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Familienportrait Teil 4 – “Die Kletterweste” – Jugend im Faschismus / 1933-39

Image   (BDM-Mitglied mit Kletterweste bei einer Propaganda-Veranstaltung)

Am 30. Januar 1933 übernehmen die Nazis mit ihren Verbündeten die Macht in Deutschland. Ein kleiner Österreicher mit einem lächerlichen Schnurrbart wird Kanzler und bildet eine Regierung. 44% der Deutschen bestätigen die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933. Zusammen mit ihren Partnern hat die NSDAP eine absolute Mehrheit. Mit legalen und illegalen Mitteln festigen sie ihre Macht um, wie sie erklären, ein 1000jähriges Reich zu errichten. Käte, meine Mutter, ist eben zehn geworden.

Käte ist politisch interessiert, liest die Morgenzeitung und sieht durchaus Gutes im “Dritten Reich”. Die Arbeitslosen werden weniger, scheinbare “Verbrecher” werden verhaftet, sogar gegen die Prügelstrafe in der Schule sprechen sich die braunen Machthaber aus. Für ein naives kleines Mädchen wirkt das durchaus positiv. Als die Lehrerin eine Schülerin ohrfeigt, steht Käte auf und protestiert. Die Aktion endet beim Rektor, zähneknirschend gibt man ihr Recht.

Bald treten viele Mädchen in den Bund Deutscher Mädel ein. Noch ist es nicht Pflicht, aber Käte würde auch gern mit tun. Oma ist natürlich dagegen, sie hat nicht umsonst 1918 die rote Fahne durch Berlin getragen, sie klärt Käte über die wahren Absichten der Nazis auf. Das Kind ist beeindruckt, aber trotzdem möchte sie eine braune Kletterweste haben, wie sie die BDM-Mitschülerinnen tragen. Das Kleidungsstück übte wohl ähnliche Anziehungskraft aus, wie manche Markenkleidung auf die heutige Jugend.

Nicht alle BDM-Erfahrenen erinnern sich positiv an die knapp taillenlange Jacke. Sie hatte den Nachteil, sich am Oberkörper hochzuziehen, man scherzt, eben deshalb hieße sie “Kletterweste”. “Affenhaut” wird sie auch genannt. Aber der alterstypische Neid ist ausgeprägt, vor allem will sich Käte nicht ausgeschlossen fühlen.

Das Weihnachtsfest kommt, meine spätere Mutter hofft noch immer auf das von ihr begehrte Kleidungsstück. Unter dem Christbaum liegt dann tatsächlich eine Kletterweste, eine marine-blaue. Käte ist sauer, Oma hat sich durchgesetzt.

1936 finden Olympische Spiele in Berlin statt. Noch einmal wird die Stadt zu einer quirligen Metropole, bevor der braune Mief sich endgültig wie ein Schleier über Berlin legt. Käte ist begeistert, zum einen von den Sportlern aus aller Welt, dem Trubel Unter den Linden und zum anderen von der leckeren Coca-Cola, die sie zum ersten und für viele Jahre letzten Mal genießt.

Image Olympia 1936, Käte mit dunkler Jacke schaut den Fotografen an.

Jesse Owens, der dunkelhäutige Athlet, der mit vier Goldmedaillen der erfolgreichste Sportler wird, beeindruckt sie nachhaltig. Sie registriert, dass Hitler dem “Neger” den Handschlag verwehrt. Oma erklärt ihr den Rassismus, der dahinter steckt. Käte ist 13.

Am 1. Dezember 1936 wird die BDM-Mitgliedschaft Pflicht. Käte wird mit Vorbereitung eines “Kulturabends” betraut. Meine Mutter rezitiert Hölderlin und Goethe, die Scharführerin ist entsetzt, danach braucht Käte keine Aufgaben mehr in der weiblichen Ausgabe der Hitlerjugend zu übernehmen. Zur Mitläuferin gezwungen, erlebt sie die “Heimabende” als krampfhaft und langweilig.

Image  Dorotheen-Oberlyzeum, Käte mit zwei Freundinnen, 1937.

Am Dorotheen-Oberlyzeum empfindet sie das Klima als zunehmend unangenehm, politische Stellungnahme im Sinne des Nazi-Regimes ist gefragt. Meine Mutter möchte unbedingt Abitur machen, auch wenn sie weiß, dass ein Studium außerhalb der finanziellen Möglichkeiten ihrer Familie ist. Das Einkommen eines BVG-Schaffners reicht gerade fürs Nötigste, vielleicht würde Onkel Paul, der sie sehr gern mag, ihre Ausbildung unterstützen. Aber Oma Elisabeth, resolut wie sie war, bereitet diesen Träumen ein Ende. Mit Beginn der Sommerferien 1938 ist für meine Mutter die Schulzeit vorbei. Omas Entscheidung war erstmal schmerzhaft für Käte, aber Elisabeth kalkuliert richtig, es wird für eine junge Berufstätige leichter sein, unter dem Radar des Regimes zu fliegen, als für eine Abiturientin und Studentin.

Von nun an wird Käthe auf das h in ihrem Vornamen verzichten, Käte findet sie moderner, einfach sachlicher. Sachlich ist ein Schlüsselwort für junge Frauen, die sich in der Arbeitswelt durchsetzen wollen, schon seit den 20er Jahren. Romantik, oder gar Liebe, spielt in ihrem Leben keine Rolle, dass wäre ja auch sehr unsachlich.

Image Im Sommer 1938,  wandern mit Onkel Paul und Tante Lotte.

Sie hat keine Ahnung, was sie aus ihrem Leben machen soll. Sie ist fast verzweifelt, sie glaubt nirgendwo gebraucht zu werden. Fast jeder junge Mensch hat wohl eine solche Phase. Bei mir hat sie fast zehn Jahre gedauert, was heute bei der Generation “Praktikum” auch zunehmend die Regel wird.

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Image   “Arbeitsbuch” in Nazi-Deutschland.

Bei Käte sind es ein paar Monate der Unsicherheit, dann bekommt sie ihr “Arbeitsbuch” und das Arbeitsamt schickt sie zur Wirtschaftsgruppe Glasindustrie. Das Arbeitsbuch war ein Mittel, die freie Berufswahl grundsätzlich einzuschränken, nach 1935 zudem ein Instrument der wirtschaftlichen Mobilmachung.

Man stellt Käte als Bürogehilfin ein. Sie hat einen Platz im Leben gefunden, sie verdient Geld, kann ihre Eltern unterstützen. Eine Zeitlang ist sie sehr zufrieden, fast glücklich. Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Der Krieg wird Kätes persönliche Welt nachhaltig und unwiderruflich erschüttern. Doch sie wird auch die Liebe ihres Lebens kennenlernen in diesen furchtbaren Jahren.

M.K.

– wird fortgesetzt –

Im nächsten Teil der Familien-Saga beginnt die “Liebe in Zeiten des Krieges”. Sechs Jahre wird es dauern, bis die Liebenden zueinander finden.

Familienportrait – “Pièce de résistance” / Die Legende von Xanadu Kapitel Neun / 1973 / von Marcus Kluge

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Gegen 23 Uhr hält der weiße Rolls-Royce vor der noch von Kriegsschäden gezeichneten Villa in der Fasanenstraße. Der Chauffeur springt eilfertig aus dem Wagen und hält der Dame, die der Kühle der Nacht mit einem Pelzjäckchen trotzt, den Schlag auf, salutiert und flüstert: “Hals- und Beinbruch, Schuhchen.” Die Gräfin klingelt, näselt ihren Namen in die Sprechanlage und drückt die Tür auf als es summt.
Puvogel verbeugt sich tief und gibt der Gräfin einen Handkuss, dabei bemerkt er einen auffälligen Ring mit einem Skarabäus an ihrem Zeigefinger, den sie über ihren weißen Glacé-Handschuhen trägt. Der sonstige Schmuck der Dame ist hoffentlich wertvoller, den dieser Ring ist Tinnef. Elzbieta von Rogacki lässt sich ihr Jäckchen abnehmen, aber ihre Fendi-Handtasche hält sie unter dem Arm fest, auch die Handschuhe behält sie an. Der Kunsthändler geleitet sie zu einem Barcelona-Sessel und bietet ihr eine Erfrischung an.
“Sähr gern, eine Ärrfrischung. Sie haben zufällig einen Scotch, lieber Härr Puvogel?”

Der Kunsthändler füllt zwei Whisky-Tumbler mit Chivas Regal und stellt diese auf den Glastisch vor die Gräfin.
“Chivas Regal, mein Liebes-Getränk, sie haben auch Eis, liebär Puvogel?” Sie übertreibt es etwas mit dem Akzent, das Schauspielern macht ihr Spaß, sie muss sich zusammenreißen, konzentrieren. Sofort als Puvogel den Raum verlässt, holt sie ein Fläschchen aus der Fendi-Tasche und gibt zehn Tropfen daraus in eines der Gläser. “Brutsomnol” hat ihr Freund in seiner Arzttasche gehabt, K.O.-Tropfen der zweiten Generation. Früher nahm man Barbitursäure für derartige Anschläge, aber das wirkte nur langsam und die Gefahr von tödlichen Überdosen war groß. Das konnte bei Brutsomnol nicht passieren. Etwas beängstigend findet sie es allerdings schon, dass ihr Freund “zufällig” etwas so gefährliches wie dieses Mittel bei sich trägt. Als der Kunsthändler mit den Eis zurückkommt, steht die Gräfin und bewundert die Grafiken an der Wand. Puvogel gibt ihr Eis, dann trinken sie. Die Beardsley-Drucke sind uninteressant, aber daneben entdeckt sie Ausgefalleneres. Sie muss Puvogel noch ein paar Minuten aufhalten, bis die Tropfen wirken: “Das ist ja Austin Osman Spare dieser Druck. Särr exklusiv Herr Puvogel. Ist echte Signatur?” Susanna kommt in ihrer Rolle als Gräfin zugute, dass sie vier Semester Kunstgeschichte in Krakau studiert hat.
“Ja, 100 % echt. Aus einem Nachlass. Sie kennen sich aber gut aus, Gräfin.”
“Nu ja, ich sammle selbst ein wänig.”

Der Galerist merkt eine gewisse Müdigkeit in seinen Beinen, er setzt sich und nur wenige Augenblicke später ist er eingeschlafen. Sie klappst ihm ein paarmal auf die Wange, um zu prüfen ob er wirklich tief schläft. Als Puvogel darauf nicht reagiert, beginnt sie seine Taschen zu durchsuchen. Sie findet das Schlüsselbund mit der Marke von Scotland Yard als Schlüsselanhänger, das werden sie brauchen. Nun noch die Karte, in seiner Brieftasche wird sie fündig. Dort ist die alte Spielkarte, ein Herz-König und auf ihr stehen die Zahlen, die sie brauchen. Sie hat ihre Rolle nun fertig gespielt, sie ist stolz auf sich. Auch der falsche “Doktor” in seiner geliehenen Livrée lobt sie, während sie in die Uhlandstraße fahren, um den Rolls-Royce zurückzugeben, der eigentlich Rolf Eden gehört. Sie konnten ihn ausleihen, weil ein Kunde von “Doktor” in der Garage neben der S-Bahn arbeitet, wo er untergestellt wird, wenn Eden ihn nicht braucht. Zeit zum feiern haben sie noch nicht, denn der “Doktor” muss mit Beaky den letzten Teil ihres Plans ausführen, bevor Puvogel wieder erwacht und merkt, dass er über den Tisch gezogen wurde. Aber danach werden sie ihren Coup begießen.

20 Minuten später könnte ein aufmerksamer Beobachter in der Schlüterstraße zwei Gestalten sehen, die mit einem großem Koffer die Galerie Puvogel betreten. “Wo ist denn der Sparstrumpf vom Herren von und zu?”
Beaky, der seine langen Haare zusammengebunden hat und unter einem Käppi versteckt antwortet: “Der Safe ist in seinem Blaubartkabinett, hinten.”
Sie finden die Tür verschlossen, aber sie haben ja Puvogels Schlüsselbund, das Susanna in ihrer Verkörperung der Gräfin Rogacki gestohlen hat, damit verschaffen sie sich Einlass. Der kleine Raum ist nur mit einem bequemen Sessel, einem Biedermeiertischchen und einem Bücherregal ausgestattet. An der Wand hängen unzählige Fotos, die fast alle Männer, mit Stricken, Schlipsen oder Schals um den Hals, zeigen. Manche sind nackt und erregt, wobei sie gewürgt werden. Andere sind gänzlich angekleidet und tragen die Würgewerkzeuge als harmlose Accessoires. Auf dem Tisch verstreut liegen schwarz-weiß Abzüge und Beaky wird es siedendheiss, als er bemerkt, dass die Bilder ihn selbst zeigen. Er liegt entkleidet auf Puvogels Chaiselongue, man sieht die Hände seines Chefs, wie sie ihn mit dem Hermes-Tuch würgen, das der Kunstfreund an diesem Abend trug.

Während Beaky kein Wort herausbringt, murmelt sein Freund, der “Doktor”: “Geschieht ihm recht, dem perversen Motherfucker, dass wir ihm seinen Notgroschen und sein pièce de résistance* klauen.”
Beaky wühlt immer noch ungläubig in den Fotos, im Gegensatz zum “Doktor” trägt er keine Handschuhe. Sein Freund legt eine Hand auf Beakys Schulter: “Reiß dich los und verrat mir wo der Tresor ist.”
Beaky schiebt den Lehnstuhl mit der hohen Lehne zur Seite, dahinter hängt ein gerahmtes Filmplakat von “Der Würgeengel”, den Luis Bunuel 1962 in Mexiko drehte. Beaky hängt das Bild ab, dahinter befindet sich der Safe. Puvogel hat Beaky leichtsinnigerweise erzählt, dass er hier für Notfälle Bargeld deponiert hat. Er hat Beaky sogar die alte Spielkarte gezeigt, auf der die Kombination steht. Offensichtlich hat Puvogel Beaky keine kriminelle Energie zugetraut. Er hat sich geirrt. “Doktor” öffnet nun den kleinen Geldschrank, ihn ihm liegen Papiere, ein Schmuckkästchen und eine Umschlag, auf dem “Reptilienfonds” steht. Der falsche Mediziner öffnet das Kuvert und hält nun 10 mal 10 Hundert-Mark-Scheine und einige Pässe und Ausweise in der Hand. Die Ausweispapiere legt er zurück, den Umschlag mit den Geldscheinen steckt er ein.
Nun folgt der letzte Akt des Plans, der sperrige Koffer kommt zum Einsatz. Der Koffer hat am meisten Mühe gemacht, es hat eine Weile gedauert, bis sie bei den Trödlern einen gefunden haben, der groß genug ist, immerhin ist das Bild fast einen Meter breit. Hoffentlich hat Beaky sich beim Ausmessen nicht geirrt, ein oder zwei Zentimeter könnten schon einen Strich durch ihre Rechnung machen. Der Doc nimmt die Kopie der “Einschiffung von Kythera” von der Staffelei und sie verstauen Puvogels pièce de résistance im Koffer, es passt genau. Sie verlassen den Laden, schließen ab und wenige Augenblicke später sind sie in der Dunkelheit der Kudamm-Nebenstraße verschwunden.

Susanna, der es einen Riesenspaß gemacht hat, die Rolle der Gräfin von Rogacki zu spielen, hat eine Flasche echten Champagner gekauft um ihren Erfolg zu feiern. Der “Doktor” stellt das Gemälde auf einen Stuhl und die drei Freunde stoßen an. Beaky trinkt zum ersten Mal das edle Prickelwasser, aber der trockene Veuve Cliquot kommt ihm sauer vor. Das tut seiner guten Laune keinen Abbruch, Puvogels perverse Fotos von ihm haben ihn zwar geschockt, aber nun weiß er wenigstens was genau passiert ist und außerdem hat er sich gerächt. Und Rache soll ja süß sein. Die drei stellen sich Puvogels Gesicht vor, wenn er entdeckt, dass sein Lieblingsstück fehlt und auch sein Notgroschen über Nacht verschwunden ist.

Auch der Doc hat eine Überraschung, die er nun auf den Tisch stellt, ein kleines Fläschchen medizinisches Kokain. An dem weißen Kreuz auf rotem Grund erkennt man, dass es aus der Schweiz stammt. Der Doktor gibt mit seinem Wissen an: ” Die Schweizer sind die einzigen in Europa, die Kokablätter zu medizinischen Zwecken importieren dürfen. Das hier ist von Sandoz. In den USA ist übrigens Coca-Cola die Firma, die Koka verarbeiten darf. Wo wohl das ganze Koks landet? In der Brause ist ja seit 70 Jahren nicht mehr.” Beaky musste immer wieder über das Wissen des falschen Doktors staunen. Als ob der irgendwo ein Elektronengehirn hätte, mit dem er das gesamte Weltwissen abrufen könnte. Doktor formt mit Hilfe einer Rasierklinge auf einem kleinen Spiegel sechs lange, schmale Linien und Beaky prüft das Wissen seines Freundes, indem er fragt, wieso Koks in Linien von einem Spiegel genommen wird. Das lässt sich der Doc nicht zweimal fragen, er beginnt zu dozieren: “Hast du schon mal was von Narziss gehört, sein Alter war ein Flussgott, seine Mutter eine Nymphe und dieser Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild. Kokser sind selbstverliebte Narzissten, sie wollen sich im Spiegel sehen, wenn sie teure lange Linien sniefen. Koks ist Luxus, ein Prestige-Objekt, man gibt gern damit an, wie mit einem Sportwagen. Man kann es sich leisten und man hat die Beziehungen, es zu bekommen. Außerdem ist Koks der perfekte Genuss, man wird euphorisch, aber es befriedigt nicht wie Heroin. Bei Koks kann man fast immer noch eine Line nachlegen, wenn man das bei Heroin täte, wäre man spätestens nach der dritten Runde tot. Heroin nimmt man in kleinen Häufchen, es ist für den User eine Notwendigkeit und es befriedigt sein Verlangen”, hier machte er eine kunstvolle Pause: “Es sei denn der Stoff ist Scheiße.”
Nun steht der Doc auf, er sucht in einer Schublade und kommt dann mit einem schmalen Lederfutteral zurück. Er öffnet es und nestelt aus dem bordeaux-roten Samtfutter ein silbernes Röhrchen, etwa acht Zentmeter lang, und reicht es Susanna. Die zieht jeweils eine Linie in jedes Nasenloch, wobei sie das untätige Nasenloch zuhält, anschließend nimmt sie mit der Beere ihres Zeigefingers die restlichen Krümel auf und verreibt diese auf ihren Schneidezähnen. Nun absolviert der Doc dieselbe Prozedur und reicht den Spiegel mit zwei übriggebliebenen Portionen Beaky.
Beaky hat noch nie Kokain genommen, er ist neugierig, schließlich ist es medizinisch rein, obwohl er mit den Drogen kürzer treten will, kann er der Versuchung nicht widerstehen. Aber er begnügt sich mit einer Linie, zieht sie hoch und bevor der Doc in stoppen kann, legt er das Röhrchen auf den Spiegel, doch da ist es schon über die letzte Portion gerollt und hat das Pulver auf der Tischplatte verteilt. Der Doc grinst und sagt: “Typischer Anfängerfehler. Merke: nie das Röhrchen auf den Spiegel legen.”
Innerhalb kurzer Zeit merkt Beaky wie ihn eine Welle von positiven Gefühlen überschwemmt. Mehrere wichtige, schöne Ideen formen sich in seinem Kopf und er weiß garnicht, welche er davon zuerst aussprechen soll. Schließlich entscheidet er sich für: ” Ich bin riesig froh, dass der Plan so gut geklappt hat, es ist toll euch als Freunde zu haben. Danke das ihr mir geholfen habt, ich würde euch am liebsten umarmen.”
Beaky ist ziemlich begeistert von dem Stoff. Zwei Lines zieht er noch, doch dann gibt ihm sein Freund nichts mehr von dem teuren Schweizer Produkt. Im Gegenteil der ungewöhnlich gesprächige Doktor gibt ihm sogar eine Art Warnung mit auf seinen Heimweg:
“Gewöhn dich nicht dran, Beaky. Koks ist nicht der richtige Stoff für dich, du bist von Natur aus nervös und aufgeregt. Koks ist für Leute die leer oder sehr müde sind. Du brauchst etwas das beruhigt und dir ein warmes, zufriedenes Gefühl gibt, wie die Milch an der Brust der Mutter den Säugling stillt. Die Mutter aller Drogen, der Schlafmohn, ist deine Droge. Opium kommt von griechisch ‘opion’, der kleine Saft. Die Muttermilch für Erwachsene, denen etwas Grundlegendes fehlt.”
Als Beaky mit dem großen Koffer die Treppe hinuntersteigt ist er immer noch euphorisch, aber auch etwas nachdenklich. Er hält ein Taxi an, der Fahrer verstaut den Koffer mit dem Gemälde im Kofferraum. Damit der Fahrer ihn nicht wegen der kurzen Fahrt anblafft, hat er ihm gleich einen Zehner in die Hand gedrückt und “Zum Bundesplatz, neben dem Kino” gemurmelt. Im Autoradio läuft Joe Cockers “With a Little Help from My Friends”.

What do I do when my love is away?
(Does it worry you to be alone?)
How do I feel by the end of the day?
(Are you sad because you’re on your own?)

No, I get by with a little help from my friends
Mm, get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends

Ja, er ist dankbar für ihre Hilfe und es scheint ihm auch ein Omen zu sein, dass sie ihm bei der Verwirklichung seines Plans geholfen haben, ein Omen dafür, dass Hanna ihn zurücknehmen wird. Er kann sich kaum vorstellen, wie sie ihn abweisen sollte, wo er doch das Heroin für sie aufgegeben hat und ihr Geschenke mitbringt.
Daheim nimmt er sich das Bändchen mit den Coleridge Gedichten, macht es sich in seinem Bett gemütlich und lässt sich in die Traumwelt des romantischen Dichters fallen. Es ist schon hell draußen, als er mit dem Buch auf der Brust einschläft.

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Das Erwachen am nächsten Morgen ist unangenehm. In wenigen Augenblicken ist die Euphorie, die noch im Traum nachgewirkt hat, vergangen und das Ungewisse, Gefährliche seiner Situation wird im schlagartig bewusst. Er hat einen Einbruch begangen, viel Geld und ein Bild gestohlen, ein Mensch ist nach seinem Plan betäubt worden und Hannas Reaktion kann er, nüchtern betrachtet, überhaupt nicht einschätzen. Jetzt kommen auch die Fotos wieder in sein Gedächtnis, er wird nochmal rot, als er an die perversen schwarz-weiß-Abzüge denkt. Puvogel hat ihn richtiggehend missbraucht, wie konnte ihm das nur passieren, hätte er nicht gewarnt sein müssen. Sicher, er gab all diese merkwürdigen Stories über seinen Chef, aber die hat er nicht ernstgenommen. Wie ist er eigentlich an Puvogel geraten? Ihm fällt ein, dass sein Vater ihm den Tipp gegeben hat, sich bei dem Galeristen zu bewerben. Puvogel wäre ein Geschäftsfreund seines Vaters. Doch welche Geschäfte sollten das sein? Merkwürdig, er nimmt sich vor seine Mutter dazu zu befragen. Um sich abzulenken und den letzten Akt seines Planes einzuläuten, ruft er Hanna an.

Überraschend schnell hat Hanna eingewilligt ihn zu treffen, noch am selben Tag, wenn sie mit ihrer Schicht im Café Bleibtreu fertig ist, soll er sie besuchen. Er hat Schwierigkeiten den Tag herumzubringen, er scheint sich endlos zu dehnen. Er versucht zu lesen, doch er schafft es nicht sich zu konzentrieren. Er würde gern einen Joint rauchen, um die Langeweile zu vertreiben, aber es scheint ihm eine unpassende Idee zu sein. Für das Gespräch mit Hanna sollte er so nüchtern wie möglich sein. Ihm fällt auf, es ist oft ein Anlass für ihn etwas zu konsumieren, wenn er nicht weiß was er mit sich anzufangen soll. Das muss sich ändern, aber wie? Am frühen Nachmittag fällt ihm ein, in die Bibliothek zu gehen, er will dort einiges nachschlagen. In der Bücherei in der Brandenburgischen Straße staunen sie über seinen großen Koffer. Langsam fällt ihm das Ding auf die Nerven, aber heute abend würde er es ja los, wenn er Hanna das Bild schenkte.

Er ist zu früh vor Hannas Haus in der Düsseldorfer Straße, mit dem riesigen Koffer steht er da, wie bestellt und nicht abgeholt. Als Hanna kommt, kann sie ein Grinsen nicht unterdrücken: ” Willst du verreisen, Beaky?”
“Ne, das ist ‘ne Überraschung für dich.”
“Oh toll, ich liebe Überraschungen.”
Sie sitzen unter dem Atelierfenster, der Himmel wird von einem Sonnenuntergang blutrot gefärbt. Hanna hat Pfefferminztee gekocht und ein paar Kerzen angezündet.
“Was ist denn nun in dem Überseekoffer, Beaky?”
Er will mit einer großen Geste seiner Ex-Freundin das Gemälde aus dem Koffer holen und präsentieren, aber das Stück leistet Widerstand und kippt mit der Bildseite nach unten.
Hanna staunt: ” Ein Gemälde?”
Indem er das Bild aufrichtet, betet er das Verslein herunter, das er sich zurechtgelegt hat: “Zum Zeichen meiner Liebe schenke ich dir die Einschiffung nach Kythera, die hat dir doch so gut gefallen und nun gehört sie dir.”
Hanna schüttelt ihren Kopf, weniger als eine Geste der Ablehnung, es ist eher ein Zeichen, dass sie nicht wirklich versteht, was er meint. Beaky der spürt, das sein Ansinnen dabei ist zu scheitern, schickt eilig hinterher: “Und das ist nicht das Einzige. Ich will dich auch zu einer Reise nach Xanadu einladen, ich hab das Geld schon. Außerdem bin ich clean, ich habe das Heroin aufgegeben, für dich, also für uns…”
Jetzt hat er sich verheddert, er wird rot und hat einen Riesenkloß im Hals. Er setzt sich wieder. Hanna wird so langsam klar, das hier ein Missverständnis von nicht geringer Größe vorliegt und sie beginnt Maßnahmen zur Begrenzung des Schadens zu ergreifen: “ich glaube es ist Zeit für einen guten Schnaps”.
Aus ihrer Pantryküche holt sie zwei Cognac-Schwenker und eine Flasche alten Brandy aus dem Hochschrank, den sie von ihrer Ibiza-Reise mitgebracht hat.
Nachdem sie angestoßen haben beginnt Hanna die Situation aufzuklären:
“Als du heute anriefst dachte ich, unsere Trennung wäre klar zwischen uns, doch ich merke, dass du es anders siehst. Also, wir hatten ein paar schöne Wochen, aber als ich begriff, dass du mich die ganze Zeit angelogen hast und heimlich Heroin genommen hast, hat das die Sache für mich entwertet. Du bist ein lieber Kerl, aber es gibt kein richtiges Leben im falschen, hat Adorno glaube ich gesagt, verstehst du was ich meine?”
Beaky machte seine kindliche Schnute und nickte langsam mit dem Kopf.
“Es hört sich für mich auch schräg an, wenn du meinst, du hättest die Droge für mich aufgegeben. Mensch Beaky, das solltest du für dich tun, nicht für jemand anderes. Erstmal musst du dich selbst lieben, bevor du jemand anderen lieben kannst.”

Sie trinkt einen Schluck von dem alten Brandy, Beaky hat es immer noch die Sprache verschlagen, er tut ihr Leid, trotzdem fügt sie an:
“Und die ganze Sache mit dem Bild, dem Geld, der Reise, also ich gehe mal davon aus, das du das nicht ehrlich erworben hast, oder?”
Beaky schüttelt den gesenkten Kopf, er traut sich nicht ihr in die Augen zu sehen.
“Mensch, Junge, du kennst mich doch. Du müsstest doch wissen, ich stehe nicht auf kriminelle Sachen. Du bist auf Bewährung, sag mal, möchtest du wieder in den Knast? Ich nehme an, es muss da drin ziemlich übel für dich gewesen sein, auch wenn du nicht darüber gesprochen hast. Das ist doch bescheuert.” Sie merkt, er ist kurz davor zusammenzubrechen, also stoppt sie hier, aber die Predigt konnte sie ihm, in seinem Interesse, nicht ersparen.
Die ganze Situation ist ihm einfach nur noch peinlich, jetzt versteht er nicht mehr, was er sich gedacht hat. Er ist so dumm gewesen. Er will so schnell wie möglich raus aus dieser Situation, er verabschiedet sich von der verduzten Hanna und rennt mit dem schweren Koffer, der jetzt nur noch ein überflüssiger Ballast ist, die Treppe runter. Auf der Straße hält er das nächste Taxi an, wieder gibt er dem Chauffeur einen Geldschein, der Koffer passt nicht in den Kofferraum des Citroen DS. Also muss Beaky vorn sitzen und das pièce de résistance nimmt die Rückbank ein.
Im seinem Zimmer legt er “Beggars Banquet” auf, eines seiner Lieblings-Stones-Alben. Wieso könnte er nicht sagen. Mit Kopfhörern, um seine Mutter nicht zu stören, legt er sich ins Bett. Bei der dritten Nummer, “Dear Doctor”, hat er sich halbwegs beruhigt und er hört auf auf den Text:

Oh help me, please doctor I’m a damaged
There’s a pain where there once was a heart
It’s sleepin, its a beatin’
Can’t ya please tear it out, and preserve it
Right there in that jar?

Auf welchen Doktor soll er seine Hoffnungen setzen? Auf seinen Freund, den falschen Doktor? Eher nicht, denn der hat ihn ja erst in diesen Schlamassel gebracht, ohne dessen Unterstützung hätte er seinen blöden Plan garnicht umsetzen können. Nein, der andere Doktor, der richtige, Professor Philippus wird ihm helfen. Beaky kann sich nicht erinnern, dass er sich schon einmal so ängstlich und verloren gefühlt hat, als ob er in einen alles vernichtenden Strudel gezogen würde. Mit solchen Gedanken schläft er ein und träumt wirres Zeug.

– wird fortgesetzt –

*Als pièce de résistance (/pjɛs də re zi stɑ̃s/, französisch, eigentlich „Stück, das Widerstand leistet“ im Sinne von feste, schwere Speise) wird in der klassischen Menüfolge das Hauptgericht bezeichnet, üblicherweise ein Stück Fleisch wie Braten oder auch Geflügel. Eine andere Bezeichnung ist grosse pièce.
Im übertragenen Sinne wird pièce de résistance auch im Sinne von „Kern, Herzstück, Hauptsache“ oder für eine herausragende Leistung (vergleichbar dem „Meisterstück“ oder „Aushängeschild“) gebraucht; daneben verzeichnet Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1911 auch eine abwertende Konnotation.Eine Sache die zu mächtig ist, zu groß um sie zu schlucken, und die daher liegenbleibt.

Die Illustrationen hat Rainer Jacob gezeichnet.

“Dear Doctor”:
http://en.wikipedia.org/wiki/Dear_Doctor_%28song%29

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

Familienportrait – “Pièce de résistance” / Die Legende von Xanadu Kapitel Neun / 1973 / von Marcus Kluge

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Gegen 23 Uhr hält der weiße Rolls-Royce vor der noch von Kriegsschäden gezeichneten Villa in der Fasanenstraße. Der Chauffeur springt eilfertig aus dem Wagen und hält der Dame, die der Kühle der Nacht mit einem Pelzjäckchen trotzt, den Schlag auf, salutiert und flüstert: “Hals- und Beinbruch, Schuhchen.” Die Gräfin klingelt, näselt ihren Namen in die Sprechanlage und drückt die Tür auf als es summt.
Puvogel verbeugt sich tief und gibt der Gräfin einen Handkuss, dabei bemerkt er einen auffälligen Ring mit einem Skarabäus an ihrem Zeigefinger, den sie über ihren weißen Glacé-Handschuhen trägt. Der sonstige Schmuck der Dame ist hoffentlich wertvoller, den dieser Ring ist Tinnef. Elzbieta von Rogacki läßt sich ihr Jäckchen abnehmen, aber ihre Fendi-Handtasche hält sie unter dem Arm fest, auch die Handschuhe behält sie an. Der Kunsthändler geleitet sie zu einem Barcelona-Sessel und bietet ihr eine Erfrischung an.
“Sähr gern, eine Ärrfrischung. Sie haben zufällig einen Scotch, lieber Härr Puvogel?”

Der Kunsthändler füllt zwei Whisky-Tumbler mit Chivas Regal und stellt diese auf den Glastisch vor die Gräfin.
“Chivas Regal, mein Liebes-Getränk, sie haben auch Eis, liebär Puvogel?” Sie übertreibt es etwas mit dem Akzent, das Schauspielern macht ihr Spaß, sie muss sich zusammenreißen, konzentrieren. Sofort als Puvogel den Raum verlässt, holt sie ein Fläschchen aus der Fendi-Tasche und gibt zehn Tropfen daraus in eines der Gläser. “Brutsomnol” hat ihr Freund in seiner Arzttasche gehabt, K.O.-Tropfen der zweiten Generation. Früher nahm man Barbitursäure für derartige Anschläge, aber das wirkte nur langsam und die Gefahr von tödlichen Überdosen war groß. Das konnte bei Brutsomnol nicht passieren. Etwas beängstigend findet sie es allerdings schon, dass ihr Freund “zufällig” etwas so gefährliches wie dieses Mittel bei sich trägt. Als der Kunsthändler mit den Eis zurückkommt, steht die Gräfin und bewundert die Grafiken an der Wand. Puvogel gibt ihr Eis, dann trinken sie. Die Beardsley-Drucke sind uninteressant, aber daneben entdeckt sie Ausgefalleneres. Sie muss Puvogel noch ein paar Minuten aufhalten, bis die Tropfen wirken: “Das ist ja Austin Osman Spare dieser Druck. Särr exklusiv Herr Puvogel. Ist echte Signatur?” Susanna kommt in ihrer Rolle als Gräfin zugute, dass sie vier Semester Kunstgeschichte in Krakau studiert hat.
“Ja, 100 % echt. Aus einem Nachlass. Sie kennen sich aber gut aus, Gräfin.”
“Nu ja, ich sammle selbst ein wänig.”

Der Galerist merkt eine gewisse Müdigkeit in seinen Beinen, er setzt sich und nur wenige Augenblicke später ist er eingeschlafen. Erst klappst sie ihm ein paarmal auf die Wange, um zu prüfen ob er wirklich tief schläft. Als Puvogel darauf nicht reagiert beginnt sie seine Taschen zu durchsuchen. Sie findet das Schlüsselbund mit der Marke von Scotland Yard als Schlüsselanhänger, das werden sie brauchen. Nun noch die Karte, in seiner Brieftasche wird sie fündig. Dort ist die alte Spielkarte, ein Herz-König und auf ihr die Zahlen, die sie brauchen. Sie hat ihre Rolle nun fertig gespielt, sie ist stolz auf sich. Auch der falsche Doktor in seiner Livrée lobt sie, während sie in die Uhlandstraße fahren, um den Rolls-Royce zurückzugeben, der eigentlich Rolf Eden gehört. Sie konnten ihn ausleihen, weil ein Kunde von “Doktor” in der Garage neben der S-Bahn arbeitet, wo er untergestellt wird, wenn Eden ihn nicht braucht. Zeit zum feiern haben sie noch nicht, denn der “Doktor” muss mit Beaky den letzten Teil ihres Plans ausführen, bevor Puvogel wieder erwacht und merkt, dass er über den Tisch gezogen wurde. Aber danach werden sie ihren Coup begießen.

20 Minuten später könnte ein aufmerksamer Beobachter in der Schlüterstraße zwei Gestalten sehen, die mit einem großem Koffer die Galerie Puvogel betreten. “Wo ist denn der Sparstrumpf vom Herren von und zu?”
Beaky, der seine langen Haare zusammengebunden hat und unter einem Käppi versteckt antwortet: “Der Safe ist in seinem Blaubartkabinett, hinten.”
Sie finden die Tür verschlossen, aber sie haben ja Puvogels Schlüsselbund, das Susanna in ihrer Verkörperung der Gräfin Rogacki gestohlen hat, damit verschaffen sie sich Einlass. Der kleine Raum ist nur mit einem bequemen Sessel, einem Biedermeiertischchen und einem Bücherregal ausgestattet. An der Wand hängen unzählige Fotos, die fast alle Männer mit Stricken, Schlipsen oder Schals um den Hals zeigen. Manche sind nackt und erregt, wobei sie gewürgt werden. Andere sind gänzlich angekleidet und tragen die Würgewerkzeuge als harmlose Accessoires. Auf dem Tisch verstreut liegen schwarz-weiß Abzüge und Beaky wird es siedendheiss, als er bemerkt, dass die Bilder ihn selbst zeigen. Er liegt entkleidet auf Puvogels Chaiselongue, man sieht die Hände seines Chefs, wie sie ihn mit dem Hermes-Tuch würgen, das der Kunstfreund an diesem Abend trug.

Während Beaky kein Wort herausbringt, murmelt sein Freund, der falsche Doktor: “Geschieht ihm recht, dem perversen Motherfucker, dass wir ihm seinen Notgroschen und sein pièce de résistance* klauen.”
Beaky wühlt immer noch ungläubig in den Fotos, im Gegensatz zum “Doktor” trägt er keine Handschuhe. Sein Freund legt eine Hand auf Beakys Schulter: “Reiß dich los und verrat mir wo der Tresor ist.”
Beaky schiebt den Lehnstuhl mit der hohen Lehne zur Seite, dahinter hängt ein gerahmtes Filmplakat von “Der Würgeengel”, den Luis Bunuel 1962 in Mexiko drehte. Beaky hängt das Bild ab, dahinter befindet sich der Safe. Puvogel hat Beaky leichtsinnigerweise erzählt, dass er hier für Notfälle Bargeld deponiert hat. Er hat Beaky sogar die alte Spielkarte gezeigt auf der die Kombination steht. Offensichtlich hat Puvogel Beaky keine große kriminelle Energie zugetraut. Doktor öffnet nun den kleinen Geldschrank, ihn ihm liegen Papiere, ein Schmuckkästchen und eine Umschlag, auf dem “Reptilienfonds” steht. Der falsche Mediziner öffnet das Kuvert und hält nun 10 mal 10 Hundert-Mark-Scheine und einige Pässe und Ausweise in der Hand. Die Ausweispapiere legt er zurück, den Umschlag mit den Geldscheinen steckt er ein.
Nun folgt der letzte Akt des Plans, der sperrige Koffer kommt zum Einsatz. Der Koffer hat am meisten Mühe gemacht, es hat eine Weile gedauert, bis sie bei den Trödlern einen gefunden haben, der groß genug ist, immerhin ist das Bild fast einen Meter breit. Hoffentlich hat Beaky sich beim Ausmessen nicht geirrt, ein oder zwei Zentimeter könnten schon einen Strich durch ihre Rechnung machen. Der Doc nimmt die Kopie der “Einschiffung von Kythera” von der Staffelei und sie verstauen Puvogels pièce de résistance im Koffer, es passt genau. Sie verlassen den Laden, schließen ab und wenige Augenblicke später sind sie in der Dunkelheit der Kudamm-Nebenstraße verschwunden.

Susanna, der es einen Riesenspaß gemacht hat, die Rolle der Gräfin von Rogacki zu spielen, hat eine Flasche echten Champagner gekauft um ihren Erfolg zu feiern. Der Doktor stellt das Gemälde auf einen Stuhl und die drei Freunde stoßen an. Beaky trinkt zum ersten Mal das edle Prickelwasser, aber der trockene Veuve Cliquot kommt ihm sauer vor. Das tut seiner guten Laune keinen Abbruch, Puvogels perverse Fotos von ihm haben ihn zwar geschockt, aber nun weiß er wenigstens was genau passiert ist und außerdem hat er sich gerächt. Und Rache soll ja süß sein. Die drei stellen sich Puvogels Gesicht vor, wenn er entdeckt, dass sein Lieblingsstück fehlt und auch sein Notgroschen über Nacht verschwunden ist.

Auch der Doc hat eine Überraschung, die er nun auf den Tisch stellt, ein kleines Fläschchen medizinisches Kokain. An dem weißen Kreuz auf rotem Grund erkennt man, dass es aus der Schweiz stammt. Der Doktor gibt mit seinem Wissen an: ” Die Schweizer sind die einzigen in Europa, die Kokablätter zu medizinischen Zwecken importieren dürfen. Das hier ist von Sandoz. In den USA ist übrigens Coca-Cola die Firma, die Koka verarbeiten darf. Wo wohl das ganze Koks landet? In der Brause ist ja seit 70 Jahren nicht mehr.” Beaky musste immer wieder über das Wissen des falschen Doktors staunen. Als ob der irgendwo ein Elektronengehirn hätte, mit dem er das gesamte Weltwissen abrufen könnte. Doktor formt mit Hilfe einer Rasierklinge auf einem kleinen Spiegel sechs lange, schmale Linien und Beaky prüft das Wissen seines Freundes, indem er fragt, wieso Koks in Linien von einem Spiegel genommen wird. Das lässt sich der Doc nicht zweimal fragen, er beginnt zu dozieren: “Hast du schon mal was von Narziss gehört, sein Alter war ein Flussgott, seine Mutter eine Nymphe und dieser Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild. Kokser sind selbstverliebte Narzissten, sie wollen sich im Spiegel sehen, wenn sie teure lange Linien sniefen. Koks ist Luxus, ein Prestige-Objekt, man gibt gern damit an, wie mit einem Sportwagen. Man kann es sich leisten und man hat die Beziehungen, es zu bekommen. Außerdem ist Koks der perfekte Genuss, man wird euphorisch, aber es befriedigt nicht wie Heroin. Bei Koks kann man fast immer noch eine Line nachlegen, wenn man das bei Heroin täte, wäre man spätestens nach der dritten Runde tot. Heroin nimmt man in kleinen Häufchen, es ist für den User eine Notwendigkeit und es befriedigt sein Verlangen”, hier machte er eine kunstvolle Pause: “Es sei denn der Stoff ist Scheiße.”
Nun steht der Doc auf, er sucht in einer Schublade und kommt dann mit einem schmalen Lederfutteral zurück. Er öffnet es und nestelt aus dem bordeaux-roten Samtfutter ein silbernes Röhrchen, etwa acht Zentmeter lang, und reicht es Susanna. Die zieht jeweils eine Linie in jedes Nasenloch, wobei sie das untätige Nasenloch zuhält, anschließend nimmt sie mit der Beere ihres Zeigefingers die restlichen Krümel auf und verreibt diese auf ihren Schneidezähnen. Nun absolviert der Doc dieselbe Routine und reicht den Spiegel mit zwei übriggebliebenen Portionen Beaky.
Beaky hat noch nie Kokain genommen, er ist neugierig, schließlich ist es medizinisch rein, obwohl er mit den Drogen kürzer treten will, kann er der Versuchung nicht widerstehen. Aber er begnügt sich mit einer Linie, zieht sie hoch und bevor der Doc in stoppen kann, legt er das Röhrchen auf den Spiegel, doch da ist es schon über die letzte Portion gerollt und hat das Pulver auf der Tischplatte verteilt. Der Doc grinst und sagt: “Typischer Anfängerfehler. Merke: nie das Röhrchen auf den Spiegel legen.”
Innerhalb kurzer Zeit merkt Beaky wie ihn eine Welle von positiven Gefühlen überschwemmt. Mehrere wichtige, schöne Ideen formen sich in seinem Kopf und er weiß garnicht, welche er davon zuerst aussprechen soll. Schließlich entscheidet er sich für: ” Ich bin riesig froh, dass der Plan so gut geklappt hat, es ist toll euch als Freunde zu haben. Danke das ihr mir geholfen habt, ich würde euch am liebsten umarmen.”
Beaky ist ziemlich begeistert von dem Stoff. Zwei Lines zieht er noch, doch dann gibt ihm sein Freund nichts mehr von dem teuren Schweizer Produkt. Im Gegenteil der ungewöhnlich gesprächige Doktor gibt ihm sogar eine Art Warnung mit auf seinen Heimweg:
“Gewöhn dich nicht dran, Beaky. Koks ist nicht der richtige Stoff für dich, du bist von Natur aus nervös und aufgeregt. Koks ist für Leute die leer oder sehr müde sind. Du brauchst etwas das beruhigt und dir ein warmes, zufriedenes Gefühl gibt, wie die Milch an der Brust der Mutter den Säugling stillt. Die Mutter aller Drogen, der Schlafmohn, ist deine Droge. Opium kommt von griechisch ‘opion’, der kleine Saft. Die Muttermilch für Erwachsene, denen etwas Grundlegendes fehlt.”
Als Beaky mit dem großen Koffer die Treppe hinuntersteigt ist er immer noch euphorisch, aber auch etwas nachdenklich. Er hält ein Taxi an, der Fahrer verstaut den Koffer mit dem Gemälde im Kofferraum. Damit der Fahrer ihn nicht wegen der kurzen Fahrt anblafft, hat er ihm gleich einen Zehner in die Hand gedrückt und “Zum Bundesplatz, neben dem Kino” gemurmelt. Im Autoradio läuft Joe Cockers “With a Little Help from My Friends”.

What do I do when my love is away?
(Does it worry you to be alone?)
How do I feel by the end of the day?
(Are you sad because you’re on your own?)

No, I get by with a little help from my friends
Mm, get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends

Ja, er ist dankbar für ihre Hilfe und es scheint ihm auch ein Omen zu sein, dass sie ihm bei der Verwirklichung seines Plans geholfen haben, ein Omen dafür, dass Hanna ihn zurücknehmen wird. Er kann sich kaum vorstellen, wie sie ihn abweisen sollte, wo er doch das Heroin für sie aufgegeben hat und ihr Geschenke mitbringt.
Daheim nimmt er sich das Bändchen mit den Coleridge Gedichten, macht es sich in seinem Bett gemütlich und lässt sich in die Traumwelt des romantischen Dichters fallen. Es ist schon hell draußen, als er mit dem Buch auf der Brust einschläft.

Bild

Das Erwachen am nächsten Morgen ist unangenehm. In wenigen Augenblicken ist die Euphorie, die noch im Traum nachgewirkt hat, vergangen und das Ungewisse, Gefährliche seiner Situation wird im schlagartig bewusst. Er hat einen Einbruch begangen, viel Geld und ein Bild gestohlen, ein Mensch ist nach seinem Plan betäubt worden und Hannas Reaktion kann er, nüchtern betrachtet, überhaupt nicht einschätzen. Jetzt kommen auch die Fotos wieder in sein Gedächtnis, er wird nochmal rot, als er an die perversen schwarz-weiß-Abzüge denkt. Puvogel hat ihn richtiggehend missbraucht, wie konnte ihm das nur passieren, hätte er nicht gewarnt sein müssen. Sicher, er gab all diese merkwürdigen Stories über seinen Chef, aber die hat er nicht ernstgenommen. Wie ist er eigentlich an Puvogel geraten? Ihm fällt ein, dass sein Vater ihm den Tipp gegeben hat, sich bei dem Galeristen zu bewerben. Puvogel wäre ein Geschäftsfreund seines Vaters. Doch welche Geschäfte sollten das sein? Merkwürdig, er nimmt sich vor seine Mutter dazu zu befragen. Um sich abzulenken und den letzten Akt seines Planes einzuläuten, ruft er Hanna an.

Überraschend schnell hat Hanna eingewilligt ihn zu treffen, noch am selben Tag, wenn sie mit ihrer Schicht im Café Bleibtreu fertig ist, soll er sie besuchen. Er hat Schwierigkeiten den Tag herumzubringen, er scheint sich endlos zu dehnen. Er versucht zu lesen, doch er schafft es nicht sich zu konzentrieren. Er würde gern einen Joint rauchen, um die Langeweile zu vertreiben, aber es scheint ihm eine unpassende Idee zu sein. Für das Gespräch mit Hanna sollte er so nüchtern wie möglich sein. Ihm fällt auf, es ist oft ein Anlass für ihn etwas zu konsumieren, wenn er nicht weiß was er mit sich anzufangen soll. Das muss sich ändern, aber wie? Am frühen Nachmittag fällt ihm ein, in die Bibliothek zu gehen, er will dort einiges nachschlagen. In der Bücherei in der Brandenburgischen Straße staunen sie über seinen großen Koffer. Langsam fällt ihm das Ding auf die Nerven, aber heute abend würde er es ja los, wenn er Hanna das Bild schenkte.

Er ist zu früh vor Hannas Haus in der Düsseldorfer Straße, mit dem riesigen Koffer steht er da, wie bestellt und nicht abgeholt. Als Hanna kommt, kann sie ein Grinsen nicht unterdrücken: ” Willst du verreisen, Beaky?”
“Ne, das ist ‘ne Überraschung für dich.”
“Oh toll, ich liebe Überraschungen.”
Sie sitzen unter dem Atelierfenster, der Himmel wird von einem Sonnenuntergang blutrot gefärbt. Hanna hat Pfefferminztee gekocht und ein paar Kerzen angezündet.
“Was ist denn nun in dem Überseekoffer, Beaky?”
Er will mit einer großen Geste seiner Ex-Freundin das Gemälde aus dem Koffer holen und präsentieren, aber das Stück leistet Widerstand und kippt mit der Bildseite nach unten.
Hanna staunt: ” Ein Gemälde?”
Indem er das Bild aufrichtet, betet er das Verslein herunter, das er sich zurechtgelegt hat: “Zum Zeichen meiner Liebe schenke ich dir die “Einschiffung nach Kythera”, die hat dir doch so gut gefallen und nun gehört sie dir.”
Hanna schüttelt ihren Kopf, weniger als eine Geste der Ablehnung, es ist eher ein Zeichen, dass sie nicht wirklich versteht, was er meint. Beaky der spürt, das sein Ansinnen dabei ist zu scheitern, schickt eilig hinterher: “Und das ist nicht das Einzige. Ich will dich auch zu einer Reise nach Xanadu einladen, ich hab das Geld schon. Außerdem bin ich clean, ich habe das Heroin aufgegeben, für dich, also für uns…”
Jetzt hat er sich verheddert, er wird rot und hat einen Riesenkloß im Hals. Er setzt sich wieder. Hanna wird so langsam klar, das hier ein Missverständnis von nicht geringer Größe vorliegt und sie beginnt Maßnahmen zur Begrenzung des Schadens zu ergreifen: “ich glaube es ist Zeit für einen guten Schnaps”.
Aus ihrer Pantryküche holt sie zwei Cognac-Schwenker und eine Flasche alten Brandy aus dem Hochschrank, den sie von ihrer Ibiza-Reise mitgebracht hat.
Nachdem sie angestoßen haben beginnt Hanna die Situation aufzuklären:
“Als du heute anriefst dachte ich, unsere Trennung wäre klar zwischen uns, doch ich merke, dass du es anders siehst. Also, wir hatten ein paar schöne Wochen, aber als ich begriff, dass du mich die ganze Zeit angelogen hast und heimlich Heroin genommen hast, hat das die Sache für mich entwertet. Du bist ein lieber Kerl, aber es gibt kein richtiges Leben im falschen, hat Adorno glaube ich gesagt, verstehst du was ich meine?”
Beaky machte seine kindliche Schnute und nickte langsam mit dem Kopf.
“Es hört sich für mich auch schräg an, wenn du meinst, du hättest die Droge für mich aufgegeben. Mensch Beaky, das solltest du für dich tun, nicht für jemand anderes. Erstmal musst du dich selbst lieben, bevor du jemand anderen lieben kannst.”

Sie trinkt einen Schluck von dem alten Brandy, Beaky hat es immer noch die Sprache verschlagen, er tut ihr Leid, trotzdem fügt sie an:
“Und die ganze Sache mit dem Bild, dem Geld, der Reise, also ich gehe mal davon aus, das du das nicht ehrlich erworben hast, oder?”
Beaky schüttelt den gesenkten Kopf, er traut sich nicht ihr in die Augen zu sehen.
“Mensch, Junge, du kennst mich doch. Du müsstest doch wissen, ich stehe nicht auf kriminelle Sachen. Du bist auf Bewährung, sag mal, möchtest du wieder in den Knast? Ich nehme an, es muss da drin ziemlich üben für dich gewesen sein, auch wenn du nicht darüber gesprochen hast. Das ist doch bescheuert.” Sie merkt, er ist kurz davor zusammenzubrechen, also stoppt sie hier, aber die Predigt konnte sie ihm, in seinem Interesse, nicht ersparen.
Die ganze Situation ist ihm einfach nur noch peinlich, jetzt versteht er nicht mehr, was er sich gedacht hat. Er ist so dumm gewesen. Er will so schnell wie möglich raus aus dieser Situation, er verabschiedet sich von der verduzten Hanna und rennt mit dem schweren Koffer, der jetzt nur noch ein überflüssiger Ballast ist, die Treppe runter. Auf der Straße hält er das nächste Taxi an, wieder gibt er dem Chauffeur einen Geldschein, der Koffer passt nicht in den Kofferraum des Citroen DS. Also muss Beaky vorn sitzen und das pièce de résistance nimmt die Rückbank ein.
Im seinem Zimmer legt er “Beggars Banquet” auf, eines seiner Lieblings-Stones-Alben. Wieso könnte er nicht sagen. Mit Kopfhörern, um seine Mutter nicht zu stören, legt er sich ins Bett. Bei der dritten Nummer, “Dear Doctor”, hat er sich halbwegs beruhigt und er hört auf auf den Text:

Oh help me, please doctor I’m a damaged
There’s a pain where there once was a heart
It’s sleepin, its a beatin’
Can’t ya please tear it out, and preserve it
Right there in that jar?

Auf welchen Doktor soll er seine Hoffnungen setzen? Auf seinen Freund, den falschen Doktor? Eher nicht, denn der hat ihn ja erst in diesen Schlamassel gebracht, ohne dessen Unterstützung hätte er seinen blöden Plan garnicht umsetzen können. Nein, der andere Doktor, der richtige, Professor Philippus wird ihm helfen. Beaky kann sich nicht erinnern, dass er sich schon einmal so ängstlich und verloren gefühlt hat, als ob er in einen alles vernichtenden Strudel gezogen würde. Mit solchen Gedanken schläft er ein und träumt wirres Zeug.

wird fortgesetzt –

*Als pièce de résistance (/pjɛs də re zi stɑ̃s/, französisch, eigentlich „Stück, das Widerstand leistet“ im Sinne von feste, schwere Speise) wird in der klassischen Menüfolge das Hauptgericht bezeichnet, üblicherweise ein Stück Fleisch wie Braten oder auch Geflügel. Eine andere Bezeichnung ist grosse pièce.
Im übertragenen Sinne wird pièce de résistance auch im Sinne von „Kern, Herzstück, Hauptsache“ oder für eine herausragende Leistung (vergleichbar dem „Meisterstück“ oder „Aushängeschild“) gebraucht; daneben verzeichnet Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1911 auch eine abwertende Konnotation.Eine Sache die zu mächtig ist, zu groß um sie zu schlucken, und die daher liegenbleibt.

“Dear Doctor”:
http://en.wikipedia.org/wiki/Dear_Doctor_%28song%29

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Ereignissen. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen habe ich, wo es nötig war, Namen und Details der Geschichte verändert.

Familienportrait – Käte / Die Kletterweste – Groß werden im Faschismus / 1933-39 / von Marcus Kluge

Am 30. Januar 1933 übernehmen die Nazis mit ihren Verbündeten die Macht in Deutschland. Ein kleiner Österreicher mit einem lächerlichen Schnurrbart wird Kanzler und bildet eine Regierung. 44% der Deutschen bestätigen die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933. Zusammen mit ihren Partnern hat die NSDAP eine absolute Mehrheit. Mit legalen und illegalen Mitteln festigen sie ihre Macht um, wie sie erklären, ein 1000jähriges Reich zu errichten. Käte, meine Mutter, ist eben zehn geworden.

Image  Sonntagskaffee bei der Straßenbahn-Schaffner-Familie (in der Mitte, Opa Werner, Oma Elisabeth, Tochter Käte, außen sitzt ein befreundetes Paar)

Käte ist politisch interessiert, liest die Morgenzeitung und sieht durchaus Positives im “Dritten Reich”. Die Arbeitslosen werden weniger, scheinbare “Verbrecher” werden verhaftet, sogar gegen die Prügelstrafe in der Schule sprechen sich die braunen Machthaber aus. Für ein naives kleines Mädchen wirkt das durchaus positiv. Als die Lehrerin eine Schülerin ohrfeigt, steht Käte auf und protestiert. Die Aktion endet beim Rektor, zähneknirschend gibt man ihr Recht.

 

Bald treten viele Mädchen in den Bund Deutscher Mädel ein. Noch ist es nicht Pflicht, aber Käte würde auch gern mittun. Oma ist natürlich dagegen, sie hat nicht umsonst 1918 die rote Fahne durch Berlin getragen, sie klärt Käte über die wahren Absichten der Nazis auf. Das Kind ist beeindruckt, aber sie möchte wenigstens eine braune Kletterweste haben, wie sie die BDM-Mitschülerinnen tragen. Das Kleidungsstück übte wohl ähnliche Anziehungskraft aus, wie manche Markenkleidung auf die heutige Jugend.

Image   BDM-Mitglied mit Kletterweste bei einer Propaganda-Veranstaltung

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Nicht alle BDM-Erfahrenen erinnern sich positiv an die knapp taillenlange Jacke. Sie hatte den Nachteil, sich am Oberkörper hochzuziehen, Frau scherzt, eben deshalb hieße sie “Kletterweste”. “Affenhaut” wird sie auch genannt. Aber der alterstypische Neid ist ausgeprägt, vor allem will sich Käte nicht ausgeschlossen fühlen.

Das Weihnachtsfest kommt, meine spätere Mutter hofft noch immer auf das von ihr begehrte Kleidungsstück. Unter dem Christbaum liegt dann tatsächlich eine Kletterweste, eine marine-blaue. Käte ist sauer, Oma hat sich durchgesetzt.

1936 finden Olympische Spiele in Berlin statt. Noch einmal wird die Stadt zu einer quirligen Metropole, bevor der braune Mief sich endgültig wie ein Schleier über Berlin legt. Käte ist begeistert, zum einen von den Sportlern aus aller Welt, dem Trubel Unter den Linden und zum anderen von der leckeren Coca-Cola, die sie zum ersten und für viele Jahre letzten Mal genießt.

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Olympia 1936, Käte mit dunkler Jacke schaut den Fotografen an (Foto: Paul Springer)

Jesse Owens, der dunkelhäutige Athlet, der mit vier Goldmedaillen der erfolgreichste Sportler wird, beeindruckt sie nachhaltig. Sie registriert, dass Hitler dem “Neger” den Handschlag verwehrt. Oma erklärt ihr den Rassismus, der dahinter steckt. Käte ist 13.

Am 1. Dezember 1936 wird die BDM-Mitgliedschaft Pflicht. Käte wird mit Vorbereitung eines “Kulturabends” betraut. Meine Mutter rezitiert Hölderlin und Goethe, die Scharführerin ist entsetzt, danach braucht Käte keine Aufgaben mehr in der weiblichen Ausgabe der Hitlerjugend zu übernehmen. Zur Mitläuferin gezwungen, erlebt sie die “Heimabende” als krampfhaft und langweilig.

 

Image  Dorotheen-Oberlyzeum, Käte mit zwei Freundinnen, 1937

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Am Dorotheen-Ober-Lyzeum empfindet sie das Klima als zunehmend unangenehm, politische Stellungnahme ist gefragt. Meine Mutter möchte unbedingt Abitur machen, auch wenn sie weiß, dass ein Studium außerhalb der finanziellen Möglichkeiten ihrer Familie ist. Das Einkommen eines BVG-Schaffners reicht gerade fürs Nötigste, vielleicht würde Onkel Paul, der sie sehr gern mag, ihre Ausbildung unterstützen. Aber Oma Elisabeth, resolut wie sie war, bereitet diesen Träumen ein Ende. Mit Beginn der Sommerferien 1938 ist für Ma die Schulzeit vorbei. Omas Überlegung war erstmal schmerzhaft für Käte, aber Elisabeth kalkuliert richtig, es wird für eine junge Berufstätige leichter sein, unter dem Radar des Regimes zu schwimmen, als für eine Abiturientin und Studentin.

Von nun an wird Käthe auf das h in ihrem Vornamen verzichten, Käte findet sie moderner, einfach sachlicher. Sachlich ist ein Schlüsselwort für junge Frauen, die sich in der Arbeitswelt durchsetzen wollen, schon seit den 20er Jahren. Romantik, oder gar Liebe, spielt in ihrem Leben keine Rolle, dass wäre ja auch sehr unsachlich.

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Im Sommer 1939 geht sie wandern mit Onkel Paul und Tante Lotte (Foto: P.S.)

Sie hat keine Ahnung, was sie aus ihrem Leben machen soll. Sie ist fast verzweifelt, sie glaubt nirgendwo gebraucht zu werden. Fast jeder von uns kann sich an eine solche Phase erinnern. Bei mir hat sie fast zehn Jahre gedauert, was heute bei der Generation “Praktikum” auch leider die Regel wird.

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Image   Arbeitsbuch

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Bei Käte sind es ein paar Monate, dann bekommt sie ihr “Arbeitsbuch” und das Arbeitsamt schickt sie zur Wirtschaftsgruppe Glasindustrie. Man stellt sie als Bürogehilfin ein. Sie hat einen Platz im Leben gefunden, sie verdient Geld, kann ihre Eltern unterstützen. Eine Zeitlang ist sie sehr zufrieden, fast glücklich. Am 1. September 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen Überfall auf Polen. Der Krieg wird Kätes persönliche Welt nachhaltig und unwiderruflich erschüttern. Doch sie wird auch die Liebe ihres Lebens kennenlernen in diesen furchtbaren Jahren.

 

Familienportrait – Bunte Kindheit / Fotos aus den Jahren 1955-60

 

In den 50er Jahren wurde es für Foto-Amateure erschwinglich und praktikabel in Farbe zu fotografieren, außerdem wurde das Leben bunter, besonders im Westen Deutschlands. Markenzeichen wie Coca-Cola oder ESSO wurden allgegenwärtig. Mein Vater ließ kaum einen Anlass aus, Bilder zu machen. Als Kinder waren wir manchmal genervt davon, heute freue ich mich über die Fotos.
2013-11-13-18-23-59

Bild Perutz

Bild Mauerspiele

Bild Sternchen

Bild Esso Rankestraße

Bild Kofferradio

Bild Drei Könige

Bild Trink Coca-Cola eiskalt

Bild Fasching

Bild Lalü Lala

Berlin Typography

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