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Familienportrait: “Easy Andi Solo Gitarre” / Portrait einer Freundschaft / 1969-1999

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Drei Uhr am Nachmittag, trotz der Sonnenstrahlen ist es eiskalt im Tiergarten. Wir drücken uns um eine Bank herum und rauchen. Das Kino fängt erst um halb vier an. “Easy Rider” läuft im Kino Bellevue am Hansaplatz. Zuerst ist es im Kino auch noch kalt, doch dann wird uns fast so warm, wie den beiden Bikern im Film, auf der Leinwand vor uns. Trotz des traurigen Endes, die von Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson gespielten Figuren sterben, haben wir gute Laune. Der Film hat uns Kraft gegeben. Andi, Richard und ich spinnen herum, wie wir durch Amerika biken, Geld verdienen und uns als Rockband feiern lassen. Das meiste davon ist utopisch, doch die Geschichte mit der Band verfolgen wir weiter. Es ist der 11. März 1970.

In diesem Sommer und Herbst werde ich mir immer wieder die Nase an Otto Simonowskys Musikhaus am Zoo plattdrücken. Erst 44 Jahre später werde ich erfahren, dass auch Dee Dee Ramone hier seine erste Gitarre gekauft hat. Da er mit der sechsseitigen Gitarre nicht gut klarkommt, wechselt er später zum Bass. Ich träume von Anfang an von einem Bass. Ich ahne, dass sechs Saiten zuviel für mich sind.

Im Sommer 1970 gehe ich mit Andi zum Smoke-In im Tiergarten. Jeden Sonnabend nachmittags sitzen hier “Gammler”, so werden sie im Fernsehen genannt. Sie drehen Joints und kiffen. Beim ersten Mal gab es noch Flugblätter, die das Happening als politische Demonstration bezeichnen. Eine Art Demo ist es auch, aber hauptsächlich ist es eine kollektive Lebensäußerung von Außenseitern in einem Land, das zum Spießbürgertum neigt und das aus seiner Nazivergangenheit kaum etwas gelernt hat. Die Langhaarigen, die hier mit Bongos, Gitarren und Maultrommeln sitzen, provozieren, testen ihre Spielräume aus und sie vertreiben mit ihrem Tun die kleinbürgerlichen Geister der Vergangenheit. Über der Szene bilden sich Rauchwolken. Die Polizei ist auch da, berittene Beamte umkreisen in weitem Bogen die “Gammler”.

Andi und mich nennt man auch Gammler mit unseren mehr als schulterlangen Haaren, den ausgefransten Jeans und den Batik-T-Shirts. Zum Beispiel, wenn wir an Baustellen vorbei kommen hören wir: “Euch hätte man früher vergast.” oder “Geht doch in den Osten, ihr Dreckschweine.” Schläge werden uns angedroht und manchmal müssen wir auch flitzen, um diesen zu entgehen. Acht oder neun Jahre später werde ich wieder an Baustellen vorbeikommen und wieder werden mir Schläge angedroht, nur dieses Mal wegen meiner raspelkurzen Haare, selbst wenn sie nicht gefärbt sind. Denn die Bauarbeiter haben inzwischen selbst lange Haare und lange Koteletten, sie tragen Jeans und bunte T-Shirts, während ich nur noch schwarz trage.

Zu Weihnachten 1970 bekomme ich einen weißen Höfner-Bass, der aussieht wie eine Telecaster. 1971 treten wir ein paarmal auf. Es macht viel Spaß, Andi zeigt mir die Bassläufe, ein großes musikalisches Talent habe ich, im Gegensatz zu ihm, nicht. Richard trommelt, Rolf spielt klaglos Rhythmusgitarre, während Andi sich in ultralangen Solos verliert. Dann wird unsere Anlage geklaut, damit ist das Thema Band für mich erstmal erledigt. Andi jammt mit unterschiedlichen Musikern, in eine neue Band steigt er nicht ein.

Die meisten meiner Freunde sind Frauen und die männlichen sind meist sehr kommunikativ veranlagt. Wenn wir zusammen sind, sprechen wir stundenlang miteinander und wenn wir uns trennen, bleibt Vieles ungesagt, das eigentlich noch gesagt werden müsste. Nur mit Andi ist es anders, wir sprechen nicht soviel. Manchmal laufen wir lange nebeneinander durch den Wald ohne irgendein Wort. Wenn wir reden, dreht es sich um Liebe, Sehnsucht und unsere Träume. Über Frauen sprechen wir häufig, wenn wir Liebeskummer haben, trösten wir uns und frozzeln herum, bis der Blues wieder besser wird.

Andi ist fast immer in eine Frau verliebt. Meist aus der Distanz, aber in erreichbarer Ferne. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, dauert diese meist nicht lange. Andi mit seinen langen, dunklen Haaren und dem androgynen Blick macht auf viele Frauen Eindruck. Er ist aber nie an einem One-Night-Stand interessiert, für ihn gibt es immer nur das momentane Ideal, die aktuelle Frau seiner Frau seiner Träume, die große Liebe. Wenn er dann mit ihr zusammen ist, kann die Wirklichkeit nicht mithalten mit dem Traum. Für mich kann die Realität zum Traum werden, ich verliebe mich auch in Frauen, die ich zufällig treffe oder die auf mich zukommen. Für ihn ist nur der Traum die Realität. Nur die Eine zählt und im Laufe seines Lebens ändert sich das nicht. Im Gegenteil, er wird immer zentrierter auf die jeweilige Traumfrau und die Frauen, die er sich aussucht sind immer weiter entfernt von ihm und immer schwerer zu erobern.

Anfang der 70er Jahre sind wir noch jung und wir glauben an unsere Träume. Oft fotografieren wir uns, im Tiergarten oder in Kudammnähe. Einmal ist seine derzeitige Flamme Sabine dabei. Ich fotografiere die beiden in der klassischen Film-Ende-Pose, wie sie mit ihren Levis in Richtung Sonnenuntergang marschieren. Wie Andi auf sie gekommen ist, kann ich nicht nachvollziehen. Nach ein paar Tagen bekommt er auch Zweifel und beendet die Romanze.

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Andi und ich gehen zusammen tanzen. Eine Weile besuchen wir donnerstags die Dachluke am Mehringdamm. Der Disc-Jockey ist meistens Gunter Gabriel, erst zwei oder drei Jahre später wird seinen ersten Hit haben: “Er fährt ‘nen 30 Tonner-Diesel”. Gegen zehn, wenn die Tanzfläche noch leer ist, spielt er für uns den “Midnight Rambler” von den Rolling Stones. Dann ziehen wir unsere Tanzshow ab, die langen Mähnen und die zehn Zentimeter hohen “Market”-Boots spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich weiß das “strangle” würgen heißt, trotzdem wird mir erst Jahre später klar, dass der Song einen Serienmörder beschreibt.

1972 fahren wir im Sommer auf die Insel Texel, als Kind war ich schon mal da, die wilde Nordsee hat mir gut gefallen. Wir haben uns ein Zelt geborgt, als wir am späten Abend auf dem Campingplatz ankommen bauen wir es auf, so gut wir können. In der Nacht regnet es und wir wachen klitschnass auf am nächten Morgen. Zum einen haben wir in einer Senke gezeltet und das Zelt war auch nicht richtig geschlossen. Trotz solcher Probleme geniessen wir die Zeit sehr. Hier regt sich niemand über unsere langen Haare auf und wir lernen nette Leute kennen. Nur das Wetter ist nicht so toll. Oft sitzen wir in der gemütlichen Caféteria, essen leckere Pommes und trinken Kakao. Das geht ins Geld. Abends gehen wir ein paarmal in die große Disco, dort sehen wir Bands wie Golden Earring, Ekseption und Focus. Besonders die beiden letzten gefallen Andi, er mag die Einflüsse klassischer Musik. Er ist ein großer Fan von Keith Emerson, der bei The Nice und Emerson, Lake & Palmer, Bach und andere klassische Komponisten einfließen lässt. Ich bin kein Fan dieses Stil-Mixes, doch live ist es OK für mich. Schliesslich sind wir pleite. Ich muss meine Mutter anrufen und sie schickt uns Geld.

Zurück in Berlin überredet Andi mich, mit ihm ins Big Eden zu gehen. Mir ist die große Disco am Kudamm eigentlich zu poppig, aber ich bin ein guter Freund, oder vielleicht will ich nur nicht allein tanzen gehen. Es ist die Zeit des Glam-Rocks, wir stylen uns androgyn mit Augen-Make-Up, weiten Hosen und hohen Absätzen. Da wird man ab und zu blöd angemacht und zu zweit lässt sich das besser aushalten. Und immerhin hat Andi Recht, im Big Eden kann man gut Frauen kennenlernen.

Er lernt zuerst jemand kennen und hat für ein paar Monate eine Beziehung. Dann lerne ich Katrin kennen, sie ist 17 und hat schon ein Kind. Sie wohnt in einem Heim für minderjährige Mütter in Grunewald. Sie ist ein herzensguter Mensch, ein bißchen zu gut vielleicht. Mit Rolf Eden hatte sie eine Romanze, oder viel mehr was der “Playboy” dafür hält. Sie fand es schick im Porsche herumkutschiert zu werden und in teuren Restaurants essen zu gehen. Der Sex mit dem 42jährigen Kneipier scheint ihr eine akzeptable Gegenleistung zu sein. Ich sehe das anders, aber halte den Mund um sie nicht zu verletzen. Auf jeden Fall sind mir Gestalten wie Eden zuwider seitdem. Das arme Mädchen denken zu lassen, da wäre eventuell ein wohlhabender Mann, der für sie und ihre Tochter sorgen könnte ist schäbig. Egal wie naiv Katrins Hoffnung gewesen sein mag. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, ob ich für Katrin mehr als ein Flirt sein könnte. Ich bin selber noch ein Kind, habe keinen richtigen Job, keinen Beruf. Mit meiner “no future”-Perspektive bin ich nicht der Richtige für sie und die Liebschaft ist zuende, noch bevor sie richtig angefangen hat. Auch Andi ist bald wieder Single.

Den Juli 1973 verbringt Andi mit meiner Familie in St.-Jean-de-Monts am Atlantik. Er ist froh nicht mit seinen Eltern Urlaub machen zu müssen. Ich lasse mir die langen Haare abschneiden in diesem Urlaub. In Frankreich nervt es besonders lange Haare zu haben, da sind die Franzosen weder sehr freiheitlich noch brüderlich. “Ils sont chauvins”, sagt uns ein Mädchen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, wieso ich zum Friseur gehe, ich habe das Gefühl erwachsen werden zu müssen und die Matte scheint mir da zu stören. Andi findet es blöd, dass ich mich unter die Schere begebe. Er mag auch das modische Tweed-Sacco nicht das ich jetzt öfter trage.

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St.-Jean-de-Monts

Andi ist ein Nachzügler. Sein Vater ist ein pensionierter Studienrat, seine Schwester war schon aus dem Haus, als Andi zur Welt kam. Auf dem Rückweg von der Atlantikküste besuchen wir Andis Eltern, die am Stadtrand von Paris ein Feriendomizil haben. Mir fällt auf, wie wenig seine Eltern ihn verstehen oder auf ihn eingehen. Sie behandeln ihn wie ein Kind und können wenig mit diesem androgynen Mädchenschwarm anfangen, der unmerklich unter ihrer Obhut groß geworden ist. Groß ja, aber nicht erwachsen.

Wieder in Berlin entwickeln sich unsere Leben unterschiedlich. Ich gehe nicht mehr tanzen mit ihm. Ich lege jetzt selber Scheiben auf, im ersten Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Andi kommt nur einmal vorbei, es gefällt ihm nicht. Ich wohne mit Ilona, meiner ersten großen Liebe in einer WG in der Schlüterstraße. Nach der Trennung von Ilona ziehe ich zu einem Freund in die Knesebeckstraße. Währendessen hat Andi seine einzige längere Beziehung. Dreieinhalb Jahre ist er mit seiner Traumfrau zusammen. Die Trennung die folgt erlebt er als traumatisch. Er fühlt sich tief verletzt, betrogen und er macht den Fehler zu verallgemeinern. Danach wird er von “den Frauen” sprechen und es wird ihm an diesem Grundvertrauen fehlen das erforderlich ist, um eine partnerschaftliche Beziehung einzugehen. Ich versuche ihm diese Misogynie auszureden, aber da hat sich etwas festgesetzt bei ihm.

Richtig erwachsen kommt er mir nie vor, auch in seinem späteren Leben nicht. Er war Peter Pan ähnlich, der immer ein Junge blieb. Ich konnte mir Andi nie in einem Büro oder in einer Fabrik vorstellen. Er versuchte das Leben leicht zu nehmen, “easy” war eines seiner Lieblingswörter. Ich weiß nicht was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht das Taxi fahren zum Gelderwerb entdeckt hätte. Das Taxi fahren ermöglicht ihm weiter seinen Träumen nachzuhängen, so braucht er keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Er verdient gut dabei, er fährt lange Schichten, ist freundlich und bekommt viel Trinkgeld. Er ist sich durchaus dieser Schwebe bewusst, in der sich seine Existenz befindet. Taxi fahren ist kein richtiger Beruf für einen Schöngeist, einen begabten Musiker wie ihn. Aber er fährt weiter und er leidet darunter, dass die Menschen, die er fährt ein richtiges Leben führen, eine richtige Arbeit haben und eine richtige Familie. Das Alles hat er nicht und er fühlt, da ist ein Spalt zwischen ihm und seinen Fahrgästen und er weiß nicht wie er diesen Spalt überwinden soll, um ins richtige Leben zu gelangen. Er kauft sich ein kleines Studio zusammen, vom Taxigeld und pfriemelt nächtelang an seinen Tracks, ist aber nie so richtig zufrieden.

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Ausflug 1990

In der Zeit nach dem Mauerfall machen wir viele Ausflüge. Ich habe noch keinen Führerschein, den schenke ich mir erst zum 40sten Geburtstag und er hat einen gewissen Spielraum die bequeme Daimler-Droschke privat zu nutzen. Meist nehmen wir meine Mutter mit. Sie und er mögen sich, so wie meine Mutter hätte er sich seine eigene auch gewünscht. Wir besuchen Langschaftsgärten in Branitz und bei Dessau, dort besuchen wir auch das Bauhaus. Wir fahren nach Bad Muskau an der polnischen Grenze. Auch dort hat Fürst Pückler einen grandiosen Park geschaffen, die abgebrannte Ruine eines Schlosses krönt die Lausitzer Parklandschaft an der Neisse. Meine Mutter hat sentimentale Erinnerungen, sie war im Krieg dort ausquartiert mit ihrer Arbeitsstelle, hat dort das erste Mal allein gewohnt. Mein Vater hat sie auf Fronturlaub besucht, als Alles noch offen war, ob sie wirklich ein Paar werden oder gar heiraten und ein Kind bekommen. Wir besuchen auch Bad Liebenwerda, wo meine Familie mütterlicherseits herkommt. Meine Oma musste es 1910 verlassen um in Berlin in “Stellung” zu gehen. 15 war sie da.

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Bad Liebenwerda, 1990

Anfang der 90er Jahre besucht er mich in meinem Büro im Offenen Kanal Berlin. Das ich so eine richtige Aufgabe finde, hatten wir beide nicht erwartet. Er würde gern weg vom “auf dem Bock sitzen” und fremde Leute kutschieren. Er hat eine Idee, er würde gern mit Musik Geld verdienen. Er hat eine fünfstellige Summe ausgegeben, um sich ein fast professionelles Tonstudio aufzubauen. Er würde gern Filme vertonen, Filmmusik schreiben, Jingles für Werbung oder On-Air-Promotion fabrizieren. Ich kann ihm erklären, wie so etwas technisch funktioniert. Doch ich kann ihm nicht helfen in die Branche zu kommen. Eigentlich braucht man Beziehnugen dafür und die bekommt nur, wenn man irgendwie in diesem Bereich arbeitet, egal als was. Und einen langen Atem muss man haben. Soziale Kompetenz hilft viele Kollegen kennen zu lernen. Und nie darf man müde werden auf eine Chance zu warten. Andi hat weder einen langen Atem noch ausgeprägte soziale Kompetenz. Ich biete ihm an, eine Produktion zu suchen die jemanden braucht der die Filmmusik komponiert, damit er erste Erfahrungen sammeln kann. Das will er aber nicht. Ich kann nur vermuten, er hat Angst zu versagen, sich vor fremden Leuten zu blamieren.

Ich zeige Andi noch den Sender, dann fahren wir in Richtung Kudamm um bei mir noch ein Bier zu trinken. Ich glaube es passierte im Bahnhof Seestraße. Kurz nach dem Losfahren macht der U-Bahnfahrer eine Vollbremsung, wir die Fahrgäste hören ein schrilles Quietschen und das Licht geht aus. Die Türen sind blockiert, wir können uns denken was da passiert es. Erst nach zehn Minuten werden wir von Feuerwehrleuten aus dem Bahnhof geführt. Nur in eine Richtung dürfen die Fahrgäste den Bahnhof verlassen. In Richtung des Triebwagens wird niemand gelassen, dort wo ein armer Teufel eben sein Leben verloren hat, nicht ohne dabei den Zugfahrer zu traumatisieren. Das Schlimmste, das was ich nicht vergessen werde, ist der Geruch. Die U-Bahn ist gesperrt, die Busse sind voll, also laufen wir einfach vom Wedding bis zum Kranzler-Eck, mitten durch den Tiergarten, wo wir uns als Teenager fotografiert haben. Wir laufen stumm nebeneinander. Eigentlich wollten wir bei mir am Rankeplatz noch ein Bier trinken. Wir lassen es, es ist uns nicht danach. Vor dem Kudamm-Eck umarmen wir uns zum Abschied.

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Dänemark 1993

Noch einmal machen wir zusammen Urlaub, wir wohnen in einem Wohnwagen an der Ostsee in Dänemark. Wir reden nicht viel, machen lange Wanderungen, spielen Karten. Es fehlt uns nichts, wir sind zufrieden. Manchmal abends fühlen wir eine Leere, dann geht einer von uns zu der netten Kaufmannsfrau und bringt ein halbe Flasche Gammel Dansk zurück. Große Flaschen gibt es nicht. Ich arbeite viel in den 90er Jahren. Er fährt Taxi und macht Musik. Er findet tatsächlich eine Band mit der er eine Weile zusammen spielt. Er nimmt sogar ein Album auf mit “Prussia”, er ist inzwischen auf den Bass umgestiegen. Das ist nochmal ein Entwicklungsschritt von ihm, das Soli spielen auf der Gitarre aufzugeben und brav den Bass zu bedienen. Vielleicht wird er doch noch erwachsen.

Die Nachricht ist ein Schock. Meine Mutter ruft mich an, berichtet das Andis Schwester sie informiert hat, meine neue Telefonnummer hat sie nicht gefunden. Andi ist tot, völlig überraschend ist er krank geworden. Er hat keine Luft mehr bekommen, es soll ein Pilz in seiner Lunge gewesen sein. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Das ist jetzt viele Jahre her, trotzdem vermisse ich Andi, ich denke oft an ihn und träume von ihm. Bis heute.

Marcus Kluge

Dieser Text ist jetzt auch in gedruckter Form erhältlich. Das “Xanadu-Fanheft” vereinigt Geschichten, Fotos und Materialien zu Kindheit und Jugend in den 1960er und frühen 1970er Jahren. “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Porno, Hasch und Rauschgifthunde” ergründen das Klima in der Mauerstadt West-Berlin. Für 5 Euro kann man das Heft bei marcusklugeberlin@yahoo.de bestellen, oder für 18 €  zusammen mit dem Roman (Inkl. Verpackung und Porto innerhalb Deutschlands)

“Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin” Roman, 148 Seiten Format DINA5 beschnitten, mit 13 Illustrationen, erschienen Juli 2015 bei “Edition Assassin”, 13Euro inkl. Verpackung und Porto.

Bestellbar bei: marcusklugeberlin@yahoo.de

Familienportrait – „Böse Lieder“ / Der verhinderte Guitar-Man / 1959-2003

„Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“ Johann Gottfried Seume, 1804

Er hätte es besser wissen müssen, denn Johann Gottfried Seume hat am eigenen Leibe erfahren, dass auch auch böse Menschen Lieder haben. 1781 wurde er, auf dem Weg zum Studium in Paris, von Soldatenwerbern ergriffen und zum Militärdienst gezwungen. Viele Jahre verbrachte er unfreiwillig in hessischen und preußischen Diensten. Fast wäre er beim “Spießrutenlaufen” getötet worden, wenn nicht ein adliger Freund sich für ihn eingesetzt hätte. Dieser bewirkte, dass die Strafe in Kerkerhaft umgewandelt wurde. Erst 1789, als ihm das preußische Militär Urlaub gegen Kaution gibt, kann er flüchten und in Leipzig weiter studieren. Und das Soldaten Lieder singen war damals, genau wie heute, an der Tagesordnung. Er hätte also allen Grund gehabt Sängern zu misstrauen. Vielleicht ist Seumes Lob der Musik gar nicht so eindeutig positiv gemeint, wie allenthaben angenommen wird? Vielleicht spricht aus den Zeilen die sanfte Ironie eigener Lebenserfahrung?
Es könnte aber auch meine Projektion sein, denn mir ist Musik häufig suspekt, und die, die sie verbreiten umso mehr. Man könnte mein Verhältnis zur Musik zwiespältig nennen. Ich liebe sie, doch nicht immer und schon gar nicht überall. Ich liebe sie nur in Maßen und das geht mir, älterwerdend, noch stärker so. Es ist eine schwierige Liebe.
Immer häufiger verbanne ich die Musik aus meiner Umgebung. Ganz schützen kann man sich ja nicht, überall hört man sie, ob man will oder nicht: im Supermarkt, beim Fernsehen, im Fahrstuhl. Also entscheide ich mich daheim, wo ich die Kontrolle habe, oft gegen Musik. Sie löst bei mir meist ungewollte Emotionen aus und das wird mir zuviel. Mich den ganzen Tag über Kopfhörer beschallen lassen, habe ich das letzte Mal gemacht, als die Tonträger noch Kassetten hießen und als Heim-Computer Commodore Amiga oder Atari XL ganz weit vorne waren. Doch da war ich jung und experimentierfreudig und habe mich mit Musik berauscht und versucht meine Stimmung zu steuern und heben. Es hat sogar funktioniert, weil ich nur Gutbekanntes gehört habe. Der Gedanke daran ist mir heute gruselig und Menschen mit Kopfhörern sind mir, ebenso suspekt, wie Leute, die mit einem Headset telefonieren und scheinbar mit sich selbst reden.
Musik ist wahrscheinlich das alltägliche Phänomen, das uns am häufigsten mit so etwas wie Zauberei in Verbindung bringt. Denn auf rätselhafte Weise ist Musik in der Lage unsere Stimmung und Verfassung zu verändern. Sogar an Tieren und Pflanzen hat man diesen Effekt beobachtet. Musik verändert unseren Pulsschlag und die Muskelspannung. Bei agressiver Musik werden Stresshormone, bei ruhiger, Noradrenalin ausgeschüttet und Beta-Endorphine verursachen Glücksgefühle. Meist hebt Musik unsere Stimmung und verbessert unser Wohlbefinden. Tausende von Formatradios leben davon. In der Medizin wird Musik als Therapie geschätzt, allerdings funktioniert sie nicht bei jedem Krankheitsbild. Etwa bei Missbrauchsopfern ist Musik-Therapie kontraindiziert, denn sie kann den Patienten “triggern” und die schreckliche Erlebnisse seines Traumas noch einmal durchleben lassen. Die USA benutzen Musik gar als Folterinstrument, wobei nicht nur die große Lautstärke wirkt, sondern auch die Auswahl der Stücke. Zu den “Greatest Hits of Guantanomo” sollen Metallica, Bruce Springsteen, Eminem und die Titelmusik der Sesamstraße gehören. “Laut abgespielt, löst solche Musik einen Adrenalinschub aus, der Mensch findet keine Ruhe mehr”, erklärt Christine Schoenmakers von Amnesty International. Kombiniert mit ständigem Schlafentzug und taghellem Licht sind die Menschen “letztlich traumatisiert”, sagt die Expertin.
Musik und Krieg sind schon lange verbunden, denken wir nur an Marschmusik. Musik ist eine Macht, im Guten wie im Schlechten.

Eine weitere unerquickliche Erscheinungsform der Musik ist der Ohrwurm. Der Begriff soll bildlich ausdrücken, dass die Musik wie ein Wurm in den Gehörgang hineinkriecht und dort bleibt. Deutsch Lernende begeistert das Wort. Den vom Ohrwurm Befallenen belästigt er durch seine schiere Anwesenheit und kann im Extremfall bis zur Raserei führen. Mitte der 90er Jahre hatte ich den schlimmsten Ohrwurm meines Lebens. Er hatte sogar einen tieferen, für mich prophetischen Sinn, doch der offenbahrte sich mir erst viel später.
Der Ohrwurm war einfach nur schrecklich und dauerte fast zwei Wochen. Eingefangen hatte ich ihn mir auf einem Sommerfest in einer Datschenkolonie im tiefen Brandenburg. Die Kolonie-Band trat mehrfach auf, den größten Erfolg hatte sie mit “Oh Lonesome Me”, den Don Gibson-Hit von 1957, wahrscheinlich weil es der einzige Song war, den sie geprobt hatten. Das Lied beschreibt einen Mann mit Liebeskummer, der sich daheim in Selbstmitleid windet, während seine Ex fröhlich um die Häuser zieht und neue Liebhaber sucht. Ich hatte zuviel getrunken, ich war unzufrieden mit meinem Leben, doch begriff ich nicht, wie tief dieses Gefühl saß. Am frühen Morgen fuhren wir im kalten Regen in einem Kübelwagen ohne Verdeck zurück nach Berlin. Ein Radio hatte das Gefährt auch nicht, in meinem Kopf fing der Don Gibson-Song an zu wüten, er sollte tagelang nicht aufhören. Ich war mit meinem Leben in einer Sackgasse. Aber es würden noch viele Jahre vergehen, bis ich mir darüber klarwurde. Damals im Kübelwagen wusste ich es nicht, glücklicherweise. Nur eine ungute Vorahnung spürte ich und das Lied drückte die trübe Stimmung perfekt aus, die mich lange begleiten sollte.

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Schon als kleines Kind wollte ich die Magie der Musik beherrschen. Ich wollte der Zauberer sein, der auf einer Bühne musiziert und das Publikum begeistert. Ich war fünf, als ich unsere Hauswartsfrau am Hohenzollerndamm erschreckte, in dem ich auf dem Hof “Die Zuhälterballade” von Kurt Weill sang. Mein Gedächtnis war bereits ausgezeichnet, ich hatte den Song oft gehört, und so intonierte ich eine ganze Strophe:

“Und wenn ein Freier kam kroch ich aus unserm Bett
und drückte mich zu meinem Kirsch und war sehr nett
Und wenn er blechte, sprach ich zu ihm “Herr,
wenn Sie mal wieder wollen – bitte sehr!”
So hielten wir’s ein gutes halbes Jahr
in dem Bordell wo unser Haushalt war.”

Es machte mir großen Spaß zu singen und ich freute mich über Publikum. Die Hauswartsfrau war entsetzt, meine Eltern fanden es eher komisch. Sie gaben mit meinen musikalischen Leistungen bei ihren Freunden an. Dann entdeckte ich Freddy Quinn und kurz danach Elvis, “Guitar Man” wurde meine Initialzündung für die Rockmusik. Ich bekam eine kleine billige Gitarre, ich posierte damit für viele Fotos, aber es gelang mir nicht, auch nur ein einziges Lied zu lernen. Ich liebte die Musik sehr, aber sie liebte mich nicht im gleichen Maße zurück. Ich habe keine große musikalische Begabung und es mangelte mir an Fleiß, sonst hätte ich durch tägliches Üben trotzdem Erfolge erzielen können. Politisch unkorrekt könnte man sagen, ich bin musikalisch behindert. Trotzdem liebte ich es Musik zu hören. Ebenso wie das Lesen, benutzte ich die Musik, um mir kleine Fluchten zu ermöglichen. Mit neun Jahren hatte ich eine Stoffwechselstörung, mein Körper entwickelte sich nicht “ordnungsgemäß”. Ich wurde für vier Wochen in ein Krankenhaus gesteckt. Man machte wohl Untersuchungen und zum Schluss wird man beschlossen haben mir männliche Hormone zu geben, um meine physische Erscheinung in die gewünsche Bahn zu lenken. Das alles habe erst vor ein paar Jahren begriffen, damals verstand ich nichts, hatte große Angst, weil mir niemand erklärte, was überhaupt mit mir geschah. Die Kinderklinik in Westend war ziemlich schlimm. Die Dreibettzimmer waren an zwei Seiten verglast und hießen Boxen und wir durften sie in der Regel nicht verlassen. Ich hatte auch nichts zu lesen und langweilte mich, genau wie die anderen Kinder, furchtbar. Das einzige was uns blieb war ein Radio, mit dem wir den ganzen Tag Popmusik hörten. In der DDR war eben DT64 gegründet worden und Ost und West-Berlin wetteiferten um die Hörer. Ein Unterschied war nur zu hören, wenn man genau auf die wenigen Textbeiträge hörte. Der Hit, der die Wellen in diesen Tagen dominierte, war “Pretty Woman” von Roy Orbinson, die geniale riffbetonte Rockballade. “Pretty Woman” wurde auch die erste Single, die ich mir von eigenem Geld kaufte. Rockmusik hatte mir damals über einige schlimme Wochen geholfen. Nach drei Wochen Klinik, in denen nichts für mich erkennbar passierte, war ich derartig genervt, dass ich am Wochenende über den Zaun stieg und ohne Orientierung in die Richtung lief, in der ich das heimatliche Wilmersdorf vermutete. Ich fand mich in der Wilmersdorfer Straße und fuhr mit der Straßenbahn nachhause. Leider musste ich am Montag noch einmal für fünf Tage in die klinische Kinderkaserne einrücken. Aber immerhin hatte ich lebensrettende Wirkung und Kraft von Rockmusik entdeckt.

Ich tat mich schwer Noten zu lernen, ich brauchte ein Klavier und viel Zeit, um das Notensystem zu verstehen. Ich nahm Klavierstunden bei einem Freund meiner Mutter, dem Schriftsteller Robert T. Odeman*. Nach einiger Zeit beschlossen wir, in gegenseitigem Einvernehmen, den Klavierunterricht zu beenden, weil ich keinerlei Fortschritte machte. Wir hatten uns von da an sehr gut unterhalten, er war belesen, ich lernte viel über Literatur und das Leben eines schwulen Künstlers in den Niederungen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Nazis hatten ihn als Schwulen ins KZ gesteckt und ihm die Hände gebrochen, damit er keine keine deutschen Komponisten mehr durch sein Spiel “entehren” konnte.
Als 15-jähriger machte ich einen weiteren Versuch Musiker zu werden. Ich bekam den ersehnten E-Bass von Höfner, der wie eine Telecaster aussah. In meiner Band “Spoiled Saturn” spielte ich Bass, weil er überschaubarer war, schließlich hatte er nur vier Saiten. Es reichte für ein Bluesschema, einfache Läufe und mein guter, leider viel zu früh verstorbener Freund Andi** zeigte mir ein Solo, das ich reproduzierte. Selber ausdenken konnte ich mir sowas nicht. Wir traten ein paarmal auf, aber es sind keine Aufnahmen überliefert. 1970 war private Aufnahmegeräte noch selten. Dann wurde unsere Anlage geklaut und für mich war erstmal Schluss mit dem musizieren. Ich hatte wohl auch die Erkenntnis, nie ein Bassman wie Jack Bruce oder wenigstens Bill Wyman zu werden.

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Bandfoto: Cut-Up-Swingers

Erst im Alter von Mitte 20 hatte ich mit der Experimentalband Cut-Up-Swingers minimalen Erfolg. Das reichte mir und ich beschloss die Welt in Zukunft von meinen selbstgemachten Tondichtungen zu verschonen und legte die “Guitar-Man-Träume” zur Seite. Ich verlegte mich wieder aufs hören und besonders bei meinen Liebesbeziehungen spielte die Musik stets eine wichtige Rolle. Fast jedes Liebespaar hat ja eine spezielle Lieblingsmelodie:

“Liebling, sie spielen unser Lied!”

Aber die Wirkung kann umschlagen. Nach der Scheidung meiner Eltern,
als ich etwa zwölf war hatte meine Mutter eine Liebesaffaire zu einem jüngeren Mann. Das “Trailer-Lied” dieser Liebe war “Strangers in the Night” von Frank Sinatra. Wenn ich die Single für meine Mutter auflegte, konnte ich beobachten, wie sich ihre Stimmung hob. Ein paar Monaten später bemerkte ich, dass meine Mutter traurig war, ich wollte die Platte auflegen, aber sie schüttelte den Kopf, sie wollte nicht. Ich fragte wieso. Sie antwortete, es gäbe “athmosphärische Störungen”. Ich verstand es nicht sofort, aber etwas später begriff ich: die Affaire war vorbei, das Lied hatte seinen Zauber verloren. Meine Mutter war Mitte 40 und es sollte ihre letzte Beziehung bleiben. Ich glaube, es war ihre Entscheidung das Thema endgültig zu den Akten zu legen. Diese letzte Liebe war nachhaltig, noch viele Jahre später versuchte sie den, um viele Jahre jüngeren Partner, aufzuspüren, um einen letzten Versuch mit ihm zu machen. Nach ihrem Tode fand ich Briefe, die das bezeugten. Man muss natürlich berücksichtigen, das es damals sehr ungewöhnlich war, wenn eine ältere Frau mit einem 13 oder 14 Jahre jüngeren Mann zusammen war. Das ist ja leider noch heute nicht selbstverständlich. Sie hätte sich ohne Probleme über die Konvention hinweg gesetzt, aber er war ziemlich konservativ und sah, wie ich auch aus Briefen erfuhr, seine “Männlichkeit” durch diese Liebesbeziehung in Gefahr.
Ich fand es schade, dass meine Mutter allein blieb, ich hätte ihr gewünscht noch einmal einen Partner zu finden. Über die eigentlichen Gründe sprach sie nie direkt, erst nach ihrem Tod fand ich sie heraus.

Bei mir schien sich das Thema Liebe auch irgendwann erledigt zu haben. Ich lernte einfach niemand mehr kennen, in den ich mich verlieben konnte. Ironischerweise konnte ich im Rückblick, den Beginn dieser Dürreperiode ziemlich genau bestimmen, und zwar war es, als mich der Ohrwurm “Oh Lonesome Me” quälte. Ironie des Schicksals! Die Liebeskummer-Ballade vom “Einsamen Ich” läutete eine schwierige Lebensphase ohne Liebe ein. In den ersten Jahren waren die Anzeichen noch diskret, erst im Rückblick erkenne ich ihre Bedeutung. Die Arbeit war nicht mehr so befriedigend, wie in den Jahren zuvor. Ich machte mehrfach im Jahr kleine Reisen nach Prag, dort hatte ich mir eine ungetrübte Sonntagswelt aufgebaut, in die ich ab und zu flüchten konnte, wenn der Druck zu stark wurde und die Unzufriedenheit mich depressiv machte. In Berlin machte ich spät noch den Führerschein, mit dem Auto begann ich immer häufiger aus Berlin hinauszufahren, um die ländliche Welt zu genießen. Auch das war nichts Ungewöhnliches, nur im Rückblick sehe die eskapistische Qualität dieser kleinen Fluchten.
Um die Jahrtausendwende wurde ich krank, erst litt das Privatleben und dann die Arbeit. 2003 versuchte ich mit einer Reha wieder gesund zu werden. Als die Klinik mich nach sieben Wochen wieder nachhause schickte war entschieden, dass ich meine Arbeit bei dem kleinen Sender, der heute ALEX heißt, aufgeben müsste.

In der Klinik lernte ich eine Psychotherapeutin kennen. Sie sah aus, wie Winnetous Schwester und wir flirteten ein wenig. Ich hatte mich ein bißchen in sie verguckt, aber als Patient eine zwölf Jahre jüngere Therapeutin anzubaggern, schien mir zu verwegen. Nur einmal macht ich “Anstalten”. Gegen 18 Uhr sah ich sie in der Lobby, der Klinik, ihrem Feierabend zustrebend. Ich hetzte über den Parkplatz in meinen Wagen und schaffte es, wie zufällig neben ihr zu halten und ihr einen Lift anzubieten. Ich fuhr sie nachhause und wir plauderten sehr angeregt. Dabei blieb es aber, zum Abschied drückten wir uns etwas enger und länger, als angemessen gewesen wäre und ich fuhr nach Berlin zurück im Bewusstsein, sie nie wieder zu sehen. Doch das Leben hatte noch eine Überraschung inpetto.

Drei Wochen nach Ende der Reha bekam ich eine Karte von ihr. Morgens fand ich sie im Briefkasten. “Ob ich ihr eine persönliche Frage gestatten würde?” Im Auto, auf dem Weg zu einem Freund, wurde mir klar: Sie hatte sich in mich verliebt, wie ich mich in sie. Im CD-Spieler lief die Filmmusik von “The Big Lebowski”. Die emotional umwerfende Version von “Hotel California”, spanisch gewaltig griffen Los Lobos in die Saiten. Ich weinte Freundentränen. Die Fernbeziehung wurde nicht einfach und nach zwei Jahren mussten wir aufgeben, aber eines wurde mir klar. Verlieben kann man sich jederzeit. Egal wie alt man wird… Wie beruhigend. – – – Vielleicht wird irgendwann sogar noch ein richtiger Guitar-Man aus mir? Man soll die Hoffnung nie ganz aufgeben …

Marcus Kluge

Illustration: Rainer Jacob

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottfried_Seume

*Robert T. Odeman:
http://wp.me/p3UMZB-8E

**Andis Geschichte:
http://wp.me/p3UMZB-S8

Oh Lonesome Me
Everybody’s going out and having fun
I’m just a fool for staying home and having none
I can’t get over how she set set me free oh lonesome me
A bad mistake I’m making by just hanging round
I know that I should have some fun and paint the town
A lovesick fool is blind and just can’t see oh lonesome me
I’ll bet she’s not like me she’s out and fancy free
She’s flirtin’ with the boys with all her charms
But I still love her so and brother don’t you know
I’d welcome her right back here in my arms
Well there must be some way I can lose these lonesome blues
Forget about the past and find somebody new
I’ve thought of everything from A to Z oh lonesome me

Well I’ll bet she’s not like me…
Oh lonesome me oh lonesome me

Berlinische Leben – “Easy Andi Solo Gitarre” / Portrait einer Freundschaft / 1969-1999

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Drei Uhr am Nachmittag, trotz der Sonnenstrahlen ist es eiskalt im Tiergarten. Wir drücken uns um eine Bank herum und rauchen. Das Kino fängt erst um halb vier an. “Easy Rider” läuft im Kino Bellevue am Hansaplatz. Zuerst ist es im Kino auch noch kalt, doch dann wird uns fast so warm, wie den beiden Bikern im Film, auf der Leinwand vor uns. Trotz des traurigen Endes, die von Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson gespielten Figuren sterben, haben wir gute Laune. Der Film hat uns Kraft gegeben. Andi, Richard und ich spinnen herum, wie wir durch Amerika biken, Geld verdienen und uns als Rockband feiern lassen. Das meiste davon ist utopisch, doch die Geschichte mit der Band verfolgen wir weiter. Es ist der 11. März 1970.

In diesem Sommer und Herbst werde ich mir immer wieder die Nase an Otto Simonowskys Musikhaus am Zoo plattdrücken. Erst 44 Jahre später werde ich erfahren, dass auch Dee Dee Ramone hier seine erste Gitarre gekauft hat. Da er mit der sechsseitigen Gitarre nicht gut klarkommt, wechselt er später zum Bass. Ich träume von Anfang an von einem Bass. Ich ahne, dass sechs Saiten zuviel für mich sind.

Im Sommer 1970 gehe ich mit Andi zum Smoke-In im Tiergarten. Jeden Sonnabend nachmittags sitzen hier “Gammler”, so werden sie im Fernsehen genannt. Sie drehen Joints und kiffen. Beim ersten Mal gab es noch Flugblätter, die das Happening als politische Demonstration bezeichnen. Eine Art Demo ist es auch, aber hauptsächlich ist es eine kollektive Lebensäußerung von Außenseitern in einem Land, das zum Spießbürgertum neigt und das aus seiner Nazivergangenheit kaum etwas gelernt hat. Die Langhaarigen, die hier mit Bongos, Gitarren und Maultrommeln sitzen, provozieren, testen ihre Spielräume aus und sie vertreiben mit ihrem Tun die kleinbürgerlichen Geister der Vergangenheit. Über der Szene bilden sich Rauchwolken. Die Polizei ist auch da, berittene Beamte umkreisen in weitem Bogen die “Gammler”.

Andi und mich nennt man auch Gammler mit unseren mehr als schulterlangen Haaren, den ausgefransten Jeans und den Batik-T-Shirts. Zum Beispiel, wenn wir an Baustellen vorbei kommen hören wir: “Euch hätte man früher vergast.” oder “Geht doch in den Osten, ihr Dreckschweine.” Schläge werden uns angedroht und manchmal müssen wir auch flitzen, um diesen zu entgehen. Acht oder neun Jahre später werde ich wieder an Baustellen vorbeikommen und wieder werden mir Schläge angedroht, nur dieses Mal wegen meiner raspelkurzen Haare, selbst wenn sie nicht gefärbt sind. Denn die Bauarbeiter haben inzwischen selbst lange Haare und lange Koteletten, sie tragen Jeans und bunte T-Shirts, während ich nur noch schwarz trage.

Zu Weihnachten 1970 bekomme ich einen weißen Höfner-Bass, der aussieht wie eine Telecaster. 1971 treten wir ein paarmal auf. Es macht viel Spaß, Andi zeigt mir die Bassläufe, ein großes musikalisches Talent habe ich, im Gegensatz zu ihm, nicht. Richard trommelt, Rolf spielt klaglos Rhythmusgitarre, während Andi sich in ultralangen Solos verliert. Dann wird unsere Anlage geklaut, damit ist das Thema Band für mich erstmal erledigt. Andi jammt mit unterschiedlichen Musikern, in eine neue Band steigt er nicht ein.

Die meisten meiner Freunde sind Frauen und die männlichen sind meist sehr kommunikativ veranlagt. Wenn wir zusammen sind, sprechen wir stundenlang miteinander und wenn wir uns trennen, bleibt Vieles ungesagt, das eigentlich noch gesagt werden müsste. Nur mit Andi ist es anders, wir sprechen nicht soviel. Manchmal laufen wir lange nebeneinander durch den Wald ohne irgendein Wort. Wenn wir reden, dreht es sich um Liebe, Sehnsucht und unsere Träume. Über Frauen sprechen wir häufig, wenn wir Liebeskummer haben, trösten wir uns und frozzeln herum, bis der Blues wieder besser wird.

Andi ist fast immer in eine Frau verliebt. Meist aus der Distanz, aber in erreichbarer Ferne. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, dauert diese meist nicht lange. Andi mit seinen langen, dunklen Haaren und dem androgynen Blick macht auf viele Frauen Eindruck. Er ist aber nie an einem One-Night-Stand interessiert, für ihn gibt es immer nur das momentane Ideal, die aktuelle Frau seiner Frau seiner Träume, die große Liebe. Wenn er dann mit ihr zusammen ist, kann die Wirklichkeit nicht mithalten mit dem Traum. Für mich kann die Realität zum Traum werden, ich verliebe mich auch in Frauen, die ich zufällig treffe oder die auf mich zukommen. Für ihn ist nur der Traum die Realität. Nur die Eine zählt und im Laufe seines Lebens ändert sich das nicht. Im Gegenteil, er wird immer zentrierter auf die jeweilige Traumfrau und die Frauen, die er sich aussucht sind immer weiter entfernt von ihm und immer schwerer zu erobern.

Anfang der 70er Jahre sind wir noch jung und wir glauben an unsere Träume. Oft fotografieren wir uns, im Tiergarten oder in Kudammnähe. Einmal ist seine derzeitige Flamme Sabine dabei. Ich fotografiere die beiden in der klassischen Film-Ende-Pose, wie sie mit ihren Levis in Richtung Sonnenuntergang marschieren. Wie Andi auf sie gekommen ist, kann ich nicht nachvollziehen. Nach ein paar Tagen bekommt er auch Zweifel und beendet die Romanze.

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Andi und ich gehen zusammen tanzen. Eine Weile besuchen wir donnerstags die Dachluke am Mehringdamm. Der Disc-Jockey ist meistens Gunter Gabriel, erst zwei oder drei Jahre später wird seinen ersten Hit haben: “Er fährt ‘nen 30 Tonner-Diesel”. Gegen zehn, wenn die Tanzfläche noch leer ist, spielt er für uns den “Midnight Rambler” von den Rolling Stones. Dann ziehen wir unsere Tanzshow ab, die langen Mähnen und die zehn Zentimeter hohen “Market”-Boots spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich weiß das “strangle” würgen heißt, trotzdem wird mir erst Jahre später klar, dass der Song einen Serienmörder beschreibt.

1972 fahren wir im Sommer auf die Insel Texel, als Kind war ich schon mal da, die wilde Nordsee hat mir gut gefallen. Wir haben uns ein Zelt geborgt, als wir am späten Abend auf dem Campingplatz ankommen bauen wir es auf, so gut wir können. In der Nacht regnet es und wir wachen klitschnass auf am nächten Morgen. Zum einen haben wir in einer Senke gezeltet und das Zelt war auch nicht richtig geschlossen. Trotz solcher Probleme geniessen wir die Zeit sehr. Hier regt sich niemand über unsere langen Haare auf und wir lernen nette Leute kennen. Nur das Wetter ist nicht so toll. Oft sitzen wir in der gemütlichen Caféteria, essen leckere Pommes und trinken Kakao. Das geht ins Geld. Abends gehen wir ein paarmal in die große Disco, dort sehen wir Bands wie Golden Earring, Ekseption und Focus. Besonders die beiden letzten gefallen Andi, er mag die Einflüsse klassischer Musik. Er ist ein großer Fan von Keith Emerson, der bei The Nice und Emerson, Lake & Palmer, Bach und andere klassische Komponisten einfließen lässt. Ich bin kein Fan dieses Stil-Mixes, doch live ist es OK für mich. Schliesslich sind wir pleite. Ich muss meine Mutter anrufen und sie schickt uns Geld.

Zurück in Berlin überredet Andi mich, mit ihm ins Big Eden zu gehen. Mir ist die große Disco am Kudamm eigentlich zu poppig, aber ich bin ein guter Freund, oder vielleicht will ich nur nicht allein tanzen gehen. Es ist die Zeit des Glam-Rocks, wir stylen uns androgyn mit Augen-Make-Up, weiten Hosen und hohen Absätzen. Da wird man ab und zu blöd angemacht und zu zweit lässt sich das besser aushalten. Und immerhin hat Andi Recht, im Big Eden kann man gut Frauen kennenlernen.

Er lernt zuerst jemand kennen und hat für ein paar Monate eine Beziehung. Dann lerne ich Katrin kennen, sie ist 17 und hat schon ein Kind. Sie wohnt in einem Heim für minderjährige Mütter in Grunewald. Sie ist ein herzensguter Mensch, ein bißchen zu gut vielleicht. Mit Rolf Eden hatte sie eine Romanze, oder viel mehr was der “Playboy” dafür hält. Sie fand es schick im Porsche herumkutschiert zu werden und in teuren Restaurants essen zu gehen. Der Sex mit dem 42jährigen Kneipier scheint ihr eine akzeptable Gegenleistung zu sein. Ich sehe das anders, aber halte den Mund um sie nicht zu verletzen. Auf jeden Fall sind mir Gestalten wie Eden zuwider seitdem. Das arme Mädchen denken zu lassen, da wäre eventuell ein wohlhabender Mann, der für sie und ihre Tochter sorgen könnte ist schäbig. Egal wie naiv Katrins Hoffnung gewesen sein mag. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, ob ich für Katrin mehr als ein Flirt sein könnte. Ich bin selber noch ein Kind, habe keinen richtigen Job, keinen Beruf. Mit meiner “no future”-Perspektive bin ich nicht der Richtige für sie und die Liebschaft ist zuende, noch bevor sie richtig angefangen hat. Auch Andi ist bald wieder Single.

Den Juli 1973 verbringt Andi mit meiner Familie in St.-Jean-de-Monts am Atlantik. Er ist froh nicht mit seinen Eltern Urlaub machen zu müssen. Ich lasse mir die langen Haare abschneiden in diesem Urlaub. In Frankreich nervt es besonders lange Haare zu haben, da sind die Franzosen weder sehr freiheitlich noch brüderlich. “Ils sont chauvins”, sagt uns ein Mädchen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, wieso ich zum Friseur gehe, ich habe das Gefühl erwachsen werden zu müssen und die Matte scheint mir da zu stören. Andi findet es blöd, dass ich mich unter die Schere begebe. Er mag auch das modische Tweed-Sacco nicht das ich jetzt öfter trage.

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St.-Jean-de-Monts

Andi ist ein Nachzügler. Sein Vater ist ein pensionierter Studienrat, seine Schwester war schon aus dem Haus, als Andi zur Welt kam. Auf dem Rückweg von der Atlantikküste besuchen wir Andis Eltern, die am Stadtrand von Paris ein Feriendomizil haben. Mir fällt auf, wie wenig seine Eltern ihn verstehen oder auf ihn eingehen. Sie behandeln ihn wie ein Kind und können wenig mit diesem androgynen Mädchenschwarm anfangen, der unmerklich unter ihrer Obhut groß geworden ist. Groß ja, aber nicht erwachsen.

Wieder in Berlin entwickeln sich unsere Leben unterschiedlich. Ich gehe nicht mehr tanzen mit ihm. Ich lege jetzt selber Scheiben auf, im ersten Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Andi kommt nur einmal vorbei, es gefällt ihm nicht. Ich wohne mit Ilona, meiner ersten großen Liebe in einer WG in der Schlüterstraße. Nach der Trennung von Ilona ziehe ich zu einem Freund in die Knesebeckstraße. Währendessen hat Andi seine einzige längere Beziehung. Dreieinhalb Jahre ist er mit seiner Traumfrau zusammen. Die Trennung die folgt erlebt er als traumatisch. Er fühlt sich tief verletzt, betrogen und er macht den Fehler zu verallgemeinern. Danach wird er von “den Frauen” sprechen und es wird ihm an diesem Grundvertrauen fehlen das erforderlich ist, um eine partnerschaftliche Beziehung einzugehen. Ich versuche ihm diese Misogynie auszureden, aber da hat sich etwas festgesetzt bei ihm.

Richtig erwachsen kommt er mir nie vor, auch in seinem späteren Leben nicht. Er war Peter Pan ähnlich, der immer ein Junge blieb. Ich konnte mir Andi nie in einem Büro oder in einer Fabrik vorstellen. Er versuchte das Leben leicht zu nehmen, “easy” war eines seiner Lieblingswörter. Ich weiß nicht was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht das Taxi fahren zum Gelderwerb entdeckt hätte. Das Taxi fahren ermöglicht ihm weiter seinen Träumen nachzuhängen, so braucht er keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Er verdient gut dabei, er fährt lange Schichten, ist freundlich und bekommt viel Trinkgeld. Er ist sich durchaus dieser Schwebe bewusst, in der sich seine Existenz befindet. Taxi fahren ist kein richtiger Beruf für einen Schöngeist, einen begabten Musiker wie ihn. Aber er fährt weiter und er leidet darunter, dass die Menschen, die er fährt ein richtiges Leben führen, eine richtige Arbeit haben und eine richtige Familie. Das Alles hat er nicht und er fühlt, da ist ein Spalt zwischen ihm und seinen Fahrgästen und er weiß nicht wie er diesen Spalt überwinden soll, um ins richtige Leben zu gelangen. Er kauft sich ein kleines Studio zusammen, vom Taxigeld und pfriemelt nächtelang an seinen Tracks, ist aber nie so richtig zufrieden.

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Ausflug 1990

In der Zeit nach dem Mauerfall machen wir viele Ausflüge. Ich habe noch keinen Führerschein, den schenke ich mir erst zum 40sten Geburtstag und er hat einen gewissen Spielraum die bequeme Daimler-Droschke privat zu nutzen. Meist nehmen wir meine Mutter mit. Sie und er mögen sich, so wie meine Mutter hätte er sich seine eigene auch gewünscht. Wir besuchen Langschaftsgärten in Branitz und bei Dessau, dort besuchen wir auch das Bauhaus. Wir fahren nach Bad Muskau an der polnischen Grenze. Auch dort hat Fürst Pückler einen grandiosen Park geschaffen, die abgebrannte Ruine eines Schlosses krönt die Lausitzer Parklandschaft an der Neisse. Meine Mutter hat sentimentale Erinnerungen, sie war im Krieg dort ausquartiert mit ihrer Arbeitsstelle, hat dort das erste Mal allein gewohnt. Mein Vater hat sie auf Fronturlaub besucht, als Alles noch offen war, ob sie wirklich ein Paar werden oder gar heiraten und ein Kind bekommen. Wir besuchen auch Bad Liebenwerda, wo meine Familie mütterlicherseits herkommt. Meine Oma musste es 1910 verlassen um in Berlin in “Stellung” zu gehen. 15 war sie da.

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Bad Liebenwerda, 1990

Anfang der 90er Jahre besucht er mich in meinem Büro im Offenen Kanal Berlin. Das ich so eine richtige Aufgabe finde, hatten wir beide nicht erwartet. Er würde gern weg vom “auf dem Bock sitzen” und fremde Leute kutschieren. Er hat eine Idee, er würde gern mit Musik Geld verdienen. Er hat eine fünfstellige Summe ausgegeben, um sich ein fast professionelles Tonstudio aufzubauen. Er würde gern Filme vertonen, Filmmusik schreiben, Jingles für Werbung oder On-Air-Promotion fabrizieren. Ich kann ihm erklären, wie so etwas technisch funktioniert. Doch ich kann ihm nicht helfen in die Branche zu kommen. Eigentlich braucht man Beziehnugen dafür und die bekommt nur, wenn man irgendwie in diesem Bereich arbeitet, egal als was. Und einen langen Atem muss man haben. Soziale Kompetenz hilft viele Kollegen kennen zu lernen. Und nie darf man müde werden auf eine Chance zu warten. Andi hat weder einen langen Atem noch ausgeprägte soziale Kompetenz. Ich biete ihm an, eine Produktion zu suchen die jemanden braucht der die Filmmusik komponiert, damit er erste Erfahrungen sammeln kann. Das will er aber nicht. Ich kann nur vermuten, er hat Angst zu versagen, sich vor fremden Leuten zu blamieren.

Ich zeige Andi noch den Sender, dann fahren wir in Richtung Kudamm um bei mir noch ein Bier zu trinken. Ich glaube es passierte im Bahnhof Seestraße. Kurz nach dem Losfahren macht der U-Bahnfahrer eine Vollbremsung, wir die Fahrgäste hören ein schrilles Quietschen und das Licht geht aus. Die Türen sind blockiert, wir können uns denken was da passiert es. Erst nach zehn Minuten werden wir von Feuerwehrleuten aus dem Bahnhof geführt. Nur in eine Richtung dürfen die Fahrgäste den Bahnhof verlassen. In Richtung des Triebwagens wird niemand gelassen, dort wo ein armer Teufel eben sein Leben verloren hat, nicht ohne dabei den Zugfahrer zu traumatisieren. Das Schlimmste, das was ich nicht vergessen werde, ist der Geruch. Die U-Bahn ist gesperrt, die Busse sind voll, also laufen wir einfach vom Wedding bis zum Kranzler-Eck, mitten durch den Tiergarten, wo wir uns als Teenager fotografiert haben. Wir laufen stumm nebeneinander. Eigentlich wollten wir bei mir am Rankeplatz noch ein Bier trinken. Wir lassen es, es ist uns nicht danach. Vor dem Kudamm-Eck umarmen wir uns zum Abschied.

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Dänemark 1993

Noch einmal machen wir zusammen Urlaub, wir wohnen in einem Wohnwagen an der Ostsee in Dänemark. Wir reden nicht viel, machen lange Wanderungen, spielen Karten. Es fehlt uns nichts, wir sind zufrieden. Manchmal abends fühlen wir eine Leere, dann geht einer von uns zu der netten Kaufmannsfrau und bringt ein halbe Flasche Gammel Dansk zurück. Große Flaschen gibt es nicht. Ich arbeite viel in den 90er Jahren. Er fährt Taxi und macht Musik. Er findet tatsächlich eine Band mit der er eine Weile zusammen spielt. Er nimmt sogar ein Album auf mit “Prussia”, er ist inzwischen auf den Bass umgestiegen. Das ist nochmal ein Entwicklungsschritt von ihm, das Soli spielen auf der Gitarre aufzugeben und brav den Bass zu bedienen. Vielleicht wird er doch noch erwachsen.

Die Nachricht ist ein Schock. Meine Mutter ruft mich an, berichtet das Andis Schwester sie informiert hat, meine neue Telefonnummer hat sie nicht gefunden. Andi ist tot, völlig überraschend ist er krank geworden. Er hat keine Luft mehr bekommen, es soll ein Pilz in seiner Lunge gewesen sein. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Das ist jetzt viele Jahre her, trotzdem vermisse ich Andi, ich denke oft an ihn und träume von ihm. Bis heute.

Marcus Kluge

Dieser Text ist jetzt auch in gedruckter Form erhältlich. Das “Xanadu-Fanheft” vereinigt Geschichten, Fotos und Materialien zu Kindheit und Jugend in den 1960er und frühen 1970er Jahren. “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Porno, Hasch und Rauschgifthunde” ergründen das Klima in der Mauerstadt West-Berlin. Für 5 Euro kann man das Heft bei marcusklugeberlin@yahoo.de bestellen, oder für 18 €  zusammen mit dem Roman (Inkl. Verpackung und Porto innerhalb Deutschlands)

“Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin” Roman, 148 Seiten Format DINA5 beschnitten, mit 13 Illustrationen, erschienen Juli 2015 bei “Edition Assassin”, 13Euro inkl. Verpackung und Porto.

Bestellbar bei: marcusklugeberlin@yahoo.de

Familienportrait – „Liebes Lied Böses Lied“ / Der verhinderte Guitar-Man / 1959-2003

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„Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“ Johann Gottfried Seume, 1804

Er hätte es besser wissen müssen, denn Johann Gottfried Seume hat am eigenen Leibe erfahren, dass auch auch böse Menschen Lieder haben. 1781 wurde er, auf dem Weg zum Studium in Paris, von Soldatenwerbern ergriffen und zum Militärdienst gezwungen. Viele Jahre verbrachte er unfreiwillig in hessischen und preußischen Diensten. Fast wäre er beim “Spießrutenlaufen” getötet worden, wenn nicht ein adliger Freund sich für ihn eingesetzt hätte. Dieser bewirkte, dass die Strafe in Kerkerhaft umgewandelt wurde. Erst 1789, als ihm das preußische Militär Urlaub gegen Kaution gibt, kann er flüchten und in Leipzig weiter studieren. Und das Soldaten Lieder singen war damals, genau wie heute, an der Tagesordnung. Er hätte also allen Grund gehabt Sängern zu misstrauen. Vielleicht ist Seumes Lob der Musik gar nicht so eindeutig positiv gemeint, wie allenthaben angenommen wird? Vielleicht spricht aus den Zeilen die sanfte Ironie eigener Lebenserfahrung?
Es könnte aber auch meine Projektion sein, denn mir ist Musik häufig suspekt, und die, die sie verbreiten umso mehr. Man könnte mein Verhältnis zur Musik zwiespältig nennen. Ich liebe sie, doch nicht immer und schon gar nicht überall. Ich liebe sie nur in Maßen und das geht mir, älterwerdend, noch stärker so. Es ist eine schwierige Liebe.
Immer häufiger verbanne ich die Musik aus meiner Umgebung. Ganz schützen kann man sich ja nicht, überall hört man sie, ob man will oder nicht: im Supermarkt, beim Fernsehen, im Fahrstuhl. Also entscheide ich mich daheim, wo ich die Kontrolle habe, oft gegen Musik. Sie löst bei mir meist ungewollte Emotionen aus und das wird mir zuviel. Mich den ganzen Tag über Kopfhörer beschallen lassen, habe ich das letzte Mal gemacht, als die Tonträger noch Kassetten hießen und als Heim-Computer Commodore Amiga oder Atari XL ganz weit vorne waren. Doch da war ich jung und experimentierfreudig und habe mich mit Musik berauscht und versucht meine Stimmung zu steuern und heben. Es hat sogar funktioniert, weil ich nur Gutbekanntes gehört habe. Der Gedanke daran ist mir heute gruselig und Menschen mit Kopfhörern sind mir, ebenso suspekt, wie Leute, die mit einem Headset telefonieren und scheinbar mit sich selbst reden.
Musik ist wahrscheinlich das alltägliche Phänomen, das uns am häufigsten mit so etwas wie Zauberei in Verbindung bringt. Denn auf rätselhafte Weise ist Musik in der Lage unsere Stimmung und Verfassung zu verändern. Sogar an Tieren und Pflanzen hat man diesen Effekt beobachtet. Musik verändert unseren Pulsschlag und die Muskelspannung. Bei agressiver Musik werden Stresshormone, bei ruhiger, Noradrenalin ausgeschüttet und Beta-Endorphine verursachen Glücksgefühle. Meist hebt Musik unsere Stimmung und verbessert unser Wohlbefinden. Tausende von Formatradios leben davon. In der Medizin wird Musik als Therapie geschätzt, allerdings funktioniert sie nicht bei jedem Krankheitsbild. Etwa bei Missbrauchsopfern ist Musik-Therapie kontraindiziert, denn sie kann den Patienten “triggern” und die schreckliche Erlebnisse seines Traumas noch einmal durchleben lassen. Die USA benutzen Musik gar als Folterinstrument, wobei nicht nur die große Lautstärke wirkt, sondern auch die Auswahl der Stücke. Zu den “Greatest Hits of Guantanomo” sollen Metallica, Bruce Springsteen, Eminem und die Titelmusik der Sesamstraße gehören. “Laut abgespielt, löst solche Musik einen Adrenalinschub aus, der Mensch findet keine Ruhe mehr”, erklärt Christine Schoenmakers von Amnesty International. Kombiniert mit ständigem Schlafentzug und taghellem Licht sind die Menschen “letztlich traumatisiert”, sagt die Expertin.
Musik und Krieg sind schon lange verbunden, denken wir nur an Marschmusik. Musik ist eine Macht, im Guten wie im Schlechten.

Eine weitere unerquickliche Erscheinungsform der Musik ist der Ohrwurm. Der Begriff soll bildlich ausdrücken, dass die Musik wie ein Wurm in den Gehörgang hineinkriecht und dort bleibt. Deutsch Lernende begeistert das Wort. Den vom Ohrwurm Befallenen belästigt er durch seine schiere Anwesenheit und kann im Extremfall bis zur Raserei führen. Mitte der 90er Jahre hatte ich den schlimmsten Ohrwurm meines Lebens. Er hatte sogar einen tieferen, für mich prophetischen Sinn, doch der offenbahrte sich mir erst viel später.
Der Ohrwurm war einfach nur schrecklich und dauerte fast zwei Wochen. Eingefangen hatte ich ihn mir auf einem Sommerfest in einer Datschenkolonie im tiefen Brandenburg. Die Kolonie-Band trat mehrfach auf, den größten Erfolg hatte sie mit “Oh Lonesome Me”, den Don Gibson-Hit von 1957, wahrscheinlich weil es der einzige Song war, den sie geprobt hatten. Das Lied beschreibt einen Mann mit Liebeskummer, der sich daheim in Selbstmitleid windet, während seine Ex fröhlich um die Häuser zieht und neue Liebhaber sucht. Ich hatte zuviel getrunken, ich war unzufrieden mit meinem Leben, doch begriff ich nicht, wie tief dieses Gefühl saß. Am frühen Morgen fuhren wir im kalten Regen in einem Kübelwagen ohne Verdeck zurück nach Berlin. Ein Radio hatte das Gefährt auch nicht, in meinem Kopf fing der Don Gibson-Song an zu wüten, er sollte tagelang nicht aufhören. Ich war mit meinem Leben in einer Sackgasse. Aber es würden noch viele Jahre vergehen, bis ich mir darüber klarwurde. Damals im Kübelwagen wusste ich es nicht, glücklicherweise. Nur eine ungute Vorahnung spürte ich und das Lied drückte die trübe Stimmung perfekt aus, die mich lange begleiten sollte.

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Schon als kleines Kind wollte ich die Magie der Musik beherrschen. Ich wollte der Zauberer sein, der auf einer Bühne musiziert und das Publikum begeistert. Ich war fünf, als ich unsere Hauswartsfrau am Hohenzollerndamm erschreckte, in dem ich auf dem Hof “Die Zuhälterballade” von Kurt Weill sang. Mein Gedächtnis war bereits ausgezeichnet, ich hatte den Song oft gehört, und so intonierte ich eine ganze Strophe:

“Und wenn ein Freier kam kroch ich aus unserm Bett
und drückte mich zu meinem Kirsch und war sehr nett
Und wenn er blechte, sprach ich zu ihm “Herr,
wenn Sie mal wieder wollen – bitte sehr!”
So hielten wir’s ein gutes halbes Jahr
in dem Bordell wo unser Haushalt war.”

Es machte mir großen Spaß zu singen und ich freute mich über Publikum. Die Hauswartsfrau war entsetzt, meine Eltern fanden es eher komisch. Sie gaben mit meinen musikalischen Leistungen bei ihren Freunden an. Dann entdeckte ich Freddy Quinn und kurz danach Elvis, “Guitar Man” wurde meine Initialzündung für die Rockmusik. Ich bekam eine kleine billige Gitarre, ich posierte damit für viele Fotos, aber es gelang mir nicht, auch nur ein einziges Lied zu lernen. Ich liebte die Musik sehr, aber sie liebte mich nicht im gleichen Maße zurück. Ich habe keine große musikalische Begabung und es mangelte mir an Fleiß, sonst hätte ich durch tägliches Üben trotzdem Erfolge erzielen können. Politisch unkorrekt könnte man sagen, ich bin musikalisch behindert. Trotzdem liebte ich es Musik zu hören. Ebenso wie das Lesen, benutzte ich die Musik, um mir kleine Fluchten zu ermöglichen. Mit neun Jahren hatte ich eine Stoffwechselstörung, mein Körper entwickelte sich nicht “ordnungsgemäß”. Ich wurde für vier Wochen in ein Krankenhaus gesteckt. Man machte wohl Untersuchungen und zum Schluss wird man beschlossen haben mir männliche Hormone zu geben, um meine physische Erscheinung in die gewünsche Bahn zu lenken. Das alles habe erst vor ein paar Jahren begriffen, damals verstand ich nichts, hatte große Angst, weil mir niemand erklärte, was überhaupt mit mir geschah. Die Kinderklinik in Westend war ziemlich schlimm. Die Dreibettzimmer waren an zwei Seiten verglast und hießen Boxen und wir durften sie in der Regel nicht verlassen. Ich hatte auch nichts zu lesen und langweilte mich, genau wie die anderen Kinder, furchtbar. Das einzige was uns blieb war ein Radio, mit dem wir den ganzen Tag Popmusik hörten. In der DDR war eben DT64 gegründet worden und Ost und West-Berlin wetteiferten um die Hörer. Ein Unterschied war nur zu hören, wenn man genau auf die wenigen Textbeiträge hörte. Der Hit, der die Wellen in diesen Tagen dominierte, war “Pretty Woman” von Roy Orbinson, die geniale riffbetonte Rockballade. “Pretty Woman” wurde auch die erste Single, die ich mir von eigenem Geld kaufte. Rockmusik hatte mir damals über einige schlimme Wochen geholfen. Nach drei Wochen Klinik, in denen nichts für mich erkennbar passierte, war ich derartig genervt, dass ich am Wochenende über den Zaun stieg und ohne Orientierung in die Richtung lief, in der ich das heimatliche Wilmersdorf vermutete. Ich fand mich in der Wilmersdorfer Straße und fuhr mit der Straßenbahn nachhause. Leider musste ich am Montag noch einmal für fünf Tage in die klinische Kinderkaserne einrücken. Aber immerhin hatte ich lebensrettende Wirkung und Kraft von Rockmusik entdeckt.

Ich tat mich schwer Noten zu lernen, ich brauchte ein Klavier und viel Zeit, um das Notensystem zu verstehen. Ich nahm Klavierstunden bei einem Freund meiner Mutter, dem Schriftsteller Robert T. Odeman*. Nach einiger Zeit beschlossen wir, in gegenseitigem Einvernehmen, den Klavierunterricht zu beenden, weil ich keinerlei Fortschritte machte. Wir hatten uns von da an sehr gut unterhalten, er war belesen, ich lernte viel über Literatur und das Leben eines schwulen Künstlers in den Niederungen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Nazis hatten ihn als Schwulen ins KZ gesteckt und ihm die Hände gebrochen, damit er keine keine deutschen Komponisten mehr durch sein Spiel “entehren” konnte.
Als 15-jähriger machte ich einen weiteren Versuch Musiker zu werden. Ich bekam den ersehnten E-Bass von Höfner, der wie eine Telecaster aussah. In meiner Band “Spoiled Saturn” spielte ich Bass, weil er überschaubarer war, schließlich hatte er nur vier Saiten. Es reichte für ein Bluesschema, einfache Läufe und mein guter, leider viel zu früh verstorbener Freund Andi** zeigte mir ein Solo, das ich reproduzierte. Selber ausdenken konnte ich mir sowas nicht. Wir traten ein paarmal auf, aber es sind keine Aufnahmen überliefert. 1970 war private Aufnahmegeräte noch selten. Dann wurde unsere Anlage geklaut und für mich war erstmal Schluss mit dem musizieren. Ich hatte wohl auch die Erkenntnis, nie ein Bassman wie Jack Bruce oder wenigstens Bill Wyman zu werden.

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Erst im Alter von Mitte 20 hatte ich mit der Experimentalband Cut-Up-Swingers minimalen Erfolg. Das reichte mir und ich beschloss die Welt in Zukunft von meinen selbstgemachten Tondichtungen zu verschonen und legte die “Guitar-Man-Träume” zur Seite. Ich verlegte mich wieder aufs hören und besonders bei meinen Liebesbeziehungen spielte die Musik stets eine wichtige Rolle. Fast jedes Liebespaar hat ja eine spezielle Lieblingsmelodie:

“Liebling, sie spielen unser Lied!”

Aber die Wirkung kann umschlagen. Nach der Scheidung meiner Eltern,
als ich etwa zwölf war hatte meine Mutter eine Liebesaffaire zu einem jüngeren Mann. Das “Trailer-Lied” dieser Liebe war “Strangers in the Night” von Frank Sinatra. Wenn ich die Single für meine Mutter auflegte, konnte ich beobachten, wie sich ihre Stimmung hob. Ein paar Monaten später bemerkte ich, dass meine Mutter traurig war, ich wollte die Platte auflegen, aber sie schüttelte den Kopf, sie wollte nicht. Ich fragte wieso. Sie antwortete, es gäbe “athmosphärische Störungen”. Ich verstand es nicht sofort, aber etwas später begriff ich: die Affaire war vorbei, das Lied hatte seinen Zauber verloren. Meine Mutter war Mitte 40 und es sollte ihre letzte Beziehung bleiben. Ich glaube, es war ihre Entscheidung das Thema endgültig zu den Akten zu legen. Diese letzte Liebe war nachhaltig, noch viele Jahre später versuchte sie den, um viele Jahre jüngeren Partner, aufzuspüren, um einen letzten Versuch mit ihm zu machen. Nach ihrem Tode fand ich Briefe, die das bezeugten. Man muss natürlich berücksichtigen, das es damals sehr ungewöhnlich war, wenn eine ältere Frau mit einem 13 oder 14 Jahre jüngeren Mann zusammen war. Das ist ja leider noch heute nicht selbstverständlich. Sie hätte sich ohne Probleme über die Konvention hinweg gesetzt, aber er war ziemlich konservativ und sah, wie ich auch aus Briefen erfuhr, seine “Männlichkeit” durch diese Liebesbeziehung in Gefahr.
Ich fand es schade, dass meine Mutter allein blieb, ich hätte ihr gewünscht noch einmal einen Partner zu finden. Über die eigentlichen Gründe sprach sie nie direkt, erst nach ihrem Tod fand ich sie heraus.

Bei mir schien sich das Thema Liebe auch irgendwann erledigt zu haben. Ich lernte einfach niemand mehr kennen, in den ich mich verlieben konnte. Ironischerweise konnte ich im Rückblick, den Beginn dieser Dürreperiode ziemlich genau bestimmen, und zwar war es, als mich der Ohrwurm “Oh Lonesome Me” quälte. Ironie des Schicksals! Die Liebeskummer-Ballade vom “Einsamen Ich” läutete eine schwierige Lebensphase ohne Liebe ein. In den ersten Jahren waren die Anzeichen noch diskret, erst im Rückblick erkenne ich ihre Bedeutung. Die Arbeit war nicht mehr so befriedigend, wie in den Jahren zuvor. Ich machte mehrfach im Jahr kleine Reisen nach Prag, dort hatte ich mir eine ungetrübte Sonntagswelt aufgebaut, in die ich ab und zu flüchten konnte, wenn der Druck zu stark wurde und die Unzufriedenheit mich depressiv machte. In Berlin machte ich spät noch den Führerschein, mit dem Auto begann ich immer häufiger aus Berlin hinauszufahren, um die ländliche Welt zu genießen. Auch das war nichts Ungewöhnliches, nur im Rückblick sehe die eskapistische Qualität dieser kleinen Fluchten.
Um die Jahrtausendwende wurde ich krank, erst litt das Privatleben und dann die Arbeit. 2003 versuchte ich mit einer Reha wieder gesund zu werden. Als die Klinik mich nach sieben Wochen wieder nachhause schickte war entschieden, dass ich meine Arbeit bei dem kleinen Sender, der heute ALEX heißt, aufgeben müsste.

In der Klinik lernte ich eine Psychotherapeutin kennen. Sie sah aus, wie Winnetous Schwester und wir flirteten ein wenig. Ich hatte mich ein bißchen in sie verguckt, aber als Patient eine zwölf Jahre jüngere Therapeutin anzubaggern, schien mir zu verwegen. Nur einmal macht ich “Anstalten”. Gegen 18 Uhr sah ich sie in der Lobby, der Klinik, ihrem Feierabend zustrebend. Ich hetzte über den Parkplatz in meinen Wagen und schaffte es, wie zufällig neben ihr zu halten und ihr einen Lift anzubieten. Ich fuhr sie nachhause und wir plauderten sehr angeregt. Dabei blieb es aber, zum Abschied drückten wir uns etwas enger und länger, als angemessen gewesen wäre und ich fuhr nach Berlin zurück im Bewusstsein, sie nie wieder zu sehen. Doch das Leben hatte noch eine Überraschung inpetto.

Drei Wochen nach Ende der Reha bekam ich eine Karte von ihr. Morgens fand ich sie im Briefkasten. “Ob ich ihr eine persönliche Frage gestatten würde?” Im Auto, auf dem Weg zu einem Freund, wurde mir klar: Sie hatte sich in mich verliebt, wie ich mich in sie. Im CD-Spieler lief die Filmmusik von “The Big Lebowski”. Die emotional umwerfende Version von “Hotel California”, spanisch gewaltig griffen Los Lobos in die Saiten. Ich weinte Freundentränen. Die Fernbeziehung wurde nicht einfach und nach zwei Jahren mussten wir aufgeben, aber eines wurde mir klar. Verlieben kann man sich jederzeit. Egal wie alt man wird… Wie beruhigend. – – – Vielleicht wird irgendwann sogar noch ein richtiger Guitar-Man aus mir? Man soll die Hoffnung nie ganz aufgeben …

Marcus Kluge

Illustration: Rainer Jacob

http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottfried_Seume

*Robert T. Odeman:
http://wp.me/p3UMZB-8E

**Andis Geschichte:
http://wp.me/p3UMZB-S8

Oh Lonesome Me
Everybody’s going out and having fun
I’m just a fool for staying home and having none
I can’t get over how she set set me free oh lonesome me
A bad mistake I’m making by just hanging round
I know that I should have some fun and paint the town
A lovesick fool is blind and just can’t see oh lonesome me
I’ll bet she’s not like me she’s out and fancy free
She’s flirtin’ with the boys with all her charms
But I still love her so and brother don’t you know
I’d welcome her right back here in my arms
Well there must be some way I can lose these lonesome blues
Forget about the past and find somebody new
I’ve thought of everything from A to Z oh lonesome me

Well I’ll bet she’s not like me…
Oh lonesome me oh lonesome me

Berlinische Leben – “Easy Andi Solo Gitarre” / Portrait einer Freundschaft / 1969-1999

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Drei Uhr am Nachmittag, trotz der Sonnenstrahlen ist es eiskalt im Tiergarten. Wir drücken uns um eine Bank herum und rauchen. Das Kino fängt erst um halb vier an. “Easy Rider” läuft im Kino Bellevue am Hansaplatz. Zuerst ist es im Kino auch noch kalt, doch dann wird uns fast so warm wie den beiden Bikern im Film, auf der Leinwand vor uns. Trotz des traurigen Endes, die von Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson gespielten Figuren sterben, haben wir gute Laune. Der Film hat uns Kraft gegeben. Andi, Richard und ich spinnen herum, wie wir durch Amerika biken, große Deals machen und uns als Rockband feiern lassen. Das meiste davon ist utopisch, doch die Geschichte mit der Band verfolgen wir weiter. Es ist der 13. März 1970.

In diesem Sommer und Herbst werde ich mir immer wieder die Nase an Otto Simonowskis Musikhaus am Zoo plattdrücken. Erst 44 Jahre später werde ich erfahren, dass auch Dee Dee Ramone hier seine erste Gitarre gekauft hat. Da er mit der sechsseitigen Gitarre nicht gut klarkommt, wechselt er später zum Bass. Ich träume von Anfang an von einem Bass. Ich ahne das sechs Saiten zuviel für mich sind.

Im Sommer 1970 gehe ich mit Andi zum Smoke-In im Tiergarten. Jeden Sonnabend nachmittags sitzen hier “Gammler”, so werden sie im Fernsehen genannt. Sie drehen Joints und kiffen. Beim ersten Mal gab es noch Flugblätter, die das Happening als politische Demonstration bezeichnen. Das ist es auch, aber hauptsächlich ist es eine kollektive Lebensäußerung von Außenseitern in einem Land, das zum Spießbürgertum neigt und das aus seiner Nazivergangenheit kaum etwas gelernt hat. Die Langhaarigen, die hier mit Bongos, Gitarren und Maultrommeln sitzen, provozieren, testen ihre Spielräume aus und sie vertreiben mit ihrem Tun die kleinbürgerlichen Geister der Vergangenheit. Über der Szene bilden sich Rauchwolken. Die Polizei ist auch da, berittene Beamte umkreisen in weitem Bogen die “Gammler”.

Andi und mich nennt man auch Gammler mit unseren mehr als schulterlangen Haaren, den ausgefransten Jeans und den Batik-T-Shirts. Zum Beispeiel wenn wir an Baustellen vorbei kommen, dann hören wir: “Euch hätte man früher vergast.” oder “Geht doch in den Osten, ihr Dreckschweine.” Schläge werden uns angedroht und manchmal müssen wir auch flitzen, um diesen zu entgehen. Acht oder neun Jahre später werde ich wieder an Baustellen vorbei kommen und wieder werden mir Schläge angedroht, nur jenes Mal wegen meiner raspelkurzen Haare, selbst wenn diese nicht gefärbt sind. Denn die Bauarbeiter haben inzwischen lange Haare und lange Koteletten, sie tragen Jeans und bunte T-Shirts, während ich nur noch schwarz trage.

Zu Weihnachten 1970 bekomme ich einen weißen Höfner-Bass, der aussieht wie eine Telecaster. 1971 treten wir ein paarmal auf. Es macht viel Spaß, Andi zeigt mir die Bassläufe, ein großes musikalisches Talent habe ich, im Gegensatz zu ihm, nicht. Richard trommelt, Rolf spielt klaglos Rhythmusgitarre, während Andi sich in ultralangen Solos verliert. Dann wird unsere Anlage geklaut, damit ist das Thema Band für mich erstmal erledigt. Andi jammt mit unterschiedlichen Musikern, in eine neue Band steigt er nicht ein.

Die meisten meiner Freunde sind Frauen und die männlichen sind meist sehr kommunikativ veranlagt. Wenn wir zusammen sind, sprechen wir stundenlang miteinander und wenn wir uns trennen, bleibt Vieles ungesagt, das eigentlich noch gesagt werden müsste. Nur mit Andi ist es anders, wir sprechen nicht soviel. Manchmal laufen wir lange nebeneinander durch den Wald ohne irgendein Wort. Wenn wir reden, dreht es sich um Liebe, Sehnsucht und unsere Träume. Über Frauen sprechen wir häufig, wenn wir Liebeskummer haben trösten wir uns und frozzeln herum, bis der Blues wieder besser wird.

Andi ist fast immer in eine Frau verliebt. Meist aus der Distanz, aber in erreichbarer Ferne. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, dauert diese meist nicht lange. Andi mit seinen langen, dunklen Haaren und dem androgynen Blick macht auf viele Frauen Eindruck. Er ist aber nie an einem One-Night-Stand interessiert, für ihn gibt es immer nur das momentane Ideal, die aktuelle Frau seiner Frau seiner Träume, die große Liebe. Wenn er dann mit ihr zusammen ist, kann die Wirklichkeit nicht mithalten mit dem Traum. Für mich kann die Realität zum Traum werden, ich verliebe mich auch in Frauen, die ich zufällig treffe oder die auf mich zukommen. Für ihn ist nur der Traum die Realität. Nur die Eine zählt und im Laufe seines Lebens ändert sich das nicht. Im Gegenteil, er wird immer zentrierter auf die jeweilige Traumfrau und die Frauen, die er sich aussucht sind immer weiter entfernt von ihm und immer schwerer zu erobern.

Anfang der 70er Jahre sind wir noch jung und wir glauben an unsere Träume. Oft fotografieren wir uns, im Tiergarten oder in Kudammnähe. Einmal ist seine derzeitige Flamme Sabine dabei. Ich fotografiere die beiden in der klassischen Film-Ende-Pose, wie sie mit ihren Levis in Richtung Sonnenuntergang marschieren. Wie Andi auf sie gekommen ist, kann ich nicht nachvollziehen. Nach ein paar Tagen bekommt er auch Zweifel und beendet die Romanze.

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Andi und ich gehen zusammen tanzen. Eine Weile besuchen wir donnerstags die Dachluke am Mehringdamm. Der Disc-Jockey ist meistens Gunter Gabriel, erst zwei oder drei Jahre später wird seinen ersten Hit haben: “Er fährt ‘nen 30 Tonner-Diesel”. Gegen zehn, wenn die Tanzfläche noch leer ist, spielt er für uns den “Midnight Rambler” von den Rolling Stones. Dann ziehen wir unsere Tanzshow ab, die langen Mähnen und die zehn Zentimeter hohen “Market”-Boots spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich weiß das “strangle” würgen heißt, trotzdem wird mir erst Jahre später klar, dass der Song einen Serienmörder beschreibt.

1972 fahren wir im Sommer auf die Insel Texel, als Kind war ich schon mal da, die wilde Nordsee hat mir gut gefallen. Wir haben uns ein Zelt geborgt, als wir am späten Abend auf dem Campingplatz ankommen bauen wir es auf, so gut wir können. In der Nacht regnet es und wir wachen klitschnass auf am nächten Morgen. Zum einen haben wir in einer Senke gezeltet und das Zelt war auch nicht richtig geschlossen. Trotz solcher Probleme geniessen wir die Zeit sehr. Hier regt sich niemand über unsere langen Haare auf und wir lernen nette Leute kennen. Nur das Wetter ist nicht so toll. Oft sitzen wir in der gemütlichen Caféteria, essen leckere Pommes und trinken Kakao. Das geht ins Geld. Abends gehen wir ein paarmal in die große Disco, dort sehen wir Bands wie Golden Earring, Ekseption und Focus. Besonders die beiden letzten gefallen Andi, er mag die Einflüsse klassischer Musik. Er ist ein großer Fan von Keith Emerson, der bei The Nice und Emerson, Lake & Palmer, Bach und andere klassische Komponisten einfließen lässt. Ich bin kein Fan dieses Stil-Mixes, doch live ist es OK für mich. Schliesslich sind wir pleite. Ich muss meine Mutter anrufen und sie schickt uns Geld.

Zurück in Berlin überredet Andi mich, mit ihm ins Big Eden zu gehen. Mir ist die große Disco am Kudamm eigentlich zu poppig, aber ich bin ein guter Freund, oder vielleicht will ich nur nicht allein tanzen gehen. Es ist die Zeit des Glam-Rocks, wir stylen uns androgyn mit Augen-Make-Up, weiten Hosen und hohen Absätzen. Da wird man ab und zu blöd angemacht und zu zweit lässt sich das besser aushalten. Und immerhin hat Andi Recht, im Big Eden kann man gut Frauen kennenlernen.

Er lernt zuerst jemand kennen und hat für ein paar Monate eine Beziehung. Dann lerne ich Katrin kennen, sie ist 17 und hat schon ein Kind. Sie wohnt in einem Heim für minderjährige Mütter in Grunewald. Sie ist ein herzensguter Mensch, ein bißchen zu gut vielleicht. Mit Rolf Eden hatte sie eine Romanze, oder viel mehr was der “Playboy” dafür hält. Sie fand es schick im Porsche herumkutschiert zu werden und in teuren Restaurants essen zu gehen. Der Sex mit dem 42jährigen Kneipier scheint ihr eine akzeptable Gegenleistung zu sein. Ich sehe das anders, aber halte den Mund um sie nicht zu verletzen. Auf jeden Fall sind mir Gestalten wie Eden zuwider seitdem. Das arme Mädchen denken zu lassen, da wäre eventuell ein wohlhabender Mann, der für sie und ihre Tochter sorgen könnte ist schäbig. Egal wie naiv Katrins Hoffnung gewesen sein mag. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, ob ich für Katrin mehr als ein Flirt sein könnte. Ich bin selber noch ein Kind, habe keinen richtigen Job, keinen Beruf. Mit meiner “no future”-Perspektive bin ich nicht der Richtige für sie und die Liebschaft ist zuende, noch bevor sie richtig angefangen hat. Auch Andi ist bald wieder Single.

Den Juli 1973 verbringt Andi mit meiner Familie in St.-Jean-de-Monts am Atlantik. Er ist froh nicht mit seinen Eltern Urlaub machen zu müssen. Ich lasse mir die langen Haare abschneiden in diesem Urlaub. In Frankreich nervt es besonders lange Haare zu haben, da sind die Franzosen weder sehr freiheitlich noch brüderlich. “Ils sont chauvins”, sagt uns ein Mädchen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, wieso ich zum Friseur gehe, ich habe das Gefühl erwachsen werden zu müssen und die Matte scheint mir da zu stören. Andi findet es blöd, dass ich mich unter die Schere begebe. Er mag auch das modische Tweed-Sacco nicht das ich jetzt öfter trage.

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St.-Jean-de-Monts

Andi ist ein Nachzügler. Sein Vater ist ein pensionierter Studienrat, seine Schwester war schon aus dem Haus, als Andi zur Welt kam. Auf dem Rückweg von der Atlantikküste besuchen wir Andis Eltern, die am Stadtrand von Paris ein Feriendomizil haben. Mir fällt auf, wie wenig seine Eltern ihn verstehen oder auf ihn eingehen. Sie behandeln ihn wie ein Kind und können wenig mit diesem androgynen Mädchenschwarm anfangen, der unmerklich unter ihrer Obhut groß geworden ist. Groß ja, aber nicht erwachsen.

Wieder in Berlin entwickeln sich unsere Leben unterschiedlich. Ich gehe nicht mehr tanzen mit ihm. Ich lege jetzt selber Scheiben auf, im ersten Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Andi kommt nur einmal vorbei, es gefällt ihm nicht. Ich wohne mit Ilona, meiner ersten großen Liebe in einer WG in der Schlüterstraße. Nach der Trennung von Ilona ziehe ich zu einem Freund in die Knesebeckstraße. Währendessen hat Andi seine einzige längere Beziehung. Dreieinhalb Jahre ist er mit seiner Traumfrau zusammen. Die Trennung die folgt erlebt er als traumatisch. Er fühlt sich tief verletzt, betrogen und er macht den Fehler zu verallgemeinern. Danach wird er von “den Frauen” sprechen und es wird ihm an diesem Grundvertrauen fehlen das erforderlich ist, um eine partnerschaftliche Beziehung einzugehen. Ich versuche ihm diese Misogynie auszureden, aber da hat sich etwas festgesetzt bei ihm.

Richtig erwachsen kommt er mir nie vor, auch in seinem späteren Leben nicht. Er war Peter Pan ähnlich, der immer ein Junge blieb. Ich konnte mir Andi nie in einem Büro oder in einer Fabrik vorstellen. Er versuchte das Leben leicht zu nehmen, “easy” war eines seiner Lieblingswörter. Ich weiß nicht was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht das Taxi fahren zum Gelderwerb entdeckt hätte. Das Taxi fahren ermöglicht ihm weiter seinen Träumen nachzuhängen, so braucht er keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Er verdient gut dabei, er fährt lange Schichten, ist freundlich und bekommt viel Trinkgeld. Er ist sich durchaus dieser Schwebe bewusst, in der sich seine Existenz befindet. Taxi fahren ist kein richtiger Beruf für einen Schöngeist, einen begabten Musiker wie ihn. Aber er fährt weiter und er leidet darunter, dass die Menschen, die er fährt ein richtiges Leben führen, eine richtige Arbeit haben und eine richtige Familie. Das Alles hat er nicht und er fühlt, da ist ein Spalt zwischen ihm und seinen Fahrgästen und er weiß nicht wie er diesen Spalt überwinden soll, um ins richtige Leben zu gelangen. Er kauft sich ein kleines Studio zusammen, vom Taxigeld und pfriemelt nächtelang an seinen Tracks, ist aber nie so richtig zufrieden.

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Ausflug 1990

In der Zeit nach dem Mauerfall machen wir viele Ausflüge. Ich habe noch keinen Führerschein, den schenke ich mir erst zum 40sten Geburtstag und er hat einen gewissen Spielraum die bequeme Daimler-Droschke privat zu nutzen. Meist nehmen wir meine Mutter mit. Sie und er mögen sich, so wie meine Mutter hätte er sich seine eigene auch gewünscht. Wir besuchen Langschaftsgärten in Branitz und bei Dessau, dort besuchen wir auch das Bauhaus. Wir fahren nach Bad Muskau an der polnischen Grenze. Auch dort hat Fürst Pückler einen grandiosen Park geschaffen, die abgebrannte Ruine eines Schlosses krönt die Lausitzer Parklandschaft an der Neisse. Meine Mutter hat sentimentale Erinnerungen, sie war im Krieg dort ausquartiert mit ihrer Arbeitsstelle, hat dort das erste Mal allein gewohnt. Mein Vater hat sie auf Fronturlaub besucht, als Alles noch offen war, ob sie wirklich ein Paar werden oder gar heiraten und ein Kind bekommen. Wir besuchen auch Bad Liebenwerda, wo meine Familie mütterlicherseits herkommt. Meine Oma musste es 1910 verlassen um in Berlin in “Stellung” zu gehen. 15 war sie da.

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Bad Liebenwerda, 1990

Anfang der 90er Jahre besucht er mich in meinem Büro im Offenen Kanal Berlin. Das ich so eine richtige Aufgabe finde, hatten wir beide nicht erwartet. Er würde gern weg vom “auf dem Bock sitzen” und fremde Leute kutschieren. Er hat eine Idee, er würde gern mit Musik Geld verdienen. Er hat eine fünfstellige Summe ausgegeben, um sich ein fast professionelles Tonstudio aufzubauen. Er würde gern Filme vertonen, Filmmusik schreiben, Jingles für Werbung oder On-Air-Promotion fabrizieren. Ich kann ihm erklären, wie so etwas technisch funktioniert. Doch ich kann ihm nicht helfen in die Branche zu kommen. Eigentlich braucht man Beziehnugen dafür und die bekommt nur, wenn man irgendwie in diesem Bereich arbeitet, egal als was. Und einen langen Atem muss man haben. Soziale Kompetenz hilft viele Kollegen kennen zu lernen. Und nie darf man müde werden auf eine Chance zu warten. Andi hat weder einen langen Atem noch ausgeprägte soziale Kompetenz. Ich biete ihm an, eine Produktion zu suchen die jemanden braucht der die Filmmusik komponiert, damit er erste Erfahrungen sammeln kann. Das will er aber nicht. Ich kann nur vermuten, er hat Angst zu versagen, sich vor fremden Leuten zu blamieren.

Ich zeige Andi noch den Sender, dann fahren wir in Richtung Kudamm um bei mir noch ein Bier zu trinken. Ich glaube es passierte im Bahnhof Seestraße. Kurz nach dem Losfahren macht der U-Bahnfahrer eine Vollbremsung, wir die Fahrgäste hören ein schrilles Quietschen und das Licht geht aus. Die Türen sind blockiert, wir können uns denken was da passiert es. Erst nach zehn Minuten werden wir von Feuerwehrleuten aus dem Bahnhof geführt. Nur in eine Richtung dürfen die Fahrgäste den Bahnhof verlassen. In Richtung des Triebwagens wird niemand gelassen, dort wo ein armer Teufel eben sein Leben verloren hat, nicht ohne dabei den Zugfahrer zu traumatisieren. Das Schlimmste, das was ich nicht vergessen werde, ist der Geruch. Die U-Bahn ist gesperrt, die Busse sind voll, also laufen wir einfach vom Wedding bis zum Kranzler-Eck, mitten durch den Tiergarten, wo wir uns als Teenager fotografiert haben. Wir laufen stumm nebeneinander. Eigentlich wollten wir bei mir am Rankeplatz noch ein Bier trinken. Wir lassen es, es ist uns nicht danach. Vor dem Kudamm-Eck umarmen wir uns zum Abschied.

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Dänemark 1993

Noch einmal machen wir zusammen Urlaub, wir wohnen in einem Wohnwagen an der Ostsee in Dänemark. Wir reden nicht viel, machen lange Wanderungen, spielen Karten. Es fehlt uns nichts, wir sind zufrieden. Manchmal abends fühlen wir eine Leere, dann geht einer von uns zu der netten Kaufmannsfrau und bringt ein halbe Flasche Gammel Dansk zurück. Große Flaschen gibt es nicht. Ich arbeite viel in den 90er Jahren. Er fährt Taxi und macht Musik. Er findet tatsächlich eine Band mit der er eine Weile zusammen spielt. Er nimmt sogar ein Album auf mit “Prussia”, er ist inzwischen auf den Bass umgestiegen. Das ist nochmal ein Entwicklungsschritt von ihm, das Soli spielen auf der Gitarre aufzugeben und brav den Bass zu bedienen. Vielleicht wird er doch noch erwachsen.

Die Nachricht ist ein Schock. Meine Mutter ruft mich an, berichtet das Andis Schwester sie informiert hat, meine neue Telefonnummer hat sie nicht gefunden. Andi ist tot, völlig überraschend ist er krank geworden. Er hat keine Luft mehr bekommen, es soll ein Pilz in seiner Lunge gewesen sein. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Das ist jetzt viele Jahre her, trotzdem vermisse ich Andi, ich denke oft an ihn und träume von ihm. Bis heute.

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