Schnelle Schuhe: „Mit Käfig in die Mauerstadt” / NTL bei Atonal 1983 von Sea Wanton

In unserer Reihe über die Jahre des Punk in West-Berlin berichtet diesmal der Musiker Sea Wanton von seiner Reise zum Atonal-Festival 1983.  Seine Band Non Toxique Lost war überraschend eingeladen worden. “Wieso uns aber Dimitri Hegemann, der Organisator des “BERLIN ATONAL 2″ Festivals zur Teilnahme eingeladen hatte (außer einem Demo-Tape und einem kurzen, freundlichen Briefwechsel war vorher nichts in Richtung Berlin gegangen), blieb uns rätselhaft. Immerhin waren als top-acts PSYCHIC TV, ZOS KIA und ZE’V angekündigt !!” Die Konzertreise ist für die jungen Mainzer ein Abenteuer gewesen, an das sich Sea Wanton mit gemischten Gefühlen erinnert. Anreise durch die DDR, Auftritt in den Pankehallen, am nächsten Tag Mauer-Sight-Seeing: “Jedenfalls war’s vom Eindruck so, wie man’s aus den vielen sog. “Agenten-Thrillern” her kennt: neblig, duster, spärliche Funzellampen, Mauer, öde, leer, manchmal ein Scheinwerfer, der die Mauerkuppen berührt.” Ich habe den stimmungsvollen Text auch deshalb ausgewählt, weil er die damalige West-Berliner Szene und ihre Protagonisten, sozusagen in einer Momentaufnahme, durch einen Außenstehenden zeigt. M.K.

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Vertrauen ist der Anfang von Allem. So startet die DEUTSCHE BANK ihre große Werbekampagne,
um die Jugend der Welt, für sich und immer nur sich, zu gewinnen. (in memoriam: RIO REISER)
Wir (d.h., die (non)Musiker von NON TOXIQUE LOST (kurz, NTL)) glaubten am 2. Dezember des Jahres 1983 selbstverständlich daran, dass die Sonne noch mindestens 20 Millionen Jahre lang unseren Erde-Planeten erwärmen und die amerikanischen GIs auch heldenhaft “unser” West-Berlin gegen die Rote Armee verteidigen würden.

Bewaffnet waren wir mit: einer Gitarre (FENDER, Typ “Telecaster”), einer Violine (mit Kontaktmikrofon) ,
einem Synthesizer MS-20 (KORG), einem Stylophon , einem Cassettenrecorder (Marke AKAI),
einer Rhythmusbox (MFB-501) , einem Sequenzer (MFB-601) , einem Orgel-Verstärker (NOVANEX)
einem Gitarren-Verstärker (FENDER “Reverb”) ,einer Trompete (“Made in the GDR” war d’rauf eingestanzt)
und last not least:  mit einem Klang- /Kunstobjekt, das wir uns aus dem Ausstellungsraum des Institut für
Kunst (Universität Mainz) “besorgt” bzw. “entliehen” hatten. Irgendjemand (von den Kunststudenten) war da auf die Idee gekommen, 20-30 Stahlrohre, gesammelt auf Schrottplätzen, Baustellen, Mülleimern, etc.,
auf ihre “Klangqualität” zu prüfen, jedes Rohr dann auf eine Länge von ca. 1 m zu kürzen, ein etwa mannshohes Stahlgerüst (so etwas wie einen “Gitter”- oder “Klangkäfig”) zu konstruieren und dann alle diese Metallteile rund herum innen drinnen an Stahldrähten aufzuhängen: man konnte also innerhalb und ausserhalb durch Draufschlagen auf die Rohre das gesamte Gebilde zum “Klingen nach allen Seiten” bringen.
Wir, d.h., A. Wollscheid, S. Schütze und G. Neumann (aka Winston Churchill, aka Sea Wanton)
lebten ’83 noch in der “Provinz” (zumindest soweit es den Aspekt der “neuen deutschen (experimentellen) Musik” betraf), in jenem “am Rosenmontag bin ich gebor’n” bekannten Mainz und begierig darauf, unsere Geräusche, unsere Ideen dem Berliner Publikum zu präsentieren. Wieso uns aber Dimitri Hegemann, der Organisator des “BERLIN ATONAL 2” Festivals zur Teilnahme eingeladen hatte (ausser einem Demo-tape und einem kurzen, freundlichen Briefwechsel war vorher nichts in Richtung Berlin gegangen), blieb uns rätselhaft. Immerhin waren als top-acts PSYCHIC TV, ZOS KIA und ZE’V angekündigt !! – wer also hatte sich für uns “starkgemacht”? Gleichwohl steckten wir mit unseren aktuellen Aktivitäten schon ziemlich intensiv in der “Kassettentäter”-Szene. Grössere Beachtung fanden unsere bisherigen ‘live” Auftritte und Produkte allenfalls bei den sog. “Punks” und “Künstlern”, wenig dagegen  bei den “Jazzern” oder “New Wavern”, schon gar nicht bei den Fans der sog. “NdW” (NEUE DEUTSCHE WELLE). A. Wollscheid studierte noch Kunst, S. Schütze war bei der Bundeswehr und ich arbeitslos. Aber wir hatten einen guten Übungsraum  (an exponierter Stelle, mitten im Zentrum des Universitätsgeländes !!), meine (damalige) Freundin einen VW-PASSAT, ein paar Freunde, die auch mal Berlin erleben wollten. Viele Collagen, Geräusche, Sounds, Rhythmen, Sequenzen und “field recordings” hatten wir schon auf die Datenträger ( hier: Compact-Cassetten) “archiviert” und drumherum ein “live”-Programm eingeübt. Eben eine Mischung aus Tapeeinspielungen und Tonerzeugung in Echtzeit, plus Gesang – so wollten wir vor ein Publikum treten.

Am Grenzübergang “Helmstedt” dann die erste Konfrontation mit dem “zweiten” deutschen Staat. 
Der “DDR-Grenzer” mockiert sich über S. Schütze, der sich weisse Handschuhe übergezogen hatte (war ja auch immerhin Winter, da am 2.12.1983 !!). “Sieh mal da, ein echter Lord…” (sinngemäss) kommt’s also vom Uniformierten der DDR-Grenztruppe und dementsprechend scharf werden auch die Pässe und Ausweise der Fahrzeuginsassen kontrolliert. Trotzdem: Keine Fahrzeugkontrolle? Erinnere mich nicht mehr…Jedenfalls ist die Transitstrecke ein Holperweg, die Reisegeschwindigkeit von (konstant ?) 100 km/h wird alle Nase lang von (DDR)-Polizei (mit Radarfallen) kontrolliert. Anhalten will sowieso niemand in diesem Land und fast zufällig, kaum wahrnehmbar teilt sich dann diese sog. “Autobahn” in die Richtungen “Berlin – Hauptstadt der DDR” und “Berlin (West)”. Aber gerade noch rechtzeitig  gesehen und nicht in die Falle gelaufen…schnell ab nach rechts… Die Pankehallen sind ein roter Backsteinbau. Schnell gefunden. Und es ist so kalt, dass mir nur noch der Begriff  “sibirischer Winter” zu Berlin einfällt. 

Irgendwann finden wir uns auch im Backstage-Bereich wieder. Einige der Musiker dort kennen wir mit Namen (aus Fanzines, SOUNDS, SPEX, etc.). HEINO und BLIXA BARGELD sind da. GRAF HAUFEN zum ersten Mal persönlich getroffen – während der Aufbauarbeiten zum Soundcheck. Das Festival soll auch für den Radiosender “SFB” ( jetzt: “RBB”) aufgezeichnet werden.. Zudem werden auch Video-Aufnahmen
gemacht. Vor der Bühne ist ein kleines “Meer” von Fernsehkameras und sonstigen Aufzeichnungsgeräten aufgebaut. Die Bühne ist in ein “hippie-eskes” Lichtermeer (“Bühnenlicht”, Spotlights ohne Ende) getaucht, es blinkert und blitzt wie in ‘ner Disco. Auf dem Schlagzeugpodest haben wir unseren “Klangkäfig” aufgebaut. Front zum Publikum: links hat sich A. Wollscheid mit Gitarre positioniert, rechts ich mit Synthesizer. S. Schütze wird den “Klangkäfig” “betrommeln” und ab und an auch seine Geige “malträtieren”. Soundcheck als letzte Band. Weil wir ja auch als “opener” gebucht sind. Alles ok. Dann ist es soweit: HEINO sagt den Auftritt an.
Der Auftritt beginnt mit einer Katastrophe – der Cassettenrecorder ist defekt. Wir bekommen ein  Ersatzgerät vom (Saal)-Hauptmixer. tanx, tanx…wherever you are !! Nochmal die Ansage: jetzt gibt uns THEO das Signal. Wir beginnen nochmal. Und ab hier “brüllen” die Stageboxen mit einer ungeheuren Lautstärke auf uns ein. Wir schaffen dennoch ! unser gesamtes Programm – so eben mal, mit “Ach und Krach”, so “la la” eben!  Dreiviertelstunde Stehen in der klirrenden Kälte auf der Bühne, lärmende Stageboxen, kein Feedback zum Mixer und und und… Irgendwie hatten wir da unsere Kräfte ein bischen überschätzt – Konditionsschwäche…wer hätte das gedacht ?. Kaum Applaus, keine Zugabe. Wir bauen schnell ab. Nach uns wird “LORENZ LORENZ” angekündigt. In der Zwischenzeit kassiere ich unsere Gage. Dimitri hat ein kurzes Lob für unsere “performance” (danke Dimi, hat gut getan) …Im Backstage-Bereich werden wir zu allem Überfluss dann auch noch von Clarissa (MANNAMASCHINE) “verbal attackiert” mit hinlänglich bekannten “Musik muss aus dem Bauch kommen” Slogans. OK. boring…aber wir sind zu “echter” Gegenwehr zu schwach… Jemand hat auch einen Schlafplatz für uns organisiert (auch hier: tanx, tanx, nochmal !). Am nächsten Morgen repariere ich die Lautsprecher (Boxen) in meinem Auto.  Drehe die Musik auch recht ordentlich laut (ich schwöre, mehr als 30 Watt waren nicht drin!) und werde demzufolge auch gleich  von einem der Anwohner “angemault”, dass ich “… nicht die ganze Strasse zu beschallen hätte”. Am Nachmittag (es wird ja in dieser Jahreszeit in dieser Stadt schon so gegen 14:00 Uhr dunkel) will ich denn auch mal den “anti-imperialistischen Schutzwall” sehen und fahre also mit’m Auto bis ich irgendwann grad davorstehe, weil da nämlich die Strasse einfach aufhörte “zu sein” (keine Ahnung wo das wirklich war).
Jedenfalls war’s vom Eindruck so, wie man’s aus den vielen sog. “Agenten-Thrillern” her kennt: neblig, duster, spärliche Funzellampen, Mauer, öde, leer, manchmal ein Scheinwerfer, der die Mauerkuppen berührt. Leises Murmeln der Grossstadt im Rücken. Dann: ZE’V und ZOS KIA (3.12.83). Und frühmorgens sind wir auch nochmal ins MADONNA (Kreuzberg). Schon faszinierend, ‘ ne sog. “alternative Szene” ohne “Sperrstunde” zu erleben. Zurück nach Mainz. Der Frust ist gross: Wir hatten vergessen unseren Gig mitzuschneiden. Aber AMOK (als TANITH dann später erfolgreicher „techno“-dj) war im Publikum, hat seinen tape-recorder hochgehalten.

 

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Monate später bekommen wir Post aus Berlin: eine Cassette mit dem “stagemix” (SFB) des Auftritts. Ich frage irgendwann jene Firma, sie hat die Video-Aufnahmen während des Festivals gemacht, nach dem Material (es soll ein Mitschnitt von auf “U-MATIC” existieren). Und wirklich: wir bekommen Antwort und es heisst, wir könnten das Teil für DM 500,- kaufen. Nee, is aber echt nich’ drin:
meine Arbeitslosenhilfe (im Jahr 1986) pro Monat ist so um die 520,- DM…woher nehmen wenn nicht stehlen?

jetzt ist 2016. wer hätte gedacht dass wir so lange ‘durchhalten’ ?…A. Wollscheid ist als freier Künstler in F.a.M. und als labelchef von ‘Selektion’ tätig (spielt ab und an gitarrenparts für NTL ein), Steffen (macht das artwork) und ich (Sea Wanton) leben in Berlin. Das Projekt ‘Non Toxique Lost’ existiert weiterhin (durch uns + die mitarbeit einiger interessierter künstler/musiker). die ‘Berlin Atonal’ Veranstalter beantworten (leider) unsere Anfragen nicht mehr (gern hätten wir dem Publikum im ‘Heizkraftwerk’ mal unser aktuelles oeuvre vorgestellt, aber…).

Wir (d.h., die (non)Musiker von NON TOXIQUE LOST (kurz, NTL)) glauben im Jahre 2016 selbstverständlich daran, dass die Sonne noch mindestens 20 Millionen Jahre lang unsere Erde erwärmen wird. und ‘kriegstanz’ – dieses Lied gehörte (in 1983) auch zu unserem ‘Atonal’ Auftritt:  musik…musik mein ganzes leben ist musik musik…musik musik…mein ganzes leben ist musik…musik… ich fühle nur musik

http://www.nontoxiquelost.de/ntl/e_links01.html


NTL Atonal 1983: https://www.youtube.com/watch?v=WiQX5OKqO_4

33 Jahre später, NTL Atonal 2016: https://www.youtube.com/watch?v=s6LS9kbTUQ8

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One response to “Schnelle Schuhe: „Mit Käfig in die Mauerstadt” / NTL bei Atonal 1983 von Sea Wanton”

  1. Sea Wanton says :

    falls sich wer über die ‘verklebte’ rückseite meines synthesizers ‘wundern’ sollte: u.a. war da auch das ‘DK’ kürzel draufgeklebt (zu jener zeit waren die referenzen zur punkrock-musik der ‘Dead Kennedys’ noch wichtiger als der banale instrumentenname des ‘KORG’…MS-20).

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