Archive | July 2016

Berlinische Leben – „Cola und Hakenkreuze – Das Nazi-Sommermärchen“ / Die Olympischen Spiele 1936

Foto: Meine Großmutter unterhalb der sogannten “Führerloge” während der Spiele 1936.

„Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“

– Heinrich Mann: Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris

11354985_10153081993932982_1447647445_n

Wie jedes Märchen ist auch die Darstellung der Olympischen Spiele 1936 durch die Nazi-Propaganda eine erfundene Geschichte. Nichts hat die scheinbare Weltoffenheit dieser Tage mit der Realität im Lande zu tun. Terror, Rassismus und Raffgier werden von heiter-sommerlichen Spielen übertönt.

Im Sommer 1936 nutzt das Nazi-Regime die Olympischen Sommerspiele in Berlin erfolgreich als Propaganda-Forum, um sich im Ausland positiv darzustellen. Es funktioniert. Auch meine Mutter Käte, sie ist 13, ist begeistert von der ungewohnt kosmopolitischen Athmosphäre auf den Straßen und den Sportlern aus aller Welt. Besonders beeindruckt sie die Athletik und Schönheit schwarzer Olympioniken wie Jesse Owens. Nie vorher hat sie selbst dunkelhäutige Menschen gesehen. Als Kind von der rassistischen Propaganda beeinflusst, hatte sie sich als primitive Wilde vorgestellt, die im Baströckchen Stammestänze aufführen. Auf dem Kudamm wird Coca-Cola gratis ausgeschenkt, es ist die erste und letzte, die meine Mutter trinkt. Erst nach dem Ende des Krieges bringen die US-Alliierten die Limonade wieder mit. In Nazi-Deutschland gibt es zwar Coca-Cola, doch ist sie noch ein Luxus-Genussmittel, das sich die Familie eines BVG-Schaffners nicht leisten kann.

Kätes Onkel Paul, der Polizei-Offizier und Hobby-Fotograf ist, besorgt Eintrittskarten für die ganze Familie. Ausgerechnet meine Oma, die die Nazis hasst und die sich mehr als einmal durch kritische Äußerungen in Gefahr bringt, fotografiert er direkt unter der „Führer-Loge“ (siehe Foto oben). Käte lichtet er Unter den Linden ab, die 13-jährige wirkt älter, gegen den Strom stehend schaut sie entschlossen in die Kamera. Pauls Frau Charlotte posiert vor einer, von der Propaganda „Altar“ genannten, Feuerschale vor dem Stadtschloss.

11418601_10153081993887982_2093362709_n

Überhaupt legt das Regime viel Wert auf Schmuck, überall wogen riesige Fahnenmeere, zwischen denen die Hakenkreuzflaggen kaum auffallen. Zum ersten Mal gibt es einen Fackellauf, die Idee stammt vom Sportfunktionär Carl Diem. Diem zieht gern Parallelen zwischen sportlichem und kriegerischem Kampf und verwies auf den Nutzen des Sports für die Heranbildung künftiger Soldaten. Die Olympischen Spiele waren außerdem ein willkommener Anlass, die von der NS-Ideologie geforderte körperliche Ertüchtigung, das „heranzüchten kerngesunder Körper“ für einen gesunden „Volkskörper“ im Hinblick auf Wehrertüchtigung und Einsatz im Krieg, auf breiter Basis zu propagieren und auch in die Tat umzusetzen. Daneben schätzt man auch ideelles Pathos, wie die Olmpiahymne zeigt:

„Wie nun alle Herzen schlagen in erhobenem Verein,
soll in Taten und in Sagen Eidestreu das Höchste sein.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Freude sei noch im Erliegen, Friedensfest: Olympia.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Olympia! Olympia! Olympia!“

10728615_10153081993942982_1060171122_n

Straßenschmuck Unter den Linden

449px-Bundesarchiv_B_145_Bild-P016311,_Berlin,_OlympiaglockeOlympiaglocke

11422693_10153081993892982_1332758993_nDampferfahrt

11328939_10153081993862982_1826156199_n

Polizei Unter den Linden und unten vor “Altar”.

2016-02-25-0001 (6)

11297642_10153081993817982_543998942_n

Mehr Polizei mit “Grüner Minna”

2016-07-04-0003 (2)

Der Reisepass von Paul und Charlotte.

11420056_10153081993762982_1223139744_nNeptun-Brunnen vor den Stadtschloss

Heinrich Mann ist bei weitem nicht der Einzige, der einen Boykott der Spiele forderte. Besonders in den USA, wo man die Verfolgung der deutschen Juden mit viel Sorge sieht, fällt die Entscheidung, doch nach Berlin zu fahren, nur knapp aus. Schließlich ist die Sowjet-Union das einzige Land, das boykottiert und das Kalkül der braunen Herren geht auf. Sie haben drei weitere Jahre Zeit, vom Ausland unbehelligt,Verbrechen zu begehen und einen beispiellosen Angriffskrieg vorzubereiten.

Noch heute heißt das im Stil des Nationalsozialismus gebaute Stadion, wie selbstverständlich, Olympiastadion. Der Autor und Schauspieler Hanns Zischler macht in seinem 2013 erschienenen Buch “Berlin ist zu groß für Berlin” einen interessanten Vorschlag. Warum sollte man die Sportstätte nicht in “Jesse-Owens-Stadion” umbenennen?*

M.K.

*taz-Artikel zu Hans Zischlers Vorschlag:

http://www.taz.de/1/berlin/tazplan-kultur/artikel/?dig=2013%2F03%2F16%2Fa0246&cHash=e93e807698bd3532ff021214a721193b

Foto Olympiaglocke: Bundesarchiv Koblenz ©Creative Commons

Alle anderen Fotos: Paul Springer ©M.Kluge, Nachdruck mit Quellenangabe.

 

Lost and Found-Spezial: „Gammler, Jeans und lange Haare” / Farbfotos West-Berlin Sommer 1970

13823390_10153988761002982_222658767_n

DSCN0903 (2)

Im Sommer 1970 legen mein Freund Andi und ich ein Fotoalbum an. Zusammen mit seiner damaligen Freundin Martina gehen wir im Tiergarten und in der City West Aufnahmen dafür fotografieren. Andi hat zu Weihnachten 1969 eine alte 6×6-Kamera geschenkt bekommen, die noch recht gut funktionierte. Heute allerdings, 46 Jahre später, beginnen die Abzüge auszubleichen und haben teilweise einen Farbstich bekommen. Das Album haben wir uns oft angeschaut und nachdem Andi Ende der 90er Jahre plötzlich und völlig unerwartet stirbt, wird es für mich zum besonders wertvollen Erinnerungsstück. Inzwischen geht es langsam aus dem Leim, einzelne Seiten haben sich schon gelöst.

Vor ein paar Tagen bin ich mit der Kamera unterwegs gewesen, um den Farben des Sommers 1970 nachzuspüren und zu dokumentieren, wie sich die Orte verändert haben, an denen wir uns vor 46 Jahren in Szene gesetzt haben.

2016-07-22-0011 (6)

2016-07-22-0011 (7)

DSCN0885 (2)

In der Augsburger Straße machen wir die ersten Aufnahmen, im Hintergrund befindet sich ein C&A-Kaufhaus, dass es heute nicht mehr gibt. Stattdessen steht dort ein Neubau mit dem Sofitel-Hotel und einem VAPIANO-Restaurant. Diese Gegend hat sich besonders stark verändert, C&A hat einen neuen Standort, wo vorher das Kudamm-Eck stand und noch früher, in den 50er und 60er Jahren das Berlin-Office von Pan American Airways. 1965 zog das Pan Am-Büro ins Europa-Center.

DSCN0894 (2)

Oben: Blick in die Augsburger Straße, rechts Sofitel und VAPIANO. Unten: Das ehemalige Kudamm-Eck heute, auch das neue Gebäude hat eine Großbildleinwand.

DSCN0891 (2)

13730822_10201629051284249_2622464346694459944_o

Oben: Das unscharfe, seltene Bild vom Pan Am-Büro wurde 1959 gemacht. Unten sehen wir das Office links am Rand. Das Bild muss aus den frühen 50er Jahren sein, denn man sieht das 14-stöckige Allianz-Gebäude, Joachimsthaler Straße 12, noch im Bau. Das heute denkmalgeschützte Gebäude war das erste Hochhaus am Kurfürstendamm und gilt als besonders schönes Beispiel der 50er-Jahre-Architektur in West-Berlin. https://www.berlin.de/sehenswuerdigkeiten/3561534-3558930-allianzbuerohaus.html

13450326_10153886294127982_7373509740513703077_n (3)

Unten: Neues C&A-Haus und das Allianz-Bürogebäude heute.

DSCN0881 (2)

Kudamm-Eck,_1996

Oben: Kudamm Eck 1996, Foto: Beek100 ©CC BY-SA 3.0

2016-07-22-0011 (4)

Im Hinterhof von Bilka fotografiert Andi mich. Heute ist das Kaufhaus eine Karstadt-Sport-Filiale. Im Hof wurde eine große Voliere angelegt und zur Zeit baut man um.

DSCN0864 (3)

DSCN0868 (3)

13874643_10153992491812982_1557935138_n

Am Hardenbergplatz treffen wir Martina und einen Bekannten von Andi, der Musiker (unten) arbeitet im Big Eden als Dics-Jockey.

13823560_10153988682647982_1649857087_n

DSCN0860 (2)

13823473_10153988680992982_108421438_n

Parallel zur Stadtbahntrasse verbindet ein kleiner Weg den Hardenbergplatz mit dem Tiergarten. Auf einem Mäuerchen spiele ich den Bürgerschreck, aber die zeitunglesenden Berliner lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Heute gibt es die Bänke nicht mehr und das Mäuerchen ist ganzflächig besprüht.

DSCN0849 (2)

13823669_10153988760987982_1002062884_n

13815215_10153988680942982_1166041104_n

2016-07-22-0003 (4)

1970 posierten Andi und ich auf der Skulptur “Germanische Büffeljagd” von Fritz Schaper. 2016 wird diese gerade von Grafitti befreit.

DSCN0832 (2)

DSCN0830 (2)

Insgesamt stehen in der Fasanerieallee vier Jagdskulpturen. Oben “Eberjagd um 1500” von Karl Begas, unten: “Zeitgenössische Fuchsjgd” von Wilhelm Haverkamp und “Hasenhatz zur Rokokozeit” von Max Baumbach. Alle Skulpturen wurde 1904 im Zuge des Baus des Hubertusbrunnen am Großen Stern angefertigt. 1938 wurde die Siegessäule vom Königsplatz an den Großen Stern versetzt und der Brunnen zerstört. Die Figuren wurden daraufhin im Großen Tiergarten verteilt.

DSCN0838 (2)DSCN0836 (2)

2016-07-22-0007 (3)

Die denkmalgeschützte “Löwenbrücke” war 1970 noch intakt und tragfähig. 2008 wurde sie wegen Baufälligkeit zunächst gesperrt und sollte 2014 restauriert werden. Stattdessen ist sie dann komplett demontiert worden und muss wohl heute “ehemalige Löwenbrücke” genannt werden.  Die traurige Geschichte haben Frank und Ulli in ihrem Blog dokumentiert: https://www.2mecs.de/wp/2014/08/loewenbruecke-berlin-tiergarten/   Unten: So habe ich sie im Juli 2016 vorgefunden.

DSCN0826 (2)

DSCN0827 (2)

2016-07-22-0001 (2)

Oben: Andi mit Gitarre. Die Geschichte unserer Freundschaft erzähle ich hier: http://wp.me/p3UMZB-1cj

2016-07-22-0010 (2)

Danke an Rainer Jacob für Hilfe bei den digitalen Farbkorrekturen.


 

Lost and Found-Marathon 4: „Preußenpark, Fehrbelliner- und Hohenzollern-Platz” / Fotografische Spurensuche

U-Bahnhof Blissestraße, ca. 1977.

IMG_20150811_0008

DSCN0307 (2)

IMG_20150627_0001

Der Preußenpark wurde in den Jahren 1920 bis 1925 angelegt. Bei schönem Wetter waren wir in den Fifties fast jeden Nachmittag dort. Wir hörten Musik mit dem Kofferradio und ich interessierte mich für Abfallkörbe (unten). 1960 (oben) ist das Bausenat-Hochhaus noch gut zu erkennen. Es entstand 1954-55 nach Plänen von Roth und Schuberth und wird heute von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung genutzt.

DSCN0279

IMG_20130814_0002 (2)

DSCN0282 (2)

IMG_20140511_0008

IMG_20131007_0005_0002 (2)

DSCN0289 (2)

Den Fehrbelliner Platz dominieren bis heute die Bauten aus der Nazi-Zeit. Die Planung für eine großangelegte, hufeisenförmige Bebauung begann allerdings schon vorher. Ursprünglich sollte auf der Fläche des heutigen Flohmarkts ein Rathaus für “Deutsch-Wilmersdorf” entstehen. Mit der Höhe des Turms wollte die Wilmersdorfer die Schöneberger übertreffen. Das Schöneberger Rathaus wurde 1911-14 verwirklicht. Die Wilmersdorfer waren zu langsam, der Weltkrieg beendete ihre Träume und 1920 verlor “Deutsch-Wilmersdorf” das Stadtrecht. Es wurde Bezirk des neugebildeten Groß-Berlin. Das bis 2014 als Rathaus genutzte Gebäude (Architekt: Helmut Remmelmann) wurde von 1941 bis 1943 am Fehrbelliner Platz 4 (oben) als letzter Gebäudekomplex der NS-Zeit im neoklassizistischen Stil zur Erweiterung des benachbarten Sitzes der Nazi-Arbeitsfront errichtet. Der einstöckige Bau einer Schultheiss-Destille war wohl ein Nachkriegs-Provisorium und wurde schon in den 70er Jahren wieder abgerissen. Die heutige Lösung, ein roter Flachbau mit Bio-Company-Werbung, stellt ästhetisch keine Verbesserung dar.

IMG_20131007_0005_0001 (3)

DSCN0286 (2)

DSCN0292 (2)

Der rote Eingangspavillon des U-Bahnhofs (oben) wird, wohl wegen des Uhrenturms, im Volksmund “Bohrinsel” genannt. Der 1968-72 errichtete Zweckbau soll in Farbgebung und Gestaltung einen Kontrast zur umgebenden Nazi-Architektur bilden, Architekt war Rainer W. Rümmler. 1960 (unten) stand an seiner Stelle noch ein Flachbau im 50er Jahre-Stil.

IMG_20131007_0008 (2)

DSCN0291

DSCN0295 (2)

Fehrbelliner Platz 2, Detail: Greif. (Für die Nordstern-Versicherung im NS-Stil gebaut. Architekt: Otto Firle, 1934-35)

DSCN0297 (2)

IMG_20131007_0006_0001

Brandenburgische Straße.

DSCN0300 (2)

IMG_20141113_0001 (3)

DSCN0344 (2)

IMG_20130810_0002_0001 (2)

IMG_20140626_0001

Bis 1960 wohnten wir am Hohenzollerndamm 17. Mein Bruder ist offensichtlich vom fotografierenden Vater genervt. Vom Balkon hatte man einen guten Blick auf den Hohenzollenplatz und die gleichnamige Kirche. Der U-Bahnhof wurde 1913 eingeweiht, den westlichen Eingang (oben) schmücken Pylone mit dem Adler der Hohenzollern. Die Kirche am Hohenzollernplatz gilt als Hauptwerk deutscher expressionistischer Baukunst. 1930-34 nach Entwürfen von Ossip Klarwein, vom Architekturbüro Fritz Höger erbaut, war der Bau umstritten. Klarwein zog nach Baubeginn in die Nähe und hat die Arbeiten überwacht. 1934 musste er wegen seiner jüdischen Herkunft nach Palästina emigrieren. Von den Berliner wird die Kirche auch “Kraftwerk Jesu” genannt. Das Bild ganz unten zeigt sie von der Fasanenstraße aus gesehen.

DSCN0347 (2)

DSCN0117 (2)

M.K.

 – wird fortgesetzt –

Die historischen Fotos stammen von meinem Vater, meinem Bruder und mir. Den Wachmann mit MG hat Rainer Jacob beigesteuert.

Fehrbelliner Platz: https://de.wikipedia.org/wiki/Fehrbelliner_Platz

Kirche am Hohenzollernplatz: https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_am_Hohenzollernplatz

Lost and Found-Marathon 3: “Joachimsthaler und Rankestraße” / Fotografische Spurensuche

DSCN0232

Verkehrskanzel Kranzler-Eck.

IMG_20131007_0005

admin-ajax.php

Rankestraße Blickrichtung Ranke- heute: Friedrich-Hollaender-Platz, 1957.DSCN0240 (2)

IMG_20130715_0002

Rankestraße Blickrichtung Los-Angeles-Platz, oben: 1961, unten 2016.

DSCN0241 (3)

img_20131023_0002 (5)

Ku-Damm Ecke Joachimsthaler Straße, 1960.

DSCN0233 (3)

IMG_20131023_0013

Rankestraße Blickrichtung Marburger Straße.

DSCN0244 (2)

img_20131111_0009

Agrippina-Haus Rankestraße.

DSCN0246 (2)

DSCN0248 (2)

Oben: Heute ist es das “Ellington Hotel”, erbaut wurde das Gebäude 1928 als “Femina-Palast”. Es beherbergte legendäre Clubs wie die “Badewanne” und den “Dschungel”.

Unten: Das ehemalige “First” in der Joachimsthaler Straße, heute “Cheshire Cat”:

DSCN0237 (2)

DSCN0229 (2)

IMG_20131230_0001 (2)

Joachimsthaler Blickrichtung Bilka, heute Karstadt Sport.

DSCN0226 (3)

M.K.

Schnelle Schuhe – „Hollywood-Friedenau“ / von Marcus Kluge – Die Punkjahre Teil 5

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern: die Punkjahre. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen.

(Das Foto oben enstand 1983 bei der Assasin-Party “Kanniball in Berlin” in unserem Hauptquartier in der Friedenauer Rheinstraße. Eigentlich hatten Herbert und ich nur drei winzige Einzimmer-Wohnungen gemietet, trotzdem veranstalteten wir Konzerte, Filmabende, Spielturniere, Selbstversuche und andere obskure Events. Das Bild zeigt Gockel Schnockel beim Auftritt von “Dreidimensional” in Herberts Wohn- und Schlafzimmer.)

img_20141201_0005

(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punkjahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

2015-10-24-0007 (6)

Herbert und ich 1984 beim Selbstversuch “Dauerfernsehen”.

Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

IMG_20131206_0004

Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

Imagetaz-Artikel

Image

Image

Image

Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

img_20131215_0001 (2)

DSCN0752 (2)

Oben: Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau und Kiste zum aufbewahren.

Unten: Hcls Clubspiel Spielbrett 60×60 cm.

DSCN0756 (2)

Meine Katze schnuppert wie’s im Dschungel riecht.

DSCN0755 (2)

 1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße. Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und vor allem die Schuhe schneller.

“Keep going”.

Lost and Found-Marathon 2: „Schöneberg Revisited“ / Eine Spurensuche

In Teil 2 unseres Fotomarathons erinnern wir uns an die frühen 80er Jahre in Schöneberg und schauen nach, wie sich der Szene-Bezirk seitdem verändert hat. (Solange ich noch nicht wieder auf Fototour gehen kann, werde ich bis Ende Juli alle Lost and Found-Geschichten in einem Sommermarathon rebloggen. In Planung sind: Mehr Schöneberg, Kreuzberg, Mitte/Lustgarten/Schloss und Pankow.)

13319848_10201439322301143_9210491564826366767_n13407216_10201439322901158_1442298671695268183_n

Der Zensor-Plattenladen neben der Blue Moon-Boutique 1983 und 2016. Unten: Heute befindet sich ein Architekturbüro in den Räumen in der Belziger Straße.

DSCN0642 (2)

DSCN0183 (2)

Café Mitropa

 

DSCN0159 (2)

Metropol

IMG_20131223_0005

DSCN0160 (2)

DSCN0167 (2)

DSCN0158 (2)

Vinylkultstätte

1554608_10201539611427607_1282365882_n

Das ehemalige Café Central (Foto oben: Knut Sehrgut) und Café Swing ist heute eine Apotheke und sieht ziemlich trist aus.

DSCN0162 (3)

DSCN0169 (2)

22.9. 1981: “In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte.” http://wp.me/p3UMZB-1ii

DSCN0172 (2)

Café Berio

DSCN0177 (2)

Slumberland

DSCN0176 (2)

DSCN0178 (2)

Winterfeldtmarkt

DSCN0182 (2)

Rani

DSCN0185 (3)

1983 kamen wir auf die Idee, jeden Dienstag im Mitropa Karten zu spielen. Das Spiel hieß Binokel und wir wurden ziemlich schief angeguckt. Gesellschaftsspiele waren sowas von uncool und dann auch noch Karten! Dazu tranken wir Weizenbier, was auch verpönt war. Heute ist “kiffen” untersagt.

Unten: Mitropa-Anzeige aus Assasin, 1983.

IMG_20131113_0001

DSCN0186

DSCN0194 (2)

Deko Behrendt

DSCN0187

Bowie-Haus

DSCN0195 (2)

Stadtbad

DSCN0200

Als in der Nacht zum 5. April 1986 im La Belle in der Hauptstraße 78 eine Bombe explodierte und drei Menschen tötete, schlief ich 500 Meter weiter in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Rheinstraße 14. Obwohl man als Berliner immer einer theoretischen Gefahr ausgesetzt war, ist der Terror selten so nahe gekommen. Die Visitenkarte drückte mir, Wochen vorher, eine hübsche junge Dame vor dem Forum Steglitz in die Hand.

IMG_20140405_0002

11952998_10200574041509664_5717376031822818637_n

Von unserem alten Domizil (oben) mit dem idyllischen Hof hinter der Leiserfiliale, Rheinstraße 14, ist nichts mehr zu finden. Nur ein seelenloser Neubau steht an seiner Stelle.

DSCN0204

Von 1977 bis 1986 wohnte oder arbeitete ich dort. Anfang der 80er zog Herbert ein und das Gebäude wurde Redaktionssitz des Assasin. Am 10. Juli 1986 feierten wir noch meine Hochzeit auf dem Hof, wenig später wurde alles abgerissen.

2015-10-07-0002

So begann es: – Der Laden, in dem ich jobbte war neben einer Leiser-Schuh-Filiale und das ganze Haus gehörte Leiser. Irgendwann als ich Müll rausbrachte, fiel mir auf, dass es einen Seitenflügel gab, in dem drei Einzimmer-Wohnungen untergebracht waren. Der Seitenflügel machte einen irgendwie prekären Eindruck, man hatte ihn nachträglich an die Brandmauer geklatscht, um etwas billigen Wohnraum zu schaffen, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ich guckte mir auch den Hof genauer an, um den herum Leiser seine Lagerräume hatte. Der Hof, den offensichtlich niemand nutzte, war etwas 6 mal 30 Meter groß, den Abschluss bildete eine Terrasse, die von einem Mäuerchen zum Nebengrundstück begrenzt wurde. Eine Kastanie spendete Schatten gab dem Hof einen grünen Tupfer. Im Sommer könnte man hier bestimmt schöne Wochenenden verbringen.

img_20130901_00011
Mir war klar, das die Wohnungen keinerlei Komfort boten, vielleicht war es sogar das Prekäre, das mir zusagte, mir förmlich zuflüsterte, hier wäre ein absolut passender Ort zum Leben für mich. Innerhalb von 48 Stunden mietete ich eine der Wohnungen, meine Chefin legte ein gutes Wort für mich ein, und ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Knesebeckstraße in die Rheinstraße um. Am Anfang zahlte ich für 28qm weniger als 40 D-Mark Miete. Es war geradezu eine Einladung mich kreativ auszutoben, ohne auf die Lukrativität meiner Projekte zu achten. –

2015-11-16-0001 (3) Der Maler Stefan Hoenerloh beim Klettern.

DSCN0203 (2)

Das Shizzo heute und damals. Das Foto unten stammt von dieser schönen Website: http://shizzo-berlin1980.de/

_wsb_700x433_1

DSCN0208

Kaisereiche.

DSCN0206 (2)

Sparkassen-Kunst

DSCN0210 (2)

MusicHall

1888714_10205714325156899_2827249259013521261_n

“Die Goldenen Vampire” in der Hall.

DSCN0214

Bewegungsmelder Kluge.

DSCN0166 (2)

Lost and Found-Marathon: “Off-Kudamm Atmo” / Eine Spurensuche

Solange ich noch nicht wieder auf Fototour gehen kann, werde ich bis Ende Juli alle Lost and Found-Geschichten in einem Sommermarathon rebloggen. Dann müsste ich mich von OP und anhaltendem Infekt erholt haben und an neuen Projekten arbeiten können (In Planung sind: Mehr Schöneberg, Kreuzberg, Mitte/Lustgarten/Schloss und Pankow).

Heute beginnt der Marathon mit der Spurensuche nach meiner verlorenen Zeit in den Nebenstraßen des Kudamms, wo ich vor vier Jahrzehnten lebte und liebte.

“Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-75

Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung. 1975 zahlten wir 1500.-DM für 200qm. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

DSCN0023

DSCN0022

2016. Ein paar Meter weiter sitzt ein wassertrinkender Franz Josef Wagner, wie ein fleischgewordenes Symbol für die Gentrifizierungsgeier, die vor 40 Jahren diesen Kiez zu ihrem Projekt machten und Leute wie mich und meine Wohn-Genossen vertrieben.

DSCN0093 (2)

Steinplatz: oben 2016, unten 1976 Ilona.

10986728_4852329522263_50532681015384714_o

img_20131217_0001

DSCN0048

 DSCN0056 (2)

2013-09-21-18-47-09_NEW

DSCN0054 (2)

Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

welt-am-draht-neu

1975064_3878970508896_1304231574_n

Von der Atmosphäre des Café Bleibtreu ist nicht viel geblieben, besonders das Filmkunst 66 fehlt. Die Schießerei  am 27. Juni 1970, zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung, nur noch eine verblichene Erinnerung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. “Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte.”

DSCN0043 (2)

img_20130720_00081

Als ich sie kennenlernte, arbeitete Ilona in Dralles Teestube in der Pfalzburger Straße. Für den “Xanadu”Roman zeichnete Rainer Jacob den Ort mit Blick auf den Ludwigkirchplatz und stellt “Beaky”, den Protagonisten, vor. Unten: der Ort heute.

DSCN0121 (2) DSCN0123

DSCN0038 (2)DSCN0039 (2)

Oben Bleibtreustraße 15, unten die Boutique “Moosgrund” mit ihrem Markenzeichen, der Baumwurzelscheibe, die in Ermangelung einer artgerechten Umgebung, seit 40 Jahren immer wieder geflickt werden muss.

DSCN0030 (2)

DSCN0126 (2)

Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch.

DSCN0012

Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Rosa von Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Kurz danach stirbt er. Es sind wilde Zeiten und viele werden sie nicht überleben. Meist sind Drogen der Grund, AIDS gibt es noch nicht, die Krankheit wird der neue Killer werden.

luzi4

Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil.

IMG_20131219_0001 (2)

img_20130731_0003

Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung und will weiter, am liebsten in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im “Stern”. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

img_20131217_0005

Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

DSCN0127

Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen. Was bleibt ist die Erinnerung.

DSCN0017 (2)

Text + Fotos 2016: M.K. – Illus und Fotos 70er: Rainer Jacob

 

Berlinische Leben – „Rainer Works Art Marcus Writes“ / Portrait einer Freundschaft / 1973-2016

Es gibt Freundschaften die Bestand haben, auch wenn uns das Leben für viele Jahre von unseren Freunden trennt. Wir treffen uns wieder und sprechen wieder miteinander, als ob es nur Tage oder Stunden der Trennung waren. Sofort finden wir die gemeinsame Sprache und wir verstehen uns.

So geht es mir mit Rainer Jacob, den ich vor über 40 Jahren kennenlernte. Wie genau haben wir beide vergessen. Er wuchs in der West-Berliner Blissestraße und ich einen Katzensprung entfernt am Volkspark Wilmersdorf auf. Es war Freundschaft auf den ersten Blick. Damals waren wir beide knapp 20, politisch links und mit großem Interesse an Film, Literatur und Kunst. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl wir häufig unterschiedlicher Meinung waren. Ohnehin war Rainer immer besonders vom Bild und ich eher von Sprache begeistert.

img_20140705_0001Ca. 1975.

Rainer ist sowas wie ein Sonntagskind, obwohl er nicht an einem geboren wurde (12 Minuten zu spät) und er ist mit einem kritischen Geist ausgestattet. Für beides ist er dankbar. Wieso er ein Glückskind wurde, kann er sich erklären. Er hatte eben Glück mit seinen Eltern, die eine 59 Jahre lange, harmonische Ehe bis in den Herbst 2008 führten. Dann starb Martha und Günter folgte ihr im Februar 2009.Kennen lernten sich seine Eltern durch eine Art Lotterie. Während des 2. Weltkriegs bemühte sich die Nazipropaganda jedem unverheirateten Soldaten im „Felde“ ein Mädel an der „Heimatfront“ zu vermitteln. Das klappte wohl ganz gut, auf jeden Fall bei Rainers Eltern, die sich so kennen und lieben lernten. Auch bei der Kriegsgefangenschaft hatte Günter Glück. Er machte kein Kreuz an der Stelle wo dies 80% seiner Kameraden taten, „War Hitler ein guter Mann. Ja oder Nein?”. Er kam auf einen britischen Flughafen, wo er sich frei bewegen konnte, in der Offiziers-Messe bediente und Reifen vulkanisierte. Nebenher bastelte Rainers Vater noch Modelle von Lancaster-Bombern, die begehrt bei den Offizieren waren, zusätzlich Geld brachten und er hatte nicht die prägende traumatische Internierung, wie mein Vater zu erleiden, der nach vier Jahren in Sibirien als gebrochener Mann zurückkam.
10703682_752608828129097_6250639662470188336_nRainers Großeltern

Rainer hat noch Liebesbriefe und ein Kriegstagebuch bis zum Ende der Gefangenschaft, versehen mit Zeichnungen und Fotos und inspiriert durch meine Familiengeschichten spielt er mit dem Gedanken, diese Fundgrube auch einmal in ein Blog zu stellen. Die Eltern heirateten und 1955 wurde Rainer als Wunschkind geboren. Wieso Rainer einen überaus kritischen Verstand entwickelte, kann er nicht genau klären. Voraussetzung um eigene Gedanken entfalten zu können war, dass beide Eltern beschlossen hatten etwas anders zu machen bei der Erziehung. Selbst hatten sie Wilhelminische Strenge kennengelernt, künstlerische Ambitionen mussten sie begraben. Mutter wollte Modezeichnerin werden, doch mit dem Argument, sie heirate ja sowieso, verbrannte die Mutter ihre Zeichnungen. Der Vater fotografierte, zeichnete und baute Schiffs-und Flugzeugmodelle, lernen musste er etwas Praktisches.IMG_20140720_0003Rainer 1973img_20140706_0002Marcus

Mir fallen mir zwei Aspekte auf, die Rainer und mich zu kritischem Denken inspiriert haben könnten. Zunächst war in den 1960er Jahren in Deutschland noch der Nachhall von zwölf Jahren Naziherrschaft, Verbrechen und Kriegsschuld zu spüren. Wir merkten schon im Grundschulalter, dass uns in vielem eine beschönigende Version vermittelt wurde. Rainer erlebte Gechichtslehrer mit Schmissen, die prahlerisch und menschenverachtend von Kriegserlebnissen erzählten, oder die Kinder beim Sport als “Dreibeinige Synagogenzwerge” beschimpften.

Kaum jemand bekannte sich zu seiner Mitschuld, aber wir wussten doch, das eine Mehrheit Hitler gewählt und mitgemacht hatte bei den beispiellosen Verbrechen. Oder man schwieg gänzlich über das 3. Reich, wie in den meisten Schulen. Glücklicherweise war Rainers Vater kein schweigender Despot und in der Familie herrschte eine muntere Streitkultur. Viele in unserer Generation hatten schweigende Väter, fast war es eine vaterlose Generation.

Durch das Leben in Westen Berlins machten wir noch eine weitere augenöffnende Erfahrung. Wir wuchsen mit zwei Versionen der Wahrheit auf, die im Westen und im Osten in den Medien, vor allem im Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde. Zunächst werden wir den Westmedien geglaubt haben, aber spätestens nach dem Besuch des Schah von Persien und dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 merkten wir, das auch die Westmedien logen. Rainer beobachtete als Dreizehnjähriger bei einem Klassenkameraden zu Besuch, wie im Rohbau des Nebenhauses eine wilde Schießerei zwischen der Polizei und dem Attentäter von Rudi Dutschke stattfand. Später gingen wir auf Demos und erlebten Knüppelorgien der Polizei, in den Westmedien waren die Studenten und Gammler schuld und plötzlich stimmte die Version der Ostmedien mit unserer Beobachtung überein. Also wurde klar, was Medien berichten muss nicht wahr sein, alles ist kritisch zu hinterfragen. Langhaarigen wurden auf offener Straße “Mädchen” hinterhergerufen und die Boulevard-Presse hetzte so sehr, daß ein “Doppelgänger”, der Dutschke änlich sah, beinahe vom Mob gelyncht worden wäre.

Rainer sah sich verschiedenste linke Gruppierungen an und bei keiner, ausser den Trotzkisten, fand er einen Arbeiter. Überhaupt war alles sehr merkwürdig, wenn linke Gruppierungen (SEW, DKP) von Errungenschaften sprachen, während man den “realen” Sozialismus für 25 Mark Eintrittsgebühr besuchen konnte und das heruntergedimmte Licht in Straßen voller verkommener Altbauten den wirklichen Sozialismus zeigte. Bei uns wiederum wurde Kritik am Westen mit dem einfachen Satz, “Geh doch ‘rüber” plattgebügelt.

Während mich das Scheitern der 68er Revolte ins Abseits schickte. Abitur und Studium war mir verwehrt und ich habe mich wohl auch freiwillig für einige Zeit in den Schmollwinkel zurück gezogen, begann Rainer eine Lehre in einer Siebdruckerei. Aber er wollte doch noch sein bildnerisches Talent zum blühen bringen und bemühte sich um ein Studium an der Hochschule der Künste (heute UdK).

Es war ein Abend im Jahr 1973, als er mir seine Mappe zeigte, er hatte den Tag im Zoo verbracht und Tiere gezeichnet, in Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung. Zum ersten Mal sah ich sein Talent und war beeindruckt. Er studierte dann mit dem kleinen Matrikel. Er startete mit freier Malerei, wechselte zu experimenteller Grafik, dann zu Grafik Design. Während er sich zuerst ernsthaft mit den realistischen Details von Reflexen auf Wasserhähnen malerisch herumschlug wollen seine Jahrgangskommilitonen, die Jungen Wilden, mit der Attitüde von Frühvollendeten Party feiern. Maler die den Habitus von Rockstars imitierten und sich anschickten das Niveau von Werbung glatt zu unterbieten. Damals, vor der Verschulung des Studiums konnte man noch vielseitig und selbstbestimmt Seminare auswählen und Rainer belegte einige der Film-und Fernseh Akademie und bei den Architekten.

Der Kunsthistoriker Freiherr von Löhneysen, der Schopenhauer textkritisch bearbeitete, beeindruckt Rainer. Er ist Führer bei einer Studienreise durch die norditalienischen Städte, wo man die Entstehung der Perspektive studiert. Gern hätte ich ihn begleitet, wenn meine Reiseunlust mich nicht zurückgehalten hätte. Am liebsten fahre ich dorthin, wo ich schon mal war. Zum Beispiel Bretignolles-sur-mer, wo ich schon öfter war. So verbringen wir 1975 vier Wochen in Frankreich, hören Pink Floyd, kucken auf Kühe und feiern den 14. Juli mit den Dörflern.

Zurück in Berlin macht Rainer Multimedia, ich kann mich noch an einen unendlich schweren portablen U-Matic Videorekorder erinnern, mit dem man schwarz-weiße Bilder aufzeichnen konnte. Wir filmten im Tiergarten in den Ruinen des Diplomatenviertels zur Musik von Django Reinhardt. Vielleicht hat mich diese Erfahrung auf eine Schiene gesetzt, die mich später zu 20 Jahren professioneller TV-Produktion gebracht hat.

In dieser Zeit ziehen wir oft um die Häuser, um am Morgen noch lange Gespräche zu führen. Manchmal zeichnet Rainer, z. B. mich während ich englischsprachige Songtexte schreibe, passend garniert mit USA-Attributen. Deutsch zu singen kann ich mir damals nur schwer vorstellen. Überhaupt prägte uns amerikanische Popkultur, die im West-Berlin der Nachkriegsjahrzehnte omnipräsent war. Wir gehen gemeinsam in die Off-Kudamm-Kinos, schauen uns Orginalfassungen mit und ohne Untertitel an. Schwarze Serie und andere Hollywoodstreifen, aber auch anspruchsvolle europäische Filme. Video gibt es noch nicht für Normalsterbliche und im Fernsehen regiert dröges Mittelmaß, das vom Dritten Programm manchmal durchbrochen wird.

img_20130807_0003img_20140705_0002

IMG_20140830_0002img_20140705_0004

13334454_10153854992137982_427596278_o

Zu Beginn der Uni-Zeit lernte Rainer seine erste Partnerin, die elf Jahre ältere Ingeborg kennen, die selbst Grafik studiert hatte und damals im Mediterranea griechische Möbel und Flokatis verkaufte, zu der er in eine WG einzog. Dort hatte er ein kleines Fotolabor im Gästeklo, auch von mir gern genutzt. Während des Studiums arbeitete er in den Semesterferien als Praktikant bei der Werbeagentur Dorland oder macht Illustrationen für den Tip, diese Erfahrungen brachten Rainer nach dem Studium zu einer Karriere als Art Director in der Werbung. Er arbeitete für namhafte Agenturen, wechselnd zwischen Freelancer und fest, wir bleiben im Kontakt. Er arbeitet um zu leben, am Wochenende bin ich häufig bei dem Paar zu Gast. Eine WG direkt über der Galerie Natubs und dem Engel Gabriel im Kiez nah am Olivaer Platz. Unter ihnen wohnten die Architekten, die das Märkische Viertel verbrochen hatten in feinstem Bauhaus-Dekor.

1982 beschließe ich soetwas wie ein Fanzine zu gründen. Es ist die Zeit, als drei Akkorde reichen, um als Band Karriere zu machen und ich denke, mit drei Fingern tippen zu können, müsste reichen, um ein kleines Subkultur-Magazin herauszugeben. Und es reicht tatsächlich… Dieses Lebensgefühl der Punkjahre, der Fotograf Richard Gleim drückte es kürzlich in einem Interview mit dem Satz „Das machen wir jetzt“ aus, dieses Lebensgefühl half mir, mich selbst am Schopf aus meinem selbstgewählten „Tunix-Sumpf“ zu ziehen.

IMG_20130517_0001IMG_20140705_0008IMG_20140705_0003IMG_20140705_0006

Mit der Hilfe von einigen Freunden gebe ich den „Assasin“ heraus. Rainer entwirft das Markenzeichen mit dem Fadenkreuz, Logos für Rubriken, er weckt mein Interesse an Typografie und er bringt mir bei, das Layout selbst zu gestalten. Mit Letraset, Fixogum und Skalpell werde ich ziemlich gut. Acht Hefte und drei Musikkassetten wird es geben. Dann stehe ich journalistisch auf eigenen Beinen, schreibe für die Taz und Rock-Publikationen.

IMG_20140224_0002img_20140706_0001

1988 fange ich beim OKB an, dem Lokalsender, der heute ALEX heißt. Erst disponiere ich den Sender, dann leite ich Produktionen und Sendeabwicklung, auch wenn auf meiner Visitenkarte etwas diffus „Beratung und Betreuung“ steht. Rainer hat inzwischen sein Atelier im Hofgarten gegründet, um mit einem kleinen Team feines Design für Hotels der Luxus-Klasse zu gestalten. Bevor ihn auch hier in Rhiemers Hofgarten die Arbeit auffrisst, übernimmt er die Leitung des Ateliers bei einer Netzwerkagentur und nach dem Mauerfall geht Rainer für ein Jahr nach Leipzig um die Messe zu re-launchen und schließlich als freier Kreativer konzipiert er die Gesamtkampagne und den Werbespot für die Einführung von Melitta Kaffee in den polnischen Markt. Deshalb castet er eine bekannte polnische Schauspielerin, Ewa Ziętek.

In Polen kennt sie jeder, seit sie mit 18 Jahren die Braut in Andrzej Wajdas “Hochzeit” spielte. In sie verliebt er sich, wie vom Blitz getroffen, während des Drehs in Hamburg. Sie lebt in Berlin und spielt Theater mit akzentfreiem Deutsch. Die ostdeutschen Schauspieler drängen auf den wiedervereinigten deutschen Markt und da will sie wieder in die Heimat und Rainer entscheidet sich spontan mit nach Warschau zu gehen und findet auch gleich eine Stelle als, Head of Art, bei Ogilvy&Mather eine spannende Aufgabe, wo er aus Dramaturgen Werbetexter und aus Architekten Art Direktoren macht. Einige Jahre sehen wir uns nicht. Das Kunden-Portfolio der amerikanischen Agentur ist international, die Etats sind groß, er kann großes Kino inszenieren für Schokoriegel, Pharmakonzerne und der, dem Spiegelmagazin vergleichbaren Wprost, Mode, Kosmetik, Bier. Nach drei Jahren fasst auch Ewa wieder Fuß und neben Boulevard-Theater spielt sie in der dortigen TV-Spitzensoap, “Goldenes Polen” vergleichbar mit unserer Lindenstraße. Reisen nach Indien und Italien zwischen beruflichen Reisen nach Bulgarien, Rumänien, Prag, Wien und häufig zur Postproduction nach London. Sie heiraten nach acht Jahren “wilder Ehe” 2000, fast eine Jet-Set Hochzeit, mit Strech-Limo und begleitet von der Regenbogen-Presse mit illustren Gästen aus Film, Funk und Fernsehen. Ich kann leider nicht kommen, ich muss arbeiten. Nachdem ich fast 15 Jahre Fernsehen gemacht habe, merke ich das der Job mich immer mehr Kraft kostet. Ich habe kaum noch ein Privatleben, selbst im Urlaub verreise ich nicht, irgendwie ist mir nicht danach. Wahrscheinlich leide ich schon damals an einer nicht diagnostizierten Depression.

11118730_10153074634187982_580185715_nIMG_20140224_0006

Nur einmal besuche ich Rainer in Polen, er bewohnt eine nette Villa in einer bewachten Siedlung bei Warschau, er braust mit einem noblen Citroën durch die Stadt und zeigt mir seine neue Heimat. Dann herrscht Funkstille bis 2004, ich besuche Rainer in einer kleinen Wohnung im Hansaviertel, er ist arbeitslos. Was war passiert?

Nachdem er drei Geschäftsführerwechsel “überlebt” hat, war jemand scharf auf seinen Job und hat ihn herausgeekelt. Doch Rainer scheint Glück zu haben, findet eine neue Agentur. Die Firma schwimmt im Geld, es gibt Kunst an den Wänden eines edlen Jugendstilhauses und mit der Zeit fallen meinem Freund Merkwürdigkeiten auf. Man will nicht wirklich große Etats gewinnen und nur ein großer Kunde kann nicht soviel Profit abwerfen, ihm ist schleierhaft woher das Geld kommt. Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, er arbeitet ohne es gemerkt zu haben für den legalen Arm einer Mafia-ähnlichen Organisation. Income gering, Gewinne groß, hier wird Geld gewaschen, bei einer Teilhaberversammlung wird es augenscheinlich. So schnell er kann, kündigt er. Nun wird es prekär für ihn in Warschau, es rächt sich, das er kein Pole ist und auch nicht perfekt polnisch spricht, außerdem ist er mit 42 schon ziemlich alt für eine dem Jugend-Wahn verfallene Branche. Rainer hat eine Depression aus gutem Grund und lässt sich in der Berliner Charite einen kirschgroßen Gallenstein entfernen. In solchen Situationen überdenkt man sein Leben. Der Stress, über den er sich erhaben glaubte, verlangt eine Entschleunigung des Lebens. Er wird in Berlin wieder bei seiner “alten” Agentur stellvertretender Geschäftsführer, nur um sich bei einem der großen Energie-Konzerne von Atomkraftwerken umstellt zu fühlen, während nur noch Praktikanten und Rookies, die nur mit dem Computer umgehen können, als Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Sein Job ist moralisch nicht mehr vertretbar für ihn.

Nur Monate später endet die nur zweijährige Ehe. Die weitergehenden unschönen Details vertraut er nur mir und einem anderen langjährigen Freund an. Seltsam, ein paar Jahre vorher hatte ich nach sieben Jahren Beziehung eine Ehe, die nach nur zweieinhalb Jahren auseinander brach. So unterschiedlich unsere Charaktere und Biografien waren, manches ähnelt sich. So auch der Karriere-Knick, der uns beide ereilt.

Auf eine neue Spitzenposition besteht für Rainer keine Aussicht, auch hier ist er zu alt und zu teuer für potentielle Arbeitgeber. Das Praktikanten-Unwesen hat begonnen, er konkurriert genau wie ich in meinem Job mit Twens, die für nichts oder fast nichts schuften. Und die den Begriff Twen wahrscheinlich nicht kennen, das tun nur „Opas“ wie Rainer und ich. Und sicher, „Twen“ war für uns auch ein legendäres Periodikum, das die Magazin-Gestaltung insgesamt bahnbrechend veränderte.

Rainer bekocht mich im Hansaviertel, er hat 1000 Pläne, wieder ist es so, als ob wir uns nie getrennt hätten. Aber dann habe ich eine längere Phase der Krise und Krankheit. 2003 höre ich beim Sender auf, das wurde mir in der Reha geraten. Ich mache eine Umschulung, habe zwei Jahre eine Fernbeziehung, während ich die Wochenende bei meiner Freundin, einer Psychotherapeutin in Thüringen verbringe, kümmert er sich um meine Katzen. 2005 ist erstmal Schluss für mich. Erst scheitert die Partnerschaft, dann bekomme ich eine Depression und muss auch die Umschulung abbrechen. Ende der Nuller-Jahre entscheide ich mich für die Rente, wieder folgt eine Pause in der Rainer und ich keinen Kontakt haben.

2013 überwinde ich endlich meine Schreibblockade, im Juli bekommt Julia, meine Stieftochter aus der Ehe ein Baby und macht mich zum Quasi-Opa. Auch für sie schreibe ich die Geschichte meiner Vorfahren auf. Durch Facebook treffe ich viele alte Frende wieder, so auch Rainer. Er lebt seit sieben Jahren mit Delilah zusammen, in die er sich verliebte, als er nichts hatte ausser seinem lange unterforderten kritischen Verstand. Am Sterbebett seiner Mutter erlebte er wie das Herz seines Vaters fast hörbar brach. Zugleich war er extrem verliebt, da ihn Delilah mit Gesang und unendlicher Fürsorge durch alle Höhen und Tiefen begleitete. Auch inspirierte sie ihn das Malen und Zeichnen wiederaufzunehmen.

Das temperamentvolle Vollblut-Weib ist siebzehn Jahre jünger als er. Sie hat drei fast erwachsene Kindern und eine Enkelin. Er wird Vatervertreter und Nenn-Opa. Eine Lektion hat ihm das Leben überdeutlich vermittelt, eine schwere Lebenskrise hilft um das Wesen eines Menschen tiefgreifend zu erfahren, dann kann man Liebenswürdigkeit und Charakterstärke erkennen. Er tut und denkt nur noch was er wirklich will, Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, öfter mal ein Bild verkaufen, wäre trotzdem schön.

img_20130807_0002 526323_10151629085907982_1447666080_n

Nachdem wir uns im Frühjahr 2013 wiedertreffen nehmen wir unseren Dialog wieder auf. Wir diskutieren über Philosophie, Politik, Psychologie und Science-Fiction. Im Sommer ist er begeistert, dass ich eine Neuauflage von Assasin starten will.

Doch es gelingt mir nicht, mich in den punkmäßigen, abgebrühten Assasin-Modus zu versetzen. Na klar über die NSA-Affäre kann man herrlich lästern. Aber das tun Andere ohnehin schon, vielleicht sogar besser. In 30 Jahren ist der Gonzo-Stil des alten Assasin Mainstream geworden und ich habe mich weiterentwickelt. Vielleicht ist der alte flapsige Stil des Assasin ohnehin zu locker für die doch sehr bedrohliche Entwicklung hin zu einem totalitären Staat in den USA und folglich auch bei uns. Natürlich stellt einen die Politik vor viele Fragen. Die geleakten NSA Papiere drängen mir einen bösen Vergleich auf. Stellen sie nicht der Öffentlichkeit die Frage. „Wollt ihr die totale Überwachung?“ Und ist das Desinteresse einer Mehrheit nicht ein klammheimliches „Ja“, oder zumindest „Ist mir egal“. Doch mehr als mich zu informieren und meine Meinung zu sagen, gelingt mir nicht.

Erstaunlicherweise gefällt einigen Leuten, was ich über meine Familie und aus meinem Leben erzähle. Im September starte ich ein Blog, neben den Texten poste ich viele Fotos, auch welche die mein Freund Rainer gemacht hat. Als ich zum ersten Mal einen Gastautor veröffentliche, bitte ich Rainer Illustrationen zu zeichnen und damit beginnt eine neue, fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm.

img_20140525_0002 HalbmenschIMG_20140824_0001

13016464_1018853861532875_88599604_o

Lesung im Periplaneta Literaturcafé am 15. April 2016.

12999721_1018854448199483_317213314_o (2)

Im Frühjahr 2014 beginne ich eine vierteilige Erzählung über einen Schulfreund, aber es wird ein kleiner Roman daraus, zu jedem der zwölf Kapitel macht Rainer stimmungsvolle Bleistiftzeichnungen. Nun da ich mit „Die Legende von Xanadu“ fast fertig bin, sprechen wir über einen weiteren Roman, den ich gern in West-Berliner Punkszene Anfang der 80er Jahre ansiedeln möchte. Es gibt viel zu schreiben und zu zeichnen: „Das machen wir jetzt“.

Nachtrag, 6.7.2016:

Der zweite Roman ist fast fertig, aber mit dem Ende tue ich mich schwer. Seit über einem halben Jahr trage ich Bedenken,  bastle daran und kann mich nicht entscheiden, wie ich “Helden” im Detail zu Ende erzähle. Jedes lose Ende soll mit seinem Pendant verknüpft werden, Chronologie und Timing müssen stimmen und schließlich gilt es eine Figur zu töten. Vor zwei Wochen war dann Richard bei mir. Seit 1969 bin ich mit ihm befreundet und sein Leben war Vorbild für den Protagonisten des Helden-Roman: Roberto. Richard eröffnete mir er sei krank, sehr krank. Und egal ob es ihm gelingt die schwere Krankheit zu besiegen, es ist ihm ein Herzensbedürfnis “seinen” Roman in den Händen zu halten. Also werde ich mich daransetzen. Rainer arbeitet seit letztem Sommer wieder, muss lange Spätschichten schieben, trotzdem wird er die letzten zwei oder drei Illustrationen zeichnen und das neue Buch gestalten. Und dann haben wir eine Graphic Novel geplant. “Das machen wir!”

-Vorläufiges Ende-

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

bildbetrachten

Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

theinsatiabletraveler.com/

Travel inspiration, stories, photos and advice

Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

literaturfrey - Kunst und Kultur

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Zur Musikszene im weltweiten Berliner Speckgürtel

Leselebenszeichen

Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

.documenting.the.obvious

there is no "not enough light" there is only "not enough time"