Archive | June 2016

„Berlin-Lost and Found“ Die Foto-Serie hat jetzt 8 Folgen und zeigt über 180 Fotos

Im März 2016 kaufte ich mir eine einfache Digitalkamera. Ich hatte Lust den Orten meiner Kindheit und Jugend nachzuspüren. Es regnete tagelang, aber endlich am 1. April war Fotowetter. Ich streifte fünf Stunden durch die Nebenstraßen des Kudamms und veröffentlichte das Ergebnis als Strecke hier im Blog. http://wp.me/p3UMZB-1uU Am Steinplatz fiel mir das Polaroid von Ilona ein, auf dem sie vor einer Notrufsäule steht. Ich ahmte das alte Foto nach und so entstand mein erster Vorher/Nachher-Fotovergleich. Die Motive dieser “Lost and Founds” werden meist durch Fotos meines Vaters, Bruders, sowie eigene Bilder vorgegeben. Auch Rainer Jacob und andere Amateur- und Profikollegen haben mir Material anvertraut.

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Das Off-Kudamm-Posting war recht erfolgreich und innerhalb von zwei Tagen wurde es 600mal besucht. Als zweites Projekt besuchte ich Schöneberg. Ich knipste das Café Mitropa, das Slumberland oder das Bowiehaus in der Hauptstraße. In kurzer Zeit sind ein rundes halbes Dutzend dieser Zeitreisen erschienen und hier werde ich alle als Serie verlinken. Manchmal haben sich die Orte kaum verändert und nur im Detail zeigen sich die vergangenen Jahre. Meist ist der Lauf der Zeit gut erkennbar, die freien Sichtachsen der Nachkriegszeit sind durch Neubauten und das frische Grün des Frühlings besetzt. Wie grün Berlin heute ist, fällt positiv auf. Aber andere Entwicklungen sind schade, anstelle der romantischen Plumpe am Marheineckeplatz hocken hässliche Glascontainer, oder der ehemals schicke Gloria-Palast wirkt unansehnlich und ist mit Spanholzplatten vernagelt. Ein halbes Jahrhundert hat sich in das Gesicht meiner Mutterstadt eingeschrieben und mit wechselnden Gefühlen lichte ich es ab.

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Heimstraße Marheineckeplatz 1959. (Der Autor fotografiert von seinem Vater.)

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Gloria-Palast (oben 1958).

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(Café Central Foto: Knut Hoffmeister)

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TEIL 1

Im ersten Teil der Serie besuchen wir die Nebenstraßen des Kudamms. Es war meine Heimat in den 70er Jahre, mit meiner Liebe Ilona wohnte ich in einer WG in der Schlüterstraße und arbeitete als DJ im Tolstefanz.

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Ilona am Steinplatz 1975.

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TEIL 2

1977 zog ich nach Friedenau und Schöneberg wurde meine Heimat. 1981 führt der gewaltsame Tod von Klaus-Jürgen Rattay, unter anderen am Winterfeldtplatz, zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Ich erinnere mich und fotografiere, was heute noch daran erinnert.

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Straßenschlacht Maaßenstraße (oben), ehemalige Hoffmanfiliale (unten).

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TEIL 3

Im dritten Teil besuchen wir die Gegend rund um das Kranzler-Eck. In der Rankestraße hatte meine Mutter in den 60ern ihren Phono-Klub und ich verbrachte dort meine Nachmittage. 1988 bis 98 wohnte ich am Rankeplatz.

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Rankestraße, ca. 1959.

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Teil 4

Im vierten Teil der Reihe besuche ich den Fehrbelliner Platz, den Preußenpark und den Hohenzollerndamm, wo ich bis zum sechsten Lebensjahr wohnte.

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Blick über den Hohenzollernplatz zur, von den Berlinern, “Kraftwerk Jesu” genannten Kirche.

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Teil 5

Die zweite Wilmersdorf-Strecke zeigt den Volkspark und den expressionistisch angehauchten Schramm-Block, wo ich aufgewachsen bin.

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Teil 6

Nicht nur die Wilmersdorfer kennen die Blissestraße, wo seit über 100 Jahren das Eva-Kino Kintopp auf die Leinwand bringt und seit 80 Jahren die Eisdiele Monheim seine Spezialitäten anbietet. Außerdem besuche ich das Kaufhaus meiner Kindheit, “Karstadt” an der Berliner Straße und forsche was daraus geworden ist.

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Teil 7

In der siebten Folge steht die westliche City im Mittelpunkt. Der Breitscheidplatz gehört wohl zu den Orten, wo sich Berlin am schnellsten verändert und der Fotovergleich macht es deutlich. Aber auch das 1965 gebaute Europa-Center hat sich gewandelt.

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Teil 8

Früher hat man sich feingemacht, heute geht der Berliner in Jeans und T-Shirt zum Sonntagsspaziergang. Wir gehen mit und vergleichen, wie sich Orte und Menschen verändert haben.

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M.K.


Die Serie wird fortgesetzt.

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„Zeitsprünge” / Die Splitscreens aus „Lost and Found” / Berlin 1937 bis heute

Die Splitscreen-Collagen entstanden, weil ich Vorschaubilder benötigte, die in einem Rahmen mindestens ein altes und ein neues Foto vom gleichen Motiv zeigten. So konnte ich mein Vorher/Nachher-Konzept für die “Lost and Found”-Serie auf Facebook bewerben, ohne lange Worte machen zu müssen. Ich fand die Bildbearbeitungsseite Fotor und sammelte die Splitscreens in meinem Pinterest-Account. Inzwischen sind ca. 40 Collagen fertig und hier habe die schönsten 22 ausgesucht. Dazu findet Ihr Links für die Fotostrecken, auf denen die Originale gezeigt werden.

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Oben und unten ff: „West-Berlin Revisited“ / Wilmersdorf Teil 1: Preußenpark, Fehrbelliner- und Hohenzollern-Platz: http://wp.me/p3UMZB-1Af

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Oben: Bleibtreustraße, unten: „EVA-Lichtspiele, Monheim, Karstadt “ / Wilmersdorf Teil 3 / Berlin – Lost and Found: http://wp.me/p3UMZB-1Cm

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Oben: Wilmersdorfer Ecke Kanststraße, unten: Nassauische Straße, ehemaliges Flöz bzw. Black Korner.

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Oben: Steinplatz aus: http://wp.me/p3UMZB-1uU, unten: Joachimsthaler Straße aus: http://wp.me/p3UMZB-1zw

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Oben und unten 1, 2 aus: http://wp.me/p3UMZB-1CR

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Unten: aus: http://wp.me/p3UMZB-1Fx

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Oben und unten 1, 2 aus: http://wp.me/p3UMZB-1FQ

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Fotografen: Rainer Jacob, Helmut Kluge, Günter Jacob, Corneia Grosch und Marcus Kluge.

„Juno, Lux & Co“ / Reklame im Stadtbild Berlins 1954 bis heute

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Kranzler-Eck ca. 1960.

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Oben: Esso-Tankstelle Rankestraße, ca. 1957, unten: die Berliner Polizei wirbt um Nachwuchs, ca. 1960.

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Oben: ca. 1957, unten: Illu Reklame für die Berliner Bank, ca. 1965.

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Oben: Fleurop-Filiale, ca. 1958, unten: Kudamm, ca. 1960.

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Oben: Reklame-VW-Bus am Hohenzollernplatz, ca. 1954, unten: Litfaßsäule, ca. 1959.

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Oben: Schloßstraße, ca. 1978, unten: Havel, 1959.

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Oben: Flughafen Tegel, Werbung für die Nationalgalerie, ca. 1978, unten: Gemäldegalerie Dahlem, ca. 1977.

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Schwarz-weiß-Fotos oben + unten 1, 2, 3, 4 und 5: Ende 1970er Jahre.

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Oben: Kantstraße + unten: 1 (Maxim-Gorki-Theater), 2, 3, 4: alle 2016.

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Photos: MM. Jacob père & fils, MM. Kluge père & fils.

Schnelle Schuhe: „Mit Käfig in die Mauerstadt” / NTL bei Atonal 1983 von Sea Wanton

In unserer Reihe über die Jahre des Punk in West-Berlin berichtet diesmal der Musiker Sea Wanton von seiner Reise zum Atonal-Festival 1983.  Seine Band Non Toxique Lost war überraschend eingeladen worden. “Wieso uns aber Dimitri Hegemann, der Organisator des “BERLIN ATONAL 2″ Festivals zur Teilnahme eingeladen hatte (außer einem Demo-Tape und einem kurzen, freundlichen Briefwechsel war vorher nichts in Richtung Berlin gegangen), blieb uns rätselhaft. Immerhin waren als top-acts PSYCHIC TV, ZOS KIA und ZE’V angekündigt !!” Die Konzertreise ist für die jungen Mainzer ein Abenteuer gewesen, an das sich Sea Wanton mit gemischten Gefühlen erinnert. Anreise durch die DDR, Auftritt in den Pankehallen, am nächsten Tag Mauer-Sight-Seeing: “Jedenfalls war’s vom Eindruck so, wie man’s aus den vielen sog. “Agenten-Thrillern” her kennt: neblig, duster, spärliche Funzellampen, Mauer, öde, leer, manchmal ein Scheinwerfer, der die Mauerkuppen berührt.” Ich habe den stimmungsvollen Text auch deshalb ausgewählt, weil er die damalige West-Berliner Szene und ihre Protagonisten, sozusagen in einer Momentaufnahme, durch einen Außenstehenden zeigt. M.K.

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Vertrauen ist der Anfang von Allem. So startet die DEUTSCHE BANK ihre große Werbekampagne,
um die Jugend der Welt, für sich und immer nur sich, zu gewinnen. (in memoriam: RIO REISER)
Wir (d.h., die (non)Musiker von NON TOXIQUE LOST (kurz, NTL)) glaubten am 2. Dezember des Jahres 1983 selbstverständlich daran, dass die Sonne noch mindestens 20 Millionen Jahre lang unseren Erde-Planeten erwärmen und die amerikanischen GIs auch heldenhaft “unser” West-Berlin gegen die Rote Armee verteidigen würden.

Bewaffnet waren wir mit: einer Gitarre (FENDER, Typ “Telecaster”), einer Violine (mit Kontaktmikrofon) ,
einem Synthesizer MS-20 (KORG), einem Stylophon , einem Cassettenrecorder (Marke AKAI),
einer Rhythmusbox (MFB-501) , einem Sequenzer (MFB-601) , einem Orgel-Verstärker (NOVANEX)
einem Gitarren-Verstärker (FENDER “Reverb”) ,einer Trompete (“Made in the GDR” war d’rauf eingestanzt)
und last not least:  mit einem Klang- /Kunstobjekt, das wir uns aus dem Ausstellungsraum des Institut für
Kunst (Universität Mainz) “besorgt” bzw. “entliehen” hatten. Irgendjemand (von den Kunststudenten) war da auf die Idee gekommen, 20-30 Stahlrohre, gesammelt auf Schrottplätzen, Baustellen, Mülleimern, etc.,
auf ihre “Klangqualität” zu prüfen, jedes Rohr dann auf eine Länge von ca. 1 m zu kürzen, ein etwa mannshohes Stahlgerüst (so etwas wie einen “Gitter”- oder “Klangkäfig”) zu konstruieren und dann alle diese Metallteile rund herum innen drinnen an Stahldrähten aufzuhängen: man konnte also innerhalb und ausserhalb durch Draufschlagen auf die Rohre das gesamte Gebilde zum “Klingen nach allen Seiten” bringen.
Wir, d.h., A. Wollscheid, S. Schütze und G. Neumann (aka Winston Churchill, aka Sea Wanton)
lebten ’83 noch in der “Provinz” (zumindest soweit es den Aspekt der “neuen deutschen (experimentellen) Musik” betraf), in jenem “am Rosenmontag bin ich gebor’n” bekannten Mainz und begierig darauf, unsere Geräusche, unsere Ideen dem Berliner Publikum zu präsentieren. Wieso uns aber Dimitri Hegemann, der Organisator des “BERLIN ATONAL 2” Festivals zur Teilnahme eingeladen hatte (ausser einem Demo-tape und einem kurzen, freundlichen Briefwechsel war vorher nichts in Richtung Berlin gegangen), blieb uns rätselhaft. Immerhin waren als top-acts PSYCHIC TV, ZOS KIA und ZE’V angekündigt !! – wer also hatte sich für uns “starkgemacht”? Gleichwohl steckten wir mit unseren aktuellen Aktivitäten schon ziemlich intensiv in der “Kassettentäter”-Szene. Grössere Beachtung fanden unsere bisherigen ‘live” Auftritte und Produkte allenfalls bei den sog. “Punks” und “Künstlern”, wenig dagegen  bei den “Jazzern” oder “New Wavern”, schon gar nicht bei den Fans der sog. “NdW” (NEUE DEUTSCHE WELLE). A. Wollscheid studierte noch Kunst, S. Schütze war bei der Bundeswehr und ich arbeitslos. Aber wir hatten einen guten Übungsraum  (an exponierter Stelle, mitten im Zentrum des Universitätsgeländes !!), meine (damalige) Freundin einen VW-PASSAT, ein paar Freunde, die auch mal Berlin erleben wollten. Viele Collagen, Geräusche, Sounds, Rhythmen, Sequenzen und “field recordings” hatten wir schon auf die Datenträger ( hier: Compact-Cassetten) “archiviert” und drumherum ein “live”-Programm eingeübt. Eben eine Mischung aus Tapeeinspielungen und Tonerzeugung in Echtzeit, plus Gesang – so wollten wir vor ein Publikum treten.

Am Grenzübergang “Helmstedt” dann die erste Konfrontation mit dem “zweiten” deutschen Staat. 
Der “DDR-Grenzer” mockiert sich über S. Schütze, der sich weisse Handschuhe übergezogen hatte (war ja auch immerhin Winter, da am 2.12.1983 !!). “Sieh mal da, ein echter Lord…” (sinngemäss) kommt’s also vom Uniformierten der DDR-Grenztruppe und dementsprechend scharf werden auch die Pässe und Ausweise der Fahrzeuginsassen kontrolliert. Trotzdem: Keine Fahrzeugkontrolle? Erinnere mich nicht mehr…Jedenfalls ist die Transitstrecke ein Holperweg, die Reisegeschwindigkeit von (konstant ?) 100 km/h wird alle Nase lang von (DDR)-Polizei (mit Radarfallen) kontrolliert. Anhalten will sowieso niemand in diesem Land und fast zufällig, kaum wahrnehmbar teilt sich dann diese sog. “Autobahn” in die Richtungen “Berlin – Hauptstadt der DDR” und “Berlin (West)”. Aber gerade noch rechtzeitig  gesehen und nicht in die Falle gelaufen…schnell ab nach rechts… Die Pankehallen sind ein roter Backsteinbau. Schnell gefunden. Und es ist so kalt, dass mir nur noch der Begriff  “sibirischer Winter” zu Berlin einfällt. 

Irgendwann finden wir uns auch im Backstage-Bereich wieder. Einige der Musiker dort kennen wir mit Namen (aus Fanzines, SOUNDS, SPEX, etc.). HEINO und BLIXA BARGELD sind da. GRAF HAUFEN zum ersten Mal persönlich getroffen – während der Aufbauarbeiten zum Soundcheck. Das Festival soll auch für den Radiosender “SFB” ( jetzt: “RBB”) aufgezeichnet werden.. Zudem werden auch Video-Aufnahmen
gemacht. Vor der Bühne ist ein kleines “Meer” von Fernsehkameras und sonstigen Aufzeichnungsgeräten aufgebaut. Die Bühne ist in ein “hippie-eskes” Lichtermeer (“Bühnenlicht”, Spotlights ohne Ende) getaucht, es blinkert und blitzt wie in ‘ner Disco. Auf dem Schlagzeugpodest haben wir unseren “Klangkäfig” aufgebaut. Front zum Publikum: links hat sich A. Wollscheid mit Gitarre positioniert, rechts ich mit Synthesizer. S. Schütze wird den “Klangkäfig” “betrommeln” und ab und an auch seine Geige “malträtieren”. Soundcheck als letzte Band. Weil wir ja auch als “opener” gebucht sind. Alles ok. Dann ist es soweit: HEINO sagt den Auftritt an.
Der Auftritt beginnt mit einer Katastrophe – der Cassettenrecorder ist defekt. Wir bekommen ein  Ersatzgerät vom (Saal)-Hauptmixer. tanx, tanx…wherever you are !! Nochmal die Ansage: jetzt gibt uns THEO das Signal. Wir beginnen nochmal. Und ab hier “brüllen” die Stageboxen mit einer ungeheuren Lautstärke auf uns ein. Wir schaffen dennoch ! unser gesamtes Programm – so eben mal, mit “Ach und Krach”, so “la la” eben!  Dreiviertelstunde Stehen in der klirrenden Kälte auf der Bühne, lärmende Stageboxen, kein Feedback zum Mixer und und und… Irgendwie hatten wir da unsere Kräfte ein bischen überschätzt – Konditionsschwäche…wer hätte das gedacht ?. Kaum Applaus, keine Zugabe. Wir bauen schnell ab. Nach uns wird “LORENZ LORENZ” angekündigt. In der Zwischenzeit kassiere ich unsere Gage. Dimitri hat ein kurzes Lob für unsere “performance” (danke Dimi, hat gut getan) …Im Backstage-Bereich werden wir zu allem Überfluss dann auch noch von Clarissa (MANNAMASCHINE) “verbal attackiert” mit hinlänglich bekannten “Musik muss aus dem Bauch kommen” Slogans. OK. boring…aber wir sind zu “echter” Gegenwehr zu schwach… Jemand hat auch einen Schlafplatz für uns organisiert (auch hier: tanx, tanx, nochmal !). Am nächsten Morgen repariere ich die Lautsprecher (Boxen) in meinem Auto.  Drehe die Musik auch recht ordentlich laut (ich schwöre, mehr als 30 Watt waren nicht drin!) und werde demzufolge auch gleich  von einem der Anwohner “angemault”, dass ich “… nicht die ganze Strasse zu beschallen hätte”. Am Nachmittag (es wird ja in dieser Jahreszeit in dieser Stadt schon so gegen 14:00 Uhr dunkel) will ich denn auch mal den “anti-imperialistischen Schutzwall” sehen und fahre also mit’m Auto bis ich irgendwann grad davorstehe, weil da nämlich die Strasse einfach aufhörte “zu sein” (keine Ahnung wo das wirklich war).
Jedenfalls war’s vom Eindruck so, wie man’s aus den vielen sog. “Agenten-Thrillern” her kennt: neblig, duster, spärliche Funzellampen, Mauer, öde, leer, manchmal ein Scheinwerfer, der die Mauerkuppen berührt. Leises Murmeln der Grossstadt im Rücken. Dann: ZE’V und ZOS KIA (3.12.83). Und frühmorgens sind wir auch nochmal ins MADONNA (Kreuzberg). Schon faszinierend, ‘ ne sog. “alternative Szene” ohne “Sperrstunde” zu erleben. Zurück nach Mainz. Der Frust ist gross: Wir hatten vergessen unseren Gig mitzuschneiden. Aber AMOK (als TANITH dann später erfolgreicher „techno“-dj) war im Publikum, hat seinen tape-recorder hochgehalten.

 

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Monate später bekommen wir Post aus Berlin: eine Cassette mit dem “stagemix” (SFB) des Auftritts. Ich frage irgendwann jene Firma, sie hat die Video-Aufnahmen während des Festivals gemacht, nach dem Material (es soll ein Mitschnitt von auf “U-MATIC” existieren). Und wirklich: wir bekommen Antwort und es heisst, wir könnten das Teil für DM 500,- kaufen. Nee, is aber echt nich’ drin:
meine Arbeitslosenhilfe (im Jahr 1986) pro Monat ist so um die 520,- DM…woher nehmen wenn nicht stehlen?

jetzt ist 2016. wer hätte gedacht dass wir so lange ‘durchhalten’ ?…A. Wollscheid ist als freier Künstler in F.a.M. und als labelchef von ‘Selektion’ tätig (spielt ab und an gitarrenparts für NTL ein), Steffen (macht das artwork) und ich (Sea Wanton) leben in Berlin. Das Projekt ‘Non Toxique Lost’ existiert weiterhin (durch uns + die mitarbeit einiger interessierter künstler/musiker). die ‘Berlin Atonal’ Veranstalter beantworten (leider) unsere Anfragen nicht mehr (gern hätten wir dem Publikum im ‘Heizkraftwerk’ mal unser aktuelles oeuvre vorgestellt, aber…).

Wir (d.h., die (non)Musiker von NON TOXIQUE LOST (kurz, NTL)) glauben im Jahre 2016 selbstverständlich daran, dass die Sonne noch mindestens 20 Millionen Jahre lang unsere Erde erwärmen wird. und ‘kriegstanz’ – dieses Lied gehörte (in 1983) auch zu unserem ‘Atonal’ Auftritt:  musik…musik mein ganzes leben ist musik musik…musik musik…mein ganzes leben ist musik…musik… ich fühle nur musik

http://www.nontoxiquelost.de/ntl/e_links01.html


NTL Atonal 1983: https://www.youtube.com/watch?v=WiQX5OKqO_4

33 Jahre später, NTL Atonal 2016: https://www.youtube.com/watch?v=s6LS9kbTUQ8

Lost and Found – „Wilmersdorfer Straße, Kantstraße, Messe” / 1955 – heute

In meiner Reihe mit Rekonstruktionen alter Fotografien bleibe ich heute in meiner Heimat, denn seit 18 Jahren wohne ich in Charlottenburg. Die Wilmersdorfer Straße ist für mich unvermeidbar, was man nicht im Supermarkt bekommt, gibt es dort, meistens jedenfalls. Schon als Kind sind wir aus Wilmersdorf mit der Straßenbahn zum einkaufen hingefahren. Seitdem hat die Wilmersdorfer mehrfach ihr Aussehen verändert. Die Kantstraße hat mich schon immer fasziniert, mit ihrem gewagten Mix von obskuren Billigelektronik-Shops und alteingesessenen Fachgeschäften wie Harry Lehmanns “Parfum und künstliche Blumen” oder “Korsett Engelke” http://www.korsett-engelke.com/willkommen.php . Harry Lehmann ist am gleichen Platze, während sich Korsett Engelke verbessern konnte und wenige Häuser weiter, in der Kantstraße 103, mit doppelter Verkaufsfläche Sach- und Fach-Verstand im Dessouswesen anbietet. Seit langem hat die Kantstraße, wie ein Fernbahnhof, Zugereiste angezogen, vermehrt gilt das seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Erst kamen viele Polen, dann Weißrussen, Besucher aus dem Baltikum und wieder einmal Russen, wie in den 1920er Jahren, als Charlottengrad schon einmal sprichwörtlich wurde.

Außerdem habe das Messegelände besucht, es liegt ja quasi in meinem Hinterhof. Wenn ich mit dem Rad in den Wald will oder am Theodor-Heuss-Platz zu tun habe, komme ich vorbei und bin hin und hergerissen durch die seltsame Koexistenz von Bauten im NS-Stil und 1970er Moderne. Einen Blick wert ist auch die orangefarbene Unterführung, von Architekturkennern “Passarelle” genannt. 1950, als Rainers Vater Günter am Messegelände fotografierte, war die Fläche zwischen Palais am Funkturm und Haus des Rundfunks wie leergefegt. Heute, 66 Jahre später, ist das Haus des Rundfunks fast gänzlich hinter Bäumen verschwunden.

Fotos: Rainer Jacob, Günter Jacob, Helmut Kluge, Marcus Kluge.

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Wilmersdorfer Ecke Kantstraße, oben ca. 1960.

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Unten: Wilmersdorfer Straße 58.

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Oben: 1978.

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Wilmersdorfer Straße 66, oben: ca. 1955.

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Kantgaragen.

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Lewishamstraße. Oben 1977, unten heute.

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Stuttgarter Platz, oben Rainer 1977.

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Parfums nach Gewicht und künstliche Blumen kann man hier immer noch kaufen. Das Geschäft feiert dieses Jahr 90-jähriges Bestehen.

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Statt Korsett-Engelke lockt nun Adis Suppen-Shop “Vegg&Bones”, der wie meine Quelle betont sehr empfehlenswert ist . Der Miederwarenfachhandel ist ein paar Häuser weitergezogen, in die Kantstraße 103.

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Haus des Rundfunks, oben 1950.

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Vor dem Palais am Funkturm, oben: ca. 1950, unten ca. 1959.

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Oben: ca. 1950.

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Illu ICC: Rainer Jacob


Schnelle Schuhe – „Schwankende Gestalten“ / Erinnerungen eines Spandauer Punks von Olaf Kühl Teil 1

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Drive

Die erste Punk-Band, die ich mit meinen damals gut 14 Jahren näher kennen lernte, waren die Ramones, eine New Yorker Band, deren Musik Kultstatus hatte. Ihre bereits 1976 aufgenommene Scheibe Ramones habe ich mir damals wie ein Mantra immer und immer wieder in meinen jugendlichen Schädel reingehämmert. Und warum? An den Texten und an den musikalischen Arrangements wird es wohl nicht gelegen haben, denn die waren ziemlich einfach. Entscheidend war, dass die Musik der Ramones drive hatte. Sie war schnell. Sie war voller Energie. Und genau das war das Faszinierende. Denn mein Leben hatte gewissermaßen keinen drive. Hatte keinen Schwung. Keine Energie.

Ich wohnte damals im Falkenhagener Feld in Berlin/Spandau, damals wie heute eine öde Schlafstadt, in der sich bevorzugt wurzellose, etwas gestörte Menschen niederlassen. Über uns wohnte beispielsweise eine Kleinfamilie, deren Sohn vom rechtsradikalen Vater regelmäßig so brutal geschlagen wurde, dass wir am Abendbrottisch betreten dessen Schreien und Winseln hören konnten; unter uns trieb eine inzestuös veranlagte Sippe ihr Unwesen; im obersten Stockwerk wiederum wohnte eine Mutter, die in lockeren Abständen mit Krankenwagen in die Nervenheilanstalt gebracht werden musste. Erstaunlich, was sich damals – unter dem Mantel kleinbürgerlichen Wohllebens – in meinem nächsten Umfeld für Abgründe auftaten. Fatal war, dass diese Welt nicht nur brüchig und verlogen war, sondern auch so gar nichts Anregendes bot. Sie versprach nichts. Sie lockte mit nichts. Gar nichts. Letztlich wurde man hier immer blöder und stumpfsinniger. Und merkte es kaum.

Und dann kommt diese schnelle, harte Musik von den Ramones und jagt dir wieder Energie in die müden Knochen, rüttelt dich wach und macht dir Mut, nicht weiter stumpfsinnig auf nichts zu warten. Diese Musik, das war wie ein Lockruf: Hey Olaf! Du musst nicht zwangsläufig Teil dieser Verblödungsgesellschaft sein. Es gibt eine bunte, wilde Alternative. Werde doch einfach auch Punk! Wie wir!

Platten-Dealer

So geil die Musik der Ramones auch war: Nachdem ich ihr Album 50 Mal gehört hatte, ließ die elektrisierende Wirkung langsam nach, immer länger musste ich auf den Kick warten, bis er dann schließlich ganz ausblieb. In dem Moment ging es mir so, wie es jedem Junkie irgendwann geht: Man braucht neuen und mit der Zeit auch zunehmend härteren Stoff, um den Zustand der Glückseligkeit wieder zu erreichen.

Nun konnte man die Scheiben der Ramones damals wie heute in jedem etwas besser sortierten Plattenladen kaufen und aus einem solchen hatte ich sie ja auch (aus dem ollen Musikland in Spandau, wo man nachmittags stundenlang rumsitzen und neue Scheiben hören konnte; ab und an kam einer rein, den man kannte, man quatschte ein wenig, hörte die nächste Scheibe und so vergingen die langen Stunden des Nachmittags…). Irgendwann hatte ich aber von zwei spezielleren Läden gehört; von zwei Läden, in denen es härtere Scheiben geben sollte, Scheiben, die nicht für die Allgemeinheit gedacht waren, sondern für die, die es ernster mit der Bewegung meinten. Der eine Laden hieß Vinyl Boogie, der andere Zensor.

Der Zensor befand sich versteckt in einem Hinterzimmer in der Belziger Straße in Schöneberg. Vorne war ein Szene-Bekleidungsgeschäft (das legendäre blue moon), in dem es Klamotten für Freaks jeder Richtung gab: vor allem für Rockabillies und Teds, aber eben auch für uns Punk-Rocker. Hier schaute man sich um, kaufte auch mal dieses oder jenes, aber das eigentliche Ziel war das Hinterzimmer: der Zensor. Der Zensor selbst, Chef Burkhardt, war ziemlich cool; als mein Kumpel Kinski beispielsweise einmal beim Rausgehen stolperte und ihm dabei ein großer Haufen gerade geklauter Fanzines aus der Jacke rutschte, da reagierte Burkhardt total gelassen und sagte nur, er solle die Hefte doch bitte wieder zurücklegen. Das war alles. Leider war es aber so, dass sich dieser Burkhardt gar nicht wirklich für Punk-Musik interessierte; sein Herz schlug vielmehr für experimentelle, avantgardistische Musik, Punk-Scheiben verkaufte er nur nebenbei. Das führte dazu, dass man bei ihm zunehmend lange nach guten Punk-Platten suchen musste, während im Hintergrund Musik lief, die ich nur schwer ertragen konnte. Auf Dauer war das also keine Lösung.

Beim Vinyl Boogie (in der Gleditschstraße, ebenfalls Schöneberg) war es andersrum: Hier gab es die besseren Scheiben, dafür war Andreas, der Chef, ein merkwürdiger Mensch. Nicht nur, dass man bei ihm oft das Gefühl hatte, er würde sich über uns kleine Punk-Rocker lustig machen, vor allem erzählte man sich, dass er schwul sei. Schwulsein war für mich damals aber so was von uncool und bemitleidenswert, dass es in meine Vorstellungswelt vom idealen Punk-Leben nur schwer hineinpasste. Einmal stürmen zwei Punks, die ab und an bei Andreas aushalfen, in den Laden, um ihrem Chef ein neues Video zu zeigen. Alle waren ganz aufgeregt, die Kassette wurde kichernd eingelegt – und dann begann ein Film, in dem sich die beiden gegenseitig ihre Schließmuskel liebkosten – zärtlich und hingebungsvoll. Alle freuten sich ungemein – nur ich war irritiert, fühlte mich fehl am Platze und beendete meinen Einkauf schneller als geplant. Aber das war die Ausnahme. In der Regel ließ uns Andreas mit seinen sexuellen Vorlieben in Ruhe und deshalb kaufte ich meine Platten auch weiterhin bei ihm.

Später kam dann noch das Screen (in der Eisenacher Straße) dazu. Der Laden lag ganz in der Nähe der anderen beiden, so dass man – wenn man wollte – alle drei in einer Tour ansteuern konnte. Dessen Chef, Thommy, war eigentlich sympathisch: nicht so arrogant wie Andreas und nicht so avantgardistisch wie Burkhard. Seine Eigenart lag auf einer anderen Ebene: Von ihm hieß es, dass er Satanist sei; tatsächlich trug er entsprechende Zeichen, außerdem erzählte man sich, er habe seine ganze Wohnung schwarz angestrichen. Ich fand das übertrieben und auch eher unpunkig (Punk hieß doch, frei und unabhängig zu sein), aber weil er mich nie satansmäßig angebaggert hat, war mir das dann auch egal.

Sobald ich etwas Geld übrig hatte, bin ich damals von Spandau nach Schöneberg zum Punk-Shopping gefahren. Dort regelmäßig aufzukreuzen, war auch deshalb ratsam, weil die meisten Scheiben in so kleiner Stückzahl erschienen, dass man immer Gefahr lief, eine gute Scheibe zu verpassen. Und das wollte ich vermeiden. Außerdem hatten diese Läden auch eine wichtige informelle Bedeutung: Hier erfuhr man, wo und wann welche Band in der nächsten Zeit spielen würde und was sonst noch so an Wichtigem anstand.

Punk Live

Der Besuch eines Punk-Konzertes folgte oft einem ritualisierten Ablauf. Zumeist trafen wir uns bereits am Nachmittag auf dem Spandauer Marktplatz, öffneten die ersten Bierdosen, wurden lustiger und lauter und spürten, wie sich allmählich das ersehnte Gefühl gespannter Vorfreude einstellte. Dann machten wir uns auf den Weg nach Kreuzberg (fast alle Punk-Konzerte fanden damals in Kreuzberg statt). Das war damals allerdings ein weiter Weg, denn die S-Bahnlinie hatte man stillgelegt, die U-Bahn war noch im Bau und an schnelle Regionalzüge war damals noch nicht einmal zu denken. So dauerte die Fahrt eine gefühlte Ewigkeit – was uns freilich die Gelegenheit gab, noch ein paar Bierdosen zu öffnen, noch lustiger und lauter zu werden und manchmal auch schon die ersten kleinen Vorabenteuer zu erleben.

Einmal fuhren wir zu irgendeinem Konzert nach Kreuzberg. Lorenzen war dabei, allerdings hatte er noch kein Ticket, geschweige denn Geld, um sich an der Abendkasse eins zu kaufen. Da schlug ich ihm vor: „Schnorr dir doch das Geld einfach zusammen!“ Er sah sich um, stellte fest, dass in der U-Bahn fast nur Türken saßen, aber auch da hatte ich eine Idee: „Wenn du die Türken auf Türkisch nach `ner Mark fragst, dann geben die dir bestimmt was! Sowas mögen die, da freuen die sich.“ – „Aber ich weiß doch nicht, was das auf Türkisch heißt!“ – „Das heißt ananasekim. Du musst ananasekim sagen.“ – „Ey, danke Olaf.“ Und so ging Lorenzen in der U-Bahn voller Türken umher und sagte immer ganz freundlich „ananasekim“, aber keiner rückte auch nur einen Pfennig heraus. Einige grinsten, andere schauten weg, gegeben hat keiner was. Da bekam Lorenzen mit, dass wir uns im Hintergrund schlapp lachten. Auf seine Frage, was denn los sei, erklärten wir ihm, dass ananasekim „Fick mit deiner Mutter“ heißt und die übelste Beleidigung darstellt, die man sich auf Türkisch sagen kann. Was haben wir gelacht. (Aus heutiger Sicht ist das natürlich – wie so vieles – peinlich, weil es zeigt, dass unser Gespür für die Befindlichkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund damals nicht sehr stark ausgeprägt gewesen ist; vor allem aber frage ich mich, ob bzw. wie lange wir heute nach so einer Aktion noch lachen würden; wahrscheinlich nicht sehr lange…)

In heiterer Stimmung erreichten wir dann das ferne Kreuzberg. Einer der wichtigsten Veranstaltungsorte für Punk-Konzerte war damals das KZ 36. KZ stand für Kommunikationszentrum, 36 war die alte Postleitzahl, insgesamt also ein harmloser Name, aber er löste andere Assoziationen aus und wirkte dadurch provokativ. Der Weg vom U-Bahnhof Kottbusser Tor, wo man aussteigen musste, zur Waldemarstraße, in der sich das KZ 36 befand, war für mich wie das Eintauchen in eine andere Welt. Am Kottbusser Tor habe ich zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben Kebab-Läden gesehen, es gab damals aber auch noch türkische Metzgereien, in deren Schaufenstern rohe Fleischstücke hingen oder Schafsköpfe zu Pyramiden aufgeschichtet waren. Dann ging es die Adalbertstraße hinunter. Und mit jedem Haus wurde das Straßenbild heruntergekommener, abgefuckter: Abrisshäuser – auch so was gab es nicht in Spandau; ganze Straßenzüge mit Gründerzeithäusern hatte man damals bewusst verfallen lassen, weil man sie abreißen und durch öde Sozialbauten ersetzen wollte. In der Waldemarstraße funktionierte dann nicht einmal mehr die Straßenbeleuchtung, stattdessen standen hier finstere Ruinen, in denen kein Licht mehr darauf hindeutete, dass noch irgendetwas bewohnt wäre. Bei einem dieser heruntergekommenen Häuser musste man dann durch ein Tor, um dann über den noch finstereren Hinterhof in das Seitenhaus zu gelangen. Dann ein verfallenes Treppenhaus, dann der erste Stock und dort war schließlich das KZ 36. Zumeist traten hier Punk-Bands aus Berlin auf, deren Musik allerdings fast nie das Niveau der populären Bands aus Westdeutschland erreichte. (Nie habe ich verstanden, warum das so war, aber die richtig guten Bands kamen damals einfach nicht aus Berlin, sondern aus Hamburg, dem Ruhrgebiet oder sonst woher. Irgendwie war es mit dem Punk-Rock so wie mit dem Fußball; auch unsere Hertha kam damals ja nicht richtig hoch…)

Drinnen war es dann ebenfalls völlig heruntergekommen, zudem laut, eng und düster. Viele Leute, die hier herumstanden, waren dem Augenschein nach härter drauf als wir. Auch in der Punk-Bewegung gibt es ja verschiedene Ligen, und wir spürten zumindest in den ersten Jahren, dass wir noch nicht in der Oberliga angekommen waren. Aber dann fingen die Bands an zu spielen, schnell, laut und aggressiv dröhnte es aus den Lautsprechern, die Punks vor der Bühne begannen sich zu bewegen, nach und nach gesellten wir uns dazu, bald schubsten wir uns, warfen uns hin und her, packten uns an den Jacken, sprangen zum Rhythmus der Musik in die Luft, rissen uns zu Boden, lagen dann unten in einem Dreck aus verschüttetem Bier, Rotze und Zigarettenresten, mussten aufpassen, dass niemand auf uns tritt, versuchten wieder hochzukommen, tanzten dann weiter und weiter, brüllten, schrien und schwitzten, atmeten schnell durch, wenn ein Lied zu Ende war und machten beim nächsten Song genauso wild und verwegen weiter. Hierbei mitzumachen war – zumal für einen Brillenträger – nicht ungefährlich, aber ich war gerne dabei, weil das das ultimative Kontrastprogramm zu meinem langweiligen Leben in Spandau war. (Und dass ich noch nicht in der Oberliga spielte, war zumindest beim Pogo-Tanzen egal.) Irgendwann hatte man dann genug vom Herumfegen. Durchgeschwitzt und außer Atem gingen wir dann entweder auf den Hof und atmeten die Kreuzberger Nachtluft ein, oder es ging in den Vorraum, wo man sich ein neues Bier besorgen und etwas plaudern konnte. (Nett war auch, dass hier manchmal kleine Filme gezeigt wurden; hier sah ich zum Beispiel mit 15 Jahren meinen ersten Pornofilm – was in einer Zeit, in der man sich noch nicht via youtube oder youporn dauerbefriedigen konnte, noch ziemlich krass gewesen ist.)

Nach zwei, drei Stunden Konzert waren wir dann völlig erschlafft, hatten nun aber noch die lange Rückfahrt nach Spandau vor uns. Wieder eine gefühlte Ewigkeit unterwegs. Dazu kam, dass der Rückweg nicht ungefährlich war, denn jetzt trieben sich in der U-Bahn Typen herum, die – anders als wir, die wir bloß noch nach Hause wollten – noch ein Abenteuer, eine Bewährungsprobe suchten. Einmal stiegen zum Beispiel ein paar ungesittete Menschen in unsere U-Bahn, die uns zwar zahlenmäßig nicht überlegen, aber eindeutig stämmiger waren. Ich hätte die ignoriert. Aber Kinski hatte seine im Überschauen komplexer Situationen etwas unerfahrene Freundin dabei und die fand es cool und punkig, die Jungs anzumachen. Irgendsowas Überflüssiges und letztlich Bescheuertes wie „Na, die sehen ja schick aus.“ Die fackelten nicht lange. Der Chef holte seinen Totschläger raus und schlug damit voll zu – auf Kinskis Schädel. Völlig sprachlos und entsetzt leisteten wir keinen Widerstand, so dass es damit dann auch sein Bewenden hatte und die Jungs eine Station später wieder ausstiegen. Wir aber mussten in Spandau noch in ein Scheiß-Krankenhaus, Kinski musste sich seinen Kopf nähen lassen („Wie ist das denn passiert?“ – „Ich bin hingefallen…“) und wir wussten, dass es einfach Scheiße ist, nach geilen Konzerten immer wieder in dieses verfuckte Spandau zurückfahren zu müssen.

Wird fortgesetzt –

Olafs Erinnerungen stammen aus dem (leider vergriffenen) Buch „laut und betrunken“. In der nächsten Folge erzählt er von der eigenen Band, dem Fanzine machen und den „Feinden“ seiner Clique: Bürgern, Grünen Männchen und Skinheads.

Schnelle Schuhe – „Ach Musik“ / von Marcus Kluge – Punk in Berlin Teil 2

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen. Und sie ist ein Fragment. Ursprünglich gab es einen ersten Teil, indem eine Autorin erzählte, wie 1977 für sie, Punk nach Berlin kam. Wie sie als 13-jährige “ihre ersten Punks” in der U-Bahn sah und sich fast unmittelbar anschloss. Leider hat die Autorin den wunderschönen Text zurückgezogen und all meine Leidenschaft und Eloquenz konnten sie nicht davon abhalten. Es gab auch eine persönliche Ebene der Angelegenheit, aber die soll privat bleiben. Es war eine neue und unerfreuliche Erfahrung für mich Herausgeber und Freund. Lange Zeit hatte ich keine Lust an dem Serien-Fragment weiterzuarbeiten. Jetzt habe ich begonnen die Sammlung neu zu fassen und durch zusätzliche Texte zu ergänzen. Am 21. 5. erschien der erste Teil und heute folgen meine Erinnerungen. Apropos Erinnerungen, die Autoren beschreiben ihre eigenen Erinnerungen, die möglicherweise nicht mit denen anderer Zeitzeugen übereinstimmen. Diese Texte haben nicht den Anspruch Musikgeschichte zu schreiben, sondern den, persönliche Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren. (Das Foto oben zeigt den Autor Ende der 70er Jahre.)

“Schnarräng!! – Da tönt ihm in das Ohr
Ein Bettelmusikantenchor.
Musik wird oft nicht schön gefunden,
Weil sie stets mit Geräusch verbunden.”
Wilhelm Busch: Der Maulwurf

1983. Wir sind zu dritt und haben ein Kunstkopf-Mikrofon und einen tragbaren Audio-Rekorder dabei. Irgendwo am Teltowkanal kennen wir einen Schrottplatz, der am Wochenende unbewacht ist. Herbert und ich sind nicht allein, Cordula ist auch dabei, glaube ich.
Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als “Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Den benutzte er sonst zum Mitschneiden von Konzerten. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhytmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
“Watt soll’n ditte hier?”
Die Aggressivität der männlichen Stimme wurde durch das entgrenzte Kläffen eines Hundes unterstrichen.
“Wir machen Musik!”, brüllte ich zurück. Jetzt sahen wir den “Schrottplatz-Offiziellen” und einen riesigen Schäferhund-Rotti-Mischling. Beide waren fuchsteufelswild und der Mann schrie die folgenden, unsterblichen Sätze:
“Ach Musik! Ach Musik ist ditte! Macht mal ‘n langen Schuh, sonst jipps Keile!”
Wir beschlossen ohne weitere Diskussion der Aufforderung des Schrott-Wächters nachzukommen. Schnell packten wir Mikro und Rekorder zusammen, kletterten zurück und spätestens als wir auf unseren Fahrrädern saßen, konnten wir kaum noch die Balance halten vor lachen. Aus “lange Schuhe” wurde in der Erinnerung “schnelle Schuhe” und den “Ach Musik!” Audio-Clip bauten wir in einen Song ein. Wir benutzten ihn schließlich als Jingle bei unseren Veranstaltungen. Er wurde zum Markenzeichen und zum geflügelten Wort für alle Grenzwertigkeiten musikalischer Natur und an solchen waren die 1980er Jahre reich.

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Anfang 1979 sollten die “Sex-Pistols” in der Neuen Welt in der Hasenheide spielen. Neben “The Saints”, deren Stranded-Album ich ’78 als Cut-Corner kaufte, sind die Sex Pistols zwischen dem ganzen weichgespülten Chart- und und behämmerten Hard-Rock, ein Lichtblick. Leider fiel das Konzert aus, meine Karte gab ich zurück, denn inzwischen war Syd Vicious an einer Überdosis Heroin gestorben. Im Chelsea-Hotel in New York, in dem Apartment, in dem er nach Vermutung der Polizei seine Freundin Nancy Spungen erstach. Der Punk kam trotzdem nach West-Berlin und beendete kraftvoll die 70er Jahre, die ich, wenn zu ich einer royalen Familie gehören würde, als mein “Dezennium Horribilis” bezeichnen würde. Es war wirklich ein blödes Jahrzehnt, es baute sich auf der Asche der genialen 60er auf und bestand aus schlechter Musik, hässlicher Mode, dem “Deutschen Herbst” und Stillstand, sowie einem Strukturumbau, der die Grundlagen für den heutigen Turbo-Kapitalismus legte, aber das ahnte ich nur, damals. Umso bunter die Äußerlichkeiten wurden, desto grauer und gefühlskälter wurde die Gesellschaft innerlich. Die “Sexuelle Revolution” entpuppte sich als Erlaubnis Pornografie zu verkaufen und kaufen. Punk war der benötigte grobe Keil, um den 70er-Klotz zu zerhacken. Punk befriedigte den Wunsch der Jungen nach Authentizität, Lebensfreude und Gefühl. Endlich schaffte auch ich es aus meiner selbstgewählten “Splendid Isolation” und meinem Schweigen auszubrechen. Die Latte hing plötzlich so niedrig, dass in Grunde jeder sie überspringen konnte. Drei Akkorde reichten Musik zu machen und das Drei-Finger-Suchsystem reichte, um Autor zu werden. Ich war wieder im Geschäft, ohne Punk hätte man mich wahrscheinlich weitere zehn Jahre später vom Fußboden meiner Außenklo-Wohnung gekratzt.
Vor ein paar Jahren hatte mein alter Freund und Mitstreiter Hcl mal kommentiert, wir wären damals irgendwie alle Punks gewesen. Ich hatte mich distanziert, weil ich mich damals nie als Punk gefühlt habe. Ich war schon Mitte 20, für mich waren richtige Punks 15 oder allenfalls 17. Ich bewegte mich in der Punkszene, sie hat mich sehr beeinflusst, befreit und mir Perspektive gegeben, jenseits traditioneller politischer und künstlerischer Festgelegtheiten. Insofern war auch ich ein Punk.

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Performance zum Beginn des Orwell-Jahres am 1. Januar 1984.

Eigentlich hatte ich 1971 das Musizieren aufgegeben, mein Bass lehnte an der Wand und wurde nicht gespielt. Ich hatte als Kind und Jugendlicher viel ausprobiert und und immer wieder versucht den Traum zu verwirklichen, als Musiker auf der Bühne zu stehen und Erfolg zu haben. Mit 16 gab ich auf, ich hatte einfach nicht genügend Talent, fand ich. Aber zehn Jahre später glaubte ich an das Versprechen der Punkbewegung, jeder könne mit drei Akkorden erfolgreich sein. Im “Rock City Berlin” Handbuch 83/84 stehen hunderte Bands, die fantasievolle Namen wie Pille Palle und die Ötterpötter, Mekanik Destrüktiw Komandöh, Leningrad Sandwich oder Flucht nach vorn haben. Es war eine Gründerzeit. Also gründeten Herbert und ich, sofort, nachdem wir uns 1982 kennengelernt hatten, eine Band, die wir “Cut-Up-Swingers” nannten. Zum einen, weil wir mit der Cut-Up-Methode des Schriftstellers William S. Bouroughs arbeiteten, zum anderen spielte der Name auf die Feministin Valerie Solanas an, die S.C.U.M. gründete, die “Society for cutting up men”. Zunächst machten wir Klangkollagen, ich las gefundene Texte, zum Beispiel aus Pornoheften und wir mischten Geräusche und rhythmisches Kling Klong dazu. Es war ziemlich schrecklich, fand ich. Aber ich fand auch schrecklich, was Industrial Bands wie Throbbing Gristle oder SPK machten. Mein Musikgeschmack war im Grunde bescheiden, mit Bass und Schlagzeug, die richtig rockten, war ich meist zufrieden.

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Attraktiv&Preiswert ’84

“Split”, der Maler und Sänger der Band “La Loora”, charakterisierte Herbert und mich mit dem Satz:
“Der Eine sieht aus wie ein Hippie, ist aber keiner und der Andere sieht überhaupt nicht wie ein Hippie aus, war aber wahrscheinlich mal einer.”

In Wirklichkeit hatte der “Ach Musik”-Rufer auf dem Schrottplatz mit seinen Zweifeln nicht unrecht. Man konnte darüber streiten, ob wir wirklich Musik produzierten. In den Weiten des Internets gibt es Seiten, die jede noch so obskure Band aus den 80er Jahren in Schubladen einordnen. Kürzlich las ich für uns die Kategorie “Avantgarde/Junk Punk”, was gar nicht mal verkehrt ist. Tatsächlich machten die Cut-Up-Swingers eher Lärm als Musik, kunstvollen Lärm und schlichtesten Punk. Unsere Musik gemahnte mehr an David Peel, weniger an John Peel.

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War kein Hippie

Dann gründeten wir das Fanzine “Assasin” und Herbert zog in die Wohnung unter mir in der Rheinstraße. Von nun an war Herbert “Dr.Dr.Dr. Beinhardt Attraktiv” und ich war “Sherlock Preiswert” und langsam schufen wir einen fiktiven Kosmos um uns herum. Dazu gehörten Salzstangen und Pfefferminztee, sowie ein fiktives Detektivbüro, über das wir Hörspiele und später sogar Filme machten. Wir hatten Fans, Leser und Freunde, die Mitarbeiter wurden, als auch Mitarbeiter, die Freunde wurden. Cordula, Hcl, Calli, Bong Boeldicke und Andreas B. gehörten zum harten Kern. Mein Freund Rainer Jacob, der schon ein gefragter Art Director war, machte die Gestaltung und veredelte den Punkstil mit Art Deco und Anspielungen auf den deutschen, expressionistischen Film. Wir kollaborierten mit Bands wie Dreidimensional oder MDK und Künstlern wie Hapunkt Fix. Viele Fotostrecken entstanden, zum einen Bandfotos, zum anderen Street-Fashion-Aufnahmen. Wir hatten Kontakte ins In- und Ausland, tauschten Tapes und Fanzines und das alles ohne Computer und Internet. Unsere beiden kleinen Wohnungen in der Rheinstraße 14 wurden zu Redaktion, Studio, Konzerthalle und Treffpunkt der Subkultur.

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Assasin N°5

Als ich für diesen Text recherchierte, um die Lücken zu füllen, die runde 30 Jahre in mein Gedächtnis gerissen haben, stellte ich fest, wie unterschiedlich man sich erinnert.
Hcl glaubte sich dunkel zu erinnern, “Ach Musik” stamme von einem Prollnachbarn in der Rheinstraße. Dazu fiel mir nichts ein, erst als Herbert das Stichwort “Maserati” ins Spiel brachte, stieg das Bild dieses Nachbarn in mir hoch. Dünn, 1,90 groß, mit Vokuhila, war er wohl der Prototyp eines “Prollnachbarn”. In der Wohnung über mir, – ebenfalls 28 qm, zu heizen nur mit einem Allesbrenner, versehen mit Außenklo und einem Kaltwasserhahn in der Küche – hauste er mit Frau und einem Baby, sowie einem Yorkshire-Terrier. Das Geld, das er als Kohlentrimmer verdiente, steckte er wohl hauptsächlich in einen Maserati, den er liebevoll pflegte und an dem er jedes Wochenende unermüdlich herumschraubte. Abends widmete er sich seiner illegalen CB-Funkanlage, deren Booster so stark waren, dass ich ihn ständig in meiner Stereo-Anlage hörte.

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Rheinstraße 14 mit Leiser-Filiale und Maserati.

Ja, der Maserati-Mann war ein echtes West-Berliner Original, auch wenn einem seine Familie leid tun konnte, aber der Urheber von “Ach Musik” war er nicht. Wie Herbert konnte sich Cordula an unsere Aufnahmesession auf dem Schrottplatz am Teltowkanal erinnern.
Cordula: “Ich war dabei! Das ist wieder so’n Ding, wo dein Text mir zeigt, dass es wahr war, woran ich mich erinnere – kennst du das: manchmal sind solch ferne Erinnerungen irgendwie unwirklich, bis jemand auftaucht, der auch dabei war. Hab seitdem sogar selbst ein paar feine rostige Teile zu Hause, weil sie gut klingen und denke dabei auch manchmal an dieses erste Mal. Und ich warte bis heute vergebens auf das Konzert für 23 Kaffeemaschinen, war immer überzeugt, dass das ein Erfolg werden würde und dass das der eigentliche Zweck dieser Blubbergeräte ist!”

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Cut-Up-Swingers Bandfoto

Herbert und ich versuchten die Cut-Up-Swingers in Richtung Band zu entwickeln, aber ein Bandfoto mit Mirkotz von Dreidimensional und dem DJ RichArt blieb der einzige Abzug dieses Vorhabens. Allerdings spielte Mirko als einziger “richtiger Musiker” bei einigen unserer Aufnahmen.
Mehr als Rock’n’Roll lagen uns kopflastige Performances. Auch gern mit Kaffeemaschinen, ihr Sound war besser, je verkalkter sie waren. Am 1. Januar 1984 machten wir eine Performance in einer Galerie in der Körnerstraße, um den Beginn des Orwell-Jahrs zu feiern. Ich las Beunruhigendes aus der Springer-Presse vor, Herbert demonstrierte mit Styropor, wie man Abhörspezialisten fertigmacht und ein paar Kaffeemaschinen blubberten. Das Konzert für 23 dieser Warmgetränkeerzeuger wartet aber in der Tat noch auf seine Aufführung.
Wir veröffentlichten drei Tapes, Cover, Texte und natürlich Herberts schöne Klangkollagen lockten einige Käufer. Noch heute werden diese Tonträger im Internet gehandelt. Regelmäßig plünderten wir die Altpapierstapel der Nachbarschaft um stets genug Lesestoff und Anregungen für ünsere Veröffentlichungen zu haben. Einmal im Monat holten wir Altpapier vor dem Wohnhaus von Barry Graves ab. Graves war damals als Radio-D.J. und Rockjournalist eine feste Größe und lebte zeitweise in New York. TimeOut, New Yorker und Billboard erweiterten unseren Horizont. Auch die Idee für unser Tape “Sex By Phone” stammte aus dieser Quelle. Bevor Graves 1994 an HIV starb, war er der Erste, der in seinen Sendungen eine neue Musik, namens Tekkno präsentierte.

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Kannibal mit Graf Haufen

1984 veranstalteten Herbert und ich “Kannibal in Berlin”, eine Art Anti-Karneval in unseren beschränkten Räumlichkeiten in der Rheinstraße. Dazu nutzten wir auch die Flachdächer vor Herberts Wohnung. Es wurde eine ziemlich rauschende Party, in der Woche danach drohte uns der Vermieter mit Kündigung. Die blieb uns erspart, wahrscheinlich weil kein Nachmieter zu finden gewesen wäre und wir zahlten unsere Miete immerhin pünktlich. Danach sprach uns Gudrun Gut an, die mit “Sleep” eine unvollständige Bestandsaufnahme der Berliner Punk- und Industrial-Szene plante. Wir beteiligten uns mit “Üxxan Kcüruk”, eine Art “Neubauten-Parodie” und persönliche Verarschung von Blixa Bargeld. Eigentlich mochten ich die Neubauten ganz gern, Herbert war sogar ein echter Fan, aber ich hatte mich über Blixa geärgert. Seit fast zwei Jahren rannte ich ihm hinterher und bat ihn um ein Exklusiv-Interview. Diverse Male sprach ich ihn an und wurde vertröstet, während er zum gefragten Interviewpartner von Mainstream-Medien wurde. Ich schrieb eine böse Glosse über ihn im Assasin und erfand dafür eigens eine neue Rubrik, die “Denu”, eine Abkürzung von Denunziation, ganz im Stil unserer “Abschusslisten”-Satire. Nicht zufällig gehörte Christian Y. Schmidt, der damals das geniale Dreck-Magazin machte und später acht Jahre bei “Titanic” Endzeitsatire betrieb, zu den größten Assasin-Fans. Unter anderem veröffentlichten wir Blixas bürgerlichen Namen, Christian Emmerich, worüber der Sänger “not amused” war, wie wir hörten.
Das Stück für Gudruns Sleepsampler hieß ursprünglich “Zurück Christian”, aber wir verschlüsselten es, in dem wir den Titel rückwärts schrieben: “Naitsirhc Kcüruz”. Aber “Naitsirhc” schien uns zuwenig kommerzielles Potential zuhaben, so machten wir “Üxxan Kcüruz” daraus. (Nait Sir H.C. wäre auch nicht schlecht gewesen) In den Independent-Charts des Musikexpress erschien der Kassettensampler auf Platz 8, wir waren stolz auf unseren, eigentlich mehr symbolischen Erfolg. Durch ein redaktionelles Missgeschick gibt keine neuen Indie-Charts für den folgenden Monat, deshalb wurde die alte Statistik noch einmal abgedruckt: Wir waren sogar zwei Monate auf Platz acht der deutschen Indie-Charts. Kicher.

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Street-Fashion.

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La Loora mit Sänger Split (li.)

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Der früh verstorbene Künstler Hapunkt Fix 1983. http://www.tagesspiegel.de/berlin/geb-1964/374662.html

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Attraktiv&Preiswert ’94

Mitte der 80er Jahre konnten wir uns das Verlustgeschäft von Fanzine und Band nicht mehr leisten. Außerdem wurde die Szene langweilig und wir wollten nicht auch anfangen, uns selbst zu kopieren, wie soviele Andere. Ich suchte mir einen richtigen Job, gründete eine Familie und Herbert machte das Abi nach. ’86 und ’87 machten wir noch eine Reihe Videos/Fernsehsendungen nebenbei, es war toll dieses für uns völlig neue Medium auszuprobieren, dann reichte die Zeit auch für dafür nicht mehr. Über meinen Lebensweg habe genug geschrieben, Herbert studierte, wurde Diplom-Dokumentar. Er hatte ja seine Leidenschaft für Hörspiel schon lange gepflegt und eine Datei aller deutschsprachigen Hörspiele aufgebaut: “Hördat”*. Seine Diplomarbeit behandelte den Aufbau des digitalen Foto-Archivs zur Stalinallee. Inzwischen arbeitet er seit vielen Jahren in Bereich der Gesundheitsforschung. Als ich im Sommer 2014 nach ihm googelte, stellte ich überrascht fest, dass er schon 2011 für den Aufbau der Hörspiel-Webseite die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht bekam. Überreicht wurde ihm das “Bundesverdienstkreuz” von André Schmitz, die Urkunde unterschrieb der “Präsi-Punk” Christian Wulff. Herbert hat es mir nichts von seinem Orden erzählt, wahrscheinlich hat er es niemandem erzählt und er wird auch nicht begeistert sein, das ich darüber schreibe. Es ist ihm peinlich, er ist ein sehr bescheidener Mensch.
Seine Soziophobie ist nicht besser geworden, meine eigene doch etwas, wir sehen ein paarmal im Jahr und haben uns vorgenommen, bei Gelegenheit mal einen Remix von “Ach Musik” zu machen und vielleicht ein Hörspiel. Im Endeffekt zählt das, was du als nächstes machst. Das habe ich auch aus der Punkzeit mitgenommen.

In Anhang gibt es einen Link zu “Üxxan Kcüruz”, wer davon noch nicht abgeschreckt ist, findet mehr Töne von den Cut-Up-Swingers auf der Tape-Attack Seite.

*Hördat:

http://www.hördat.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6rDat

Barry Graves: http://de.wikipedia.org/wiki/Barry_Graves

Cut-Up-Swingers:

 

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In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

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Anmerkungen zur Berliner Musikszene

finbarsgift

finbars geschenk ist seine seherische fähigkeit

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