Familienportrait: „Im Windschatten” / Ziviles und kleine Fluchten auf Fotos aus den Jahren 1939-45

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Als ich kürzlich ein Foto von einer Kaffeetafel mitten im Krieg entdeckte, stellte ich mir die Frage, gab es unbeschwertes, privates Leben, oder gar ein individuelles Glück, während des 2. Weltkriegs und im Angesicht des Naziterrors? Oder war die Realität so düster, dass sie das normale Leben zur Gänze überdeckte und auch kurze Erlebnisse von frohem Zusammensein und mitmenschlicher Geborgenheit unmöglich machte? Über diese Fragen habe ich am Beispiel meiner Eltern nachgedacht.

Theodor W. Adorno schrieb, unter der Erfahrung des Krieges und des faschistischen Terrors in Europa, seinen berühmten Satz: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”. In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben”. Die Sentenz beendet eines über zwei Seiten langen Kurzessays mit dem Titel Asyl für Obdachlose (Nr. 18, der Text ist unten dokumentiert), der sich mit den Schwierigkeiten beschäftigt, sich in modernen Zeiten irgendwo häuslich einzurichten. Auch wenn man von Adornos besonderer Situation als im Exil lebender Intellektueller absieht, darf man wohl verallgemeinern, dass Krieg, Faschismus, realsozialistische Diktatur und Terror auch das Lebenglück gewöhnlicher Menschen eintrüben oder vernichten können. Kleine Fluchten und Momente des Glückes scheinen dennoch möglich zu sein. Es gibt auch Zeitzeugen, die diese als besonders intensiv beschreiben.

Wir alle kennen die besondere Wahrnehmung von Zeit, die in Krisen eintreten kann. Beispielsweise, wenn man an einer schweren Krankheit leidet, beginnt man in einer Art “Doppelzeit” zu leben. Man ist sich bewusst, in einer besonderen, aber begrenzten Zeiteinheit zu existieren, die endet, wenn man wieder gesund wird. Dann beginnt erneut die “normale Zeiterfahrung”. Diese Fähigkeit Zeit zu relativieren ist wohl eine Ressource unserer Resilienz. Andere Ressourcen sind Menschen, mit denen wir in Freundschaft oder Liebe verbunden sind. Auch Medien wie Briefe, Bücher oder Fotos helfen uns, die traumatische Erfahrung zu überstehen. Diese Fotos zeugen davon.

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Bei der Abi-Feier oben herrscht noch eine trunkene Unbeschwertheit. Zwei Jahre später sind aus den Schuljungs Soldaten geworden, die im Lazarett trotz Schmerz und Fieber feiern.
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Vater versucht sich zu erden entweder, in dem er schreibt, wie unten. Oder wie oben, wo er vor Frühlingsblüten seinen Goethe liest, eine trügerische Idylle.

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Beim zweiten Mal im Lazarett ist “Grabenfieber” die Diagnose. Es wurde in den Schützengräben des 1. Weltkriegs erstmals beobachtet. Auch im 2. Weltkrieg hat man noch keine wirksame Therapie dagegen. Schlecht verheilte Läusebisse verursachen das Leiden, doch an den hygienischen Verhältnissen an der Front ändert sich nichts, wie auch. Er schreibt in krakliger Schrift: “Da gibt es wieder 41 Fieber. Mit dem nächsten Lazarettzug komme ich nach Deutschland. Entschuldige, es geht nicht.” Die Kameraden nehmen das Fieber heiter.

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In Deutschland versuchen die Zivilisten wenigstens für Stunden oder Tage der Bedrückung des Krieges, die in Berlin durch die Bombenangriffe besonders auffällig ist, zu entgehen. Eine kleine Wanderung, eine Paddelboottour oder ein Nachmittag am Strand bieten willkommene Ablenkung. Selbst die Nazi-Propaganda unterstützt den Eskapismus. Goebbels lässt in den UFA-Filmen eine Scheinwelt entstehen, in der niemand vom Krieg spricht oder den rechten Arm zum Hitlergruß hebt. Erst nach der Erklärung des “totalen Krieges” am 18.2. 1943 im Berliner Sportpalast entfallen letzte Alltagsfluchten wie Tanzveranstaltungen.

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Monatelang hat Helmut um ein Studiensemester gekämpft, er kann es kaum glauben, 1944 darf er nach Berlin und ein paar Monate studieren. Am 20. Juli 1944 hören sie im Radio, es hätte ein Attentat auf Hitler gegeben, es ist nicht klar, ob er tot oder nur schwer verletzt ist. Am Abend sind sie im Schauspielhaus, Don Carlos steht auf dem Spielplan. Als Marquis Posa vom Despoten, “Sire, geben sie Gedankenfreiheit!” verlangt, gibt es Szenenapplaus. Es ist bekannt, dass dafür schon mindestens ein Deutscher, der an dieser Stelle  geklatscht hat, erschossen wurde. Aber in diesem Moment ist die Furcht weg. In der Pause machen fast alle Zuschauer Pläne, man hofft der Krieg würde bald zuende sein, nun da “der Verrückte” tot ist. Auch Käte und Helmut machen Pläne. Plötzlich ist die Erfüllung der Träume ganz nah. Als sie in der Perleberger Straße die Treppe hochkommen, steht Oma Elisabeth schon in der Tür und macht eine wegwerfende Geste. Hitler lebt, der Umsturzversuch ist gescheitert, Helmut muss schon bald wieder zurück an die Front. Fast vier Jahre trennt die Weltgeschichte meine Eltern. Meine Mutter hat jeden Grund meinen Vater für tot zu halten, doch ganz gibt sie ihn nicht auf. Als er im Sommer 48 vor ihrer Tür steht, ist sie schwanger. Das Kind will sie, den Erzeuger nicht und so wird Helmut sein Vater.


Asyl für Obdachlose. – Wie es mit dem Privatleben heute bestellt ist, zeigt sein Schauplatz an. Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. Die traditionellen Wohnungen, in denen wir groß geworden sind, haben etwas Unerträgliches angenommen: jeder Zug des Behagens darin ist mit Verrat an der Erkenntnis, jede Spur der Geborgenheit mit der muffigen Interessengemeinschaft der Familie bezahlt. Die neusachlichen, die tabula rasa gemacht haben, sind von Sachverständigen für Banausen angefertigte Etuis, oder Fabrikstätten, die sich in die Konsumsphäre verirrt haben, ohne alle Beziehung zum Bewohner: noch der Sehnsucht nach unabhängiger Existenz, die es ohnehin nicht mehr gibt, schlagen sie ins Gesicht. Der moderne Mensch wünscht nahe am Boden zu schlafen wie ein Tier, hat mit prophetischem Masochismus ein deutsches Magazin vor Hitler dekretiert und mit dem Bett die Schwelle von Wachen und Traum abgeschafft. Die Übernächtigen sind allezeit verfügbar und widerstandslos zu allem bereit, alert und bewußtlos zugleich. Wer sich in echte, aber zusammengekaufte Stilwohnungen flüchtet, balsamiert sich bei lebendigem Leibe ein. Will man der Verantwortung fürs Wohnen ausweichen, indem man ins Hotel oder ins möblierte Appartement zieht, so macht man gleichsam aus den aufgezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm. Am ärgsten ergeht es wie überall denen, die nicht zu wählen haben. Sie wohnen wenn nicht in Slums so in Bungalows, die morgen schon Laubenhütten, Trailers, Autos oder Camps, Bleiben unter freiem Himmel sein mögen. Das Haus ist vergangen. Die Zerstörungen der europäischen Städte ebenso wie die Arbeits- und Konzentrationslager setzen bloß als Exekutoren fort, was die immanente Entwicklung der Technik über die Häuser längst entschieden hat. Diese taugen nur noch dazu, wie alte Konservenbüchsen fortgeworfen zu werden. Die Möglichkeit des Wohnens wird vernichtet von der der sozialistischen Gesellschaft, die, als versäumte, der bürgerlichen zum schleichenden Unheil gerät. Kein Einzelner vermag etwas dagegen. Schon wenn er sich mit Möbelentwürfen und Innendekoration beschäftigt, gerät er in die Nähe des kunstgewerblichen Feinsinns vom Schlag der Bibliophilen, wie entschlossen er auch gegen das Kunstgewerbe im engeren Sinne angehen mag. Aus der Entfernung ist der Unterschied von Wiener Werkstätte und Bauhaus nicht mehr so erheblich. Mittlerweile haben die Kurven der reinen Zweckform gegen ihre Funktion sich verselbständigt und gehen ebenso ins Ornament über wie die kubistischen Grundgestalten.

Das beste Verhalten all dem gegenüber scheint noch ein unverbindliches, suspendiertes: das Privatleben führen,: solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen. »Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein«, schrieb Nietzsche bereits in der Fröhlichen Wissenschaft. Dem müßte man heute hinzufügen: es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas an von dem schwierigen Verhältnis, in dem der Einzelne zu seinem Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Theodor W. Adorno: “Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben”. Zitiert nach: https://giuseppecapograssi.files.wordpress.com/2013/08/minima_moral.pdf

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