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Familienportrait – „Are You Experienced?“ oder „Wie ich Hendrix verpasste“ / 4. September 1970

Am 4. September gab es in der Deutschlandhalle ein kleines Festival, als letzter Act und Hauptattraktion trat Jimi Hendrix auf. Außerdem standen Ten Years After, Procul Harum und Canned Heat auf dem Plakat. Die Zeitschrift „Stern“ war Mitveranstalter und ich hatte mir für 16.- Mark eine Karte gekauft. Ich war da an diesem Abend in der Deutschlandhalle. Aber Hendrix habe ich nicht gesehen. Ich wusste es damals nicht, natürlich nicht, doch es war das vorletzte Konzert das Jimi Hendrix jemals geben sollte. Zwei Wochen später war er tot, er starb am 18. September 1970 in London, im Alter von 27. Er hatte eine Mischung aus Rotwein und Schlaftabletten zu sich genommen und erstickte an Erbrochenem.
Als ich von Hendrix Tod in der Zeitung las, war ich traurig, ich ärgerte mich und ich verdrängte die Erinnerung an den 4. September 1970. Erst 44 Jahre später fiel er mir wieder ein und ich erinnerte mich, was damals geschah. Ich erinnerte mich, wieso ich den wahrscheinlich größten Gitarrenvirtuosen der 60er Jahre nicht erlebt hatte und ich erinnerte mich noch an etwas anderes. Es war auch der Tag, an dem ich meine Unschuld verlor.
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Ich hatte mal wieder die Schule gewechselt. Es war die fünfte Schule in sechs Jahren und das erste Mal, dass der Wechsel freiwillig war. Anfang 1970 hatte man mir mitgeteilt, kein Gymnasium in West-Berlin würde mich noch aufnehmen. Der Schulrat, den ich konsultierte, es war ein CDU-Mann, der später in einem Bauskandal auftauchte, verriet mir was ich schon geahnt hatte. Man bestrafte mich für mein politisches Engagement. „Ich wäre selbst schuld“, meinte er.

Dann ging ich ein halbes Jahr auf eine Privatschule, wo ich ausschließlich von gescheiterten Existenzen unterrichtet wurde. Ich war auf dem besten Wege selbst eine zu werden. Es war zwar unterhaltsam, aber ziellos. Also suchte ich eine Realschule, um wenigstens die Mittlere Reife zu machen. Der Direktor der Alfred-Wegener-Schule im großbürgerlichen Dahlem war bereit mich zu nehmen. Der Mann hatte eine Schwäche für Kultur und war beeindruckt, dass meine Mutter mit Schauspielern und Schriftstellern befreundet war. In seiner Schule fanden auch regelmäßig Nachdrehs für die damals beliebten „Pauker-Filme“ statt. Das einzige was mich an dem Mann irritierte war seine Kleidung, er trug stets braune Anzüge in eben jener Farbe, die die SA-Uniformen hatten.

Diese Schulwechsel empfand ich als qualvoll. Ich war eigentlich introvertiert bis zur Sozialphobie, aber ich maskierte meine Verfassung mit Extrovertiertheit und ich spielte den Klassenclown. Dadurch blieb ich zwar Außenseiter, aber wenigstens beliebter Außenseiter. Leider kostete dieses Auftreten viel Kraft und das sollte Folgen haben.
Zunächst legte ich mich mit dem Mathematiklehrer an. Der hatte die Angewohnheit die Schüler zu Beginn jeder Stunde mit einem Spiel zu „wecken“. Er stellte Rechenaufgaben und warf dann ein Stück Kreide auf einen der Schüler, der blitzschnell antworten musste. Er benutzte den Ausdruck „flink wie Windhunde“. Damit war er sehr „flink“ zu meinem Feind geworden. Als dann die Kreide in meine Richtung flog, verschränkte ich meine Arme und blieb selbstverständlich auch stumm. Erst als er mich nach meiner Verweigerung befragte, erklärte ich ihm: „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl!“, hätte schon einmal eine Jugend verdorben und für den Krieg tauglich gemacht und man solle doch vorsichtig sein mit solchen Begriffen. Ich setzte noch hinzu, Einstein wäre in der Schule im Kopfrechnen sehr schlecht gewesen und ich nähme mir an ihm ein Vorbild. Der Lehrer war sauer, weil ich ihn in die Nazi-Ecke stellte, doch er ließ sie Sache auf sich beruhen. Später stellte er sich als Sozialdemokrat und Willy Brandt-Fan heraus. Es war einfach normal, auch 25 Jahre nach Kriegsende noch, solche Nazi-Sprüche zu benutzen. Er hatte sich „nichts“ dabei gedacht. Ich aber hatte damit einen Spitznamen bekommen, ich hieß nur noch „Einstein“. Die Anekdote sprach sich bald herum und da ich optisch ziemlich auffällig war, mit meinen langen Haaren, wusste bald jeder in der Schule, wer ich war. Ein paar Tage später wurden die Schulsprecher gewählt und ich wurde einer der Stellvertreter. Glücklicherweise brauchte ich das ganze Schuljahr lang nicht in Funktion zu treten.
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Hendrix’ Stratocaster.

An jenem Freitag, dem 4. 9., hatte ich nach der fünften Stunde frei und als ich aus dem Schultor trat, stellte ich fest, es regnete kräftig. Vor dem Tor stand eine Schülerin aus der Parallelklasse mit einem Schirm, Susanne Fleischbauer. Sie hatte braune, lockige Haare, strahlende, blaue Augen und einen Kussmund. Ich hatte sie in der Raucherecke kennengelernt, sie war mir sympathisch und ich hatte mir vorgenommen mich bei Gelegenheit mit ihr zu verabreden. Mehr aus Jux klagte ich: „Igitt, da werden ja meine schönen Haare nass.“ Erstaunlicherweise ließ sich Susanne darauf ein und bot an, mich mit ihrem Schirm zur Haltestelle des Einsers zu bringen. Wir unterhielten uns gut bis mein Bus in Richtung Innenstadt kam und Susanne stieg mit ein, obwohl sie nach Zehlendorf-Mitte gemusst hätte. Wir sprachen über das Super Concert und sie war neidisch auf mich. Wir sprachen über die Bands, die auftreten würden und kamen auch auf Birth Control zu sprechen, eine Berliner Band, die das Vorprogramm bestritt und sie teilte mir beiläufig mit, sie würde die Pille nehmen. Sie wäre auch gern in die Deutschlandhalle gegangen, aber sie war verhindert, wegen eines Familientreffens. An der Blissestraße stieg sie mit mir aus und wir liefen die drei Ecken bis zu meiner Wohnung Arm in Arm. Mittags war ich allein zuhause, meine Mutter war in ihrem Phonoklub, mein Vater wohnte nicht mehr bei uns und mein Bruder arbeitete auf dem Flughafen Tempelhof.
In meinem winzigen Zimmer, neben einem schmalen Bett war nur Platz für ein Bücherregal, zogen wir uns aus und schließlich taten wir „es“. Ich hatte mir mein erstes Mal natürlich romantischer vorgestellt, aber ich war froh es hinter mir zu haben, weil ich auch Angst davor hatte. Angst etwas falsch zu machen und mich zu blamieren. Aber „es“ war total einfach und machte sehr viel Spaß. Erst Jahre später wurde mir klar, dass sie mich verführt hatte. Ich war ja viel zu schüchtern, um ein Mädchen zu verführen. Auf jeden Fall war ich schwer begeistert, wir schliefen gleich nochmal miteinander, bevor sie nach Zehlendorf-Mitte und ich in die Deutschlandhalle musste. Schon auf der Fahrt dorthin spürte ich Anzeichen für eine Verliebtheit bei mir.

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Birth Control.

In der Halle spielte bereits „Birth Control“*, für die es eine Ehre war, als einzige Vorgruppe zu fungieren. Wie die meisten deutschen Bands damals, interessierten mich Birth Control nur am Rande, doch ich fand sie ziemlich gut an diesem Nachmittag. 1966 hatte sich B.C. aus den „Earls“ und den „Gents“, Berliner Beatbands der ersten Stunde, gebildet, Gründungsmitglied war unter anderem Hugo Egon Balder. Der wurde allerdings recht bald durch Bernd Noske als Drummer ersetzt. Noske wurde auch zum Sänger und zur integrativen Kraft hinter der Band, er starb erst kürzlich, im Februar 2014. In den ersten Jahren spielten Birth Control vor allem Cover, dann entwickelten sie einen breiten Blues mit langen Solo-Einlagen. 1969 hatten sie ein dreimonatiges Engagement in einem Nachtklub in Beirut. 1971 spielten sie als erste deutsche Band im Londoner Marquee Club, 1972 erschien ihr einziger Hit: „Gamma Ray“. Das Lied wurde 1990 auch von der Techno-Szene adaptiert.

Doch so ganz flog der Funke nicht zu mir über, an diesem Nachmittag in der Deutschlandhalle. Ich war auch noch in Gedanken bei Susanne. Ich kam erst richtig in Stimmung, als Procul Harum ihren bombastischen Rock aufführten. „A Whiter Shade of Pale“ spielten sie zwar nicht. Aber auch Stücke wie „A Salty Dog“, gesungen vom charismatischen Gary Brooker, waren damals schon Klassiker und das Publikum freute sich.

Bei Canned Heat** gerieten die schwer zu begeisternden Berliner schier aus dem Häuschen und ich mit ihnen. Der Rauch von diversen Joints brachte ein wenig Woodstock ins provinzielle West-Berlin und Bob „The Bear“ Hite verbreitete gute Laune. Kaum zu glauben, es war nur einen Tag her, das man Alan „Blind Owl“ Wilson, Gitarrist und Gründungsmitglied der Band, leblos in der Nähe Bob Hites Haus gefunden wurde. Kurz bevor die Band in die Maschine nach Berlin stieg, erfuhren sie von Al Wilsons Tod.

Canned_Heat_1970Canned Heat,  Bear in der Mitte, Al Wilson 2. v. rechts.

„On September 3, 1970, just prior to leaving for a festival in Berlin, the band was shattered when they learned of Wilson’s death by barbiturate overdose; found on a hillside behind Bob Hite’s Topanga home. Believed by de la Parra and other members of the band to have been a suicide, Wilson died at the age of 27“ WiKi

Der Show in der Deutschlandhalle war es nicht anzumerken und ich wusste nichts davon. Internet oder Twitter gab noch nicht und die Zeitungen meldeten nur den Tod von Weltstars. Meine Stimmung konnte gar nicht besser sein. Ich dachte wieder an Susanne und den unglaublichen Nachmittag, der hinter mir lag und freute mich schon, sie wiederzusehen.

Die Umbaupausen dauerten sehr lange, so war es bereits deutlich nach 22 Uhr, als Ten Years After auf die Bühne kamen. Neben Eric Clapton gehörte Alvin Lee damals zu meinen absoluten Gitarrengöttern. Aber nach einer halben Stunde merkte ich, ich hatte genug gute Musik gehört und konnte nichts mehr aufnehmen und ich war müde. Außerdem war ich in Gedanken schon am nächsten Morgen in der Schule, wenn ich Susanne wiedersehen sollte. Darauf freute ich mich sehr und ich wollte ihr nicht allzu unausgeschlafen entgegentreten. Ich war ja überzeugt, nun würde Susanne meine Freundin werden und ein großartiger Lebensabschnitt stand mir bevor. So dachte ich mir das. Also traf ich die Entscheidung, die ich ein paar Wochen später sehr bedauern würde. Ich hatte auch gehört, dass Hendrix zur Zeit ohnehin keine sehr guten Konzerte gab. Ich würde ihn mir anhören, wenn er das nächste Mal in Berlin Station machen würde. Wieso auch nicht?

Ob Hendrix an diesem Abend gut war, darüber streiten sich die Zeugen. Die Mehrheit des Berliner Publikums war wohl mit Hendrix unzufrieden. Robin Trower, der Gitarrist von Procul Harum berichtet von diesem Gig und er hat eine Erklärung:
I think it was above their [the audience’s] heads you know? I mean, I couldn’t take in a lot of what he was doing and I’m a musician, a guitarist, so you can imagine what it was like for them.
So anyway, then I was walking up and down outside the dressing room after he’d come off, and I was sort of saying, “Should I go in?” Then I burst into the dressing room all of a sudden and said, “Er, I’ve gotta tell you, it was the best thing I’ve ever seen.”
Which it was. And he said, “Uh, thank you, but, uh, naw.” And I just went, “Whoops, that’s it,” and walked out again.

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Danach soll ihm Gerd Augustin*** backstage Uschi Obermayer vorgestellt haben. Der Musikmanager erinnert sich: “…Ich brachte nun auf Hendrix’ Deutschland-Tour, Uschi (Obermaier) in Berlin mit Jimi zusammen. Das war genau drei Wochen vor seinem Tod. Uschi war überglücklich, als ich sie mit in Hendrix’ Garderobe nahm, wo außer uns nur noch der Drummer Mitch Mitchell und seine Freundin Karen abhingen. Dort ließen wir es uns dann richtig gut gehen.”

Zwei Tage vor dem Berliner Auftritt hatte Hendrix ein Gig in Aarhus nach drei Songs abgebrochen. Mit den Worten: „I’ve been dead a long time!“ verabschiedete er sich vom Publikum. Sein letztes Konzert auf der Insel Fehmarn, am 6.9., geriet zu einem Desaster. Hendrix kehrte nach London zurück, wo ihn seine Freundin Monika Dannemann am Vormittag des 18.9.1970 leblos fand. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Er hatte nach Dannemanns Aussagen, neun Schlaftabletten genommen, die 18-fache Normal-Dosis von Vesparax, einem Barbiturat, das heute nicht mehr verschrieben wird. Es gab trotzdem keinerlei Anzeichen für einen Selbstmord. Hendrix war 27 als er starb. Genau einen Monat nach dem Super Concert starb auch Janis Joplin mit 27, an einer Überdosis Heroin. Am 1. 10. 1970 wurde Hendrix in seiner Heimatstadt Seattle beigesetzt.

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Der Autor 1970.

Ich fuhr nach Hause, konnte aber lange nicht einschlafen, zu viel ging mir durch den Kopf. Trotzdem war ich am nächsten Morgen bester Laune. In der ersten großen Pause hielt ich Ausschau nach Susanne, sie kam aber nicht in die Raucherecke. Erst als ich nach der letzten Stunde auf sie wartete, passte ich sie ab, ich hatte den Eindruck, sie wollte mir aus dem Weg gehen. Ich verstand die Welt nicht mehr und stellte sie zur Rede.
Erst druckste sie herum, sie war merkwürdig kleinlaut, schließlich fand sie Worte, doch ich kann mich nicht daran erinnern, wie sie sich genau ausdrückte. Zu heftig traf mich ihr Geständnis. Ich fühlte mich, als hätte man einen Kübel mit Eiswasser über mir ausgeschüttet. Sie würde schon zwei Tage für ein Jahr als Austauschschülerin in die USA gehen. Bis dahin hätte sie auch keine Zeit mehr mich zu sehen. Sie hatte sich wohl bewusst mit mir eingelassen, weil durch ihre Reisepläne eine Beziehung nahezu ausgeschlossen war. Ich habe eine ziemliche Weile gebraucht, bevor ich mich wieder mit einer Frau einließ und ich war misstrauisch geworden, durch meine Erfahrung.
Sechs Wochen vor Ende des Schuljahrs wurde ich krank, es rächte sich, dass ich permanent gegen meine Natur den extrovertierten Klassenclown spielte. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, hatte wohl auch einen Infekt verschleppt und mir eine schwere Lungenentzündung zugezogen. Der Direktor mit den braunen Anzügen gab mir trotzdem die Mittlere Reife. Vielleicht wollte er mich nicht ein weiteres Jahr auf seiner Schule.

Als Susanne ein Jahr später zurück kam, war an eine Beziehung nicht mehr zu denken, zu viel war passiert. Als Geschenk brachte sie mir einen schönen Arbeitsoverall aus den Staaten mit.

Inzwischen habe ich mir Jimis Auftritt vom 4. 9. 1970 bei You Tube herausgesucht und angehört. Nein, es wäre nicht mein Geschmack gewesen und selbst heute kann ich dem egozentrierten Spiel von Hendrix, an diesem Abend, wenig abgewinnen. Es mag artistisch wertvoll sein, aber ich bevorzuge eher bodenständigen Blues, mein Musikgeschmack ist nicht raffiniert.

Susanne ist also nicht meine erste Liebe geworden, aber eine Verbindung gab es trotzdem. Zwei Jahre später lernte ich zufällig Ilona kennen, sie erzählte mir, ich könne sie bei einer Modenschau wiedersehen. Aber wie sollte ich ohne Einladung da reinkommen? Ich beschloss mich als Pressefotograf zu tarnen. In der Modeszene waren gerade amerikanische Overalls total in und ich zog den von Susanne geschenkten an. Mit Overall und Kamera wurde ich problemlos eingelassen. Ich sah Ilona wieder und sie wurde meine erste große Liebe.

M. K.


* http://de.wikipedia.org/wiki/Birth_Control

** http://de.wikipedia.org/wiki/Canned_Heat

***Gerd Augustin:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ra&dig=2011%2F09%2F22%2Fa0022&cHash=0515723d28f9b052f5c6a4577fdccde8

Fotos: ©M. Kluge oder creative commons

Erste Liebe: https://marcuskluge.wordpress.com/2014/09/12/familienportrait-grose-liebe-blei-streu-strase-wg-und-tolstefanz-1973-74-3/

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Familienportrait: “Easy Andi Solo Gitarre” / Portrait einer Freundschaft / 1969-1999

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Drei Uhr am Nachmittag, trotz der Sonnenstrahlen ist es eiskalt im Tiergarten. Wir drücken uns um eine Bank herum und rauchen. Das Kino fängt erst um halb vier an. “Easy Rider” läuft im Kino Bellevue am Hansaplatz. Zuerst ist es im Kino auch noch kalt, doch dann wird uns fast so warm, wie den beiden Bikern im Film, auf der Leinwand vor uns. Trotz des traurigen Endes, die von Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson gespielten Figuren sterben, haben wir gute Laune. Der Film hat uns Kraft gegeben. Andi, Richard und ich spinnen herum, wie wir durch Amerika biken, Geld verdienen und uns als Rockband feiern lassen. Das meiste davon ist utopisch, doch die Geschichte mit der Band verfolgen wir weiter. Es ist der 11. März 1970.

In diesem Sommer und Herbst werde ich mir immer wieder die Nase an Otto Simonowskys Musikhaus am Zoo plattdrücken. Erst 44 Jahre später werde ich erfahren, dass auch Dee Dee Ramone hier seine erste Gitarre gekauft hat. Da er mit der sechsseitigen Gitarre nicht gut klarkommt, wechselt er später zum Bass. Ich träume von Anfang an von einem Bass. Ich ahne, dass sechs Saiten zuviel für mich sind.

Im Sommer 1970 gehe ich mit Andi zum Smoke-In im Tiergarten. Jeden Sonnabend nachmittags sitzen hier “Gammler”, so werden sie im Fernsehen genannt. Sie drehen Joints und kiffen. Beim ersten Mal gab es noch Flugblätter, die das Happening als politische Demonstration bezeichnen. Eine Art Demo ist es auch, aber hauptsächlich ist es eine kollektive Lebensäußerung von Außenseitern in einem Land, das zum Spießbürgertum neigt und das aus seiner Nazivergangenheit kaum etwas gelernt hat. Die Langhaarigen, die hier mit Bongos, Gitarren und Maultrommeln sitzen, provozieren, testen ihre Spielräume aus und sie vertreiben mit ihrem Tun die kleinbürgerlichen Geister der Vergangenheit. Über der Szene bilden sich Rauchwolken. Die Polizei ist auch da, berittene Beamte umkreisen in weitem Bogen die “Gammler”.

Andi und mich nennt man auch Gammler mit unseren mehr als schulterlangen Haaren, den ausgefransten Jeans und den Batik-T-Shirts. Zum Beispiel, wenn wir an Baustellen vorbei kommen hören wir: “Euch hätte man früher vergast.” oder “Geht doch in den Osten, ihr Dreckschweine.” Schläge werden uns angedroht und manchmal müssen wir auch flitzen, um diesen zu entgehen. Acht oder neun Jahre später werde ich wieder an Baustellen vorbeikommen und wieder werden mir Schläge angedroht, nur dieses Mal wegen meiner raspelkurzen Haare, selbst wenn sie nicht gefärbt sind. Denn die Bauarbeiter haben inzwischen selbst lange Haare und lange Koteletten, sie tragen Jeans und bunte T-Shirts, während ich nur noch schwarz trage.

Zu Weihnachten 1970 bekomme ich einen weißen Höfner-Bass, der aussieht wie eine Telecaster. 1971 treten wir ein paarmal auf. Es macht viel Spaß, Andi zeigt mir die Bassläufe, ein großes musikalisches Talent habe ich, im Gegensatz zu ihm, nicht. Richard trommelt, Rolf spielt klaglos Rhythmusgitarre, während Andi sich in ultralangen Solos verliert. Dann wird unsere Anlage geklaut, damit ist das Thema Band für mich erstmal erledigt. Andi jammt mit unterschiedlichen Musikern, in eine neue Band steigt er nicht ein.

Die meisten meiner Freunde sind Frauen und die männlichen sind meist sehr kommunikativ veranlagt. Wenn wir zusammen sind, sprechen wir stundenlang miteinander und wenn wir uns trennen, bleibt Vieles ungesagt, das eigentlich noch gesagt werden müsste. Nur mit Andi ist es anders, wir sprechen nicht soviel. Manchmal laufen wir lange nebeneinander durch den Wald ohne irgendein Wort. Wenn wir reden, dreht es sich um Liebe, Sehnsucht und unsere Träume. Über Frauen sprechen wir häufig, wenn wir Liebeskummer haben, trösten wir uns und frozzeln herum, bis der Blues wieder besser wird.

Andi ist fast immer in eine Frau verliebt. Meist aus der Distanz, aber in erreichbarer Ferne. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, dauert diese meist nicht lange. Andi mit seinen langen, dunklen Haaren und dem androgynen Blick macht auf viele Frauen Eindruck. Er ist aber nie an einem One-Night-Stand interessiert, für ihn gibt es immer nur das momentane Ideal, die aktuelle Frau seiner Frau seiner Träume, die große Liebe. Wenn er dann mit ihr zusammen ist, kann die Wirklichkeit nicht mithalten mit dem Traum. Für mich kann die Realität zum Traum werden, ich verliebe mich auch in Frauen, die ich zufällig treffe oder die auf mich zukommen. Für ihn ist nur der Traum die Realität. Nur die Eine zählt und im Laufe seines Lebens ändert sich das nicht. Im Gegenteil, er wird immer zentrierter auf die jeweilige Traumfrau und die Frauen, die er sich aussucht sind immer weiter entfernt von ihm und immer schwerer zu erobern.

Anfang der 70er Jahre sind wir noch jung und wir glauben an unsere Träume. Oft fotografieren wir uns, im Tiergarten oder in Kudammnähe. Einmal ist seine derzeitige Flamme Sabine dabei. Ich fotografiere die beiden in der klassischen Film-Ende-Pose, wie sie mit ihren Levis in Richtung Sonnenuntergang marschieren. Wie Andi auf sie gekommen ist, kann ich nicht nachvollziehen. Nach ein paar Tagen bekommt er auch Zweifel und beendet die Romanze.

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Andi und ich gehen zusammen tanzen. Eine Weile besuchen wir donnerstags die Dachluke am Mehringdamm. Der Disc-Jockey ist meistens Gunter Gabriel, erst zwei oder drei Jahre später wird seinen ersten Hit haben: “Er fährt ‘nen 30 Tonner-Diesel”. Gegen zehn, wenn die Tanzfläche noch leer ist, spielt er für uns den “Midnight Rambler” von den Rolling Stones. Dann ziehen wir unsere Tanzshow ab, die langen Mähnen und die zehn Zentimeter hohen “Market”-Boots spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich weiß das “strangle” würgen heißt, trotzdem wird mir erst Jahre später klar, dass der Song einen Serienmörder beschreibt.

1972 fahren wir im Sommer auf die Insel Texel, als Kind war ich schon mal da, die wilde Nordsee hat mir gut gefallen. Wir haben uns ein Zelt geborgt, als wir am späten Abend auf dem Campingplatz ankommen bauen wir es auf, so gut wir können. In der Nacht regnet es und wir wachen klitschnass auf am nächten Morgen. Zum einen haben wir in einer Senke gezeltet und das Zelt war auch nicht richtig geschlossen. Trotz solcher Probleme geniessen wir die Zeit sehr. Hier regt sich niemand über unsere langen Haare auf und wir lernen nette Leute kennen. Nur das Wetter ist nicht so toll. Oft sitzen wir in der gemütlichen Caféteria, essen leckere Pommes und trinken Kakao. Das geht ins Geld. Abends gehen wir ein paarmal in die große Disco, dort sehen wir Bands wie Golden Earring, Ekseption und Focus. Besonders die beiden letzten gefallen Andi, er mag die Einflüsse klassischer Musik. Er ist ein großer Fan von Keith Emerson, der bei The Nice und Emerson, Lake & Palmer, Bach und andere klassische Komponisten einfließen lässt. Ich bin kein Fan dieses Stil-Mixes, doch live ist es OK für mich. Schliesslich sind wir pleite. Ich muss meine Mutter anrufen und sie schickt uns Geld.

Zurück in Berlin überredet Andi mich, mit ihm ins Big Eden zu gehen. Mir ist die große Disco am Kudamm eigentlich zu poppig, aber ich bin ein guter Freund, oder vielleicht will ich nur nicht allein tanzen gehen. Es ist die Zeit des Glam-Rocks, wir stylen uns androgyn mit Augen-Make-Up, weiten Hosen und hohen Absätzen. Da wird man ab und zu blöd angemacht und zu zweit lässt sich das besser aushalten. Und immerhin hat Andi Recht, im Big Eden kann man gut Frauen kennenlernen.

Er lernt zuerst jemand kennen und hat für ein paar Monate eine Beziehung. Dann lerne ich Katrin kennen, sie ist 17 und hat schon ein Kind. Sie wohnt in einem Heim für minderjährige Mütter in Grunewald. Sie ist ein herzensguter Mensch, ein bißchen zu gut vielleicht. Mit Rolf Eden hatte sie eine Romanze, oder viel mehr was der “Playboy” dafür hält. Sie fand es schick im Porsche herumkutschiert zu werden und in teuren Restaurants essen zu gehen. Der Sex mit dem 42jährigen Kneipier scheint ihr eine akzeptable Gegenleistung zu sein. Ich sehe das anders, aber halte den Mund um sie nicht zu verletzen. Auf jeden Fall sind mir Gestalten wie Eden zuwider seitdem. Das arme Mädchen denken zu lassen, da wäre eventuell ein wohlhabender Mann, der für sie und ihre Tochter sorgen könnte ist schäbig. Egal wie naiv Katrins Hoffnung gewesen sein mag. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, ob ich für Katrin mehr als ein Flirt sein könnte. Ich bin selber noch ein Kind, habe keinen richtigen Job, keinen Beruf. Mit meiner “no future”-Perspektive bin ich nicht der Richtige für sie und die Liebschaft ist zuende, noch bevor sie richtig angefangen hat. Auch Andi ist bald wieder Single.

Den Juli 1973 verbringt Andi mit meiner Familie in St.-Jean-de-Monts am Atlantik. Er ist froh nicht mit seinen Eltern Urlaub machen zu müssen. Ich lasse mir die langen Haare abschneiden in diesem Urlaub. In Frankreich nervt es besonders lange Haare zu haben, da sind die Franzosen weder sehr freiheitlich noch brüderlich. “Ils sont chauvins”, sagt uns ein Mädchen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, wieso ich zum Friseur gehe, ich habe das Gefühl erwachsen werden zu müssen und die Matte scheint mir da zu stören. Andi findet es blöd, dass ich mich unter die Schere begebe. Er mag auch das modische Tweed-Sacco nicht das ich jetzt öfter trage.

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St.-Jean-de-Monts

Andi ist ein Nachzügler. Sein Vater ist ein pensionierter Studienrat, seine Schwester war schon aus dem Haus, als Andi zur Welt kam. Auf dem Rückweg von der Atlantikküste besuchen wir Andis Eltern, die am Stadtrand von Paris ein Feriendomizil haben. Mir fällt auf, wie wenig seine Eltern ihn verstehen oder auf ihn eingehen. Sie behandeln ihn wie ein Kind und können wenig mit diesem androgynen Mädchenschwarm anfangen, der unmerklich unter ihrer Obhut groß geworden ist. Groß ja, aber nicht erwachsen.

Wieder in Berlin entwickeln sich unsere Leben unterschiedlich. Ich gehe nicht mehr tanzen mit ihm. Ich lege jetzt selber Scheiben auf, im ersten Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Andi kommt nur einmal vorbei, es gefällt ihm nicht. Ich wohne mit Ilona, meiner ersten großen Liebe in einer WG in der Schlüterstraße. Nach der Trennung von Ilona ziehe ich zu einem Freund in die Knesebeckstraße. Währendessen hat Andi seine einzige längere Beziehung. Dreieinhalb Jahre ist er mit seiner Traumfrau zusammen. Die Trennung die folgt erlebt er als traumatisch. Er fühlt sich tief verletzt, betrogen und er macht den Fehler zu verallgemeinern. Danach wird er von “den Frauen” sprechen und es wird ihm an diesem Grundvertrauen fehlen das erforderlich ist, um eine partnerschaftliche Beziehung einzugehen. Ich versuche ihm diese Misogynie auszureden, aber da hat sich etwas festgesetzt bei ihm.

Richtig erwachsen kommt er mir nie vor, auch in seinem späteren Leben nicht. Er war Peter Pan ähnlich, der immer ein Junge blieb. Ich konnte mir Andi nie in einem Büro oder in einer Fabrik vorstellen. Er versuchte das Leben leicht zu nehmen, “easy” war eines seiner Lieblingswörter. Ich weiß nicht was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht das Taxi fahren zum Gelderwerb entdeckt hätte. Das Taxi fahren ermöglicht ihm weiter seinen Träumen nachzuhängen, so braucht er keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Er verdient gut dabei, er fährt lange Schichten, ist freundlich und bekommt viel Trinkgeld. Er ist sich durchaus dieser Schwebe bewusst, in der sich seine Existenz befindet. Taxi fahren ist kein richtiger Beruf für einen Schöngeist, einen begabten Musiker wie ihn. Aber er fährt weiter und er leidet darunter, dass die Menschen, die er fährt ein richtiges Leben führen, eine richtige Arbeit haben und eine richtige Familie. Das Alles hat er nicht und er fühlt, da ist ein Spalt zwischen ihm und seinen Fahrgästen und er weiß nicht wie er diesen Spalt überwinden soll, um ins richtige Leben zu gelangen. Er kauft sich ein kleines Studio zusammen, vom Taxigeld und pfriemelt nächtelang an seinen Tracks, ist aber nie so richtig zufrieden.

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Ausflug 1990

In der Zeit nach dem Mauerfall machen wir viele Ausflüge. Ich habe noch keinen Führerschein, den schenke ich mir erst zum 40sten Geburtstag und er hat einen gewissen Spielraum die bequeme Daimler-Droschke privat zu nutzen. Meist nehmen wir meine Mutter mit. Sie und er mögen sich, so wie meine Mutter hätte er sich seine eigene auch gewünscht. Wir besuchen Langschaftsgärten in Branitz und bei Dessau, dort besuchen wir auch das Bauhaus. Wir fahren nach Bad Muskau an der polnischen Grenze. Auch dort hat Fürst Pückler einen grandiosen Park geschaffen, die abgebrannte Ruine eines Schlosses krönt die Lausitzer Parklandschaft an der Neisse. Meine Mutter hat sentimentale Erinnerungen, sie war im Krieg dort ausquartiert mit ihrer Arbeitsstelle, hat dort das erste Mal allein gewohnt. Mein Vater hat sie auf Fronturlaub besucht, als Alles noch offen war, ob sie wirklich ein Paar werden oder gar heiraten und ein Kind bekommen. Wir besuchen auch Bad Liebenwerda, wo meine Familie mütterlicherseits herkommt. Meine Oma musste es 1910 verlassen um in Berlin in “Stellung” zu gehen. 15 war sie da.

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Bad Liebenwerda, 1990

Anfang der 90er Jahre besucht er mich in meinem Büro im Offenen Kanal Berlin. Das ich so eine richtige Aufgabe finde, hatten wir beide nicht erwartet. Er würde gern weg vom “auf dem Bock sitzen” und fremde Leute kutschieren. Er hat eine Idee, er würde gern mit Musik Geld verdienen. Er hat eine fünfstellige Summe ausgegeben, um sich ein fast professionelles Tonstudio aufzubauen. Er würde gern Filme vertonen, Filmmusik schreiben, Jingles für Werbung oder On-Air-Promotion fabrizieren. Ich kann ihm erklären, wie so etwas technisch funktioniert. Doch ich kann ihm nicht helfen in die Branche zu kommen. Eigentlich braucht man Beziehnugen dafür und die bekommt nur, wenn man irgendwie in diesem Bereich arbeitet, egal als was. Und einen langen Atem muss man haben. Soziale Kompetenz hilft viele Kollegen kennen zu lernen. Und nie darf man müde werden auf eine Chance zu warten. Andi hat weder einen langen Atem noch ausgeprägte soziale Kompetenz. Ich biete ihm an, eine Produktion zu suchen die jemanden braucht der die Filmmusik komponiert, damit er erste Erfahrungen sammeln kann. Das will er aber nicht. Ich kann nur vermuten, er hat Angst zu versagen, sich vor fremden Leuten zu blamieren.

Ich zeige Andi noch den Sender, dann fahren wir in Richtung Kudamm um bei mir noch ein Bier zu trinken. Ich glaube es passierte im Bahnhof Seestraße. Kurz nach dem Losfahren macht der U-Bahnfahrer eine Vollbremsung, wir die Fahrgäste hören ein schrilles Quietschen und das Licht geht aus. Die Türen sind blockiert, wir können uns denken was da passiert es. Erst nach zehn Minuten werden wir von Feuerwehrleuten aus dem Bahnhof geführt. Nur in eine Richtung dürfen die Fahrgäste den Bahnhof verlassen. In Richtung des Triebwagens wird niemand gelassen, dort wo ein armer Teufel eben sein Leben verloren hat, nicht ohne dabei den Zugfahrer zu traumatisieren. Das Schlimmste, das was ich nicht vergessen werde, ist der Geruch. Die U-Bahn ist gesperrt, die Busse sind voll, also laufen wir einfach vom Wedding bis zum Kranzler-Eck, mitten durch den Tiergarten, wo wir uns als Teenager fotografiert haben. Wir laufen stumm nebeneinander. Eigentlich wollten wir bei mir am Rankeplatz noch ein Bier trinken. Wir lassen es, es ist uns nicht danach. Vor dem Kudamm-Eck umarmen wir uns zum Abschied.

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Dänemark 1993

Noch einmal machen wir zusammen Urlaub, wir wohnen in einem Wohnwagen an der Ostsee in Dänemark. Wir reden nicht viel, machen lange Wanderungen, spielen Karten. Es fehlt uns nichts, wir sind zufrieden. Manchmal abends fühlen wir eine Leere, dann geht einer von uns zu der netten Kaufmannsfrau und bringt ein halbe Flasche Gammel Dansk zurück. Große Flaschen gibt es nicht. Ich arbeite viel in den 90er Jahren. Er fährt Taxi und macht Musik. Er findet tatsächlich eine Band mit der er eine Weile zusammen spielt. Er nimmt sogar ein Album auf mit “Prussia”, er ist inzwischen auf den Bass umgestiegen. Das ist nochmal ein Entwicklungsschritt von ihm, das Soli spielen auf der Gitarre aufzugeben und brav den Bass zu bedienen. Vielleicht wird er doch noch erwachsen.

Die Nachricht ist ein Schock. Meine Mutter ruft mich an, berichtet das Andis Schwester sie informiert hat, meine neue Telefonnummer hat sie nicht gefunden. Andi ist tot, völlig überraschend ist er krank geworden. Er hat keine Luft mehr bekommen, es soll ein Pilz in seiner Lunge gewesen sein. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Das ist jetzt viele Jahre her, trotzdem vermisse ich Andi, ich denke oft an ihn und träume von ihm. Bis heute.

Marcus Kluge

Dieser Text ist jetzt auch in gedruckter Form erhältlich. Das “Xanadu-Fanheft” vereinigt Geschichten, Fotos und Materialien zu Kindheit und Jugend in den 1960er und frühen 1970er Jahren. “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Porno, Hasch und Rauschgifthunde” ergründen das Klima in der Mauerstadt West-Berlin. Für 5 Euro kann man das Heft bei marcusklugeberlin@yahoo.de bestellen, oder für 18 €  zusammen mit dem Roman (Inkl. Verpackung und Porto innerhalb Deutschlands)

“Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin” Roman, 148 Seiten Format DINA5 beschnitten, mit 13 Illustrationen, erschienen Juli 2015 bei “Edition Assassin”, 13Euro inkl. Verpackung und Porto.

Bestellbar bei: marcusklugeberlin@yahoo.de

Familienportrait: „High Society“ / Biografie eines Berliner Hippies / 1967 – 2016

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1967 wechsle ich von der Grundschule auf die Friedrich-Ebert-Oberschule und lerne Richard kennen. Heute, 50 Jahre später, ist er mein ältester, noch lebender Freund und ich kann nur hoffen, er bleibt mir erhalten. Zusammen mit ihm, schaue ich auf sein abwechslungsreiches Leben zurück. Er wollte ganz hoch hinaus, fiel aber mehrfach tief. Sein Leben war wie eine Achterbahnfahrt, nur länger, steiler und breiter.

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1967 sehe ich die Beach Boys im Sportpalast an der Potsdamer Straße, an dessen Stelle heute der Sozialpalast steht. Es ist mein erstes Rockkonzert, ich bin zwölf. Dennis und Brian Wilson haben Übergewicht, ich auch. Ich träume davon selbst auf der Bühne zu stehen. 22 Jahre vorher fragte ein Rheinländer namens Joseph Goebbels die im Sportpalast anwesenden Deutschen, ob sie den totalen Krieg wollten und alle brüllten: “Ja.”

Foto oben: Von links Marcus, Andi, Richard 1970. Unten: Pariser Straße 15, heute übt hier ein Buchbinder sein Handwerk aus.

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Zwei Jahre danach gründen meine Freunde und ich unsere erste Band. Einen Übungsraum haben wir in der Pariser Straße 15. Richards Vater hat dort einen winzigen Uhrenladen. Heute übt ein Buchbinder hier sein Handwerk aus. Über dem Laden gibt es 1970 eine Art Hochbett, dort schläft der Uhrmacher mit seiner Frau, einer Krankenschwester. Unter dem Laden ist ein Keller, dort steht unsere kleine Anlage, dort können wir spielen oder einfach nur zusammen hocken und quatschen. Wenn wir Hunger haben, macht uns Richards Mutter Schmalzstullen.

Wir spielen Blues, den Blues der 60er Jahre, wie Cream oder die frühen Pink Floyd. Richard ist unser Drummer, dünn und blass wie er ist, sieht er dem Trommler Ginger Baker ähnlich. Ich spiele Bass, ich habe einen weißen Höfner-Bass zu Geburtstag und Weihnachten bekommen. Andy ist nicht nur der Leadgitarrist, er schreibt auch die Songs und ist die treibende Kraft. Rolf, der vierte Mann, ist älter. Schon 18, während wir um die 15 sind. Rolf hat einen Bart und kann Auto fahren. Außerdem spielt er klaglos Rhythmusgitarre, während sich Andy in langen Solos verliert. Andy ist der Schönling unter uns, ein echter Mädchenschwarm, mit seinen dunklen langen Haaren sieht er ein bisschen wie Paul McCartney aus.

Spoiled Saturn”, den Gruppennamen habe ich erfunden. Der Unglücksstern und spoiled davor hört sich irgendwie groovy und erdig an. Meist spielen wir vor Freunden und Verwandten, viel mehr gibt unsere kleine zusammengesuchte Anlage nicht her. Den Uhrmacher nervt der Krach bald und wir ziehen kurzfristig in einen Keller gegenüber, unter einer Apotheke, aber auch da fliegen wir schnell raus, zu laut!2016-07-22-0008 (2)

Oben: Richard 1970, unten: Andi und Marcus 1973.

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Unseren größten Auftritt tritt haben wir vor den Schülern der Otto von Guericke-Schule. Es ist ein Wandertag, im Tegeler Forst hat die Schule einen Saal gemietet. Wir borgen uns ein paar Verstärker und Boxen und rocken das Haus. Vier lange Songs haben wir, als wir damit durch sind, fangen wir nochmal von vorn an, “Live at Tegel”. Die Schülerschaft ist begeistert. Abends feiern wir unsern Erfolg im Piccola Taormina, der Mini-Pizzeria neben der Market-Boutique in der Uhlandstraße, wo man damals die schärfsten Klamotten kaufen konnte.

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Die Pizzeria in der wir 1970 unser Konzert feierten gibt es heute noch.

Kurz danach wird uns die Anlage geklaut. Damit ist die Luft raus, wir haben einfach nicht die Kraft und die Geduld, noch einmal Geld zu sparen und uns gebrauchte Teile zusammen zu kaufen. Mit Andy bleibe ich eng befreundet, Richard und Rolf sehe ich eine Weile nicht wieder.

1971 beschließe ich, da mir das Gymnasium verschlossen ist, wenigstens meine Mittlere Reife zu machen. Dafür gehe ich auf die Alfred Wegener Schule im schicken Dahlem. Richard wohnt in der Nähe, Im Dol, in der Villa von Paul Hubschmid und Eva Renzi. Richard hat einen Kumpel, der viele Leute in der Theater- Film-Branche kennt, Peter.

Peter gehörte zur Clique um den Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Nach einer handfesten Prügelei mit dem exzentrischen Schauspieler Kurt Raab, verstößt ihn Fassbinder aus seiner Umgebung. Peter hat Richard, der zuhause herausgeflogen ist, weil er nicht mehr zur Schule gehen wollte, den Job besorgt auf Haus und Garten des prominenten Paares aufzupassen, während diese in St. Tropez leben.

Daher gehe ich nach der Schule oft in die luxuriöse Villa, um Richard zu besuchen und im Pool zu schwimmen. Ich führe lange Gespräche mit ihm, nach unserem Rauswurf aus dem Gymnasium und dem Ende unseres politischen Engagements sind wir beide ziellos. Er möchte gern irgendwo dazugehören, er will von Leuten wie Hubschmid und Renzi akzeptiert werden und er träumt davon um die Welt zu reisen. Er wird sein Ziel erreichen, doch er muss einen hohen Preis dafür zahlen. Ich neige zur Verweigerung, auch mir sind Beruf und Karriere egal. Ich möchte schreiben und als Bohemien leben. Das letztere ist ziemlich einfach zu erreichen, aber bis sich für meine Schreiberei irgendjemand interessiert werden zehn lange Jahre vergehen.

Eines Tages sitzen wir mit ein paar Bekannten am Swimming-Pool, auch die fünfjährige Anouschka Renzi mit ihrer Nanny ist dabei. Außer mir haben sich alle aus der Hubschmidschen Hausbar bedient und Joints geraucht. Daher bin ich der einzige der bemerkt, wie das Kind in den Pool fällt und zu ertrinken droht. Ich springe in Jeans und T-Shirt hinterher und ziehe Anouschka an den sicheren Rand.

Richard arbeitet bei einer Tournee des Schauspielers Hannes Messemer, ein guter Mime, leider aber ein Alkoholiker. Zu Richards Pflichten gehört es, aufzupassen, dass der Star vor der Vorstellung nicht zu viel trinkt. Er lernt viel, Peter zeigt ihm wie man Licht setzt. Anschließend trampt Richard nach St. Tropez, wo sich seit den 60er Jahren die Reichen und die Schönen treffen. Er schickt mir eine Karte, er ist enttäuscht, was er dort gesucht hat, findet er nicht.

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Die Postkarte aus St. Tropez.

Terry Melcher, ein Sohn von Doris Day, ist Songwriter und Musikproduzent. 1968 stellt ihm Dennis Wilson von den Beach Boys einen Musiker namens Charles Manson vor. Aber Melcher gefällt das Demo nicht das Wilson von Charles Manson aufgenommen hat. In der Folge besucht Manson Melcher mehrfach in dessen Haus 10050 Cielo Drive. Genervt zieht Melcher aus und das Haus wird an Roman Polansky und Sharon Tate vermietet. Am 8. August 1969 ermorden Mitglieder von Mansons Gefolgschaft, unter ihnen Susan Atkins, drei Freunde von Tate und einen zufälligen Zeugen. Anschließend ersticht Atkins die hochschwangere, um Gnade flehende Sharon Tate mit 16 Messerstichen. Danach schmiert sie das Wort PIG mit Tates Blut an die Hauswand.

Im provinziellen Berlin gibt es auch danach noch Beziehungen zwischen Promis wie Eva Renzi und „Hippies“ wie Richard und Peter. In St. Tropez hat sich die High Society aber bereits hermetisch vor Außenseitern abgeschlossen.

1975 wohne ich mit einer Freundin in der Joachimsthaler Straße. Richard besucht uns und schwärmt von Goa. Dort würden Hippie-Träume noch wahr und der Jet-Set schaut auch vorbei. Er will dort den Winter verbringen und uns mitnehmen. Ich kann mich mit der Idee nicht anfreunden, aber Ulrike überredet er. Beide werden viele Winter in Indien verbringen. Ulrike macht dort ein Restaurant auf, hat Erfolg, heiratet einen einheimischen Rechtsanwalt und bekommt zwei Töchter. Richard mietet die Villa Nunes und betreibt dort eine Pension.

Der Reiseschriftsteller Gavin Young besucht ihn in der “Villa Nunes”, dem ehemaligen Haus eines portugiesischen Beamten von 1904. In “Slow Boats to China” findet er, das Haus hätte einen mysteriös-verwunschenes Aussehen. Richard beschreibt er als “youngish, tall, blond with a pale moustashe. He was dressed like a mississippi gambler with a three-piece-suit in a film, very elegant.” Gavin portraitiert Richard auf mehreren Seiten und zeichnet ihn auch in der Villa Nunes. Richard ist sehr stolz darauf. In Berlin schenkt er mir das Buch.

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Oben: Richard mit Sohn und Freunden in Goa 1983. Unten: Gavin beschreibt sein Treffen mit Richard.

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Unten: Gavin Youngs Zeichnung und Beschreibung der Villa Nunes.

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Unten: Richard bei den Dreharbeiten zum Film “Jaipur Junction”.

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Trotz Filmprojekten, irgendwann reicht Richard das beschauliche Hippieleben in Goa nicht mehr und er plant mit drei engen Freunden einen wirklich großen lukrativen Schmuggel durchzuziehen. Einmal richtig absahnen und sich dann mit einem kleinen Hotel zur Ruhe zu setzen. Sie kaufen eine Segelyacht, schippern nach Kerala in Südindien. Dort werden 250 Kilo bestes Haschisch im Boot versteckt. Anschließend lassen sie die Yacht per Schiffsfracht nach Kanada bringen.

Zwei Monate später sind sie in Toronto um das Geschäft über die Bühne zu bringen. Einen Vorschuss haben sie bekommen, sie wohnen in einem Luxushotel und beschließen sich die Haare schneiden zu lassen. Dazu gehen sie zum exklusiven Friseur Howard Barr, der die Rolling Stones für Videodrehs frisiert hat. Als sie sich nach der Kopfwäsche aufrichten, sehen sie sich von schwerbewaffneten Polizisten umringt.

Zum Prozess reist Richards Mutter nach Toronto, am Urteil kann sie nichts ändern. Sieben Jahre Haft, das ist mehr als er erwartet hat. Zuerst denkt er an Selbstmord, dann arrangiert er sich irgendwie. In den 70er Jahren sind kanadische Gefängnisse nicht ganz so übel, zu Weihnachten gibt es Seafood Salad. Richard schreibt mir, ihm ist wichtig, dass ich ihn auch jetzt noch akzeptiere.

Nach zwei Jahren wird er abgeschoben. Er bekommt einen Anzug aus der Gefängnis-Schneiderei, der phänomenal schlecht sitzt und 200.- Dollar. In Berlin arbeitet er in einem Kaufhaus und versucht sein Leben wieder auf die Reihe zu bringen. Doch bald führt Richard wieder sein altes „Highlife“, im Sommer in Berlin, im Winter in Goa.

Es ist 1983, ich habe mit Herbert die Cut-Up-Swingers gegründet, eine experimentelle Band, der Chorgesang erinnert an David Peel & The Lower Eastside. Metall-Percussion und Küchenmaschinen ergänzen den Sound. Ich lade Richard ein, mitzuspielen. Wir machen Band-Fotos, aber zu den Proben kommt er nicht. Wiedereinmal höre ich fast zwei Jahre nichts von ihm.

Unten: Cut-Up-Swingers (ich, Mirko, Richard, Herbert.)

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Als ich 1986 mein erstes Filmprojekt verwirkliche, fällt mir Richard ein und ich engagiere ihn als Best Boy. Tatsächlich hilft er viel, nicht nur beim Licht, er spielt auch den Hippie Deli. Auch sein Kumpel Peter spielt eine Rolle. Nach einer Japanreise haben beide asiatische Freundinnen, die furchtbar nett sind und auch helfen beim Film. Wovon die vier leben, bleibt mir ein Rätsel.

Im Frühjahr drehen wir den Piloten für “Bum Bum Peng Peng”, die Parodie einer Krimiserie. Wir drehen auf Umatic Lowband, einem inzwischen historischen semiprofessionellen Videoformat. Die Geräte bekommen wir zum Teil vom Offenen Kanal Berlin, der auch die Ergebnisse ausstrahlt.

Kurz danach nimmt mich Richard auf eine exklusive Geburtstagsparty mit. Es ist seine Art sich für den Job zu bedanken. Wir feiern mit diversen Promis, an der langen Tafel sitzt neben mir Christoph Eichhorn, den ich sehr schätze. Ich freue mich sehr über die Gelegenheit mit dem Schauspieler zu sprechen. Immerhin spielte er in der Verfilmung meines Lieblingsromans “Der Zauberberg”, den Helden, Hans Castorp.

1988 erinnert sich der Musikproduzent Terry Melcher an die Beach Boys. Er braucht Geld und produziert mit den Jungs “Kokomo”, den penetrant süßlichen und wahrscheinlich schlimmsten Hit der Band. Brian Wilson ist an dieser Aufnahme nicht beteiligt.

Zehn Jahre später meldet Richard sich wieder. Inzwischen mache ich die Disposition für den Offenen Kanal Berlin und er besucht mich 1996 im Sender. Wieder hat er ein paar Jahre im Knast verbracht, wieder waren Drogen der Grund. Nach Feierabend nehme ich ihn mit vom Wedding in die City West, damals gab es noch Taxi-Coupons für die Spätschicht. Als wir an der Haftanstalt Moabit vorbeifahren, zeigt er auf sein “ehemaliges Zimmer”. Ich registriere, dass es mir vor dem Taxifahrer peinlich ist, mit einem Knastbruder befreundet zu sein und wundere mich, dass ich so bürgerlich denke.

2008 besuche ich Ulrike, ihre Töchter sind inzwischen erwachsen, eine ist ein bekanntes Model geworden. Ulrike erzählt mir, das Richard in Berlin lebt und Hartz 4 bezieht.

Mit Andy war ich immer eng befreundet, wir sind öfter verreist und haben den Kontakt nie abreißen lassen. Nach dem Fall der Mauer haben wir Ausflüge in die ehemalige DDR gemacht. Ende der 90er Jahre stirbt Andy an einem mysteriösen Pilz, der in kürzester Zeit seine Lunge zerfrisst. Ich vermisse ihn immer noch sehr.

Rolf habe ich nur einmal wiedergetroffen, er hat eine Familie gegründet und ist Versicherungsvertreter geworden.

Als ich 2014 anfing meinen zweiten Roman „Ein Hügel voller Narren“ zu schreiben, brauchte ich ein reales Vorbild für meine fiktive Hauptfigur. Mein alter Schulfreund Richard passte hervorragend und so erfand ich „Roberto“. Roberto hatte auch eine Pension in Goa, er war wegen 250 Kilo Haschisch in Kanada im Knast und Robertos Vater war, wie der von Richard, im dritten Reich im jüdischen Widerstand. Schon in den 80er Jahren hatte ich mit Richard den Plan entwickelt eines Tages ein Buch über ihn zu schreiben. Also fühlte ich mich bevollmächtigt dies nun auch zu tun. Allerdings erzählte ich jetzt eine wilde, erfundene Geschichte, in der Roberto und sein Vater Dinge tun, von denen ich nicht wusste, ob sie Richard gefallen würden. Leider hatte ich seit den 90er Jahren keinen Kontakt mehr zu Richard gehabt. Also begann ich ihn zu suchen, auf Facebook wurde ich fündig. Er hatte sich gerade erst angemeldet und freute sich sehr und fand mein Buchprojekt toll und spannend. Er kam zu meiner ersten Lesung im März 2014, zufällig wohnt er direkt neben der Kulturwerkstatt, in der ich als lesender Schriftsteller debutierte. Ich war froh, dass er den Drogenhandel aufgegeben hatte., nachdem er Anfang des neuen Jahrtausends eine letzte Haftstrafe abgesessen hatte. Es wäre „die verbindlichste“ gewesen, drückt er sich aus. Danach arbeitete er viele Jahre in einem Tonstudio. Er kam mir entspannt und gereift vor. Wir trafen uns, er unterstützte mich beim Roberto-Roman und wir hielten Kontakt über Facebook.

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Zwei Illustrationen von Rainer Jacob zum “Helden ’81”-Roman.

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Im Frühjahr 2016 ist er dann plötzlich von der digitalen Bildfläche verschwunden. Über sechs Wochen höre ich nichts von ihm und er antwortet nicht auf Mails und Nachrichten, dann ein Gruß auf Facebook. Er spricht von einer schweren Krankheit … Dann steht er unvermittelt eines Tages vor meiner Tür. Sofort wird mir klar, schwere Krankheit bedeutet Krebs. Er sieht krank und unglaublich dünn aus. Man hat den Krebs zufällig entdeckt, er hat Glück gehabt. Doch obwohl der Krebs noch klein war, hatte er schon gestreut. Nun hat Richard keinen Magen mehr und ihm steht eine viermonatige Chemo bevor. Trotz einer Bronchitis hält er durch, wenn er mich besucht merke ich ihm die Strapaze an. Was ihn besonders ärgert, er hat seine Arbeit verloren, viele Jahre hat er ein Tonstudio geleitet, aber als er krank wurde, hat man ihn herausgeworfen. Ich beginne diese Geschichte mit ihm zu bearbeiten, wir suchen Fotos aus, die Ablenkung tut ihm gut. Realistischerweise rechnet er damit, dass seine ihm verbleibende Lebensspanne unkalkulierbar, aber möglicherweise nicht lang, ist. Meinen zweiten Roman, dessen Hauptfigur Roberto, auf seiner Biografie beruht, würde er gern noch einmal in den Händen halten. Etwa 230 Seiten sind fertig, dann habe ich, obwohl nur drei Kapitel fehlen, aufgehört zu schreiben. Ich hatte mir viel vorgenommen, für meinen zweites Buch. Vielleicht zu viel? Ein West-Berliner Schelmenroman ist es, aber auch ein Panorama der Stadt 1981, auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerbewegung. Außerdem ergründe ich das Lebensgefühl meiner Generation, der in den Nifty-Fifties Geborenen. Über ihren Eltern lag der Schatten des Dritten Reichs, doch das Wirtschaftwunder drückt scheinbar alle Widersprüche ins Unbewusste. Über die Zukunft machte sich meine Generation keine Gedanken, bis wir in den 1970ern in das Arbeitsleben drängen, um unseren Teil des Wirtschaftwunders zu ernten. Da stellen wir erstaunt fest, dass die fetten Jahre vorbei sind. Und schließlich reicht die Vorgeschichte des Romans ins düsterste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, die Nazizeit und ihre Gräuel. Dass Richards Vater im jüdischen Widerstand gegen Hitler war, wusste ich vorher nicht. Nicht zuletzt ist es ein Buch über Väter und Söhne. Und am Ende soll alles stimmig sein, jedes Klötzchen soll an seinen speziellen Platz fallen und dabei natürlich aussehen. Vor diesem Ende habe ich Respekt, vielleicht sogar Angst zu versagen. Doch meinem ältesten, noch lebenden Freund zur Freude, werde ich die Arbeit angehen und die Klippen überklettern, die noch vor mir liegen. Respekt habe ich vor meinem Freund, der, um sein Leben kämpft und dabei nicht den Humor und nicht seinen lebensbejahenden Charakter verliert. Nach einem Leben voller Höhen und Tiefen gibt er nicht auf.

Unten: Richard  im November 2016.

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Brian Wilson lässt mich über Facebook an seinem Leben teilhaben. Auch er hatte großartige Erfolge, aber tiefe Depressionen. Jetzt ist er wieder kreativ und gibt Konzerte. Es ist eben nie zu spät, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Die Flinte ins Korn zu werfen, ist immer noch Zeit.

Wird fortgesetzt.

 

Die Geschichte von Andi, unserem viel zu früh gestorbenen Freund:

http://wp.me/p3UMZB-1cj

Das erste Kapitel des Roberto-Romans „Helden ’81“:

http://wp.me/p3UMZB-1PU

Berlinische Leben – “Der Kebabtraum” / “Helden ’81” Kapitel Zwölf / von Marcus Kluge / 1981

Irene Mössinger, die legendäre Gründerin des Tempodroms, hat heute Geburtstag und wir gratulieren ihr herzlich. Als kleines Geschenk gibt es das “Tempodrom-Kapitel” meines unveröffentlichten Romans “Helden ’81” als Vorabdruck.

Normalerweise fanden Punk- und andere Rock-Konzerte in meist mehr oder weniger schmuddligen Klubs statt, am Abend oder in der Nacht, vor einem ziemlich betrunkenen oder auch bedingtem Publikum. Das Tempodrom bot eine Alternative, in einem Zirkuszelt fanden oft schon am Nachmittag Auftritte der angesagtesten Berliner und auswärtigen Bands statt. Die ehemalige Krankenschwester Irene Moessinger hatte sich mit Hilfe einer Erbschaft den Traum erfüllt Zirkusdirektorin zu werden. 1980 machte sie ihr Etablissement am Potsdamer Platz auf und im März 1981 war sie schon wieder pleite. Glücklicherweise entdeckte zu dieser Zeit der Berliner Senat sein Herz für die Off- und Sub-Kultur der Stadt und mit einer Finanzhilfe ging der Spielbetrieb weiter. Der verwaiste Potsdamer Platz war auf jeden Fall eine geniale Ortswahl der Chefin. Wenn man mit Besuchern auf dem weitgehend leeren Platz am Rande der Berliner Mauer stand, konnte sich niemand vorstellen, dass hier einmal das Herz der drittgrößten Stadt der Welt schlug; in den 1920er Jahren war der Platz tatsächlich der verkehrreichste weltweit. Von einem Trödelmarkt am Wochenende und ein paar Souvenirständen abgesehen, herrschte dort bis 1980 gähnende Leere.

Am Wochenende hatten die Veranstaltungen im Tempodrom ein wenig den Charakter von alternativen Sonntagsspaziergängen, man zeigte sich und traf alte und neue Bekannte. Eigentlich sollte an diesem Sonntag ein Punkfestival mit auswärtigen Bands stattfinden, doch nachdem die meisten abgesagt hatten, machte das Booking ein Line-Up aus Berliner Bands daraus, die eigentlich gar nicht zusammenpassten, nur Slime blieb als einziger Import übrig. Nach einer unbekannten Schülerband mussten die Politpunks Slime auf dem undankbaren zweiten Platz um 17 Uhr spielen.

Ich kam natürlich mal wieder zu früh. Kurz vor 14 Uhr war der Haupteingang noch verrammelt, aber ich fand schnell den “Lieferanteneingang”. Aus dem Zirkuszelt kamen punkige Töne, dort war es ziemlich kalt, bis zum Beginn in drei Stunden würden die aufgestellten Heizungen hoffentlich Wirkung zeigen. Auf der Bühne erkannte ich “Slime“, ich machte schonmal ein paar Bilder mit meiner alten Spiegelreflex-Kamera. Dann suchte ich mir einen Weg hinter die Bühne und wartete auf die Musiker. Das Interview fand stilgemäß in einem Zirkuswagen statt. Ein kleiner Bullerofen bullerte vor sich hin und auf den Tisch hatten nette Heinzelmännchen Thermoskannen mit heißem Tee und Kaffee gestellt. Neben den Bandmitgliedern Dirk, Elf und dem Drummer Stephan war noch eine Frau dabei, die nichts sagte. An Anfang waren die drei etwas zurückhaltend, dann merkten sie, dass ich kein sturer Politfreak war und das Gespräch wurde freundlicher. Wir sprachen über “Bullenschweine“, das bekannteste und umstrittenste Stück der Gruppe, über politisches Engagement, Geld und Faschos. Mein alter Kassettenrekorder lief und nahm alles auf. Ich musste unbedingt daran denken nach 45 Minuten umzudrehen. Es klappte nur weil das Mädchen stumm im richtigen Moment die Kassette umdrehte und wieder Play und Record gleichzeitig drückte. Ich dankte ihr kopfnickend.
Mein erstes Interview lief hervorragend, über manche Sätze wie: “Eine Zensur findet natürlich statt!”, oder: “Die taz ist ‘ne Schweinezeitung!”, freute ich mich und sah sie schon als Zwischenüberschriften. Kurz bevor das Tape zu ende war, hatten die Jungs genug und nachdem ich vor dem Zirkuswagen noch ein paar Fotos geschossen hatte, packte ich zufrieden meinen Kram zusammen. Die Band hatte sich sogar freundlich bei mir bedankt und freute sich auf die Veröffentlichung. Hoffentlich würde Papparazzi meinen Text auch nehmen. Ich rechnete schon mal aus, was damit verdienen würde. Die taz zahlte 75 Pfennige für die Zeile und 30.- Mark für ein Foto. 300.- Mark müssten drin sein, ich rieb mir die Hände, meine erste journalistische Arbeit.

Inzwischen hatte sich das Gelände belebt, es spielte noch keine Band, aber viele Besucher standen Schlange, um Bier zu kaufen und ich schloss mich an. Roberto und August hatte ich zu 18 Uhr bestellt, ich wollte vorher noch in Ruhe den Auftritt von “Slime” sehen. Aber im Prinzip war meine Arbeit getan und ich konnte mich ein bißchen bespaßen. Die Vor-Band war ziemlich schlecht und als ich das Zelt wieder verließ, kam mir Uschi entgegen, die Mitbewohnerin von Gudrun. Sie hatte zwar wieder ihre schwarze Lederjacke an, aber diesmal trug sie mehr als nur einen grünen BH darunter. Ein enger schwarzer Pullover modellierte ihre Brüste und ein ebenfalls schwarzer Lack-Minirock ließ viel von ihren fischnetzgemusterten Beinen sehen. Mit einem Bier in der Hand sprach mich Uschi an:
“Na du? Ich dachte, du bist jetzt Familienvater in Neukölln. Hat’s nicht geklappt mit Gudrun?”
“Ja, stimmt auffallend genau. Es gab da ein Missverständnis. Aber wieso weißt du nichts davon, hat dir Gudrun nichts erzählt?”
“Nee, sie mir nix erzählt. Schon, weil ich nicht mehr da wohne. Sie hat mich nämlich rausgeschmissen. Deshalb dachte ich, du wärst jetzt schon eingezogen.”
“Wieso hat sie dich rausgeworfen?”
“Keine Ahnung, es gab Streit und ich hatte keine Lust klein beizugeben.”
“Das glaube ich dir aufs Wort. Sag mal wollen wir reingehen, ich glaube MDK spielen jetzt.”

Drinnen tobte das Mekanik Destrüktiw Kommandöh, die Jungs machten einen rauen Punk und provozierten gern das Publikum, bis sie mit “Spaß muss sein” die Spannung auflösten. Mit dem Sänger Volker und Bassmann Edgar hatte ich mal im SO36 Bier getrunken und einen sehr sympathischen Eindruck gehabt. Uschi und ich tanzten bis ich Roberto ins Zelt kommen sah.
Ich begrüßte ihn und schlug vor, dass wir Uschi mit in unsere Planungen einbeziehen sollten, er war sofort einverstanden. Roberto holte drei Bier von der Bar und wir stellten uns an einen Biertisch und erklärten Uschi, worum es ging. Wie konnten wir Alex Legrand die wertvolle Leica abluchsen, ohne das wir in Gefahr gerieten, in den Knast zu kommen?

Ich hatte Roberto vorbereitet, dass August seinem vermeintlich toten Freund Ari sehr ähnlich sah, trotzdem stand Roberto mit weit geöffnetem Mund, staunend da, als August Deter uns entdeckt hatte und auf uns zu kam. August trug wieder seinen schwarzen Trench-Coat mit hochgestelltem Kragen, der ihm ein wenig das Aussehen von Graf Dracula, oder auch Graf Zahl aus der Sesamstraße gab. August gab uns allen höflich die Hand, Uschi zuerst, dann mir und als er Roberto seine Hand reichte, stammelte dieser fragend:
“Ari, bist du das?”
August zuckte mit den Schultern und antwortete:
“Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wer ich bin. Aber wenn ich dich so angucke, kommst du mir schon bekannt vor.”, er trat auf Roberto zu und umarmte ihn. August hatte wohl spontan beschlossen Roberto zu mögen und Roberto lies sich darauf ein.
Inzwischen war Umbaupause und ich machte einen Vorschlag:
“Sagt mal, wollen wir uns nicht irgendwo ein ruhiges Plätzchen suchen für unser Palaver? Im Moment ist es noch ruhig, weil Pause ist, aber danach spielen, glaube ich, ‘ne Hardcore-Band, dann wird’s so laut, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr hören.”
Uschi schlug vor in das kleinere Zelt zu gehen, wo man Getränke und Snacks kaufen konnte. Dort war es leider sehr voll und wir standen planlos am Eingang, bis mir eine Idee kam:
“Kommt mal mit, wir probieren mal was.”
Ich führte die kleine Gruppe zu dem Zirkus-Wohnwagen, indem ich am Nachmittag das Slime-Interview gemacht hatte und es war tatsächlich leer, der kleine Ofen war noch heiß und wir machten es uns gemütlich. Roberto hatte einen Jutebeutel dabei, aus dem er Mini-Flaschen mit Magenbitter hervorzauberte und verteilte. Gestärkt eröffnete ich die Diskussion:
“Ich könnte mir vorstellen, wenn wir Alex Legrand die ganze Geschichte erzählen, können wir ihn bei seiner Ehre packen. Sowas wie, er würde die Leica eigentlich unrechtmäßig besitzen und moralisch betrachtet gehörte die Kamera Robertos Familie. Und wenn er sie uns nicht gibt, tun die Gangster der Familie was an.”
Roberto schüttelte den Kopf:
“Nee, der wird sagen, geht doch zur Polizei, die kann euch schützen. Ich kann ihm doch nicht verraten, dass es um eine illegale Drogen-Schmuggelei ging bei diesem Darlehen und das ich unter Beobachtung eines Bewährungshelfers stehe. Dann bin ich doch gleich unten durch bei ihm. Außerdem hat er die Kamera ganz legal bei einem Trödler in Bratislava gekauft, wieso soll er ein schlechtes Gewissen haben?”
Jetzt dachte Uschi laut nach:
“Hat Legrand denn irgendeine Schwäche? Glücksspiel oder Drogen? Nee? Na dann Sex. Ich könnte ihn verführen und dann erpressen wir ihn? Was macht er denn so, hat er ‘ne Frau? Erzähl doch mal ein bißchen was über ihn, Roberto.”
Roberto erzählte was er über die aktuelle Situation des Schauspielers herausbekommen hatte:
“Die Villa am Wannsee hat er nicht mehr, offensichtlich geht’s ihm nicht mehr so üppig finanziell, er hat wohl schon lange keine gute Rolle mehr bekommen. Er wohnt jetzt in einer Eigentumswohnung am Winterfeldplatz. Mit Baby Sommer ist er schon seit Mitte der 70er nicht mehr zusammen. Ob es ‘ne andere Frau gibt, hab ich nicht herausbekommen.”
Wir rätselten herum, entwickelten immer wildere Pläne, doch es war nichts dabei, was den Hauch von einer Chance bot, erfolgreich zu sein. Indem er auf die Zirkusathmosphäre anspielte, überlegte Roberto laut:
“Gab es nicht mal einen Film “Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, oder so ähnlich? Regisseur war Alexander Kluge, glaube ich. Bloß das wir keine Artisten sind, wir sind gerade mal Statisten!”
August nahm seinen Gedanken auf und verkündete mit leiser Stimme:
“Genau, wir sind nur Statisten. Aus der Rolle müssen wir raus. Wir müssen Akteure, Artisten werden. Wir müssen sowas wie Regisseur, Produzent, Schauspieler und Drehbuch-Autoren werden. Versteht ihr mich?”
Wir anderen schüttelten unsere Köpfe, nein, wir hatten keine Ahnung was er meinte. August präzisierte:
“Wir müssen einen Film drehen. Einen Film mit einer richtig schönen Rolle für Alex Legrand.”
“Einen richtigen Film?”, fragte Roberto.
“Ja, einen richtigen Film über Robertos Vater und seine Erlebnisse im Dritten Reich, seine Aktionen im Widerstand und den Terror in dem Lager bei Bratislava. Und über die Geschichte der Leica natürlich. Wir drehen einen richtigen Film!, er machte eine dramatische Pause und sprach dann weiter:
Einen richtigen Phantom-Film !“, August grinste nun und ich überlegte ob August nicht mehr Tassen im Schrank hatte, oder ob das tatsächlich eine tolle Idee war, Legrand mit einem Phantom-Film zu ködern. Ich war mir unsicher und schwieg erstmal. Aber Uschi, Roberto und August begannen mit Ideen zu jonglieren, wie man Legrand überzeugen könnte, dass wir wirklich, ausgestattet mit Geld aus Hollywood, Produzenten eines großangelegten Filmprojektes seien und ihn, Legrand, als idealen Darsteller für den bösen Helden des Dramas, den SS-Offizier, auserkoren hatten. Nach einer Weile schob ich meine Bedenken zur Seite, beschloss, dass die Flinte ins Korn zu werfen immer noch später Zeit wäre, und beteiligte mich an den munteren Spekulationen. Bald wurde ich von einer Euphorie ergriffen, die meine Zweifel an dieser offensichtlichen Schnapsidee zunehmend kleiner werden lies, bis sie sich vorläufig in die Katakomben meiner Denkfabrik zurückzogen.

Als ich am Montagmorgen erwachte, stellte ich mit Genugtuung fest, dass ich inzwischen in einer weitläufigen Erdgeschosswohnung am Winterfeldplatz wohnte. Sie befand sich etwa dort, wo bis kurzem die Kneipe Slumberland war, die mich immer an den Winsor McCay-Cartoon “Little Nemo in Slumberland” erinnerte. Durch das große Glasfenster konnte ich in Spiegelschrift lesen “Marcus Kluge & Co. Privatdetektiv – Private Dick”. In diesem Moment betrat ein Kellner den Raum. Mit einem Frühstückstablett und der Morgenzeitung balancierte er schwankend über die riesige Liegefläche meines Bettes. Ich trank etwas Kaffee und widmete mich dann der Zeitung, Innensenator Lummer war tot aufgefunden worden. Man hatte ihm einen Holzflock durchs Herz getrieben, logischerweise, wie das Blatt bemerkte, denn wie hätte man den stattbekannten Vampir sonst umbringen können. Ich weinte ihm keine Träne nach, seine Politik war genauso scheußlich, wie seine Platten mit angeblich Altberliner Liedern. Aber sein Tod würde natürlich aufgeklärt werden müssen, wie aufs Stichwort brachte der Kellner das Telefon. Patti Smith von der Mordkommision Eins in der Keithstraße wollte mich treffen. Sie hatte Bedenken mit den Nachforschungen zu beginnen, ohne sich meiner Mitarbeit versichert zu haben. Ich sagte ihr widerwillig stöhnend zu, ich würde in einer halben Stunde am Tatort sein. Der Ober half mir bei der Garderobe, Smoking, Fliege und schwarze Lackschuhe, meine alltägliche Arbeitskleidung. Vor der Tür wartete schon mein Chauffeur Roberto mit dem renn-grünen Bentley, der seit seinem letzten Tuning fliegen konnte. Das war praktisch, denn der Tatort war der Funkturm. Hier auf der Besucherplattform lag der tote Innenpolitiker halbnackt in Lederjacke und High-Heels. Mir war klar, dass der Oberstaatsanwalt gern einen der üblichen Verdächtigen als möglichen Täter gesehen hätte. Einen wie den international bekannten Vampirjäger wie Rudi Dutschke zum Beispiel, aber ich wusste schon jetzt, dass ich dem Oberstaatsanwalt einen solchen Gefallen nicht tuen würde. Denn die Beweislage war eindeutig und zeigte nach Süden, nach Bayern, um genau zu sein. Ich zählte die ausgezutzelten Därme von elf Weißwürsten, fünf leere Weißbierflaschen der Marke St. Malefizius und anhand der Salzkrümel wusste ich, es waren mindesten ein halbes Dutzend Brezeln verzehrt worden. Es gab also nur einen Menschen, der als Täter für dieses Verbrechen in Frage kam, der bayerische Ministerpräsident und Großvampir Franz-Josef Strauß. Offensichtlich ein Streit unter Vampiren nach einem gemeinsamen Frühstück, darüber wer denn nun der Bösere und damit größere Vampir war, schien in einem tödlichen Handgemenge fatal ausgegangen zu sein. Da Strauß den tödlichen Holzpflock bereits mitgebracht haben muss, würde sogar ein Vorsatz angenommen werden können. Die saubere Lösung eines schmutzigen Falles, ich konnte wieder einmal stolz auf mich sein. Ich rieb mir zufrieden die Hände und lies mich von Mordkommisarin Patti Smith loben. Daraufhin lobte ich ihre ausgezeichnete Idee, mich zum Tatort zu holen. In diesem Moment sprachen mich einige Hippie-Künstler an, sie hatten eine begehbare, oder besser gesagt, berutschbare Plastik an den Funkturm gebaut. Durch diese durchsichtige Röhre konnte man 124 Meter bis zum Boden rutschen. Ich probierte es aus und kam mir vor wie in einem verlängerten Geburtskanal, ständig wechselten die Texturen und Materialien, Fell, Gumminoppen, Seide. Nach oben rotierende Rollen verhinderten, dass man zu schnell nach unten stürzte. Gegen Ende wurde es enger, dunkler und fühlte sich zunehmend sexuell erregend an. Endlich gab mich der Kanal frei. Vor mir stand das Batmobil, Batman stieg aus, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand:
“Kluge, ich brauche sie. Ich habe da einen Fall und komme nicht weiter.”
In diesem Moment wachte ich auf, ich hatte furchtbare Kopfschmerzen.

Ich rekapitulierte ängstlich den gestrigen Abend, aber einen Filmriss schien ich nicht gehabt zu haben. Nachdem es im Zirkuswagen kalt geworden war, hatten wir unsern Standort zu einem Döner-Imbiss in der Potsdamer Straße verlegt. Dort hatten wir bei Kümmerling, Tee und türkischem Essen unser Filmprojekt ausgearbeitet. Aus der Schnapsidee war ein echter Kebabtraum geworden. Gestern Abend hatte sich alles plausibel angehört, heute hatte ich erhebliche Zweifel. Dazu kam, dass ich mich bereit erklärt hatte, den Erstkontakt bei Legrands Agentin am Kudamm herzustellen und ein halbwegs professionell wirkendes Exposé für den Film würde ich auch schreiben müssen. Offensichtlich ging mir meine Gabe nein sagen zu können, zunehmend abhanden. Zu Selbstmitleid lies ich mich nicht hinreißen, aber ich umarmte mein neues Ich auch nicht. Ich war es leid, allem aus dem Weg zu gehen, also würde ich auch die Konsequenzen dieses Verhaltens tragen müssen. Als Soundtrack für diesen Morgen wählte ich eine Platte von Mekanik Destrüktiw Komandöh. “Der Tag schlägt zu” schien mir ein gutes Motto für unser Vorhaben zu sein.

Nach einem Kaffee, einer Paracetamol-Tablette und zwei Zigaretten war mein Kopf halbwegs frei und ich überlegte, wie ich mich in bezug auf Gudrun weiter verhalten würde. An diesem Montag müsste sie meinen Brief haben und ich sollte sie heute noch anrufen, in der Hoffnung, mein Brief hätte sie umgestimmt und mein Verhalten erklärt. Doch als erstes rief ich die Auskunft an, lies mir die Nummer von Constanze von Barnim geben und rief in der Künstler-Agentur an: “Hello, this is Jonathan Harker for Warner Brothers. May I speak to …”
Ich wurde unterbrochen:
“Sprechen sie ooch deutsch?”, fragte mich eine älter klingende Frauenstimme.
“Yes, natürlich. Mein Fehler, sorry. Mein Deutsch ist nur etwas eingeroasted. Kann ich bitte mit Frau wonn Barnim sprechen? Es ist wegen ein Film drehen in Berlin nächstes Jahr.”
“Moment bitte.”
Ein paar Augenblicke später meldete sich eine energische, aber gepflegte Stimme:
“Ich grüße sie, was kann ich für sie tun, Mr. Harker?”
Ich bemühte mich den amerikanischen Akzent nicht zu übertreiben:
“Ich arbeite für Mel Greenstreet, den Producer von Warner Brothers. Es geht um den Dreh von Shooting Evil im nächsten Sommer in Berlin und Prag. Sie haben vielleicht von den Project gehört?”
“Ja, ich glaube schon.”, behauptete Frau von Barnim und ich wusste, dass sie log, denn wir hatten uns das Filmprojekt erst gestern ausgedacht.
“Wir suchen eine lokale Casting-Agentur. Einige Rollen sind besetzt, Bruno Ganz spielt die Hauptrolle, Jack Nicholson eine wichtige Nebenrolle. Die meisten Nebenrollen wollen wir hier casten, das wird sicher finanziell interessant für sie. Außerdem brauchen wir Extras, Stetisten heißt es, oder?”
Sie verbesserte mich nicht, ich ahnte, dass ihr das Geschäft gelegen kam, also lies ich die Katze aus dem Sack:
“By the way suchen wir noch einen Actor für eine sehr wichtige Nebenrolle, den Villain, den Bösewicht. Wir hatten da an einen von ihren Clients gedacht, Alex Legrand. Den werrtreten sie doch?”
“Ja, das tue ich seit fast 25 Jahren, aber es könnte ein Problem geben. Herr Legrand spielt eigentlich nur positive Helden.”
“Yes, yes. Wir wissen. Aber Mister Greenstreet hat sich in der Kopf gesetzt, die Rolle against the fur zu casten. So wie Karlheinz Böhm in Peeping Tom*. Augen der Angst gilt heute als sein bester Film, das war doch der deutsche Titel? Das könnte die Karriere von Herr Legrand etwas drive geben. Er hatte nicht viele Rollen lately, oder?”
Frau von Barnim hatte jetzt etwas Stress in der Stimme:
“Ich verstehe was sie meinen, lassen sie mich erstmal mit Herrn Legrand sprechen, dann rufe ich sie zurück. Einverstanden?”
“Ja, einverstanden, aber es ist Mel Greenstreet sehr wichtig selbst mit Alex Legrand zu treffen, verstehen sie?”
Ich gab ihr meine Telefonnummer und wir verabschiedeten uns. Mein Herz pochte wie verrückt und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Aber ich hatte keinen Zweifel, dass die Agentin mich für echt hielt. Etwas vom Schauspieltalent meines Vaters schien bei mir durchzuschimmern. Ich fühlte mich zwar geschafft nach dieser Hochstapelei, aber gleichzeitig fühlte mich euphorisch. Wenn ich jetzt noch Gudrun von meinen ernsthaften Absichten überzeugen könnte, wäre ich dem Glück so nahe, wie niemals zuvor in meinem Leben, dachte ich. Ich zählte innerlich bis zehn, zündete mir eine Zigarette an und wählte Gudruns Nummer.

– wird fortgesetzt –

Illustrationen: Rainer Jacob http://about.me/rainer.jacob

*Peeping Tom:
http://de.wikipedia.org/wiki/Augen_der_Angst

„Schnelle Schuhe – Die Punkjahre “ Die Serie hat jetzt eine eigene Seite

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern: die Punkjahre. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen.

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punkjahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun.

Teil 1 – Nun hat meine gute Freundin Cordula das Wort und erinnert sich an das Punk House, jene legendäre erste Punk-Location im West-Berlin der späten 70er Jahre:

„Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke

http://wp.me/p3UMZB-1Du

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Teil 2 – Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als “Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhytmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
“Watt soll’n ditte hier?”

„Ach Musik“ / von Marcus Kluge

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Teil 3 – “Die erste Punk-Band, die ich mit meinen damals gut 14 Jahren näher kennen lernte, waren die Ramones, eine New Yorker Band, deren Musik Kultstatus hatte. Ihre bereits 1976 aufgenommene Scheibe Ramones habe ich mir damals wie ein Mantra immer und immer wieder in meinen jugendlichen Schädel reingehämmert. Und warum? An den Texten und an den musikalischen Arrangements wird es wohl nicht gelegen haben, denn die waren ziemlich einfach. Entscheidend war, dass die Musik der Ramones drive hatte. Sie war schnell. Sie war voller Energie. Und genau das war das Faszinierende. Denn mein Leben hatte gewissermaßen keinen drive. Hatte keinen Schwung. Keine Energie.”

„Schwankende Gestalten“ / Erinnerungen eines Spandauer Punks von Olaf Kühl

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Teil 4 – In unserer Reihe über die Jahre des Punk in West-Berlin berichtet der Musiker Sea Wanton von seiner Reise zum Atonal-Festival 1983.  Seine Band Non Toxique Lost war überraschend eingeladen worden. “Wieso uns aber Dimitri Hegemann, der Organisator des “BERLIN ATONAL 2″ Festivals zur Teilnahme eingeladen hatte (außer einem Demo-Tape und einem kurzen, freundlichen Briefwechsel war vorher nichts in Richtung Berlin gegangen), blieb uns rätselhaft. Immerhin waren als top-acts PSYCHIC TV, ZOS KIA und ZE’V angekündigt !!” Die Konzertreise ist für die jungen Mainzer ein Abenteuer gewesen, an das sich Sea Wanton mit gemischten Gefühlen erinnert. Anreise durch die DDR, Auftritt in den Pankehallen, am nächsten Tag Mauer-Sight-Seeing

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Teil 5 -Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

„Hollywood-Friedenau“ / von Marcus Kluge

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Familienportrait: „Passierschein nach Pankow “/ 1957 – heute / Lost and Found

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Wollankstraße, ca. 1957 und heute.

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Als ich ein kleiner Junge war, fuhren wir sonntags meist in den Osten und besuchten Tante Lotte in Pankow.  In Pankow wohnte auch die Staatsführung der DDR, im Westen sagten Kommentatoren deshalb gern “Pankoff”, dass klang so schön russisch-martialisch. Wir fuhren mit der S-Bahn oder dem Auto bis Wollankstraße und liefen dort unter der Brücke durch in den Osten. Wenn Tante Lotte uns besuchte, kam sie auf gleichem Weg in den Westen. Unter ihrem Hut hatte sie meist geschmuggeltes Schnitzelfleisch. Tante Lotte, die Witwe war, bewohnte eine Einzimmer-Wohnung in einer Villa in der Tschaikowskistraße. Im Sommer saßen wir bei Kaffee und Kuchen im Garten hinter dem Haus und im Winter servierte uns Tante Lotte ihre berühmten Schnitzel in ihrem Zimmer neben dem molligwarmen Ofen. Am 13. August 1961, wir waren in Dänemark in einer Ferienwohnung, lauschten wir ungläubig den Nachrichten aus Berlin. Die DDR, so nannte man sie damals aber nicht, man sagte “Osten” oder “Zone”, hatte eine Mauer mitten durch die Stadt gezogen. Damit war Schluss mit unseren Sonntagsausflügen nach Pankow.

Erst als Ende 1963 die Passierscheingespräche erfolgreich waren, konnten wir erstmals wieder nach Pankow, meine Großtante besuchen. Allerdings hatte der Besuch etwas Konspiratives, denn wir sollten auch Lottes Schwester Martha und ihren Mann Adolf treffen, die, verbotenerweise, extra aus Bad Liebenwerda angereist waren. Und hinter jedem Busch wurde die Stasi vermutet, immerhin war man ja in Pankoff. Lotte, Martha und Adolf erwarteten uns an der Straßenbahnhaltestelle Grabbeallee und mein Bruder hielt unser Wiedertreffen mit der Kamera fest. In unseren Gesichtern spiegeln sich Freunde über das Treffen, aber auch Angst vor möglichen Repressalien. Ein verbotener Besuch in der Hauptstadt der DDR scheint uns heute ein nichtiger Anlass zu sein. Doch die Generation meiner Großeltern hatte ihre im Dritten Reich erworbene Furcht vor einer unberechenbaren, zuweilen hysterisch reagierenden Staatsmacht auch in der DDR beibehalten. Wahrscheinlich zu Recht. Als wir in konspirativer Manier das Haus betraten, überwachte uns Onkel Adolf und trieb uns zur Eile an. Was dann passierte war unspektakulär, es gab Kassler und Kuchen für die Kinder, während die Erwachsenen Ente aßen und sich anschließend mit Schnaps stärkten. Schließlich war es eine heimliche Familien-Weihnachts-Nachfeier, da passte Schnitzel nicht. Mein Vater war zur dieser Zeit in Westdeutschland in einem Krankenhaus, also fuhren wir auf dem Heimweg mit der S-Bahn. Yorckstraße stiegen wir aus, es war schon spät, also beschloss meine Mutter ein Taxi zu nehmen. Der Taxifahrer erkannte sofort woher wir kamen und kommentierte: “Na, zurück aus dem jelobten Land? Iss ooch nich allet Jold watt jlänzt!” Mich beeindruckte der Ost-Berlin-Besuch nachhaltig, ich schrieb an meinen Vater (siehe unten). Doch irrte ich mich mit dem Datum, ich hatte übersehen, dass das Jahr 1963 Vergangenheit war und ein frisches 1964 soeben begonnen hatte.

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Tante Lotte konnte 1965, als Rentnerin, ausreisen und zog zu meiner Oma in die Prinzregentenstraße nach Wilmersdorf. Doch davor wurde der Kontakt nach Pankow über meine südamerikanischen Verwandten gehalten, die 1961 nach West-Berlin kamen. Wolfgang Kluge und seine Frau hatten venezolanische Pässe und konnten jederzeit in den Ostteil fahren. Auch schmuggelten sie Schmuck und Papiere in den Westen. Hilfreich wurde auch mein 1964 geborener Cousin Johannes, in seinem Kinderwagen war viel Platz für Konterbande. Johannes W. Kluge (Sohn von Notburga und Wolfgang Kluge) erinnert sich: “Da wir Venezolaner waren wurden wir nicht so sehr gefilzt. Aber beim letzten Mal ist ihnen doch das Herz in die Hose gesunken als ein Vopo “Halt, stehenbleiben” schrie und hinterher lief. Als er sie erreicht hat, sagte er ‘Dem Kleinen ist der Schuh heruntergefallen, das wäre doch schade wenn’s verlorengeht’…”.

Anfang September 2016 fuhr ich mit der S-Bahn bis Wollankstraße und ging den Weg in die Tschaikowskistraße zu Fuß, um Fotos zu machen. Auf der Westseite der Brücke hat mein Vater meinen Bruder etwa 1957 abgelichtet. Heute ist hier viel Verkehr, aber es gibt kaum Passanten, die die ehemalige Grenze passieren. In Pankow ist es ruhiger als im Wedding, selbst die Ausfallstraße Grabbeallee ist nicht stark frequentiert. Ich fotografiere Kneipen, verfallenen Villen und zwei Botschaften. Den Neubau der Botschaft von Togo und die heruntergekommene ehemalige australische Vertretung. Ich finde sie architektonisch reizvoll, später recherchiere ich. Die ehemalige Botschaft ist deshalb etwas besonderes, weil ihre Fassade mit Keramikwänden aus der Werkstatt von Hedwig Bollhagen geschmückt ist. Der Plattenbau ist eins von mehreren Gebäuden, der Baureihe IHB.  Der Typ IHB wurde von einem Kollektiv des Bau- und Montagekombinats Ingenieurhochbau Berlin (IHB) unter Leitung von Horst Bauer entworfen. Das Gebäude wurde in Stahlbeton-Skelettbauweise ausgeführt. Typisch für die Gebäude war die Fassade aus Carrara – Waschbeton, die vorkragenden Brüstungselemente und die große Terrasse über dem Erdgeschoss. Für DDR-Verhältnisse sind repräsentable, elegante Bauten entstanden. Der Architekt Horst Bauer hat auch das denkmalgeschützte Café Moskau an der Karl-Marx-Allee entworfen. In der Tschaikowskistraße entdecke ich weitere Botschaften der IHB-Baureihe. Zwei werden genutzt, eine Projektgesellschaft für Innovationen hat sich hier eingeigelt, angeblich ist sie für die Bundesregierung tätig. Hohe Zäune, keine Klingel, Boten werden gebeten, eine Handynummer anzurufen. Es macht einen konspirativen Eindruck, hat hier Frau Merkel ihren heimlichen Thinktank? Recht verfallen und in hohe Zäune vom “bauzaun-discount” eingefriedet ist Saddam Husseins ehemalige Botschaft in DDR. Generationen von Plünderern und Ravern bei illegalen Parties haben der Irakischen Vertretung den Rest gegeben. Im Gegensatz zur ehemaligen Australischen Botschaft wird die Ruine wohl abgerissen. Doch für den Bau in der Grabbeallee scheint eine Rettung in Sicht. http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/pankow/pankow-frohe-botschaft-der-denkmalschuetzer/12459148.html

50 Jahre nach meinem nachweihnachtlichen Erlebnis in Pankow besuchten mich am 4. Dezember 2013 drei Journalisten vom Daily Telegraph, um mich zu meinen Erinnerungen an das erste Passierscheinabkommen zu befragen. Tom Rowley, der Magazinartikel für das Blatt schreibt, der ausgezeichnete Fotograf Geoff  Pugh und der sympathische junge Dolmetscher William Pimlott, der mein Blog im Internet fand und den Kontakt hergestellt hatte. Aus dem 90 Minuten langen Gespräch kondensiert Tom Rowley neun Zeilen:

-Another Berliner who was a boy at the time, Marcus Kluge, likewise recalls the impact of that Christmas, when, as a nine-year-old, he went to visit his great aunt, Lotte, with his parents. “I can remember feeling that it was fantastic that somewhere in this great wall there was now a hole,” he says. “There were cakes, schnitzel, coffee, and lemonade for me.” Still, he was saddened not to reprise his pre-wall gardening job. “I was disappointed because I thought there would be some tomatoes ready to pick in the garden. It hadn’t occurred to me they wouldn’t be there in winter; we did go out briefly, but it was just too cold to stay.”

All three recall how quickly their hours together passed, and their distress at leaving their relatives behind in time to cross back to the West before the deadline.-

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Das Treffen in der Grabbeallee am 5.1. 1964. So sieht es hier heute aus:

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Die Villa um 1950.

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Konspirativ betraten wir das Haus.

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Sonntagskaffee im Garten ca. 1960, unten: Garten und Remise heute.

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Der ehemalige Grenzübergang Wollankstraße heute.

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Oben: Übergabe von Schmuggelware. Unten: Lotte, Martha und der kleine Johannes Kluge.

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Oben: Die Villa 1962. Unten: Heute.

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Oben: Der Neubau der Botschaft von Togo. Unten: Die Villa “Haus Horridöh”.

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Die ehemalige australische Botschaft in der Grabbeallee, die nun doch erhalten bleibt.

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Die DDR-Vertretung von Saddam Hussein in der Tschaikowskistraße. Ein Artikel über das Schicksal des Gebäudes aus dem Jahre 2010: http://www.tip-berlin.de/saddams-letzte-botschaft/

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Alle bisher veröffentlichten Familienportraits:

http://wp.me/P3UMZB-1

Tante Lotte und Onkel Paul, ihre Geschichte und Pauls tragisches Ende:

http://wp.me/p3UMZB-3W

Der Artikel zum Passierscheinabkommen:

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/germany/10520726/The-time-the-Berlin-Wall-came-down-for-Christmas.html

 

Berlinische Leben – „Bela Rattay’s Dead“ / „Helden ’81” – Kapitel Eins / von Marcus Kluge / 1981

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Heute vor 35 Jahren wurde der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay von einem BVG-Bus getötet. Es folgten bürgerkriegsähnliche Zustände, keiner der diesen Tag hautnah erlebte, wird ihn vergessen können. An diesem Tag beginnt auch mein zweiter Roman “Helden ’81” und aus diesem Anlass reblogge ich das erste Kapitel.

“He that is taught only by himself has a fool for a master.” Hunter S. Thompson.

Der Anzug war hellblau und sah irgendwie schief aus. Es war der am schlechtesten sitzende Anzug, den ich je gesehen hatte. Roberto schien stolz auf ihn zu sein, er hatte ihn zur Entlassung aus dem Gefängnis bekommen, zusammen mit 235 kanadischen Dollars und einer Bibel. Im Café Mitropa wirkte er wie ein Fremdkörper unter den ansonsten ausschließlich in schwarz gekleideten Gästen. Aus der Anlage tönte „Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus. Man musste etwas lauter sprechen um sich zu verständigen.

„The bats have left the bell tower
The victims have been bled
Bela Lugosi’s dead.”

Roberto wirkte wie ein hellblauer Schmetterling, der sich unter die Fledermäuse gemischt hatte. Das Café Mitropa sah in etwa aus wie eine Eisdiele in den 50er Jahren, die Gäste saßen auf mit Plastikschnüren bespannten Stühlen an winzigen Bistrotischchen. Den Tresen zierten eine Designerorangenpresse, die ebenfalls aus den 1950ern stammte und einer Mondrakete glich, sowie eine chromblitzende Expressomaschine.

„Ich habe hoch gepokert und verloren. So ist das Leben nun mal. Man kann nicht immer gewinnen”, erklärte mir Roberto mit einem überzeugten Lächeln.
Er hatte sich kaum verändert in den zweieinhalb Jahren, die wir uns nicht gesehen hatten. Er wirkte immer noch wie ein junger Gentleman aus den Südstaaten der USA, hoch gewachsen, mit dunkelblonden, lockigen Haaren und einem großen Schnurrbart. Ein draufgängerischer Gentleman, einer der Erfolg bei den Damen hat, trotz des traurigen Zuges um seine Augen, oder eben gerade deshalb. Vielleicht hatte der Gentleman einen Freund im Duell erschossen oder er hatte Spielschulden…? Diesen romantischen Blick hatte Roberto seit er 1974 Deutschland verlassen hatte, um den Großteil des Jahres in Indien zu leben. Ich hatte ihn heimlich bewundert für seinen Lebensstil. Ich fragte ihn: „Wieso hat du es überhaupt gemacht? Ich dachte du wärst zufrieden mit deinem Leben. Die meiste Zeit in Goa, am Strand, unter Palmen und ein paar Monate im Sommer in Berlin. Das war doch Klasse.”
Roberto zwirbelte seinen Bart und zog die Stirn kraus: „Du vergisst, dass ich in Goa auch arbeiten muss. Es ist zwar nur eine kleine Pension, aber im Grunde hab ich den Job eines Hoteldirektors. Ich bin nur ein besserer Diener für die Leute, die bei mir wohnen. Und die Sommermonate kann ich mir kaum leisten im teuren Berlin.”
„Verstehe, dann hast du dir gesagt, wenn schon denn schon und hast Nägel mit Knöpfen gemacht.”
Nägel mit Knöpfen waren es natürlich nicht, die er gemacht hatte. Es handelte sich vielmehr um

eine wunderschöne, hölzerne Yacht, die 1939 von Malaysia aus auf Jungfernfahrt gegangen war. Zusammen mit einem Kumpel, „Ari”, und anderen „Kollegen” hatte Roberto sie in Goa gekauft. Anschließend segelten sie nach Kerala, wo sie außer ihrer „Connection” niemand kannte. Goa war sozusagen ein Dorf, in dem eine größere Transaktion schwerlich geheim zu halten war und inzwischen hatten sich zivile Drogenfahnder unter die Hippies und Touristen gemischt, die nur an größeren Brocken interessiert waren. Deshalb wickelten Roberto und seine Freunde ihr Geschäft im Süden Indiens ab. Dort wurden 250 Kilo bestes Haschisch fachmännisch im Boot versteckt und es wurde per Schiffsfracht nach Kanada geschickt.
In Toronto nahmen Ari und Roberto die Yacht in Empfang und hier wollten sie den Schlussakt ihres Stückes inszenieren und abkassieren. Richtig groß abkassieren. Sie wohnten in einem Luxushotel und spielten reiche Jungs, vor der Geldübergabe ließen sie sich bei einem Starfriseur die Haare schneiden. Genau in diesem Moment übernahm die kanadische Polizei die Regie. Schwerbewaffnete, uniformierte Statisten betraten die Bühne, Statisten, die nicht in ihrem Skript standen. Den Haarschnitt bekamen sie erst im Gefängnis.
„Es war ein perfekter Plan, die Chancen das er schiefgeht, waren eins zu einer Million. Wir sind an menschlichem Versagen gescheitert. Einer der Segler, die wir engagieren mussten, weil Ari und ich ja keine Ahnung davon hatten, wurde von seiner eifersüchtigen Freundin verraten. Die hatten uns schon seit Kerala beschattet, na ja, damit konnte niemand rechnen.”
Ein sehr dünner, blasser Mann betrat das Café Mitropa. Er trug natürlich auch schwarze Klamotten, besonders auffallend war eine zu kurze, weite Jacke aus Gummi. Seine schwarzen Haare hatte er im Stil einer Ananas hoch gebunden, seine Wangen wirkten trotz seiner Jugend eingefallen. Er unterhielt sich mit der Tresenfrau, die ihm ein paar Briefe gab, die im Regal hinterm Tresen bereit lagen. Roberto schüttelte den Kopf und fragte mich nach ihm, Ich kannte ihn aus Friedenau, er hieß Christian Emmerich und nannte sich neuerdings Blixa Bargeld. Er war Sänger der Band „Einstürzende Neubauten.
Roberto schaute mich ungläubig an: „Einstürzende Neubauten?” Ich nickte grinsend: „Ja das ist der letzte Schrei.”
Langsam nervte mich, dass wir fast schreien mussten. Ich hatte auch den Eindruck, dass sich mein Freund zunehmend unwohl fühlte in dieser Umgebung.
„Sag mal, du sagtest, du wohnst hier in der Nähe?”
„Ja, ich wohne bei Caro am Winterfeldtplatz.”
Caro war Robertos jüngere Schwester. Er musste jetzt 28 sein, sein Schwester vier Jahre jünger. „Ich bin ganz froh bei ihr zu sein, Caro ist im siebten Monat schwanger und der Erzeuger hat sich aus dem Staub gemacht.”
Blixa verließ eben das Café mit einer Flasche Fernet und ein paar Zitronen. Er ging in Richtung Frankenstraße, wo er in einem besetzten Haus wohnte. Wir gingen in die andere Richtung. Schon von der Goltzstraße aus konnten wir sehen, dass der ganze Winterfeldplatz von „Wannen” mit schwer gerüsteten Polizisten umstellt war. Roberto zog wieder die Stirn kraus: „Kaum ist man zwei Jahre weg, verwandelt sich Berlin in einen Polizeistaat. Was ist hier eigentlich los, Marcus?”
Ich musste etwas ausholen, aber ich bemühte mich um Kürze. Dann begann ich ihm die Vorgeschichte der Hausbesetzerbewegung zu erklären. Ich erzählte von der Autobahn, die die West-Berliner Filzokraten durch Kreuzberg bauen wollten. Dass sie dafür den halben Bezirk abreißen wollten und davon, dass Häuser besetzt wurden, um diesen Prozess zu stoppen und der Konflikt eskalierte, besonders wegen eines Innensenators Lummer, der mit extremer Härte reagierte.
„Aber heute ist es besonders schlimm, oder?” Roberto, der eben noch so selbstbewusst gewirkt hatte, machte jetzt einen geradezu eingeschüchterten Eindruck. Wir blieben stehen und beobachteten den Korso, den die Mannschaftswagen nun aufführten. Die Wannen fuhren mit geöffneten Hintertüren im Kreis um den Winterfeldtplatz, während die Mannschaften in den Wagen mit ihren Gummiknüppeln im Takt auf ihre Schilder schlugen. Es machte einen martialischen Eindruck und der war auch beabsichtigt. Nun flogen erste Steine auf die Wannen und die getroffenen Wagen blieben stehen, die Beamten rückten aus, um Jagd auf alles und jeden zu machen, der ihnen unter die Knüppel kam. Roberto hatte nun echte Angst und ich fühlte mich ebenso unwohl. Wir liefen die letzten Meter bis zum Slumberland, neben dem Roberto stoppte. In letzter Sekunde schloss Roberto das Haus auf, und als wir drin waren, schloss er die Haustür sofort wieder zu. Kurz danach begannen die Bullen gegen die Tür zu treten. Wir warteten den Ausgang dieses Kräftemessens nicht ab und liefen in den dritten Stock des Hinterhauses. Erst als Roberto die Wohnungstür abgeschlossen und mit einer Kette gesichert hatte, fühlten wir uns halbwegs sicher. Das die Bullen in Wohnungen eingedrungen waren, hatte ich noch nicht gehört. Roberto sah mich mit großen Augen an: „Was ist denn heute los?”
Ich erklärte es ihm, soweit ich konnte. Bela Lugosi war nicht gestorben an diesem 22. September 1981, sondern ein 18-jähriger Hausbesetzer namens Klaus-Jürgen Rattay. Der Hardliner Lummer hatte ein Haus in der Bülowstraße räumen lassen. Danach gefiel es ihm, sich wie Napoleon, dem er ja ähnelte, auf einem Balkon von seinen Truppen feiern zu lassen. In der Folge war es zu einem besonders harten Polizeieinsatz gekommen, bei dem Rattay in den Verkehr der Potsdamer Straße getrieben und von einem BVG-Bus überfahren worden war. Indirekt war Lummer damit zum Mörder geworden und die Szene war schockiert, traurig und wütend. Später würde es mit Lummer ein klägliches Ende nehmen. Es kam heraus, das er jahrelang die sexuellen Dienste einer Stasiagentin genutzt hatte, ebenso war er lange heimlich für den BND tätig. Das er auch in miese Waffengeschäfte mit arabischen „Freunden” verwickelt war, ist nie richtig aufgeklärt worden. So wie das bei dieser Art von Deals meistens ist.
Roberto schüttelte den Kopf: „Da war’s ja richtig gemütlich und sicher in meiner Zelle in Kingston, Ontario.”
Wir setzten uns, nachdem Roberto Tee gekocht hatte, hier im Hinterhaus war es ruhig. Die Wohnung deutete auf eine weibliche Bewohnerin, alles war hübsch dekoriert und eingerichtet. Bunte Lampen und Kissen, sowie Blumen und Kerzen rundeten den Eindruck ab. Ich hatte Caro immer nur als kleine Schwester von Roberto wahrgenommen und fragte mich, wie sie jetzt wohl aussähe.
„Wieso hast Du mich eigentlich nie besucht in Goa?”, er fragte mich nicht zum ersten Mal, doch offensichtlich erinnerte er sich nicht an unsere früheren Gespräche. Dieses Thema war schwierig für mich, normalerweise redete ich mich mit meiner Reisephobie heraus, aber Roberto kannte mich zu gut, um das zu so leicht hinzunehmen. Da gab es etwas in mir, das ich gern verdrängte, eine diffuse Angst. Ich versuchte es zu erklären: „Weißt du, ich komme schon hier mit meinem Leben schwer klar. In Indien hätte ich Angst unter die Räder zu kommen. Ich fürchte mich auch vor den Drogen, die da so leicht und so billig zu haben sind.”
„You telling me!”, Roberto lachte: „da hast du natürlich Recht. Aber ich hätte schon auf dich aufgepasst.” Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Woher hattet ihr eigentlich das Geld für die Yacht und die Riesenmenge Dope?” Ich versuchte ihn wieder auf unser ursprüngliches Thema zurückzuholen.
„Da gibt es so ‘ne Art Banken, also Leute, die so etwas finanzieren. Das hat hauptsächlich mein Kumpel Ari gemacht.” Er machte eine wegwischende Handbewegung und sah an mir vorbei aus dem Fenster. Das Thema war ihm wohl nicht sehr angenehm, aber es interessierte mich: „Wollen die ihr Geld nicht zurückhaben?”
„Ja, im Prinzip schon, aber Ari lebt nicht mehr”, Roberto sah mich prüfend an und merkte, ich würde nachfragen, also kam er mir zuvor, „Ari ist schon ein Jahr nach dem Prozess nach Österreich abgeschoben worden. Kurz danach ist er in Wien gestorben, manche Leute sagen, es war Selbstmord. Aber das war nicht sein Ding, Selbstmord. Weißt du, Ari war ein Waffennarr, wahrscheinlich war es ein Unfall oder er hat russisches Roulette gespielt. Das wäre schon eher sein Ding gewesen.”
„Traurig, vielleicht hat ihn die Haft so fertig gemacht und er hat sich erschossen?” Irgendwie nahm ich Roberto seine Version von einem Unfall nicht so ab. Wir kannten uns halt schon lange und gut und ich nahm Signale wahr, die für Außenstehende unsichtbar gewesen wären.
„Nein, du machst dir da falsche Vorstellungen. Der Knast in Kanada ist fast ein Erholungsheim. Ich war in meiner Zelle meist ziemlich happy. Keiner konnte mir im Knast mein Lächeln wegnehmen. Oft sind mein “mind”, on it’s own, auf Wanderungen gegangen und mein “brain” ist hinterher gestolpert. Mein Leben, alle meine Freunde waren bei mir. Es war schön, die Ruhe. Ich habe viel gelesen, Hermann Hesse und so. Ich hatte sogar ein Bild von ihm in der Zelle. Und Bücher über Buddhismus habe ich dort endlich verstehen können. Zum meditieren ist so ein Raum ideal. Wie in einem Kloster. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.”
Innerlich schüttelte ich meinen Kopf. Roberto hatte die ausgeprägte Fähigkeit, sich selbst etwas vor zu machen. Darüber konnte ich nur staunen. Mir gelang das überhaupt nicht. Ich sah immer die Realität in all ihren hässlichen Facetten. Irgendwann hatte ich Drogen probiert, das machte es nur noch schlimmer. Robertos Einfalt schien mir ein Glück für ihn zu sein. Ein Glück das wohl auch eine Schattenseite hatte. Ich musste an ein Gemälde denken, das ich in Venedig gesehen hatte. Ein altersloser Mann saß auf einem Berg unter einem Baum und spielte völlig allein und selbstvergessen auf der Flöte. Das Licht deutete auf Nachmittag, das Ende des Tages hin. Unten im Tal floss ein munterer Bach an den Ort seiner Bestimmung. Der Fluss verkörperte das Leben, das an dem Mann auf dem Berg vorbei floss. Er hatte fast sein ganzes Leben vertan, vertrödelt. Der italienische Titel war mit „The Fool On The Hill” übersetzt. An dieses Bild musste ich denken, an diesen weltvergessenen Narren erinnerte mich Roberto. Noch etwas musste meine niemals ruhende Neugier erfahren: “Der Name Ari ist selten, war das ein Grieche?”, Namenskunde und Etymologie haben mich stets fasziniert, wie andere Menschen Tennis oder Schach.
„Nein, Grieche war er nicht. Seine Eltern sind vor Ceaucescus Geheimdienst nach Österreich geflohen, als Ari noch ein Kind war. Eigentlich hieß er Aristid Olt.”
„Aristid Olt”, der Name kam mir bekannt vor, ich hatte nur keine Ahnung woher. Man müsste einen Computer haben, auf dem alles Wissen der Welt gespeichert war, oder der wenigstens mit Experten überall verbunden war, die man fragen könnte. Der Gedanke machte mich traurig. Selbst wenn es so ein Gerät gäbe, wäre es bestimmt zu kompliziert, als das ich es hätte bedienen können, mit meiner Ungeschicklichkeit was Technik anging.

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Um 20 Uhr machten wir den Fernseher an und guckten die “Tagesschau”. Kein Wort davon, dass Rattay von der Polizei in den Tod getrieben wurde. Statt dessen Panikmache mit „Straßenterror”, ich wartete auf einen Nazi-Vergleich, doch der kam nicht. Stattdessen war von einem erstochenen Polizisten die Rede. Natürlich eine Falschmeldung, bewusst gestreut, um Bevölkerung und Bullen gegen die Hausbesetzer aufzubringen. Später hörte ich, dass man der kasernierten Polizei kurz vor ihrem Einsatz noch diese Nachricht vorführte, um sie zu einer harten Gangart zu „motivieren”.
„Wo ist deine Schwester eigentlich?”
„Wenn ich das wüsste. Eigentlich wollte sie schon zurück sein. Ich hoffe bloß sie ist in Sicherheit. So wie die Bullen drauf sind, machen die auch vor einer Schwangeren nicht halt.”
Ich teilte Robertos Befürchtung, dieser uniformierte Mob machte vor gar nichts halt, fürchtete auch ich. Über unserem Gespräch hatte ich die brenzlige Situation auf der Straße aus meinen Gedanken wegschieben können, aber nun musste ich an den Heimweg denken. Roberto brachte mich bis an die Haustür. Plötzlich stutzte er, blickte vor sich auf den Boden. Ich blickte ebenso auf den Boden, das einzige, was ich sah waren ein paar Pistazienschalen. Ich fragte nach, aber Roberto mochte mich nicht aufklären. Er schloss die Tür auf und wir lugten hinaus.
Die Marktfläche des Winterfeldtplatzes war leer. Die Polizei hatte sich bis an die Kirche zurückgezogen, versperrte den Durchgang und “massierte” dort ihre Kräfte, wie es wohl heißt. Die Aufrührer hatten sich hinter Barrikaden am Anfang der Maaßenstraße verschanzt. Es schien die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Roberto und ich umarmten uns und ich entschloss mich über die Maaßenstraße in großem Bogen zum Café Mitropa zurück zu laufen, um mein Fahrrad zu holen. Ich lief also auf die Barrikaden zu. Man ließ mich passieren, dahinter war sogenannter rechtsfreier Raum. Man bot mir mehrfach Flaschen an, Champagner, Whisky, aber auch schlichtes Bier. Ich trank schon aus Höflichkeit und um mich als Sympathisant zu erkennen zu geben. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten, um die Lage zu erkunden und merkte, wie ich langsam betrunken wurde. Drogen vermied ich zwar, aber Alkohol trank ich ab und zu.
In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte. Vor den schon recht leeren Regalen stand ein Paar und stritt was sie mitnehmen sollten. Die Plünderer waren alt und jung, alle Schichten waren vertreten, bis auf Anzugtypen, die waren nicht dabei. Aber sonst alle, Deutsche und Ausländer, mehr Männer, aber auch Frauen, sogar ein paar Kinder sah ich. Die guten Sachen waren schon weg. Diese seltsame, fiebrige Atmosphäre beim Plündern von Getränke Hoffmann war eine einzigartige Erfahrung und es fällt mir schwer sie zu beschreiben. Es hatte etwas von Kindergeburtstag und Lottogewinn, wie ein Grinsen, das sich eigenständig in dein Gesicht schreibt, wenn die Geliebte schließlich „ja” haucht. Selbst die alte Oma, die ungläubig auf die Flasche Pfefferminzschnaps schielt, die sie eben genommen hat, hat Glück in ihren Augen, man ahnt wie schön sie als junge Frau gewesen ist. Was ich da beobachtete war „wirkliches” Leben, ungeschönt und ungefiltert. Das war eine seltene Situation, ich war gewohnt seit der Kindheit, das das Leben der Erwachsenen immer nur Schein und fast nie „Sein” bedeutete. Niemand sprach darüber, wie er sich wirklich fühlte, jeder sagte, „mir geht’s gut”, obwohl das meistens nicht stimmte. Jeder trug eine Fassade nach außen und hielt sich an ein festes Regelwerk, echte Lebensäußerungen waren darin nicht vorgesehen.
Ich riss mich los, verließ Getränke Hoffmann und rannte sofort in Richtung Nollendorfplatz, den eben versuchten die Bullen die Barrikaden am Beginn der Maaßenstraße zu stürmen. Die schwarz gekleideten Verteidiger warfen eine Ladung Steine, die den uniformierten Ansturm erst einmal stoppten. Während ich lief, hatte ich den Ohrwurm im Kopf, den ich mir in Mitropa eingefangen hatte:

Bereft in deathly bloom
Alone in a darkened room
Bela Lugosi’s dead.
Undead undead undead.”

Ich lief einen großen Bogen über die Martin-Luther-Straße zurück zum Café Mitropa. Als ich eben losfahren wollte, wurde auch die Goltzstraße von der wilden Soldateska aufgemischt. Ein Beamter erwischte mich mit seinem Knüppel, ich stürzte vom Rad, bekam noch ein einige Schläge ab, bevor sich der Schläger neuen Aufgaben zuwandte.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit heftigen Schmerzen in der rechten Schulter. Ich konsultierte einen Orthopäden am Bundesplatz, er gab mir eine Spritze, die nicht wirkte. Nicht nur die Ereignisse auf der Straße, auch das Treffen mit Roberto hatte mich nachdenklich gemacht. Irgendetwas an seiner Geschichte irritierte mich, ich wusste nur nicht was.

– wird fortgesetzt –
Illustration: Rainer Jacob – http://rainerjacob.com/

Anmerkungen:
Klaus-Jürgen Rattay war 18 als er starb. Die Polizei und der Staatsschutz versuchten Rattay als Gewalttäter zu diffamieren, auch die Behauptung, der Bus sei vor dem Überfahren Rattays angegriffen worden, stellte sich als falsch heraus. Der Ort seines Todes war für mehrere Wochen ein Blumenmeer, Zehntausende nahmen Abschied und beklagten den sinnlosen Tod. Über den Hergang des tödlichen Verbrechens wurde lange gestritten. Ein halbes Jahr später zog der Stern folgendes Fazit:

„Während Rattay einige Sekunden auf der Fahrbahn stand, um nach den nachrückenden Polizisten zu sehen, fuhr ein BVG-Bus mit Vollgas direkt auf den deutlich sichtbaren Mann zu. Der bemerkte noch kurz vor dem Aufprall den Bus, drehte sich zu ihm hin und hob abwehrend die Hände. Der Bus traf Rattay mit der linken Seite frontal. Die Scheibe zersplitterte.“
stern, 4. März 1982

“Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bela_Lugosi%E2%80%99s_Dead

“Helden ’81” ist zwar von tatsächlichen Geschehnissen und realen Personen inspiriert, wie das im Grunde bei jeder Form von Literatur der Fall ist, entstanden ist jedoch eine fiktive Geschichte. Trotzdem habe ich Namen verändert, ebenso wie ich Details verschlüsselt habe, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Auch der Erzähler “Marcus” hat zwar Ähnlichkeit mit mir, ist aber ein gänzlich erfundener Charakter, der nie gelebt hat.

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