Editorial: „Gedächtniskirche – Kurzes Nachdenken über Gewalt“

Ein paar Tage habe ich geschwiegen. Erst fehlten mir buchstäblich die Worte, dann kam mir alles hohl und redundant vor, was ich hätte äußern können. Aber das Leben muss weitergehen, wir müssen weiterleben, ohne uns von Wut, Trauer und Angst überwältigen zu lassen. Die Gedächtniskirche ist ironischerweise nicht nur eine zentrale Berliner Kirche, nein, sie ist ein Denkmal, dass uns daran erinnern soll, Gewalt erzeugt nur immer wieder mehr Gewalt. Diese Erfahrung haben die Deutschen machen müssen. Manch einer mag sich die Gedächtniskirche zurück wünschen, wie sie in neuromanischer Pracht vor dem 2. Weltkrieg auf dem Auguste-Viktoria-Platz stand, der 1947 nach dem, von den Nazis verfolgten Soziologen Rudolf Breitscheid, Breitscheidplatz benannt wurde. Die Ruine der Gedächtniskirche erinnert mich daran, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben, auch wenn rechte Demagogen z.Z. wieder erfolgreich auf Seelenfang gehen. Es ist eine Minderheit, die sich da sammelt und ich habe immer noch die Hoffnung, dass es eine Minderheit bleibt. Aber wir sollten ihr entschlossen gegenüber treten und uns nicht in einer Filterblase einlullen lassen. Mir ist die zerstörte Kirche auf jeden Fall wertvoller, als das heile Original, weil sie weiter Generationen lehrt, dass wer nicht in der Lage ist, aus der Geschichte zu lernen, verdammt ist diese zu wiederholen. Und nun wird sie auch ewig mit dem Attentat vom 19.12. 2016 verbunden sein. Ich wünsche mir, es sei mir kurz vor Weihnachten gestattet, dass die Gedächtniskirche weiter für ein Deutschland steht, das aus der Geschichte gelernt hat. Ein Deutschland, das nicht Gewalt mit Gewalt und Ausgrenzung beantwortet.

“DIE GESCHICHTE WIRD EINMAL /
EIN VERNICHTENDES URTEIL /
NICHT NUR ÜBER DIEJENIGEN /
FÄLLEN, DIE UNRECHT GETAN /
HABEN, SONDERN AUCH ÜBER /
DIE, DIE DEM UNRECHT STILL- /
SCHWEIGEND ZUSAHEN.” RUDOLF BREITSCHEID /
*1874 IN KÖLN +1944 IM KZ BUCHENWALD /
1920 – 1933 /

Die Foto-Strecke rund um die Gedächtniskirche entstand im September 2016 in Zusammenarbeit mit meinem Freund Rainer Jacob.

Unser erstes Ziel war der 70er-Jahrebau Bundesallee 203-5. Der grau-rote Betonklotz, in dessen Hof Rainer vor 38 Jahren eine schöne, an den Film “Uhrwerk Orange” erinnernde, Aufnahme von mir gemacht hatte. Schon vom weiten sahen wir, dass das zwischen Nachod- und Trautenaustraße gelegene Gebäude zur Hälfte abgerissen wurde. Immerhin, der Rest bleibt stehen: http://www.tagesspiegel.de/themen/charlottenburg-wilmersdorf/berlin-wilmersdorf-bald-rollen-bagger-an-der-bundesallee/10695326.html

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Das vergebliche Suchen nach der Idylle der Vergangenheit sollte an diesem Abend so etwas wie ein Leitmotiv werden. Der ehemalige Dschungel in der Nürnberger Straße war nur ungenau zu lokalisieren, auch die heutigen Ladenmieter im “Ellington Hotel” hatten keine Ahnung. Die Fußgängerbrücken zum Europa-Center fehlten und statt des “Kranzlers” fanden wir ein “Ampelmann-Café”. Nichts gegen die putzigen DDR-Ampelfiguren, aber ausgerechnet am Kranzler-Eck wirken sie doch arg deplaziert. Andere Zeiterscheinungen haben sich vorteilhaft verflüchtigt, vor dem Maison de France steht kein Polizist mit MG mehr, wie im “Deutschen Herbst” vor rund vier Jahrzehnten.

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Oben: Kudamm Höhe “Haus Wien” in den späten 50ern.

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Kranzler-Eck, 1960 und heute.

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Cinema Paris im Maison de France. Oben 1977.

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Oben: U-Bahnhof Kurfürstendamm, ca. 1978, Foto: Cornelia Grosch.

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Oben: Gedächtniskirche von der nicht mehr existierenden Fußgängerbrücke aus gesehen, Foto: Cornelia Grosch, ca. 1978.

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Oben: Europa-Center im Bau, 1965. Foto: Günter Jacob.

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Oben: Bikini-Haus im Bau, Rainer und seine Mutter, ca. 1957. Unten: Bikini-Haus heute, Rainers Foto und darunter Rainer beim fotografieren.

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Oben: Pan Am Lounge 1965. Foto: Helmut Kluge. Unten: Heute ist Fossil am gleichen Standort.

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Am Kranzler-Eck verabschieden wir uns. Rainer macht noch ein Foto auf dem Oberdeck des Busses, der ihn nach Kreuzberg zurück bringt und ich fotografiere auf dem Weg zum Bahnhof Zoo die neuen Wolkenkratzer am Beginn der Kantstraße. Die historischen Fotos stammen von: Rainer Jacob, Cornelia Grosch, Marcus Kluge, Günter Jacob und Helmut Kluge.

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Marcus Kluge

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One response to “Editorial: „Gedächtniskirche – Kurzes Nachdenken über Gewalt“”

  1. Sabine says :

    Das mit der Gewalt und Gegengewalt hast du toll gesagt. Mir ist unsere Gedächniskirche so auch sehr lieb und teuer. Mit dem Weitertragen natürlich auch. Als meine Tochter so 4 war fragte sie auf dem Weg zum Zoo, warum die Kirche so kaputt ist (ist schon 17 Jahre her). Und ich erklärte ihr, dass es, als Oma und Opa klein waren, einen ganz bösen Mann gab, der die Welt erobern wollte und die Welt ließ sich das nicht gefallen. “Er” ließ Bomben werfen und die anderen Länder warfen eben auch auf “uns”. Töchterlein reichte damals die Erklärung erstmal und ihre kurze Nachdenklichkeit war im Zoo dann erstmal verflogen. Wie erklärt man sowas auch einem kleinen Kind?

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