Berlinische Leben: “Kneipe mit Bewusstsein”/ von H.P. Daniels / West-Berlin 1972

Schlaff saß zwischen den Schränken, nein, zwischen Schrank und Kachelofen: eingeklemmt.
“Hahaha Klaustro-Klause, Schlaff, sitzt du gut in deinem Eckchen. Mann, hast du n Glück, dass der Winter vorbei ist, dass der Ofen nicht mehr geheizt werden muss. Sonst würdest du da jetzt schön schmoren, in deiner Klaustro-Klause, was, Schlaff? Wie heizt man überhaupt son Ding, son Kachelofen?”

“Keine Ahnung. Mit Kohlen, oder? Hab ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht. Iss ja noch ne Weile hin…”
“Ach ja, Richard, denn sehn wir uns ja öfter jetzt, wa? Vielleicht hilft DER dir ja mit dem Ofen. Warum sagen die Berliner eigentlich immer ‘wa’?”

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“Weeß ick doch nich, warum die wa sagen, wa?”

“Omi hat auch immer wa gesagt. Omi am Büdchen.”
“Welche Omi? An was für nem Büdchen denn?”
“Omi am Büdchen in Kelkheim. Bei unserer Schule, gleich um die Ecke. Wir haben sie Omi genannt, weil sie schon ein bisschen älter war und was Omihaftes hatte. Zu Omi sind wir immer in der Pause. Ans Büdchen. Eine rauchen. Ne Cola trinken, oder so was. So ne typische Bude, mit Zeitungen, Zigaretten, Getränken, Süßigkeiten, kleine Sachen zum Essen, Brötchen, und ich glaube sogar auch Würstchen … heiß gemacht. Die Arbeiter von der Möbelfabrik und den Schreinereien sind da auch immer hin. Omi war Berlinerin. Und sie hat immer wa gesagt. An jeden Satz hinten dran gehängt. Daher kannte ich das schon. Habta wieda Pause, wa? Kommta wieda roochn, wa? Omi war immer nett mit uns Schülern…”

“Aha, ist ja sehr interessant! Spannende Geschichte. Kelkheim … KELK-HEIM, dieses Furzkaff, diese Provinzler da. Da kann man ja nichts Spannenderes erwarten!”

“Jetzt bist du ja in Berlin, Richard, was für ein Glück, da sehn wir uns ja jetzt öfter, Richard, wa?”
“Jaaaa, iss ja gut! Überlegt euch lieber mal, was wir heute Abend machen wollen.”
“Quasimodo!” schlägt Schlaff vor. “Wir könnten ins Quasimodo gehen.”

“Nee, also ins Quasimodo geh ich heute nicht mehr. Das ist doch ein scheißbürgerlicher Spießerladen. Touristenkneipe. Wenn ihr da hingehen wollt, bitte, dann geht da von mir aus hin, passt ja auch irgendwie zu euch Spießern. Aber ich komm da nicht mit, mir ist das zu blöd. Ich geh woanders hin?”
“Und, wo gehst du hin, Rikki?”
“Ich will in eine richtige Kneipe. Ne linke Kneipe mit dem richtigen Bewusstsein. Was Politisches…”
“Und wie soll diese Kneipe aussehen? Mit dem richtigen Bewusstein. Kneipe mit Bewusstsein? Wo soll die sein? Wir fanden das Quasimodo ganz gut…”
“Das ist doch was für Kleinbürger. Macht, was ihr wollt, ich such mir ne ideologisch einwandfreie Kneipe.”
Petty lachte laut. “Haha, Rikki, eine ideologisch einwandfreie Kneipe! Hast du das gehört, Schlaff? In eine ideologisch einwandfreie Kneipe will Rikki, ideologisch einwandfrei … das würde mich ja dann auch mal interessieren. Was eine ideologisch einwandfreie Kneipe ist. Da kommen wir mit, das will ich sehen. Komm Schlaff, kommt Verdammte dieser Erde, Rikki führt uns an, ihm nach. Rikki, unser großer Steuermann. Avanti Populo, Rikki, zeig uns den Weg zur ideologisch einwandfreien Kneipe! Führ uns an, Genosse, auf dem langen Marsch!”

“Redet doch nicht son Unsinn”, sagte Rikki, “ich weiß was, ich weiß wirklich was. Ich weiß, wo wir hingehen.”

Er kramte in einer Kiste, in einem Stapel alter Zeitschriften. “Agit 883” hieß die Zeitung die er hervorzog. Komischer Name. So eine typische Alternativzeitung mit wilder Aufmachung, Schreibmaschinen-Layout.

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“Schaut mal, hier sind ein paar Annoncen. Er blätterte und suchte.
“Black Korner … das klingt doch schon mal ganz gut … Nassauische Straße? Wo issn die Nassauische Straße?”
“Zeig mal her, Rikki. Korner mit K? Haben die sich nach Alexis Korner benannt? Den Vater des englischen Blues?”
“Das denkst auch wieder nur du, in deiner halb verblödeten Kiffer-Birne … dass alle sich nach irgendwelchen Bands und Musikern benennen müssten. Blues, ha Blues, was fürn langweiliger Scheiß. Wenn du mich fragst, ich stehe nur auf Tyrannosaurus Rex. Das ist ne Band. Das ist die Musik der Zukunft. Aber du und Schlaff, ihr mit eurem öden Blues, mit eurem Ten Years-After-Langweiler-Zeugs…”
“Ja, genau, Rikki … Klickelwutt Glien … die fandst du doch auch immer gut?”

“Ja, okay, Klickelwutt Gliehn, aber auch nur wegen des chinesischen Titels. Klicklwutt Gliehn. Nur das Wortspiel fand ich gut, nicht die Musik. Und ‘Zehn Jahre Arsch’ finde ich auch immer noch ganz lustig … für Ten Years After. Aber musikalisch ist für mich nur noch Tyrannosaurus Rex relevant.”
“Ne, Rikki, wirklich nicht. Ich will nur noch ideologisch einwandfreie Bands hören. Aber was ist jetzt mit der ideologisch einwandfreien Kneipe?”
“Na ja, Black Korner ist wohl doch nicht so. Schau mal hier, was hier steht: ‘Psychothek’ steht hier. Was solln das sein? Das klingt doch wieder nach so nem Kifferscheiß. Eher was für euch. Unpolitischer Kifferscheiß.”
“Schau mal, hier ist noch was. Was ist das denn? ‘Tina Putt – Brutstätte für Farbeierablage von Blauhelmen. Zur Wanne’. Heißt das jetzt Tina Putt? Oder Zur Wanne? Holsteinische Straße? Wo issn die?”

“Keine Ahnung, aber klingt doch schon besser als dieser Psycho-Scheiß. Psychedelic-Scheiß. Das wäre eher was für den Nowak: noch drei Trips bis Wochenende! Wisst ihr noch: der Nowak … Immer LSD. Aber hier ist noch was. Schaut mal: Das wäre doch was? ‘Drehscheibe. Undogmatische Kneipe für linke Leute’. Das ist’s doch genau das, was wir suchen. Und hört mal: 20 in- und ausländische Tageszeitungen, 40 Zeitschriften, 7 verschiedenen Biere, 7 Wodka-Sorten, 4 Fernsehprogramme. Das ist doch wirklich was, da gehen wir hin. Pfalzburger Straße 20. Gib mal den Stadtplan.”

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Sie suchten die Pfalzburger Straße.
“Schau mal hier. Die is ziemlich lang. Wo isn die Nummer?”
“Die 12 ist hier. Aber da auf der anderen Seite ist schon die 71. Wie kann das denn sein? Ist der Plan falsch?”
“Weißt du das nicht? Hier in Berlin ist doch alles anders. Hier haben sie ein völlig bescheuertes System, die Straßen zu nummerieren. Da gibt’s nicht die geraden Nummern auf der einen Straßenseite und die ungeraden auf der anderen. Nee, da zählen sie auf der einen Seite die ganze Länge lang rauf, und dann am Ende auf der anderen Seite weiter, also wieder zurück.
“Wie jetzt? Weiter? Oder zurück?”
“Na ja auf der einen Seite rauf und die andere Seite wieder runter.”
“Versteh ich nicht.”
“Mann, Petty, du kapierst auch wieder überhaupt nichts. Das kommt von eurer bescheuerten Kifferei. Also ich erklär’s dir nochmal.” Er deutete auf den Stadtplan. Pfalzburger Straße. “Schau, hier fängt sie an zu zählen, an der Lietzenburger Straße, da fängt sie an. Also hier auf der linken Seite ist die Nummer 1. Das heißt: eigentlih ist es ja die rechte Straßenseite. Dann zählt sie 1,2,3,4,5,6 und so weiter. Hier ist die 17, da die 26, da die 28, siehst du? Und hier am Ende, wie heißt die Straße da? Fechnerstraße, ja, da geht’s dann auf der anderen Seite weiter. Schau, hier ist die 44, da die 55, 79 und wieder bis rauf zur Lietzenburger Straße. Da liegt dann das Haus mit der höchsten Nummer dem mit der 1 gegenüber.”
“Seltsames System! Warum machen die das?”
“Sag ich dir doch: weil sie bescheuert sind. Da kann man sich dumm und dämlich suchen nach einer Hausnummer.”
“Und wo ist jetzt die Pfalzburger 20?”
“Hier ist die 17 und da ist die 26. Müsste also ungefähr dazwischen sein. Hier vielleicht. Da fahren wir am besten genauso wie gestern, steigen aber schon am U-Bahnhof Spichernstraße aus. Von da können wir dann zu Fuß rüber laufen.”

“Aaah … nicht so viel laufen!”
“Hör auf, Schlaff, du wirst doch wohl mal ein paar hundert Meter laufen können! Wenn die Revolution kommt, wirst du schon auch mal rennen müssen. Kannst ja jetzt schon mal ein bisschen trainieren!”

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Spichernstraße steigen sie aus.
“Komische Gegend. Schau mal da oben, auf diesem hässlichen Betonneubau. Was ist das denn? Soll das der Kopf von Jimi Hendrix sein?”

Sie schauen hoch auf den langgestreckten Neubau, da ist der Kopf eines Langhaarigen, schwarz wie ein Scherenschnitt auf transparentem roten Hintergrund, von hinten beleuchtet. Das hat etwas Ikonenhaftes, wie das berühmte Bild von Che Guevara mit Bart und Baskenmütze. Das Rikki in seiner neuen Wohnung, dieser Rumpelbude, über dem Sofa hängen hat.
“Ist das Hendrix?”
“Nee, Frank Zappa, oder?”
“Quatsch, das ist nicht Zappa! Zappa sieht anders aus. Zappa hat doch auch den Bart!”
“Hat der da oben doch auch!
“Nee, hat er nicht. Schau doch mal hin.”
“Aber Hendrix? Ein bisschen sieht er schon aus wie Hendrix. Hmm … vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es auch gar niemand. Jedenfalls niemand Spezielles. Einfach nur ein Langhaariger. Ein Freak.”
“Weißt du, Zappa oder Hendrix, mir ist das völlig egal. Das nimmt sich doch sowieso nichts. Ist doch alles das Selbe. Alter Mist von gestern. Tyrannosaurus Rex, das ist was. Das ist die Musik der Zukunft. Ihr werdet sehen. Ich sag’s euch. In ein paar Jahren werdet ihr an mich denken.”
“Mann Rikki, ich weiß gar nicht, ob es so gut ist … wenn wir uns jetzt öfter sehen.”
“Das ist ne Werbung für diesen Laden da oben. Ist der da oben drin? In diesem hässlichen Haus? Schau mal, diese riesigen bunten Buchstaben da am Haus: B-I-G-A-P-P-L-E. Big Apple? Ist das ne Disco?”

“Big Apple gibt’s in München auch. Auf der Leopoldstraße. Gleich neben dem PN. Das PN war immer beliebter, weil da meistens die besseren Bands gespielt haben. Kinks, Pretty Things, Boots, Renegades. Hendrix hat da auch mal gespielt. Ganz am Anfang seiner Karriere, als ihn noch keiner kannte. Oder hat der im Big Apple gespielt? Das weiß ich jetzt gar nicht mehr genau. Jedenfalls hab ich zuletzt im Big Apple Golden Earring und Man gesehen. Ist noch gar nicht so lange her…”
“Mann, Petty, das interessiert doch keine Sau, deine öden Kifferbands.”
“Ja, ich weiß, Rikki, Tyrannosaurus Rex … aber die gibt’s ja eigentlich schon gar nicht mehr … heißen die nicht inzwischen T.Rex? Und wo geht’s jetzt hier eigentlich zur ideologisch einwandfreien Kneipe?”

Sie liefen ein Stück, suchten ein bisschen, und gerade als Schlaff zu maulen anfing: “Wo issn das jetzt … ist das noch weit?” … fanden sie die Drehscheibe.

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Sie setzten sich rechts hinter der Tür an einen runden Tisch. Und bestellten Bier. Schlaff rauchte eine Gauloise, Rikki und Petty rauchten Reval. Ein paar Freaks liefen herum, rauchten Selbstgedrehte, ein paar langhaarige Gestalten. Und ein paar ältere Typen, die nach schwerer politischer Diskussion aussahen. Links neben der Tür stand ein großes Regal, mit unzähligen Zeitungen und Zeitschriften. Rikki wühlte da ein bisschen herum, schaute, blätterte.

“Ah, die Agit 883 gibt’s hier auch. Und was ist denn das hier für ein Blättchen?” “Berliner Extra-Dienst”, ein einfach hergestelltes Heftchen im winzigen DIN A 5 Format.
“Das ist doch interessant”, fand Rikki, “Obwohl die Aufmachung ja auch nicht gerade der Hit ist, ein bisschen mickrig, oder? Das könnte man doch besser machen. Und haben sie dieses Logo hier absichtlich ein bisschen an die Bild-Zeitung angelehnt? Ja, das ist gut, das ist ironisch gemeint. Das ist ganz gut!”
Schlaff und Petty fanden die ganze Kneipe ein bisschen muffig, eher öde. Langweilig.

“Und? Bist du jetzt zufrieden, Rikki? Ist die Kneipe ideologisch einwandfrei genug? Diese undogmatische Kneipe für linke Leute? Ist doch irgendwie langweilig, oder?
“Jetzt spielt euch mal nicht so auf. Immerhin haben sie Zeitungen hier. Viele Zeitungen Und vor allem linke Zeitungen. Das ist doch was.”
“Wie weit ist es denn von hier zum Quasimodo?” wollte Schlaff wissen, “das kann doch nicht so weit sein?”
“Ja, da können wir zu Fuß gehen. Wir haben ja einen Plan dabei!”

Schlaff maulte: “Zu Fuß? Wie weit denn?”

Rikki war einverstanden. Kein leichter Weg für beide.
“Ideologisch einwandfreie Kneipe, hahahah, Rikki. Das war also die ideologisch einwandfreie Kneipe. Sehr schön. Wunderbar. Ideologisch einwandfrei … aber total langweilig. Keine Musik, keine Zeichentrickfilme und keine Frauen. Was ist Rikki, fandst du die ideologisch einwandfreien Frauen hier besser als gestern im Quasimodo?”
“Immerhin gab es Zeitungen!”
“Ja, ja, Richard, vielleicht sehn wir uns ja jetzt öfter. In einer ideologisch einwandfreien Kneipe! Da könn wa denn so manche Molle zischen miteinanda, wa?”

“Ach Petty, hör doch auf!”


Agit 883 56 51, später zum geläufigeren Agit 883 verkürzt, war eine anarchistisch-libertäre Zeitschrift aus der Linken Szene West-Berlins, die mit wechselnden Untertiteln und in wechselnder Zusammensetzung der Redaktion von Februar 1969 bis Februar 1972 erschien. Sie gilt in Bezug auf die gewählten Themen, ihre Sprache und die Aufmachung (Illustrationen mit Fotomontagen und Comics, libertäre Agitation) als typisches Blatt der späten Studentenbewegung. Die Zahl im Titel der Zeitschrift war die Telefonnummer der Redaktion bzw. der Wohngemeinschaft und des Mitherausgebers Dirk Schneider in der Uhlandstraße 52 in Berlin-Wilmersdorf. (Quelle: WiKi)

Die Titelbilder stammen von dieser Website mit Scans aller Ausgaben:

http://plakat.nadir.org/883/

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