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Familienportrait – “Der verlorene Mann” / Die Liebe in Zeiten des Krieges Teil 4 / 1946-49

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“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” soll der Grieche Platon schon vor 2400 Jahren geschrieben haben. Alle anderen tragen den Krieg mit sich, so lange sie leben und sie geben ihr Trauma an ihre Kinder weiter. Wäre es also besser, wenn die überlebenden Männer nicht aus dem Krieg zurückkommen würden? Wäre es nicht besser für ihre Frauen und Kinder? Ich bin froh, dass ich diese hypothetische Frage nicht beantworten muss. Denn die Überlebenden kommen zurück, meistens jedenfalls und so war es auch mit meinem Vater.

Genauso wie Penelope ihren geliebten Odysseus, so hat auch Käte Helmut nicht vergessen. Obwohl sie fast drei Jahre nichts von ihm gehört hat. Vielleicht ist er bei den Kämpfen um die Marienburg gefallen? Er könnte aber auch in russischer Gefangenschaft sein. Sie weiß, als deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion, könnte er dennoch tot sein, ohne das sie es erfährt. Mindestens ein Drittel der deutschen Gefangenen überleben die Gefangenschaft nicht. Es ist fast hoffnungslos, aber ein Gefühl hindert sie, Helmut ganz abzuschreiben.

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Käte arbeitet täglich 10 Stunden bei der Polizei

Die Befreiung von den Nazis und vom Krieg macht sie glücklich, daran ändert auch der Hunger nichts. Ihre Arbeit macht ihr Spaß, auch wenn ihr Dienst selten kürzer als zehn Stunden dauert. Es suchen so viele Menschen ihre verschollenen Lieben und sie freut sich, dass sie denen helfen kann. Das Leben geht weiter und im Herbst 1947 lernt sie einen Mann kennen, er umwirbt sie, eine Liebschaft beginnt. Anfang 1948 ist sie schwanger, genau weiß sie nur, sie will dieses Kind. Bei dem Mann ist sie sich nicht so sicher. Sie bleibt bei ihren Eltern in der Kaiserallee (heute Bundesallee) wohnen, inzwischen arbeitet sie im Polizeirevier 12 in Mitte. Der Dienst hindert sie allzuviel zu grübeln. Die Arbeit hatte ihr noch ihr Onkel Paul besorgt. Am 1. Mai 1946 hat er sich dann vor die Heidekrautbahn gelegt. Seine Witwe, meine Großtante Lotte wird nie erfahren, wieso. Ein paar Wochen vorher hatte er einen Unfall bei der Bergung einer Fliegerbombe. War es wegen der daraus entstandenen Kopfverletzung, seit der sein Bewußtsein getrübt war, oder weil er im Dritten Reich, als Polizist, schlimme Dinge tat, mit denen er nicht leben konnte? Vielleicht kam auch beides zusammen?

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Kriegsgefangene in Sibirien

Der Sommer 1948 ist heiß. An einem Sonntagmittag klingelt es bei Käte und ihren Eltern, vor der Tür steht ein deutscher Soldat. Er ist nicht mehr jung, sehr dünn und bleich, trotz der Sonne draußen. Der zerschlissene Soldatenmantel schlottert ihm um die Hüften. Erst nachdem er angefangen zu sprechen, und auch dann erst nach einer Weile, erkennt ihn Käte. Helmut ist aus dem Krieg zurückgekehrt, sie umarmen sich, beide schluchzen, weinen. Es dauert bis sie ihre Fassung wiederfinden.

Die Wochen die folgen werden schwierig. Schwierig für Käte, die hochschwanger eine Entscheidung treffen muss. Schwierig für Helmut, der es übelnimmt, dass sie das Kind eines Anderen unterm Herzen trägt. Bei allen Entbehrungen der Gefangenschaft in Sibirien, der Kälte, dem Hunger, dem Verlust jeglicher Menschenwürde, hat er nie die Hoffnung verloren, dass Käte auf ihn warten wird.

Obwohl sie nicht weit auseinander wohnen, sie in der Kaiserallee, nahe der Berliner Straße, er in der Brandenburgischen Straße, schreiben sie sich wieder Briefe. Nun freiwillig, nachdem es so lange vom Krieg erzwungen war, hilft es ihnen, ihre Situation zu klären.

Seit 24. Juni wird West-Berlin von den Sowjets blockiert. Seitdem wird die Stadt von US-amerikanischen Flugzeugen versorgt, die Luftbrücke nennt man die beispiellose Unternehmung. Auch die anderen westlichen Allierten beteiligen sich. Britische Maschinen landen in Gatow, die Franzosen richten extra für die Luftversorgung den Flughafen Tegel ein. Die Westberliner leben hauptsächlich von Trockenkartoffeln und Brot. Ein “kartenfreies” Stück Kuchen kostet acht Mark, ein Tageslohn. Der “Otto-Normalverbraucher” wird sprichwörtlich, ein spindeldürrer Gert Fröbe spielt ihn in dem Film “Berliner Ballade”.

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Helmut mit meinem Halbbruder Thomas in der Bundesallee

Käte und Helmut einigen sich, Käte gibt dem “Anderen” den Laufpass, sie wird ihn nicht wiedersehen. Das Ungeborene werden sie aufziehen, als ob Helmut sein Vater wäre. Am 2. September 1948 wird mein Bruder Thomas geboren. Käte hat Glück, es gibt gerade Strom im Kreissaal, das ist nicht die Regel. Am 16. März 1949 feiert die kleine Familie Verlobung, Abendgarderobe wird erbeten.

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Die Einladung schreiben sie auf Ausweisformulare, Papier oder Pappe gibt es nicht im blockierten Berlin.

Helmut hat ein Programm vorbereitet, er rezitiert Hauptmann, Goethe, Tucholsky und Shakespeare. Es wird getanzt. Das kalte Buffet wird schlicht ausgefallen sein. Die Blockade endet erst am 12. Mai 1949.

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Entfernung einer Blockade Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße (Co: Walter Heilig/Creative Commons)

Am 8. September hat Helmut in der Tribüne Premiere, endlich kann er wieder auf der Bühne stehen.

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Er spielt mit Heli Finkenzeller in “Die kleine Hütte” von André Roussin. Es ist ein kalter 8. September, die Premierengäste werden gebeten Kohlen mitzubringen, damit man das Theater heizen kann. Es wird ein großer Erfolg. 1957 wird das Stück mit David Niven und Ava Gardner verfilmt. Am Tag nach der Premiere heiraten meine Eltern.

Helmut wird mit der Inszenierung von den Amerikanern auf ein Festival eingeladen. Helmut schreibt auf Briefpapier von American Airways: ” Nach jedem Bild Applaus. Zum Schluss doller Beifall. Gustaf (Gründgens) lehnte sich zurück und klatschte bis alles raus war. Nach der Vorstellung kam Gründgens zu uns und lobte meine Darstellung und Regie.” Leider kann mein Vater später nicht an diesen Erfolg anknüpfen.

Bild Maijachen nannte er Käte in Briefen

In den Jahren danach bauen meine Eltern ein Geschäft auf. Mein Vater wirbt Mitglieder, meine Mutter verkauft ihnen Bücher und Platten. Es ist ein Buchklub, doch meilenweit entfernt vom “Bertelsmann Käsering”, wie sie die Konkurrenz taufen. Die Deutschen sind hungrig auf Schriftsteller, die in der Nazidiktatur nicht den Weg nach Deutschland fanden. Sartre, Camus, Hemingway und die vielen Deutschen, die nur im Exil oder heimlich schreiben konnten. In der Musik gilt ähnliches, Swing, Hot und Cool Jazz, aber auch moderne Klassik findet viel Interesse.

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Jazz und moderne Klassik findet viel Interesse

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Viele gute Jahre, ein Ball in den 50ern

Ein befreundeter Leser schrieb kürzlich, ich würde meinen Eltern ein Denkmal setzen. Dieses Kompliment muss ich leider zurückweisen. Denkmäler werden aus edlen Stoffen, wie Bronze oder Marmor modelliert. Sie sind stilisiert und fast immer idealisiert. Mein Werkstoff ist jedoch das Leben und dieses ist eben fast nie ideal. Und so wird diese Geschichte nicht wie ein Märchen mit den Worten: “Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.”, enden. Viele gute Jahre haben meine Eltern. 1954 werde ich, als Wunschkind, nur mit dem falschen Geschlecht geboren, ich sollte ein Mädchen werden. 1960 promoviert Helmut in Philosophie, im gleichen Jahr eröffnet meine Mutter einen großen, schicken Laden in der Rankestraße. Doch Mitte der 60er Jahre holen das Paar die Schatten der Vergangenheit ein. Neun Jahre Krieg und Gefangenschaft haben meinen Vater nicht nur körperlich gezeichnet, auch seelisch hat er tiefe Narben zurückbehalten. Die Details sollen privat bleiben, jedenfalls hat meine Mutter viele Gründe 1967 die Reißleine zu ziehen und die Scheidung einzureichen.

Mein Vater findet erneut eine Ehefrau, als er krank wird pflegt sie ihn, bis er kurz nach seinem 63. Geburtstag an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft stirbt. Meine Mutter findet noch eine Liebe, die in den 70er unglücklich endet. Trotzdem blickt sie auf ein erfülltes, zufriedenes Leben zurück, als sie 2005 in ihrem 83. Lebensjahr stirbt.

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Marcus Kluge

Obwohl wir hier schon etwas weiter in die Zukunft geblickt haben, weil es mir wichtig war die Scheidung als Kriegsfolge nicht zu verschweigen, wird die Reihe fortgesetzt. Die nächste Geschichte handelt von meiner Geburt und meinem Kindermädchen, die zu “My Fair Lady” wurde.

Die ganze Serie findet Ihr hier:

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Familienportrait – “Rund um die Bundesallee” / Lost and Found-Spezial

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An einem trüben Oktobertag war ich in Wilmersdorf, um historische Fotos rund um die Bundesallee nachzufotografieren. Die Idee ergab sich durch ein Bild von Ilona, meiner ersten großen Liebe, die ich 1975 in der Bundesallee Ecke Badensche Straße fotografierte, nachdem wir meine Oma in der Prinzregentenstraße besucht hatten. Die Gegend rund um die Bundesallee ist meine Heimat und dieser Kiez hat in der Geschichte meiner Familie eine entscheidende Rolle gespielt.

1960 wurde ich eingeschult, jeden Morgen musste ich die Bundesallee überqueren. Mein Weg führte mich von der Livländischen Straße zur Grundschule in der Prinzregentenstraße. Ich kam an der Weinhandlung Mitscher & Caspary vorbei, die mysteriöserweise immer geschlossen war. Ich überlegte mir wilde Geschichten, was dort tatsächlich passierte. Es waren Detektiv- oder Spionage-Geschichten, ich war ein Kind mit viel Fantasie. Dann kam ich am nackten Speerwerfer vorbei. Auch darüber musste ich grübeln, Nacktheit war damals verpönt, wieso stand dann, mitten im Park, ein nackter Mann? Die Welt der Erwachsenen war kompliziert. Noch merkwürdiger war, dass in den Büschen rund um den Speerwerfer oft Exhibitionisten um die Aufmerksamkeit von uns Schulkindern buhlten. Meine Eltern hatten mir das Phänomen erklärt, ich hielt die Vorzeiger für arme Würstchen. In der Waghäuslerstraße kauften wir nach Schule Kaugummi und später Zigaretten, die wir heimlich rauchten. Weil meine Mutter arbeitete, verbrachte ich den Nachmittag bei Oma und lief dann über die Bundesallee heim. Mit anderen Kindern spielte ich in der Ruine der Schwedischen Botschaft. Es lagen Papiere mit Hakenkreuzen herum und wir dachten uns “Kriegsspiele” aus. Das Gebäude war baufällig, wahrscheinlich hatten wir Glück, dass uns nichts passierte. Manchmal holte ich meine Mutter an der Haltestelle ab, auf der Bundesallee fuhren noch Busse, die U 9 wurde hier erst 1971 eröffnet.

Es gibt schönere Straßen in Berlin, aber die Bundesallee ist mir besonders ans Herz gewachsen, wegen ihrer sind wir Wilmersdorfer geworden und das kam so. Nach der Kapitulation können meine Großmutter und meine Mutter den Bunker an der Schumannstraße verlassen. Was sie draußen erwartet hat apokalyptisches Ausmaß. Überall lodern noch Brände, der Rauch beißt in den Augen. Es riecht nach verbranntem Fleisch, nicht nur Leichen liegen auf den Straßen, auch viele Pferdekadaver sind der Verwesung preisgegeben. An Laternenmasten hängen Tote, die Schilder um den Hals haben. Darauf stehen Sätze wie: ” Ich war zu feige mein Vaterland zu verteidigen”, oder ähnliches. Auf dem Weg in die Perleberger Straße sehen sie mehr Ruinen als bewohnbare Häuser. Ihre Wohnung hat einen Bombenschaden, sie werden sich eine andere behausung suchen müssen. Meine Familie befand das Kriegsende als Befreiung, aber meine Großmutter hatte Angst vor der Roten Armee. Die Nazi-Propaganda hatte funktioniert, doch die Gefahr war real, es kam zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Moabit war wie ganz Berlin in diesen Tagen in der Hand der Roten Armee, die anderen Alliierten würden erst später Berlin erreichen, wann, wusste niemand genau. In der Nacht zum 10. Mai 1945 drangen russische Soldaten in das Vorderhaus ein und meine Oma schwante Übles, die Geräusche, die ins Hinterhaus drangen, waren beängstigend, meine Mutter war 22, hübsch und blond. Und Oma überlegte sich einem Trick, wie sie die trunkenen Sieger abhalten konnte, meine Mutter zu vergewaltigen. Käte bekam rote Punkte aufgemalt und Ofenasche ließ ihre blonden Locken ergrauen. Glücklicherweise wurde die Verkleidung nicht getestet, Militärpolizei griff vorher ein. Aber Großmutter beschloss umzuziehen.

Als meine Großmutter Elisabeth wenige Tage nach Ende des Krieges, im Mai 1945, beschloss nach Wilmersdorf zu ziehen, kannte sie die Bundesallee, die damals natürlich noch Kaiserallee hieß, bereits seit 35 Jahren. 1910, sie war 15, musste sie allein in die große Stadt Berlin fahren, um hier als Hausmädchen “in Stellung” zu gehen. Sie wurde schlecht behandelt und hatte schreckliches Heimweh. Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei. Dann lief sie zu Fuß von Steglitz, über die Bundesallee, zum Bahnhof Zoo, wo sie sich bei Aschinger eine Erbsensuppe gönnte. Auf dem Weg bewunderte sie die schönen Bauten an der Kaiserallee, Bauten wie die Schwedische Botschaft oder das Joachimsthalsche Gymnasium, wo ich 75 Jahre später, zwei Jahre arbeiten sollte. Nun, nach zwei Weltkriegen, wollte sie selbst hier wohnen. Sie fand, sie hatte es sich verdient. Außerdem würde Wilmersdorf “amerikanisch” werden, während Moabit in russischer Hand bleiben sollte. Es muss um den 12. Mai herum gewesen sein, als Elisabeth und Käte mit einem Handwagen durch den Tiergarten und die Kaiserallee zogen, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Die erste Nacht verbringen sie unter freiem Himmel, in einem der Regenhäuschen im Volkspark Wilmersdorf. Am nächsten Morgen hören sie sich um. Neben der Ruine der Schwedischen Botschaft ist eine Hinterhauswohnung frei. Sie brechen ein und besetzen die Wohnung. Später behaupten sie, der Mietvertrag wäre verbrannt. Es sind wilde Zeiten und sie haben Glück, man glaubt ihnen. Omas Mann Werner kommt aus dem Krieg und findet sie, aber erst 1948 kommt mein Vater aus russischer Gefangenschaft. Jetzt ist die Familie wieder vereint und meine Eltern heiraten und ziehen in den Hohenzollerndamm.

Anfang der 1960er Jahre wird Oma Elisabeth von einem Auto angefahren. Ihr Wahlspruch zum Straßenverkehr: “Der sieht mich doch!” hat versagt. Sie zieht mit Werner in eine Neubauwohnung in der Prinzregentenstraße. Werner stirbt früh und danach siedelt Omas Schwester Lotte aus Ost-Berlin um und zieht in die Prinzregentenstraße. Nach Lottes Tod wird Oma dement, wir versuchen sie allein zu versorgen, doch nach einem halben Jahr müssen wir sie in ein Pflegeheim geben. Die Zwei-Zimmerwohnung in der Prinzregentenstraße wird eine Zeitlang zum Heim für meine spätere Frau, meine Stieftochter und mich, bevor wir heiraten und nach Schöneberg ziehen. Meine Mutter wohnte bis zu ihrem Tod 2005 am Volkspark Wilmersdorf.

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Oben: Oma, Opa und meine Mutter Ende 1920er Jahre. Unten: Oma um 1940.

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img_20131009_0001 Meine schöne, blonde Mutter Anfang der 1940er Jahre. Unten: Mein Vater mit meinem Bruder in der Bundesallee um 1952.

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img_20150204_0001 Mit Oma ca. 1975 in der Prinzregentenstraße.

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In der Wilhelmsaue, um 1961 und heute.

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Auf dem Weg zum Sonntagskaffee bei Oma in der Prinzregentenstraße (ca. 1963).

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Oben: Die Ruine der Schwedischen Botschaft auf einem Foto von H. Noack aus den frühen 1960er Jahren. Unten der prosaische Neubau, der heute an der Stelle steht.

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Die Kreuzung Berliner Straße Bundesallee um 1960 und heute.

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1960, bei meiner Einschulung gibt es den “Volksparksteg” (unten) noch nicht. Ich soll eigentlich bis zur Ampel laufen, aber meist renne ich verbotenerweise über die Bundesallee.

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Auf dem Volksparksteg etwa 1975 und heute.

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Blick vom Steg in Richtung Norden.

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Die geheimnisvolle Weinhandlung 1960 und unten zeigt sich die Ecke heute, weniger mysteriös, aber ebenso verschlossen.

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Am Regenhäuschen, mit Nazi-Grafitto um 1975 und heute.

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Oben: Um 1940 beginnt die Badensche Straße noch in Höhe der Nassauischen Straße.

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Oma, Tante Lotte, Cousine (v.r.) mit dem kleinen Johannes im Hof der Prinzregentenstraße um 1966.

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Um 1975, mein Zimmer in der elterlichen Wohnung, kurz bevor ich ausgezogen bin. Unten: Im Volkspark mit Freunden um 1989.

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M.K.

 


Alle Familienporträts auf einer Seite: http://wp.me/P3UMZB-1

Neue Seite: „Nackte, Nazis, Nervensägen“ – Offener Kanal Berlin – Drei Geschichten

Drei Geschichten über die frühen, wilden Jahre des legendären Senders, der heute erwachsen geworden ist und sich “ALEX” nennt.

“1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Das ich, als Profi, Teil davon sein werde, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Ich bin 30 und hatte noch nie eine “richtige” Arbeit, also nie einen Fulltime-Job gehabt und war nie rentenversichert. Ich versuchte es probeweise als Tankwart, Babysitter, Altenpfleger, Werbetexter, Verkäufer und Journalist, ohne das mir dieses “Was bin ich?”-Spiel Spaß machte und ohne überzeugenden Erfolg in einer dieser Professionen. 1986 heirate ich und weil ich keine andere Arbeit finde, beginne ich an der Hochschule der Künste als Pförtner. Daneben mache ich beim OKB Fernsehsendungen, unbezahlt, aber nicht ohne Gewinn. Ich lerne das Handwerk und 1988 habe ich die Möglichkeit die Disposition zu übernehmen und den ungeliebten Pförtnerjob zu kündigen. 18 Jahre werde ich bleiben.”

Teil 1 -„ Achterbahn und heiteres Beruferaten”

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“Es ist schon merkwürdig, aber der Offene Kanal Berlin ist in den Berliner Medien nur selten thematisiert worden. Zumindest bis 2003, also solange ich dort gearbeitet habe. Zu seiner Eröffnung im Jahre 1985* wurde im Zusammenhang mit dem Kabelpilotprojekt über ihn berichtet. Eigentlich wäre der neuartige, emanzipatorische Ansatz, “jeder kann senden”, es Wert gewesen seine Entwicklung zu begleiten, doch die Profis in den Redaktionsstuben vernachlässigten das Thema geradezu sträflich. In den zwei Jahren 1986-87, die ich Nutzer war, sowohl wie in den 15 folgenden, ist nur über den Sender berichtet worden, wenn es “schlechte” Nachrichten gab. Vielleicht ist wirklich der zynische Spruch, “only bad news is good news”, eine Erklärungshilfe dabei. Ich will nicht verschweigen, dass es sehr selten auch einmal positive Resonanz gab, doch diese ging unter gegenüber den Schlagzeilen, die über angebliche Skandale spekulierten. Reißerische Artikel nach dem Muster “Mumien, Monstren, Mutationen” zu schreiben macht eben auch mehr Spaß, als über medienpädagogische Ansätze, experimentelle Sendeformen oder Seniorenredaktionen zu berichten und es bringt Auflage bzw. Quote.”

Teil 2 – „Nackte, Nazis, Nervensägen”

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Meine Freundin und ich haben beschlossen unsere komplizierte Beziehung zu stabilisieren, indem wir heiraten. Wir ziehen endgültig zusammen, aber erst im Sommer 1986 finde ich eine Arbeit.Ich werde Pförtner in der HdK und bin entsetzt einen hartgesottenen Nazi als Kollegen zu bekommen. Der ungekrönte König der Pförtnerloge ist Herr Schulz, er ist Nazi und macht keinen Hehl daraus. Ein “Neo” wäre an ihn verschwendet, nichts ist neu an ihm. Er ist ein alter, eingefleischter Nazi, obwohl er erst Mitte vierzig ist. Täglich erzählt er den Musikstudenten, dass auf deutschen Boden im Dritten Reich nie ein Jude getötet wurde. Schulz war Kranführer, seit er im Suff aus dem Führerhäuschen fiel, kann er nicht mehr richtig laufen und gilt als schwerbehindert. Den Führerschein hat man ihm abgenommen, weil er im Straßenverkehr immer wieder handgreiflich wurde. Mehrfach hat er Autofahrer attackiert, die ihm “Quer” kamen. Er hat sie ausgebremst, ist, trotz Behinderung. an deren Fahrertür gehumpelt, hat den Gegner aus dem Wagen gezogen und verprügelt. Er kann sehr jovial sein, ist hochintelligent und halbwegs gebildet. Und er kann unglaublich nerven. Zu meiner Bestürzung ist niemand hier bereit, etwas dagegen zu tun, dass Schulz regelmäßig die Ausschwitzlüge verbreitet. Es dauert nicht lange bis wir Feinde werden. Hier erzähle ich die ganze Geschichte:

Teil 3 – http://wp.me/p3UMZB-1Ob

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Familienportrait – “Is That All There Is?” oder “Pförtner, Fernsehen, Ehe und ein Nazi” / West-Berlin 1985-88

 

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Ende 1985 beschließe ich mir endlich einen Vollzeitjob zu besorgen, nachdem ich zehn Jahre lang alle möglichen und unmöglichen Aushilfsjobs hatte. Meine Freundin und ich haben beschlossen unsere komplizierte Beziehung zu stabilieren, indem wir heiraten. Wir ziehen endgültig zusammen, aber erst im Sommer 1986 finde ich eine Arbeit.

Das ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium am nördlichen Ende der Bundesallee ist ein schöner neoklassizistischer Bau. 1880 wurde er eröffnet, das Gymnasium gibt es aber länger, seit 1607. Der gelbe Backsteinbau im Stil der italienischen Hochrenaissance, mit vorgelagertem Arkadengang und Balkon, ist ein spätes Beispiel der Schinkel-Schule. Von 1910 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs lief meine Großmutter sonntags hier vorbei, wenn sie auf dem Weg zu Aschinger war, Erbsensuppe essen. Zur Suppe bekam man Schrippen, soviel man wollte. Nach dem Essen lief Oma wieder zurück nach Steglitz, wo sie sechseinhalb Tage die Woche als Hausmädchen arbeitete. Manchmal weinte sie, sie fühlte sich sehr allein, fern vom heimischen Liebenwerda und sie vermisste ihre Familie.

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Am 2. Juni 1986 betrete ich den Bau zum ersten Mal, ich trete meinen Job als Pförtner an. Die Statue eines Flöte spielenden Pan begrüsst mich, es wird der einzige Freund bleiben, den ich in diesem Haus gewinne. 40 Stunden Dienst in der Woche werde ich hier verbringen, da ich mir nicht vorstellen kann, jemals eine andere bezahlte Arbeit zu finden, wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Der Gedanke hat etwas Niederschmetterndes. Der traurige Song von Peggy Lee fällt mir ein, der mich schon seit meiner Kindheit begleitet: “Is That All There Is?” Das Lied über die Enttäuschungen im Leben, wenn man feststellt, dass es in Wirklichkeit weder so schön noch so schlimm kommt, als man es sich vorgestellt hatte. Ich frage mich: Soll es das schon gewesen sein? Werde ich hier als Pförtner den Rest meines Lebens verbringen, oder wird es mir gelingen, doch noch den einen oder anderen Traum zu verwirklichen, den ich für mein Leben hatte? Zum Beispiel professionell Film oder Fernsehen zu produzieren. Im Frühjahr hatte ich zum ersten Mal ein Video gedreht, doch es war ein Job ohne Bezahlung. Obwohl es auch gesendet wurde beim Offenen Kanal, eher so etwas wie ein Hobby. Trotzdem plane ich das nächste Projekt. Im Juni wollte ich dann für meine erste Fernsehserie Regie führen. Aber der Job, zu dem ich unerwartet kurzfristig die Zusage bekomme, verhindert es. Denn am gleichen Tag, an dem ich als Pförtner anfangen soll, ist Drehbeginn der ersten Staffel von “Bum Bum Peng Peng”, einer No-Budget-Kriminalparodie, die ich geschrieben habe. Regie macht nun mein Freund Frank, sogar für meine eigene Rolle, die des bösen Eierkaisers, muss ich überwiegend gedoubelt werden. Eine andere Lösung gibt es nicht. Mit dem Ergebnis werde ich nie so ganz glücklich sein.

Meine neuen Kollegen in der Pförtnerloge kennenzulernen, hebt meine Stimmung auch nicht. Achim war in den 50ern ein echter Rock’n’Roller, jetzt ist er alt und raucht zuviel. Er sagt, er wählt die Nazis. Als ich fragend gucke, erläutert er: die CDU. Immer wenn er die CDU meint sagt er “die Nazis”, das ist sein “Humor”. Sein gesamter Humor übrigens. Heini ist jung und klein, er riecht immer nach altem Schweiß, weil er weder seine Achselhöhlen noch seine Hemden wäscht. Er hat sich die CD von Whitney Houston gekauft, aber “die Negerin” hat ihn enttäuscht. Außer “I Wanna Dance With Somebody” gefällt ihm kein Lied. Auch er hat ziemlich braune Ansichten. Der dritte Pförtner und ungekrönte König der Pförtnerloge ist Herr Schulz, er ist Nazi und macht keinen Hehl daraus. Ein “Neo” wäre an ihn verschwendet, nichts ist neu an ihm. Er ist ein alter, eingefleischter Nazi, obwohl er erst Mitte vierzig ist. Täglich erzählt er den Musikstudenten, dass auf deutschen Boden im Dritten Reich nie ein Jude getötet wurde. Schulz war Kranführer, seit er im Suff aus dem Führerhäuschen fiel, kann er nicht mehr richtig laufen und gilt als schwerbehindert. Den Führerschein hat man ihm abgenommen, weil er im Straßenverkehr immer wieder handgreiflich wurde. Mehrfach hat er Autofahrer attackiert, die ihm “Quer” kamen. Er hat sie ausgebremst, ist, trotz Behinderung. an deren Fahrertür gehumpelt, hat den Gegner aus dem Wagen gezogen und verprügelt. Er kann sehr jovial sein, ist hochintelligent und halbwegs gebildet. Und er kann unglaublich nerven. Zu meiner Bestürzung ist niemand hier bereit, etwas dagegen zu tun, dass Schulz regelmäßig die Ausschwitzlüge verbreitet.

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Die Pförtnerloge ist zwei mal fünf Meter groß. Neben ein paar Garderobenschränken steht ein Tisch mit Stühlen darin. Ich kann meinen Kollegen unmöglich aus dem Weg gehen. Da es kaum Arbeit gibt sitzen die Pförtner zusammen und quatschen die meiste Zeit. Anfänglich versuche ich die Provokationen und Beleidigungen von Schulz an mir abtropfen zu lassen. Irgendwann funktioniert das nicht mehr, ich gebe Kontra. Jeder Arbeitstag kostet mich ungeheuer viel Kraft. Angenehmer sind die Abende und der Wochenddienst. Dann kann ich lesen und an meinen Fernsehsendungen arbeiten. Ich habe eine exzellente Infrastruktur im Haus. Es gibt zwei Bibliotheken, sowohl eine Stadtbücherei, als auch die Bücherei des Fachbereichs Pädagogik, die solche Schätze wie vollständige Spiegel- und Stern-Jahrgänge verwahrt. Ferner verfüge ich über Telefon, Fotokopierer und einen Videoraum.

Am 10. Juli 1986 heiraten wir, unsere Freunde haben eine rauschende Party im Hof der Rheinstraße 14 organisiert. Höhepunkt ist eine Art “Fernsehquiz”, bei dem wir unsere Hochzeitsgeschenke raten sollen. Wir feiern bis in die Nacht und sind sehr glücklich. Zwei Tage später fährt meine Frau mit ihrer Tochter, die jetzt meine Stieftochter ist, ohne mich auf Hochzeitsreise. Ich bekomme im neuen Job noch keinen Urlaub. Als ich am Sonntag allein bin steigt ein Zweifel in mir auf, habe ich wirklich das richtige getan? Jetzt bin ich verheiratet, aber es fühlt sich nicht so an, wie ich es mir vorgestellt habe. “Is That All There Is?”

Anfang 1987 wollen wir die zweite Staffel von “Bum Bum Peng Peng” drehen. Einige Wochen vorher ruft mich Frank an und fragt, ob wir statt dessen nicht an der Magazinsendung “Filmbaer” zur 37. Berlinale mitarbeiten wollen. Natürlich wollen wir. Eine Akkreditierung hatte ich mir schon mal in den 70ern besorgt, damals hatte ich Wolf Donner in seinem Büro aufgesucht und angeflirtet, um zehn Tage Filme zu gucken, bis die Augen weh taten.

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Filmbaer Moderation mit Kater Dieter und Hut.

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Wir haben ein Studio im Huthmacher-Haus, wo die täglichen Sendungen “Live On Tape” aufgezeichnet werden. “Filmbaer” heißt die Sendung weil der “Sony Genlock”, den wir als Schriftgenerator benutzen, keine Umlaute kennt. Zwölf mal 75 Minuten sind geplant und ich drehe ich voraus mit Volker Hauptvogel im Pinguin-Club die “Treatment-Show”, in der ich lustige Filmideen vorstelle, die ich von meinem Brettspiel “Hollywood-Friedenau” in der Schublade habe. Volker serviert mir zu jedem der zwölf Kurz-Treatments einen passenden Cocktail, den ich natürlich nicht trinke. Überhaupt lebe ich zu dieser Zeit sehr gesund. Ich trinke nicht, esse kein Fleisch, noch nicht mal Zucker gönne ich mir. Nach vier Stunden Schlaf dusche ich eiskalt und bin frisch wie neuer Schnee. Tagsüber verdiene ich meine Brötchen als Pförtner, abends und am Wochenende mache ich Fernsehen, eine Gage gibt es beim Offenen Kanal Berlin nicht.

Filmquiz (2) Filmquiz vor “City Music”.

In der Mittagspause werde ich mit dem Auto abgeholt, um auf dem Kudamm ein Filmmusik-Quiz mit Passanten zu drehen, dass ich mir ausgedacht habe. Bei richtiger Antwort gewinnen die Kandidaten Platten mit Soundtracks, die ein Plattengeschäft, City Music, zur Verfügung gestellt hat. Außerdem produzieren wir täglich noch einen Fünf- bis Zehn-Minüter, ich interviewe witzige Filmleute, mache Überraschungsbesuche und ähnliches.

FilmNase (4)Filmma1 (2)Filmnasja (2)FilmMarcClose (2)Anja Franke Interview.

Viel Spaß macht es, Anja Franke zu interviewen. Sie hat mit ihrem Freund Dani Levy den Film “Du mich auch” im Wettbewerb. Nicht immer sind meine Beiträge toll, aber ich werde angesprochen und gelobt, auch von Kollegen wie Barry Graves und in der Hochschule von Studenten und Profs.

Meine Pförtnerkollegen und der großtuerische Hausmeister sind nicht so begeistert. Sie wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen und fühlen sich irgendwie verarscht. “Wieso sitze ich hier in der Pforte, wenn ich doch beim Fernsehen arbeite?” Ich versuche zu erklären, dass ich beim Offenen Kanal Berlin keinen Pfennig verdienen kann, es ist dort sogar verboten. Aber solche Details interessieren nicht, die sind abstrakt und was sie auf dem Fernsehschirm sehen ist konkret.

Ins Kino komme ich nur ein einziges Mal, im Zoo-Palast sehe ich “Platoon” , der mir überhaupt nicht gefällt, nach “Apocalypse Now” finde ich ihn überflüssig. Eine der Sendungen moderiere ich auch, hinter mir die Gedächtniskirche. Die ARD hat denselben Hintergrund gewählt, sie sendet aus dem chinesischen Restaurant gegenüber. Auch als Moderator bewähre ich mich, keine Haspler, keine Hänger, der Sprechtechnikunterricht meines Vaters war doch zu etwas gut. Viele tolle Menschen lerne ich kennen, Frank und Anette, die damals den OKB leitet und die Produktion neben ihrem Job in der Voltastraße quasi in der Freizeit betreut, werden im Lauf der Berlinale ein Paar. Beide werden mir bei vielen Projekten helfen und mich beraten. Frau und Tochter sehen mich nur selten in dieser Zeit. Natürlich mache ich weiter mit neuen Projekten. Ich habe das Gefühl, mir bietet sich eine Chance, die vielleicht meine einzige im Leben ist.

12654215_10153561472262982_3892196464954072360_nNazi Schulz, wie ihn Rainer Jacob als Illu für meinen Roman “Helden ’81” gezeichnet hat.

Am 10. Mai 1941 fliegt Rudolf Heß mit einer Messerschmidt Bf 110 in Richtung Schottland, um in Dungavel Castle mit Douglas Douglas-Hamilton, 14. Duke of Hamilton, den er für den Anführer der britischen Friedensbewegung und Gegner von Premierminister Winston Churchill hielt, über Frieden zu verhandeln. Aber die Briten nehmen ihn fest, er wird als letzter einer Reihe prominenter Häftlinge im 900 Jahre alten Tower interniert. Nach Kriegsende steht er vor dem Nürnberger Tribunal und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 ist Heß auch hier der letzte von sechs Gefangenen im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Obwohl Heß Flug nach Schottland von Historikern inzwischen weniger als Großtat, sondern eher als naive Impulshandlung eines unreifen Traumtänzers gewertet wird, ist Heß bei deutschen Neo-Nazis beliebt. Nachdem Rudolf Heß sich am 17. August 1987 mit einem Kabel erhängt, versammeln sich neu und alte Gesinnungsgenossen vor Spandauer Gefängnis zu einer Art “Ehrenwache”. Mein Kollege Schulz nimmt Urlaub und wird mehrfach von Kamerateams gefilmt. Ein Fotograf portraitiert ihn, sein fanatischer Blick genügt, er braucht kein Plakat und keinen Hitlergruß um seine Gesinnung zu demonstrieren. Das Bild wird erst in der taz gedruckt und geht dann um die Welt.

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Ende August produziere ich “Funkbär”, eine Magazinsendung mit Sketchen und Parodien auf der Internationalen Funkausstellung. Der Offene Kanal hat ein professionelles Studio aufgebaut und viele Freunde helfen mir. Meine Frau bedient den Schriftgenerator, Anette macht Bildschnitt und Tim Luna spielt einen Zuschauer, der von mir erschossen wird. Der Boden ist mit Plastikfolie ausgelegt, damit unser Kunstblut nicht den Teppich ruiniert.

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Bong Boeldicke schlüpft in die Rolle des Senatsbeauftragten für eine fiktive “1000-Jahrfeier” der Mauerstadt. “Funkbär” wird Live On Tape produziert, zum ersten Mal moderiere ich mit Publikum, unter Livebedingungen. Unter dem Abspann läuft Peggy Lees Hymne der typisch menschlichen Unfähigkeit, richtig glücklich zu sein: “Is That All There Is?”

Im Spätsommer 1987 beginnt, was man später als Barschel-Affäre bezeichnen wird. Ein CDU-Ministerpräsident wollte seinen Gegner durch eine Schmutzkampagne zu Fall zu bringen. Der Spiegel bringt den Fall ins Rollen, gegen den Watergate eine Kinderei war. Mir ist schnell klar, dass die Barschel-Affäre zum größten politischen Skandal der BRD werden wird. Ich verfolge jedes Detail, dass er bei seinem berühmten “Ehrenwort” lügt, sieht selbst ein Laie wie ich. Wochenlang lese ich jede Zeile und spreche über wenig anderes. Meiner Frau gehe ich gehörig auf die Nerven.

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Aus der Barschel-Affäre mache ich eine Kabarettnummer und erfinde die Kunstfigur “Reverend Preiswert”. Einen Prediger mit Hitlerbärtchen, der im Stil amerikanischer Fernseh-Evangelisten, Barschel nach seinem ungeklärten Tod einen Persilschein ausstellt. Leider entsteht die Verschwörungstheorie, die Barschels Tod als Ermordung eines der über illegale Waffendeals auspacken wollte und somit andere prominente Politiker mit in den Abgrund gezogen hätte, erst später. Aber ich habe auch so genug Material für einen 18-minütigen Monolog. Ich nehme “Er tat nur seine Pflicht” im kleinen Fernseh-Studio der Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation vor einer riesigen deutschen Fahne auf. Gleich am Wochenende danach wird die Sendung im Berliner Kabelfernsehen ausgestrahlt. Zufällig findet gerade eine CDU-Veranstaltung in Berlin statt. Viele Parteimitglieder sehen das Stück in ihren Hotels, die alle schon verkabelt saind. Es gibt heftige Beschwerden im Sender und auch bei der Medienanstalt. Ich selbst werde ein paarmal beschimpft. Heute würde ich über eine eben Verstorbenen, und sei er noch so ein Schuft gewesen, keine derartig grenzwertige Satire machen, aber damals freue ich mich über das Feedback.

Seit dem Tod von Heß ist Schulz radikaler geworden. Seine Äußerungen werden immer drastischer, auch mir gegenüber. In der HdK wird meine Position nach der Barschelsendung immer prekärer. Ich versuche eine Front gegen den Nazi aufzubauen, doch zu meinem Erstaunen finde ich kaum Mitstreiter. Die linken Professoren erklären mir, als Beamte könnten sie sich nicht einmischen, wenn es um einen “Lohnempfänger” gehe, so werden die Arbeiter im Unijargon genannt. Der linke, langhaarige Personalratsvorsitzende gibt mir auch einen Korb. Nazi Schulz ist durch seine Schwerbehinderung vor Kündigung geschützt. Ich verstehe die Uni-Welt nicht.

Ich werfe ein I Ging, es rät mir “das große Wasser” zu überqueren. In der Sprache des mehrere tausend Jahre alten “Buchs der Wandlungen” bedeutet das weitreichende Massnahmen zu ergreifen, einen großangelegten Plan zu verwirklichen. Also plane ich, zunächst besorge ich mir eine Ton-EB vom OKB. EB steht für elektronische Berichterstattung habe ich gelernt. Ich platziere sie in meinem Garderobenschrank in der Pförtnerloge, durch einen Schlitz müsste das Mikrofon Gespräche aufnehmen können. Ich verlasse die Loge, “um einen Kontrollgang durchs Haus” zu machen und Schulz tut mir den Gefallen, er macht seine üblichen heftigen Nazisprüche. Nun habe ich ihn “Live On Tape”. Ebenfalls in der Tasche habe ich einen Musik-Professor, der auch braune Ansichten hat, aber als Beamter eine gewisse Zurückhaltung üben müsste. Außerdem rechne ich damit, dass Schulz Choleriker ist.

Ich schreibe einen Brief an den Kanzler der Uni. Drei Seiten lang schildere ich, wer Schulz ist und was er verbreitet. Ich bin nicht gern Denunziant, aber hier geht es um Notwehr und die Änderung eines unerträglichen Zustandes. Ganz dezent winke ich meiner Vergangenheit bei der taz und der Möglichkeit einer Anzeige wegen Volksverhetzung. Als ich nach einem langen Wochenende zurück zum Dienst komme ist Schulz weg. Man hat ihn einbestellt, er ist beleidigend geworden und hat versucht den Personalchef zu ohrfeigen. Außerdem hat sich der braune Musikprofessor im Zweifel für seine Beamtenpension entschieden und gegen Schulz ausgesagt, ich hatte ihn als Zeugen genannt. Ich habe mich durchgesetzt, den Nazi im Alleingang abgesägt, trotzdem bin ich nicht wirklich zufrieden mit der Situation. “Is That All There Is?”

Am nächsten Morgen kann ich meine linke Gesichtshälfte nicht mehr bewegen. Glücklicherweise ist es kein Schlaganfall. Gegen die Lähmung muss ich hochdosiertes Kortison nehmen. Nach drei Tagen kommt das Gefühl langsam zurück, ich atme auf. Aber plötzlich länger daheim, stelle ich fest, dass meine Ehe die Beziehung nicht konsolidiert hat, wir streiten uns weiter wie früher und ich fühle mich überflüssig und unwillkommen. Und noch etwas wird mir klar in den zehn Tagen, die ich krankgeschrieben bin. Ich werde den Pförtnerjob nicht ewig machen können. Aber wie soll ich, ohne Ausbildung und ohne weitere Berufserfahrung, eine andere Arbeit finden? Zurück in der Pförtnerloge gelte ich als “Kollegenverräter”. Schulz ist zwar weg, aber wohl fühle ich mich nicht in diesem Umfeld. Da kommt mir der Zufall zu Hilfe. Im Offenen Kanal ist der Job als Disponent frei, niemand will sich den Stress antun und er wird mir angeboten. Zu meiner eigenen Verblüffung bekomme den Fulltimejob im Sender. Es ist mir ein Vergnügen, den großtuerischen Hausmeister, der jahrelang den Nazi gewähren ließ, davon in Kenntnis zu setzen, dass er kurzfristig auf meine Dienste verzichten muss. Meinen Auflösungsvertrag hatte ich bereits mit der Hochschulleitung ausgemacht. Man ist mir dankbar, dass ich das peinliche Nazi-Problem gelöst habe.

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Nun arbeite ich als Vollprofi beim Fernsehen. Allerdings kaum noch kreativ, eigene Sendungen darf ich als Mitarbeiter nicht mehr produzieren. Aber ich bin stolz darauf bald den gesamten Sender, das Programm und die Produktionen zu organisieren. Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen, ein anderer, meine Ehe, scheitert in dieser Zeit. Wie so viele Paare machen wir die Erfahrung, dass die Ehe die komplizierte Beziehung nicht stabilisiert. Im Gegenteil, sie beschleunigt den Verfall. In der Folge brauche ich eine Wohnung, auch 1988 war das schon schwierig. Der Zufall will es, dass meine Wohnungssuche in der Lietzenburger Straße endet. Von meinem Balkon sehe ich in der Entfernung auf das Gebäude, in dem ich ein Pförtner war. Is That All There Is?

Marcus Kluge


Videos aus den erwähnten Sendungen schneide ich in nächster Zeit zurecht. Die böse Barschel-Satire:  https://www.youtube.com/watch?v=Ol1jnPe3c94

Meine Oma und die Kaiserallee: http://wp.me/p3UMZB-1rw

Über meine 20 Jahre beim Offenen Kanal Berlin habe ich zwei Geschichten geschrieben:

http://wp.me/p3UMZB-1hR

http://wp.me/p3UMZB-1ls

Das Lied:

I remember when I was a very little girl, our house caught on fire.
I’ll never forget the look on my father’s face as he gathered me up
In his arms and raced through the burning building out to the pavement.
I stood there shivering in my pajamas and watched the whole world go up in flames.
And when it was all over I said to myself,
“Is that all there is to a fire?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is

And when I was 12 years old, my daddy took me to a circus.
“The Greatest Show On Earth.”
There were clowns and elephants and dancing bears.
And a beautiful lady in pink tights flew high above our heads.
And as I sat there watching, I had the feeling that something was missing.
I don’t know what, but when it was over,
I said to myself,
“Is that all there is to a circus?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is

And then I fell in love, with the most wonderful boy in the world.
We would take long walks by the river
Or just sit for hours gazing into each other’s eyes.
We were so very much in love.
Then one day, he went away and I thought I’d die.
But I didn’t.
And when I didn’t I said to myself,
“Is that all there is to love?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends, then let’s keep-

I know what you must be saying to yourselves.
“If that’s the way she feels about it why doesn’t she just end it all?”
Oh, no, not me.
I’m in no hurry for that final disappointment.
‘Cause I know just as well as I’m standing here talking to you,
That when that final moment comes and I’m breathing my last breath
I’ll be saying to myself-

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is.

Written by Jerry Leiber, Mike Stoller • Copyright © Sony/ATV Music Publishing LLC, Warner/Chappell Music, Inc.

Lost and Found-Marathon 5: „Volkspark und Schramm-Block” / Wilmersdorf

1960 zogen wir in den Schramm-Block direkt am Volkspark Wilmersdorf. Der etwas düstere, expressionistisch angehauchte Bau, aus den 1920er Jahren, hatte mir schon als Kind gut gefallen. Im gleichen Jahr wurde ich eingeschult. Auf dem Schulweg zur Prinzregentenstraße sollte ich die Bundesallee an der Ampel überqueren. Natürlich ersparte ich mir den Umweg und rannte über die Bundesallee, wenn keine Autos in Sicht waren. Der “Volksparksteg” wurde erst 1971 gebaut. Seit den 1920ern steht hier, am Beginn des östlichen Parkteils, der Speerwerfer”, eine Bronzeplastik von Karl Möbius. 1944 wurde das Standbild eingeschmolzen und 1954 neu gegossen.

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Bis zum Jahr 1915 gab es noch einen See (unten) im mittleren Teil des Parks. Es war ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner, Schramms Tanzpalast war legendär. “Komm, Karlineken wat meenste, morjen jehn wa bei Schramm, een danzen?“, hieß es dann. Aber nicht nur die Gastronomie brachte Geld ins “Seebad Wilmersdorf”, auch die Spekulation mit Bauland machte manche Bauern zu Millionären. Der See begann zu versanden und um den Verkehr nach Berlin zu erleichtern, wurde er 1915-20 zugeschüttet. Als ich klein war bildete sich oft am Ende des Winters ein kleiner Tümpel aus Schmelzwasser auf der Wiese und ich hoffte stets, dass wieder ein See entstehen würde. Heute gibt es an dieser Stelle ein kleines Feuchtbiotop.

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Der Block im Zustand nach dem Bau ca. 1930 (oben).

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In den Nuller-Jahren wurde der Schramm-Block neu gestaltet und dabei oberhalb der 1. Etage heller verputzt (oben), wobei er etwas von seinem morbiden Charme eingebüßt hat. Wir wohnten im Eckhaus in der 2. Etage. Das Foto unten zeigt meine Großmutter vor dem Block 1960. Aus den 1960er Jahren stammen auch die meisten der älteren Fotos.

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Gleich im ersten Winter 1960/61 gab es reichlich Schnee und mein Bruder und ich bekamen Skier.

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Heute befindet sich in unserem ehemaligen Wohnhaus ein Café. In den 70er und 80er Jahren war in den Räumen ein Geschäft von “Lautsprecher Teufel”.

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Straße Am Volkspark.

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Die mittlere Parkanlage zwischen Bundesallee und Blissestraße wurde in den Jahren 1933 bis 36 angelegt. In den 60er Jahren wirkte sie noch recht streng, Rasen betreten und freilaufende Hunde waren verboten. Heute wirkt der Park freundlicher.

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Oben: Sicht in Richtung Schoeler-Park.

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Der Fußballplatz im Bereich des früheren Sees mit Blick auf die Auenkirche (oben 1960)

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Meine Mutter konnte sich ihren Wunsch erfüllen, bis zu ihrem Tod im Jahre 2005, in der Wohnung am Park zu leben. Wenn meiner Tochter und mir nostalgisch zu Mute ist, besuchen wir mit der Enkelin Neala das Café im Haus Livländische Straße 2.

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M.K.

Der nächste Teil der Serie beschäftigt sich unter anderem mit dem Eva-Kino und der Eisdiele Monheim.

Volkspark: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkspark_Wilmersdorf

Wilmersdorfer See: https://de.wikipedia.org/wiki/Wilmersdorfer_See

„Volkspark und Schramm-Block” / Wilmersdorf Teil 2 / Berlin – Lost and Found

1960 zogen wir in den Schramm-Block direkt am Volkspark Wilmersdorf. Der etwas düstere, expressionistisch angehauchte Bau, aus den 1920er Jahren, hatte mir schon als Kind gut gefallen. Im gleichen Jahr wurde ich eingeschult. Auf dem Schulweg zur Prinzregentenstraße sollte ich die Bundesallee an der Ampel überqueren. Natürlich ersparte ich mir den Umweg und rannte über die Bundesallee, wenn keine Autos in Sicht waren. Der “Volksparksteg” wurde erst 1971 gebaut. Seit den 1920ern steht hier, am Beginn des östlichen Parkteils, der Speerwerfer”, eine Bronzeplastik von Karl Möbius. 1944 wurde das Standbild eingeschmolzen und 1954 neu gegossen.

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Bis zum Jahr 1915 gab es noch einen See (unten) im mittleren Teil des Parks. Es war ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner, Schramms Tanzpalast war legendär. “Komm, Karlineken wat meenste, morjen jehn wa bei Schramm, een danzen?“, hieß es dann. Aber nicht nur die Gastronomie brachte Geld ins “Seebad Wilmersdorf”, auch die Spekulation mit Bauland machte manche Bauern zu Millionären. Der See begann zu versanden und um den Verkehr nach Berlin zu erleichtern, wurde er 1915-20 zugeschüttet. Als ich klein war bildete sich oft am Ende des Winters ein kleiner Tümpel aus Schmelzwasser auf der Wiese und ich hoffte stets, dass wieder ein See entstehen würde. Heute gibt es an dieser Stelle ein kleines Feuchtbiotop.

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Der Block im Zustand nach dem Bau ca. 1930 (oben).

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In den Nuller-Jahren wurde der Schramm-Block neu gestaltet und dabei oberhalb der 1. Etage heller verputzt (oben), wobei er etwas von seinem morbiden Charme eingebüßt hat. Wir wohnten im Eckhaus in der 2. Etage. Das Foto unten zeigt meine Großmutter vor dem Block 1960. Aus den 1960er Jahren stammen auch die meisten der älteren Fotos.

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Gleich im ersten Winter 1960/61 gab es reichlich Schnee und mein Bruder und ich bekamen Skier.

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Heute befindet sich in unserem ehemaligen Wohnhaus ein Café. In den 70er und 80er Jahren war in den Räumen ein Geschäft von “Lautsprecher Teufel”.

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Straße Am Volkspark.

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Die mittlere Parkanlage zwischen Bundesallee und Blissestraße wurde in den Jahren 1933 bis 36 angelegt. In den 60er Jahren wirkte sie noch recht streng, Rasen betreten und freilaufende Hunde waren verboten. Heute wirkt der Park freundlicher.

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Oben: Sicht in Richtung Schoeler-Park.

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Der Fußballplatz im Bereich des früheren Sees mit Blick auf die Auenkirche (oben 1960)

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Meine Mutter konnte sich ihren Wunsch erfüllen, bis zu ihrem Tod im Jahre 2005, in der Wohnung am Park zu leben. Wenn meiner Tochter und mir nostalgisch zu Mute ist, besuchen wir mit der Enkelin Neala das Café im Haus Livländische Straße 2.

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M.K.

Der nächste Teil der Serie beschäftigt sich unter anderem mit dem Eva-Kino und der Eisdiele Monheim.

Volkspark: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkspark_Wilmersdorf

Wilmersdorfer See: https://de.wikipedia.org/wiki/Wilmersdorfer_See

Familienportrait – “Ariernachweis” / Die Bürokratie des Rassismus / 1936

Der Zufall wollte es, dass ich mich am letzten Wahlsonntag, dem 13. März, bei der Arbeit am “Familienportrait-Buch”, mit der Rassismus-Bürokratie des Dritten Reichs auseinandersetzen musste. Die rechtsextreme AfD kam mit zweistelligen Ergebnissen in drei Bundesländern in die Parlamente. Was eine rechtsextreme Partei tun kann, wenn sie an die Macht kommt, zeigte mir ein sogenannter “Ariernachweis”, den ich bei den Papieren meines Vaters fand.

1936 hatte mein Vater einen Nachweis erbringen müssen, dass er “arisch” war, sonst hätte er kein Abitur machen können. So wollte es die NSDAP, die schon im April 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung, Rassismus und Ausgrenzung zum Gesetz erhob. Erst mussten Beamte und öffentlich Bedienstete diesen Nachweis führen, bald danach wurde er für viele weitere Berufe Pflicht. Nach den “Nürnberger Gesetzen” wurde der Nachweis 1935 für alle Bürger obligatorisch. Und schließlich wurden sogenannte “Nichtarier” auf Basis dieses Dokuments in “Konzentrationslager” verschleppt und ermordet. Dabei war das Verfahren äußerst widersprüchlich. Es gab keine objektivierbaren Merkmale für den Rassenwahn der Nazis, die Physische Anthropologie, die sich mit Rassemerkmalen beschäftigt, kennt keine “arische Rasse”. Also war letztlich die Religionszugehörigkeit entscheidend. Wenn der Urgroßvater jüdischer Herkunft war, aber zum Christentum konvertierte, hatte man Glück, man galt als Arier. Doch wenn der Ur-Opa stattdessen dem Christentum abgeschworen und den jüdischen Glauben angenommen hatte, war man “unreinen Blutes”, mit schlimmen Konsequenzen.

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Den Antrags-Bogen hat ein deutscher Bürokrat sehr effizient gestaltet. Es gibt drei Abschnitte und alles findet auf einem DIN A4-Blatt Platz. Zunächst ist ein Lebenslauf gefordert, handschriftlich und äußerst ausführlich. Manche Details sind verwunderlich, so wird nach “Flugsport” gefragt. Es wird bereits an den Krieg und die Verwendung der “Arier” in ihm gedacht. Piloten werden erfasst und die Luftwaffe wird sie später zu Kampfpiloten machen. So widmet sich der zweite Abschnitt der Verwendungsfähigkeit der Antragsteller beim Militär. Ob man sich freiwillig gemeldet hat und ob man gemustert wurde, ist anzugeben.

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Auf der Rückseite folgt der eigentliche “Nachweis”. Da für alle Angaben beglaubigte Dokumente vorzulegen waren, musste mein Vater wie andere auch, sieben Geburts- oder Taufurkunden, sowie drei Heiratsurkunden besorgen. Er war der erste Abiturient in der Familie, seine Vorfahren waren Arbeiter, Lohnknechte und Mägde, allesamt protestantisch.  Eine Diskriminierung als “Nichtarier” musste er nicht befürchten.

Neben der diskriminierenden Wirkung, nach der weite Teile des Volks stigmatisiert wurden, gab es auch eine qualifizierende Wirkung. Menschen, die noch nie etwas im Leben erreicht hatten, auf das sie stolz sein konnten, fühlten sich nun als Mitglieder einer “Herrenrasse”. Wegen des Interesses an Stammbäumen wuchs die Zahl der “Sippenforscher” enorm an. Eigens für Ahnenangelegenheiten wurde die ‘Reichsstelle für Sippenforschung’ (ab 1940 ‘Reichssippenamt’) gegründet, welche die Abstammungsnachweise auf Grund der Urkunden ausstellte.

Mein Vater bestand 1937 sein Abi mit 1,0. Er begann zu studieren, doch schon 1938 wurde sein Jahrgang gemustert. Er war tauglich und rechnete sich aus, nach zweieinhalb Jahren wieder ins Zivilleben zurückzukehren, und sein Studium wieder aufzunehmen. Der Wehrdienst war eben auf zwei Jahre verlängert worden und ein halbes Jahr Arbeitsdienst kam hinzu. Als Einser-Abiturient hätte er Offizier werden können, aber er entschied sich dagegen. Helmut war zu diesem Zeitpunkt Buddhist, was er natürlich geheim hielt und das Töten, hoffte er, auf diese Weise vermeiden zu können. Seine Überlegung war vielleicht etwas naiv, aber im Grunde nachvollziehbar. Als einfacher Soldat glaubte er, daneben schießen zu können, doch als Offizier hätte er das Töten befehlen müssen.

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Ob ihm bewusst war, dass sein Wehrdienst länger werden würde, weiß ich nicht. Er wird sich darüber klar gewesen sein, dass die Nazis auf einen Krieg zusteuerten. Jedem halbwegs realistisch denkenden Deutschen musste dieser Gedanke gekommen sein. Hitler hatte sein Vorhaben schon in “Mein Kampf” niedergeschrieben. Außerdem war bei aller deutschen “Friedensrethorik” im Vorfeld des 2. Weltkriegs, die gigantische Aufrüstung unübersehbar. Wahrscheinlich hatte mein Vater gehofft, ein Krieg würde nicht lange dauern und er würde ihn überleben. Das Letztere gelang ihm, er überlebte den Krieg. 35% der Männer seines Jahrgangs kamen nicht aus Krieg und Gefangenschaft zurück. Was dem Regime das Leben eines Soldaten wert war, illustriert ein Hitler-Zitat, das perfiderweise auf den Feldpostkarten abgedruckt war: “Es ist gänzlich unwichtig, ob wir leben, aber notwendig ist, daß unser Volk lebt, daß Deutschland lebt.”

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Sein Wehrdienst sollte länger dauern. Ganze zehn Jahre war er Soldat gewesen, als er im Sommer 1948, abgemagert und traumatisiert, vor der Tür meiner Mutter stand, die ihn für tot gehalten hatte. Schon der Krieg war ihm als eine Art Hölle erschienen, doch die danach folgenden drei Jahre Kriegsgefangenschaft in Sibirien, waren wohl schlimmer. Wie die meisten Männer redete er nie über seine Erfahrungen. Er starb mit Anfang 60 an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft.

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Anfang der 1950er Jahre

M.K.

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Eddie Two Hawks

Nature does not hurry, yet everything is accomplished

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

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In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

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