Familienportrait Teil 18 – Bücher, Ostfernsehen und Jugendvorstellung / Die Medien meiner Kindheit 1960-1985

Mein Vater spendete mir seine Zuwendung nur sehr selten. Beispielsweise hat er mir nur einmal einen Rat fürs Leben gegeben. Er verbot mir den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. Am besten sei, ich würde gar nichts Künstlerisches tun, aber auf alle Fälle, solle ich mich nie der Schauspielerei widmen. Er wäre diesen Weg gegangen und er hätte es bitter bereut. Da sein Rat ein Einzelfall war, glaubte ich ihn befolgen zu müssen. Ich habe tatsächlich nie diesen Beruf erlernt, wenn man davon absieht, dass ich jahrelang den Stunden beigewohnt habe, die mein Vater jungen Schauspielern gegeben hat.

Doch ich war nie ganz glücklich mit den Berufen, die ich für Geld ausgeübt habe und oft hegte ich die Befürchtung, es wäre ein Fehler gewesen auf meinen Vater zu hören. Doch schon als Kind fand ich ein Ventil für mein schauspielerisches Talent, das Mimen zu einem meiner liebsten Steckenpferde.

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(Mannheimer Straße, Google Maps: siehe unten)

Wie so häufig stand am Anfang eine krisenhafte Zuspitzung der Lebenssituation. Im Alter von sechs Jahren wurde mir angetragen regelmäßig die Schule zu besuchen. Schon am Tag der Einschulung hatte ich erhebliche Probleme mit meiner Unlust und meinem Ekel fertig zu werden. Die meisten anderen Schüler schienen mir dumm, hässlich und unfreundlich zu sein. Auch die Lehrerschaft kam in meinem Urteil nicht besser weg. Das Schlimmste aber war der Gestank, den 35 Kinder damals in dem überheizten, ungelüfteten Klassenraum verbreiteten. 1960 war es in den meisten Familien Usus nur einmal in der Woche, nämlich am Sonnabend, zu baden und die Unterwäsche zu wechseln. Und das führte zu einem olfaktorischen Stress, den ich kaum ertragen konnte. Wahrscheinlich konnte ich meine Abneigung nicht gut verbergen, auf jeden Fall wurde ich zum Ziel eines kräftigen Hauswartsohns aus der Prinzregentenstraße namens Bernhard. Er zwang mich regelmäßig in den großen Pausen zu Faustkämpfen, für die ich in keinster Weise vorbereitet war. Tatsächlich habe ich die Schule über Jahre hinweg als traumatisch empfunden. Beispielsweise konnte ich bis in meine Teenagerzeit nie frühstücken oder gar in der Schule irgendetwas essen, der Magen war wie zugeschnürt und ich reagierte mit Brechreiz, wenn ich versuchte Nahrung zu mir zu nehmen.

An manchen Morgenden bekam ich Angst und Panikattacken und mein schauspielerisches Talent half mir glaubwürdig eine Erkältung oder eine Magenverstimmung vorzuspielen. Angst und Panik allein schien für meine Mutter kein Anlass für den begehrten Schuldispens zu sein. Noch wahrscheinlicher ist, dass ich diese Gefühle verborgen habe, weil ich mich dafür geschämt habe, ängstlich und panisch zu sein.

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1966, (v.l. ich, mein Bruder)

In den ersten Jahren verbrachte ich diese Tage lesend und hatte die schönsten Begegnungen mit den besten Freunden meiner Kindheit, den Büchern. Ich las für Kinder geschriebenes wie Kästner oder Blyton, bald aber auch leichtere Erwachsenenkost wie Jules Verne oder Robert Louis Stevenson.

Mitte der 60er Jahre hatten meine Eltern den Widerstand gegen eine Fernsehröhre aufgeben, eigentlich hielten sie es für eine Veranstaltung, die sich exklusiv an die bildungsfernen Schichten wendete. Wie prophetisch diese Einschätzung sein sollte, ahnten sie nicht. Nun jedenfalls wechselte ich gegen 10 Uhr mein “Kranken”-Bett gegen den Fernsehsessel und schaltete meist das Ostfernsehen an. Dienstag wurde der UFA-Film vom Vorabend wiederholt, ich liebte die Komödien mit Heinz Rühmann, aber auch Melodramen. Beispielsweise “La Habanera” und “Zu neuen Ufern”, die Detlef Sierk mit Zarah Leander produzierte, bevor er Nazideutschland verließ und sich in Hollywood Douglas Sirk nannte. Günstig war auch der Donnerstag, an dem Willi Schwabe durch seine Rumpelkammer führte und Hintergründe des UFA-Films erklärte. Gern sah ich auch Propagandastreifen über Thälmann oder sowjetische Revolutionsdramen von Eisenstein. Das Westfernsehen sendete seltener Spielfime. Einzelne sind mir jedoch unvergesslich wie “On the Waterfront” von Elia Kazan mit Brando in der Hauptrolle.

Als ich älter wurde, ging ich auch gern am Nachmittag in eins der vielen Kinos, die es noch gab und sah mir für 1.50 DM eigentlich alles, was gerade lief. In Laufweite von Volkspark Wilmersdorf, wo wir lebten, befanden sich mindestens ein Dutzend Kinos, bis die meisten in den 70ern verkündeten, “Now playing: ALDI”. Toll waren auch die Jugendvorstellungen am Sonntag um 13.30 Uhr. Meistens ging ich ins nahe EVA-Kino, wo unter großem Gejohle Sandalenfilme über die Leinwand flimmerten. Daher kam wohl meine große Liebe zum Kino und mein Traum selbst einmal eigene Filme zu verwirklichen. Von einer Karriere beim Fernsehen träumte ich seitdem ich bei meinen Verwandten aus Venezuela das US-amerikanische Soldaten-TV kennengelernt hatte. Da mir jedoch Abitur und Studium versagt blieben, war das so unwahrscheinlich, wie ein Flug zum Mond. Mit 19 besorgte ich mir die Unterlagen für ein Studium bei der DFFB und begriff, das Film und Fernsehen Trauben waren, die zu hoch für mich hingen.

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Die 70er Jahre, zwischen Kaffeetafel und Deutschem Herbst

ImageFoto: Rainer Jacob

Es blieb mir noch mein zweiter Traum, das Schreiben und ein Leben als Schriftsteller, das ich mir in meiner Naivität recht idealisiert vorstellte. Ende der 60er Jahre nahm ich an der Schüler- und Studenten-Revolte teil, in der Folge flog ich vom Gymnasium. Nach einem verlorenen Jahr auf einer Privatschule machte ich 72 die Mittlere Reife, doch ich hatte keine Ahnung was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Zusätzlich zu den Depressionen, die mich schon als Kind begleiteten, entwickelte ich als Teenager eine Sozialphobie. Meine Unfähigkeit einen Beruf zu erlernen verklärte ich zu Verweigerung gegen ein politisches System, das ich ablehnte. Es dauerte Jahre bis ich begriff, dass ich mich nur selbst blockierte.

ImageInnere Emigation

ImageSelfie 1975

So hatte ich in den Jahren meiner inneren Emigration kaum die Gelegenheit zu Mimen oder hochzustapeln. Allerdings erinnere ich mich an ein Waldbühnenfestival*, zu dessen Anlass mein Spieltalent nach draussen drängte. Es muss Mitte der 70er gewesen sein, Hawkwind und Juicy Lucy standen auf dem Plakat und ich enterte die Open Air Arena bei schönstem Sonnenschein mit einer halben Flasche Rum im Gepäck. Eigentlich trank ich keinen Alkohol zu der Zeit, wie die meisten meiner Generation damals. Aber ich hatte Liebeskummer und wer Sorgen hat hat auch Likör. Ich ließ mich von der Musik mitreißen, trank und irgendwann legte sich ein Schalter in mir um. Danach sprach ich nur noch englisch, schwindelte mich an der Security vorbei backstage und verbrachte dort zwei sehr lustige Stunden. Meine Matte, die selbstgenähte Samtweste und vor allem mein selbstbewusstes Auftreten ließen keinen Zweifel daran, dass ich ein bekannter Rockmusiker sei, der inkognito unterwegs befreundete Musiker treffen wollte. Ich schwatzte ein Stündchen mit dem sympathischen Gitarristen von Juicy Lucy über den Ärger mit Plattenfirmen, wurde mit Speis und Trank versorgt und gab einige Autogramme. Lemmy war auch dabei, der Bassist von Hawkwind, ein ganz normaler Typ eben. Die Groupies fragen sich noch heute, wer das damals war, backstage in der Waldbühne.

1981 starb mein Vater, kurz nach seinem 63sten Geburtstag und mir wurde bewusst, wie kurz das Leben ist. Ich beschloss mit dem Schreiben ernst zu machen und hatte das Glück, dass mir Freunde, wie Burkhard Seiler, der Zensor halfen. Im Herbst 1982 erfand ich mich dann neu, gründete das Subkulturfanzine Assasin und verdiente tatsächlich mit schreiben etwas Geld. Nicht beim Assasin, der war immer defizitär, aber durch Zeilengeld bei der taz und bei verschiedenen Musikpublikationen wie dem Rockkalender. Ich schrieb meistens unter dem Pseudonym “Sherlock Preiswert”. Die Figur des von Arthur Conan Doyle erfundenen “Ur-Nerds” Holmes sprach den kleinen Asperger in mir an und das Preiswert bezog sich auf das mickerige Zeilenhonorar von 75 Pfennigen, das die taz damals zahlte.

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Preiswert in der taz.

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Das letzte Assasin-Heft

Ich hatte mir tatsächlich einen Lebenstraum erfüllt. 1985 war ich nach 11 Ausgaben Assasin pleite, das letzte Heft hatte fast 1300.-DM gekostet, doch nur 700.- eingespielt.

Also sollte ein Benefiz-Konzert Abhilfe schaffen. Wir hofften damit eine neue Ausgabe vorzufinanzieren. Die Kwahl fand im Sputnik statt, viele Freunde halfen, ein rundes Dutzend Bands trat auf. Volker Hauptvogel und Edgar Domin von MDK standen ein letztes Mal zusammen auf der Bühne, Dreidimensional und Frieder Butzmann spielten, es wurden Filme von Test Department gezeigt und sogenannter “Hausfrauenstriptease” rundete das Programm ab.

ImageKwahlaufruf im Tip

Zum Plakatieren brauchten wir ein Auto, also stellte mir Boeldicke Frank vor, der ein Auto hatte. Dieser Kontakt sollte in der Folge mein Leben verändern. Die Kwahl, wie wir das Ereignis nannten, bezog sich auf die Senatswahlen am folgenden Tag, dem 10. März 1985, an dem zum ersten Mal Diepgen zum Bürgermeister gewählt wurde. Allerdings fand das Event im Sputnik ohne mich statt, ich lag mit 39,5° im Bett und hatte die schlimmste Grippe meines Lebens. Am Morgen blieben 500.-DM in der Kasse. Es war zu wenig für ein neues Assasin-Heft, also kaufte ich einen gebrauchten Videorecorder und machte mich mit Herbert auf zu neuen Ufern. Nachdem ich den Traum Autor zu werden verwirklicht hatte, wollte ich mich nun Film oder Fernsehen produzieren. Das war ziemlich unrealistisch, ich hatte weder Produktionsmittel noch Beziehungen, aber das Schicksal hielt eine Überraschung für mich bereit.

Marcus Kluge

Mannheimer Straße: https://www.google.de/maps/@52.4841134,13.315459,3a,75y,66.8h,84.46t/data=!3m4!1e1!3m2!1siwSwMy7rWtQ0DmsdUlk3Ig!2e0!6m1!1e1

Die Website, die die ersten Assasin-Hefte dokumentiert:

http://www.assasin.in-berlin.de/

Wenn ich mal viel Zeit oder Hilfe habe, scanne und transkribiere ich den Rest.

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