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Berlinische Leben – “Der Kebabtraum” / “Helden ’81” Kapitel Zwölf / von Marcus Kluge / 1981

Das “Tempodrom-Kapitel” meines unveröffentlichten Romans “Helden ’81”.

Normalerweise fanden Punk- und andere Rock-Konzerte in meist mehr oder weniger schmuddligen Klubs statt, am Abend oder in der Nacht, vor einem ziemlich betrunkenen oder auch bedingtem Publikum. Das Tempodrom bot eine Alternative, in einem Zirkuszelt fanden oft schon am Nachmittag Auftritte der angesagtesten Berliner und auswärtigen Bands statt. Die ehemalige Krankenschwester Irene Moessinger hatte sich mit Hilfe einer Erbschaft den Traum erfüllt Zirkusdirektorin zu werden. 1980 machte sie ihr Etablissement am Potsdamer Platz auf und im März 1981 war sie schon wieder pleite. Glücklicherweise entdeckte zu dieser Zeit der Berliner Senat sein Herz für die Off- und Sub-Kultur der Stadt und mit einer Finanzhilfe ging der Spielbetrieb weiter. Der verwaiste Potsdamer Platz war auf jeden Fall eine geniale Ortswahl der Chefin. Wenn man mit Besuchern auf dem weitgehend leeren Platz am Rande der Berliner Mauer stand, konnte sich niemand vorstellen, dass hier einmal das Herz der drittgrößten Stadt der Welt schlug; in den 1920er Jahren war der Platz tatsächlich der verkehrreichste weltweit. Von einem Trödelmarkt am Wochenende und ein paar Souvenirständen abgesehen, herrschte dort bis 1980 gähnende Leere.

Am Wochenende hatten die Veranstaltungen im Tempodrom ein wenig den Charakter von alternativen Sonntagsspaziergängen, man zeigte sich und traf alte und neue Bekannte. Eigentlich sollte an diesem Sonntag ein Punkfestival mit auswärtigen Bands stattfinden, doch nachdem die meisten abgesagt hatten, machte das Booking ein Line-Up aus Berliner Bands daraus, die eigentlich gar nicht zusammenpassten, nur Slime blieb als einziger Import übrig. Nach einer unbekannten Schülerband mussten die Politpunks Slime auf dem undankbaren zweiten Platz um 17 Uhr spielen.

Ich kam natürlich mal wieder zu früh. Kurz vor 14 Uhr war der Haupteingang noch verrammelt, aber ich fand schnell den “Lieferanteneingang”. Aus dem Zirkuszelt kamen punkige Töne, dort war es ziemlich kalt, bis zum Beginn in drei Stunden würden die aufgestellten Heizungen hoffentlich Wirkung zeigen. Auf der Bühne erkannte ich “Slime“, ich machte schonmal ein paar Bilder mit meiner alten Spiegelreflex-Kamera. Dann suchte ich mir einen Weg hinter die Bühne und wartete auf die Musiker. Das Interview fand stilgemäß in einem Zirkuswagen statt. Ein kleiner Bullerofen bullerte vor sich hin und auf den Tisch hatten nette Heinzelmännchen Thermoskannen mit heißem Tee und Kaffee gestellt. Neben den Bandmitgliedern Dirk, Elf und dem Drummer Stephan war noch eine Frau dabei, die nichts sagte. An Anfang waren die drei etwas zurückhaltend, dann merkten sie, dass ich kein sturer Politfreak war und das Gespräch wurde freundlicher. Wir sprachen über “Bullenschweine“, das bekannteste und umstrittenste Stück der Gruppe, über politisches Engagement, Geld und Faschos. Mein alter Kassettenrekorder lief und nahm alles auf. Ich musste unbedingt daran denken nach 45 Minuten umzudrehen. Es klappte nur weil das Mädchen stumm im richtigen Moment die Kassette umdrehte und wieder Play und Record gleichzeitig drückte. Ich dankte ihr kopfnickend.
Mein erstes Interview lief hervorragend, über manche Sätze wie: “Eine Zensur findet natürlich statt!”, oder: “Die taz ist ‘ne Schweinezeitung!”, freute ich mich und sah sie schon als Zwischenüberschriften. Kurz bevor das Tape zu ende war, hatten die Jungs genug und nachdem ich vor dem Zirkuswagen noch ein paar Fotos geschossen hatte, packte ich zufrieden meinen Kram zusammen. Die Band hatte sich sogar freundlich bei mir bedankt und freute sich auf die Veröffentlichung. Hoffentlich würde Papparazzi meinen Text auch nehmen. Ich rechnete schon mal aus, was damit verdienen würde. Die taz zahlte 75 Pfennige für die Zeile und 30.- Mark für ein Foto. 300.- Mark müssten drin sein, ich rieb mir die Hände, meine erste journalistische Arbeit.

Inzwischen hatte sich das Gelände belebt, es spielte noch keine Band, aber viele Besucher standen Schlange, um Bier zu kaufen und ich schloss mich an. Roberto und August hatte ich zu 18 Uhr bestellt, ich wollte vorher noch in Ruhe den Auftritt von “Slime” sehen. Aber im Prinzip war meine Arbeit getan und ich konnte mich ein bißchen bespaßen. Die Vor-Band war ziemlich schlecht und als ich das Zelt wieder verließ, kam mir Uschi entgegen, die Mitbewohnerin von Gudrun. Sie hatte zwar wieder ihre schwarze Lederjacke an, aber diesmal trug sie mehr als nur einen grünen BH darunter. Ein enger schwarzer Pullover modellierte ihre Brüste und ein ebenfalls schwarzer Lack-Minirock ließ viel von ihren fischnetzgemusterten Beinen sehen. Mit einem Bier in der Hand sprach mich Uschi an:
“Na du? Ich dachte, du bist jetzt Familienvater in Neukölln. Hat’s nicht geklappt mit Gudrun?”
“Ja, stimmt auffallend genau. Es gab da ein Missverständnis. Aber wieso weißt du nichts davon, hat dir Gudrun nichts erzählt?”
“Nee, sie mir nix erzählt. Schon, weil ich nicht mehr da wohne. Sie hat mich nämlich rausgeschmissen. Deshalb dachte ich, du wärst jetzt schon eingezogen.”
“Wieso hat sie dich rausgeworfen?”
“Keine Ahnung, es gab Streit und ich hatte keine Lust klein beizugeben.”
“Das glaube ich dir aufs Wort. Sag mal wollen wir reingehen, ich glaube MDK spielen jetzt.”

Drinnen tobte das Mekanik Destrüktiw Kommandöh, die Jungs machten einen rauen Punk und provozierten gern das Publikum, bis sie mit “Spaß muss sein” die Spannung auflösten. Mit dem Sänger Volker und Bassmann Edgar hatte ich mal im SO36 Bier getrunken und einen sehr sympathischen Eindruck gehabt. Uschi und ich tanzten bis ich Roberto ins Zelt kommen sah.
Ich begrüßte ihn und schlug vor, dass wir Uschi mit in unsere Planungen einbeziehen sollten, er war sofort einverstanden. Roberto holte drei Bier von der Bar und wir stellten uns an einen Biertisch und erklärten Uschi, worum es ging. Wie konnten wir Alex Legrand die wertvolle Leica abluchsen, ohne das wir in Gefahr gerieten, in den Knast zu kommen?

Ich hatte Roberto vorbereitet, dass August seinem vermeintlich toten Freund Ari sehr ähnlich sah, trotzdem stand Roberto mit weit geöffnetem Mund, staunend da, als August Deter uns entdeckt hatte und auf uns zu kam. August trug wieder seinen schwarzen Trench-Coat mit hochgestelltem Kragen, der ihm ein wenig das Aussehen von Graf Dracula, oder auch Graf Zahl aus der Sesamstraße gab. August gab uns allen höflich die Hand, Uschi zuerst, dann mir und als er Roberto seine Hand reichte, stammelte dieser fragend:
“Ari, bist du das?”
August zuckte mit den Schultern und antwortete:
“Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wer ich bin. Aber wenn ich dich so angucke, kommst du mir schon bekannt vor.”, er trat auf Roberto zu und umarmte ihn. August hatte wohl spontan beschlossen Roberto zu mögen und Roberto lies sich darauf ein.
Inzwischen war Umbaupause und ich machte einen Vorschlag:
“Sagt mal, wollen wir uns nicht irgendwo ein ruhiges Plätzchen suchen für unser Palaver? Im Moment ist es noch ruhig, weil Pause ist, aber danach spielen, glaube ich, ‘ne Hardcore-Band, dann wird’s so laut, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr hören.”
Uschi schlug vor in das kleinere Zelt zu gehen, wo man Getränke und Snacks kaufen konnte. Dort war es leider sehr voll und wir standen planlos am Eingang, bis mir eine Idee kam:
“Kommt mal mit, wir probieren mal was.”
Ich führte die kleine Gruppe zu dem Zirkus-Wohnwagen, indem ich am Nachmittag das Slime-Interview gemacht hatte und es war tatsächlich leer, der kleine Ofen war noch heiß und wir machten es uns gemütlich. Roberto hatte einen Jutebeutel dabei, aus dem er Mini-Flaschen mit Magenbitter hervorzauberte und verteilte. Gestärkt eröffnete ich die Diskussion:
“Ich könnte mir vorstellen, wenn wir Alex Legrand die ganze Geschichte erzählen, können wir ihn bei seiner Ehre packen. Sowas wie, er würde die Leica eigentlich unrechtmäßig besitzen und moralisch betrachtet gehörte die Kamera Robertos Familie. Und wenn er sie uns nicht gibt, tun die Gangster der Familie was an.”
Roberto schüttelte den Kopf:
“Nee, der wird sagen, geht doch zur Polizei, die kann euch schützen. Ich kann ihm doch nicht verraten, dass es um eine illegale Drogen-Schmuggelei ging bei diesem Darlehen und das ich unter Beobachtung eines Bewährungshelfers stehe. Dann bin ich doch gleich unten durch bei ihm. Außerdem hat er die Kamera ganz legal bei einem Trödler in Bratislava gekauft, wieso soll er ein schlechtes Gewissen haben?”
Jetzt dachte Uschi laut nach:
“Hat Legrand denn irgendeine Schwäche? Glücksspiel oder Drogen? Nee? Na dann Sex. Ich könnte ihn verführen und dann erpressen wir ihn? Was macht er denn so, hat er ‘ne Frau? Erzähl doch mal ein bißchen was über ihn, Roberto.”
Roberto erzählte was er über die aktuelle Situation des Schauspielers herausbekommen hatte:
“Die Villa am Wannsee hat er nicht mehr, offensichtlich geht’s ihm nicht mehr so üppig finanziell, er hat wohl schon lange keine gute Rolle mehr bekommen. Er wohnt jetzt in einer Eigentumswohnung am Winterfeldplatz. Mit Baby Sommer ist er schon seit Mitte der 70er nicht mehr zusammen. Ob es ‘ne andere Frau gibt, hab ich nicht herausbekommen.”
Wir rätselten herum, entwickelten immer wildere Pläne, doch es war nichts dabei, was den Hauch von einer Chance bot, erfolgreich zu sein. Indem er auf die Zirkusathmosphäre anspielte, überlegte Roberto laut:
“Gab es nicht mal einen Film “Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, oder so ähnlich? Regisseur war Alexander Kluge, glaube ich. Bloß das wir keine Artisten sind, wir sind gerade mal Statisten!”
August nahm seinen Gedanken auf und verkündete mit leiser Stimme:
“Genau, wir sind nur Statisten. Aus der Rolle müssen wir raus. Wir müssen Akteure, Artisten werden. Wir müssen sowas wie Regisseur, Produzent, Schauspieler und Drehbuch-Autoren werden. Versteht ihr mich?”
Wir anderen schüttelten unsere Köpfe, nein, wir hatten keine Ahnung was er meinte. August präzisierte:
“Wir müssen einen Film drehen. Einen Film mit einer richtig schönen Rolle für Alex Legrand.”
“Einen richtigen Film?”, fragte Roberto.
“Ja, einen richtigen Film über Robertos Vater und seine Erlebnisse im Dritten Reich, seine Aktionen im Widerstand und den Terror in dem Lager bei Bratislava. Und über die Geschichte der Leica natürlich. Wir drehen einen richtigen Film!, er machte eine dramatische Pause und sprach dann weiter:
Einen richtigen Phantom-Film !“, August grinste nun und ich überlegte ob August nicht mehr Tassen im Schrank hatte, oder ob das tatsächlich eine tolle Idee war, Legrand mit einem Phantom-Film zu ködern. Ich war mir unsicher und schwieg erstmal. Aber Uschi, Roberto und August begannen mit Ideen zu jonglieren, wie man Legrand überzeugen könnte, dass wir wirklich, ausgestattet mit Geld aus Hollywood, Produzenten eines großangelegten Filmprojektes seien und ihn, Legrand, als idealen Darsteller für den bösen Helden des Dramas, den SS-Offizier, auserkoren hatten. Nach einer Weile schob ich meine Bedenken zur Seite, beschloss, dass die Flinte ins Korn zu werfen immer noch später Zeit wäre, und beteiligte mich an den munteren Spekulationen. Bald wurde ich von einer Euphorie ergriffen, die meine Zweifel an dieser offensichtlichen Schnapsidee zunehmend kleiner werden lies, bis sie sich vorläufig in die Katakomben meiner Denkfabrik zurückzogen.

Als ich am Montagmorgen erwachte, stellte ich mit Genugtuung fest, dass ich inzwischen in einer weitläufigen Erdgeschosswohnung am Winterfeldplatz wohnte. Sie befand sich etwa dort, wo bis kurzem die Kneipe Slumberland war, die mich immer an den Winsor McCay-Cartoon “Little Nemo in Slumberland” erinnerte. Durch das große Glasfenster konnte ich in Spiegelschrift lesen “Marcus Kluge & Co. Privatdetektiv – Private Dick”. In diesem Moment betrat ein Kellner den Raum. Mit einem Frühstückstablett und der Morgenzeitung balancierte er schwankend über die riesige Liegefläche meines Bettes. Ich trank etwas Kaffee und widmete mich dann der Zeitung, Innensenator Lummer war tot aufgefunden worden. Man hatte ihm einen Holzflock durchs Herz getrieben, logischerweise, wie das Blatt bemerkte, denn wie hätte man den stattbekannten Vampir sonst umbringen können. Ich weinte ihm keine Träne nach, seine Politik war genauso scheußlich, wie seine Platten mit angeblich Altberliner Liedern. Aber sein Tod würde natürlich aufgeklärt werden müssen, wie aufs Stichwort brachte der Kellner das Telefon. Patti Smith von der Mordkommision Eins in der Keithstraße wollte mich treffen. Sie hatte Bedenken mit den Nachforschungen zu beginnen, ohne sich meiner Mitarbeit versichert zu haben. Ich sagte ihr widerwillig stöhnend zu, ich würde in einer halben Stunde am Tatort sein. Der Ober half mir bei der Garderobe, Smoking, Fliege und schwarze Lackschuhe, meine alltägliche Arbeitskleidung. Vor der Tür wartete schon mein Chauffeur Roberto mit dem renn-grünen Bentley, der seit seinem letzten Tuning fliegen konnte. Das war praktisch, denn der Tatort war der Funkturm. Hier auf der Besucherplattform lag der tote Innenpolitiker halbnackt in Lederjacke und High-Heels. Mir war klar, dass der Oberstaatsanwalt gern einen der üblichen Verdächtigen als möglichen Täter gesehen hätte. Einen wie den international bekannten Vampirjäger wie Rudi Dutschke zum Beispiel, aber ich wusste schon jetzt, dass ich dem Oberstaatsanwalt einen solchen Gefallen nicht tuen würde. Denn die Beweislage war eindeutig und zeigte nach Süden, nach Bayern, um genau zu sein. Ich zählte die ausgezutzelten Därme von elf Weißwürsten, fünf leere Weißbierflaschen der Marke St. Malefizius und anhand der Salzkrümel wusste ich, es waren mindesten ein halbes Dutzend Brezeln verzehrt worden. Es gab also nur einen Menschen, der als Täter für dieses Verbrechen in Frage kam, der bayerische Ministerpräsident und Großvampir Franz-Josef Strauß. Offensichtlich ein Streit unter Vampiren nach einem gemeinsamen Frühstück, darüber wer denn nun der Bösere und damit größere Vampir war, schien in einem tödlichen Handgemenge fatal ausgegangen zu sein. Da Strauß den tödlichen Holzpflock bereits mitgebracht haben muss, würde sogar ein Vorsatz angenommen werden können. Die saubere Lösung eines schmutzigen Falles, ich konnte wieder einmal stolz auf mich sein. Ich rieb mir zufrieden die Hände und lies mich von Mordkommisarin Patti Smith loben. Daraufhin lobte ich ihre ausgezeichnete Idee, mich zum Tatort zu holen. In diesem Moment sprachen mich einige Hippie-Künstler an, sie hatten eine begehbare, oder besser gesagt, berutschbare Plastik an den Funkturm gebaut. Durch diese durchsichtige Röhre konnte man 124 Meter bis zum Boden rutschen. Ich probierte es aus und kam mir vor wie in einem verlängerten Geburtskanal, ständig wechselten die Texturen und Materialien, Fell, Gumminoppen, Seide. Nach oben rotierende Rollen verhinderten, dass man zu schnell nach unten stürzte. Gegen Ende wurde es enger, dunkler und fühlte sich zunehmend sexuell erregend an. Endlich gab mich der Kanal frei. Vor mir stand das Batmobil, Batman stieg aus, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand:
“Kluge, ich brauche sie. Ich habe da einen Fall und komme nicht weiter.”
In diesem Moment wachte ich auf, ich hatte furchtbare Kopfschmerzen.

Ich rekapitulierte ängstlich den gestrigen Abend, aber einen Filmriss schien ich nicht gehabt zu haben. Nachdem es im Zirkuswagen kalt geworden war, hatten wir unsern Standort zu einem Döner-Imbiss in der Potsdamer Straße verlegt. Dort hatten wir bei Kümmerling, Tee und türkischem Essen unser Filmprojekt ausgearbeitet. Aus der Schnapsidee war ein echter Kebabtraum geworden. Gestern Abend hatte sich alles plausibel angehört, heute hatte ich erhebliche Zweifel. Dazu kam, dass ich mich bereit erklärt hatte, den Erstkontakt bei Legrands Agentin am Kudamm herzustellen und ein halbwegs professionell wirkendes Exposé für den Film würde ich auch schreiben müssen. Offensichtlich ging mir meine Gabe nein sagen zu können, zunehmend abhanden. Zu Selbstmitleid lies ich mich nicht hinreißen, aber ich umarmte mein neues Ich auch nicht. Ich war es leid, allem aus dem Weg zu gehen, also würde ich auch die Konsequenzen dieses Verhaltens tragen müssen. Als Soundtrack für diesen Morgen wählte ich eine Platte von Mekanik Destrüktiw Komandöh. “Der Tag schlägt zu” schien mir ein gutes Motto für unser Vorhaben zu sein.

Nach einem Kaffee, einer Paracetamol-Tablette und zwei Zigaretten war mein Kopf halbwegs frei und ich überlegte, wie ich mich in bezug auf Gudrun weiter verhalten würde. An diesem Montag müsste sie meinen Brief haben und ich sollte sie heute noch anrufen, in der Hoffnung, mein Brief hätte sie umgestimmt und mein Verhalten erklärt. Doch als erstes rief ich die Auskunft an, lies mir die Nummer von Constanze von Barnim geben und rief in der Künstler-Agentur an: “Hello, this is Jonathan Harker for Warner Brothers. May I speak to …”
Ich wurde unterbrochen:
“Sprechen sie ooch deutsch?”, fragte mich eine älter klingende Frauenstimme.
“Yes, natürlich. Mein Fehler, sorry. Mein Deutsch ist nur etwas eingeroasted. Kann ich bitte mit Frau wonn Barnim sprechen? Es ist wegen ein Film drehen in Berlin nächstes Jahr.”
“Moment bitte.”
Ein paar Augenblicke später meldete sich eine energische, aber gepflegte Stimme:
“Ich grüße sie, was kann ich für sie tun, Mr. Harker?”
Ich bemühte mich den amerikanischen Akzent nicht zu übertreiben:
“Ich arbeite für Mel Greenstreet, den Producer von Warner Brothers. Es geht um den Dreh von Shooting Evil im nächsten Sommer in Berlin und Prag. Sie haben vielleicht von den Project gehört?”
“Ja, ich glaube schon.”, behauptete Frau von Barnim und ich wusste, dass sie log, denn wir hatten uns das Filmprojekt erst gestern ausgedacht.
“Wir suchen eine lokale Casting-Agentur. Einige Rollen sind besetzt, Bruno Ganz spielt die Hauptrolle, Jack Nicholson eine wichtige Nebenrolle. Die meisten Nebenrollen wollen wir hier casten, das wird sicher finanziell interessant für sie. Außerdem brauchen wir Extras, Stetisten heißt es, oder?”
Sie verbesserte mich nicht, ich ahnte, dass ihr das Geschäft gelegen kam, also lies ich die Katze aus dem Sack:
“By the way suchen wir noch einen Actor für eine sehr wichtige Nebenrolle, den Villain, den Bösewicht. Wir hatten da an einen von ihren Clients gedacht, Alex Legrand. Den werrtreten sie doch?”
“Ja, das tue ich seit fast 25 Jahren, aber es könnte ein Problem geben. Herr Legrand spielt eigentlich nur positive Helden.”
“Yes, yes. Wir wissen. Aber Mister Greenstreet hat sich in der Kopf gesetzt, die Rolle against the fur zu casten. So wie Karlheinz Böhm in Peeping Tom*. Augen der Angst gilt heute als sein bester Film, das war doch der deutsche Titel? Das könnte die Karriere von Herr Legrand etwas drive geben. Er hatte nicht viele Rollen lately, oder?”
Frau von Barnim hatte jetzt etwas Stress in der Stimme:
“Ich verstehe was sie meinen, lassen sie mich erstmal mit Herrn Legrand sprechen, dann rufe ich sie zurück. Einverstanden?”
“Ja, einverstanden, aber es ist Mel Greenstreet sehr wichtig selbst mit Alex Legrand zu treffen, verstehen sie?”
Ich gab ihr meine Telefonnummer und wir verabschiedeten uns. Mein Herz pochte wie verrückt und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Aber ich hatte keinen Zweifel, dass die Agentin mich für echt hielt. Etwas vom Schauspieltalent meines Vaters schien bei mir durchzuschimmern. Ich fühlte mich zwar geschafft nach dieser Hochstapelei, aber gleichzeitig fühlte mich euphorisch. Wenn ich jetzt noch Gudrun von meinen ernsthaften Absichten überzeugen könnte, wäre ich dem Glück so nahe, wie niemals zuvor in meinem Leben, dachte ich. Ich zählte innerlich bis zehn, zündete mir eine Zigarette an und wählte Gudruns Nummer.

– wird fortgesetzt –

Illustrationen: Rainer Jacob http://about.me/rainer.jacob

*Peeping Tom:
http://de.wikipedia.org/wiki/Augen_der_Angst

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Berlinische Leben – „Bela Rattay’s Dead“ / „Helden ’81” – Kapitel Eins / von Marcus Kluge / 1981

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Heute vor 35 Jahren wurde der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay von einem BVG-Bus getötet. Es folgten bürgerkriegsähnliche Zustände, keiner der diesen Tag hautnah erlebte, wird ihn vergessen können. An diesem Tag beginnt auch mein zweiter Roman “Helden ’81” und aus diesem Anlass reblogge ich das erste Kapitel.

“He that is taught only by himself has a fool for a master.” Hunter S. Thompson.

Der Anzug war hellblau und sah irgendwie schief aus. Es war der am schlechtesten sitzende Anzug, den ich je gesehen hatte. Roberto schien stolz auf ihn zu sein, er hatte ihn zur Entlassung aus dem Gefängnis bekommen, zusammen mit 235 kanadischen Dollars und einer Bibel. Im Café Mitropa wirkte er wie ein Fremdkörper unter den ansonsten ausschließlich in schwarz gekleideten Gästen. Aus der Anlage tönte „Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus. Man musste etwas lauter sprechen um sich zu verständigen.

„The bats have left the bell tower
The victims have been bled
Bela Lugosi’s dead.”

Roberto wirkte wie ein hellblauer Schmetterling, der sich unter die Fledermäuse gemischt hatte. Das Café Mitropa sah in etwa aus wie eine Eisdiele in den 50er Jahren, die Gäste saßen auf mit Plastikschnüren bespannten Stühlen an winzigen Bistrotischchen. Den Tresen zierten eine Designerorangenpresse, die ebenfalls aus den 1950ern stammte und einer Mondrakete glich, sowie eine chromblitzende Expressomaschine.

„Ich habe hoch gepokert und verloren. So ist das Leben nun mal. Man kann nicht immer gewinnen”, erklärte mir Roberto mit einem überzeugten Lächeln.
Er hatte sich kaum verändert in den zweieinhalb Jahren, die wir uns nicht gesehen hatten. Er wirkte immer noch wie ein junger Gentleman aus den Südstaaten der USA, hoch gewachsen, mit dunkelblonden, lockigen Haaren und einem großen Schnurrbart. Ein draufgängerischer Gentleman, einer der Erfolg bei den Damen hat, trotz des traurigen Zuges um seine Augen, oder eben gerade deshalb. Vielleicht hatte der Gentleman einen Freund im Duell erschossen oder er hatte Spielschulden…? Diesen romantischen Blick hatte Roberto seit er 1974 Deutschland verlassen hatte, um den Großteil des Jahres in Indien zu leben. Ich hatte ihn heimlich bewundert für seinen Lebensstil. Ich fragte ihn: „Wieso hat du es überhaupt gemacht? Ich dachte du wärst zufrieden mit deinem Leben. Die meiste Zeit in Goa, am Strand, unter Palmen und ein paar Monate im Sommer in Berlin. Das war doch Klasse.”
Roberto zwirbelte seinen Bart und zog die Stirn kraus: „Du vergisst, dass ich in Goa auch arbeiten muss. Es ist zwar nur eine kleine Pension, aber im Grunde hab ich den Job eines Hoteldirektors. Ich bin nur ein besserer Diener für die Leute, die bei mir wohnen. Und die Sommermonate kann ich mir kaum leisten im teuren Berlin.”
„Verstehe, dann hast du dir gesagt, wenn schon denn schon und hast Nägel mit Knöpfen gemacht.”
Nägel mit Knöpfen waren es natürlich nicht, die er gemacht hatte. Es handelte sich vielmehr um

eine wunderschöne, hölzerne Yacht, die 1939 von Malaysia aus auf Jungfernfahrt gegangen war. Zusammen mit einem Kumpel, „Ari”, und anderen „Kollegen” hatte Roberto sie in Goa gekauft. Anschließend segelten sie nach Kerala, wo sie außer ihrer „Connection” niemand kannte. Goa war sozusagen ein Dorf, in dem eine größere Transaktion schwerlich geheim zu halten war und inzwischen hatten sich zivile Drogenfahnder unter die Hippies und Touristen gemischt, die nur an größeren Brocken interessiert waren. Deshalb wickelten Roberto und seine Freunde ihr Geschäft im Süden Indiens ab. Dort wurden 250 Kilo bestes Haschisch fachmännisch im Boot versteckt und es wurde per Schiffsfracht nach Kanada geschickt.
In Toronto nahmen Ari und Roberto die Yacht in Empfang und hier wollten sie den Schlussakt ihres Stückes inszenieren und abkassieren. Richtig groß abkassieren. Sie wohnten in einem Luxushotel und spielten reiche Jungs, vor der Geldübergabe ließen sie sich bei einem Starfriseur die Haare schneiden. Genau in diesem Moment übernahm die kanadische Polizei die Regie. Schwerbewaffnete, uniformierte Statisten betraten die Bühne, Statisten, die nicht in ihrem Skript standen. Den Haarschnitt bekamen sie erst im Gefängnis.
„Es war ein perfekter Plan, die Chancen das er schiefgeht, waren eins zu einer Million. Wir sind an menschlichem Versagen gescheitert. Einer der Segler, die wir engagieren mussten, weil Ari und ich ja keine Ahnung davon hatten, wurde von seiner eifersüchtigen Freundin verraten. Die hatten uns schon seit Kerala beschattet, na ja, damit konnte niemand rechnen.”
Ein sehr dünner, blasser Mann betrat das Café Mitropa. Er trug natürlich auch schwarze Klamotten, besonders auffallend war eine zu kurze, weite Jacke aus Gummi. Seine schwarzen Haare hatte er im Stil einer Ananas hoch gebunden, seine Wangen wirkten trotz seiner Jugend eingefallen. Er unterhielt sich mit der Tresenfrau, die ihm ein paar Briefe gab, die im Regal hinterm Tresen bereit lagen. Roberto schüttelte den Kopf und fragte mich nach ihm, Ich kannte ihn aus Friedenau, er hieß Christian Emmerich und nannte sich neuerdings Blixa Bargeld. Er war Sänger der Band „Einstürzende Neubauten.
Roberto schaute mich ungläubig an: „Einstürzende Neubauten?” Ich nickte grinsend: „Ja das ist der letzte Schrei.”
Langsam nervte mich, dass wir fast schreien mussten. Ich hatte auch den Eindruck, dass sich mein Freund zunehmend unwohl fühlte in dieser Umgebung.
„Sag mal, du sagtest, du wohnst hier in der Nähe?”
„Ja, ich wohne bei Caro am Winterfeldtplatz.”
Caro war Robertos jüngere Schwester. Er musste jetzt 28 sein, sein Schwester vier Jahre jünger. „Ich bin ganz froh bei ihr zu sein, Caro ist im siebten Monat schwanger und der Erzeuger hat sich aus dem Staub gemacht.”
Blixa verließ eben das Café mit einer Flasche Fernet und ein paar Zitronen. Er ging in Richtung Frankenstraße, wo er in einem besetzten Haus wohnte. Wir gingen in die andere Richtung. Schon von der Goltzstraße aus konnten wir sehen, dass der ganze Winterfeldplatz von „Wannen” mit schwer gerüsteten Polizisten umstellt war. Roberto zog wieder die Stirn kraus: „Kaum ist man zwei Jahre weg, verwandelt sich Berlin in einen Polizeistaat. Was ist hier eigentlich los, Marcus?”
Ich musste etwas ausholen, aber ich bemühte mich um Kürze. Dann begann ich ihm die Vorgeschichte der Hausbesetzerbewegung zu erklären. Ich erzählte von der Autobahn, die die West-Berliner Filzokraten durch Kreuzberg bauen wollten. Dass sie dafür den halben Bezirk abreißen wollten und davon, dass Häuser besetzt wurden, um diesen Prozess zu stoppen und der Konflikt eskalierte, besonders wegen eines Innensenators Lummer, der mit extremer Härte reagierte.
„Aber heute ist es besonders schlimm, oder?” Roberto, der eben noch so selbstbewusst gewirkt hatte, machte jetzt einen geradezu eingeschüchterten Eindruck. Wir blieben stehen und beobachteten den Korso, den die Mannschaftswagen nun aufführten. Die Wannen fuhren mit geöffneten Hintertüren im Kreis um den Winterfeldtplatz, während die Mannschaften in den Wagen mit ihren Gummiknüppeln im Takt auf ihre Schilder schlugen. Es machte einen martialischen Eindruck und der war auch beabsichtigt. Nun flogen erste Steine auf die Wannen und die getroffenen Wagen blieben stehen, die Beamten rückten aus, um Jagd auf alles und jeden zu machen, der ihnen unter die Knüppel kam. Roberto hatte nun echte Angst und ich fühlte mich ebenso unwohl. Wir liefen die letzten Meter bis zum Slumberland, neben dem Roberto stoppte. In letzter Sekunde schloss Roberto das Haus auf, und als wir drin waren, schloss er die Haustür sofort wieder zu. Kurz danach begannen die Bullen gegen die Tür zu treten. Wir warteten den Ausgang dieses Kräftemessens nicht ab und liefen in den dritten Stock des Hinterhauses. Erst als Roberto die Wohnungstür abgeschlossen und mit einer Kette gesichert hatte, fühlten wir uns halbwegs sicher. Das die Bullen in Wohnungen eingedrungen waren, hatte ich noch nicht gehört. Roberto sah mich mit großen Augen an: „Was ist denn heute los?”
Ich erklärte es ihm, soweit ich konnte. Bela Lugosi war nicht gestorben an diesem 22. September 1981, sondern ein 18-jähriger Hausbesetzer namens Klaus-Jürgen Rattay. Der Hardliner Lummer hatte ein Haus in der Bülowstraße räumen lassen. Danach gefiel es ihm, sich wie Napoleon, dem er ja ähnelte, auf einem Balkon von seinen Truppen feiern zu lassen. In der Folge war es zu einem besonders harten Polizeieinsatz gekommen, bei dem Rattay in den Verkehr der Potsdamer Straße getrieben und von einem BVG-Bus überfahren worden war. Indirekt war Lummer damit zum Mörder geworden und die Szene war schockiert, traurig und wütend. Später würde es mit Lummer ein klägliches Ende nehmen. Es kam heraus, das er jahrelang die sexuellen Dienste einer Stasiagentin genutzt hatte, ebenso war er lange heimlich für den BND tätig. Das er auch in miese Waffengeschäfte mit arabischen „Freunden” verwickelt war, ist nie richtig aufgeklärt worden. So wie das bei dieser Art von Deals meistens ist.
Roberto schüttelte den Kopf: „Da war’s ja richtig gemütlich und sicher in meiner Zelle in Kingston, Ontario.”
Wir setzten uns, nachdem Roberto Tee gekocht hatte, hier im Hinterhaus war es ruhig. Die Wohnung deutete auf eine weibliche Bewohnerin, alles war hübsch dekoriert und eingerichtet. Bunte Lampen und Kissen, sowie Blumen und Kerzen rundeten den Eindruck ab. Ich hatte Caro immer nur als kleine Schwester von Roberto wahrgenommen und fragte mich, wie sie jetzt wohl aussähe.
„Wieso hast Du mich eigentlich nie besucht in Goa?”, er fragte mich nicht zum ersten Mal, doch offensichtlich erinnerte er sich nicht an unsere früheren Gespräche. Dieses Thema war schwierig für mich, normalerweise redete ich mich mit meiner Reisephobie heraus, aber Roberto kannte mich zu gut, um das zu so leicht hinzunehmen. Da gab es etwas in mir, das ich gern verdrängte, eine diffuse Angst. Ich versuchte es zu erklären: „Weißt du, ich komme schon hier mit meinem Leben schwer klar. In Indien hätte ich Angst unter die Räder zu kommen. Ich fürchte mich auch vor den Drogen, die da so leicht und so billig zu haben sind.”
„You telling me!”, Roberto lachte: „da hast du natürlich Recht. Aber ich hätte schon auf dich aufgepasst.” Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Woher hattet ihr eigentlich das Geld für die Yacht und die Riesenmenge Dope?” Ich versuchte ihn wieder auf unser ursprüngliches Thema zurückzuholen.
„Da gibt es so ‘ne Art Banken, also Leute, die so etwas finanzieren. Das hat hauptsächlich mein Kumpel Ari gemacht.” Er machte eine wegwischende Handbewegung und sah an mir vorbei aus dem Fenster. Das Thema war ihm wohl nicht sehr angenehm, aber es interessierte mich: „Wollen die ihr Geld nicht zurückhaben?”
„Ja, im Prinzip schon, aber Ari lebt nicht mehr”, Roberto sah mich prüfend an und merkte, ich würde nachfragen, also kam er mir zuvor, „Ari ist schon ein Jahr nach dem Prozess nach Österreich abgeschoben worden. Kurz danach ist er in Wien gestorben, manche Leute sagen, es war Selbstmord. Aber das war nicht sein Ding, Selbstmord. Weißt du, Ari war ein Waffennarr, wahrscheinlich war es ein Unfall oder er hat russisches Roulette gespielt. Das wäre schon eher sein Ding gewesen.”
„Traurig, vielleicht hat ihn die Haft so fertig gemacht und er hat sich erschossen?” Irgendwie nahm ich Roberto seine Version von einem Unfall nicht so ab. Wir kannten uns halt schon lange und gut und ich nahm Signale wahr, die für Außenstehende unsichtbar gewesen wären.
„Nein, du machst dir da falsche Vorstellungen. Der Knast in Kanada ist fast ein Erholungsheim. Ich war in meiner Zelle meist ziemlich happy. Keiner konnte mir im Knast mein Lächeln wegnehmen. Oft sind mein “mind”, on it’s own, auf Wanderungen gegangen und mein “brain” ist hinterher gestolpert. Mein Leben, alle meine Freunde waren bei mir. Es war schön, die Ruhe. Ich habe viel gelesen, Hermann Hesse und so. Ich hatte sogar ein Bild von ihm in der Zelle. Und Bücher über Buddhismus habe ich dort endlich verstehen können. Zum meditieren ist so ein Raum ideal. Wie in einem Kloster. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.”
Innerlich schüttelte ich meinen Kopf. Roberto hatte die ausgeprägte Fähigkeit, sich selbst etwas vor zu machen. Darüber konnte ich nur staunen. Mir gelang das überhaupt nicht. Ich sah immer die Realität in all ihren hässlichen Facetten. Irgendwann hatte ich Drogen probiert, das machte es nur noch schlimmer. Robertos Einfalt schien mir ein Glück für ihn zu sein. Ein Glück das wohl auch eine Schattenseite hatte. Ich musste an ein Gemälde denken, das ich in Venedig gesehen hatte. Ein altersloser Mann saß auf einem Berg unter einem Baum und spielte völlig allein und selbstvergessen auf der Flöte. Das Licht deutete auf Nachmittag, das Ende des Tages hin. Unten im Tal floss ein munterer Bach an den Ort seiner Bestimmung. Der Fluss verkörperte das Leben, das an dem Mann auf dem Berg vorbei floss. Er hatte fast sein ganzes Leben vertan, vertrödelt. Der italienische Titel war mit „The Fool On The Hill” übersetzt. An dieses Bild musste ich denken, an diesen weltvergessenen Narren erinnerte mich Roberto. Noch etwas musste meine niemals ruhende Neugier erfahren: “Der Name Ari ist selten, war das ein Grieche?”, Namenskunde und Etymologie haben mich stets fasziniert, wie andere Menschen Tennis oder Schach.
„Nein, Grieche war er nicht. Seine Eltern sind vor Ceaucescus Geheimdienst nach Österreich geflohen, als Ari noch ein Kind war. Eigentlich hieß er Aristid Olt.”
„Aristid Olt”, der Name kam mir bekannt vor, ich hatte nur keine Ahnung woher. Man müsste einen Computer haben, auf dem alles Wissen der Welt gespeichert war, oder der wenigstens mit Experten überall verbunden war, die man fragen könnte. Der Gedanke machte mich traurig. Selbst wenn es so ein Gerät gäbe, wäre es bestimmt zu kompliziert, als das ich es hätte bedienen können, mit meiner Ungeschicklichkeit was Technik anging.

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Um 20 Uhr machten wir den Fernseher an und guckten die “Tagesschau”. Kein Wort davon, dass Rattay von der Polizei in den Tod getrieben wurde. Statt dessen Panikmache mit „Straßenterror”, ich wartete auf einen Nazi-Vergleich, doch der kam nicht. Stattdessen war von einem erstochenen Polizisten die Rede. Natürlich eine Falschmeldung, bewusst gestreut, um Bevölkerung und Bullen gegen die Hausbesetzer aufzubringen. Später hörte ich, dass man der kasernierten Polizei kurz vor ihrem Einsatz noch diese Nachricht vorführte, um sie zu einer harten Gangart zu „motivieren”.
„Wo ist deine Schwester eigentlich?”
„Wenn ich das wüsste. Eigentlich wollte sie schon zurück sein. Ich hoffe bloß sie ist in Sicherheit. So wie die Bullen drauf sind, machen die auch vor einer Schwangeren nicht halt.”
Ich teilte Robertos Befürchtung, dieser uniformierte Mob machte vor gar nichts halt, fürchtete auch ich. Über unserem Gespräch hatte ich die brenzlige Situation auf der Straße aus meinen Gedanken wegschieben können, aber nun musste ich an den Heimweg denken. Roberto brachte mich bis an die Haustür. Plötzlich stutzte er, blickte vor sich auf den Boden. Ich blickte ebenso auf den Boden, das einzige, was ich sah waren ein paar Pistazienschalen. Ich fragte nach, aber Roberto mochte mich nicht aufklären. Er schloss die Tür auf und wir lugten hinaus.
Die Marktfläche des Winterfeldtplatzes war leer. Die Polizei hatte sich bis an die Kirche zurückgezogen, versperrte den Durchgang und “massierte” dort ihre Kräfte, wie es wohl heißt. Die Aufrührer hatten sich hinter Barrikaden am Anfang der Maaßenstraße verschanzt. Es schien die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Roberto und ich umarmten uns und ich entschloss mich über die Maaßenstraße in großem Bogen zum Café Mitropa zurück zu laufen, um mein Fahrrad zu holen. Ich lief also auf die Barrikaden zu. Man ließ mich passieren, dahinter war sogenannter rechtsfreier Raum. Man bot mir mehrfach Flaschen an, Champagner, Whisky, aber auch schlichtes Bier. Ich trank schon aus Höflichkeit und um mich als Sympathisant zu erkennen zu geben. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten, um die Lage zu erkunden und merkte, wie ich langsam betrunken wurde. Drogen vermied ich zwar, aber Alkohol trank ich ab und zu.
In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte. Vor den schon recht leeren Regalen stand ein Paar und stritt was sie mitnehmen sollten. Die Plünderer waren alt und jung, alle Schichten waren vertreten, bis auf Anzugtypen, die waren nicht dabei. Aber sonst alle, Deutsche und Ausländer, mehr Männer, aber auch Frauen, sogar ein paar Kinder sah ich. Die guten Sachen waren schon weg. Diese seltsame, fiebrige Atmosphäre beim Plündern von Getränke Hoffmann war eine einzigartige Erfahrung und es fällt mir schwer sie zu beschreiben. Es hatte etwas von Kindergeburtstag und Lottogewinn, wie ein Grinsen, das sich eigenständig in dein Gesicht schreibt, wenn die Geliebte schließlich „ja” haucht. Selbst die alte Oma, die ungläubig auf die Flasche Pfefferminzschnaps schielt, die sie eben genommen hat, hat Glück in ihren Augen, man ahnt wie schön sie als junge Frau gewesen ist. Was ich da beobachtete war „wirkliches” Leben, ungeschönt und ungefiltert. Das war eine seltene Situation, ich war gewohnt seit der Kindheit, das das Leben der Erwachsenen immer nur Schein und fast nie „Sein” bedeutete. Niemand sprach darüber, wie er sich wirklich fühlte, jeder sagte, „mir geht’s gut”, obwohl das meistens nicht stimmte. Jeder trug eine Fassade nach außen und hielt sich an ein festes Regelwerk, echte Lebensäußerungen waren darin nicht vorgesehen.
Ich riss mich los, verließ Getränke Hoffmann und rannte sofort in Richtung Nollendorfplatz, den eben versuchten die Bullen die Barrikaden am Beginn der Maaßenstraße zu stürmen. Die schwarz gekleideten Verteidiger warfen eine Ladung Steine, die den uniformierten Ansturm erst einmal stoppten. Während ich lief, hatte ich den Ohrwurm im Kopf, den ich mir in Mitropa eingefangen hatte:

Bereft in deathly bloom
Alone in a darkened room
Bela Lugosi’s dead.
Undead undead undead.”

Ich lief einen großen Bogen über die Martin-Luther-Straße zurück zum Café Mitropa. Als ich eben losfahren wollte, wurde auch die Goltzstraße von der wilden Soldateska aufgemischt. Ein Beamter erwischte mich mit seinem Knüppel, ich stürzte vom Rad, bekam noch ein einige Schläge ab, bevor sich der Schläger neuen Aufgaben zuwandte.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit heftigen Schmerzen in der rechten Schulter. Ich konsultierte einen Orthopäden am Bundesplatz, er gab mir eine Spritze, die nicht wirkte. Nicht nur die Ereignisse auf der Straße, auch das Treffen mit Roberto hatte mich nachdenklich gemacht. Irgendetwas an seiner Geschichte irritierte mich, ich wusste nur nicht was.

– wird fortgesetzt –
Illustration: Rainer Jacob – http://rainerjacob.com/

Anmerkungen:
Klaus-Jürgen Rattay war 18 als er starb. Die Polizei und der Staatsschutz versuchten Rattay als Gewalttäter zu diffamieren, auch die Behauptung, der Bus sei vor dem Überfahren Rattays angegriffen worden, stellte sich als falsch heraus. Der Ort seines Todes war für mehrere Wochen ein Blumenmeer, Zehntausende nahmen Abschied und beklagten den sinnlosen Tod. Über den Hergang des tödlichen Verbrechens wurde lange gestritten. Ein halbes Jahr später zog der Stern folgendes Fazit:

„Während Rattay einige Sekunden auf der Fahrbahn stand, um nach den nachrückenden Polizisten zu sehen, fuhr ein BVG-Bus mit Vollgas direkt auf den deutlich sichtbaren Mann zu. Der bemerkte noch kurz vor dem Aufprall den Bus, drehte sich zu ihm hin und hob abwehrend die Hände. Der Bus traf Rattay mit der linken Seite frontal. Die Scheibe zersplitterte.“
stern, 4. März 1982

“Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bela_Lugosi%E2%80%99s_Dead

“Helden ’81” ist zwar von tatsächlichen Geschehnissen und realen Personen inspiriert, wie das im Grunde bei jeder Form von Literatur der Fall ist, entstanden ist jedoch eine fiktive Geschichte. Trotzdem habe ich Namen verändert, ebenso wie ich Details verschlüsselt habe, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Auch der Erzähler “Marcus” hat zwar Ähnlichkeit mit mir, ist aber ein gänzlich erfundener Charakter, der nie gelebt hat.

Berlinische Leben: “Kneipe mit Bewusstsein”/ von H.P. Daniels / West-Berlin 1972

Schlaff saß zwischen den Schränken, nein, zwischen Schrank und Kachelofen: eingeklemmt.
“Hahaha Klaustro-Klause, Schlaff, sitzt du gut in deinem Eckchen. Mann, hast du n Glück, dass der Winter vorbei ist, dass der Ofen nicht mehr geheizt werden muss. Sonst würdest du da jetzt schön schmoren, in deiner Klaustro-Klause, was, Schlaff? Wie heizt man überhaupt son Ding, son Kachelofen?”

“Keine Ahnung. Mit Kohlen, oder? Hab ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht. Iss ja noch ne Weile hin…”
“Ach ja, Richard, denn sehn wir uns ja öfter jetzt, wa? Vielleicht hilft DER dir ja mit dem Ofen. Warum sagen die Berliner eigentlich immer ‘wa’?”

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“Weeß ick doch nich, warum die wa sagen, wa?”

“Omi hat auch immer wa gesagt. Omi am Büdchen.”
“Welche Omi? An was für nem Büdchen denn?”
“Omi am Büdchen in Kelkheim. Bei unserer Schule, gleich um die Ecke. Wir haben sie Omi genannt, weil sie schon ein bisschen älter war und was Omihaftes hatte. Zu Omi sind wir immer in der Pause. Ans Büdchen. Eine rauchen. Ne Cola trinken, oder so was. So ne typische Bude, mit Zeitungen, Zigaretten, Getränken, Süßigkeiten, kleine Sachen zum Essen, Brötchen, und ich glaube sogar auch Würstchen … heiß gemacht. Die Arbeiter von der Möbelfabrik und den Schreinereien sind da auch immer hin. Omi war Berlinerin. Und sie hat immer wa gesagt. An jeden Satz hinten dran gehängt. Daher kannte ich das schon. Habta wieda Pause, wa? Kommta wieda roochn, wa? Omi war immer nett mit uns Schülern…”

“Aha, ist ja sehr interessant! Spannende Geschichte. Kelkheim … KELK-HEIM, dieses Furzkaff, diese Provinzler da. Da kann man ja nichts Spannenderes erwarten!”

“Jetzt bist du ja in Berlin, Richard, was für ein Glück, da sehn wir uns ja jetzt öfter, Richard, wa?”
“Jaaaa, iss ja gut! Überlegt euch lieber mal, was wir heute Abend machen wollen.”
“Quasimodo!” schlägt Schlaff vor. “Wir könnten ins Quasimodo gehen.”

“Nee, also ins Quasimodo geh ich heute nicht mehr. Das ist doch ein scheißbürgerlicher Spießerladen. Touristenkneipe. Wenn ihr da hingehen wollt, bitte, dann geht da von mir aus hin, passt ja auch irgendwie zu euch Spießern. Aber ich komm da nicht mit, mir ist das zu blöd. Ich geh woanders hin?”
“Und, wo gehst du hin, Rikki?”
“Ich will in eine richtige Kneipe. Ne linke Kneipe mit dem richtigen Bewusstsein. Was Politisches…”
“Und wie soll diese Kneipe aussehen? Mit dem richtigen Bewusstein. Kneipe mit Bewusstsein? Wo soll die sein? Wir fanden das Quasimodo ganz gut…”
“Das ist doch was für Kleinbürger. Macht, was ihr wollt, ich such mir ne ideologisch einwandfreie Kneipe.”
Petty lachte laut. “Haha, Rikki, eine ideologisch einwandfreie Kneipe! Hast du das gehört, Schlaff? In eine ideologisch einwandfreie Kneipe will Rikki, ideologisch einwandfrei … das würde mich ja dann auch mal interessieren. Was eine ideologisch einwandfreie Kneipe ist. Da kommen wir mit, das will ich sehen. Komm Schlaff, kommt Verdammte dieser Erde, Rikki führt uns an, ihm nach. Rikki, unser großer Steuermann. Avanti Populo, Rikki, zeig uns den Weg zur ideologisch einwandfreien Kneipe! Führ uns an, Genosse, auf dem langen Marsch!”

“Redet doch nicht son Unsinn”, sagte Rikki, “ich weiß was, ich weiß wirklich was. Ich weiß, wo wir hingehen.”

Er kramte in einer Kiste, in einem Stapel alter Zeitschriften. “Agit 883” hieß die Zeitung die er hervorzog. Komischer Name. So eine typische Alternativzeitung mit wilder Aufmachung, Schreibmaschinen-Layout.

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“Schaut mal, hier sind ein paar Annoncen. Er blätterte und suchte.
“Black Korner … das klingt doch schon mal ganz gut … Nassauische Straße? Wo issn die Nassauische Straße?”
“Zeig mal her, Rikki. Korner mit K? Haben die sich nach Alexis Korner benannt? Den Vater des englischen Blues?”
“Das denkst auch wieder nur du, in deiner halb verblödeten Kiffer-Birne … dass alle sich nach irgendwelchen Bands und Musikern benennen müssten. Blues, ha Blues, was fürn langweiliger Scheiß. Wenn du mich fragst, ich stehe nur auf Tyrannosaurus Rex. Das ist ne Band. Das ist die Musik der Zukunft. Aber du und Schlaff, ihr mit eurem öden Blues, mit eurem Ten Years-After-Langweiler-Zeugs…”
“Ja, genau, Rikki … Klickelwutt Glien … die fandst du doch auch immer gut?”

“Ja, okay, Klickelwutt Gliehn, aber auch nur wegen des chinesischen Titels. Klicklwutt Gliehn. Nur das Wortspiel fand ich gut, nicht die Musik. Und ‘Zehn Jahre Arsch’ finde ich auch immer noch ganz lustig … für Ten Years After. Aber musikalisch ist für mich nur noch Tyrannosaurus Rex relevant.”
“Ne, Rikki, wirklich nicht. Ich will nur noch ideologisch einwandfreie Bands hören. Aber was ist jetzt mit der ideologisch einwandfreien Kneipe?”
“Na ja, Black Korner ist wohl doch nicht so. Schau mal hier, was hier steht: ‘Psychothek’ steht hier. Was solln das sein? Das klingt doch wieder nach so nem Kifferscheiß. Eher was für euch. Unpolitischer Kifferscheiß.”
“Schau mal, hier ist noch was. Was ist das denn? ‘Tina Putt – Brutstätte für Farbeierablage von Blauhelmen. Zur Wanne’. Heißt das jetzt Tina Putt? Oder Zur Wanne? Holsteinische Straße? Wo issn die?”

“Keine Ahnung, aber klingt doch schon besser als dieser Psycho-Scheiß. Psychedelic-Scheiß. Das wäre eher was für den Nowak: noch drei Trips bis Wochenende! Wisst ihr noch: der Nowak … Immer LSD. Aber hier ist noch was. Schaut mal: Das wäre doch was? ‘Drehscheibe. Undogmatische Kneipe für linke Leute’. Das ist’s doch genau das, was wir suchen. Und hört mal: 20 in- und ausländische Tageszeitungen, 40 Zeitschriften, 7 verschiedenen Biere, 7 Wodka-Sorten, 4 Fernsehprogramme. Das ist doch wirklich was, da gehen wir hin. Pfalzburger Straße 20. Gib mal den Stadtplan.”

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Sie suchten die Pfalzburger Straße.
“Schau mal hier. Die is ziemlich lang. Wo isn die Nummer?”
“Die 12 ist hier. Aber da auf der anderen Seite ist schon die 71. Wie kann das denn sein? Ist der Plan falsch?”
“Weißt du das nicht? Hier in Berlin ist doch alles anders. Hier haben sie ein völlig bescheuertes System, die Straßen zu nummerieren. Da gibt’s nicht die geraden Nummern auf der einen Straßenseite und die ungeraden auf der anderen. Nee, da zählen sie auf der einen Seite die ganze Länge lang rauf, und dann am Ende auf der anderen Seite weiter, also wieder zurück.
“Wie jetzt? Weiter? Oder zurück?”
“Na ja auf der einen Seite rauf und die andere Seite wieder runter.”
“Versteh ich nicht.”
“Mann, Petty, du kapierst auch wieder überhaupt nichts. Das kommt von eurer bescheuerten Kifferei. Also ich erklär’s dir nochmal.” Er deutete auf den Stadtplan. Pfalzburger Straße. “Schau, hier fängt sie an zu zählen, an der Lietzenburger Straße, da fängt sie an. Also hier auf der linken Seite ist die Nummer 1. Das heißt: eigentlih ist es ja die rechte Straßenseite. Dann zählt sie 1,2,3,4,5,6 und so weiter. Hier ist die 17, da die 26, da die 28, siehst du? Und hier am Ende, wie heißt die Straße da? Fechnerstraße, ja, da geht’s dann auf der anderen Seite weiter. Schau, hier ist die 44, da die 55, 79 und wieder bis rauf zur Lietzenburger Straße. Da liegt dann das Haus mit der höchsten Nummer dem mit der 1 gegenüber.”
“Seltsames System! Warum machen die das?”
“Sag ich dir doch: weil sie bescheuert sind. Da kann man sich dumm und dämlich suchen nach einer Hausnummer.”
“Und wo ist jetzt die Pfalzburger 20?”
“Hier ist die 17 und da ist die 26. Müsste also ungefähr dazwischen sein. Hier vielleicht. Da fahren wir am besten genauso wie gestern, steigen aber schon am U-Bahnhof Spichernstraße aus. Von da können wir dann zu Fuß rüber laufen.”

“Aaah … nicht so viel laufen!”
“Hör auf, Schlaff, du wirst doch wohl mal ein paar hundert Meter laufen können! Wenn die Revolution kommt, wirst du schon auch mal rennen müssen. Kannst ja jetzt schon mal ein bisschen trainieren!”

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Spichernstraße steigen sie aus.
“Komische Gegend. Schau mal da oben, auf diesem hässlichen Betonneubau. Was ist das denn? Soll das der Kopf von Jimi Hendrix sein?”

Sie schauen hoch auf den langgestreckten Neubau, da ist der Kopf eines Langhaarigen, schwarz wie ein Scherenschnitt auf transparentem roten Hintergrund, von hinten beleuchtet. Das hat etwas Ikonenhaftes, wie das berühmte Bild von Che Guevara mit Bart und Baskenmütze. Das Rikki in seiner neuen Wohnung, dieser Rumpelbude, über dem Sofa hängen hat.
“Ist das Hendrix?”
“Nee, Frank Zappa, oder?”
“Quatsch, das ist nicht Zappa! Zappa sieht anders aus. Zappa hat doch auch den Bart!”
“Hat der da oben doch auch!
“Nee, hat er nicht. Schau doch mal hin.”
“Aber Hendrix? Ein bisschen sieht er schon aus wie Hendrix. Hmm … vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es auch gar niemand. Jedenfalls niemand Spezielles. Einfach nur ein Langhaariger. Ein Freak.”
“Weißt du, Zappa oder Hendrix, mir ist das völlig egal. Das nimmt sich doch sowieso nichts. Ist doch alles das Selbe. Alter Mist von gestern. Tyrannosaurus Rex, das ist was. Das ist die Musik der Zukunft. Ihr werdet sehen. Ich sag’s euch. In ein paar Jahren werdet ihr an mich denken.”
“Mann Rikki, ich weiß gar nicht, ob es so gut ist … wenn wir uns jetzt öfter sehen.”
“Das ist ne Werbung für diesen Laden da oben. Ist der da oben drin? In diesem hässlichen Haus? Schau mal, diese riesigen bunten Buchstaben da am Haus: B-I-G-A-P-P-L-E. Big Apple? Ist das ne Disco?”

“Big Apple gibt’s in München auch. Auf der Leopoldstraße. Gleich neben dem PN. Das PN war immer beliebter, weil da meistens die besseren Bands gespielt haben. Kinks, Pretty Things, Boots, Renegades. Hendrix hat da auch mal gespielt. Ganz am Anfang seiner Karriere, als ihn noch keiner kannte. Oder hat der im Big Apple gespielt? Das weiß ich jetzt gar nicht mehr genau. Jedenfalls hab ich zuletzt im Big Apple Golden Earring und Man gesehen. Ist noch gar nicht so lange her…”
“Mann, Petty, das interessiert doch keine Sau, deine öden Kifferbands.”
“Ja, ich weiß, Rikki, Tyrannosaurus Rex … aber die gibt’s ja eigentlich schon gar nicht mehr … heißen die nicht inzwischen T.Rex? Und wo geht’s jetzt hier eigentlich zur ideologisch einwandfreien Kneipe?”

Sie liefen ein Stück, suchten ein bisschen, und gerade als Schlaff zu maulen anfing: “Wo issn das jetzt … ist das noch weit?” … fanden sie die Drehscheibe.

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Sie setzten sich rechts hinter der Tür an einen runden Tisch. Und bestellten Bier. Schlaff rauchte eine Gauloise, Rikki und Petty rauchten Reval. Ein paar Freaks liefen herum, rauchten Selbstgedrehte, ein paar langhaarige Gestalten. Und ein paar ältere Typen, die nach schwerer politischer Diskussion aussahen. Links neben der Tür stand ein großes Regal, mit unzähligen Zeitungen und Zeitschriften. Rikki wühlte da ein bisschen herum, schaute, blätterte.

“Ah, die Agit 883 gibt’s hier auch. Und was ist denn das hier für ein Blättchen?” “Berliner Extra-Dienst”, ein einfach hergestelltes Heftchen im winzigen DIN A 5 Format.
“Das ist doch interessant”, fand Rikki, “Obwohl die Aufmachung ja auch nicht gerade der Hit ist, ein bisschen mickrig, oder? Das könnte man doch besser machen. Und haben sie dieses Logo hier absichtlich ein bisschen an die Bild-Zeitung angelehnt? Ja, das ist gut, das ist ironisch gemeint. Das ist ganz gut!”
Schlaff und Petty fanden die ganze Kneipe ein bisschen muffig, eher öde. Langweilig.

“Und? Bist du jetzt zufrieden, Rikki? Ist die Kneipe ideologisch einwandfrei genug? Diese undogmatische Kneipe für linke Leute? Ist doch irgendwie langweilig, oder?
“Jetzt spielt euch mal nicht so auf. Immerhin haben sie Zeitungen hier. Viele Zeitungen Und vor allem linke Zeitungen. Das ist doch was.”
“Wie weit ist es denn von hier zum Quasimodo?” wollte Schlaff wissen, “das kann doch nicht so weit sein?”
“Ja, da können wir zu Fuß gehen. Wir haben ja einen Plan dabei!”

Schlaff maulte: “Zu Fuß? Wie weit denn?”

Rikki war einverstanden. Kein leichter Weg für beide.
“Ideologisch einwandfreie Kneipe, hahahah, Rikki. Das war also die ideologisch einwandfreie Kneipe. Sehr schön. Wunderbar. Ideologisch einwandfrei … aber total langweilig. Keine Musik, keine Zeichentrickfilme und keine Frauen. Was ist Rikki, fandst du die ideologisch einwandfreien Frauen hier besser als gestern im Quasimodo?”
“Immerhin gab es Zeitungen!”
“Ja, ja, Richard, vielleicht sehn wir uns ja jetzt öfter. In einer ideologisch einwandfreien Kneipe! Da könn wa denn so manche Molle zischen miteinanda, wa?”

“Ach Petty, hör doch auf!”


Agit 883 56 51, später zum geläufigeren Agit 883 verkürzt, war eine anarchistisch-libertäre Zeitschrift aus der Linken Szene West-Berlins, die mit wechselnden Untertiteln und in wechselnder Zusammensetzung der Redaktion von Februar 1969 bis Februar 1972 erschien. Sie gilt in Bezug auf die gewählten Themen, ihre Sprache und die Aufmachung (Illustrationen mit Fotomontagen und Comics, libertäre Agitation) als typisches Blatt der späten Studentenbewegung. Die Zahl im Titel der Zeitschrift war die Telefonnummer der Redaktion bzw. der Wohngemeinschaft und des Mitherausgebers Dirk Schneider in der Uhlandstraße 52 in Berlin-Wilmersdorf. (Quelle: WiKi)

Die Titelbilder stammen von dieser Website mit Scans aller Ausgaben:

http://plakat.nadir.org/883/

Berlinische Leben – “The Fundamental Things Apply – Eventually” / Helden ’81 – Kapitel Elf / von Marcus Kluge / November 1981

Heute vor 34 Jahren starb Ingrid Bergman in London, die, wenn sie noch lebte,  heute 101 Jahr alt geworden wäre. Obwohl sie als Star und Filmikone gefeiert wurde, hatte sie nichts Laszives und eignete sich kaum als Pin-Up-Girl. Eher verkörperte sie eine neuartiges Frauenbild, dass den stets etwas naiv wirkenden Flapper den 20er und 30er Jahre überwunden hatte und souverän, ihrem Intellekt, wie in “Casablanca”, oder auch bewusst ihrem Gefühl, wie in “Notorious”, folgte.  Dieses elfte Kapitel meines “Schöneberg ’81” Romans ist eine Hommage an sie und den Michael Curtiz Film der, wie kaum ein anderes US-Melodram, meine Generation von deutschen Filmfans begeistert hat.

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(Bisher: Roberto ist wegen seiner Schulden zum Gangsterboss bestellt und ich muss ihn begleiten. In der Gruppe habe ich den rätselhaften August Deter kennengelernt, könnte er eine Hilfe sein? Gudrun meldet sich nicht und mir schwant Böses.)

Der Tag hatte schon schlecht angefangen. Es war ein Freitag, der Tag bevor ich mit Roberto, den Boss der Pistaziengang treffen sollte, ein Termin vor dem ich ziemlichen Bammel hatte. Ich war relativ früh aus dem Bett gekommen, nach dem ersten Kaffee und zwei Zigaretten entschied ich, es wäre höchste Zeit Gudrun anzurufen, damit sie nicht auf falsche Gedanken käme. Damit wollte ich dem Tag einen Kick in die richtige Richtung geben. Der Versuch schlug fehl. Meine Einleitung:
“Hallo Gudrun, nachdem du dich nicht gemeldet hast, wollte ich doch mal einen schönen Tag wünschen, bevor du mich wieder ganz vergisst!”,
wurde von einer unfreundlichen Gudrun mit barschen Worten gekontert:
“Du hast ja Nerven hier so einfach anzurufen, nachdem du dich Montag so heimlich aus dem Staub gemacht hast!”
Ich war geplättet und in kürzester Zeit wurde mein Körper und vor allem mein Hirn von Stresshormonen überflutet und ein Sirren in meinen Ohren wurde so laut, dass ich kaum noch hören konnte, was Gudrun mir sonst noch zu sagen hatte. Offensichtlich empfand sie mein Verschwinden so, als ob ich unsere Liebesnacht im nachhinein zu einem One-Night-Stand erniedrigt hätte. Das Briefchen, das ich zurück gelassen hatte, war völlig anders angekommen, als von mir geplant. Wenn ich doch bloß früher angerufen hätte!

Zusätzlich fiel mir jetzt wieder ein, dass morgen der Tag war, an dem wir diesen Ghobadi treffen sollten. Gern wäre ich wieder ins Bett gegangen, noch lieber hätte ich mein Leben an der Garderobe abgegeben, um mir später ein anderes, besseres zurückgeben zu lassen. Roberto schuldete Ghobadi eine für mich horrende Summe, etwas fünfstelliges nahm ich an. Wie war ich da reingeraten, nachdem ich mich sonst erfolgreich aus allem raushalten konnte? Statt mich hängenzulassen, setzte ich mich an die Maschine und begann zu schreiben. Ich arbeitete an die Filmtexten für Werbeagentur, bis mir einfiel, es wäre wichtiger Gudrun einen Brief zu schreiben und den Versuch zu wagen, doch noch mal zu erklären, wieso ich abgehauen war und das es nichts mit Gudrun oder der Situation zu tun hatte.

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Um mich in Stimmung zu bringen legte ich eine Platte mit Ausschnitten aus Warner Brothers Filmen auf, die auch Musik und Dialoge aus “Casablanca” enthielt. Bogart sagte zwar nicht:
“Play it again, Sam!”
Das war eine Erfindung von Woody Allen für seinen Film aus dem Jahr 1972 gewesen. Nein, Bogart sagte:
“Play it, Sam! You played it for her, you can play it for me.”
Und der brave Sam spielte “As Time Goes By”.

“You must remember this
A kiss is just a kiss, a sigh is just a sigh.
The fundamental things apply
As time goes by.
And when two lovers woo
They still say, “I love you.”
On that you can rely
No matter what the future brings
As time goes by.”

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Ein paarmal zog ich einen angefangenen Text wieder aus der Maschine und warf ihn fort, doch dann gelang mir ein freundlicher, stimmiger Brief, den ich mit einer Prise Komik abrundete. Ja, die richtigen, wichtigen Sachen, Menschen und Ideen tauchten auf. Nur geschah das, meiner Erfahrung nach nie zu früh, sondern eher kurz bevor es zu spät war.

Bevor ich am Nachmittag zur Gruppe beim Psychiater Philippus aufbrach, hatte einer plötzlichen Eingebung folgend das kleine Notizbuch eingesteckt, in dem Robertos Vater seine Erlebnisse als Widerstandskämpfer und Lagerhäftling im Dritten Reich aufgeschrieben hatte. In der Gruppe machte ich mir selbst Luft, ich schilderte das unangenehme Gespräch am Morgen mit Gudrun und wie ich mich falsch verstanden sah. Ich bekam erst sehr viel Mitgefühl und gute Worte von den anderen, aber die Diskussion behielt mich im Fokus und das fühlte sich zunehmend peinlich an. Besonders ein Gruppenmitglied schoss sich auf mich ein und zeigte nicht nur Verständnis für Gudrun, sondern kritisierte mich hart, weil mir mein Schlaf wichtiger als die sich anbahnende Liebesbeziehung war. Ich ärgerte mich, hatte aber weder Lust noch Kraft dagegen zu halten. Zu meinem Erstaunen mischte sich nun August in die Diskussion, den ich für absolut egozentrisch gehalten hatte und nahm mich in Schutz. Zum ersten Mal war er mir sympathisch und mir kam eine Idee.

Nach dem Ende der Gruppensitzung wartete ich, eine Zigarette rauchend, vor dem Haus auf August. Es dämmerte und der Novemberabend roch nach Winter, das erste Mal in diesem Herbst. “Schneeluft” nannten manche Menschen das auch. Aus unerfindlichen Gründen verband ich diesen Geruch und diese Tageszeit mit den 70er Jahren. Keine andere Situation war typischer für das zuende gegangene Jahrzehnt. Der Beginn der Nacht am Anfang des Winters, wenn ich wieder einmal feststellte, dass der vergangene Tag mich nicht weitergebracht hatte. Schon weil ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hin wollte. Dieses Gefühl wollte ich hinter mir lassen, aber war ich denn wenigstens auf dem richtigen Weg?
Ich sprach ihn an, als August das Eckhaus in der Uhlandstraße verließ und er freute sich über meine Einladung, gemeinsam etwas trinken zu gehen. Wir liefen die Uhlandstraße in Richtung Kantstraße und setzten uns dann im Schwarzen Café in eine ruhige Ecke im Ersten Stock. Erst sprachen wir über die Gruppe und den Professor. Über die Gründe, wieso wir die Gruppe besuchten brauchten wir nicht zu sprechen, denn darüber hatten wir uns in den Sitzungen ein Bild machen können. Wir tranken Flaschenbier und ich stellte August ein paar Fragen, die mich schon länger beschäftigten:
“Kannst du dich denn nicht an deine Familie und deine Heimat erinnern?”
“Ja und nein, ich komme wohl aus Wien und ich habe eine Vorstellung, wie meine Eltern waren, oder sind. Aber nichts konkretes, wie der Name fällt mir ein.!”, war seine enttäuschende Antwort.
Ich bohrte weiter:
“Wo hast du diesen Namen her, August Deter?”
“Der stammt aus der Klinik, Philippus meint, der sei ein Insider-Scherz unter Psychoheinis. Keine Ahnung was er meint.”
“Und wovon lebst du, du brauchst doch Geld?”
“Das kommt von so einer Stiftung, Seelenhilfe heißt die. Die haben mich unter ihre Fittiche genommen und haben mir auch Papiere besorgt. Die haben was mit der katholischen Kirche zu tun und sind wohl sehr einflussreich in Süddeutschland.”
“Wieso bist du nun ausgerechnet nach Berlin gekommen?”
“Ich hatte da so ‘nen Zettel bei mir, da stand diese Pension in Berlin drauf und ich hatte das vage Gefühl, ich müsse in Berlin irgendeine Mission erfüllen. Mein Betreuer bei der Seelenhilfe meinte, ich solle dem nachgehen und der hat mir auch Philippus empfohlen.”
Langsam brachte ich das Gespräch auf meinen Freund Roberto und sein Problem:
“Ich wollte dir was zeigen!”, ich holte das Notizbuch von Robertos Vater heraus, zeigte ihm die Fotos und machte ihn auf die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem SS-Offizier aufmerksam. August wurde still, ich bestellte noch zwei Bier und dann begann ich ihm die Geschichte von Roberto, seinem Vater und dann von Ari und dem Schmuggel nach Kanada zu erzählen. Ich berichtete von Aris Selbstmord in Wien und schließlich von der Pistazien-Bande, die nun von Roberto das Geld zurückhaben wollte, das Ari für den Kanada-Coup geliehen hatte.
August hörte aufmerksam zu und begann bald zu nicken, so als ob er die Geschichte schon kannte, oder sich zumindest etwas Ähnliches gedacht hatte.
Ich wusste zwar nicht, worin Augusts Beitrag zur Lösung des Problems bestehen sollte, trotzdem war ich sehr froh, als er signalisierte, er würde uns helfen, irgendetwas würde uns schon einfallen, um die Ansprüche der Gangster zu befriedigen. Ich fühlte mich auf jeden Fall schlagartig besser.
Wir tranken noch ein paar Bier und redeten über Filme, das Wissen darüber und die Liebe zum Film hatte Augusts Amnesie nicht tangiert. Genau wie Ari mochte August Bogart-Filme, besonders die aus der schwarzen Serie und natürlich “Casablanca”.

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Ich probierte, ob er wie Ari auch manche Dialoge auswendig konnte:
“Let’s see. The last time we met…”
Ohne zu zögern, setzte er das Gespräch mit Bogarts Text fort:
“It was La Belle Aurore.”
“How nice, you remember. It was the day the germans marched into Paris.“, ich sprach Ingrid Bergmanns Sätze. August antwortete:
“Not an easy day to forget. I remember every detail. The germans wore grey; you wore blue.”
Wir schüttelten uns vor Lachen, es waren ziemlich viele Biere gewesen.
Wir verabredeten uns für Sonntag im Tempodrom, dann zahlten wir. Auf der Kantstraße verabschiedeten wir uns, natürlich auch stilgemäß. August gab mir das Stichwort:
“You still owe me ten thousand francs.”
Ich sprach den, von Claude Rains gespielten, Polizeichef:
“And that ten thousand francs should pay our expences.”
“Marcus, I think this is the beginning of a beautiful friendship!”

Roberto und ich fuhren mit der U-Bahn nach Dahlem-Dorf und begaben uns auf die Suche nach der Adresse von Ghobadi. Schnell fanden wir sie, wir klingelten an einer kleinen Gittertür mit dem Schild: “Konsulat der Volksrepublik Nord-Samaan”. Wir wurden von einem wohlbeleibten Herrn in Empfang genommen, unter dessen Jacket sich eine Waffe abzeichnete. Das Haus war ein großer, einstöckiger Bungalow, keine Villa, wie ich es erwartet hatte. Im Haus tastete ein zweiter, ebenfalls kräftig gebauter Herr uns auf Waffen ab. Hundertmal hatte ich sowas im Kino gesehen, nun erlebte ich es zum ersten Mal am eigenen Leib. Ein seltsames Gefühl. Der zweite Bodyguard, auch er mit einer Beule unterm Sakko, führte uns in einen Raum, dessen Wände üppig mit Ölgemälden behängt war, der Hausherr hatte wohl eine Schwäche für Familienportraits. Das Genre aus dem 18. Jahrhundert, das im Englischen Conversation Piece und im Italienischen grupo di famiglia genannt wurde. Ich war natürlich kein Experte, aber die Bilder hatten eine hohe Qualität, soviel war klar. Trotz des Wandschmucks war der Raum ungemütlich, es war kalt und es gab keine Sitzgelegenheiten; nur ein großer Perserteppich in der Mitte machte ihn etwas wohnlicher. Der Raum schien klimatisiert zu sein, ich schaute auf eine Anzeige an der Wand, 17° Celsius bei 68% Luftfeuchtigkeit schien das amtliche Klima für Ölgemälde zu sein.
Der wandelnde Schrankkoffer lies uns allein, Roberto und ich schauten uns nicht an und wir wechselten auch kein Wort. Mir war klar, dass Roberto die Muffe genauso ging wie mir. Etwa zehn Minuten lies man uns warten, dann kamen die beiden Bodyguards und brachten Sitzkissen sowie ein Tischchen. Die Möbel drapierten sie auf dem Perserteppich, sodass eine orientalische Sitzgruppe entstand. Einer der beiden verschwand wiederum, während sich der andere wie eine Wache neben die Tür stellte. Wir blieben stehen und schauten uns die Bilder an, jedenfalls taten wir so, als ob.
Eine leise, aber durchdringende Stimme lies uns zusammenfahren, wir drehten uns um, der Hausherr hatte den Raum betreten:
“Salam meine Herren. Ich bin hocherfreut, sie zu begrüßen.”
Er blieb etwa zwei Meter vor uns stehen und deutete ein Verbeugung an, auch wir verbeugten uns tief; ich verbeugte mich unwillkürlich tiefer als der Hausherr und Roberto auch. Ghobadi sah, mit seiner Augenklappe, tatsächlich etwas wie Moshe Dayan aus. Er hatte graumelierte Haare, einen gepflegten Bart und trug einen grauen Tweed-Anzug, der perfekt saß. Bei ihm deutete keine verräterische Beule auf eine Feuerwaffe hin:
“Mein Name ist Mohsen Ghobadi, eigentlich bin ich auch Berliner, ich lebe seit einem Vierteljahrhundert hier.”, er trat nun auf Roberto zu:
“Sie sind also der Herr Oderberger. Ich versichere ihnen meine herzlichstes Beileid zum Tod ihres Vaters. Aber ich hörte, sie haben sich noch von ihm verabschieden können.”
Ghobadi sprach ausgezeichnetes Deutsch, nur ein leicht ölig-verwaschener Akzent verriet, dass er kein Muttersprachler war und er war sehr gut informiert. Er schüttelte Roberto die Hand, der sowas wie “Danke schön” stammelte.
“Wen haben sie denn da mitgebracht?”
Ghobadi blickte neugierig in meine Richtung und ich entschloss mich, zurück zu ölen:
“Sehr geehrter Herr Konsul, ich bin hocherfreut sie kennenzulernen. Mein Name ist Kluge, ich bin Schriftsteller und Journalist und sozusagen als Freund und seelische Unterstützung von Herrn Oderberger hier.”
“Sehr erfreut, Herr Kluge. Freundschaft ist etwas Großartiges, fast so wertvoll wie die Familie. Das ist bei ihnen im Westen leider etwas in Vergessenheit geraten.”
Ghobadi hatte mich mit seinem unbedeckten, blauen Auge scharf angesehen, sodass ich froh war, als er sich wieder Roberto zuwendete:
“Dass ihre Schwester ihr Kind verloren hat ist natürlich auch ungemein traurig, das war sicher nicht unsere Absicht. Aber wenn die Dinge eine gewisse Dringlichkeit erreicht haben, passieren solche Missgeschicke, durch die auch Unschuldige Schaden nehmen. Da kann ich ihnen die Verantwortung auch nicht abnehmen, Herr Oderberger! Das wäre für sie viel praktischer, wenn ein Orientale die Schuld tragen müsste, nicht war?”, er grinste jetzt unverhohlen frech.
“Aber sie und ich wissen, und sicher weiß auch der Herr Kluge, dass die Verantwortung allein bei ihnen liegt.”
Roberto räusperte sich, er war kurz davor etwas zu sagen, doch es blieb beim Wollen. Ich hörte erstaunt über mich selbst, wie ich sagte:
“Aber die Gewalt ging nun mal von ihren Mitarbeitern aus.”
Ghobadi schaute mich etwas mitleidig an:
“Vordergründig haben sie Recht, aber versetzen sie sich in meine Lage. Ein alter Geschäftsfreund aus Indien hat mich gebeten diese Schulden einzusammeln und ich habe Herrn Oderberger mehrfach Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äußern. Aber er hat über viele Wochen keine verbindliche Zusage gemacht. Zweitausend Euro war das einzige, was wir von ihm bekommen. Ein Bruchteil der 30000 Dollar, die, ohne Zinsen, fällig sind. Herr Oderberger hat sich sogar versteckt. Sein Verhalten war respektlos gegen meinen Freund und mich und man könnte auch sagen: betrügerisch. Verzeihen sie mir das starke Wort, aber es ist doch treffend, oder?”
Sein Deutsch war makellos, es war besser, als das der meisten Deutschen. Fast hätte ich Verständnis für ihn gehabt. Ich hätte gern noch etwas über Gewalt gegen eine wehrlose Frau gesagt, doch es war mir nicht möglich Ghobadi zu unterbrechen; ich hatte einfach nicht die Traute, seinen dominanten Redefluss zu stoppen:
“Lassen sie es sich eine Lehre sein, was den Schütz ihrer Familie angeht. Es ist traurig, wenn man erst durch Schaden lernt. Niemand weiß das besser als ich. Aber setzen wir uns doch.”
Er zeigte auf die Sitzgruppe auf dem Teppich. Einer seiner Diener brachte Teegeschirr und Gebäck, er machte uns mit Zeichensprache aufmerksam, unsere Schuhe auszuziehen, dann setzten wir uns. Ohne Schuhe war es ganz schön kalt. Ghobadi verlies kurz den Raum und kam dann mit einer Mappe zurück und setzte sich auch. Der Bedienstete goss uns Tee ein und nötigte uns von den Keksen zu nehmen. Schweigend tranken wir Tee und knabberten Gebäck, schließlich ergriff Ghobadi wieder das Wort:
“Lassen sie mich ihnen eine Geschichte erzählen.”
Wenn ich die Augen zusammen kniff, hätte ich mir vorstellen können, in einem orientalischen Basar zu sitzen und einem Geschichtenerzähler zuzuhören. Es war fast gemütlich, wenn ich bloß keine Angst gehabt hätte.
“Vor rund 30 Jahren war ich der glücklichste Mann Teherans, ich hatte eine wundervolle Frau, zwei Töchter und ich war als Geheimdienstchef einer der mächtigsten Männer des Landes. Mein Freund Mohammad Mossadegh war Premierminister einer demokratisch gewählten Regierung. Er hatte mich zum Geheimdienstchef gemacht, weil ich ein überzeugter Demokrat war, ich hatte in Oxford und Heidelberg studiert und Gewalt machte mir überhaupt keinen Spaß. Gut beim Geheimdienst ist ein gewisses Maß an Druck ünvermeidlich, doch wir versuchten soweit wie möglich ohne Folter und solche Greuel auszukommen. Doch dann stürzte die CIA Mossadegh, ein Agent namens Kermit Roosevelt* schaffte es mit sehr viel Geld, das Land zu destabilieren und schließlich einen Putsch zu organisieren. Diese Aktion nannte der CIA “AJAX”, es war das Vorbild für jeden Staatsstreich der USA seitdem. Wir waren wohl zu naiv und zu friedfertig, um mit der abgefeimten Bosheit dieses Kermit Roosevelt fertigzuwerden. Übrigens sagt man, Kermit soll das Vorbild gewesen sein, nachdem Ian Fleming seine Romanfigur James Bond geformt hat. Kermits Helfer brachten, vor meinen Augen, meine Frau und meine Töchter um, ich wurde entführt und lange gefangen gehalten. Seien sie froh, dass sie ihre Familie noch haben. Die einzige Familie, die ich noch habe, sind diese Bilder.”, wobei er aufstand und auf die Gemälde an den Wänden zeigte.
Ghobadi baute sich vor mir auf, nun zog er eine Art Urkunde aus der Mappe und präsentierte sie mir:
“Das hier ist der Schuldschein. Neben Herrn Olt, der ja leider verstorben ist, hat ihr Freund Herr Oderberger unterschrieben. Seien sie doch so freundlich und lesen sie die Summe vor, Herr Kluge.”
Ich stand auf und nahm das Papier in die Hand.
“30000 Dollar plus Zinsen steht hier.”, las ich laut vor.
“Ich will realistisch sein. Sie haben das Geld nicht, also schauen wir ob es etwas anderes gibt, um ihre Ehre wiederherzustellen. Mein Geschäftsfreund sprach von einer Kamera, die eigentlich im Besitz ihrer Familie sein sollte, Herr Oderberger. Eine Leica, ein sehr seltenes Stück.”
Nun stand Ghobadi direkt vor Roberto, der bei der Erwähnung der Leica zusammenzuckte. Roberto brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Dann sagte er:
“Ja, aber die Leica gehört jemand anderem. Ich kann sie doch nicht stehlen!”
“Nun, wenn sie sie nicht stehlen wollen, müssen sie sich etwas einfallen lassen. Sie sind doch jung, kreativ und risikofreudig, wie ihre Schmuggeleien zeigen.”

In diesem Moment wurde mir übel, ich hatte Angst mich übergeben zu müssen. Genau das war, was ich unbedingt in meinem Leben vermeiden wollte. Riskante Situationen wie diese, die mich möglicherweise in den Knast bringen konnten. Wieso hatte ich mich bloß auf dieses Treffen eingelassen, nun war ich ebenso dran wie Roberto. Karl Valentin soll gesagt haben:
“Der Kopf ist rund damit die Gedanken ihre Richtung ändern können.”
So etwas passierte gerade in meinem Kopf. Meine Angst, mein Ärger verwandelte sich in Wut und diese Wut richtete sich gegen Moshe Ghobadi. Ich fauchte ihn an:
“Sie drohen uns also, wenn wir die Kamera nicht beschaffen, üben sie Gewalt gegen Robertos Familie. Was ist daran moralischer, als das Handeln von Kermit Bond Roosevelt, der ihre Familie umbringen lies. Sollten sie aus ihrer Erfahrung heraus nicht jeder Gewalt abschwören.”
Ghobadi war überrascht und er versuchte amüsiert zu wirken, doch ich schien einen Wirkungstreffer erzielt zu haben. Er baute sich vor mir auf. Ich wich nicht zurück und er zischte:
“Der Mensch ist eine gewalttätige Species. Das was sie hier im Westen Zivisisation nennen ist eine hauchdünne Schicht, die man durch Manipulation jederzeit, bei jedem beseitigen kann. Und gerade sie, Herr Kluge, als Deutscher sollten vorsichtig sein über andere zu urteilen. Sie haben doch sechs Millionen Juden auf bestialische Weise umgebracht.”
Er hatte mich an einem wunden Punkt erwischt, ich drehte irgendwie durch und schubste ihn heftig, so dass er ein paar Schritte rückwärts stolperte. Ich brüllte:
“Ich hab sie doch nicht umgebracht, sondern meine Vorfahren. Ich bin kein Nazi. Aber sie vielleicht!”
Der Wächter neben der Tür hatte seine Waffe gezogen. Die Übelkeit stieg wieder in mir hoch, ich war entsetzt über mein Verhalten. Ghobadi schien nicht besonders geschockt zu sein, im Gegenteil, er ginste:
“Quod erat demonstrandum, meine Herren. So leicht ist es, mit Manipulation Menschen zur Gewalt zu bewegen. Aber setzen wir uns doch wieder.”
Roberto hatte uns mit großen Augen beobachtet und schien in eine Art Schockstarre gefallen zu sein. Ghobadi sprach, als ob nichts geschehen wäre, weiter über seine Gemälde:
“Die einzige Familie die ich noch habe sind meine Bilder. Ich liebe sie wie meine Kinder. Ich würde alles tun, um sie zu beschützen. Und hin und wieder muss ich eine neues adoptieren. Derzeit liebäugele ich mit einem von David Cosgrove. Er war ein nicht sehr bekannter Porträtist des späten 18. Jahrhunderts. Der Sammler, der es besitzt, will es eigentlich nicht verkaufen, doch der Zufall will es, dass er auch ein fanatischer Sammler von Leica-Kameras ist.”
Ich unterbrach Moshe Ghobadi:
“Und wir sollen jetzt ihr Problem lösen, indem wir die Leica klauen, die wahrscheinlich unbezahlbar ist.”, mein Mut erstaunte mich und Roberto schaute angstvoll in meine Richtung.
Ghobadi legte den Kopf schief und sprach in einem freundlicheren Ton weiter:
“Meine Herren, ich will sie doch nicht übers Ohr hauen. Sehen sie doch unsere Beziehung als eine geschäftliche. Ich mache ihnen ein Angebot, Herr Oderberger kann seine Schulden bezahlen und ich würde ihnen bei Übergabe der Leica noch ein angenehmes Sümmchen bar auf die Hand geben. Herr Oderberger könnte seine Familie unterstützen, in Goa ein neues Geschäft aufmachen und sie Herr Kluge…”, Ghobadi klopfte mir auf die Schulter:
“… könnten sich auch einen Traum erfüllen. Wie wäre es, wenn ich den Schuldschein zerreiße und 60000 Mark draufzahle?”

Ich handelte noch ein wenig, die Summe stieg etwas und Ghobadi lies Champagner bringen, um unseren Geschäftsabschluss zu feiern. Auf dem Rückweg waren Roberto und ich bester Laune bis uns bewusst wurde, dass wir keinen blassen Schimmer hatten, wie wir die Kamera aus Alex Legrands Besitz in unseren bringen sollten. In der S-Bahn saßen wir stumm nebeneinander. Mein inneres Radio spielte “As Time Goes By” und ich wunderte mich über mich selbst.

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“It’s still the same old story
A fight for love and glory
A case of do or die.
The world will always welcome lovers
As time goes by.”

– wird fortgesetzt –

*Kermit Roosevelt:

http://en.wikipedia.org/wiki/Kermit_Roosevelt,_Jr.

http://articles.mcall.com/2004-07-19/news/3560416_1_iranian-oil-iran-s-oil-kermit-roosevelt

Illustration: Rainer Jacob

Berlinische Leben – „Im Quartier von Quasimodo“ / von H.P. Daniels / Reblog

West-Berlin 1972.

Sie wollten mal nach den Kneipen schauen. Die Lage erkunden. Abgefahrene Studentenkneipen gibt’s doch hier wie Sand am Meer. Sie wollten mal schauen.
“Am besten wir fahren ins Zentrum”, sagte Rikki. “Bahnhof Zoo, die Gegend, Gedächtniskirche, Kudamm, da finden wir bestimmt jede Menge guter Kneipen.”
Rikki hatte einen Plan. Mit dem Bus ein paar Stationen bis Hermannplatz.
Schlaff sagte: “Herrmannsplatz”.
“Mann, Schlaff, Mann, wie oft soll ich’s dir noch sagen: der heißt nicht Hermannsplatz. Der heißt Hermannplatz. Merk dir das doch endlich mal!”

Sie fuhren ein Stück. Auf dem Oberdeck vom Doppeldeckerbus durfte man rauchen.
“Ist doch toll hier, was? In Berlin darf man sogar im Bus rauchen! Allerdings nur oben. Aber immerhin.”
“Hermannsplatz! Wir müssen raus”, sagte Schlaff und stand auf, “kommt, wir müssen raus!”
Rikki rollte mit den Augen. Herrmannsplatz … der merkt sich das nie! Sie stiegen aus. Und runter in die U-Bahn.
Sie schauten auf den Plan. “Berliner Straße müssen wir umsteigen!” Sie stiegen um. Richtung Zoo. Sie stiegen aus. Sie gingen rauf. Wo waren sie hier? Sie sahen sich um. Alle Richtungen.
Rikki gab den Berlin-Experten: Schaut mal hier, schaut mal da, Petty kam sich vor wie ein bescheuerter Tourist.
“Also wohin jetzt?”
“Weiß ich doch nicht!”
“Du bist doch der Berlin-Experte!”
“Wieso ich?”
“Weil du hier wohnst!”
“Na ja, so lang ja nun auch wieder nicht.”
“Immerhin wohnst du hier. Und wir nicht.”
“Na, so richtig wohne ich doch auch erst seit vorgestern hier. Seit meine Klamotten hier sind. Das Vorher zählt doch nicht.
“Aber dann spiel dich auch nicht immer auf als den großen Berlin-Experten! Also wohin jetzt?”
“Weiß ich doch nicht!”
“Ich dachte, du kennst hier alles? Alle tollen Kneipen. Was hast du denn hier die ganze Zeit gemacht?”
“Was heißt die ganze Zeit. Die ganze Zeit. Die ganze Zeit. Was hab ich gemacht? Wohnung gesucht. War schwierig genug…”
“Tssi, Tssi, Tssi. Jetzt streitet euch doch nicht schon wieder…”
Schlaffs gutmütige hohe Kinderstimme.

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“Und was ist das da drüben eigentlich? Worauf warten die denn?” Schlaff deutete auf eine riesige Menschenschlange unter der Eisenbahnbrücke. Vorwiegend junge Typen, Freaks, lange Haare, Hippies, Anarchos. Aber auch andere, eher Normale. “Was machen die da?”
“Schlaff, die suchen ne Wohnung!”
Rikki war wieder in seinem Berlin-Experten-Element:
“Die warten auf die Zeitung. Die Morgenpost!”
“Warum das denn? Zeitung? Abends um diese Zeit?”
“Ach, du kapierst mal wieder gar nichts. Die stehen da alle, weil um zehn der Typ mit der Morgenpost kommt. Der ist der Erste, der schon die Zeitung vom nächsten Tag verkauft. Wo die ganzen Wohnungsanzeigen drin sind.”
“Und warum können die nicht bis zum nächsten Tag warten? Um die Zeit bekommen die doch sowieso keine Wohnung mehr, oder?”
“Mann, Schlaff, du begreifst es nicht. Also pass auf, ich erklär’s dir: Um zehn kommt hier die Morgenpost mit den Wohnungsanzeigen. Und weil alle möglichst schnell an die Annoncen rankommen wollen, stehen sie hier und warten. Schon lang bevor der Zeitungsmann da ist. Und dann geht das so: Man kommt am besten immer zu zweit. Einer stellt sich an für die Zeitung. Der andere besetzt eine Telefonzelle. Siehst du die Telefonzellen da an der Ecke? Alle besetzt. Die warten auch. Sobald die Zeitung da ist, rennen sie zur Zelle und schauen die Anzeigen durch. Die sind sortiert nach Wohnungsgrößen. Also, wenn du ne Zweizimmer-Wohnung suchst, schaust du da. Die meisten suchen Einzimmerwohnungen, weil die am billigsten sind. Oder sie suchen besonders große Wohnungen, für ne Wohngemeinschaft…
“Wie du jetzt demnächst für uns, Rikki…”
“Ach lass mich in Ruhe mit dieser Wohngemeinschaftswohnung. War schwierig genug, die Einzimmerbude in Neukölln zu kriegen…
“Und dann?”
“Dann, wenn sie ne interessante Anzeige gefunden haben, rufen sie da an … sofort.”
“So spät am Abend noch?”
“Ja, Mann, das musst du, sonst hast du keine Chance!”
“Ach, dieses Berlin ist schon komisch … Und ein bisschen anstrengend, oder?”
“Was heißt hier komisch, Schlaff, was heißt anstrengend? Berlin ist einfach so, das ist hier so. Das ist eben ne richtige Großstadt. Nicht son Pisskaff wie Frankfurt. Oder das noch pisskäffigere Bad Soden. Oder Hofheim. Oder Kelkheim. Oder Eppstein. Oder Niedernhausen. Mann bin ich froh, dass ich endlich weg bin aus diesen Pisskäffern. Diesen elenden Provinznestern!”
“Und wohin gehen wir jetzt?”
“Weiß ich doch nicht. Wir können ja jemanden fragen.”
“Was willste denn fragen?”
“Na ja, wo hier ne gute Kneipe ist. Wir fragen jetzt einfach irgendjemanden. Irgendeinen Freak, der hier vorbeikommt. Da ist doch schon einer. Der sieht doch okay aus, der weiß bestimmt Bescheid. Da issn Freak.”
Rikki fragte nach einer guten Kneipe. Hier in der Nähe.
“Hier in der Nähe? Hmm.” Der Freak dachte nach. “Kommt drauf an, was ihr sucht. Was sucht ihr denn?”
“Na ja, ne gute Kneipe halt. Ne Studentenkneipe. Wo wir n Bier trinken können. Nicht so was Bürgerliches. Auf keinen Fall was Bürgerliches. Eher was Flippiges. Freakiges…”
“Hmm”, der Freak dachte weiter nach: “Hier in der Gegend?”
“Ja, möglichst nicht so weit.”
“Hmm.”
Plötzlich erhellte sich das Gesicht des Freaks: “Ach ja, gleich hier um die Ecke wäre was. Gleich da an der Kantstraße rechts. Und dann am Theater des Westens vorbei. Wo das Delphi-Kino drin ist. Da geht außen eine kleine Treppe runter. Quasimodo heißt der Laden. Der ist ganz okay. Da könnt ihr hin.”
“Danke. Hab ich’s doch gewusst. Dass der Freak Bescheid weiß. Da gehen wir jetzt hin!”

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Sie gingen die Treppe runter: Quasimodo. Ein Kellerlokal. Ganz witzig. Und ziemlich voll. Über einigen Tischen hingen freischwingend kleine Leinwände, auf denen Zeichtrickfilme flickerten:
“Kuck mal, Tom und Jerry!”
Sie bestellten Bier. Rikki und Petty rauchten Reval. Schlaff rauchte Gauloises. Sie lachten über Tom und Jerry. Und Donald Duck. Tranken. Rauchten. Unterhielten sich über das große Abenteuer Berlin. Ja, Berlin, Berlin, Berlin! Eine tolle Stadt. Und dass sich Schlaff jetzt auch vorstellen könnte, nach Berlin zu ziehen.
“Ja, Schlaff, zieh doch auch nach Berlin. Dann wären wir schon zu sechst. Du, Rikki, Lausi, Gisela, Birgit und ich. Dann muss Rikki halt ne Sechs- oder Siebenzimmerwohnung suchen…”
“…und sich abends anstellen unter der Bahnüberführung für die Zeitung mit den Anzeigen…”
Schlaff und Petty lachten. Rikki rollte mit den Augen.
“Hört bloß auf! Und außerdem sind mir das viel zu wenig Frauen für ne Wehgeh! Was gibt’s eigentlich hier für Frauen?” Er sah sich um: “Na ja!”
“Hahaha, Rikki der große Frauenexperte. Rikki und die Frauen, hahaha, die Frauen hier haben alle auf dich gewartet, klar Rikki…”
“Ach hör doch auf. Ich erinnere nur an dein letztes großes Desaster, Petty, hahaha, die Geschichte mit der Kauppert … Conny Kauppert … von der hast du dich doch bis heute nicht erholt. Wie lang ist das jetzt her? Das ganz große Desaster, dein persönliches Waterloo … mit der Kauppert … jajaja, das große Heulen und Zähneklappern. Da schau ich mich doch lieber hier mal um. Was es hier so gibt. Aber irgendwie ist mir dieser Laden zu bürgerlich, zu normal, zu spießig, zu sehr Touristen-Schuppen. Die Frauen sind auch nicht doll. Da muss es doch noch was anderes geben in dieser Stadt…”
“Aber nicht mehr heute, Rikki. Das machen wir dann morgen. Morgen können wir uns ja noch was anderes anschauen. Obwohl: ich find’s hier ganz lustig. Ist doch gut hier.”
Das fand Schlaff auch.
Sie bestellten noch ein Bier.
“Außerdem, wenn du hier schon so rumreitest auf der Geschichte mit Conny … dann möchte ich dich doch nur mal kurz an deine Sache mit der Schubert erinnern. Was war das denn? War das kein Waterloo, Rikki, mit der Schubert? Na, wie war das noch mal … mit der Schubert? Erzähl mal…”
Rikki heulte auf:
“Die Schubert. Mein Gott, die Schubert! Erinnere mich jetzt bloß nicht an die Schubert! Außerdem ist sie da, in ihrem verdammten Provinzkaff … und ich bin jetzt hier in Berlin!”

Wie schon „Hauptsache Berlin“ stammt „Im Quartier von Quasimodo“ aus dem bislang unveröffentlichten Roman „Nowhere Man“ von H.P. Daniels. Der inzwischen berühmte Live-Club im Keller des Delphi-Gebäudes hieß bis zum Jahre 1975 „Quartier von Quasimodo“. Dann kam der gebürtige Genueser Giorgio Carioti, verkürzte den Namen zu „Quasimodo“ und legte das Gewicht auf Live-Konzerte, nachdem das Lokal vorher eher als Studentenkneipe betrieben wurde. Das historische Foto stammt von der Website des Clubs:
http://www.quasimodo.de

Redaktion: Marcus Kluge

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Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels / Reblog

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West-Berlin 1972

Rikki, Richard, nannte sich neuerdings “Riccard” – mit zwei c. Eine Marotte von ihm. Er fand das schick. Auffällig. Was Besonderes. Er sprach das Rickard aus, wie Richard, nur mit k. Sie sagten trotzdem weiter “Rikki”. Und wenn Petty ihn Riccard nannte, dann tat er’s völlig übertrieben … französisch, mit einem leicht ironischen Unterton. Als würde er den Namen mit spitzen Fingern anfassen, ein bisschen tuntig: “Rickaaahr”.

Rikki war der Erste von ihnen. Der Erste in Berlin. Aus dem engeren Zirkel, von der geplanten Wohngemeinschaft. Rikki hatte das Abitur schon vor den anderen, vor dem Rest. Rikki war die Avantgarde. Rikki hatte es auch am eiligsten, er hatte den Einberufungsbefehl schon im Briefkasten. Es war schnell gegangen. Schriftliches Abitur, mündliches Abitur, Einberufungsbefehl. Berlin. Lage sondieren: Universität und Wohnung. Und er sollte eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung besorgen, mindestens fünf Zimmer, besser sechs, für die Kommune, die Wohngemeinschaft. Dass sie alle ein eigenes Zimmer hätten, jeder von ihnen, und vielleicht noch einen Gemeinschaftsraum.

“Fünf- bis Sechzimmerwohnung! Mann, du hast Vorstellungen!” knurrte Rikki, nachdem Petty ihn gefragt hatte, was denn nun sei? “Hast du nach ner großen Wohnung geschaut für uns? Hast du was gefunden?”
“Nee, ne Einzimmerwohnung in Neukölln hab ich!”
“Du hast ja nicht mal geschaut, hast dich nicht mal bemüht!”
“Ach, lass mich in Ruhe!”
Rikki war noch einmal von Berlin zurückgekommen, um seine Klamotten zu holen.

Rikki erzählte, dass er nach seiner Ankunft in Berlin erstmal zum Tempelhofer Ufer gegangen ist. Zur Wohngemeinschaft der “Ton Steine Scherben”, um zu fragen, ob er ein paar Tage bei ihnen wohnen kann – als alter Anarcho und Ton-Steine-Scherben-Fan aus Frankfurt. Und dass er sie gesehen hätte, damals im Frankfurter Sinkkasten, hat er ihnen erzählt. Als sie nach einem furiosen Konzert die Betreiber des Ladens schwer unter Druck gesetzt haben: Dass die gefälligst noch zweihundert Mark auf die Gage drauflegen sollten … als Spende für die politischen Gefangenen. Oder sie würden ihnen die Bude zu Scherben kloppen. Dass er das toll gefunden hätte. Und wie die Typen vom Sinkkasten dann zornig murrend, aber kleinlaut, bezahlt hätten. Eine Spende für die politischen Gefangenen. Toll! Und dass das doch eine richtig gute und ja auch wirklich gerechtfertigte Aktion gewesen sei. Erzählte Rikki den Scherben. Und dass er schwer angetan sei von ihrer LP “Warum geht es mir so dreckig”. Und ob er jetzt ein paar Tage bei ihnen wohnen könne … bis er eine Wohnung gefunden hätte? Solidarität unter Anarchisten und so … und gemeinsam sind wir stark und so … und keiner wird uns mehr aufhalten können. Uns nicht und die Revolution nicht. Und Venceremos und so.
Die Scherben haben Rikki in ihrer Wohnung am Tempelhofer Ufer auf dem Fußboden schlafen lassen. Aber sie waren reserviert, haben ihn ziemlich unfreundlich behandelt. Sagt er jedenfalls. Ihnen war er verdächtig, wie er da so plötzlich aus dem Nichts bei ihnen aufgetaucht war. “Die haben mich für einen Bullenspitzel gehalten, diese paranoiden Idioten!” Seitdem waren Rikkis Sympathien für Ton Steine Scherben gedämpft.

Er hatte einen Tisch, einen Fernseher, einen Kleiderschrank, eine Couch, eine Reiseschreibmaschine, ein Radio, einen Plattenspieler, zwei Stühle einen Koffer und einige Kisten mit Schallplatten, Zeitschriften, Büchern. Das musste nach Berlin.
“Könnt ihr mir helfen?”
Ricky belud mit Petty und Schlaff einen gemieteten Ford Transit. Inter Rent. Schlaff fuhr, Schlaff, den sie Schlaff genannt hatten, eben weil er genau so war: “schlaff”. Ein großer breiter Teddybär mit hängenden Schultern, hängenden Armen: schlaff. Schlaff fuhr. Rikki hatte keinen Führerschein. Petty erst seit kurzem. So eine große Karre traute er sich noch nicht zu. Also fuhr Schlaff. Der ja immer fuhr. Normalerweise mit seinem weißen R4. Mit dem sie immer mitfuhren. Überall hin. Überall in der Gegend rum. Ohne Schlaff wären sie nirgendwo hingekommen. Ohne Schlaff wären sie aufgeschmissen gewesen. Und Schlaff, so schlaff er sonst war, der große gutmütige Bär mit schlaffem Ausdruck, schlaffer Körperhaltung, fuhr Auto alles andere als schlaff. Dass ihnen manchmal Hören und Sehen verging, wenn er in die unzähligen Taunus-Kurven stach und bretterte. Durchs Lorsbachtal.

“Einen R4 schmeißt du nicht um!” war so eine Redensart. “Schaffst du nicht! Das schaff nicht mal ich!” sagte Schlaff. Er hat ihn auch nie umgeschmissen, seinen weißen R4, wenn es auch manchmal bedrohlich nahe dran war, wenn es gefährlich geschaukelt und gequietscht hat. Nach Berlin ging es ohnehin meistens geradeaus: Autobahn. Schlaff fuhr. Immer geradeaus. Autobahn. Berlin.
“Und was machen wir an der Grenze? Wenn uns die DDR-ler die Karre auseinander nehmen? Wenn die gucken wollen, was wir da hinten drin haben? Wenn die in die Kisten schauen?”
“Weißt du, was, Rikki? Du packst einfach den ganzen Anarcho-Krempel, Ton Steine Scherben, Bakunin, Kroptkin, Stirner, Landauer, Mühsam und das ganze Zeugs, die SDS-Schriften, Kommune 1 und Kommune 2, Dutschke und Biermann … das packst du nach ganz unten in die Kisten. Und oben drauf dann die Gesamtausgabe von Brecht … hast du die überhaupt? Und Lenin “Was tun?” und “Staat und Revolution”. Und Karl Marx: “Das Kapital” … die blauen Bände aus dem Dietz Verlag. Und die ganze Kuba-Literatur von deiner Abiturprüfung. Das alles oben drauf. Und bei den Platten machst du’s genauso. Packst Biermann und Neuss ganz nach unten. Und oben drauf den Degenhardt: “Mutter Mathilde”. Den haben sie doch gerade erst aus der SPD rausgeschmissen, weil er zur Wahl der DKP aufgerufen hat. Und die Arbeiterlieder von Ernst Busch und son Zeug. Auch oben drauf. Am besten noch auf Amiga. Hast du sowas? Da lassen die uns sofort weiterfahren…”
Rikki fand die Idee gut und packte seinen Kisten entsprechend um. Das eine nach unten. Das andere nach oben. Es funktionierte.
“Ham Sie Kinder dabei?”
“Nee!”
“Waffen oder Munition?”
“Nee!”
“Machen Sie mal auf! Was ham sie in den Kisten?”
“Nur Schallplatten und Bücher…”
“Machen Sie mal die Kiste auf!”
Der Grenzposten sieht Blaue Bände … Das Kapital.
“Danke, Sie können weiterfahren!”
“Na, hab ich’s dir gesagt, Rikki?”
“Das blaue Wunder! Und unten drin liegt das ganze Anarcho- und Anti-DDR-Zeug. Sehr lustig!” Sie freuten sich. Rikki und Petty lachten. Schlaff fand diesen ganzen politischen Kram eher ein bisschen “überzogen”.
“Ach, wisst ihr, diese ganze Revolution, das ist eigentlich nicht so mein Ding!”
“Schlaff…!” Rikki sprach seinen Namen streng aus, ermahnte ihn, er solle mal nicht so reaktionär daherquatschen “Die Revolution kommt, Schlaff. Das wirst auch du nicht verhindern. Und diese Revolution wird alles wegfegen. Diese ganzen Spießer- und Kapitalistenschweine, und diesen ganzen miesen, grauen, grauenhaften, verspießerten DDR-Scheißdreck hier. Dieses ganze unfreie Scheißland, wo sie den Sozialismus einmauern müssen. Das ist doch kein Sozialismus. Wenn man den einmauern muss. Das ist doch n Scheißdreck, das will doch keiner haben. Und was ham die hier überhaupt für ne Autobahn? Das ist doch keine Autobahn. Diese elende Rumpelpumpel-Strecke. Das ist doch keine Straße! Du wirst sehen, Schlaff, das wird die Revolution alles wegfegen. Und du wirst es nicht aufhalten, du nicht, Schlaff. Und auch sonst niemand. Und wenn es hart auf hart kommt, wird die Revolution auch dich wegfegen. Wenn du dich dagegenstellst. Denn entweder du bist dann für die Revolution. Oder du bist dagegen. Und dann fegt sie dich halt weg. Alles Schlaffe sowieso.”
Rikki zündete sich eine Reval an.
“Tssi, tssi, tssi” machte Schlaff mit seiner hohen Mädchenstimme.
“Du wirst es sehen!”
Elende Rumpelstrecke durch die DDR. Hundert Stundenkilometer. Mehr ist nicht erlaubt. Schlaff.

Als sie den ganzen Krempel ausluden, ins Haus reintrugen, Stuttgarter Straße, Neukölln, sahen ihnen zwei Typen von gegenüber zu. Die hingen da im Fenster. Sie winkten. Warum winken die? Meinen die uns? Was wolln die?
“Ey, was machst du denn hier?” Die meinten Petty. Er sah genauer hin. Ein großer Blonder mit einer Motorradlederjacke. Und ein Kleinerer.
“Ey, das is ja n Ding! Was macht ihr denn hier?”
Friedrich Erdmann und Michael Popp aus München.
“Wir wohnen hier!”
Ausgerechnet gegenüber der neuen Wohnung von Pettys Freund Rikki aus Frankfurt wohnen zwei alte Bekannte von Petty aus München. Ja, sie hatten auch nach Berlin gewollt, von München. Das hatten sie ihm mal erzählt. Schon vor längerer Zeit. Und jetzt das: “Jetzt sind sie hier. Und wir sind auch hier. Was für ein Zufall. Alle hier. Iss ja n Ding, Mann! In Berlin kommt alles zusammen.”

Rikkis neue Wohnung war ein dunkles Loch: ein Zimmer mit Kachelofen, ein kleiner Flur, von dem eine Toilette abging und eine winzige Küche. Ohne Bad. Adresse war eigentlich Sonnenallee, aber man konnte auch von hinten rein, über die Stuttgarter Straße.
“Na, gefällt’s euch?”
“Hmm…”.
Schön, war es nicht, aber das war auch nicht wichtig. Schön war nicht wichtig. Hauptsache Berlin. Und eine eigene Wohnung. Und nicht so teuer. Und weit weg von den Eltern. So weit war Rikki schon mal. Darum beneidete Petty ihn. Und alles, was Rikki brauchte, war jetzt auch da. Seine Klamotten, seine Bücher und die Schallplatten. Und der Fernseher. “Ja, Mann, der ist wichtig! Wegen der Sportschau. Eintracht. Und Tatort…”
Rikki legte keinen besonderen Wert auf Gestaltung. Die Bude war schnell eingerichtet. Auf der Längsseite die Couch, oben drüber: Che Guevara, Fernseher gegenüber auf einer Kiste, das war erstmal am wichtigsten. Sportschau, Eintracht, Tatort. Der Schrank auf der Schmalseite gegenüber vom Fenster. Schlaff bestand darauf, dass sie den so hinrückten, dass zwischen dem großen Kachelofen und dem Schrank gerade so viel Platz bliebe, dass der thronartige Holzstuhl mit der hohen Rückenlehne und den beiden Armlehnen genau dazwischen passte. Exakt zwischen Ofen und Schrank. Das passte. Wie nach Maß. War ja auch nach Maß. Und der massige Schlaff, der Petty optisch immer an Chris Farlowe erinnerte. Rikki fand das auch, spätestens seit dem Konzert von Colosseum in der Frankfurter Messehalle: “Ja, du hast Recht. Der Schlaff sieht aus wie Chris Farlowe. Nur dass er nicht so eine schicke Fransenlederjacke trägt wie der…”
“Aber schlaff ist der Farlowe auch!”
“Ziemlich schlaff!”
Schlaffs Stammplatz in Rikkis neuer Wohnung: Eingeklemmt auf dem großen Holzstuhl, zwischen Kachelofen und Schrank, und davor noch ein Tisch. Dort saß Schlaff jetzt immer. Da fühlte er sich wohl. Geschützt. Geborgen. Heimelig. Wie in einem Versteck. Petty nannte es Schlaffs “Klaustroklause”. Rikki fand das lustig: “Na Schlaff, gehste wieder in deine Klaustroklause?” Sie haben ihn nie woanders sitzen sehen. Die ganzen Tage nicht. Immer nur Klaustroklause. Dort aß er, dort trank er, dort war er zuhause. Schlaff.
“Och, sehr schön hier in meiner Ecke, sehr angenehm!” sagte Schlaff mit seiner ulkig weichen, hohen und betulichen Stimme. “Sehr schön hier, jaja, sehr schön!” Chris Farlowe in der Klaustroklause.
Es sei denn sie gingen raus, verließen Rikkis neue Bude, die Stadt erkunden. Berlin. “Mensch, wir sind in Berlin!” Und es gefiel ihnen. Dieses graue und kaputte Berlin. Die verrotteten Altbauten mit den narbigen Fassaden.
“Mann, guck mal, die Löcher da, ob das noch Einschusslöcher aus dem Krieg sind?” Diese abgeplackten Fassadenstücke. Hier war nichts zu spüren von der Frankfurter Biederkeit, kein modischer Schnickschnack, keine schicken Menschen wie in München, nicht dieses falsche Getue. Kein Geprunke und Geprotze. Kein schicker Scheißdreck. Hier war alles gröber, roher, echter. Und in der Sonne bekamen die kaputten Häuser, das Graue, Verfallene und Verrottete sogar einen besonderen Glanz. Doch, Berlin gefiel ihnen. Jetzt müssten sie es sich nur noch erobern.

– wird fortgesetzt –

Bei „Hauptsache Berlin“ handelt es sich um das dritte Kapitel von H.P. Daniels unveröffentlichem Roman „Nowhere Man“, der mit autobiografischen Reminiszenzen von den 1970er Jahren erzählt. Demnächst folgt hier ein weiteres Kapitel als Vorveröffentlichung und ich hoffe, wir können bald den ganzen Text als Buch oder E-Book lesen. Ich danke H.P. sehr herzlich, ebenfalls danke ich Rainer Jacob, der den Text mit einer Illustration versehen hat. M.K.

Berlinische Leben – „Cola und Hakenkreuze – Das Nazi-Sommermärchen“ / Die Olympischen Spiele 1936

Foto: Meine Großmutter unterhalb der sogannten “Führerloge” während der Spiele 1936.

„Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“

– Heinrich Mann: Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris

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Wie jedes Märchen ist auch die Darstellung der Olympischen Spiele 1936 durch die Nazi-Propaganda eine erfundene Geschichte. Nichts hat die scheinbare Weltoffenheit dieser Tage mit der Realität im Lande zu tun. Terror, Rassismus und Raffgier werden von heiter-sommerlichen Spielen übertönt.

Im Sommer 1936 nutzt das Nazi-Regime die Olympischen Sommerspiele in Berlin erfolgreich als Propaganda-Forum, um sich im Ausland positiv darzustellen. Es funktioniert. Auch meine Mutter Käte, sie ist 13, ist begeistert von der ungewohnt kosmopolitischen Athmosphäre auf den Straßen und den Sportlern aus aller Welt. Besonders beeindruckt sie die Athletik und Schönheit schwarzer Olympioniken wie Jesse Owens. Nie vorher hat sie selbst dunkelhäutige Menschen gesehen. Als Kind von der rassistischen Propaganda beeinflusst, hatte sie sich als primitive Wilde vorgestellt, die im Baströckchen Stammestänze aufführen. Auf dem Kudamm wird Coca-Cola gratis ausgeschenkt, es ist die erste und letzte, die meine Mutter trinkt. Erst nach dem Ende des Krieges bringen die US-Alliierten die Limonade wieder mit. In Nazi-Deutschland gibt es zwar Coca-Cola, doch ist sie noch ein Luxus-Genussmittel, das sich die Familie eines BVG-Schaffners nicht leisten kann.

Kätes Onkel Paul, der Polizei-Offizier und Hobby-Fotograf ist, besorgt Eintrittskarten für die ganze Familie. Ausgerechnet meine Oma, die die Nazis hasst und die sich mehr als einmal durch kritische Äußerungen in Gefahr bringt, fotografiert er direkt unter der „Führer-Loge“ (siehe Foto oben). Käte lichtet er Unter den Linden ab, die 13-jährige wirkt älter, gegen den Strom stehend schaut sie entschlossen in die Kamera. Pauls Frau Charlotte posiert vor einer, von der Propaganda „Altar“ genannten, Feuerschale vor dem Stadtschloss.

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Überhaupt legt das Regime viel Wert auf Schmuck, überall wogen riesige Fahnenmeere, zwischen denen die Hakenkreuzflaggen kaum auffallen. Zum ersten Mal gibt es einen Fackellauf, die Idee stammt vom Sportfunktionär Carl Diem. Diem zieht gern Parallelen zwischen sportlichem und kriegerischem Kampf und verwies auf den Nutzen des Sports für die Heranbildung künftiger Soldaten. Die Olympischen Spiele waren außerdem ein willkommener Anlass, die von der NS-Ideologie geforderte körperliche Ertüchtigung, das „heranzüchten kerngesunder Körper“ für einen gesunden „Volkskörper“ im Hinblick auf Wehrertüchtigung und Einsatz im Krieg, auf breiter Basis zu propagieren und auch in die Tat umzusetzen. Daneben schätzt man auch ideelles Pathos, wie die Olmpiahymne zeigt:

„Wie nun alle Herzen schlagen in erhobenem Verein,
soll in Taten und in Sagen Eidestreu das Höchste sein.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Freude sei noch im Erliegen, Friedensfest: Olympia.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Olympia! Olympia! Olympia!“

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Straßenschmuck Unter den Linden

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11422693_10153081993892982_1332758993_nDampferfahrt

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Polizei Unter den Linden und unten vor “Altar”.

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Mehr Polizei mit “Grüner Minna”

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Der Reisepass von Paul und Charlotte.

11420056_10153081993762982_1223139744_nNeptun-Brunnen vor den Stadtschloss

Heinrich Mann ist bei weitem nicht der Einzige, der einen Boykott der Spiele forderte. Besonders in den USA, wo man die Verfolgung der deutschen Juden mit viel Sorge sieht, fällt die Entscheidung, doch nach Berlin zu fahren, nur knapp aus. Schließlich ist die Sowjet-Union das einzige Land, das boykottiert und das Kalkül der braunen Herren geht auf. Sie haben drei weitere Jahre Zeit, vom Ausland unbehelligt,Verbrechen zu begehen und einen beispiellosen Angriffskrieg vorzubereiten.

Noch heute heißt das im Stil des Nationalsozialismus gebaute Stadion, wie selbstverständlich, Olympiastadion. Der Autor und Schauspieler Hanns Zischler macht in seinem 2013 erschienenen Buch “Berlin ist zu groß für Berlin” einen interessanten Vorschlag. Warum sollte man die Sportstätte nicht in “Jesse-Owens-Stadion” umbenennen?*

M.K.

*taz-Artikel zu Hans Zischlers Vorschlag:

http://www.taz.de/1/berlin/tazplan-kultur/artikel/?dig=2013%2F03%2F16%2Fa0246&cHash=e93e807698bd3532ff021214a721193b

Foto Olympiaglocke: Bundesarchiv Koblenz ©Creative Commons

Alle anderen Fotos: Paul Springer ©M.Kluge, Nachdruck mit Quellenangabe.

 

Berlinische Leben – „Rainer Works Art Marcus Writes“ / Portrait einer Freundschaft / 1973-2016

Es gibt Freundschaften die Bestand haben, auch wenn uns das Leben für viele Jahre von unseren Freunden trennt. Wir treffen uns wieder und sprechen wieder miteinander, als ob es nur Tage oder Stunden der Trennung waren. Sofort finden wir die gemeinsame Sprache und wir verstehen uns.

So geht es mir mit Rainer Jacob, den ich vor über 40 Jahren kennenlernte. Wie genau haben wir beide vergessen. Er wuchs in der West-Berliner Blissestraße und ich einen Katzensprung entfernt am Volkspark Wilmersdorf auf. Es war Freundschaft auf den ersten Blick. Damals waren wir beide knapp 20, politisch links und mit großem Interesse an Film, Literatur und Kunst. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl wir häufig unterschiedlicher Meinung waren. Ohnehin war Rainer immer besonders vom Bild und ich eher von Sprache begeistert.

img_20140705_0001Ca. 1975.

Rainer ist sowas wie ein Sonntagskind, obwohl er nicht an einem geboren wurde (12 Minuten zu spät) und er ist mit einem kritischen Geist ausgestattet. Für beides ist er dankbar. Wieso er ein Glückskind wurde, kann er sich erklären. Er hatte eben Glück mit seinen Eltern, die eine 59 Jahre lange, harmonische Ehe bis in den Herbst 2008 führten. Dann starb Martha und Günter folgte ihr im Februar 2009.Kennen lernten sich seine Eltern durch eine Art Lotterie. Während des 2. Weltkriegs bemühte sich die Nazipropaganda jedem unverheirateten Soldaten im „Felde“ ein Mädel an der „Heimatfront“ zu vermitteln. Das klappte wohl ganz gut, auf jeden Fall bei Rainers Eltern, die sich so kennen und lieben lernten. Auch bei der Kriegsgefangenschaft hatte Günter Glück. Er machte kein Kreuz an der Stelle wo dies 80% seiner Kameraden taten, „War Hitler ein guter Mann. Ja oder Nein?”. Er kam auf einen britischen Flughafen, wo er sich frei bewegen konnte, in der Offiziers-Messe bediente und Reifen vulkanisierte. Nebenher bastelte Rainers Vater noch Modelle von Lancaster-Bombern, die begehrt bei den Offizieren waren, zusätzlich Geld brachten und er hatte nicht die prägende traumatische Internierung, wie mein Vater zu erleiden, der nach vier Jahren in Sibirien als gebrochener Mann zurückkam.
10703682_752608828129097_6250639662470188336_nRainers Großeltern

Rainer hat noch Liebesbriefe und ein Kriegstagebuch bis zum Ende der Gefangenschaft, versehen mit Zeichnungen und Fotos und inspiriert durch meine Familiengeschichten spielt er mit dem Gedanken, diese Fundgrube auch einmal in ein Blog zu stellen. Die Eltern heirateten und 1955 wurde Rainer als Wunschkind geboren. Wieso Rainer einen überaus kritischen Verstand entwickelte, kann er nicht genau klären. Voraussetzung um eigene Gedanken entfalten zu können war, dass beide Eltern beschlossen hatten etwas anders zu machen bei der Erziehung. Selbst hatten sie Wilhelminische Strenge kennengelernt, künstlerische Ambitionen mussten sie begraben. Mutter wollte Modezeichnerin werden, doch mit dem Argument, sie heirate ja sowieso, verbrannte die Mutter ihre Zeichnungen. Der Vater fotografierte, zeichnete und baute Schiffs-und Flugzeugmodelle, lernen musste er etwas Praktisches.IMG_20140720_0003Rainer 1973img_20140706_0002Marcus

Mir fallen mir zwei Aspekte auf, die Rainer und mich zu kritischem Denken inspiriert haben könnten. Zunächst war in den 1960er Jahren in Deutschland noch der Nachhall von zwölf Jahren Naziherrschaft, Verbrechen und Kriegsschuld zu spüren. Wir merkten schon im Grundschulalter, dass uns in vielem eine beschönigende Version vermittelt wurde. Rainer erlebte Gechichtslehrer mit Schmissen, die prahlerisch und menschenverachtend von Kriegserlebnissen erzählten, oder die Kinder beim Sport als “Dreibeinige Synagogenzwerge” beschimpften.

Kaum jemand bekannte sich zu seiner Mitschuld, aber wir wussten doch, das eine Mehrheit Hitler gewählt und mitgemacht hatte bei den beispiellosen Verbrechen. Oder man schwieg gänzlich über das 3. Reich, wie in den meisten Schulen. Glücklicherweise war Rainers Vater kein schweigender Despot und in der Familie herrschte eine muntere Streitkultur. Viele in unserer Generation hatten schweigende Väter, fast war es eine vaterlose Generation.

Durch das Leben in Westen Berlins machten wir noch eine weitere augenöffnende Erfahrung. Wir wuchsen mit zwei Versionen der Wahrheit auf, die im Westen und im Osten in den Medien, vor allem im Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde. Zunächst werden wir den Westmedien geglaubt haben, aber spätestens nach dem Besuch des Schah von Persien und dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 merkten wir, das auch die Westmedien logen. Rainer beobachtete als Dreizehnjähriger bei einem Klassenkameraden zu Besuch, wie im Rohbau des Nebenhauses eine wilde Schießerei zwischen der Polizei und dem Attentäter von Rudi Dutschke stattfand. Später gingen wir auf Demos und erlebten Knüppelorgien der Polizei, in den Westmedien waren die Studenten und Gammler schuld und plötzlich stimmte die Version der Ostmedien mit unserer Beobachtung überein. Also wurde klar, was Medien berichten muss nicht wahr sein, alles ist kritisch zu hinterfragen. Langhaarigen wurden auf offener Straße “Mädchen” hinterhergerufen und die Boulevard-Presse hetzte so sehr, daß ein “Doppelgänger”, der Dutschke änlich sah, beinahe vom Mob gelyncht worden wäre.

Rainer sah sich verschiedenste linke Gruppierungen an und bei keiner, ausser den Trotzkisten, fand er einen Arbeiter. Überhaupt war alles sehr merkwürdig, wenn linke Gruppierungen (SEW, DKP) von Errungenschaften sprachen, während man den “realen” Sozialismus für 25 Mark Eintrittsgebühr besuchen konnte und das heruntergedimmte Licht in Straßen voller verkommener Altbauten den wirklichen Sozialismus zeigte. Bei uns wiederum wurde Kritik am Westen mit dem einfachen Satz, “Geh doch ‘rüber” plattgebügelt.

Während mich das Scheitern der 68er Revolte ins Abseits schickte. Abitur und Studium war mir verwehrt und ich habe mich wohl auch freiwillig für einige Zeit in den Schmollwinkel zurück gezogen, begann Rainer eine Lehre in einer Siebdruckerei. Aber er wollte doch noch sein bildnerisches Talent zum blühen bringen und bemühte sich um ein Studium an der Hochschule der Künste (heute UdK).

Es war ein Abend im Jahr 1973, als er mir seine Mappe zeigte, er hatte den Tag im Zoo verbracht und Tiere gezeichnet, in Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung. Zum ersten Mal sah ich sein Talent und war beeindruckt. Er studierte dann mit dem kleinen Matrikel. Er startete mit freier Malerei, wechselte zu experimenteller Grafik, dann zu Grafik Design. Während er sich zuerst ernsthaft mit den realistischen Details von Reflexen auf Wasserhähnen malerisch herumschlug wollen seine Jahrgangskommilitonen, die Jungen Wilden, mit der Attitüde von Frühvollendeten Party feiern. Maler die den Habitus von Rockstars imitierten und sich anschickten das Niveau von Werbung glatt zu unterbieten. Damals, vor der Verschulung des Studiums konnte man noch vielseitig und selbstbestimmt Seminare auswählen und Rainer belegte einige der Film-und Fernseh Akademie und bei den Architekten.

Der Kunsthistoriker Freiherr von Löhneysen, der Schopenhauer textkritisch bearbeitete, beeindruckt Rainer. Er ist Führer bei einer Studienreise durch die norditalienischen Städte, wo man die Entstehung der Perspektive studiert. Gern hätte ich ihn begleitet, wenn meine Reiseunlust mich nicht zurückgehalten hätte. Am liebsten fahre ich dorthin, wo ich schon mal war. Zum Beispiel Bretignolles-sur-mer, wo ich schon öfter war. So verbringen wir 1975 vier Wochen in Frankreich, hören Pink Floyd, kucken auf Kühe und feiern den 14. Juli mit den Dörflern.

Zurück in Berlin macht Rainer Multimedia, ich kann mich noch an einen unendlich schweren portablen U-Matic Videorekorder erinnern, mit dem man schwarz-weiße Bilder aufzeichnen konnte. Wir filmten im Tiergarten in den Ruinen des Diplomatenviertels zur Musik von Django Reinhardt. Vielleicht hat mich diese Erfahrung auf eine Schiene gesetzt, die mich später zu 20 Jahren professioneller TV-Produktion gebracht hat.

In dieser Zeit ziehen wir oft um die Häuser, um am Morgen noch lange Gespräche zu führen. Manchmal zeichnet Rainer, z. B. mich während ich englischsprachige Songtexte schreibe, passend garniert mit USA-Attributen. Deutsch zu singen kann ich mir damals nur schwer vorstellen. Überhaupt prägte uns amerikanische Popkultur, die im West-Berlin der Nachkriegsjahrzehnte omnipräsent war. Wir gehen gemeinsam in die Off-Kudamm-Kinos, schauen uns Orginalfassungen mit und ohne Untertitel an. Schwarze Serie und andere Hollywoodstreifen, aber auch anspruchsvolle europäische Filme. Video gibt es noch nicht für Normalsterbliche und im Fernsehen regiert dröges Mittelmaß, das vom Dritten Programm manchmal durchbrochen wird.

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Zu Beginn der Uni-Zeit lernte Rainer seine erste Partnerin, die elf Jahre ältere Ingeborg kennen, die selbst Grafik studiert hatte und damals im Mediterranea griechische Möbel und Flokatis verkaufte, zu der er in eine WG einzog. Dort hatte er ein kleines Fotolabor im Gästeklo, auch von mir gern genutzt. Während des Studiums arbeitete er in den Semesterferien als Praktikant bei der Werbeagentur Dorland oder macht Illustrationen für den Tip, diese Erfahrungen brachten Rainer nach dem Studium zu einer Karriere als Art Director in der Werbung. Er arbeitete für namhafte Agenturen, wechselnd zwischen Freelancer und fest, wir bleiben im Kontakt. Er arbeitet um zu leben, am Wochenende bin ich häufig bei dem Paar zu Gast. Eine WG direkt über der Galerie Natubs und dem Engel Gabriel im Kiez nah am Olivaer Platz. Unter ihnen wohnten die Architekten, die das Märkische Viertel verbrochen hatten in feinstem Bauhaus-Dekor.

1982 beschließe ich soetwas wie ein Fanzine zu gründen. Es ist die Zeit, als drei Akkorde reichen, um als Band Karriere zu machen und ich denke, mit drei Fingern tippen zu können, müsste reichen, um ein kleines Subkultur-Magazin herauszugeben. Und es reicht tatsächlich… Dieses Lebensgefühl der Punkjahre, der Fotograf Richard Gleim drückte es kürzlich in einem Interview mit dem Satz „Das machen wir jetzt“ aus, dieses Lebensgefühl half mir, mich selbst am Schopf aus meinem selbstgewählten „Tunix-Sumpf“ zu ziehen.

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Mit der Hilfe von einigen Freunden gebe ich den „Assasin“ heraus. Rainer entwirft das Markenzeichen mit dem Fadenkreuz, Logos für Rubriken, er weckt mein Interesse an Typografie und er bringt mir bei, das Layout selbst zu gestalten. Mit Letraset, Fixogum und Skalpell werde ich ziemlich gut. Acht Hefte und drei Musikkassetten wird es geben. Dann stehe ich journalistisch auf eigenen Beinen, schreibe für die Taz und Rock-Publikationen.

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1988 fange ich beim OKB an, dem Lokalsender, der heute ALEX heißt. Erst disponiere ich den Sender, dann leite ich Produktionen und Sendeabwicklung, auch wenn auf meiner Visitenkarte etwas diffus „Beratung und Betreuung“ steht. Rainer hat inzwischen sein Atelier im Hofgarten gegründet, um mit einem kleinen Team feines Design für Hotels der Luxus-Klasse zu gestalten. Bevor ihn auch hier in Rhiemers Hofgarten die Arbeit auffrisst, übernimmt er die Leitung des Ateliers bei einer Netzwerkagentur und nach dem Mauerfall geht Rainer für ein Jahr nach Leipzig um die Messe zu re-launchen und schließlich als freier Kreativer konzipiert er die Gesamtkampagne und den Werbespot für die Einführung von Melitta Kaffee in den polnischen Markt. Deshalb castet er eine bekannte polnische Schauspielerin, Ewa Ziętek.

In Polen kennt sie jeder, seit sie mit 18 Jahren die Braut in Andrzej Wajdas “Hochzeit” spielte. In sie verliebt er sich, wie vom Blitz getroffen, während des Drehs in Hamburg. Sie lebt in Berlin und spielt Theater mit akzentfreiem Deutsch. Die ostdeutschen Schauspieler drängen auf den wiedervereinigten deutschen Markt und da will sie wieder in die Heimat und Rainer entscheidet sich spontan mit nach Warschau zu gehen und findet auch gleich eine Stelle als, Head of Art, bei Ogilvy&Mather eine spannende Aufgabe, wo er aus Dramaturgen Werbetexter und aus Architekten Art Direktoren macht. Einige Jahre sehen wir uns nicht. Das Kunden-Portfolio der amerikanischen Agentur ist international, die Etats sind groß, er kann großes Kino inszenieren für Schokoriegel, Pharmakonzerne und der, dem Spiegelmagazin vergleichbaren Wprost, Mode, Kosmetik, Bier. Nach drei Jahren fasst auch Ewa wieder Fuß und neben Boulevard-Theater spielt sie in der dortigen TV-Spitzensoap, “Goldenes Polen” vergleichbar mit unserer Lindenstraße. Reisen nach Indien und Italien zwischen beruflichen Reisen nach Bulgarien, Rumänien, Prag, Wien und häufig zur Postproduction nach London. Sie heiraten nach acht Jahren “wilder Ehe” 2000, fast eine Jet-Set Hochzeit, mit Strech-Limo und begleitet von der Regenbogen-Presse mit illustren Gästen aus Film, Funk und Fernsehen. Ich kann leider nicht kommen, ich muss arbeiten. Nachdem ich fast 15 Jahre Fernsehen gemacht habe, merke ich das der Job mich immer mehr Kraft kostet. Ich habe kaum noch ein Privatleben, selbst im Urlaub verreise ich nicht, irgendwie ist mir nicht danach. Wahrscheinlich leide ich schon damals an einer nicht diagnostizierten Depression.

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Nur einmal besuche ich Rainer in Polen, er bewohnt eine nette Villa in einer bewachten Siedlung bei Warschau, er braust mit einem noblen Citroën durch die Stadt und zeigt mir seine neue Heimat. Dann herrscht Funkstille bis 2004, ich besuche Rainer in einer kleinen Wohnung im Hansaviertel, er ist arbeitslos. Was war passiert?

Nachdem er drei Geschäftsführerwechsel “überlebt” hat, war jemand scharf auf seinen Job und hat ihn herausgeekelt. Doch Rainer scheint Glück zu haben, findet eine neue Agentur. Die Firma schwimmt im Geld, es gibt Kunst an den Wänden eines edlen Jugendstilhauses und mit der Zeit fallen meinem Freund Merkwürdigkeiten auf. Man will nicht wirklich große Etats gewinnen und nur ein großer Kunde kann nicht soviel Profit abwerfen, ihm ist schleierhaft woher das Geld kommt. Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, er arbeitet ohne es gemerkt zu haben für den legalen Arm einer Mafia-ähnlichen Organisation. Income gering, Gewinne groß, hier wird Geld gewaschen, bei einer Teilhaberversammlung wird es augenscheinlich. So schnell er kann, kündigt er. Nun wird es prekär für ihn in Warschau, es rächt sich, das er kein Pole ist und auch nicht perfekt polnisch spricht, außerdem ist er mit 42 schon ziemlich alt für eine dem Jugend-Wahn verfallene Branche. Rainer hat eine Depression aus gutem Grund und lässt sich in der Berliner Charite einen kirschgroßen Gallenstein entfernen. In solchen Situationen überdenkt man sein Leben. Der Stress, über den er sich erhaben glaubte, verlangt eine Entschleunigung des Lebens. Er wird in Berlin wieder bei seiner “alten” Agentur stellvertretender Geschäftsführer, nur um sich bei einem der großen Energie-Konzerne von Atomkraftwerken umstellt zu fühlen, während nur noch Praktikanten und Rookies, die nur mit dem Computer umgehen können, als Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Sein Job ist moralisch nicht mehr vertretbar für ihn.

Nur Monate später endet die nur zweijährige Ehe. Die weitergehenden unschönen Details vertraut er nur mir und einem anderen langjährigen Freund an. Seltsam, ein paar Jahre vorher hatte ich nach sieben Jahren Beziehung eine Ehe, die nach nur zweieinhalb Jahren auseinander brach. So unterschiedlich unsere Charaktere und Biografien waren, manches ähnelt sich. So auch der Karriere-Knick, der uns beide ereilt.

Auf eine neue Spitzenposition besteht für Rainer keine Aussicht, auch hier ist er zu alt und zu teuer für potentielle Arbeitgeber. Das Praktikanten-Unwesen hat begonnen, er konkurriert genau wie ich in meinem Job mit Twens, die für nichts oder fast nichts schuften. Und die den Begriff Twen wahrscheinlich nicht kennen, das tun nur „Opas“ wie Rainer und ich. Und sicher, „Twen“ war für uns auch ein legendäres Periodikum, das die Magazin-Gestaltung insgesamt bahnbrechend veränderte.

Rainer bekocht mich im Hansaviertel, er hat 1000 Pläne, wieder ist es so, als ob wir uns nie getrennt hätten. Aber dann habe ich eine längere Phase der Krise und Krankheit. 2003 höre ich beim Sender auf, das wurde mir in der Reha geraten. Ich mache eine Umschulung, habe zwei Jahre eine Fernbeziehung, während ich die Wochenende bei meiner Freundin, einer Psychotherapeutin in Thüringen verbringe, kümmert er sich um meine Katzen. 2005 ist erstmal Schluss für mich. Erst scheitert die Partnerschaft, dann bekomme ich eine Depression und muss auch die Umschulung abbrechen. Ende der Nuller-Jahre entscheide ich mich für die Rente, wieder folgt eine Pause in der Rainer und ich keinen Kontakt haben.

2013 überwinde ich endlich meine Schreibblockade, im Juli bekommt Julia, meine Stieftochter aus der Ehe ein Baby und macht mich zum Quasi-Opa. Auch für sie schreibe ich die Geschichte meiner Vorfahren auf. Durch Facebook treffe ich viele alte Frende wieder, so auch Rainer. Er lebt seit sieben Jahren mit Delilah zusammen, in die er sich verliebte, als er nichts hatte ausser seinem lange unterforderten kritischen Verstand. Am Sterbebett seiner Mutter erlebte er wie das Herz seines Vaters fast hörbar brach. Zugleich war er extrem verliebt, da ihn Delilah mit Gesang und unendlicher Fürsorge durch alle Höhen und Tiefen begleitete. Auch inspirierte sie ihn das Malen und Zeichnen wiederaufzunehmen.

Das temperamentvolle Vollblut-Weib ist siebzehn Jahre jünger als er. Sie hat drei fast erwachsene Kindern und eine Enkelin. Er wird Vatervertreter und Nenn-Opa. Eine Lektion hat ihm das Leben überdeutlich vermittelt, eine schwere Lebenskrise hilft um das Wesen eines Menschen tiefgreifend zu erfahren, dann kann man Liebenswürdigkeit und Charakterstärke erkennen. Er tut und denkt nur noch was er wirklich will, Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, öfter mal ein Bild verkaufen, wäre trotzdem schön.

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Nachdem wir uns im Frühjahr 2013 wiedertreffen nehmen wir unseren Dialog wieder auf. Wir diskutieren über Philosophie, Politik, Psychologie und Science-Fiction. Im Sommer ist er begeistert, dass ich eine Neuauflage von Assasin starten will.

Doch es gelingt mir nicht, mich in den punkmäßigen, abgebrühten Assasin-Modus zu versetzen. Na klar über die NSA-Affäre kann man herrlich lästern. Aber das tun Andere ohnehin schon, vielleicht sogar besser. In 30 Jahren ist der Gonzo-Stil des alten Assasin Mainstream geworden und ich habe mich weiterentwickelt. Vielleicht ist der alte flapsige Stil des Assasin ohnehin zu locker für die doch sehr bedrohliche Entwicklung hin zu einem totalitären Staat in den USA und folglich auch bei uns. Natürlich stellt einen die Politik vor viele Fragen. Die geleakten NSA Papiere drängen mir einen bösen Vergleich auf. Stellen sie nicht der Öffentlichkeit die Frage. „Wollt ihr die totale Überwachung?“ Und ist das Desinteresse einer Mehrheit nicht ein klammheimliches „Ja“, oder zumindest „Ist mir egal“. Doch mehr als mich zu informieren und meine Meinung zu sagen, gelingt mir nicht.

Erstaunlicherweise gefällt einigen Leuten, was ich über meine Familie und aus meinem Leben erzähle. Im September starte ich ein Blog, neben den Texten poste ich viele Fotos, auch welche die mein Freund Rainer gemacht hat. Als ich zum ersten Mal einen Gastautor veröffentliche, bitte ich Rainer Illustrationen zu zeichnen und damit beginnt eine neue, fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm.

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Lesung im Periplaneta Literaturcafé am 15. April 2016.

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Im Frühjahr 2014 beginne ich eine vierteilige Erzählung über einen Schulfreund, aber es wird ein kleiner Roman daraus, zu jedem der zwölf Kapitel macht Rainer stimmungsvolle Bleistiftzeichnungen. Nun da ich mit „Die Legende von Xanadu“ fast fertig bin, sprechen wir über einen weiteren Roman, den ich gern in West-Berliner Punkszene Anfang der 80er Jahre ansiedeln möchte. Es gibt viel zu schreiben und zu zeichnen: „Das machen wir jetzt“.

Nachtrag, 6.7.2016:

Der zweite Roman ist fast fertig, aber mit dem Ende tue ich mich schwer. Seit über einem halben Jahr trage ich Bedenken,  bastle daran und kann mich nicht entscheiden, wie ich “Helden” im Detail zu Ende erzähle. Jedes lose Ende soll mit seinem Pendant verknüpft werden, Chronologie und Timing müssen stimmen und schließlich gilt es eine Figur zu töten. Vor zwei Wochen war dann Richard bei mir. Seit 1969 bin ich mit ihm befreundet und sein Leben war Vorbild für den Protagonisten des Helden-Roman: Roberto. Richard eröffnete mir er sei krank, sehr krank. Und egal ob es ihm gelingt die schwere Krankheit zu besiegen, es ist ihm ein Herzensbedürfnis “seinen” Roman in den Händen zu halten. Also werde ich mich daransetzen. Rainer arbeitet seit letztem Sommer wieder, muss lange Spätschichten schieben, trotzdem wird er die letzten zwei oder drei Illustrationen zeichnen und das neue Buch gestalten. Und dann haben wir eine Graphic Novel geplant. “Das machen wir!”

-Vorläufiges Ende-

Berlinische Leben – „Gefühl und Härte – Fleischers Trip“ / Über Volker Hauptvogels West-Berlin-Roman

Fleischers Blues“ lässt das West-Berlin der Jahre 1976 bis 1981 wiederauferstehen, als habe es den Mauerfall, die Wiedervereinigung und den ganzen Quatsch, der folgte, nie gegeben. Volker Hauptvogels Erinnerung ist quicklebendig und die Sprache scharf, wie der Punk von Volkers Band „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Bei Ex-Zeitgenossen von „Fleischer“ sorgt die Lektüre für nostalgischen Lesegenuss der heiteren Art, während er Nachgeborenen Aha-Erlebnisse beschert. „Gab es das alles wirklich?“, werden sie fragen. Ja, ich kann’s bestätigen, weitgehend!

Volker Hauptvogel ist in Berlin, was die Berliner einen „bunten Hund“ nennen. Volker kennt jeden und jeder kennt ihn, den Autor, Musiker und Gastronomen. Fleischer ist bei aller Fiktion natürlich eine autobiografische Gestalt. Was authentisch ist und was fiktiv, darf spekuliert werden. Der dealende Schriftsetzer und hedonistische Lebenskünstler Fleischer kommt nach West-Berlin, auf der Flucht vor der Bundeswehr. Er zieht in eine typische Ein-Zimmer-Ofenheizungs-Wohnung in der Bürknerstraße, an der Nahtstelle zwischen Neukölln und SO 36, dem wilden Kreuzberg. Bald ist er in der verschworenen Revoluzzerszene genauso zuhause, wie bei den ersten Adressen für Stoffgroßhandel. Auch Fleischers bester Kumpel Ede zieht in die Frontstadt nach und das Geschäft expandiert gemäß Edes Devise „Ware immer nur vom Besten, sowohl als auch die besten Kunden“. Daneben beteiligen sich die beiden an der Weltrevolution, man druckt, sendet schwarz und die Bezirkskasse wird auch erleichtert zum Wohle der guten Sache.

Doch Fleischers Affäre mit der entzückenden Polizistin Claudianna treibt fast einen Keil zwischen die Freunde. Doch Claudianna ist selbst immer mehr im Zweifel über ihre „Beamtenlaufbahn“ bei der grünen Truppe. Schließlich rollt die Punkwelle in Berlin an und die das dynamische Duo ist begeistert, opfert ad hoc die Matte und gründet das „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Der Rest ist Geschichte, könnte man sagen. Oder „großes Kino“, wenn das nicht so eine abgewetzte Metapher wäre.

Wir besuchen die Schauplätze der wilden Jahre, das SO 36, den Jodelkeller, das Quartier Latin oder das legendäre Risiko. Und treffen die schrägen Protagonisten dazu, Ratten-Jenny, Alex Kögler, Blixa Bargeld und einen gewissen „Kippi“, der gar nicht gut weg kommt, woran er allerdings selbst schuld ist. „Gefühl und Härte“, der Slogan jener Tage passt auf „Fleischers Blues“ wie die Faust aufs Auge, oder das Sektglas in Kippis Gesicht, der aus der Erfahrung ein Projekt machte, mit dem er endlich den heiß ersehnten Erfolg hatte. Aber das steht in einem anderen Buch …

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Fleischers Odyssee mündet in den Tag, den keiner vergessen kann, der ihn damals in West-Berlin erlebte. Der 22. September 1981 als, bei einem, von Westentaschen-Napoleon Lummer befohlenen, ultrabrutalen Polizeieinsatz, der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay getötet wird. Hauptvogel schildert das Geschehen in aller Härte + Gefühl, doch Zeitzeugen werden bestätigen, ohne Übertreibung. Selbst Fleischers unerschütterlicher Optimismus gerät ins Wanken.

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Kürzlich besuchte mich mein alter Freund Volker zu einem sonntagnachmittaglichen Gespräch über seinen ersten Roman, die Vergangenheit und das Heute, das weder er noch ich uns so düster ausgemalt hätten. Der Sieg des Kapitalismus, die elektronische Vollüberwachung und eine junge Generation, die sich fast gar nicht für Politik interessiert. Stattdessen entstehen neue braune Horden und „idiocracy“regiert allerorten. Dystopisch aber wahr …

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Wir sprachen über den 2012 verstorbenen Edgar Domin, dem Volker nun ein ewiges literarisches Denkmal gesetzt hat. Über die Polizistin Claudianna und das die „Bullen“ damals ja auch verheizt wurden für eine korrupte Baupolitik des Berliner Filzes und das die Hausbesäzza nicht die geschlossene Front bildeten, die von der Springer-Presse gern beschworen wurde. Den meisten ging es nicht um Straßenkampf, sie wollten selbstbestimmte Lebensmodelle ausprobieren und der „Krieg“ wurde ihnen aufgezwungen, auch von zugereisten, unreifen Revoluzzern aus den eigenen Reihen. Schließlich erinnern wir uns an das Interview, das ich 1983 mit ihm machte. „MDK“ hatten soeben eine USA-Tournee hingelegt und Volkers „Verweigerer-Buch“ war erschienen (siehe Anhang). Volker hatte eine Familie gegründet und schimpfte über das „dreckige“ Kreuzberg. Heute, 2016, lebt er immer noch da und ist nicht wegzudenken. Nun schon gar nicht mehr, denn man kann seinen Roman auch als Liebeserklärung an diesen Bezirk lesen. Aber in erster Linie ist er ein Trip:

Ein wilder Trip für Droogs, die ins Lesealter gekommen sind!“

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Letztlich muss man wieder mal alles selber machen und es entspricht ja auch der Punk-Philosophie, dass nur das eigene Tun und Vorwärtsgehen das Leben sinnvoll macht. Deshalb klettern ältere Herren, wie Volker und ich, wieder auf die Bühne. Volker ist auf Lesereise mit Guntbert Warns, der ja auch die Hörbuchfassung eingelesen hat. Die bei Deutsche Grammophon erschienene Hörfassung ermöglicht übrigens auch ein Wiederhören mit Stephan Remmler, der als Conferencier fungiert.

Außerdem tritt Hauptvogel wieder mit Band auf und hält die politisch-wertvolle Punkmucke lebendig. Das nächste Mal am:

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20. Mai – MDK ( 1. Musikalische Manifestation 2016)
in neuer Besetzung incl. Lesung in
der Regenbogenfabrik, Lausitzer Str. 36.

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Das Buch erschien im Martin-Schmitz-Verlag und lässt sich für 14.80€ erwerben.

Das Hörbuch von Deutsche Grammophon füllt 4 CDs  und kostet ca. 20€.

Text: Marcus Kluge

Illus aus “Verweigerer”, 1983 Karin-Kramer-Verlag.

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Illu zum Fleischer-Kapitel “Neue Bude”. Rainer Jacob porträtierte den kaisertreuen Wohnungsvermieter mit dem High-Heel-Fetisch, als ich vor zwei Jahren die Geschichte vorveröffentlichte. (Sorry, nicht mehr da.)

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Interview mit Volker Hauptvogel 1983 für Assasin.

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Berlinische Leben – “Grönemeyer kann nicht tanzen” / Eine Pinguin-Club-Anekdote

SiebbiHerbert Grönemeyer (German musician and actor); arrival for the opening of the 59th Berlin International Film Festival. CC BY 3.0

Gestern wurde der deutsche Sänger und Schauspieler Herbert Grönemeyer 60. Auch wenn ich kein Fan seiner Musik bin, wünsche ich ihm alles Gute zu seinem runden Geburtstag. Dabei fällt mir eine kleine Anekdote ein, die ich vor einem Vierteljahrhundert im Schöneberger Pinguin-Club beobachtet habe. Wenn die Berliner etwas gut können, so ist es auf jeden Fall, einem Promi die “kalte Schulter zeigen”. 

11391328_10153353625642250_667197079382556864_nFoto: Tom Drushba

Für die Lesung am 28. Mai 2015 im Pinguin-Club erinnerte ich mich an diese kleine Anekdote:

Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher für das “Hollywood-Friedenau-Spiel” wieder ein. Für ein Brettspiel hatte ich mit Herbert Nonsens-Kurz-Treatments erfunden, in denen wir bekannte Filme verballhornten. Aus “Über den Dächern von Nizza” wurde “Über den Löchern der Pizza”, oder aus “Dial M for Murder” wurde “Dial M for Mini-Pizza”. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.

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Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Die Begleiter zertreuten sich um mit verschiedenen Gästen zu plaudern, während der Sänger etwas verloren an der Theke stehenblieb. Nach einer längeren Weile, gelang es ihm die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erhaschen. Er bestellte sich ein Flaschenbier, vermutlich sowas Nordisches, wie Becks oder Jever. Niemand hatte ihm gesagt, dass es Köpi vom Fass gab. Die neben ihm stehenden kümmerten sich nicht um ihn. Also stellte sich Grönemeyer, an seinem Flaschbier nuckelnd, in die Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Er wippte ein wenig zur Musik, drehte sich langsam um 360 Grad im Kreis, aber niemand guckte zurück. Er wurde ignoriert. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen.

Hier findet Ihr die ganze “Hollywood-Friedenau-Geschichte”:

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Berlinische Leben – “Fünfziger Jahre Stadtbummel” / West-Berlin Fotos

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Als Anhang eine Geschichte aus den 50ern:

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Fotos: ©Marcus Kluge + Rainer Jacob

Berlinische Leben – „Cola und Hakenkreuze – Das Nazi-Sommermärchen“ / Die Olympischen Spiele 1936

Foto: Meine Großmutter unterhalb der sogannten “Führerloge” während der Spiele 1936.

„Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“

– Heinrich Mann: Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris

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Wie jedes Märchen ist auch die Darstellung der Olympischen Spiele 1936 durch die Nazi-Propaganda eine erfundene Geschichte. Nichts hat die scheinbare Weltoffenheit dieser Tage mit der Realität im Lande zu tun. Terror, Rassismus und Raffgier werden von heiter-sommerlichen Spielen übertönt.

Im Sommer 1936 nutzt das Nazi-Regime die Olympischen Sommerspiele in Berlin erfolgreich als Propaganda-Forum, um sich im Ausland positiv darzustellen. Es funktioniert. Auch meine Mutter Käte, sie ist 13, ist begeistert von der ungewohnt kosmopolitischen Athmosphäre auf den Straßen und den Sportlern aus aller Welt. Besonders beeindruckt sie die Athletik und Schönheit schwarzer Olympioniken wie Jesse Owens. Nie vorher hat sie selbst dunkelhäutige Menschen gesehen. Als Kind von der rassistischen Propaganda beeinflusst, hatte sie sich als primitive Wilde vorgestellt, die im Baströckchen Stammestänze aufführen. Auf dem Kudamm wird Coca-Cola gratis ausgeschenkt, es ist die erste und letzte, die meine Mutter trinkt. Erst nach dem Ende des Krieges bringen die US-Alliierten die Limonade wieder mit. In Nazi-Deutschland gibt es zwar Coca-Cola, doch ist sie noch ein Luxus-Genussmittel, das sich die Familie eines BVG-Schaffners nicht leisten kann.

Kätes Onkel Paul, der Polizei-Offizier und Hobby-Fotograf ist, besorgt Eintrittskarten für die ganze Familie. Ausgerechnet meine Oma, die die Nazis hasst und die sich mehr als einmal durch kritische Äußerungen in Gefahr bringt, fotografiert er direkt unter der „Führer-Loge“ (siehe Foto oben). Käte lichtet er Unter den Linden ab, die 13-jährige wirkt älter, gegen den Strom stehend schaut sie entschlossen in die Kamera. Pauls Frau Charlotte posiert vor einer, von der Propaganda „Altar“ genannten, Feuerschale vor dem Stadtschloss.

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Überhaupt legt das Regime viel Wert auf Schmuck, überall wogen riesige Fahnenmeere, zwischen denen die Hakenkreuzflaggen kaum auffallen. Zum ersten Mal gibt es einen Fackellauf, die Idee stammt vom Sportfunktionär Carl Diem. Diem zieht gern Parallelen zwischen sportlichem und kriegerischem Kampf und verwies auf den Nutzen des Sports für die Heranbildung künftiger Soldaten. Die Olympischen Spiele waren außerdem ein willkommener Anlass, die von der NS-Ideologie geforderte körperliche Ertüchtigung, das „heranzüchten kerngesunder Körper“ für einen gesunden „Volkskörper“ im Hinblick auf Wehrertüchtigung und Einsatz im Krieg, auf breiter Basis zu propagieren und auch in die Tat umzusetzen. Daneben schätzt man auch ideelles Pathos, wie die Olmpiahymne zeigt:

„Wie nun alle Herzen schlagen in erhobenem Verein,
soll in Taten und in Sagen Eidestreu das Höchste sein.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Freude sei noch im Erliegen, Friedensfest: Olympia.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Olympia! Olympia! Olympia!“

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Straßenschmuck Unter den Linden

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11422693_10153081993892982_1332758993_nDampferfahrt

11328939_10153081993862982_1826156199_nPolizei Unter den Linden

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Mehr Polizei mit “Grüner Minna”

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Der Reisepass von Paul und Charlotte.

11420056_10153081993762982_1223139744_nNeptun-Brunnen vor den Stadtschloss

Heinrich Mann ist bei weitem nicht der Einzige, der einen Boykott der Spiele forderte. Besonders in den USA, wo man die Verfolgung der deutschen Juden mit viel Sorge sieht, fällt die Entscheidung, doch nach Berlin zu fahren, nur knapp aus. Schließlich ist die Sowjet-Union das einzige Land, das boykottiert und das Kalkül der braunen Herren geht auf. Sie haben drei weitere Jahre Zeit, vom Ausland unbehelligt,Verbrechen zu begehen und einen beispiellosen Angriffskrieg vorzubereiten.

Noch heute heißt das im Stil des Nationalsozialismus gebaute Stadion, wie selbstverständlich, Olympiastadion. Der Autor und Schauspieler Hanns Zischler macht in seinem 2013 erschienenen Buch “Berlin ist zu groß für Berlin” einen interessanten Vorschlag. Warum sollte man die Sportstätte nicht in “Jesse-Owens-Stadion” umbenennen?*

M.K.

*http://www.taz.de/1/berlin/tazplan-kultur/artikel/?dig=2013%2F03%2F16%2Fa0246&cHash=e93e807698bd3532ff021214a721193b

Foto Olympiaglocke: Bundesarchiv Koblenz ©Creative Commons

Alle anderen Fotos: Paul Springer ©M.Kluge, Nachdruck mit Quellenangabe.

https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_des_Gedenkens_an_die_Opfer_des_Nationalsozialismus

Berlinische Leben – “Achterbahn und heiteres Beruferaten” / “Mein” Offener Kanal Berlin – Teil Eins / 1985-88

1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Das ich Teil davon sein werde, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Ich bin 30 und hatte noch nie eine “richtige” Arbeit, also nie fulltime gearbeitet und nie rentenversichert. Ich hatte mich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen, nachdem ich Anfang 1970 vom Gymnasium verwiesen wurde, weil man Härte gegen einen politischen Rädelsführer demonstrieren wollte. Ich war bei weitem nicht der Einzige, beispielsweise meinem Schulfreund Burkhardt, dem späteren “Zensor” ging es genauso. Der rappelte sich wieder auf, er begann selbstgemachte Kerzen am Kudamm zu verkaufen und erfand sich dann als “Plattenguru” neu. Ich war nicht so flexibel. Ohne Abi und Studium machte eine Karriere keinen Sinn für mich. Ich war auch irgendwie eingeschnappt oder blockiert. Ich versuchte es probeweise als Tankwart, Babysitter, Altenpfleger, Werbetexter, Verkäufer und Journalist, ohne das mir dieses “Was bin ich?”-Spiel Spaß machte und ohne überzeugenden Erfolg in einer dieser Professionen.

1985, zwei Tage vor Beginn der Funkausstellung wird am 28. September in 218000 Haushalten ein zusätzliches Angebot, bestehend aus 12 TV-Sendern, freigeschaltet. Neben öffentlich-rechtlichen Sendern, wie WDR oder dem Bayerischen Fernsehen sind erstmals auch private Sender am Start, allen voran RTLplus und SAT.1. Ich ahne nichts Gutes, besonders was die Privaten angeht. Außerdem will man in Berlin einen frei zugänglichen Bürgersender ausprobieren, den Offenen Kanal Berlin. Dieses “demokratische Feigenblatt”, so sehen es Medienkritiker, wird mein Leben für fast zwei Jahrzehnte verändern und bestimmen.

Am 28. August 1985 wird auch der Offene Kanal Berlin eröffnet und etwas später macht mich Frank darauf aufmerksam, dass man dort Produktionsmittel für Videoprojekte kostenlos ausleihen kann. Einzige Bedingung ist, die fertigen Produktionen auch dort ausstrahlen zu lassen. Damals gab es außer Super8, was mich nie gereizt hat, noch keine preiswerten Kameras. Videocamcorder waren für Amateure kaum bezahlbar, so das diese Möglichkeit mich sofort begeisterte. Und da wir mit einem Fernsehsender kooperieren wollten, erschien es mir logisch auch ein Fernsehformat zu erfinden. Mit Herbert zusammen hatten wir ja schon in unseren Hörspielen das Detektivthema aufgegriffen. Mein Pseudonym Sherlock war kein Zufall, sondern “Programm”. Also beginnen Herbert und ich eine Detektivserie zu schreiben, eine wüste, anarchische Parodie. “Bum Bum Peng Peng” handelt von einem eingebildeten Detektiv namens Bernhard Bernhard und seinem kindischen, tennisverrückten Assistenten Bum Bum Boris. Die Rolle des Bösewichts schreibe ich mir selbst auf den Leib, er heißt Hendrik Marinus van Loon, der “Eierkaiser”. Es war die Zeit der Lebensmittelskandale, Birkels hochgeschätzte Eiernudeln waren eben wegen verseuchtem Flüssigeis ins Gerede gekommen. Meine Gehilfen, “Cash & Carry”, werden von einem befreundeten, schwergewichtigem Biker und dem Musiker und Hörspielautor Caspar Abocab verkörpert.

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Auch sonst tut sich etwas in meinem Leben. Es ist eine Zeit des Umbruchs, ich spüre das ich unzufrieden bin. Seit fast sieben Jahren bin ich mit meiner Freundin Ute in einer wechselhaften Beziehung. Ende 1985 werde ich krank. Es geht abwärts. Ich fühle mich wie ein alter Opa, habe Schmerzen und liege wochenlang im Bett, weil mir jede Kraft fehlt. Mein Arzt murmelt etwas von einem Infekt, den mein Körper nicht abwehren kann. Mit Ute gab es wieder Streit, wir haben uns zwei Monate nicht gesprochen. Ich bin abgebrannt und es fehlen Kohlen, um die Bude zu heizen. Einen Tag vor Weihnachten liege ich frierend im Bett und sehe Tarkowskys Film “Der Spiegel”. Da ruft mich Ute an, wir reden zwei Stunden miteinander, wir beschließen wieder zusammen zu ziehen und es diesmal richtig zu machen. “The Full Monty”, in unserem Fall: wir werden heiraten. Es geht wieder aufwärts.
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Im Frühjahr 1986 drehen wir mit Herbert, Frank und vielen weiteren Freunden und Bekannten den Pilotfilm von “Bum Bum Peng Peng”. Wir leihen uns beim OKB eine Videokamera mit U-Matic-Porti aus, ein semiprofessionelles Format mit dreiviertel Zoll-Band, mit dem man sehr gute Ergebnisse erzielen konnte. Ein paar Jane-Beams mit Stativen besorgen wir uns, um die Szenenbilder auszuleuchten. Nachdem der 30 Minuten lange Beitrag im Kabelfernsehen gezeigt wird, bekommen wir gutes Feedback und ich schreibe eine erste Staffel “Bum Bum Peng Peng”, die aus drei Episoden bestehen soll.

Gleichzeitig bin ich auf Jobsuche. Den Minijob in einem Buchladen habe ich nach fünf Jahren verloren, nachdem ich einen etwas kleingeratenen Chef aus Wessiland “Gartenzwerg” nannte. Ich schreibe über 70 Bewerbungen, besonders interessiert mich etwas im öffentlichen Dienst. Es ist wie ein mehr oder weniger heiteres Beruferaten, ich frage mich bei jedem Angebot, wäre ich bereit diesen Job zu machen? Ehrlich müsste ich sagen, nee, nicht wirklich, aber ich bin in einer Zwangslage und langsam werde ich mürbe. Am Ende bewerbe ich mich für wirklich jeden Job. Zum ersten Mal denke ich an meine Rente, ohne Zusatzversicherung würde ich im Alter aufs Sozialamt gehen müssen. Ich trete zu Bewerbungsgesprächen an, aber ich passe in keine Schublade, die die Chefs, denen ich mich vorstelle, so im Kopf haben.
Am 1. Juni ist Drehbeginn für die Fortsetzung der Krimiserie. Der Stab und die Schauspieler haben sich freigenommen, alle werden ohne Gage arbeiten, ich will Regie führen. Eine Woche vorher bekomme ich Post von der Hochschule der Künste. (Heute UdK) Sie wollen mich unbefristet, in Vollzeit und im Schichtdienst als Pförtner beschäftigen. Der Gedanke als Pförtner zu arbeiten ist mir sehr unbehaglich. Ich tröste mich damit, das ich als Kartenabreißer auf Konzerten etwas ähnliches tat und das das Umfeld einer Kunstuni vielleicht ganz spannend ist.
Die Arbeit ist einfach, doch meine Sozialphobie macht mir zu schaffen. Unter den ausschließlich männlichen Berlinern, die meine Kollegen sind, bin ich ein unpassender Fremdkörper und das zeigt man mir auch. Zu allem Übel ist einer der Pförtner ein echter Nazi. Ein hochintelligenter Choleriker, anders als die stumpfen Nazi-Skins, die mir bisher über den Weg gelaufen sind. Schulz ist früher Kranführer gewesen, aber nachdem er betrunken aus seinem “Führer”-Häuschen gefallen ist, schwerbehindert. Obwohl der Mann fast täglich vor Studenten die Auschwitzlüge verbreitet, gilt er als unkündbar, wegen seiner kaputten Beine. Die linken Professoren, die ich anspreche, erklären mir sie könnten als Beamte nicht eingreifen, weil der Mann “Lohnempfänger” sei, was im Unijargon für Arbeiter steht.
Der Schichtdienst ist auch nicht ohne, bis Mitternacht arbeiten und zwei Tage danach um halb sechs morgens anfangen. Jede zweite Woche darf ich auch am Sonnabend antreten.
Durch die Arbeit kann ich bei den meisten Szenen nicht Regie führen, sogar in meiner Rolle als Eierkaiser werde ich gedoubelt. Frank übernimmt die Regie, macht das ganz ordentlich, aber vieles steht nicht im Script und was ich nur im Kopf habe, wird nicht umgesetzt.
Sechs Wochen später, am 10. Juli 1986 heiraten Ute und ich im Rathaus Schöneberg.
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In den nun folgenden zwei Jahren mache ich mehrere Dutzend Sendungen für den OKB. Ich bin in meinem Element, ich probiere Satire, Kabarett und auch ernsthafte Talkshows und Magazinsendungen aus. Mit Volker Hauptvogel drehe ich im Pinguin-Club eine Reihe Film-Clips, ich parodiere Kohl und verteidige mit Hitlerbärtchen Uwe Barschel*, den man eben tot in einem Genfer Luxushotel gefunden hat. Allerdings fühle ich mich nirgendwo mehr zu Hause, es gibt keinen Ort mehr an dem ich mich wohlfühle und an dem ich mich entspannen kann. Ich werde immer depressiver und gestresster, ich bin wohl doch nicht für die Ehe gemacht. 1988 ich ziehe aus und damit einen Schlussstrich.
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Wie so häufig im Leben liegen Tragik und Glück eng nebeneinander. Bei meiner Trauer über das Scheitern der Ehe, für das ich mir die Schuld gebe, bekomme ich ein Angebot. Nach steiler Abwärtsfahrt sehe ich wieder den Himmel. Nachdem ich immer davon geträumt habe, Film oder Fernsehen professionell zu betreiben, wohl wissend das meine formale Qualifikation dafür nicht ausreicht, fällt mir ein Angebot in den Schoß. Im Offenen Kanal Berlin, wo ich seit zwei Jahren als unbezahlter und ungerufener “Nutzer” Programme produziere, ist eine Stelle frei. Meine Freunde Anette und Frank, die beide dort festangestellt sind, berichten mir davon. Es geht um die Disposition, den Knotenpunkt im Sender, an dem sämtliche Produktionen und Sendungen terminiert werden und an dem neue Nutzer aufgenommen werden und ihre erste Beratung bekommen. Für die Nutzung braucht man nur gültige Papiere, andere Vorbedingungen gibt es nicht und außerdem ist alles kostenlos. Die Aufgabe diesen Sender zu organisieren und zu verwalten scheint mir ungeheuer reizvoll und ebenso gewaltig. Auffällig ist jedenfalls, dass es noch keinen Interessenten gibt, der den Job ernsthaft haben möchte.
Ich spreche mit Anette, die den OKB aufgebaut und geleitet hat, bis die Medienanstalt einen Leiter installiert hat. Sie erklärt mir die Aufgabe, weist darauf hin, dass es darum geht, bürokratische Normen umzusetzen und das es dabei keinerlei kreative Spielräume gibt. Sie signalisiert auch Vertrauen, dass ich die Aufgabe bewältigen könne, hat aber einen Vorbehalt. Als Freundin gibt sie zu Bedenken, ich könne meine Talente, das Schreiben, Spielen und das Inszenieren nicht mehr ausüben. Nicht im Job und auch nicht nebenbei, weil ich ersteinmal keine Zeit und Kraft hätte, etwas anderes zu machen. Und sie befürchtet, dass ich dabei Schaden nehmen könnte. Sie hatte Recht, ich nahm Schaden, nur dauerte es viele Jahre, bis ich es merkte. Und als ich es dann merkte, war es zu spät um das Ruder noch herum zu reissen. Ich hätte mir wohl nie verziehen, die Chance auszuschlagen, im Februar 1988 bewerbe ich mich um die Vollzeit-Stelle “Disposition OKB”.
Die Vorteile überwiegen in meinen Augen, mir schien die Stelle eine Art Traumjob zu sein. Allerdings war ich eher skeptisch, dass meine Bewerbung Erfolg haben würde. Normalerweise stellt der Sender studierte Kandidaten ein. Außerdem war meine berufliche Vita mehr oder weniger nicht existent, da ich zehn Jahre lang von Hilfsjobs und ein wenig Schreiberei gelebt hatte. Dazu kam, dass mir der neu installierte Leiter des OKB nicht gerade sympathisch war. Ich hielt J.L. sogar für eine absolute Fehlbesetzung.
Das erste Mal hatte ich J.L. Während der Funkausstellung 1987 bei einer Diskussion über die Zukunft des Berliner Bürgersenders beobachtet, in der er eine sehr schlechte Figur machte. Später wurde er zu einem aufrechten Lobbyisten für die Sache des Bürgerfunks, aber damals hielt ich ihn für fehl am Platz. Ich hätte es für fair und für die Zukunft des Senders am förderlichsten gehalten, wenn Anette Fleming Leiterin geworden wäre, die beim Aufbau des OKB einen tollen Job gemacht hatte. Zusammen mit dem OKB waren ja auch die “Havelwelle” und die “Kabelvision” gestartet, mit denen der OK anfänglich die Frequenz teilte. Da beide Projekte desaströs scheiterten, wurde dem OKB mit Wirkung am 1. Januar 1986 die Frequenz allein übertragen, ein Erfolg der vor allem der Leistung von Anette Fleming zu verdanken war. Doch Anette war nicht interessiert eine Leitungsaufgabe zu übernehmen, sie zog es vor im Kontakt mit der Basis zu bleiben. Ohnehin war es eine politische Entscheidung und die Politiker hatten ein bißchen Angst, vor der von ihnen geschaffenen Kreatur des “freien Zugangs zu Radio und Fernsehen”. Da sollte ein gestandener Verwaltungsmensch als Leiter allzu großer Freizügigkeit bürokratische Fesseln anlegen.
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Ich habe es vielleicht nie im Leben zu wahrer Virtuosität gebracht, egal worin. Vielleicht bin ich zu streng mit mir, aber Tatsache ist und war, dass ich oft sprunghaft von einem Metier ins nächste sprang, wo Ausdauer und Beharrlichkeit besser gewesen wären. In einem war ich allerdings immer groß, wenn es darauf ankam, konnte ich stets einen guten Eindruck hinterlassen. Also saß ich vor dem Leiter des OKB und machte aus meinem Leben eine Erfolgsgeschichte, die gerade dazu geschaffen war von einer Tätigkeit als Dispositeur des Berliner Bürgerfunks gekrönt zu werden. Es kam mir zugute, dass J.L. gern Leute engagierte, die ein wenig unterqualifiziert waren.
Tatsächlich bekam ich die Stelle. Es war mir ein Vergnügen, meinem großspurigen Hausmeister-Chef mitzuteilen, dass ich, als Pförtner des neoklassizistischen Baus in der Bundesallee, nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Ich wurde zwar gewarnt, an einem 15. März eine neue Stelle anzutreten. Ich war aber sicher, mir würden die “Iden des März” zum Glückstag werden, anders als für Julius Ceasar, der diesen seinen Unglückstag nicht überlebte.

Also begann ich am 16. März im Offenen Kanal Berlin zu arbeiten. Mit Dr. Bismarck von der Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation hatte ich ausgemacht, dass ich für verbleibenden zwei Märzwochen pauschal 1000.- DM bekommen sollte. Ich bekam das schönste Büro, ein Eckbüro mit Sicht auf den Humboldt-Hain, schrieb Sendepläne und vergab Kameras, Schnittplätze, Hörfunk- und Fernseh-Studios. Welchen Sprung ich gemacht hatte, merkte ich als mich Burkhardt Seiler vom Zensor-Label besuchte. Sechs Jahre zuvor hatte ein Praktikum beim “Zensor”, in dessen legendären Plattenladen gemacht, ich stellte mich ziemlich blöd an, konnte kaum etwas und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.
Drei Jahre machte ich die Dispo für beide Sender, Hörfunk und Fernsehen. 1991 wechselte ich in den Produktions- und Sende-Betrieb.

Es war überwiegend so etwas wie ein Traumjob für mich, bis ich 2003 aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch werfen musste. Die letzten zwei Jahre waren traurig, ich hatte ständig Rückenschmerzen, kämpfte mit Depressionen und hatte den Eindruck nicht mehr richtig schlafen zu können. Trotzdem hätte ich den Absprung allein nicht geschafft. Ich hatte das Glück an eine kluge Ärztin zu geraten, die mir den Ausstieg nahelegte. Schon lange merkte ich, dass meine Leistungsfähigkeit nachließ. Um mich zu motivieren gab mein Chef mir Aufgaben für die On-Air-Promotion des Senders. Ich durfte wieder on-air gehen, Interviews drehen. Ich bespielte eine Nachtsendeschiene, für “Werkschau” hatte ich über 80 Stunden Sendezeit pro Woche zu füllen. Mit meinem talentierten Kollegen Juan Aballé drehte ich einen schönen Trailer dafür. Juan hatte bei Kamera und Schnitt hervorragende Arbeit gemacht. Beim Screening klopften mir die Kollegen auf die Schulter, aber innen drin war ich unzufrieden mit meiner Leistung vor der Kamera. Ich merkte, mir fehlte Schwung, Leichtigkeit und Durchsetzungskraft. Im heißen Sommer 2003 war ich sieben Wochen in einer Reha-Klinik in Thüringen. Die Ärzte und Psychologen empfahlen eine Umschulung. Erneut spielte ich heiteres Beruferaten, diesmal mit meiner Reha-Beraterin, das Glücksrad blieb bei “Event Manager” stehen und ich lernte einen neuen Beruf. Ich konnte mich nicht bei meinen Kollegen vom OKB verabschieden. Ich brachte es nicht fertig, als “Gescheiterter” unter ihre Augen zu treten. Der Ausstieg war heftig für mich, ich habe jahrelang noch Albträume davon gehabt. Erst jetzt, zehn Jahre später, habe den nötigen Abstand, um diesen zweitschwersten Entschluss meines Lebens, schreibend zu verarbeiten.
Übrigens, den Offenen Kanal Berlin gibt es noch, er nennt sich jetzt Alex**, befindet sich aber immer noch im Wedding in der Voltastraße 5 und sendet im Kabelnetz. Einige meiner großartigen Kollegen arbeiten immer noch da, z.B. Karin, Mischka oder Frank. Andere ebenso feine Ex-Mitarbeiter haben es, wie ich, vorgezogen weiterzuziehen, wie etwa Anette, Dirk und Wobser, an dessen “Ausstieg” ich mich noch deutlich erinnere, obwohl er fast 20 Jahre her ist. Wobser machte Urlaub auf einer griechischen Insel, als ihn die Erkenntnis traf, er brauche Veränderung in seinem Leben. Er flog einfach nicht zurück, schlief eine zeitlang am Strand. Irgendwann lernte er eine englische Touristin kennen, verliebte sich und flog mit ihr nach Groß-Britannien, wo er immer noch glücklich lebt, allerdings mit einer anderen Frau.

Die Fortsetzung dieser Geschichte findet man hier:  http://wp.me/p3UMZB-1hR

“Nackte, Nazis, Nervensägen” erzählt von den skurrilen Nutzern des OKB und ihren schrägsten Sendungen und der merkwürdig verzerrten Wahrnehmung des Senders durch die Berliner Medien.

– Marcus Kluge –

Die Illustrationen sind teilweise der Studie “Mach dein eigenes Programm”, aus dem Jahre 1989, von Hans-Joachim Schulte entnommen.

*Meine “schrägste”, die Barschel-Sendung:
https://marcuskluge.wordpress.com/2014/02/24/er-tat-nur-seine-pflicht/

**Alex OKB:
http://www.alex-berlin.de/

Berlinische Leben – “Helden” / Ein Hügel voller Narren Kapitel Sieben / von Marcus Kluge

David Bowie has left the building. Now he rocks another stage. We’ll never forget him.

Die erste Nachricht, die ich heute morgen wahrnahm, war der Tod von David Bowie. Traurig, fast schmerzhaft ist der Verlust. Ich war früh Fan von ihm, habe aber erst Jahre später verstanden, wieviel Tiefgang und Bedeutung seine Kunstfiguren hatten. Er war weit mehr als ein Musiker. Eher ein Konzeptartist, der Musik, Kostüm, Bühnenpräsenz, Film und sogar die Selbstpromotion zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen konnte.

Zur Erinnerung an ihn reblogge ich das Helden-Kapitel aus “Ein Hügel voller Narren”.

-(Was bisher geschah: Oktober 1981. Roberto kommt nach zwei Jahren Knast in Kanada zurück in ein ihm fremdes West-Berlin. Die Stadt ist polarisiert, auf der einen Seite stehen Politik, Polizei und Spießbürger, auf der anderen Hausbesetzer, Punks und ihre Unterstützer. Mit Klaus-Jürgen Rattay ist bereits ein Hausbesetzer getötet worden. Roberto versteckt sich in meinem Büro, er hat Schulden bei ein paar Gangstern. Roberto glaubt seinen Freund Ari gesehen zu haben, doch Ari soll sich umgebracht haben. Ich versuche mich als Autor und habe einen Psychiater konsultiert, weil ich unter Panikattacken und Schreibhemmungen leide. Der Arzt, Professor Philippus, behandelt auch einen geheimnisvollen Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Wer ist dieser August Deter?)

Es war relativ lange warm gewesen und der Herbst ließ sich Zeit. Doch dann waren die Blätter innerhalb weniger Tage braun geworden und gefallen. Morgens war es empfindlich kühl und das leidige Heizen des Kohleofens begann. Das auch viele andere noch Kohleöfen hatten, merkte ich an meinem Asthma, die schmutzige Braunkohle, die zumeist verheizt wurde, nahm mir wie jeden Herbst die Luft weg. Das hatte angefangen, als ich ein kleines Kind war und war seitdem nicht besser geworden.
Von der Rattay-Sache hörte man in den offiziellen Medien wenig, nachdem der Versuch Rattay zum Kriminellen hochzustilisieren gescheitert war, versuchte man den Todesfall nun totzuschweigen. Es hatte sich ein unabhängiger Untersuchungsausschuss gebildet und es zeigte sich, dass viele Zeugen gesehen hatten, wie der Busfahrer in voller Absicht auf Rattay losgefahren war. Trotzdem schien nichts zu passieren, von den über 60 Zeugen vernahm die Polizei nur wenige. Es würde im Sande verlaufen, dafür würden, der nach außen weltoffen und liberal wirkende Bürgermeister von Weizäcker und sein Haudrauf-Innensenator Lummer schon sorgen. Polizei und Justiz waren in West-Berlin nicht unabhängig, dazu war der Filz zu dicht und zu weitreichend.
Das es in Deutschland auch noch eine außerparlamentarische Opposition gab, zeigte die Friedensdemo in Bonn. 300 000 Menschen waren in die kleine provisorische Hauptstadt am Rhein gekommen, um gegen die weitere Aufrüstung mit Massenvernichtungswaffen zu demonstrieren.
Roberto wohnte immer noch in meinem Büro, er verdiente viel Geld mit windigen Ost-West-Geschäften, die Pistaziengang hielt still und ich schob das Schreiben Tag für Tag vor mir her, bis Rittlin anrief und Druck machte.

Ich spannte einen jungfräulichen Bogen Papier in die Schreibmaschine und begann nachzudenken. Welchen der drei Filme sollte ich mir zuerst vornehmen? “Die Kinder vom Bahnhof Zoo”, “Mephisto” oder “Das Kabinett des Dorktor Caligari”? Der erste war schwierig, weil ich das Buch nicht mochte und der letzte war einfach, weil ich Dr. Caligari liebte und gut kannte. Am besten ich finge mit Mephisto an, das war mittelschwierig. Ich suchte nach einer Überschrift. “Der verbotene Roman von Klaus Mann endlich verfilmt”. Ich schaute mir mein Werk an und stellte fest: viel zu lang für eine Überschrift. Ich riss den Bogen aus der Maschine, zerknüllte ihn und warf ihn in den Papierkorb. Der Papierball fiel daneben, weil der Papierkorb voll war, meine Katze begann danach zu jagen. Fasziniert betrachtete ich Pünktchen und begann mir ihr zu spielen. Nach fünf Minuten fiel mir ein, das ich arbeiten wollte. Ich spannte erneut einen frischen Bogen ein und dachte nach.
Es fiel mir jetzt gar nichts mehr ein, mein Hirn war wie leergefegt. Ich dachte an die Ratschläge, die ich in verschiedenen Büchern gefunden hatte. “Schaffen sie sich Rituale!”. Genau, ich kochte Kaffee, drehte eine Zigarette, für Filterzigaretten fehlte mir das Geld und dann legte ich noch eine Tüte Bonbons neben die Schreibmaschine.
Ich trank den Kaffee, rauchte, lutschte Bonbons, aber nichts passierte in meinem Kopf. Gar nichts. Vielleicht hilft ein Ablenkungsmanöver? Ich fing an in der Schreibtischschublade zu kramen. Ich las alte Kontoauszüge, Rechnungen, Lohnsteuerkarten, die ich nicht benutzt hatte. Immer noch nichts. Dann fiel mir Uschis Zettel in die Hand. Ich rief sie kurzerhand an.
“Hallo, der Marcus hier, erinnerst du dich?”
“Ja, klar. Gut das du anrufst. Also, ich hab die Sache nochmal durchdacht und mit meiner Freundin Gudrun drüber geredet. Du hattest schon recht und so.”
Ich war skeptisch: “Was meinst du denn mit, und SO?”
“Na, für dich musste das ja so aussehen, als ob ich dich über den Tisch ziehen wollte.”
“Eher ja übers Bett ziehen und ja, der Gedanke kam mir. Willst du unbedingt ein Kind und ist dir egal, wer der Vater ist?”
“Das stimmt wohl, ich will ein Kind und der Vater spielt nicht so eine große Rolle, außer das er gutaussehend und intelligent sein soll.”
“Und das bin ich, ja?”, langsam macht mir das Gespräch Spaß.
“Ja, das bist du offensichtlich. Also, es tut mir Leid, wenn du dich benutzt fühltst. Als Wiedergutmachung wollte ich dich auf eine Party einladen, die wir am Wochenende hier geben.”
“Wo ist denn hier? Ich fahr nicht in alle Bezirke. Ich hoffe du wohnst in einem ordentlichen Bezirk!”, natürlich verarschte ich sie, das hatte sie verdient.
“Ich weiß nicht, Neukölln?”
“Oh je, das wird wohl nichts. Neukölln!”
Ich zierte mich ein bißchen und lies mich einladen. Danach klappte es endlich auch mit dem Schreiben. Ich kam gut voran. Mephisto fiel mir leicht, ich hatte das Gefühl es wäre “knackig”. Caligari war auch kein Problem. Ich las nochmal in der Filmliteratur nach, lobte die Athmosphäre, die expressionistische Gestaltung, ich verkaufte einen cineastischen Leckerbissen. Dann kamen “Die Kinder vom Bahnhof Zoo”. Ich hatte den Kolportage-Roman immer verabscheut. Seine Gossen-Romantik machte Heroin für Teenager noch verführerischer, dachte ich. Außerdem hätte ich es lieber gesehen, wenn Roland Klick den Film mit Laien aus der Drogenszene gedreht hätte. Er war ja auf dem besten Weg dazu. Doch sein politischer Ansatz gefiel den Produzenten nicht und das Tag und Nacht Junkies in den Produktionsräumen herumhingen, oder sogar dort wohnten, gefiel ihnen noch weniger. Klick wurde ausgebootet und Uli Edel machte einen glatten, kommerziellen Streifen daraus. Ich drückte mich ziemlich vorsichtig aus, trotzdem konnte ich meine Kritik nicht verschweigen. Mit dem Ergebnis war ich zufrieden. Die drei Texte trippte ich nochmal sauber ab. Mitten im Mephisto klopfte es an meine Tür. Ein Postbote fragte mich:
“Kennen sie einen Marcus?”
Ich nickte und zeigte auf mich selbst. Der Bote fragte weiter:
“Wohnt hier ein Robert Oderberger?”
Ich wollte die Tür schon zuknallen, als mir bewusst wurde, das er Roberto meinte:
“Ja, das ist richtig.”
Der Bote schaute mich schief an, schien nachzudenken, dann gab er mir ein Telegramm. “An Robert Oderberger c/o Marcus ?, Rheinstraße 14, 1 Berlin 41.”
“dein vater liegt im albrecht-achilles-kh stop wenn du ihn nochmal sehen willst solltest du dich beeilen stop mutter stop”
Das war heftig, als ob Roberto nicht schon genug um die Ohren hatte, jetzt auch das noch. Ich ging zu REAL, kaufte sechs Dosen Hansa-Pils, zu mehr reichte mein Geld nicht und begann auf Roberto zu warten.

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(Berlin Wall Potsdamer Platz November 1975 looking east. CC BY-SA 2.0 Edward Valachovic)

Währenddessen in der Praxis von Professor Amon Philippus in der Uhlandstraße. Der Professor war etwas ratlos, was seinen neuen Patienten betraf. Er wurde nicht schlau aus diesem August Deter, schon der Name war mysteriös.
Und seine Aussage in der Gruppe, er hätte sozusagen sich selbst verloren, kam ihm auch seltsam bekannt vor. Als ob sich jemand diese Figur ausgedacht hätte? Irgendetwas störte ihn bei Deter, für das die Sonnenbrille nur ein Symbol war, sollte er möglicherweise eine Gegenübertragung entwickeln? Deter war ein Rätsel. Eine so weitgehende, retrograde Amnesie war zudem äußerst selten. Trotzdem blieb er seinen Grundsätzen treu und glaubte dem Patienten erst einmal. Aber er musste unbedingt mehr erfahren, vielleicht war dieser Deter der eine besondere Patient, an dem er Philippus, einen völlig neuen Aspekt der Psychiatrie erkennen und studieren könnte, um sich damit in die Annalen der Wissenschaft einzuschreiben. Professor Philippus war zwar ein anerkannter Fachmann, beispielsweise auf dem Gebiet der Traumabehandlung, er hatte einen Lehrstuhl, doch die große internationale Anerkennung war ihm bisher versagt geblieben. Er hatte wohl auch zu wenig veröffentlicht.
Wieder trug Deter die Pilotenbrille, aber diesmal braucht der Professor nichts zu sagen, nachdem Deter Platz genommen hatte, steckte dieser seine Augengläser in die Seitentasche seiner Lederjacke. Arzt und Patient saßen sich nun entspannt gegenüber und Philippus ergriff das Wort:
“Wie geht es ihnen heute, Herr Deter?”
“Eigentlich ganz gut. Es gibt Momente, da fühle ich mich, als ob ich hier in Berlin Urlaub machen würde. Vorhin saß ich im Café Kranzler, wie ein Tourist trank ich eine Weiße und dachte, das Leben sei gar nicht so schlecht. Aber gleich kam dann erneut die Frage, wer ich eigentlich bin und was ich hier verloren habe.”
“Wieso sind sie denn nach Berlin gekommen?”
“Ich hatte so ein Gefühl, hier würde ich mehr über mich erfahren und
einen Freund treffen. Außerdem hatte ich einen Zettel in der Tasche, das einzige was man nach dem Unfall bei mir gefunden hat. Auf dem Zettel stand die Adresse einer Pension in Berlin. Da wohne ich jetzt. Pension Birth in der Rankestraße.”
“Haben sie diesen Mägdelein-Zettel dabei?”, fragte der Doktor.
Deter griff in seine Brieftasche und reichte Philippus einen kleinen, schmuddligen Zettel. Darauf stand mit Bleistift in Druckbuchstaben nur der Name und die Adresse der Pension Birth. “Birth”, das englische Wort für Geburt, merkwürdig, dachte Philippus. Doch dann riss er sich von diesem Gedanken fort und gab den Zettel zurück.
“Und einem Unfall ist ihr Gedächtnis verloren gegangen.”, stellt Philippus fest.
Deter nickte und erläuterte:
“Ja, aber ich kann mich kaum erinnern, auch die Zeit in der Klinik liegt zum Teil im Dunkeln. Wegen der Kopfverletzung hat man mich erstmal in eine künstliches Koma versetzt. Als sie mich wieder weckten, war ich immer noch sehr benommen. Man hatte mir den Kopf rasiert und ich hatte Pflaster auf der Schädeldecke. Zweimal am Tag kam ein Krankenpfleger und brachte mich in einen Behandlungsraum. Ich bekam eine Spritze, schlief ein und wurde ich in so einer merkwürdigen Maschine behandelt, die “Sieger-Maschine”, nannten sie die. Da habe ich Elekroschocks bekommen. Aber die Chefärztin meinte sie hätte diese Therapie weiterentwickelt, indem bestimmte Hirnregionen durch Elektroden angeregt werden, zum Beispiel der Hippo …, irgendwas mit Hippo?”
“Hippocampus wahrscheinlich. Die Region sieht ein wenig wie Seepferdchen aus, daher die Bezeichnung. Der Hippocampus ist für die Gedächtniskonsolidierung zuständig.”
“Die Chefärztin räumte ein, das dabei das Mittel- und Langzeit-Gedächtnis geschädigt würde, aber statt dessen würden 100-fach neue Bahnungen gebildet. Das sei in meinem Fall unbedingt nötig, damit ich nicht weiter vergesslich bleibe.”
Professor Philippus schüttelte mit dem Kopf: “Das ist eine absolut experimentelle Behandlungsweise, wobei der Terminus Behandlungsweise auch zu bezweifeln ist. Eigentlich wird die Elektrokonvulsionstherapie seit Mitte der 70er Jahre in Europa gar nicht mehr angewendet. Weniger wegen ihrer gewalthaften Natur, viele Patienten haben ja Angst davor und das ist nie gut bei einer Therapie, sondern weil sie keine sichtbaren Erfolge zeitigt. Eine höchst seltsame Klinik, in die sie da geraten sind. Wie heißt den diese Kollegin, die da Chefärztin ist?”
“Ihr Name ist Hölderlein, Doktor Viktoria Hölderlein. Sie meinte, ich hätte ein schweres Trauma erlebt und es wäre nur gut, wenn ich die Erinnerung daran verlieren würde. Sie schwärmte geradezu von ihrer Erfindung. Es wäre, als sein ein Menschheitstraum wahr geworden. Man könne, unbelastet von einer Biografie, die von Verletzung und Erfolglosigkeit geprägt war, ganz neu starten. Als ich in der Klinik war, hörte sich das für mich plausibel und tröstlich an. Vielleicht lag das aber daran, dass sie mir Medikamente gegeben haben, die meine Laune verbessert haben. Die meiste Zeit schwebte ich dort, wie auf rosa Wölkchen, keine Ahnung, was die mir gegeben haben. Die Hölderlein nannte ihre Maschine “Sieger-Maschine”, weil jeder Patient danach wie ein Sieger durchs Leben gehen würde, meinte sie. Im Nachhinein kommt mir dieses Gerede ziemlich verrückt vor, so als ob die Frau selber in eine Klapsmühle gehörte.”

Philippus untersuchte Deters Kopf und fand tatsächlich kleine Narben:
“Das ist ja eine wilde Geschichte. Sie haben nicht Schriftliches von dieser Institution?”
“Ich kann mir vorstellen, wie sich das für sie anhört. Wahrscheinlich glauben sie, ich hätte mir das ausgedacht. Manchmal glaube ich das selber. Weil alles in einem grauen Nebel verschwimmt, wenn ich etwas festhalten will. Aber das Schlimmste ist, ich habe das Gefühl ein furchtbares Verbrechen begangen zu haben.”
“Was war das denn für ein Verbrechen, Herr Deter?”
“Eine Art Anschlag auf Menschen, eine Bombe glaube ich und irgendwie bin ich mit schuld daran. Es kommen mir jetzt auch öfter Erinnerungen hoch. Eigentlich hatte ich gehofft, dass das passiert. Nun habe ich eher Angst davor, weil ich fürchte, ich könnte eine böse Wahrheit über mich erfahren.”
“Lieber Herr Deter, ich fürchte man hat ihnen in dieser Klinik in verantwortungsloser Weise in ihrem Hirn herumgepfuscht. Hoffentlich fällt ihnen noch mehr dazu ein, dann muss man diese sogenannten Kollegen anzeigen. Und sonst werden wir mit ihren Erinnerungen arbeiten, sie brauchen da nicht allein durchzugehen. Neben mir haben sie ja auch noch die Gruppe. Außerdem werde ich ihnen angstlösendes Medikament aufschreiben und zusätzlich noch “Prager Wasser”, das regt das Gedächtnis an.”
Nein, er hatte keine Vorurteile gegen diesen Patienten, dachte der Doktor. Der Mann tat ihm ehrlich leid und er würde ihm helfen und herausbekommen, was hinter dieser rätselhaften Geschichte steckte.

David_Bowie_Meistersaal

(David Bowie Meistersaal Hansa-Tonstudios 1977 CC BY-SA 3.0)

Um 18 Uhr war Roberto immer noch nicht zurück. Ich machte das Radio an und hörte SF-Beat. Juliane Bartel moderierte, meine Lieblingsstimme im Radio. Bei ihr hatten selbst die Versprecher Klasse. Einmal hatte sie, als sie Off-Kudamm-Kinos sagen wollte, “Off-Keydamm-Kunos” daraus gemacht. Der Ausdruck war für mich zum geflügelten Wort geworden. Ich bezeichnete damit West-Berlin-Touristen, die mit dem Stadtplan in der Hand durch die Nebenschauplätze der “Frontstadt” irrten, und dabei einen ängstlichen und verwirrten Eindruck machten.
Juliane Bartel schlug, mithilfe des Stichworts “Helden”, einen Bogen von der Friedensdemonstration vor ein paar Tagen im Bonner Hofgarten, zum Film “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Sie teilte meine Meinung, der Streifen wäre spannender geworden, wenn Klick ihn mit Laien gemacht hätte. Aber auch das den entstandenen Streifen von Uli Edel lobte sie. Irrte ich mich in meinem Urteil? War ich voreingenommen? Immerhin hatte ich den Film nicht gesehen. Ach was, ein Vorurteil war auch ein Standpunkt! Ich ging in die Küche, holte mir ein neues Bier und drehte eine Zigarette. Jetzt spielten sie “Heroes” von Bowie, die englische Fassung.

“And we kissed,
as though nothing could fall
And the shame was on the other side
Oh we can beat them, for ever and ever
Then we could be Heroes,
just for one day.”

Bowie hatte das Stück im Sommer 77 im Berliner Hansa-Studio aufgenommen. Wenn man vom Mischpult aus aus dem Fenster blickte, konnte man die Mauer und einen Wachturm sehen. Im Schatten der Mauer traf sich regelmäßig ein Liebespaar, daher hatte Bowie die Idee zu “Helden”.
Ich hatte Bowie nur einmal gesehen in seiner Berliner Zeit. Es war morgens um halb fünf in einem Klub in Charlottenburg, der DNC hieß, Damaschke-Nachtclub. Der Laden war fast leer, ich hatte es nicht geschafft rechtzeitig zu gehen, ich hatte Liebeskummer und zuviel getrunken. Bowie kam in einem Trench-Coat mit hochgestelltem Kragen herein, er marschierte zielstrebig auf den Bartender zu. Ich musste daran denken, das Trench-Coats “Grabenmäntel” hießen, weil sie ursprünglich in den Schützengräben der ersten Weltkriegs getragen wurden. Bowie fragte etwas, der Barmann zeigte auf den Billardraum. Dort konnte ich beobachten wie Bowie mit einem Langhaarigen etwas austauschte, Geld gegen Koks nahm ich an. Das der Musiker in Berlin ein orgiastisches Leben führte, hatten mir Freunde erzählt. Und morgens um fünf geht man nicht los um Downer oder Grass zu kaufen, nur Koks machte Sinn, zum weiterfeiern oder irgendeinen Termin am Morgen abzuarbeiten, ohne dass man geschlafen hatte. Ich folgte Bowie nach draußen und sah noch, wie er in ein wartendes Taxi stieg, während ich mich aufmachte zur Haltestelle des Vierer-Nachtbusses zu laufen.

Es klopfte an meine Tür in der Rheinstraße, ich ließ meinen Freund ein. Roberto begann sofort mir eine Anekdote von Puvogel zu erzählen und ich hatte Schwierigkeiten ihn zu stoppen, um ihm die Nachricht über seinen Vater zu übermitteln. Dann las er das Telegramm von seiner Mutter, ich merkte ihm keinerlei Rührung an. Ich bot ihm einen Stuhl an und holte ein Bier für ihn. Er saß da, stumm und irgendwie verloren, ich fragte ihn:
“Soll ich mitkommen, Roberto?”
Er nickte. Nachdem wir eine Zigarette gemeinsam geraucht hatten, ging er hinüber ins Büro und zog sich seinen hellblauen Anzug an, sogar eine Krawatte hatte er umgebunden. Sie war weinrot, mit einem gelben Charly Brown darauf. Eine halbe Stunde später saßen wir im Taxi, im Gegensatz zu mir hatte er, seit er für Puvogel Konterbande transportierte, immer Geld in der Tasche. Beim Pförtner fragten wir nach dem Zimmer von Herrn Oderberger, der Uniformierte teilte uns mit, dass die Besuchszeit gleich vorbei sei, schließlich verriet er uns aber doch, wo wir hinmussten. Vor dem Krankenzimmer stand Robertos bleiche, übermüdet aussehende Mutter. Caro, Robertos Schwester war beim Vater und wir beschlossen, dass Roberto und ich sie ablösten. Robertos Vater sah alt aus, viel älter als Anfang 70, das Gesicht ähnelte bereits einem Totenschädel und seine Stimme war schwach und brüchig. Der Krebs hatte seine Reserven aufgezehrt und das Terrain für Bruder Hein vorbereitet. Er schien sich sehr über Robertos Besuch zu freuen und mich begrüsste er auch sehr freundlich, ich war ja oft in der kleinen Wohnung in der Pfalzburger Straße gewesen, als wir einen Übungsraum im Keller unter dem Uhrenladen hatten. Roberto setzte sich auf die Bettkante und ich ein paar Meter weiter auf einen Stuhl. Der andere alte Mann, der noch in dem Zimmer lag, schlief.
“Ich schätze es geht nicht mehr lange mit mir und würde dir gern noch was sagen, bevor ich hier verschwinde. Dein Freund kann ruhig mithören.”
Roberto unterbrach seinen Vater:
“Sollest du dich nicht lieber schonen, Papa.”
Der Vater schüttelte den Kopf:
“Nee, das muss jetzt sein. Ich habe dir das nie gesagt, Robert, oder wegen meiner, Roberto, wenn dir das lieber ist. Aber ich war immer stolz auf dich. Als du in Indien deine Pension aufgebaut hast, vielleicht war das kein großes Geschäft, eher sowas wie mein Uhrenladen, doch du hast das allein geschafft und ich fand das toll.”
Robertos Vater machte eine Pause. Ich holte ein Glas Wasser, Roberto gab ihm zu trinken:
“Papa, das strengt dich doch zu sehr an, das kannst du mir später noch sagen.”
“Nein, nein, das muss ich jetzt sagen. Glaub mir, ich weiß das. Eins noch, die Leica. Ich hätte sie damals Legrand abschwatzen sollen, aber ich konnte nicht. Sie ist wertvoll. Wertvoller als Legrand weiß. Caro und du hättet einen besseren Start ins Leben gehabt, es war ein Fehler, es tut mir leid.”
Er musste eine Pause machen, das Sprechen strengte ihn sehr an, doch er war nicht davon abzuhalten, weiter zu sprechen:
“Du weißt ja dass ich in der Berliner Ghetto-Gruppe war, 1943 hat mich die Gestapo festgenommen und sie haben mich sechs Wochen im Keller der Prinz-Albrecht-Straße eingepfercht. Ein SS-Offizier hatte meine Leica für sich behalten. Ich dachte ich sehe sie nie wieder. Na ja, du kannst dir vorstellen, was die Gestapo mit mir gemacht hat. Ich war fast froh, als ich in ein Lager gekommen bin. Dort habe ich eben jenen Offizier wiedergetroffen. Das Lager war in der Nähe von Pressburg und der Offizier, er hieß Altmann, hat mir befohlen mit der Kamera das Lagerleben zu dokumentieren. Es war schlimm, das Schlimmste, was ich je machen musste. Heute denke ich, es wäre besser gewesen, mich umbringen zu lassen. Aber ich habe an meinem Leben gehangen, deshalb habe ich diese Arbeit gemacht und deshalb wollte ich die Leica nicht zurückhaben. Ich hätte sie am liebsten gar nicht mehr angefasst.”
Herr Oderberger zeigte auf den Nachttisch, Roberto griff hinein und holte einen Umschlag heraus. Es war ein alter DIN-A5 Umschlag aus gräulich-verblichenem Natronpapier.
“Den sollst du haben, Roberto, da steht drin, was ich erlebt habe. Eigentlich gehört die Leica Caro und dir und …”
Er beugte sich vor und flüsterte:
“Es keine normale Schraub-Leica III, es ist eine Leica IV, ein Apparat, der nie in Serie gegangen ist. Es gab nur wenige Prototypen. Wahrscheinlich ist es die einzige, die es noch gibt. Sie ist sehr, sehr wertvoll.”
Oderberger war am Ende seiner Kräfte, er sagte nun nichts mehr. Roberto küsste ihn auf die Stirn und hielt seine Hand. Ich verlies das Krankenzimmer ohne mich zu verabschieden und wartete auf dem Flur. Eine halbe Stunde später kam Roberto heraus und nickte. Sein Vater war gestorben. Wir sprachen noch kurz mit Caro und Robertos Mutter, aber ich habe keine Ahnung, was dabei gesagt wurde. Mir war, als hätte mir jemand mit einem Brett auf den Kopf geschlagen. Ich fühlte mich heillos überfordert, Frau Oderberger fragte mich, ob ich den Toten noch einmal sehen möchte, ich schüttelte nur den Kopf. Wie mochte sich Roberto fühlen, wenn schon ich so durch den Wind war? Wir schafften es uns zu verabschieden und als wir vor dem Eingang der Klinik gierig Luft einsogen, fiel unser Blick fast synchron nach rechts, wo 50 Meter weiter, am Kudamm der Athenergrill lag. Wir nickten uns zu und stolperten in Richtung Athenergrill los.
Ohne ein Wort zu sprechen liefen wir auf den Getränke-Tresen zu. Kurz bevor wir ihn erreichten, fiel mir ein, das wir ja erst an der Kasse vorn bezahlen mussten. Dieses System war unumgänglich, die Tresenkräfte zapften erst dann Bier, wenn man ihnen einen Bon vorlegte. Roberto übernahm das Zahlen und bestellte Bier und Ouzo, weil es keine doppelten Ouzos gab, eben vier kleine. Mit unseren Getränken setzten wir uns in die letzte hinterste Ecke.
Ich musste an Beaky denken, unseren gemeinsamen Schulfreund, der 1973 an einer Überdosis Heroin gestorben war. Mit ihm hatte ich auch hier gesessen. Wir sprachen kurz über Beaky und sein kurzes, heftiges Leben. Aber ein anderes Thema stand im Raum und begehrte Aufmerksamkeit. Schließlich holte Roberto den Natronpapier-Umschlag heraus:
“Sag mal, Marcus, könntest du mir einen Gefallen tun? Ich glaube, ich kann das jetzt nicht lesen, vielleicht später einmal, aber jetzt nicht. Könntest du das lesen und mir später irgendwie schonungsvoll beibringen, was drinsteht?”
Ich nahm den Umschlag aus seiner Hand und sagte:
“Ja, klar, kann ich machen.”, obwohl ich gar keine Lust hatte, mich diesem Kapitel der deutschen Geschichte auf so intime Weise zu nähern. Ich griff in den Umschlag und holte ein Heftchen im Format DIN A6 heraus. Aus dem Heftchen fielen ein paar winzige Fotos, auf denen Menschen in gestreiften Häftlingsanzügen zu sehen waren, die so dünn waren, dass es schwerfiel zu sagen, ob es Männer oder Frauen waren.
Ich steckte alles schnell wieder in den Umschlag und dann in meine Jackentasche. Dann stand ich auf, klopfte Roberto auf die Schulter und sagte:
“Ich hol mal noch zwei Ouzo.”

– wird fortgesetzt –

Hansa-Tonstudios: http://de.wikipedia.org/wiki/Hansa-Tonstudios

Bowie in Berlin: http://de.wikipedia.org/wiki/David_Bowie#Die_Berliner_Zeit

Illu: Rainer Jacob

Trailer Film “Chistiane F.”: https://www.youtube.com/watch?v=kgAfjw3Op5Q

Berlinische Leben – “Nackte, Nazis, Nervensägen” / “Mein” Offener Kanal Berlin – Teil Zwei / 1985-2014

Mumien, Monstren, Mutationen

Es ist schon merkwürdig, aber der Offene Kanal Berlin ist in den Berliner Medien nur selten thematisiert worden. Zumindest bis 2003, also solange ich dort gearbeitet habe. Zu seiner Eröffnung im Jahre 1985* wurde im Zusammenhang mit dem Kabelpilotprojekt über ihn berichtet. Eigentlich wäre der neuartige, emanzipatorische Ansatz, “jeder kann senden”, es Wert gewesen seine Entwicklung zu begleiten, doch die Profis in den Redaktionsstuben vernachlässigten das Thema geradezu sträflich. In den zwei Jahren 1986-87, die ich Nutzer war, sowohl wie in den 15 folgenden, ist nur über den Sender berichtet worden, wenn es “schlechte” Nachrichten gab. Vielleicht ist wirklich der zynische Spruch, “only bad news is good news”, eine Erklärungshilfe dabei. Ich will nicht verschweigen, dass es sehr selten auch einmal positive Resonanz gab, doch diese ging unter gegenüber den Schlagzeilen, die über angebliche Skandale spekulierten. Reißerische Artikel nach dem Muster “Mumien, Monstren, Mutationen” zu schreiben macht eben auch mehr Spaß, als über medienpädagogische Ansätze, experimentelle Sendeformen oder Seniorenredaktionen zu berichten und es bringt Auflage bzw. Quote.
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Ich selbst hatte ein Schlüsselerlebnis im Bereich Realpublizistik mit einer Redakteurin vom Stern. 1989 bat mich mein Chef diese Kollegin unter meine Fittiche zu nehmen und ihr einen Tag lang den OKB zu erklären. Es hätte mich stutzig machen sollen, dass er nicht selbst mit ihr sprach, aber ich war noch etwas naiv Medien und ihre Methoden betreffend. Die junge Journalistin kam also und hatte gleich meine Sympathien, weil sie ein Kulenkampff-T-Shirt trug. Ich vermittelte ihr sechs Stunden lang die OK-Welt, ging mit ihr Mittag essen und hatte den Eindruck den Laden gut “verkauft” zu haben.

Der Artikel, den sie dann schrieb, war eine Ohrfeige für mich und den Sender. Ich hatte mir noch nicht einmal den Text vorlegen lassen. Es gab zwar noch kein Internet, aber per Fax wäre das kein Problem gewesen. Ich war noch sehr naiv. Seitdem bestehe ich darauf Artikel über mich vor Veröffentlichung durchzusehen. Wenn sie über ein Theaterstück geschrieben hätte, wäre ihr Fazit “Alles an dieser Inszenieung war hölzern und steif, nur die Kulissen wackelten” gewesen. Sogar Positives gelang es ihr negativ darzustellen. Ich war damals noch Disponent und bekam eine Absage für eine Sendung am gleichen Abend. Die Medienanstalt verlangte damals jede Sendeanmeldung eine Woche lang zu prüfen, weshalb wir bei Absagen ein Sendeloch hatten, das wir nicht stopfen durften. Die Gelassenheit mit der ich die Sendeabwicklung über das Sendeloch informierte, stellte sie als Desinteresse dar. Das die Lücke der Gestzeslage geschuldet war verschwieg sie, sie unterstellte Unproffessionalität. Es war ein einziges Desaster. Mein Chef war erstaunlich verständig und tröstete mich. Später verriet er, das er den Braten gerochen hatte. Ein politischer Gegner des OKB, ein gewisser A.R. brauchte Munition gegen den Bürgersender. Er hatte den Verriss bei einem befreundeten Stern-Redakteur bestellt und der schickte die junge Volontärin, wobei das Fazit der Berichterstattung vorher feststand. Ich hatte keine Chance, aber es war mir eine Lehre.

Natürlich gab es Neider in der Stadt, beispeilsweise kleine, kommerzielle Anbieter, die das kostenlose Angebot des DIY-Senders, als unlauteren Wettbewerb sahen. Deshalb wurde auch immer argwöhnisch betrachtet, ob beim OK das Werbeverbot eingehalten wurde.

Natürlich gab es immer wieder Sendungen, bei denen Werbung oder die Erzielung von Einnahmen indirekt, in einer Grauzone, stattfand. Beispielsweise bei Moderatoren, die Künstler vorstellten, die sie praktischerweise als Agenten auch vermarkteten. Ebenso bei Sendeverantwortlichen, die ein Handwerk oder eine Fertigkeit vorstellten, die sie außerhalb der Sendungen als bezahlte Dienstleistung anboten. Wenn das halbwegs geschickt gemacht wurde, war dagegen juristisch kaum etwas einzuwenden. Eine Einblendung wie “Weitere Informationen: Telefonnummer” führte vielleicht zu einer Geschäftsanbahnung, aber dieses gerichtsfest nachzuweisen blieb schwierig bis unmöglich. So hat der Tantra-Coach Andro im OKB gleich eine Reihe von Sendungen produziert, mit denen er heute noch wirbt, “bekannt aus TV”. Zunächst waren da hauptsächlich nackte Menschen zu sehen, die massiert wurden, während ständig eine Telefonnummer eingeblendet wurde. Diese Produktionen fanden Zuschauer, auch bei uns im Sender liefen die Telefone heiß, obwohl unsere Nummer garnicht zu sehen war. Das brachte Andro auf die Idee eine Call-In-Show daraus zu machen. Es war ja die Ära der Anruf-Sendungen, Moderatoren wie Ray Cokes oder Steve Blame generierten damit für M-TV hohe Einschaltquoten. Ebenfalls um seine Quote zu maximieren vollzog Andro live mit seiner Assistentin den Tantra-Sex-Verkehr, hatte aber noch genügend Kapazität in seiner linken Hirnhälfte, um die Fragen der Anrufer zu beantworten. Gleich beim ersten Mal brach unsere Telefonanlage zusammen, soviele Frager wollten ins Studio durchkommen. Unter den Zuschauern muss mindestens ein BZ-Reporter gewesen sein, den das Boulevard-Blatt machte mit “Skandal. Nackte im TV” auf. Außer das die BZ-Auflage recht groß gewesen sein muss an diesem Tag, blieb die Sache folgenlos. Nackheit allein ist nicht verboten im TV, selbst der beiläufige Geschlechtsverkehr war ohne Großaufnahmen oder eine merkbare pornografische Absicht nicht zu verurteilen. Wie fast alle Skandale im OKB war es eher ein Skandälchen, in Grunde nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas.

2013-09-04-17-10-50_new2 Logan Evans

Der Reiter der Apokalypse:

Im November 1989 sitzt Logan Evans in New-York vor dem Fernseher und sieht, wie in Berlin die Mauer fällt. Er war schon immer von Deutschland und deutscher Geschichte fasziniert, besonders vom Dritten Reich und Adolf Hitler. Logan ist selbsternannter Künstler und macht im Manhattan Cable TV eine Show namens “The Four Horsemen of the Apocalypse”. Anfang der 90er Jahre macht er seinen Traum war und kommt nach Berlin. Er lebt in besetzten Häusern und meldet sich im Offenen Kanal Berlin an. Dort macht er Sendungen, die irgendwie radikal und rätselhaft sind. Den Mitarbeitern kommt er zunehmend durchgeknallt vor. Er wird laut, läuft “I’m the terminator” schreiend über den Hof und schließlich wird er handgreiflich. Trotzdem entscheidet die Medienanstalt ihm kein Hausverbot zu geben, um ihm weiter Livesendungen zu ermöglichen, außerdem verspricht er Besserung. Unsere vorgesetzte Behörde, Medienanstalt genannt, trifft nicht gern restriktive Entscheidungen, man fürchtet dort den Gang vors Verwaltungsgericht und das nicht ohne Grund. Die Anstalt zog dort mehrfach den Kurzen.

Eines Abends kommt Evans besonders agitiert zu seiner Sendung, ich vermute er hatte Speed genommen, er hat riesige Pupillen. Wie gesagt, die Kunst- und Meinungsfreiheit wird groß geschrieben, nur bei klaren Gesetzesverstößen dürften wir eine Sendung abbrechen. Aber was wäre das? Die Auschwitzlüge wäre so ein Beispiel, das einzige das man uns Mitarbeitern vorhält. Diese verbreitet Evans nicht, stattdessen skandiert er abwechselnd “Heil Hitler!” und “Allahu Akbar!”, Allah ist groß. Die Kollegin in der Sendeabwicklung ist nicht zu beneiden, ich bin schon zuhause, telefoniere mit ihr und bin der Meinung, sie müsse die Sendung abbrechen. Aber die Kollegin entscheidet sich für die Freiheit der Kunst und strahlt das Programm weiter aus. Vorher hat sie noch die Medienanstalt angerufen, doch da niemand mehr, alle sind im Feierabend.

Zur gleichen Zeit sitzt ein amerikanischer Journalist am Savignyplatz vor dem Fernseher und ist entsetzt. Er ist jüdischer Herkunft, hat Verwandte im Holocaust verloren und arbeitet für die Nachrichtenagentur Reuters. Und so wird am nächsten Tag in aller Welt in der Zeitung stehen, dass im Offenen Kanal Berlin Nazipropaganda gesendet wird.

Unsere Vorgesetzten sind der Meinung, die Kollegin hätte die Sendung besser abbrechen sollen, damit hätte man die schlechte Presse vermieden. Die Kollegin hat Glück, sie bekommt keine Abmahnung. Das hohe Gremium “Medienrat” ist letztlich für Programmverstöße zuständig. Etwa einmal im Monat trifft sich das topbesetzte Gremium. Sechs Monate braucht es, dann fällt der Medienrat, unter dem Vorsitz von Prof. Ernst Benda, dem ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidenten, ein Urteil. Die Sendung war zulässig, weil die Kunst nun mal frei sei und keine Zensur stattfindet. Hurra, wir sind begeistert. 1998 wird Logan Evans aus Deutschland abgeschoben, nachdem er eine Flasche Schnaps im Supermarkt geklaut hat. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Ein einziges Foto gibt es von ihm im Internet, doch auch da ist nichts über sein weiteres Schicksal zu erfahren.

Nazis

Auch mit wirklichen Nazis gibt es Probleme. Eine rechtsextreme Gruppe nutzt den OKB in den 90er Jahren, um die Radiosendung “Radio Germania” zu machen. Auch hier ist die rechtliche Lage für den OKB und die Aufsicht führende Behörde, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, kompliziert. Die Sendung zu verbieten wäre schwierig, der Artikel 5 unserer Verfassung garantiert freie Meinungsäußerung und die Gesetzesnorm “eine Zensur findet nicht statt” wiegt ebenfalls schwer. Also könnte man streng genommen nur auf einen bereits gesendeten Verstoß reagieren. Trotzdem setzen wir alles daran eine “volksverhetzende” Sendung garnicht erst stattfinden zu lassen. Natürlich fürchten wir eine erneute Pressekampagne wie bei Logan Evans, heute würde man es einen “shitstorm” nennen.

Die erste Sendung findet live statt und die rechtsradikalen Radiomacher sind offensichtlich juristisch gut beraten. Sie nutzen ihre Meinungsfreiheit hart an der Grenze zum Verbotenen. Sie spielen Stücke eines in der Szene berüchtigten Liedermachers, Frank Rennicke. Die gesendeten Lieder sind nicht oder noch nicht indiziert, da ist “Radio Germania” gut informiert. Wir entnehmen aber auch den Gesprächen, die wir am Rande der Sendung mit den Neo-Nazis führen, dass sie vorhaben, uns mit einer illegalen, volksverhetzenden Sendung in Misskredit zu bringen. Zum einen aus Eigeninteresse, sie möchten mit dieser Aktion in die Medien kommen und auch um die Idee des Senders, freie Meinungsäußerung für Jedermann, ad absurdum zu führen.

Die Medienanstalt findet einen juristischen Weg, keine weitere Live-Sendung zuzulassen. Wir atmen auf, zur Live-Sendung kam die vielköpfige Gruppe mit einem hochagressiven “Personenschutz” aus Skinheads mit scharfen Hunden. Es wird Jahre dauern, bis die Medienanstalt uns erlaubt, das Mitbringen von Hunden zu verbieten. Wie gesagt, die Medienanstalt trifft nicht gern repressive Entscheidungen. Vielleicht liegt es daran, dass der Direktor, Dr. Hans Hege, einer “liberalen” Partei angehört. Nein, im Ernst, die Medienanstalt mochte ungern jemand von der Nutzung der Produktionsmittel ausschließen. Bei der Nazigruppe fand man allerdings ein juristisches Schlupfloch.

“Radio Germania” darf keine Livesendung mehr machen, nun muss der Sendeverantworliche die vorproduzierte Sendung spätestens eine Stunde vor Sendebeginn abgeben. Für uns eine Gelegenheit, das Band schnell durchzuhören, um festzustellen ob klare Rechtsverstöße, wie z.B. die bereits zitierte Auschwitzlüge verbreitet wird. Streng genommen dürften wir das auch nicht, denn es ist ja Zensur. Ich lege das Band in der Sendeabwicklung ein und höre mir mit Kollegen eine Stunde lang einen Artikel aus Brehms Tierleben über das Wildschwein an. Der Satz “Der Waidmann nennt das weibliche Tier Bache” brennt sich in mein Gedächtnis ein. Natürlich ist die Sendung zulässig. Das Rechtsextreme ihre antifaschistischen Gegner gern mit Wildschweinen vergleichen, ist uns bewusst. Es ist aber auch nicht volksverhetzend. Wir haben diesen Eiertanz noch ein paarmal ausgeführt, “Radio Germania” erreichte sein Ziel in die Medien zu kommen, obwohl sie geschickt vermieden Gesetzesnormen zu brechen. Natürlich war es schwer Journalisten unsere heikle Lage zu vermitteln. Das gescheiterte NPD-Verbotsverfahren lag noch in ferner Zukunft und die Presse wunderte sich, das die Nazis überhaupt bei uns senden durften. Es gab zwar auch Probleme mit türkischen und arabischen Sendungen, die hart an der Grenze zum Gesetzesbruch sendeten, doch auch da hat es nie justiziable Verstöße gegeben. Bei fast 30 Jahren offenem und freiem Zugang ist das eine Bilanz, die positiv stimmen könnte, wüsste man nicht, dass es an Stammtischen und bei privaten Runden, aber auch in Fußballstadien volksverhetzende Äußerungen gäbe, doch die Urheber trauen sich nicht, mit ihrem Namen in Funk und Fernsehen aufzutreten.

Ich könnte noch ein viertes Substantiv, das mit N beginnt, anführen und über die Prostituierte Molly L. schreiben. Aber da die Dame bereits verstorben ist und ich mich an keine weiteren Programmverantwortlichen aus dem horizontalen Gewerbe erinnern kann, will ich den Mantel des Vergessens über diese geschmacklosen Programme legen, die viele Zuschauer hatten und die stets ihren Höhepunkt mit der Enthüllung der gigantischen Oberweite von Frau L. fanden. Auch diese Sendungen sind genüsslich von den Berliner Boulevard-Zeitungen skandalisiert worden. Wenn man bedenkt, dass diese Gazetten regelmäßig ihre Auflage durch blanke, weibliche Brüste steigerten, muss man den Kopf schütteln über soviel Heuchelei.

Nervensägen

Kommen wir also zu den Nervensägen. Das menschliche Gedächtnis kennt keinen Anstand und keine Ritterlichkeit und da ich mich der Ehrlichkeit verpflichtet sehe, muss ich gestehen dass mir beim Stichwort “Nervensägen” umgehend Frau Mathilde S. einfällt. Der Offene Kanal Berlin hat ja viele schwierige Menschen und auch echte Querulanten angezogen, aber die “wilde Hilde” ist mir am Lebhaftesten im Gedächtnis. Vielleicht auch weil sie es so oft geschafft hat, mich oder andere Kollegen auf die Palme zu bringen. Sie hatte eine Art einen solange zu reizen und zu provozieren, bis man schließlich nach 20 oder 30 Minuten aus der Haut fuhr, was Mathilde stets mit einem seeligen Lächeln quittierte. Es ist wohl für sie wie eine gute Tat für Pfandfinder, etwas das man zur seelischen Hygiene mindestens einmal am Tag braucht. Frau S. sendet noch heute, allerdings hat man sie in die Nachtstunden verbannt, wo sie kaum Zuschauer finden wird und dem neuen, aus der Asche des OKB erstandenen, Sender ALEX keinen Image-Schaden zufügt.

Natürlich gab es noch viele weitere Nervensägen, die meisten waren im Umgang ziemlich freundlich, nur ihre Programme nervten, weil man sie partout nicht verstehen konnte, beim besten Willen nicht. Michael Santos fällt mir ein, dessen Sendungen wohl kaum jemand verstanden hat, wahrscheinlich er selbst nicht. Heinz Kluike, dem man lange zuhören konnte, ohne ein Thema zu erkennen. Oder den ehemaligen Gastwirt Günter Rackwitz, der unerträgliche Berlin-Schlager sang. Als die schlimmsten Nervensägen habe jedoch die Zuschauer empfunden, die jahrelang bei jeder call-in-show anriefen, um Obszönitäten abzusondern. Wieviel wohlmeinende Sende-Neulinge haben sie wohl zum Aufgeben gebracht?

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Natürlich gab es auch viele freundliche, engagierte Sendungsmacher, die häufig jahrelang tolle Sendungen auf die Beine stellten und immer hilfsbereit waren. Stellvertretend für viele fällt mir Lothar Wielandt ein, der Rollstuhlfahrer, der Radioprogramme für die älteren Zuhörer machte und auf jeder Funkausstellung den Schriftgenerator bediente. Als er im hohen Alter noch einmal heiratete, haben sich alle OK-Mitarbeiter herzlich mit ihm gefreut.

Viele Sende-Verantwortliche gibt es noch heute zu sehen. “Pfeiffers Ballhaus” läd noch immer zum Schwofen ein und “Der spitze Kreis” begleitet immer noch die Berliner Bühnenereignisse.

Auch im Hörfunkbereich gibt es Radio-Macher, die seit den Anfängen dabei sind. Rolf Gänsrich und Peter Ziermann fallen mir ein. Peter hatte, als er in den 80er Jahren anfing, einen Sprachfehler, den er beim moderieren erfolgreich kurierte. Noch heute bin ich mit Rolf und Peter auf Facebook befreundet.

ALEX-TV

Inzwischen ist der Sender ja erwachsen geworden, seit er sich 2009 in ALEX TV** umbenannt hat, merkt man das Bestreben sich von dem schlechten Image der frühen Jahre zu befreien. Es wird jetzt auch an die Zuschauer gedacht und man programmiert die interessantesten Sendungen in der Hauptsendezeit. Viele Aufnahmen von Berliner Konzerten und Diskussionen sind sehenswert. Für Kinder, Jugendliche und Nachwuchs-Medienprofis ist ALEX Ansprechpartner und Vermittler von Medienkompetenz. Seitdem mit Volker Bach ein Medienprofi Leiter ist, scheinen auch Medienanstalt und Politik begriffen zu haben, dass eine solche Werkstatt nicht zum Schnäppchen-Preis zu haben ist. Ich wünsche dem Sender, seinen Nutzern und den fleißigen Mitarbeitern von Herzen alles Gute für die nächsten 29 Jahre.

Marcus Kluge

Das Logan Evans Foto stammt von dieser Website, auf der auch Zeichnungen des Künstlers dokumentiert sind:

http://www.lisecki.de/MsoEvans.htm

Hier erzähle ich wie ich zum Offenen Kanal Berlin kam und Mitarbeiter wurde: https://marcuskluge.wordpress.com/2015/11/18/editorial-sechzig-eins-zum-geburtstag/

*So begann es. 1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Zwei Tage vor Beginn der Funkausstellung wird am 28. September in 218000 Haushalten ein zusätzliches Angebot, bestehend aus 12 TV-Sendern freigeschaltet. Neben öffentlich-rechtlichen Sendern, wie WDR oder dem Bayerischen Fernsehen sind erstmals auch private Sender am Start, allen voran RTLplus und SAT.1. Außerdem will man in Berlin einen frei zugänglichen Bürgersender ausprobieren, den Offenen Kanal Berlin. Dieses “demokratische Feigenblatt”, so sahen es Medienkritiker, hat mein Leben für fast zwei Jahrzehnte verändert und bestimmt.

**ALEX TV

http://www.alex-berlin.de/

Berlinische Leben – „Hollywood-Friedenau“ / “Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Teil 3 / 1982-88

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(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

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Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

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Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

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Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

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Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau

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Hcls Clubspiel (Ausschnitte des 60/60 cm großen Spielbretts)

1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Noch fehlt mir eine Spielidee für dieses Jahr… Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße.Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und die Schuhe schneller.

“Keep going”.

 

Berlinische Leben – „Halber Mensch“ / Die Poesie des Unfertigen / 9.11.1989

28 Jahre habe ich auf der Insel West-Berlin gelebt, die die Mauer wie ein feindlicher Ozean umgrenzte. Heute vermisse ich dieses West-Berlin. Vielleicht könnte man dieses Gefühl „Westalgie“ nennen. Denn im Gegensatz zur Ostalgie, die einem maroden System voller Spitzelei und Kleinbürgerlichkeit huldigt, erinnert uns die „Westalgie“ an eine Welt, in der das Meiste gut und nur weniges schlecht war. Das ist jedenfalls mein Eindruck, wenn ich zurückdenke.
Es ist nun über ein Vierteljahrhundert her, dass dieses West-Berlin Geschichte wurde und die Erinnerung neigt dazu, die Dinge schönzufärben. Umso länger sie vergangen sind, umso schöner scheinen sie zu sein. Trotzdem ist auch diese Erinnerung real, wir erfinden ja nichts. Wenn ich etwas besonders an West-Berlin geschätzt habe, dann war es die Vorläufigkeit, die das Leben dort hatte. Nicht nur die Personalausweise waren behelfsmäßig und der Status der Stadt vorläufig. Ich habe mein ganzes Leben dort als vakant und nicht festgelegt empfunden. Ich führte ein halbes Leben, ohne Zukunft und Pläne, ich war ein Halber Mensch, aber diese Unfertigkeit gefiel mir gut. Ich brauchte mich auf nichts festzulegen. Denn jederzeit hätte ich im Radio folgende Nachricht hören können:

„Starke Militärkräfte des Warschauer Paktes bewegen sich auf West-Berlin zu. Die Westalliierten versuchen die Halbstadt solange zu halten, bis West-Berlin evakuiert ist. Bleiben sie zu Hause, bis ihnen mitgeteilt wird, wann sie und von welchem Flughafen sie ausgeflogen werden. Jeder Berliner darf ein Gepäckstück bis 15 Kilo Gewicht mitnehmen, für Kinder gelten 10 Kilogramm.“

Es wäre nicht unwahrscheinlich gewesen, es gab gute Gründe mit einer weiteren Berlin-Krise zu rechnen. Es wäre die vierte gewesen. Erst war da die Blockade, die Krise Nummer eins. 1958 stellte Chrustschow ein Ultimatum, die Krise Nummer zwei. Damals wurde meinen Eltern ein kleine Villa im Grunewald für 20 000 D-Mark angeboten. Sie hatten das Geld nicht und selbst wenn, hätten sie das Haus wohl nicht gekauft, denn sie mussten damit rechnen, kurz danach von den Russen enteignet zu werden. Der Mauerbau wurde dann die dritte Krise und eine 28 Jahre währende Warnung.

Ich war mir einer potentiellen Bedrohung immer bewusst und benutzte sie als eine Entschuldigung meinem Leben etwas Vorläufiges und Offenes zu verleihen. Mit 18 war ich mit der Schule fertig, Abitur und Studium waren mir versagt und es dauerte 14 Jahre, bis ich mit 32 den ersten regulären Vollzeitjob antrat und eine Familie gründete. Bis dahin habe ich so gelebt, als ob es kein Morgen gäbe. Natürlich hatte diese Art zu leben auch etwas Trauriges, aber es entsprach meinem Naturell und ich habe es als stimmig empfunden. Man kann West-Berlin auch als einen ungeplanten sozialen und psychologischen Feldversuch sehen. Wie entwickeln sich Menschen, die in einer ummauerten Stadt wohnen, deren Familien getrennt oder zerfallen sind? Und die gleichzeitig mit der Entfremdung einer hochtechnisierten Gesellschaft im Kapitalismus leben und beobachten können, dass die realsozialistische Versuchsanordnung im Osten der Stadt auch nicht funktioniert. Sie leben als ob nichts wäre. Die Mehrheit macht einfach weiter. Doch Einzelne und subkulturelle Gruppen ziehen ihren Vorteil aus den Eigenheiten der Lage. Die spezielle Freiheit zieht sogar Künstler an. Bekannte wie David Bowie und noch unbekannte wie Wolfgang Müller, der die Stadt wie einen Therapieplatz empfand, als er in den 70ern kam. Neben dem Kapitalismus, wörtlich darunter, bildete sich eine Subkultur, bei der das Geld verdienen zuletzt kam. Brachen und Sub-Standard-Immobilien boten viel Platz für Experimente. Für meine 30 Quadratmeter-Wohnung in der Rheinstraße zahlte ich 1977 ganze 40 Mark Miete, im Monat! An solchen Möglichkeiten mangelt es heute und Freunde und Bekannte von mir ziehen traurigen Herzens aus Berlin weg, weil sie die Mieten und Lebenshaltungskosten nicht mehr aufbringen können.

Ich arbeitete damals 16 oder maximal 20 Stunden in der Woche in den verschiedensten Jobs und hatte meist um die 500 D-Mark zur Verfügung. Das reichte für ein bescheidenes, aber stressfreies Dasein. Sozialhilfe oder andere Beihilfen habe ich nie bezogen, manchmal steckte mir meine Mutter etwas zu. Ich las viel, flanierte durch die Stadt und verbrachte Zeit in Cafés und Discos. Mit Mitte 20 wurde es etwas langweilig, ich fing an zu schreiben und stellte merkwürdige Projekte auf die Beine. Fanzines, Tonträger, Hörspiele, Veranstaltungen und schließlich Filme.
Gab es auch Schlechtes an West-Berlin? Natürlich, das eingesperrt sein, kein Umland zu kennen, die Winter, in denen Berlin ungeheuer trist sein konnte und in denen einem die Braunkohle und der Trabimief den Atem nahmen. Dazu war Berlin nie eine sehr freundliche Stadt, genauso wie in Wien oder New York war hier der Ton stets ruppig. Das mit-einander-umgehen kostete Nerven und selbst als Insel im Sozialismus war West-Berlin eine schnelle Stadt, die einen mit ihrem Tempo ansteckte. Trotzdem war die Mauerstadt soviel beschaulicher als die neue Hauptstadt der Berliner Republik.

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Am Abend des 9. November 1989 war ich mit einer Freundin in einem Restaurant in der Nürnberger Straße essen gewesen. Gegen Mitternacht ging ich auf Nebenstraßen den kurzen Weg zur Lietzenburger Ecke Joachimsthaler Straße, wo ich damals wohnte. Es roch ungewohnt, sonst fiel mir nichts auf. Erst später realisierte ich, das der Dunst von Zweitakter-Gemisch in der Luft lag. Daheim zog ich mich aus, putzte die Zähne und schaltete nebenbei den Fernseher an. Die Stimmen, die aus der Kiste kamen klangen aufgeregt, im vorbeigehen schaute ich auf den Bildschirm und sah das Kranzler-Eck, 400 Meter entfernt, irgendetwas war los. Es war voll auf dem Kudamm, lustige kleine Autos fuhren herum und alle waren aufgeregt. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich begriff, dass die Mauer durchlässig geworden war.
In wenigen Minuten hatte ich mich wieder angezogen, dann lief ich zum Kranzlereck. Etwa drei Stunden stand ich da, umarmte fremde Menschen, trank mit ihnen Rotkäppchen-Sekt, immer wieder liefen mir Freundentränen über die Wangen. Tatsächlich weinte ich zum ersten Mal seit neun Jahren, das letzte Mal hatte ich geweint, nachdem am 8. Dezember 1980 John Lennon erschossen wurde, doch damals weinte ich aus Trauer, nun weil mir ein Stein vom Herzen fiel, von dem ich gar nicht gewusst hatte, das er da war. 28 Jahre hatte ich mit der Mauer gelebt, mein gesamtes Leben als „zoon politikon“, als politisch denkendes Wesen. Sieben war ich beim Mauerbau und es war die erste Erfahrung, die ich mit Politik und Geschichte hatte. Und natürlich hatte sie mich geprägt. Es gab da eine Enge in meiner Brust. Das Gefühl einer tatsächlichen oder vermeintlichen Behinderung, wegen derer ich mein ganzes Leben nur als vorläufiges sah. Eine Behinderung, die dann enden würde, wenn auch die Teilung von Land und Stadt endete. Nun war es soweit.
Aber erstmal dachte ich nicht an das Persönliche, zunächst versuchte ich das Historische einzuordnen. Ich wünschte der DDR und seinen Bürgern einen eigenen, dritten Weg. Noch nichts ahnte ich vom Dammbruch der Werte, vom Sog der D-Mark. Nichts ahnte ich davon, dass es die DDR ein Jahr später nicht mehr geben würde, dass ausgerechnet Helmut Kohl das realsozialistische Land im Sturm erobern würde, ich konnte es mir nicht vorstellen in dieser Nacht der Emotionen.

BalkenHelene

Ein halbes Jahr vorher, im Frühsommer ’89 hatte ich den Eindruck, dass sich in der Hauptstadt der DDR etwas tut. In Mauerzeiten bin nie viel in Ost-Berlin gewesen. Ich fand es deprimierend und vor ’86 konnte ich mir den Zwangsumtausch von 25.-DM kaum leisten. Nun fuhr ich öfter rüber, meistens mit meiner Freundin Helene. Wir merken bald das Doc Martens Stiefel ein KO-Kriterium sind und ziehen neutrales Schuhwerk an. Die Grenzer schielen zwar auf Helenes bunte Strähnen im blondierten Haar, doch weder die Schablone Skinhead noch die des “Punkers” passt auf uns und wir dürfen rein, ins realsozialistische Vergnügen.
Bei unserem ersten Besuch gehen wir auf ein Straßenfest im Ernst-Thälmann-Park. Das scheint eine angenehme Nachbarschaft zu sein. Entspannte, freundliche Berliner, sogar lesbische und schwule Päarchen, die sich nicht verstecken. Das das nicht typisch ist für die DDR oder auch Ost-Berlin ist, ist uns natürlich klar. Wir reden mit ein paar jungen Leuten, die sich vorsichtig, oder aus Mangel an Material, nur leicht punkig gestylt haben. Eine junge Frau fragt Helene nach ihren Haaren. Nicht die bunten Strähnchen interessieren sie, die sind ohnehin utopisch, nein, wie Helene ihren Schopf blondiert möchte sie wissen. Es dauert bis Helene bewusst wird, dass man hier sowas nicht einfach im Drogerie-Markt kaufen kann. Schliesslich empfiehlt sie Wasserstoffperoxid. Davon hat die junge Frau noch nie gehört. Dieses unwesentliche Rencontre mit der Realität des Sozialismus gibt Helene zu denken. Ein Land, in dem Frau ihre Haare nicht ordentlich blondieren kann, ist ein Unding aber auch ein eoxtisches Wunderland, das es zu entdecken gilt.
Ein andermal sind wir an einem Sonnabend am Prenzlauer Berg. Wir haben die ausgefallene Idee, irgendwo tanzen zu gehen. Vom Frannz-Klub haben wir gehört. Wir sprechen mit verschiedenen punkig aussehenden Jugendlichen auf der Schönhauser Starße. Schnell wird klar, dass wir den Frannz-Klub abhaken können. Ohne Karte oder Beziehungen hilft selbst Schlange stehen nicht, weil der Laden schon am frühen Abend voll ist. Wir sind froh wenigstens einen Tisch in einem kleinen Restaurant auf der Schönhauser zu bekommen. Etwas frustriert wollen danach wieder zurück in den Westen, unsere Ostkohle haben wir schon ausgegeben. Plötzlich erscheinen zwei Punks im Lokal, offensichtlich Fremdkörper hier. Noch bevor der Kellner sie herauskomplimentieren kann, haben sie uns einen Zettel zugesteckt. Alles sehr konspirativ.
Die Adresse in der fast unbeleuchteten Kastanienallee ist ein unbewohntes Haus, Licht bzw. Strom scheint es nicht zu geben. Wir schleichen uns mit Herzklopfen und erhobenem Feuerzeug bis in den Hof. Da hängt ein kleines Schild auf dem “Keller” steht und ein Pfeil weist nach unten. Mit angehaltenem Atem tapsen wir die Kellertreppe abwärts. Dann hören wir Musik und sehen ein Flackern. Tatsächlich unten sitzen ca. 20 Punks bei Kerzen und Baustellenleuchten, aus einem kleinen Kassettenplayer tönen die Einstürzenden Neubauten:

“Halber Mensch
Wir sorgen für dich
Wir nehmen für dich wahr
Halber Mensch
Wer geteilt ist, hat nichts mitzuteilen”

Wir werden freundlich begrüßt, es ist eine Party, doch zu trinken gibt es nichts, noch nicht einmal geraucht wird. Kein Geld zu haben gehört wohl irgendwie zu ihrer Art zu leben. Trotzdem freuen sie sich, als wir unsere Zigaretten verteilen. Helene will etwas Gutes tun und besorgt aus einer Kneipe in der Nähe Bier und mehr Zigaretten. Wir unterhalten uns angeregt, ob wir die Neubauten gesehen haben? Ja, im SO36, Blixa war auch Barkeeper, man kennt sich. Besonders angeregt unterhält sich Helene mit einem Rocco. Ich werde langsam nervös, mein paranoides Feintuning sagt mir, wir sollten aufbrechen. Ich mache Druck, wir verabschieden uns, Helene steckt einen Zettel von Rocco ein.

Als sich Helene zehn Tage später mit Rocco treffen will, wird sie an der Grenze zwei Stunden lang aufgehalten. Man befragt sie und sie wird von einer barschen Uniformierten gefilzt. Das wichtigste finden sie nicht, eine Reihe von taz-Artikeln, die Rocco sehr interessieren. Obwohl sie selbst nicht kifft, hat Helene ein kleines Piece für Rocco im BH versteckt, Rocco ist scharf darauf es auszuprobieren. Auch das findet der Grenzdrachen nicht. Die Kiwis und andere Westleckereien darf sie behalten.
Natürlich wird sie verfolgt. Erst mit Rocco hängen sie den Schatten ab. Sie erfährt, 10 Minuten nachdem wir den Keller in der Kastanienallee verlassen hatten, kamen die Bullen und die Stasi. Die Anwesenden wurden eine Nacht festgehalten, doch niemand hatte etwas Verwerfliches dabei, so blieb es dabei. Wenn sie Helene und mich bekommen hätten, wäre das schlimmer gewesen. “Feindliche Agenten” oder irgendsoeinen Quatsch hätten sich die Betonschädel für uns ausgedacht. Einmal mehr im Leben dankte ich meiner Paranoia. Ich lies es mir eine Warnung sein, Helene war eher angestachelt und brachte Rocco regelmäßig “hetzerische Propagandaschriften” mit. Allerdings lernte sie dazu, sie schrieben sich nicht mehr, sondern verabredeten sich immer gleich persönlich.

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In der Nacht des Mauerfalls schlafe ich nur zwei oder drei Stunden, mehr brauche ich nicht. Ich lebe höchst gesund, um die für mich neue und ungewohnte Aufgabe, den Offenen Kanal Berlin zu organisieren, bewältigen zu können. Kein Fleisch, kein Zucker, kein Alkohol, leider wird sich auch das durch den Mauerfall ändern. Mit dem Rotkäppchen hat es schon angefangen.
Der 10. November ist ein Freitag. Obwohl die Disposition erst um 10 Uhr aufmacht, bin ich früher da. Ich rechne mit den ersten DDR Bürgern, die sich beim OKB anmelden wollen und ich werde nicht enttäuscht. Gegen halb zehn klopft es an meiner Tür. Eine junge, sympathische Frau mit milchkaffeebrauner Haut betritt vorsichtig mein Büro. “Sind sie Herr Kluge?” “Ja, ich bin der Marcus. Was kann ich für dich tun?” In den Kindertagen des Senders duzten wir eigentlich jeden, der zu uns kam. “Ich bin die Dinah, ich will Fernsehen machen. Das geht doch hier?” “Ja, das geht hier.” Es war der beste Job der Welt, ich liebte ihn.

Dinah war die Prinzessin des Prenzlauer Bergs, sie kannte jeden, wusste Alles und wurde zu meiner Führerin durch die Boheme der Hauptstadt der DDR. Als Nichtweiße in der DDR aufzuwachsen hatte sie tough gemacht, aber sie bemäntelte diese Stärke mit einer entwaffnenden Liebenswürdigkeit. Ich traf sie meistens im „1900“, dem legendären Restaurant, in dem sich die Intelligenz Ost-Berlins traf. Gerade war der in den Westen geflüchtete Ex-Chef zurück gekommen und der Laden brummte jeden Abend. Dinah stellte mich Promis wie Heiner Müller vor, für den sie eine Art Maskottchen war. Anschließend schleppte mich Dinah in offizielle und auch inoffizielle Tränken der Ureinwohner, die von Westberlinern noch nicht entdeckt wurden.
Dinah hatte in den letzten Jahren der DDR gut gelebt. Mit Freunden hatte sie einfache Klamotten genäht, Hemden, Hosen, Westen. Diese haben sie dann verkauft, im Sommer an der Ostsee oder im Winter in den Wintersportorten. Diese Ergänzung der notorisch schlechten planwirtschaftlichen Versorgung mit tragbarer Kleidung, rissen ihnen die DDR-Bürger förmlich aus den Händen. Sie hatten Geld, mehr als sie ausgeben konnten. Sie wohnten in den besten Hotels, speisten in Restaurant wie die Wessis. Die Behörden ließen sie in Ruhe, man wollte das kleine Ventil für die modischen Bedürfnisse der Ostler nicht zudrehen, so pragmatisch wurde auch gedacht in den letzten Tagen des realsozialistischen deutschen Staates.

Als ich am Sonnabend, dem 11.11. 89 vom Balkon sah, warteten etwa 500 DDR-Bürger in einer ordentlichen Schlange auf die Öffnung der Bank am Rankeplatz. Es begannen wilde Tage am Kudamm, schließlich konnte ich kaum noch etwas einkaufen. Als ich am 18. 11. meinen 35. Geburtstag feierte, brachte mir eine Freundin aus Ost-Berlin ein DDR-Care-Paket mit. Mit einem Einkaufsnetz voll Rondo-Kaffee, Tempo-Erbsen und Brausepulver war ich vorerst versorgt. Ich hatte seit Jahrzehnten kein Einkaufsnetz gesehen.
Früher an diesem Tag geriet ich auf ein bekanntes Mauerfall-Foto im U-Bahnhof Schlesisches Tor, inmitten von Ostlern werde auch ich zum „DDR-Touristen“. Neben das Foto schreibt meine Mutter meinen Namen, sie war stolz auf ihre Entdeckung.
Ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt arbeitete Helene damals noch in einem Supermarkt. An ihrer Kasse spielten sich herzerweichende Szenen ab, Kinder küssten Schokoriegel und Kunden aus dem Osten bedankten sich bei ihr, besonders weil die Kassiererinnen Überstunden machten, um den Ansturm zu bewältigen. Ein Einsatz, der in der Arbeitswelt des Realsozialismus wohl schwer vorstellbar war.

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Ich wäre beinahe an den Kollwitzplatz gezogen im Februar 1990; ich fand spannend was da passierte. Schon im März 1990 änderte sich das, denn da wählten meine Brüder und Schwestern Kohl und die D-Mark. Was dann passierte war nicht spannend, es war traurig und beschämend, als die DDR, wie eine “Müllhalde der Geschichte” von den „Siegern“, den Wessis, abgewickelt wurde. Kohl fiel die Einheit in den Schoß, ein ungeheuerlicher Glücksfall. Ohne den Mauerfall, was würde von Kohl übrig bleiben in den Geschichtsbüchern? Wohl nur seine kriminelle Spendenpraxis und seine Dreistigkeit, über dem Gesetz zu stehen, die er mit den Worten „Ich habe mein Ehrenwort gegeben!“, bewies. Er hat Glück gehabt, die Einheit haben Andere beschlossen zuzulassen. Ich bin kein Feind der Einheit. Deutschland hat Jahrhunderte in Kleinstaatlichkeit existiert, obwohl Sprache und Kultur zusammengehörten und durch den kalten Krieg entzwei geschnitten zu sein, war unnatürlich. Die Einheit Deutschlands, wie auch die Europas, ist eine gute Sache. Problematisch wird sie in den Details, in der Bürokratie und Regelwut. „Den Übermut der Ämter und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist.“*, so ärgerte sich schon Hamlet.
Natürlich freute ich mich über die neue Freiheit, es gab viel zu entdecken und ich machte sogar den Führerschein, denn ich in West-Berlin nie gebraucht hatte. Erst im neuen Jahrtausend wurde mir bewusst, wie sehr mir mein altes West-Berlin fehlte. Bis dahin war ich abgelenkt durch die neue Situation und ihre Möglichkeiten. Doch dann fühlte ich plötzlich eine Leere; mir fehlte West-Berlin, seine Vorläufigkeit, seine Freiheit, seine Einmaligkeit, sein Lebensgefühl und seine provinzielle Gemütlichkeit. Und natürlich das Lebensgefühl als halber Mensch, dem zwar etwas fehlt, der aber dafür ganz im hier und jetzt lebte.
Bin ich denn jetzt ein ganzer Mensch und ist der Grund für diese Heilung das Zusammenwachsen der Stadt? Ja, ich fühle mich heute wie ein ganzer Mensch und Nein, das Zusammenwachsen der Stadt hat damit fast nichts zu tun. Denn zum einen ist die Stadt ja nur höchst unvollkommen zusammengewachsen, überall gibt es Narben und unverheilte Wunden, die durch hässliche, neue Architektur nur noch mehr auffallen. Zum anderen, weil meine persönliche Heilung ein Ergebnis von selbst geleisteter Arbeit war, unter Mithilfe von Menschen, die mich unterstützt haben. Körperliche Krankheit, Schmerzen zwangen mich zur Einkehr und Aufarbeitung kindlicher Traumata. Erst 2006 wurde klar, das nicht nur eine unerkannte Hochbegabung mich gehemmt hatte, sondern auch eine ungefilterte Wahrnehmung der Realität. Nun habe ich gelernt damit zu leben, Berlin hat kaum Anteil gehabt, außer eine immer wieder anregende, inspirierende Athmosphäre zu bieten, auch heute noch.
In jungen Jahren habe ich mich für meine „Unfähigkeit“ selbst bestraft. Heute habe ich mir meine Andersartigkeit verziehen. Ich erlaube es nicht mehr, mich schlecht zu behandeln, oder von anderen schlecht behandelt zu werden und ich würde es nicht mehr akzeptieren, als ein halber Mensch zu leben.

Was ist aus Helene und Dinah geworden? Dinah hat nie Fernsehen bei mir im Sender gemacht. Wir blieben ein paar Jahre lose befreundet und ich beobachtete, wie sie immer neue Projekte entwickelte, ohne wirklich etwas fertigzubringen. Erst das Kind, das sie von einem Juristen bekam, gab ihr Erdung und eine nachhaltige Aufgabe. Dann verlor ich sie aus den Augen, ich glaube sie verlies die Stadt, um an einem idyllischeren Ort zu leben.
Auch Helene bekam Nachwuchs, zweimal sogar. Wir waren lange befreundet, sie arbeitete schon seit Anfang der 90er im Bereich linker Politik und diese Aufgabe fraß irgendwann ihr Privatleben. Wir sahen uns nur noch selten und schließlich antwortete sie nicht mehr. Ich sprach auf ihren Anrufbeantworter, schrieb Mails und Briefe, bat um wenigstens eine Erklärung. Hatte ich etwas gesagt oder getan, war ihr etwas passiert? Nichts kam zurück, es ist jetzt drei Jahre her und für mich immer noch schwer zu begreifen. Erst vor zwei Monaten habe nochmal einen Versuch gemacht, ohne jeden Erfolg. Natürlich heißt Helene nicht Helene und ich werde auch nicht sagen, wo sie politisch wirkt und deshalb hat das Passbild, das sie mir 1989 schenkte, diesen Balken.

Heute, 2014, ist auch die letzte Brache bebaut, jeder Kiez mit einer auswechselbaren Mall versorgt und jeder Freiraum zum Zwecke des Gelderwerbs vernichtet. Es fehlt mir mein altes West-Berlin, heute mehr denn je. In ein paar Tagen 60 zu werden macht es nicht besser. Oder vielleicht doch ein wenig. Denn im Alter hat man ja das Recht, sich mit frohen Gedanken an eine Zeit zu erinnern, „als alles besser war.“

Ende

Die Illustration “Halber Mensch” hat Rainer Jacob gezeichnet.

Anmerkung: Einige Absätze dieses Textes habe bereits Anfang 2014 im Präsens verfasst. Eigentlich hätte ich diese bei der Redaktion ins Präteritum setzen sollen. Ausnahmsweise habe ich dagegen entschieden, weil ich den Eindruck hatte, dem Text damit seine Frische und Unmittelbarkeit zu nehmen. M.K.

*Hamlets Monolog in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel.

Das Foto von mir als “DDR-Tourist” stammt aus dem Buch “Berlin im November”, erschienen 1990 bei Nicolai.

Berlinische Leben – “Alles Dufte” / Kleines olfaktorisches Aide-Mémoire

 

(Im Anhang dokumentiere ich die olfaktorischen Erinnerungen der Leser, wie sie auf Facebook gepostet wurden.)

Der Geruchssinn ist im entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil unseres Gehirns angesiedelt. Die Nase ist so eng wie kein anderes Sinnesorgan mit dem Ort im Gehirn verbunden, an dem sensorische Informationen analysiert werden. Marcel Proust hat der Geruch von in Tee getunkten Madeleines zu seinem Monumentalroman “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” inspiriert. Mich schickte kürzlich mein Geruchssinn auf eine Erinnerungsreise, als ich beim Friseur saß und den typischen Duft dieser Lokalität roch.

In meiner Erinnerung hat jedes Berliner Jahrzehnt, das ich erlebt habe, einen eigenen, bestimmten Geruch. In meiner Vorstellung gesellt sich meist noch eine Tageszeit und ein typischer Ort dazu. Natürlich sind diese Assoziationen sehr subjektiv und von meiner Biografie bestimmt, trotzdem würde mich interessieren, ob jemand meine Retrospektive teilt, deshalb habe ich sie als kleines Aide-Mémoire aufgeschrieben.

Obwohl ich 1954 geboren bin, habe an die 50er Jahre nur wenige kleine Erinnerungs-Bruchstücke. Zum Beispiel wie ich mit vier oder fünf beim Friseur am Hohenzollerndamm, gegenüber von unserer Wohnung, warten musste. Es roch nach angesengten Haaren, Shampoo und Haarspray. Der warme Raum war voll vom Geplauder der Friseurinnen und ihrer Kundinnen. Zur Unterhaltung hatte man mir einen Stern gegeben und die Comic-Seite der Zeitschrift aufgeschlagen. Ich war fasziniert von Julio dem Gummipferd. Aber eine andere, noch frühere Erinnerung drängt sich vor. Bis ich drei war, hatte ich ein Kindermädchen, weil meine Mutter in der großen Altbauwohnung nahe der Uhlandstraße auch ihren Buch- und Phono-Klub betrieb und sehr beschäftigt war. Erika hieß sie und morgens hatte sie die Pflicht in sechs Zimmern die Öfen anzuheizen. Normalerweise trug sie mich auf dem Arm, doch um zu arbeiten, setzte sie mich neben dem Ofen ab und ich wartete sehnsüchtig darauf wieder zurück an meinen Lieblingsplatz an ihrem Busen, sicher von ihrem Arm gehalten, in den Duft ihrer Haare und ihrer Haut, zurückzukommen. Natürlich roch es auch nach altem Rauch, Asche, Kohle und Kohlenanzündern.

IMG_20140309_000160er: Sommerliebe

Für die 60er Jahre ist der frühe Morgen im Sommer, die Zeit, die mir als Erstes einfällt. Wahrscheinlich war ich auf dem Weg zur Grundschule in der Prinzregentenstraße, der fast komplett durch Volkspark Wilmersdorf führte. Später Anfang der 70er bot sich diese Szenerie wieder, wenn ich mit Rainer, morgens aus einer Disco in Richtung Heimat steuerte, um mit ihm noch tiefsinniges Gespräch zu führen. In beiden Fällen roch es nach Blumen und Gras, eben nach Sommer.

IMG_20150205_000270er: Desillusionierung

Die mittleren und späten 70er wecken bei mir stets das Gefühl von Enttäuschung und Desillusionierung. Die 68er Revolte schien fehlgeschlagen zu sein und meine persönliche Entwicklung war in einer Sackgasse steckengeblieben.
Es dämmerte und der Novemberabend roch nach Winter, das erste Mal in diesem Herbst. “Schneeluft” nennen manche Menschen das auch. Aus unerfindlichen Gründen verband ich diesen Geruch und diese Tageszeit mit den 70er Jahren. Keine andere Situation war typischer für das zuende gegangene Jahrzehnt. Der Beginn der Nacht am Anfang des Winters, wenn ich wieder einmal feststellte, dass der vergangene Tag mich nicht weitergebracht hatte. Schon weil ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hin wollte.

IMG_20140726_000380er: Lange Nächte

In den wilden 80er Jahren waren die Nächte lang. Ich befinde mich nachts um drei in einem Klub. Wieso ich noch da bin, weiß ich nicht, ich habe es einfach nicht geschafft nach Hause zu gehen. Es reicht nach Rauch, schalem Bier, Make-Up und ein Hauch von schnellem Sex weht aus Richtung der Toiletten bis auf die Tanzfläche.

IMG_20130820_000290er: Lange Tage

Die 90er Jahre waren für mich das Jahrzehnt der Arbeit. Vielleicht weil ich spät angefangen habe so etwas wie eine Karriere zu verfolgen. Es ist die Mittagspause, ich sitze mit Kollegen in der Kantine und plötzlich und unerwartet steigt in mir das dringende Gefühl auf, völlig falsch an diesem Platz zu sein. Es riecht dampfig-mampfig nach Großküchenfraß, nur Hunger und Gewohnheit lassen mich das Zeug verzehren.

Lassen wir es damit bewenden. Das neue Jahrhundert mir noch zu nahe für die Bildung olfaktorischer Legenden. An welche Berlinische Gerüche erinnert ihr euch, wenn ihr zurückdenkt?

M.K.

Foto 80er Jahre: ©Ingrid Johnson, alle anderen: ©Marcus Kluge

Auf Facebook haben sich viele Leser an ihre eigenen olfaktorischen Erlebnisse erinnert. Einige davon dokumentiere ich hier:

West-Berliner Mauerkinder:

  • Angelika Biermann Vielleicht nicht ganz hier passend – aber der Geruchssinn ist wirklich eng mit dem Gedächtnis verknüpft. Ich habe ab meinem 18. Lbj. durchgehend sehr stark geraucht und mit 53 Jahren aufgehört. Mittlerweile konnte ich fast nichts mehr riechen. In den eMehr anzeigen
  • Marcus Kluge Passt sehr gut, finde ich, Angelika. Danke fürs teilen.
  • Cornelia Grosch Ich weiß noch genau, wie die DDR roch. Aber was war das eigentlich für ein Geruch? Putzmittel, Bodenbelag? Mittlerweile wohl aus der Welt verschwunden…
  • Cornelia Grosch Und die berühmte Berliner Luft im Winter (Smogalarm, Ofenheizung)…
  • Antje Lücke Genau, Cornelia… ich habe ein Reisetagebuch, so ein Chinateil mit Satineinband, das damals immer im Zug mitgereist ist. Und in dem sind nicht nur einige Frankreichreisen festgehalten, nein, es hat auch den Geruch eines Reichsbahnzuges konserviert. Ja, es war Putzmittel. Wie ich feststellte, etliche Bahnhöfe im ehemaligen Osten riechen immer noch leicht danach.
  • Antje Lücke Eine sehr intensive Kindheitserinnerung kommt bei mir auf, wenn ich zur Lindenblütenzeit irgendwo auf einem Berliner Gehweg bin. Dann erinnere ich mich daran, wie klein und bodennah ich mal war und wie es sich angefühlt hat, über den Bürgersteig zu gehen. Und ein Geruch, der natürlich auf ewig in meinem Gehirn festgesetzt ist: frisch gezogene Matrize morgens in der 1. Schulstunde.
  • Rainer Jacob Einmal bin ich auf den S-Bhf. Friedrichstrasse in den Osten gegangen und alles roch nach Amoniak (Katzenpisse), die haben das als Reinigungsmittel eingesetzt. Es gibt auch den typischen Berliner Altbaumodergeruch der aus den Kellern in den Hausflur kriMehr anzeigen
  • Christine Tarawally Bei mir gehört der Geruch von Sarotti und Hinz& Küster zur Kindheit dazu. Je nachdem wie der Wind stand.
  • Andrea Steinbrück Um meine olfaktorischen Erinnerungen in Jahre oder Jahrzehnte einzuteilen, müsste ich noch einmal länger überlegen, aber stark in Erinnerung habe ich als Kind 4711, echt Kölnisch Wasser, den Geruch von frisch gewaschener und gemangelter Wäsche, wenn meMehr anzeigen
  • Antje Lücke Genau, Kopien rochen damals echt übel und auch die Haptik war unangenehm. Ganz zu schweigen vom drauf schreiben *kratz*. Denke ich an die 70er, fällt mir tatsächlich vor allem Parfüm ein. Die Avon-Parfüms meiner Mutter… Limara Green Summer, was ich mMehr anzeigen
  • Antje Lücke Und ein berlintypischer Geruch: Gestern wie heute die U-Bahn. Als Spandauer Kind war so eine U-Bahnfahrt ja was Besonderes. Alle paar Monate fuhren Muttern und icke nach Mariendorf zu meiner Patentante und das war immer spannend. Die Geräusche und Gerüche der U-Bahnfahrten meiner Kindheit sind immer noch präsent. Auch wenn ich später jeden Tag damit fuhr.
  • Andrea Steinbrück Ja, das stimmt, speziell der U-Bahngeruch, da ich auch aus Spandau bin, sind wir nicht sooft U-Bahn gefahren, die gab es ja damals noch nicht
  • Antje Lücke Von Ruhleben halt, wenn man wirklich mal wo hinmusste, wo der Bus nicht hinfuhr oder es zu weit für den Bus war. Zum Zoo kam man von Spandau ja mit Bus.
  • Manuela Golze waschkueche, oller muffiger keller und Kohlenkeller …..anna ecke war ne Tankstelle und dem Bäcker, wenn er morgens die Brötchen und das Brot frisch gebacken hatte, dann Omas 4711, opas Old spice…..und den Geruch von der Eisdiele ….
  • Christine Tarawally Also ich finde seit es in der U-Bahn zahlreiche Bäcker und Imbisse gibt, riechts nicht mehr nach U-Bahn.
Heike Schmitz Der Geruch im Sommer. Wenn es nach langen Hitzetagen gerade angefangen hat zu regnen… Ein Geruch, der einfach unverwechselbar ist.Ich liebte das als Kind schon. Und dann, wenn ich bei meiner Oma im Wedding war, Nahe Amrumer Straße, da roch es immer nach Brauerei. Ein schwerer Geruch. Aber die Umgebung war erfüllt damit. Werde mich immer dran erinnern.
Freies West-Berlin:
Volker Hauptvogel Manchmal roch es im Winter wie im Sommer.
Karola Geisler: die gerüche meiner kindheit: brathering, weisskohleintopf, brühkartoffeln, bohnerwachs, schulduft, kaugummi mit schauspielerbildern (habe noch einen grossen stapel der fotos) seifenladen, fleischerei, kaffeeladen an der oberbaumbrücke mit dem grossen rad im schaufenster (haben marchlewskistr. v. 52 bis 61 gewohnt erstbezug an der weberwiese) und stullentasche mit dem duft der stullen, den man niiiiieee im leben vergisst usw……..*grins*

Berlinische Leben – “The Fundamental Things Apply – Eventually” / Ein Hügel voller Narren Kapitel Elf / von Marcus Kluge / November 1981

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Heute vor 34 Jahren starb Ingrid Bergman in London, die, wenn sie noch lebte,  heute 101 Jahr alt geworden wäre. Obwohl sie als Star und Filmikone gefeiert wurde, hatte sie nichts Laszives und eignete sich kaum als Pin-Up-Girl. Eher verkörperte sie eine neuartiges Frauenbild, dass den stets etwas naiv wirkenden Flapper den 20er und 30er Jahre überwunden hatte und souverän, ihrem Intellekt, wie in “Casablanca”, oder auch bewusst ihrem Gefühl, wie in “Notorious”, folgte.  Dieses elfte Kapitel meines “Schöneberg ’81” Romans ist eine Hommage an sie und den Michael Curtiz Film der, wie kaum ein anderes US-Melodram, meine Generation von deutschen Filmfans begeistert hat.

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(Bisher: Roberto ist wegen seiner Schulden zum Gangsterboss bestellt und ich muss ihn begleiten. In der Gruppe habe ich den rätselhaften August Deter kennengelernt, könnte er eine Hilfe sein? Gudrun meldet sich nicht und mir schwant Böses.)

Der Tag hatte schon schlecht angefangen. Es war ein Freitag, der Tag bevor ich mit Roberto, den Boss der Pistaziengang treffen sollte, ein Termin vor dem ich ziemlichen Bammel hatte. Ich war relativ früh aus dem Bett gekommen, nach dem ersten Kaffee und zwei Zigaretten entschied ich, es wäre höchste Zeit Gudrun anzurufen, damit sie nicht auf falsche Gedanken käme. Damit wollte ich dem Tag einen Kick in die richtige Richtung geben. Der Versuch schlug fehl. Meine Einleitung:
“Hallo Gudrun, nachdem du dich nicht gemeldet hast, wollte ich doch mal einen schönen Tag wünschen, bevor du mich wieder ganz vergisst!”,
wurde von einer unfreundlichen Gudrun mit barschen Worten gekontert:
“Du hast ja Nerven hier so einfach anzurufen, nachdem du dich Montag so heimlich aus dem Staub gemacht hast!”
Ich war geplättet und in kürzester Zeit wurde mein Körper und vor allem mein Hirn von Stresshormonen überflutet und ein Sirren in meinen Ohren wurde so laut, dass ich kaum noch hören konnte, was Gudrun mir sonst noch zu sagen hatte. Offensichtlich empfand sie mein Verschwinden so, als ob ich unsere Liebesnacht im nachhinein zu einem One-Night-Stand erniedrigt hätte. Das Briefchen, das ich zurück gelassen hatte, war völlig anders angekommen, als von mir geplant. Wenn ich doch bloß früher angerufen hätte!

Zusätzlich fiel mir jetzt wieder ein, dass morgen der Tag war, an dem wir diesen Ghobadi treffen sollten. Gern wäre ich wieder ins Bett gegangen, noch lieber hätte ich mein Leben an der Garderobe abgegeben, um mir später ein anderes, besseres zurückgeben zu lassen. Roberto schuldete Ghobadi eine für mich horrende Summe, etwas fünfstelliges nahm ich an. Wie war ich da reingeraten, nachdem ich mich sonst erfolgreich aus allem raushalten konnte? Statt mich hängenzulassen, setzte ich mich an die Maschine und begann zu schreiben. Ich arbeitete an die Filmtexten für Werbeagentur, bis mir einfiel, es wäre wichtiger Gudrun einen Brief zu schreiben und den Versuch zu wagen, doch noch mal zu erklären, wieso ich abgehauen war und das es nichts mit Gudrun oder der Situation zu tun hatte.

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Um mich in Stimmung zu bringen legte ich eine Platte mit Ausschnitten aus Warner Brothers Filmen auf, die auch Musik und Dialoge aus “Casablanca” enthielt. Bogart sagte zwar nicht:
“Play it again, Sam!”
Das war eine Erfindung von Woody Allen für seinen Film aus dem Jahr 1972 gewesen. Nein, Bogart sagte:
“Play it, Sam! You played it for her, you can play it for me.”
Und der brave Sam spielte “As Time Goes By”.

“You must remember this
A kiss is just a kiss, a sigh is just a sigh.
The fundamental things apply
As time goes by.
And when two lovers woo
They still say, “I love you.”
On that you can rely
No matter what the future brings
As time goes by.”

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Ein paarmal zog ich einen angefangenen Text wieder aus der Maschine und warf ihn fort, doch dann gelang mir ein freundlicher, stimmiger Brief, den ich mit einer Prise Komik abrundete. Ja, die richtigen, wichtigen Sachen, Menschen und Ideen tauchten auf. Nur geschah das, meiner Erfahrung nach nie zu früh, sondern eher kurz bevor es zu spät war.

Bevor ich am Nachmittag zur Gruppe beim Psychiater Philippus aufbrach, hatte einer plötzlichen Eingebung folgend das kleine Notizbuch eingesteckt, in dem Robertos Vater seine Erlebnisse als Widerstandskämpfer und Lagerhäftling im Dritten Reich aufgeschrieben hatte. In der Gruppe machte ich mir selbst Luft, ich schilderte das unangenehme Gespräch am Morgen mit Gudrun und wie ich mich falsch verstanden sah. Ich bekam erst sehr viel Mitgefühl und gute Worte von den anderen, aber die Diskussion behielt mich im Fokus und das fühlte sich zunehmend peinlich an. Besonders ein Gruppenmitglied schoss sich auf mich ein und zeigte nicht nur Verständnis für Gudrun, sondern kritisierte mich hart, weil mir mein Schlaf wichtiger als die sich anbahnende Liebesbeziehung war. Ich ärgerte mich, hatte aber weder Lust noch Kraft dagegen zu halten. Zu meinem Erstaunen mischte sich nun August in die Diskussion, den ich für absolut egozentrisch gehalten hatte und nahm mich in Schutz. Zum ersten Mal war er mir sympathisch und mir kam eine Idee.

Nach dem Ende der Gruppensitzung wartete ich, eine Zigarette rauchend, vor dem Haus auf August. Es dämmerte und der Novemberabend roch nach Winter, das erste Mal in diesem Herbst. “Schneeluft” nannten manche Menschen das auch. Aus unerfindlichen Gründen verband ich diesen Geruch und diese Tageszeit mit den 70er Jahren. Keine andere Situation war typischer für das zuende gegangene Jahrzehnt. Der Beginn der Nacht am Anfang des Winters, wenn ich wieder einmal feststellte, dass der vergangene Tag mich nicht weitergebracht hatte. Schon weil ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hin wollte. Dieses Gefühl wollte ich hinter mir lassen, aber war ich denn wenigstens auf dem richtigen Weg?
Ich sprach ihn an, als August das Eckhaus in der Uhlandstraße verließ und er freute sich über meine Einladung, gemeinsam etwas trinken zu gehen. Wir liefen die Uhlandstraße in Richtung Kantstraße und setzten uns dann im Schwarzen Café in eine ruhige Ecke im Ersten Stock. Erst sprachen wir über die Gruppe und den Professor. Über die Gründe, wieso wir die Gruppe besuchten brauchten wir nicht zu sprechen, denn darüber hatten wir uns in den Sitzungen ein Bild machen können. Wir tranken Flaschenbier und ich stellte August ein paar Fragen, die mich schon länger beschäftigten:
“Kannst du dich denn nicht an deine Familie und deine Heimat erinnern?”
“Ja und nein, ich komme wohl aus Wien und ich habe eine Vorstellung, wie meine Eltern waren, oder sind. Aber nichts konkretes, wie der Name fällt mir ein.!”, war seine enttäuschende Antwort.
Ich bohrte weiter:
“Wo hast du diesen Namen her, August Deter?”
“Der stammt aus der Klinik, Philippus meint, der sei ein Insider-Scherz unter Psychoheinis. Keine Ahnung was er meint.”
“Und wovon lebst du, du brauchst doch Geld?”
“Das kommt von so einer Stiftung, Seelenhilfe heißt die. Die haben mich unter ihre Fittiche genommen und haben mir auch Papiere besorgt. Die haben was mit der katholischen Kirche zu tun und sind wohl sehr einflussreich in Süddeutschland.”
“Wieso bist du nun ausgerechnet nach Berlin gekommen?”
“Ich hatte da so ‘nen Zettel bei mir, da stand diese Pension in Berlin drauf und ich hatte das vage Gefühl, ich müsse in Berlin irgendeine Mission erfüllen. Mein Betreuer bei der Seelenhilfe meinte, ich solle dem nachgehen und der hat mir auch Philippus empfohlen.”
Langsam brachte ich das Gespräch auf meinen Freund Roberto und sein Problem:
“Ich wollte dir was zeigen!”, ich holte das Notizbuch von Robertos Vater heraus, zeigte ihm die Fotos und machte ihn auf die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem SS-Offizier aufmerksam. August wurde still, ich bestellte noch zwei Bier und dann begann ich ihm die Geschichte von Roberto, seinem Vater und dann von Ari und dem Schmuggel nach Kanada zu erzählen. Ich berichtete von Aris Selbstmord in Wien und schließlich von der Pistazien-Bande, die nun von Roberto das Geld zurückhaben wollte, das Ari für den Kanada-Coup geliehen hatte.
August hörte aufmerksam zu und begann bald zu nicken, so als ob er die Geschichte schon kannte, oder sich zumindest etwas Ähnliches gedacht hatte.
Ich wusste zwar nicht, worin Augusts Beitrag zur Lösung des Problems bestehen sollte, trotzdem war ich sehr froh, als er signalisierte, er würde uns helfen, irgendetwas würde uns schon einfallen, um die Ansprüche der Gangster zu befriedigen. Ich fühlte mich auf jeden Fall schlagartig besser.
Wir tranken noch ein paar Bier und redeten über Filme, das Wissen darüber und die Liebe zum Film hatte Augusts Amnesie nicht tangiert. Genau wie Ari mochte August Bogart-Filme, besonders die aus der schwarzen Serie und natürlich “Casablanca”.

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Ich probierte, ob er wie Ari auch manche Dialoge auswendig konnte:
“Let’s see. The last time we met…”
Ohne zu zögern, setzte er das Gespräch mit Bogarts Text fort:
“It was La Belle Aurore.”
“How nice, you remember. It was the day the germans marched into Paris.“, ich sprach Ingrid Bergmanns Sätze. August antwortete:
“Not an easy day to forget. I remember every detail. The germans wore grey; you wore blue.”
Wir schüttelten uns vor Lachen, es waren ziemlich viele Biere gewesen.
Wir verabredeten uns für Sonntag im Tempodrom, dann zahlten wir. Auf der Kantstraße verabschiedeten wir uns, natürlich auch stilgemäß. August gab mir das Stichwort:
“You still owe me ten thousand francs.”
Ich sprach den, von Claude Rains gespielten, Polizeichef:
“And that ten thousand francs should pay our expences.”
“Marcus, I think this is the beginning of a beautiful friendship!”

Roberto und ich fuhren mit der U-Bahn nach Dahlem-Dorf und begaben uns auf die Suche nach der Adresse von Ghobadi. Schnell fanden wir sie, wir klingelten an einer kleinen Gittertür mit dem Schild: “Konsulat der Volksrepublik Nord-Samaan”. Wir wurden von einem wohlbeleibten Herrn in Empfang genommen, unter dessen Jacket sich eine Waffe abzeichnete. Das Haus war ein großer, einstöckiger Bungalow, keine Villa, wie ich es erwartet hatte. Im Haus tastete ein zweiter, ebenfalls kräftig gebauter Herr uns auf Waffen ab. Hundertmal hatte ich sowas im Kino gesehen, nun erlebte ich es zum ersten Mal am eigenen Leib. Ein seltsames Gefühl. Der zweite Bodyguard, auch er mit einer Beule unterm Sakko, führte uns in einen Raum, dessen Wände üppig mit Ölgemälden behängt war, der Hausherr hatte wohl eine Schwäche für Familienportraits. Das Genre aus dem 18. Jahrhundert, das im Englischen Conversation Piece und im Italienischen grupo di famiglia genannt wurde. Ich war natürlich kein Experte, aber die Bilder hatten eine hohe Qualität, soviel war klar. Trotz des Wandschmucks war der Raum ungemütlich, es war kalt und es gab keine Sitzgelegenheiten; nur ein großer Perserteppich in der Mitte machte ihn etwas wohnlicher. Der Raum schien klimatisiert zu sein, ich schaute auf eine Anzeige an der Wand, 17° Celsius bei 68% Luftfeuchtigkeit schien das amtliche Klima für Ölgemälde zu sein.
Der wandelnde Schrankkoffer lies uns allein, Roberto und ich schauten uns nicht an und wir wechselten auch kein Wort. Mir war klar, dass Roberto die Muffe genauso ging wie mir. Etwa zehn Minuten lies man uns warten, dann kamen die beiden Bodyguards und brachten Sitzkissen sowie ein Tischchen. Die Möbel drapierten sie auf dem Perserteppich, sodass eine orientalische Sitzgruppe entstand. Einer der beiden verschwand wiederum, während sich der andere wie eine Wache neben die Tür stellte. Wir blieben stehen und schauten uns die Bilder an, jedenfalls taten wir so, als ob.
Eine leise, aber durchdringende Stimme lies uns zusammenfahren, wir drehten uns um, der Hausherr hatte den Raum betreten:
“Salam meine Herren. Ich bin hocherfreut, sie zu begrüßen.”
Er blieb etwa zwei Meter vor uns stehen und deutete ein Verbeugung an, auch wir verbeugten uns tief; ich verbeugte mich unwillkürlich tiefer als der Hausherr und Roberto auch. Ghobadi sah, mit seiner Augenklappe, tatsächlich etwas wie Moshe Dayan aus. Er hatte graumelierte Haare, einen gepflegten Bart und trug einen grauen Tweed-Anzug, der perfekt saß. Bei ihm deutete keine verräterische Beule auf eine Feuerwaffe hin:
“Mein Name ist Mohsen Ghobadi, eigentlich bin ich auch Berliner, ich lebe seit einem Vierteljahrhundert hier.”, er trat nun auf Roberto zu:
“Sie sind also der Herr Oderberger. Ich versichere ihnen meine herzlichstes Beileid zum Tod ihres Vaters. Aber ich hörte, sie haben sich noch von ihm verabschieden können.”
Ghobadi sprach ausgezeichnetes Deutsch, nur ein leicht ölig-verwaschener Akzent verriet, dass er kein Muttersprachler war und er war sehr gut informiert. Er schüttelte Roberto die Hand, der sowas wie “Danke schön” stammelte.
“Wen haben sie denn da mitgebracht?”
Ghobadi blickte neugierig in meine Richtung und ich entschloss mich, zurück zu ölen:
“Sehr geehrter Herr Konsul, ich bin hocherfreut sie kennenzulernen. Mein Name ist Kluge, ich bin Schriftsteller und Journalist und sozusagen als Freund und seelische Unterstützung von Herrn Oderberger hier.”
“Sehr erfreut, Herr Kluge. Freundschaft ist etwas Großartiges, fast so wertvoll wie die Familie. Das ist bei ihnen im Westen leider etwas in Vergessenheit geraten.”
Ghobadi hatte mich mit seinem unbedeckten, blauen Auge scharf angesehen, sodass ich froh war, als er sich wieder Roberto zuwendete:
“Dass ihre Schwester ihr Kind verloren hat ist natürlich auch ungemein traurig, das war sicher nicht unsere Absicht. Aber wenn die Dinge eine gewisse Dringlichkeit erreicht haben, passieren solche Missgeschicke, durch die auch Unschuldige Schaden nehmen. Da kann ich ihnen die Verantwortung auch nicht abnehmen, Herr Oderberger! Das wäre für sie viel praktischer, wenn ein Orientale die Schuld tragen müsste, nicht war?”, er grinste jetzt unverhohlen frech.
“Aber sie und ich wissen, und sicher weiß auch der Herr Kluge, dass die Verantwortung allein bei ihnen liegt.”
Roberto räusperte sich, er war kurz davor etwas zu sagen, doch es blieb beim Wollen. Ich hörte erstaunt über mich selbst, wie ich sagte:
“Aber die Gewalt ging nun mal von ihren Mitarbeitern aus.”
Ghobadi schaute mich etwas mitleidig an:
“Vordergründig haben sie Recht, aber versetzen sie sich in meine Lage. Ein alter Geschäftsfreund aus Indien hat mich gebeten diese Schulden einzusammeln und ich habe Herrn Oderberger mehrfach Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äußern. Aber er hat über viele Wochen keine verbindliche Zusage gemacht. Zweitausend Euro war das einzige, was wir von ihm bekommen. Ein Bruchteil der 30000 Dollar, die, ohne Zinsen, fällig sind. Herr Oderberger hat sich sogar versteckt. Sein Verhalten war respektlos gegen meinen Freund und mich und man könnte auch sagen: betrügerisch. Verzeihen sie mir das starke Wort, aber es ist doch treffend, oder?”
Sein Deutsch war makellos, es war besser, als das der meisten Deutschen. Fast hätte ich Verständnis für ihn gehabt. Ich hätte gern noch etwas über Gewalt gegen eine wehrlose Frau gesagt, doch es war mir nicht möglich Ghobadi zu unterbrechen; ich hatte einfach nicht die Traute, seinen dominanten Redefluss zu stoppen:
“Lassen sie es sich eine Lehre sein, was den Schütz ihrer Familie angeht. Es ist traurig, wenn man erst durch Schaden lernt. Niemand weiß das besser als ich. Aber setzen wir uns doch.”
Er zeigte auf die Sitzgruppe auf dem Teppich. Einer seiner Diener brachte Teegeschirr und Gebäck, er machte uns mit Zeichensprache aufmerksam, unsere Schuhe auszuziehen, dann setzten wir uns. Ohne Schuhe war es ganz schön kalt. Ghobadi verlies kurz den Raum und kam dann mit einer Mappe zurück und setzte sich auch. Der Bedienstete goss uns Tee ein und nötigte uns von den Keksen zu nehmen. Schweigend tranken wir Tee und knabberten Gebäck, schließlich ergriff Ghobadi wieder das Wort:
“Lassen sie mich ihnen eine Geschichte erzählen.”
Wenn ich die Augen zusammen kniff, hätte ich mir vorstellen können, in einem orientalischen Basar zu sitzen und einem Geschichtenerzähler zuzuhören. Es war fast gemütlich, wenn ich bloß keine Angst gehabt hätte.
“Vor rund 30 Jahren war ich der glücklichste Mann Teherans, ich hatte eine wundervolle Frau, zwei Töchter und ich war als Geheimdienstchef einer der mächtigsten Männer des Landes. Mein Freund Mohammad Mossadegh war Premierminister einer demokratisch gewählten Regierung. Er hatte mich zum Geheimdienstchef gemacht, weil ich ein überzeugter Demokrat war, ich hatte in Oxford und Heidelberg studiert und Gewalt machte mir überhaupt keinen Spaß. Gut beim Geheimdienst ist ein gewisses Maß an Druck ünvermeidlich, doch wir versuchten soweit wie möglich ohne Folter und solche Greuel auszukommen. Doch dann stürzte die CIA Mossadegh, ein Agent namens Kermit Roosevelt* schaffte es mit sehr viel Geld, das Land zu destabilieren und schließlich einen Putsch zu organisieren. Diese Aktion nannte der CIA “AJAX”, es war das Vorbild für jeden Staatsstreich der USA seitdem. Wir waren wohl zu naiv und zu friedfertig, um mit der abgefeimten Bosheit dieses Kermit Roosevelt fertigzuwerden. Übrigens sagt man, Kermit soll das Vorbild gewesen sein, nachdem Ian Fleming seine Romanfigur James Bond geformt hat. Kermits Helfer brachten, vor meinen Augen, meine Frau und meine Töchter um, ich wurde entführt und lange gefangen gehalten. Seien sie froh, dass sie ihre Familie noch haben. Die einzige Familie, die ich noch habe, sind diese Bilder.”, wobei er aufstand und auf die Gemälde an den Wänden zeigte.
Ghobadi baute sich vor mir auf, nun zog er eine Art Urkunde aus der Mappe und präsentierte sie mir:
“Das hier ist der Schuldschein. Neben Herrn Olt, der ja leider verstorben ist, hat ihr Freund Herr Oderberger unterschrieben. Seien sie doch so freundlich und lesen sie die Summe vor, Herr Kluge.”
Ich stand auf und nahm das Papier in die Hand.
“30000 Dollar plus Zinsen steht hier.”, las ich laut vor.
“Ich will realistisch sein. Sie haben das Geld nicht, also schauen wir ob es etwas anderes gibt, um ihre Ehre wiederherzustellen. Mein Geschäftsfreund sprach von einer Kamera, die eigentlich im Besitz ihrer Familie sein sollte, Herr Oderberger. Eine Leica, ein sehr seltenes Stück.”
Nun stand Ghobadi direkt vor Roberto, der bei der Erwähnung der Leica zusammenzuckte. Roberto brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Dann sagte er:
“Ja, aber die Leica gehört jemand anderem. Ich kann sie doch nicht stehlen!”
“Nun, wenn sie sie nicht stehlen wollen, müssen sie sich etwas einfallen lassen. Sie sind doch jung, kreativ und risikofreudig, wie ihre Schmuggeleien zeigen.”

In diesem Moment wurde mir übel, ich hatte Angst mich übergeben zu müssen. Genau das war, was ich unbedingt in meinem Leben vermeiden wollte. Riskante Situationen wie diese, die mich möglicherweise in den Knast bringen konnten. Wieso hatte ich mich bloß auf dieses Treffen eingelassen, nun war ich ebenso dran wie Roberto. Karl Valentin soll gesagt haben:
“Der Kopf ist rund damit die Gedanken ihre Richtung ändern können.”
So etwas passierte gerade in meinem Kopf. Meine Angst, mein Ärger verwandelte sich in Wut und diese Wut richtete sich gegen Moshe Ghobadi. Ich fauchte ihn an:
“Sie drohen uns also, wenn wir die Kamera nicht beschaffen, üben sie Gewalt gegen Robertos Familie. Was ist daran moralischer, als das Handeln von Kermit Bond Roosevelt, der ihre Familie umbringen lies. Sollten sie aus ihrer Erfahrung heraus nicht jeder Gewalt abschwören.”
Ghobadi war überrascht und er versuchte amüsiert zu wirken, doch ich schien einen Wirkungstreffer erzielt zu haben. Er baute sich vor mir auf. Ich wich nicht zurück und er zischte:
“Der Mensch ist eine gewalttätige Species. Das was sie hier im Westen Zivisisation nennen ist eine hauchdünne Schicht, die man durch Manipulation jederzeit, bei jedem beseitigen kann. Und gerade sie, Herr Kluge, als Deutscher sollten vorsichtig sein über andere zu urteilen. Sie haben doch sechs Millionen Juden auf bestialische Weise umgebracht.”
Er hatte mich an einem wunden Punkt erwischt, ich drehte irgendwie durch und schubste ihn heftig, so dass er ein paar Schritte rückwärts stolperte. Ich brüllte:
“Ich hab sie doch nicht umgebracht, sondern meine Vorfahren. Ich bin kein Nazi. Aber sie vielleicht!”
Der Wächter neben der Tür hatte seine Waffe gezogen. Die Übelkeit stieg wieder in mir hoch, ich war entsetzt über mein Verhalten. Ghobadi schien nicht besonders geschockt zu sein, im Gegenteil, er ginste:
“Quod erat demonstrandum, meine Herren. So leicht ist es, mit Manipulation Menschen zur Gewalt zu bewegen. Aber setzen wir uns doch wieder.”
Roberto hatte uns mit großen Augen beobachtet und schien in eine Art Schockstarre gefallen zu sein. Ghobadi sprach, als ob nichts geschehen wäre, weiter über seine Gemälde:
“Die einzige Familie die ich noch habe sind meine Bilder. Ich liebe sie wie meine Kinder. Ich würde alles tun, um sie zu beschützen. Und hin und wieder muss ich eine neues adoptieren. Derzeit liebäugele ich mit einem von David Cosgrove. Er war ein nicht sehr bekannter Porträtist des späten 18. Jahrhunderts. Der Sammler, der es besitzt, will es eigentlich nicht verkaufen, doch der Zufall will es, dass er auch ein fanatischer Sammler von Leica-Kameras ist.”
Ich unterbrach Moshe Ghobadi:
“Und wir sollen jetzt ihr Problem lösen, indem wir die Leica klauen, die wahrscheinlich unbezahlbar ist.”, mein Mut erstaunte mich und Roberto schaute angstvoll in meine Richtung.
Ghobadi legte den Kopf schief und sprach in einem freundlicheren Ton weiter:
“Meine Herren, ich will sie doch nicht übers Ohr hauen. Sehen sie doch unsere Beziehung als eine geschäftliche. Ich mache ihnen ein Angebot, Herr Oderberger kann seine Schulden bezahlen und ich würde ihnen bei Übergabe der Leica noch ein angenehmes Sümmchen bar auf die Hand geben. Herr Oderberger könnte seine Familie unterstützen, in Goa ein neues Geschäft aufmachen und sie Herr Kluge…”, Ghobadi klopfte mir auf die Schulter:
“… könnten sich auch einen Traum erfüllen. Wie wäre es, wenn ich den Schuldschein zerreiße und 60000 Mark draufzahle?”

Ich handelte noch ein wenig, die Summe stieg etwas und Ghobadi lies Champagner bringen, um unseren Geschäftsabschluss zu feiern. Auf dem Rückweg waren Roberto und ich bester Laune bis uns bewusst wurde, dass wir keinen blassen Schimmer hatten, wie wir die Kamera aus Alex Legrands Besitz in unseren bringen sollten. In der S-Bahn saßen wir stumm nebeneinander. Mein inneres Radio spielte “As Time Goes By” und ich wunderte mich über mich selbst.

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“It’s still the same old story
A fight for love and glory
A case of do or die.
The world will always welcome lovers
As time goes by.”

– wird fortgesetzt –

*Kermit Roosevelt:

http://en.wikipedia.org/wiki/Kermit_Roosevelt,_Jr.

http://articles.mcall.com/2004-07-19/news/3560416_1_iranian-oil-iran-s-oil-kermit-roosevelt

Illustration: Rainer Jacob

Berlinische Leben – “Fünfziger Jahre Stadtbummel” / West-Berlin Fotos

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Als Anhang eine Geschichte aus den 50ern:

 http://wp.me/p3UMZB-TR

Fotos: ©Marcus Kluge

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Eddie Two Hawks

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