Berlinische Leben – „Im Quartier von Quasimodo“ / von H.P. Daniels / Reblog

West-Berlin 1972.

Sie wollten mal nach den Kneipen schauen. Die Lage erkunden. Abgefahrene Studentenkneipen gibt’s doch hier wie Sand am Meer. Sie wollten mal schauen.
“Am besten wir fahren ins Zentrum”, sagte Rikki. “Bahnhof Zoo, die Gegend, Gedächtniskirche, Kudamm, da finden wir bestimmt jede Menge guter Kneipen.”
Rikki hatte einen Plan. Mit dem Bus ein paar Stationen bis Hermannplatz.
Schlaff sagte: “Herrmannsplatz”.
“Mann, Schlaff, Mann, wie oft soll ich’s dir noch sagen: der heißt nicht Hermannsplatz. Der heißt Hermannplatz. Merk dir das doch endlich mal!”

Sie fuhren ein Stück. Auf dem Oberdeck vom Doppeldeckerbus durfte man rauchen.
“Ist doch toll hier, was? In Berlin darf man sogar im Bus rauchen! Allerdings nur oben. Aber immerhin.”
“Hermannsplatz! Wir müssen raus”, sagte Schlaff und stand auf, “kommt, wir müssen raus!”
Rikki rollte mit den Augen. Herrmannsplatz … der merkt sich das nie! Sie stiegen aus. Und runter in die U-Bahn.
Sie schauten auf den Plan. “Berliner Straße müssen wir umsteigen!” Sie stiegen um. Richtung Zoo. Sie stiegen aus. Sie gingen rauf. Wo waren sie hier? Sie sahen sich um. Alle Richtungen.
Rikki gab den Berlin-Experten: Schaut mal hier, schaut mal da, Petty kam sich vor wie ein bescheuerter Tourist.
“Also wohin jetzt?”
“Weiß ich doch nicht!”
“Du bist doch der Berlin-Experte!”
“Wieso ich?”
“Weil du hier wohnst!”
“Na ja, so lang ja nun auch wieder nicht.”
“Immerhin wohnst du hier. Und wir nicht.”
“Na, so richtig wohne ich doch auch erst seit vorgestern hier. Seit meine Klamotten hier sind. Das Vorher zählt doch nicht.
“Aber dann spiel dich auch nicht immer auf als den großen Berlin-Experten! Also wohin jetzt?”
“Weiß ich doch nicht!”
“Ich dachte, du kennst hier alles? Alle tollen Kneipen. Was hast du denn hier die ganze Zeit gemacht?”
“Was heißt die ganze Zeit. Die ganze Zeit. Die ganze Zeit. Was hab ich gemacht? Wohnung gesucht. War schwierig genug…”
“Tssi, Tssi, Tssi. Jetzt streitet euch doch nicht schon wieder…”
Schlaffs gutmütige hohe Kinderstimme.

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“Und was ist das da drüben eigentlich? Worauf warten die denn?” Schlaff deutete auf eine riesige Menschenschlange unter der Eisenbahnbrücke. Vorwiegend junge Typen, Freaks, lange Haare, Hippies, Anarchos. Aber auch andere, eher Normale. “Was machen die da?”
“Schlaff, die suchen ne Wohnung!”
Rikki war wieder in seinem Berlin-Experten-Element:
“Die warten auf die Zeitung. Die Morgenpost!”
“Warum das denn? Zeitung? Abends um diese Zeit?”
“Ach, du kapierst mal wieder gar nichts. Die stehen da alle, weil um zehn der Typ mit der Morgenpost kommt. Der ist der Erste, der schon die Zeitung vom nächsten Tag verkauft. Wo die ganzen Wohnungsanzeigen drin sind.”
“Und warum können die nicht bis zum nächsten Tag warten? Um die Zeit bekommen die doch sowieso keine Wohnung mehr, oder?”
“Mann, Schlaff, du begreifst es nicht. Also pass auf, ich erklär’s dir: Um zehn kommt hier die Morgenpost mit den Wohnungsanzeigen. Und weil alle möglichst schnell an die Annoncen rankommen wollen, stehen sie hier und warten. Schon lang bevor der Zeitungsmann da ist. Und dann geht das so: Man kommt am besten immer zu zweit. Einer stellt sich an für die Zeitung. Der andere besetzt eine Telefonzelle. Siehst du die Telefonzellen da an der Ecke? Alle besetzt. Die warten auch. Sobald die Zeitung da ist, rennen sie zur Zelle und schauen die Anzeigen durch. Die sind sortiert nach Wohnungsgrößen. Also, wenn du ne Zweizimmer-Wohnung suchst, schaust du da. Die meisten suchen Einzimmerwohnungen, weil die am billigsten sind. Oder sie suchen besonders große Wohnungen, für ne Wohngemeinschaft…
“Wie du jetzt demnächst für uns, Rikki…”
“Ach lass mich in Ruhe mit dieser Wohngemeinschaftswohnung. War schwierig genug, die Einzimmerbude in Neukölln zu kriegen…
“Und dann?”
“Dann, wenn sie ne interessante Anzeige gefunden haben, rufen sie da an … sofort.”
“So spät am Abend noch?”
“Ja, Mann, das musst du, sonst hast du keine Chance!”
“Ach, dieses Berlin ist schon komisch … Und ein bisschen anstrengend, oder?”
“Was heißt hier komisch, Schlaff, was heißt anstrengend? Berlin ist einfach so, das ist hier so. Das ist eben ne richtige Großstadt. Nicht son Pisskaff wie Frankfurt. Oder das noch pisskäffigere Bad Soden. Oder Hofheim. Oder Kelkheim. Oder Eppstein. Oder Niedernhausen. Mann bin ich froh, dass ich endlich weg bin aus diesen Pisskäffern. Diesen elenden Provinznestern!”
“Und wohin gehen wir jetzt?”
“Weiß ich doch nicht. Wir können ja jemanden fragen.”
“Was willste denn fragen?”
“Na ja, wo hier ne gute Kneipe ist. Wir fragen jetzt einfach irgendjemanden. Irgendeinen Freak, der hier vorbeikommt. Da ist doch schon einer. Der sieht doch okay aus, der weiß bestimmt Bescheid. Da issn Freak.”
Rikki fragte nach einer guten Kneipe. Hier in der Nähe.
“Hier in der Nähe? Hmm.” Der Freak dachte nach. “Kommt drauf an, was ihr sucht. Was sucht ihr denn?”
“Na ja, ne gute Kneipe halt. Ne Studentenkneipe. Wo wir n Bier trinken können. Nicht so was Bürgerliches. Auf keinen Fall was Bürgerliches. Eher was Flippiges. Freakiges…”
“Hmm”, der Freak dachte weiter nach: “Hier in der Gegend?”
“Ja, möglichst nicht so weit.”
“Hmm.”
Plötzlich erhellte sich das Gesicht des Freaks: “Ach ja, gleich hier um die Ecke wäre was. Gleich da an der Kantstraße rechts. Und dann am Theater des Westens vorbei. Wo das Delphi-Kino drin ist. Da geht außen eine kleine Treppe runter. Quasimodo heißt der Laden. Der ist ganz okay. Da könnt ihr hin.”
“Danke. Hab ich’s doch gewusst. Dass der Freak Bescheid weiß. Da gehen wir jetzt hin!”

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Sie gingen die Treppe runter: Quasimodo. Ein Kellerlokal. Ganz witzig. Und ziemlich voll. Über einigen Tischen hingen freischwingend kleine Leinwände, auf denen Zeichtrickfilme flickerten:
“Kuck mal, Tom und Jerry!”
Sie bestellten Bier. Rikki und Petty rauchten Reval. Schlaff rauchte Gauloises. Sie lachten über Tom und Jerry. Und Donald Duck. Tranken. Rauchten. Unterhielten sich über das große Abenteuer Berlin. Ja, Berlin, Berlin, Berlin! Eine tolle Stadt. Und dass sich Schlaff jetzt auch vorstellen könnte, nach Berlin zu ziehen.
“Ja, Schlaff, zieh doch auch nach Berlin. Dann wären wir schon zu sechst. Du, Rikki, Lausi, Gisela, Birgit und ich. Dann muss Rikki halt ne Sechs- oder Siebenzimmerwohnung suchen…”
“…und sich abends anstellen unter der Bahnüberführung für die Zeitung mit den Anzeigen…”
Schlaff und Petty lachten. Rikki rollte mit den Augen.
“Hört bloß auf! Und außerdem sind mir das viel zu wenig Frauen für ne Wehgeh! Was gibt’s eigentlich hier für Frauen?” Er sah sich um: “Na ja!”
“Hahaha, Rikki der große Frauenexperte. Rikki und die Frauen, hahaha, die Frauen hier haben alle auf dich gewartet, klar Rikki…”
“Ach hör doch auf. Ich erinnere nur an dein letztes großes Desaster, Petty, hahaha, die Geschichte mit der Kauppert … Conny Kauppert … von der hast du dich doch bis heute nicht erholt. Wie lang ist das jetzt her? Das ganz große Desaster, dein persönliches Waterloo … mit der Kauppert … jajaja, das große Heulen und Zähneklappern. Da schau ich mich doch lieber hier mal um. Was es hier so gibt. Aber irgendwie ist mir dieser Laden zu bürgerlich, zu normal, zu spießig, zu sehr Touristen-Schuppen. Die Frauen sind auch nicht doll. Da muss es doch noch was anderes geben in dieser Stadt…”
“Aber nicht mehr heute, Rikki. Das machen wir dann morgen. Morgen können wir uns ja noch was anderes anschauen. Obwohl: ich find’s hier ganz lustig. Ist doch gut hier.”
Das fand Schlaff auch.
Sie bestellten noch ein Bier.
“Außerdem, wenn du hier schon so rumreitest auf der Geschichte mit Conny … dann möchte ich dich doch nur mal kurz an deine Sache mit der Schubert erinnern. Was war das denn? War das kein Waterloo, Rikki, mit der Schubert? Na, wie war das noch mal … mit der Schubert? Erzähl mal…”
Rikki heulte auf:
“Die Schubert. Mein Gott, die Schubert! Erinnere mich jetzt bloß nicht an die Schubert! Außerdem ist sie da, in ihrem verdammten Provinzkaff … und ich bin jetzt hier in Berlin!”

Wie schon „Hauptsache Berlin“ stammt „Im Quartier von Quasimodo“ aus dem bislang unveröffentlichten Roman „Nowhere Man“ von H.P. Daniels. Der inzwischen berühmte Live-Club im Keller des Delphi-Gebäudes hieß bis zum Jahre 1975 „Quartier von Quasimodo“. Dann kam der gebürtige Genueser Giorgio Carioti, verkürzte den Namen zu „Quasimodo“ und legte das Gewicht auf Live-Konzerte, nachdem das Lokal vorher eher als Studentenkneipe betrieben wurde. Das historische Foto stammt von der Website des Clubs:
http://www.quasimodo.de

Redaktion: Marcus Kluge

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