inspiration | Tips

Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

literaturfrey

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Anmerkungen zur Berliner Musikszene

finbarsgift

finbars geschenk ist seine seherische fähigkeit

Rainer "rcpffm" Peffm 's mobile blog and diary

Smile! You’re at the best **mobile** made *RWD* WordPress.com site ever

Leselebenszeichen

Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

%d bloggers like this: