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Familienportrait Teil 21 – “Pseudo-Schule, ein Pferd ohne Namen und innere Emigration” / Nach der Revolte 1970-77

Die 68er Revolte endet für mich am 21.3.1970. Die Friedrich-Ebert-Oberschule wirft mich hinaus, die Formulierung “verläßt das Gymnasium, um auf einen anderen Zweig der Oberschule zu wechseln” bedeutet für mich, Abi kann ich vergessen. Auch ein Gespräch mit dem Schulrat ändert nichts. Der CDU-Mann wird später im Bauskandal um Stadtrat Antes eine unrühmliche Rolle spielen. Mir vertraut er an, “Mit ihren politischen Aktionen haben sie eine Menge Leute verprellt, da gibt es keinen Weg zurück.”

Danach gehe ich auf eine Privatschule. Schnell wird mir klar, dass von dort eine Hochschulreife auch nicht zu erreichen ist. Eigentlich spielt man nur Schule, alle tun so als ob und die Eltern zahlen Schulgeld. Das im Grunewald gelegene, nach Immanuel Kant benannte Institut ist ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen. Die Lehrer mussten aus unterschiedlichen Gründen die staatlichen Schulen verlassen. Wir Schüler können uns denken wieso. Der Deutschlehrer ist ein unberechenbarer Choleriker, der Mathelehrer hat schon morgens eine Schnapsfahne und der Biolehrer versucht krampfhaft zu verbergen, dass er eine erotische Neigung zu kleinen Jungs hat, was ihm leider überhaupt nicht gelingt.

Auch die Schüler sind in staatlichen Schulen unliebsam aufgefallen, die meist betuchten Eltern hatten irgendwann keine Lust mehr, sich von verbeamteten pädagogischen Besserwissern einbestellen zu lassen und zahlen nun dafür, dass sie von ihren missratenen Sprößlingen nichts mehr hören. Also tun Lehrer und Schüler so als ob, es ist für beide Seiten von Vorteil. Die Lehrer werden fast fürs Nichtstun bezahlt und die Schüler werden in Frieden gelassen, solange sie halbwegs regelmäßig vorbei schauen.

BildWir amüsieren uns

So etwas wie Klassendisziplin gibt es nicht, es wird gequatscht, gegessen, getrunken und es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Lehrer die sich nicht durchsetzen können, werden gnadenlos vorgeführt. Besonders der schwule, stark effeminiert wirkende Biologie-Lehrer Hauser wird zum Gespött der Klasse. Ein Mitschüler ist der damals schon hochkreative, spätere Comiczeichner Bernd Pohlenz. Dieser erfindet ein witzig-satirisches Epos über die Abenteuer des Lehrers Hauser und die von ihm angehimmelten Mitschüler in zahllosen Fortsetzungen. Wir amüsieren uns köstlich.

Ein anderer Zögling, der mein Interesse erregt ist der smarte, gutaussehende Conrad, genannt Connie, dessen Lieblingswort “cool” ist. Connie kennt Gott und die Welt, er selbst nennt seine Bekanntschaften “Connections”. Ich muss zugeben, ich fand Connie eine Zeit lang wirklich sehr cool.

BildAbwege

Zu seinen Bekanntschaften gehören einige G.I.s, die am payday halbe Gallonen Jim Beam und stangenweise Zigaretten anbringen, die sie im PX steuerfrei gekauft haben. Connie gibt ihnen D-Mark und ich glaube auch Grass im Tausch dafür. Ab und zu ließen sich Musiker auch die ein oder andere Fender-Gitarre besorgen, die kosteten im PX ein Bruchteil dessen, was Berliner Musikaliengeschäfte verlangten. Der Army rationiert irgendwann Alkohol und Zigaretten, es wird auch schwierig die schönen Telecasters und Strats zu erwerben, so das Connies Handel einschläft.

In den Sommerferien wohnen wir in der Wohnung von Connies verreister Mutter. In einer Nacht im SOUND, der berühmt-berüchtigten Disco in der Genthiner Straße 26, lernen wir die junge Su kennen. Sie kommt mit uns und wir erleben eine kurze, aber intensive Ménage à trois. Leider geht Su in die USA, ich mochte sie gern. Einmal, kurz nach dem Mauerfall, telefonierten wir noch einmal, sie lebte damals in Boston und arbeitete für eine Bank.

Connie nimmt mich in einen kleinen Club in Halensee mit, in dem ich Natascha kennenlerne. Natascha ist Stripteasetänzerin, sie arbeitet in der Dorett-Bar, einem Animierschuppen in der Fasanenstraße. Mit Natascha habe ich eine kurze Affäre. Sie sieht wie Marylin Monroe aus und hat immer gute Laune. Ihr Nackttanzen stört mich nicht, doch bald bekomme ich mit, dass sie auch anschaffen geht, damit habe ich ein Problem. Zusätzlich merke ich, dass sie Heroin schnupft. Ich beende die Beziehung.

BildKudamm 1971

Als ich wieder in den Club gehe, wird mir plötzlich klar was dort läuft. Jeder zweite hat Stecknadelpupillen und wenn der DJ “A Horse with No Name” von America spielt, nickt eine Mehrheit wissend im Takt, Horse ist ein gebräuchlicher Szenename für Heroin und das Lied handelt von einem Entzug. Glücklichweise bin ich für das Zeug nicht anfällig.

Anfang der 70er Jahre gilt West-Berlin als Welthauptstadt des Heroins. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kam. Es gibt Verschwörungstheorien, manche haben die Stasi im Verdacht, andere die CIA. Tatsächlich kannte ich nicht wenige Menschen, die Ende der 60er politisch aktiv waren und dann in den 70ern zu Drogen greifen. Viele landen bei harten Sachen, fangen an zu spritzen und einige sterben daran. Andere radikalisieren sich und gehen in den Untergrund. Some go to Goa.

BildVerweigerung

BildExile on Main Street

Obwohl die 68er Revolte nicht total gescheitert ist, denn die Gesellschaft hat sich tatsächlich verändert, ist die Niederlage doch bei allen Teilnehmern spürbar und jeder hat eine eigene Art, damit umzugehen. Ich verweigere mich, gehe für mehrere Jahre in eine Art innere Emigration. Beruf oder Karriere spielen keinerlei Rolle für mich. Ich schreibe nicht, musiziere nicht, fotografiere nur etwas, arbeite ein paar Stunden in einem Buchladen oder als DJ und ich lese viel. Spät aber doch irgendwann begreife ich, dass ich mit meiner Verweigerung nur mir selbst schade. Zum ersten Mal im Leben wird es mir langweilig und ich beende mein “Exile on Main Street” und breche auf, zu neuen Ufern.

Update Halloween 2015: Connie habe ich nur einmal wiedergetroffen, Ende der 80er Jahre in den Thermen am Europa-Center. Aus ihm ist ein Kunstsammler und Händler geworden. In den letzten Tagen habe ich an diese Zeit und besonders Su denken müssen. Gestern habe ich sie auf Facebook gefunden. Wir freuen uns über unser Wiedertreffen. Ich werde ihr meinen Xanadu-Roman schicken, der die Zeit in der 70er Jahren beschreibt, in der wir uns kennenlernten. Su lebt heute in Florida, studiert wieder und macht ihren Bachelor in Fotografie.

BildAufbruch

M.K.

Alle bisher veröffentlichten Familienportraits sind auf der Serien-Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-1

Der Xanadu Roman:

http://wp.me/P3UMZB-Rw

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Meinen kleinen Rückblick zum 2. Geburtstag des Blogs, beende ich mit einer Zeitreise ins Jahr 1977, als sich im Punk House am Lehniner Platz die West-Berliner Punkszene konstituierte. Meiner Freundin Cordula Lippke bin ich für diese unterhaltsam-authentische Zeitstudie sehr dankbar, zumal ich selbst erst später in diese Szene kam. Ich lernte Cordula beim Zensor kennen, für den sie arbeitete und dadurch quasi automatisch die West-Berliner Musiker und hier gastierende Künstler kennenlernte. Zu gern würde ich deshalb eine Fortsetzung von Cordulas Text lesen und ich weiß, dass es vielen Lesern ebenso geht. Sie wird auch kommen, die Fortsetzung, da bin ich sicher. Aber wie ich gestern feststellte, manches kann man nicht erzwingen: “You Can’t Hurry Love” und auch das Schöpferische ist eigensinnig, es kommt wenn es da ist. Aber erst einmal: Vorhang auf für einen Besuch im West-Berlin der 70er Jahre. M.K.

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Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

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Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Illustrierte Lesung – “Die Legende von Xanadu – 1973” / 19. März 2015 – Kulturwerkstatt Danckelmannstr. 9a – 20 Uhr

Brandstifter

Marcus Kluge liest aus seinem ersten Roman und anderen Texten über die Mauerstadt. Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen des Romans, daneben schaut der Autor auf die Punk- und Hausbesetzer-Szene in West-Berlin zurück. Die Lesung wird durch Zeichnungen von Rainer Jacob und Originalfotos aus dem Archiv des Autors illustriert.

“Im März 2014 begann ich eine Kurzgeschichte über einen ehemaligen Schulfreund zu schreiben. Das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn war als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nahm. 1973 starb er an einer Heroin-Überdosis und ich hatte das Bedürfnis zu erzählen, wie es dazu kam. Das Thema packte mich derart, dass, zu meiner eigenen Überraschung, ein Roman daraus wurde.”
Marcus Kluge

Der Inhalt des Romans:

Beaky hat einen Plan, doch wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat Beaky aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…

Marcus Kluge liest aus “Die Legende von Xanadu” und stellt die Crowdfunding-Kampagne für die Buchausgabe vor.

19. März in der Kulturwerkstatt Danckelmannstraße 9a/14059 B.

Einlass: 19.30h Beginn: 20h

Karten: 8.-/4.-(erm.) Euro – Kartenbestellung per E-Mail blindepassagiere@gmx.de

Leseprobe:

Berlinische Leben – “Nachruf: Alexander Kögler” 8.8.1957 – 30.8.2014 / Directors Cut Version von H.P. Daniels

(Für alle, die nur die kürzere Tagesspiegel-Version kennen, dokumentiere ich die H.P.s eigene Langfassung. M.K.)

Selbst Rockstar werden? Das wäre mit Arbeit verbunden. Wie uncool! 

In der West-Berliner Szene war er der lässigste. Es fehlte ihm nur an Beständigkeit. Seine „15 Minutes of Fame“ dauerten immerhin 16 Monate. So lange betrieb er das „Risiko“.

Zum Schluss bekam er Morphium. Nach schweren Operationen wegen eines Gehirntumors, erst im Krankenhaus, dann in einem Tempelhofer Hospiz. Geschwächt von Hepatitis, Leberzirrhose und neuen Tumoren. Am Ende Morphium. Gegen die Schmerzen, gegen die Angst, gegen das Leben, und dessen letzte Härten. So keuchte sich Alex Kögler aus dem Leben, segelte davon. Sabina war bei ihm, hörte auf seinen röchelnden Koma-Atem, hat sein Verschwinden auf Fotos festgehalten. Als sie ihn selbst nicht mehr festhalten konnte. Im Leben. Als er auch längst schon nicht mehr der Alex war, den sie einst gekannt hatte, mit dem sie etliche Jahre gemeinsam gelebt hatte, frühere Jahre, lange her. Mit Auf und Ab. Und An und Aus.

Äußerlich war Alex kaum mehr wiederzuerkennen, aufgedunsen, zahnlos, weiß- und schütterhaarig. Ein greisenhafter Mann mit 57.

Morphium gegen die finalen Schmerzen. Vorher waren es andere Drogen gewesen. Seine Medizin: Alkohol, Amphetamine, Heroin. Und immer wieder und noch mal: Alkohol. Bis zur Bewusstlosigkeit.

Seine Eltern hatten sich getrennt als er sieben Jahre alt war. Sein Vater, ein bekannter Maler, war fortgegangen aus Berlin, nach Karlsruhe, als Professor an die dortige Kunstakademie. Die Mutter hat Alex in ein Internat am Starnberger See geschickt. Die Schule hat er abgebrochen, und dann – zurück in Berlin – hat er auch eine angefangene Fotografenlehre bald wieder hingeschmissen. Es war die einzige richtige Arbeit, der er je nachgegangen ist. Eine gute Zeit, wie er sich später erinnerte.

Es heißt, dass Süchtige emotional stehen bleiben in dem Lebensjahr, in dem sie der Sucht zum ersten Mal nachgeben. Alex war 15, als er mit dem Heroin anfing. Und er ist sein Leben lang ein kleiner Junge geblieben. Und ein Süchtiger. Der noch als Erwachsener diese weichen, jungenhaften Gesichtszüge trug und vor jedem Spielzeugladen stehen blieb, sich begeistert am Schaufenster die Nase platt drückte, bevor er sich wieder etwas in die Vene drückte.

Weihnachten war er immer bei seiner Mutter. Sie wollte das so, hat seine Gesellschaft erwartet, und er hat sich nie geweigert. Ein Ritual, das eigentlich nicht passte zu seiner Coolness und Antispießerattitüde. Genauso wenig wie bestimmte Redewendungen, die er gerne benutzte: “Ach, wie süß!” oder “Ist das niedlich!”. Ganz ohne Ironie.

Aber sonst war Alex wirklich ein cooler Typ. Auch, oder vielleicht gerade, weil er nicht so rumlief, wie es damals in der harten Berliner Leder- und Nieten-Punkszene üblich war. Als nichtberlinernder Berliner gab er sich als Dandy in feinen Maßanzügen, edlen Hemden und Krawatten, Mänteln aus erlesenen Stoffen und schicken Schals. Farblich alles geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Und weil er ein blendend aussehender Typ war, wie ein Film- oder Rockstar, mit kräftigen dunklen, leicht graumelierten Haaren, wie eine Mischung aus Tony Curtis, Richard Burton, Robert Mitchum und Bryan Ferry, wirkte seine Aufmachung weder lächerlich noch maskiert. Sogar die wildesten Punks fanden ihn cool.

Alex stach heraus aus der Menge. Auch Sabina ist er sofort aufgefallen, als sie ihn das erste Mal sah. Und sie ist ihm aufgefallen. Anfang der 80er Jahre im Café Central am Nollendorfplatz kamen sie ins Gespräch und betranken sich. Es dauerte noch eine Weile – bis sie allen auffielen, als schillernd glamouröses Szene-Paar des Berliner Nacht- und Lebenskünstlerlebens.

So charismatisch er wirkte, so gering war sein Glaube an sich selbst. Heroin half und Alkohol sowieso, bis zur Besinnungslosigkeit.

Neben seiner Passion für den amerikanischen Schriftsteller Jim Thompson und besonders dessen dunklen Roman “The Killer Inside Me”, hatte es ihm die Fernsehserie “Ein Herz und eine Seele” mit Ekel Alfred angetan. Gegensätze im Leben, Gegensätze in den Vorlieben. Er liebte Donald Duck, den ewigen Verlierer, wohingegen er Micky Maus, den altklugen Spießer, nicht ausstehen konnte.

Alex lachte, erzählte lustige Geschichten, zitierte immer wieder Heinz Erhardt, imitierte, improvisierte und betrank sich. Doch vor allem begeisterte er sich für Musik. Für die deutschen Elektroniker von Kraftwerk und Can, die kantige “Deutsch Amerikanische Freundschaft”, die schrägen “Throbbing Gristle”, den knarzigen Captain Beefheart und den smarten Bryan Ferry. Später dann “Frankie Goes To Hollywood”: “Relax, don’t do it” Und Sinead O’Connor: “Nothing Compares To You”. Mit besonderer Vorliebe imitierte Alex die unterschiedlichsten Rockstars, ihre Manierismen, ihre Posen. Sabina fotografierte ihn. Alex Kögler und sein Leben als Gesamtkunstwerk. Sabina dokumentierte. Er liebte die große Illusion des Pop-Lebens. Dass jeder ein Star werden könnte. Vielleicht wäre er selber gerne Rockstar geworden. Doch das wäre mit Arbeit verbunden, und verdammt uncool gewesen. Arbeit war nichts für Kögler, den Dandy, der von regelmäßigen Zuwendungen seiner Mutter lebte, finanziert aus der Erbschaft ihres Vaters, des expressionistischen Malers Arthur Degner.

Ein paar Mal stand er aber doch auf Bühnen. “Die unglaubliche Alex Kögler Band” war wohl mehr Name als eine beständige Band. Mit dem avantgardistischen Musiker Frieder Butzmann und der Gruppe “Wir und das Menschliche e.V.” trat er zwischen anderen schrillen Bands am 4. September 1981 vor 1.400 Zuschauern im Tempodrom auf, beim “Festival Genialer Dilletanten”. Wobei Alex deren Konzept sehr entgegenkam: weil es nicht darum ging, Instrumente oder Musik zu beherrschen, sondern eher um das Unvermögen, das Nicht-Können, das Scheitern, eben das Dilettantische als neuem künstlerischem Ausdruck. Wo die Regeln auf den Kopf gestellt wurden, und es als größere künstlerische Leistung galt, einen Saal leerzuspielen, als beim Publikum anzukommen.

Volltrunken stand Alex auf der Bühne und kreischte markerschütternd: “Ich liebe dich!” Hinter Lärm und Show und Suff eine geradezu rührende Liebeserklärung an Sabina. Aber das war auch schon das Ende von Köglers Musikerkarriere. Um weiterzumachen, hätte er weiter machen müssen, vielleicht ein Instrument spielen, vielleicht singen lernen. Doch das Weitermachen, das Beständige, das Bemühen um etwas, war nicht seine Sache. Fand er langweilig. Spießig. Lieber noch mal etwas ganz anderes machen.

Kögler wurde Kneipier. Nach einer Erbschaft übernahm er das “Risiko” an den Yorckbrücken, eröffnete den Laden neu an Silvester 1984. Eine schmale Bar, die unter Köglers Regie aufblühte zu großer Bekanntheit. Designt von Sabina, kühl und schmucklos, dem damaligen Berliner Zeitgeist der coolen neuen Welle entsprechend, wurde das Risiko für unzählige Musiker, Filmer, Maler, Autoren, Performance-Künstler aller Art zum nächtlichen Wohnzimmer.

Alex Kögler war der charmant unterhaltsamer Gastgeber, um den sich alle scharten, die Großen und die Kleineren der Berliner und der internationalen Szene. Von denen manche Große nicht groß blieben in späteren Jahren, und klein nicht manch Kleine, die irgendwann groß rauskamen. Zu Köglers Gästen gehörten Nick Cave, Wim Wenders, Rainer Fetting, Jim Jarmush, Jeffrey Lee Pierce, Anita Lane, Lydia Lunch, Alan Vega, Christiane F., Bela B. Und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten war eine der legendären Tresenkräfte im Risiko. Die Bar als Bühne.

Und Alex Kögler war mit allen befreundet, alle mochten seine liebenswürdige, humorvolle und großzügige Art. Im Risiko stand er im Mittelpunkt einer großen Nonstop-Party. Seiner Party. Wo sie alle Drogen konsumierten, Konzerten und Happenings beiwohnten, die hier unregelmäßig auf engstem Raum stattfanden. Wo die wahnwitzigsten Pläne entstanden und wieder verworfen wurden, Kunstprojekte besprochen, Bands gegründet und wieder aufgelöst wurden. Kögler soff mit allen, ließ sie umsonst saufen, nahm Drogen mit allen, und soff und soff. Drogen als Medizin und als Spaßmittel, zur Beflügelung. Zum Abheben.

Im Morgenlicht stolperten sie hintereinander aus der schmalen, stählernen Tür, die zwei Stufen runter auf die Yorckstraße.

Um die organisatorische und geschäftliche Seite seiner Kneipe kümmerte Kögler sich weniger. Manchmal griff er in seine Kneipenkasse, um Drogen zu kaufen. Seine treue und besorgte Tresenbelegschaft – Maria, Chris, Blixa oder Sabina – versteckten gelegentlich die Kasse vor Alex. Dass er das Geld nicht gleich wieder zum nächsten Dealer trug, und dass noch genug da war für die Miete und Getränkelieferungen. Trotzdem gingen noch oft genug die Getränke aus. Und Alex lief zu “Leos Futterkrippe” an der nächsten Ecke, um sich ein paar Paletten Dosenbier auszuleihen. Und wenn die Heizung nicht mehr lief, holten sie einen Kanister Öl von der Tankstelle gegenüber.

Samstags gab es Prügeleien. Wenn Alex angeschlagen am Foto: Sabina van der LindenFoto: Sabina van der Linden

Boden lag und ihm das Blut übers Gesicht lief, hatte er immer noch diese weichen, kindlichen Züge, und trotz Dreck und Blut strahlte er immer noch seine aristokratisch dandyhafte Eleganz aus. Sabina hat es fotografiert. Das Gesamtkunstwerk Alex Kögler. Trinkend, blutend, auf Speed und Heroin. Am Boden.

Seine Warhol’schen “15 Minutes of Fame” dauerten genau 16 Monate. Am 30. April 1986 schloss das Risiko. Köglers Party war vorbei. Mit all den vielen Freunden. Alles war weg – Bier alle, Geld alle, die Gäste, die Freunde weg. Nur das Finanzamt war noch da mit seinen Forderungen. Alex fiel zurück ins Nichts, in die Bedeutungslosigkeit. Ein tiefes Loch. Er erhöhte die Dosis. Immer mehr. Bis es zu viel wurde, er loskommen wollte von Berlin. Und vom Heroin. Und er Anfang der 90er zu seiner Mutter nach Malta zog, wo sie inzwischen einen Großteil der Zeit verbrachte. Alex versuchte einen Heroin-Entzug und entdeckte stattdessen Codein-Pillen, die rezeptfrei in maltesischen Apotheken zu bekommen waren. Mitte der 90er zog er mit Sabina für eine Weile in die Hauptstadt La Valetta. Und war immer auf der Suche nach Apotheken mit seinen Lieblingspillen.

Irgendwann gingen sie von Malta nach Antwerpen. Schon damals war die belgische Hafenstadt Europas härtester Drogenumschlagplatz. Harte Zeiten für den weichen Alex. Sie wohnten in einer Gegend, wo Polizeirazzien an der Tages- und Nachtordnung waren. Sabina hat es fotografiert. Auch wie Alex auf seinen Dealer wartete. Total verloren in Antwerpen. Wo die Unordnung immer mehr um sich griff. Wo die Junkies in Alex’ Wohnung Rohre und Leitungen aus den Wänden rissen, um das Kupfer zu verkaufen – für Heroin. Wo Alex fast gestorben wäre an einer Überdosis. Und ihn Sabina gerade noch einmal festhalten konnte im Leben. Nochmal rausrütteln konnte aus dem Tod, ihn noch einmal zurückholen ins Leben. Wo sie selber fast gestorben wäre vor Angst. Bis er die Augen wieder aufmachte und sie glasig ansah: “Was ist los?”

Irgendwann haben sie sich gestritten. Heftig. Alex hat gesagt, sie soll gehen. Sabina ist nach Berlin gegangen, hat einen Entzug gemacht, ist clean geblieben. Alex war davon nicht zu überzeugen. Er hat sich aufgegeben.

Als seine Mutter starb, zog er in ihr Reihenhäuschen in Tempelhof. Er hat alles so gelassen wie es früher war. Nur die Pflanzen sind vertrocknet, weil er sie nicht mehr gegossen hat. Irgendwann wollte er wieder Sabina besuchen. Er könne bleiben, sagte sie, aber die Flasche, die er dabei hatte, müsse wieder gehen. Da ging auch er.

Zum Schluss war er in einem Methadon-Programm. Doch gab er jetzt ohnehin dem Alkohol den Vorzug vor dem Heroin. Weil der Prozess des Verschwindens länger dauert mit Alkohol, das Hinübergleiten in den Rausch, ins Abtauchen. Die schönste Phase eigentlich. Immer wieder noch ein Schluck aus der Jägermeister-Flasche.

Zum Schluss bekam er Morphium und segelte davon. Sabina war bei ihm und sah ihn plötzlich wieder so wie sie ihn kennengelernt hatte vor 33 Jahren. Jung und schön.

H.P. Daniels

“LOST – Last Morning Of Risiko” – Film von Uli M. Schueppel, 1986: https://www.youtube.com/watch?v=kltw0YyRHAY

Bei dem Beitragsbild handelt es sich um einen Screen-Shot aus Roland Klicks Film “White Star” von 1983, in dem Alex eine kleine Rolle spielte.

http://www.imdb.com/title/tt0086578/

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

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Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Familienportrait – „Moonlight Mile“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Zwölf / 1973 / von Marcus Kluge

Als er das Krankenhaus verlässt, kommt er auf die Idee seine neugewonnene Freiheit mit einem Eis bei Monheim in der Blissestraße zu feiern. Dort hat er schon als Kind, mit einer Schüssel, am Sonntag Eis geholt. Es ist immer noch heiß an diesem Juliabend im Jahre 1973, das sein letztes werden wird.
25 Pfennig kostet die Kugel Eis bei Monheim, er nimmt dreimal Rum-Traube. Dann schlendert er am Eva-Kino vorbei, er erinnert sich an die sonntäglichen Jugendvorstellungen. Meist gab es Sandalenfilme, es wurde gejohlt und gepfiffen. Mit seinem Eis setzt er sich ans alte Fenn und starrt auf das Wasser. Doch immer wieder steigen andere Bilder hoch, die sich vor sein inneres Auge schieben. Sie steigen auf wie Gespenster, es sind Fotos, peinliche Fotos, schmerzliche Fotos, Fotos, die sich eingebrannt haben in sein Bewusstsein. Nun merkt er auch wieder sein Knie, ein brennender Schmerz zieht bis in den linken Fuß. Er hat Angst, wovor weiß er gar nicht so genau. Am liebsten würde er schlafen, lange schlafen und am besten auch nicht träumen, nur schlafen. Die Polizei hat ihm alles Dope weggenommen, auch die Pfeifen und die Spritzen. Wo bekommt er nun Drogen her? Seine alte Heroin-Connection hat er gekappt, bevor er auf Entzug gegangen ist. Er hat den Pusher gebeten, ihm nie wieder H oder etwas ähnliches zu verkaufen und damals haben sich manche Pusher noch an solche Versprechungen gehalten. Auf die Szene am Bahnhof Zoo oder an der Kurfürstenstraße will er nicht gehen. Zu hoch ist die Gefahr in eine Razzia zu kommen, mit der die Bullen regelmäßig die Drogenszene aufmischen, wenn sie zu groß und auffällig wird. Früher, als er selbst noch Dealer war, hatte er seine Leute, die ihn gewarnt haben, doch das ist vorbei. Wo soll er hingehen? Da fällt ihm ein, er ist ja in der Blissestraße, hier wohnt Susanna, die kann er besuchen, vielleicht hat die was da.

Da das Haus in der Blissestraße immer offen ist, steigt er gleich die Treppen hoch und klingelt bei Susanna. „Wer ist da?“
„Ich bins, Beaky.“
Susanna ist wieder in ihren Kimono gehüllt, sie sieht krank und dünn aus. Beaky bietet ihr eine Zigarette an, sie rauchen beide und Beaky fragt: „Hast du was von Doktor gehört? Weißt du, die Polizei hat mich verhaftet, ich würde am liebsten das ganze Geld zurückgeben.“
Susanna sieht ihn ungläubig an, sie kann seine Naivität nicht nachvollziehen: „Das Geld wirst du nie sehen wieder, Beaky. Und der Doktor woll auch nicht.“ Wenn sie aufgeregt ist, wird ihr Akzent stärker.
„Meinst du wirklich? Ich habe furchtbare Angst für lange Zeit in den Knast zu gehen, ich würde das nicht nochmal durchhalten. Vielleicht bringe ich mich dann um. Übrigens, ich habe die Schnauze gehalten. Die Bullen wissen nichts von dir.“
„Danke Beaky, du bist guter Kerl“
„Sag mal, hast du Dope, Pulver oder irgendwas?“
„Nein, kein Pulver. Seitdem der Arsch weg ist, habe ich Affen.“
Wieder steigt die Angst in ihm auf, am liebsten würde er auf seine Ängste einschlagen, solange bis sie abhauen und ihn in Ruhe lassen.
Immerhin, Susanna schenkt ihm ein bißchen Grass und auf seine Bitte ein altes Spritzbesteck vom Doc, das er zurückgelassen hat: „Aber, du musst steril machen mit kochende Wasser“, sagt sie mit einem Stirnrunzeln.

Perilog
Erst Mitte August 1973 erfuhr ich was Beaky geschehen war. Ich hatte kaum an ihn gedacht und gehofft es es wäre ein gutes Zeichen, wenn ich nichts von ihm hörte. Doch da irrte ich mich. Nachdem ich die ganze traurige Geschichte kannte, habe ich darüber nachgegrübelt, ob Beaky trotz seines frühen Todes ein erfülltes, ein richtiges Leben hatte. Damals dachte ich an den Satz von Adorno, den Hanna zitiert hatte, nachdem es kein richtiges Leben im falschen gäbe. Und mit dem falschen meinte ich natürlich seine Drogenkarriere. Ich sah die Drogen sehr kritisch, vielleicht besonders kritisch, weil ich sie, wie die meisten meiner Generation, wenige Jahre vorher noch völlig unkritisch gelobt hatte. Wie alle Bekehrten war ich strikt in meinen Ansichten.
Damals, Ende der 60er Jahre, als Beaky begann Drogen zu nehmen, standen sie noch nicht im Zusammenhang mit Gewalt, sozialem Abstieg und Krankheit. Für Beaky waren sie am Anfang Mittel, mit denen man experimentierte und sich selbst erforschte. Er las „The Doors of Perception“, das Essay nach dem sich die „Doors“ benannt hatten. Dort schrieb Aldous Huxley, einer der klügsten Köpfe seiner Generation, über seine Selbstversuche mit Meskalin. Dem glaubte Beaky nachzueifern, am Anfang.
Ich möchte Beakys Leben auch nicht verherrlichen. Diesen Satz: „Live fast, die young“ fand ich schon immer oberflächlich und herzlos. Die, die ihn anführen waren auch meist die, die insgeheim davon ausgingen, selbst ein langes Leben zu haben. Und die, die dem Spruch mit offenen Augen bis in die bittere Konsequenz folgten, waren tragische, von ihren Dämonen verfolgte Menschen. So einer war Beaky auch nicht.
Unseren Eltern ging es gut nach dem verlorenen Krieg. Wir erwarteten, dass es so weiter gehen würde. Alles würde immer besser werden, quasi automatisch und mit den Drogen ließen wir es uns schon einmal, im Vorgriff auf die Zukunft, gut gehen. Es war ausgemachte Sache, das Drogen früher oder später legal werden würden. In der „Bravo“ erschien 1969 eine dreiteilige Serie über das Leben im Jahr 2000. Danach verbrachten die Teenager der Zukunft ihre Nachmittage in Spaßbädern, wobei sie LSD nahmen und Sex mit unterschiedlichen Partnern hatten. Das Lernen erledigten Maschinen, die den Teens das Wissen im Schlaf vermittelten. Nun, es kam anders, sowohl mit dem ewigen „immer besser gehen“, als auch mit den Spaßbädern. Beaky würde es nicht mehr erleben.
Ich versuchte aufzurechnen, was dafür sprach, dass mein Schulfreund nicht völlig sinnlos gelebt hatte. Er hatte die Musik gehabt und er hatte Xanadu gehabt, seinen etwas unrealistischen Traum. „The Legend of Xanadu“, dieser Song von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hatte ihn inspiriert. Ein nicht einmal erstklassiger Popsong, aber von seiner Lieblingsband, mit den Mariachi-Trompeten und dem Effekt mit dem Peitschenknall, wurde die Basis für seinen Traum. Er hatte sogar angefangen das Gedicht zu übersetzen, das den Begriff Xanadu im englischsprachigen Raum berühmt gemacht hat. Doch wie Coleridge wurde auch Beaky bei der Arbeit gestört und konnte sie nicht vollenden. Diese Koinzidenz wurde mir bewusst, als ich nach Beakys Tod über das Gedicht recherchierte.

Im Sommer 1797 lebte Samuel Taylor Coleridge im Südwesten Englands und arbeitete an mehreren Gedichten. Er war krank und zog sich auf ein abgelegenes Gehöft zwischen Linton und Porlock im heutigen Nationalpark Exmoor zurück. Ein Arzt verschrieb ihm ein Anodyn, wie man damals schmerzlindernde Tinkturen nannte. Die darin enthaltene kräftige Dosis Opium versetzte ihn in einen von lebhaften Träumen begleiteten Schlaf. Davor hatte er einen Text über Kublai Khan und dessen legendäres Lustschloss Xanadu gelesen und im Schlaf wurde ihm ein 200 bis 300 Zeilen langes Gedicht eingegeben. Später bestand er darauf, dass er zu dieser Ballade ohne jede eigene Anstrengung kam, sie war fertig, und er konnte sie im Traum auswendig lernen. Als er erwachte, setzte er sich sofort an den Schreibtisch und begann das gesamte Gedicht aufzuschreiben. Leider wurde er mitten in der Arbeit von einen Besucher gestört. „A person from Porlock“, jemand aus Porlock, der mit ihm Geschäftliches zu besprechen hatte, klopfte an seine Tür und hielt ihn etwa eine Stunde auf. Als Coleridge danach weiterschreiben wollte, musste er feststellen, dass das Poem bis auf wenige Fragmente aus seiner Erinnerung verschwunden war. Trotzdem das Werk so nur 54 Zeilen lang wurde, und erst 20 Jahre später veröffentlicht wurde, gilt es als eines der bekanntesten englischen Gedichte. Generationen von Dichtern haben sich mit ihm auseinander gesetzt und es hat vielfältigen Eingang in Kunst und populäre Kultur gefunden. „A person from Porlock“ wurde zu einem geflügelten Wort für die unglückliche Unterbrechung einer Arbeit, später auch für eine nicht ganz nachvollziehbare Erklärung, wieso man etwas nicht vollendet hat. 1941 inspirierte das Gedicht Orson Welles für seinen epochalen Film „Citizen Kane“. 1968 machte Dave Dee einen Popsong daraus, in dem er das Schloss seltsamerweise nach Mexiko verlegte. In den 80er Jahren wurde Dave Dee bei einer Massenaudienz der Queen vorgestellt. Elizabeth II. soll gesagt haben: „You’ re the one with the whip!“ Aus Xanadu wurde schließlich ein Musical und die Band „Frankie Goes to Hollywood“ hatte 1984 einen Riesen-Hit mit „Welcome To the Pleasuredome“, der mit der gleichen Zeile beginnt, wie das Gedicht: „In Xanadu did Kublai-Khan a pleasuredome …“

August 1973. Es war ein Freitagnachmittag, ich lag in der schönen, in den Boden eingelassenen Jugendstil-Badewanne in der Schlüterstraße und entspannte mich. Axel, einer der WG-Mitbewohner, klopfte an die Tür und brüllte: „Telefon, Marcus. Scheint wichtig zu sein.“
Ich fluchte, stieg aus der Wanne, warf mir den Bademantel über und lief über den Flur. Ich rutschte aus und legte mich langhin. Abermals fluchend erreichte ich das Telefon im Berliner Zimmer. Er war Beakys Mutter. Sie konnte ihr Schluchzen kaum verbergen, als sie mir berichtete, dass Beaky tot war, er hatte eine Überdosis Heroin genommen. Sie bat mich um einen Besuch und ich sagte zu, am Sonntagnachmittag bei ihr vorbeizukommen. Selten hatte ich soviel Bammel vor einem Gespräch. Ja, ich hatte Bammel, auch so ein Berlinisches Wort das aus dem Jiddischen kommt, „baal ema“ bedeutet soviel wie „furchtsamer Mensch“.
Ich hatte Bammel, weil ich mich verantwortlich fühlte. Ich fühlte mich verantwortlich, schon weil ich zur selben Generation wie Beaky gehörte, weil ich auch über die Politik und die Rock-Musik an die Drogen gekommen war, auch wenn ich bald wieder die Finger davon ließ und Drogenerfahrungen nur noch aus zweiter Hand sammelte. Und ich fühlte mich verantwortlich, weil ich vor meinem Urlaub nicht erkannte, wie groß die Gefahr war, die über Beaky schwebte. Ich wusste nicht, wie ich Beakys Mutter unter die Augen treten sollte, doch ich wusste auch, ich würde mich nicht davor drücken können. Zwei Nächte schlief ich sehr schlecht, Sonntagmittag war ich bei meiner Mutter essen, die mir Mut machte. Beakys Mutter wäre schon froh, wenn ihr jemand zuhörte, der Beaky kannte und ihren Kummer nachvollziehen konnte.

Pünktlich um vier stand ich vor dem Haus neben dem „Bundesplatz-Kino“ und klingelte bei Becker. Nachdem Beakys Mutter und ich einen Moment von Fremdheit und Peinlichkeit überwunden hatte, kamen wir ins Gespräch. Innerlich atmete ich ein wenig auf. Beakys Mutter machte mich nicht verantwortlich, im Gegenteil. Wir saßen in ihrer Küche und sie erzählte mir, was passiert war, als ich in Frankreich war. Sie wusste ziemlich gut Bescheid über die letzten Tage ihres Sohnes. Sie hatte mit fast allen Beteiligten gesprochen.
Sie versuchte mich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen, doch er war präsent, wie eine große dunkle Wolke, die über den Küchentisch schwebte, an dem wir saßen. Sie war inzwischen Patientin bei Professor Philippus geworden. Die Gespräche halfen ihr und er verschrieb ihr auch ein Medikament, das gegen Depressionen und Antriebsschwäche wirkte. Besonders hilfreich war, das Philippus ihren Sohn gekannt hatte und das Beaky ihm intimste Gedanken mitgeteilt hatte. Beakys Vater war entlastet worden, weder für Brandstiftung noch für Pornografie gab es Beweise. Zwei Jahre später wurde das allgemeine Pornografie-Verbot in den Bunderepublik Deutschland aufgehoben. Petra Porlock entschuldigte sich ausdrücklich bei Beakys Mutter, weil sie ihrem Sohn im Verhör mit Vorwürfen über seinen Vater zusetzte, für die sie keine Beweise hatte. Sie hatte einfach spekuliert, weil sie, wie viele Polizistin meinte, dass der Zweck die Mittel heiligt. Es hatte wohl Ende der 50er Jahre einen Verdacht auf Verbreitung jugendgefährdender Bilder gegen Herrn Becker gegeben, aber das Verfahren war wegen mangelnder Beweise eingestellt worden. Puvogel hatte sich relativ gut erholt, er hatte keine bleibende Schäden, doch es blieben einige Gedächtnislücken, was die letzten Tage vor seinem Unfall betraf. Vielleicht hatte er es auch vorgezogen, sich nicht mehr an diese für ihn peinlichen Ereignisse zu erinnern. Da er damit als Zeuge ausfiel stellte die Staatsanwaltschaft die Verfahren wegen schwerer Körperverletzung und Einbruchsdiebstahl ein. Die Suche nach Beakys Komplizen endete damit auch. Es hatte Spekulationen über Puvogel in den Boulevardzeitungen gegeben, da es aber keine Quellen gab, die die Reporter angraben konnten, verschwand die Geschichte nach kurzer Zeit und andere spekulative Stories füllten das Sommerloch. An Petra Porlock hatten sie die Journalisten die Zähne ausgebissen, sie schwieg, wenigstens das gehörte zu ihrer Auffassung von Professionalität.
Jahre später traf ich Ingomar von Puvogel auf einer Nach-Vernissage-Party bei dem inzwischen verstorbenen Galeristen Kunze in der Giesebrechtstraße. Bei ihm hatte sich aus dem Diebstahl der Watteau-Kopie und Beakys Tod eine amüsante Anekdote entwickelt, in der er selbst eine höchst heldenhafte Rolle spielte. Ich war befremdet aber auch fasziniert. Hanna machte nach dem Studium eine Therapeutenausbildung und lebt als Analytikerin in Bielefeld. Von Susanna habe ich nie wieder etwas gehört und der falsche Doktor soll in Amsterdam gelebt haben, bevor sich seine Spur auf den Balearen verlor.

An diesem Sonntag im August 1973 leitete ich nach einem zweistündigem Gespräch langsam meinen Rückzug ein. Das Gespräch mit Beakys Mutter hatte mich Kraft gekostet. Frau Becker betonte noch einmal: „Frieder hat sie bewundert, Marcus. Er hat oft von ihnen gesprochen, er wäre gern wie sie gewesen. Ich glaube, es wäre in seinem Sinne, wenn sie diese Bücher bekommen. Die hatte ihm Puvogel geschenkt und ich möchte sie nicht behalten.“
Damit holte sie eine Reisetasche unter dem Küchentisch hervor, die randvoll mit Büchern gefüllt war. Sie wog deutlich mehr als zehn Kilo. Ich war nicht begeistert über das Geschenk, aber ich konnte es unmöglich ablehnen. Ich wollte eben aufstehen, als ich merkte Frau Becker hatte noch etwas auf ihrem Herzem: „Sagen sie, Marcus. Glauben sie er hat sich umbringen wollen? Aber dann hätte er doch einen Brief hinterlassen, oder?“
„Ich bin mir sicher, das es ein Unfall war. Er war ja wohl runter vom Heroin gewesen, da passieren leider häufig Überdosierungen. Für Selbstmord war er auch überhaupt nicht der Typ.“
Ganz so sicher war ich mir nicht.

Als Beaky wieder auf der Blissestraße steht, ist die Sonne untergegangen und er überlegt, wo er etwas zum spritzen bekommen könnte. Nein, er will nicht wieder damit anfangen. Nur heute bräuchte er einfach ein Hilfsmittel um einmal total abzuschalten und lange zu schlafen. Dann würde die Welt bestimmt wieder heiterer aussehen. Es gibt doch da diesen Laden in der Bundesallee, wo er kurz drin war, als er auf Entzug war. Die „Baustelle“ ist zwar ein angeranzter Schuppen, aber was zum drücken gab es dort bestimmt, eigentlich ist es genau der Laden, den er jetzt braucht.
Die Disco ist noch leer, kaum ein Dutzend Menschen bevölkern den großen Raum. Beaky hat ein merkwürdiges Gefühl, ähnlich wie ein deja vu. Er stellt sich vor, dass bevor er zur Tür hereinkam, die Personen stocksteif wie Wachspuppen gewesen wären. Nur für ihn würden sie jetzt so tun, als ob sie Gäste, D.J. oder Tresenkraft wären. Verbunden mit diesem Gefühl ist die Ahnung etwas Schlimmes könnte passieren. Ja, er ist ziemlich mit den Nerven fertig.
Der D.J. blendet eben zu „Dead Flowers“ von den Stones über und ein Paar betritt die leere Tanzfläche. Beaky setzt sich an die Theke, der wie ein Rocker aussehende Keeper fragt ihn „Cola?“ und Beaky nickt. Er mag den Song und es hört sich so, als ob Jagger seinen Namen singt:

„Take me down little Beaky take me down
I know you think you’re the king of the underground.“

Beaky schaut sich um und überlegt, wen er ansprechen soll. Der Barmann stellt ihm die Cola hin und verlangt eine Mark. Beaky sucht die Münze aus der Tasche und bevor er bezahlt, fragt er: „Sag mal, weißt du, ob hier jemand Pulver verkauft?“
„Geh mal zu dem Kleinen mit der braunen Lederjacke.“
Er zeigt in Richtung der D.J. Kanzel. Dort stehen ein größerer und kleiner Mann.

„Send me dead flowers to my wedding
Send me dead flowers by the mail.
And I won’t forget to put roses on your grave.“

Der größere Mann sieht wie Ricky Shayne aus. Konnte es sein, dass der ehemalige Schlagerstar in so einem Schuppen rumhing? Na ja, er hatte Ricky Shayne mal in Ilja Richters „Disco 72“ gesehen. Da sah er ziemlich breit aus. Beaky dachte oft wenn er Prominente im Fernsehen oder auf Fotos sah, dass diese auf Drogen wären. Der Sänger war bleich gewesen, wirkte irgendwie steif und sang Playback. Das wurde sehr deutlich als er, ungefähr in der Mitte des Songs, das Mikrofon bis auf die Höhe seines Gürtels sinken lies und völlig vergaß es wieder vor den Mund zu halten. Jetzt sieht er allerdings frisch und wach aus. Der kleinere Mann nicht, er fährt sich mehrfach mit der Hand ins Gesicht und reibt darin herum. Eine typische Junkie-Geste. Ja, das könnte sein „Mann“ sein. Der D.J. spielt nun „Break On Through“ von den Doors.

Tried to run
Tried to hide
Break on through to the other side.“

Beaky hat es nicht eilig, im Gegenteil, jetzt wo er so kurz vor der Erfüllung seines Wunsches ist, kommen ihm Zweifel, ob das was er hier tut richtig ist? Neben der Tanzfläche ist ein Baugerüst aufgebaut, an dem eine Leinwand hängt. Darauf wird ein alter Tom und Jerry Film projeziert. Der Kater bekommt Ärger mit einer grimmig aussehenden Bulldogge. Der Mann, der wie Ricky Shayne aussieht verabschiedet sich nun von seinem Gesprächspartner und verlässt dann mit großen Schritten die Disco. Das ist Beakys Stichwort, er läuft langsam ohne Hast hinüber und spricht den kleinen Mann so cool wie möglich an.
Das Geschäft wickeln sie auf der Herrentoilette ab, einem üblen Ort, der selten oder nie sauber gemacht wird. Beaky kauft ein „halbes Halbes“ für 20 Mark. Der Pusher will erst in die Innentasche seiner Lederjacke greifen, besinnt sich aber und nimmt aus seinem Geldbeutel ein Briefchen, das nicht aus Papier sondern aus goldenem Stanniol gefaltet wurde.

1973 dachte ich, Beaky wäre an den Drogen gescheitert. Heute sehe ich das natürlich differenzierter, im Grunde war es eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen und natürlich auch von dummen Entscheidungen, die er getroffen hatte. Er war dabei sich aus dem Milieu der Drogen herauszuarbeiten, doch dann kamen Liebeskummer, Missbrauch und die Behandlung durch eine Polizistin, die ihn vorverurteilte und unter Druck setzte, erneuter Missbrauch eigentlich. In der Folge hatte er einen Rückfall, eine „Abstinenzunterbrechung“, wie es heute die Suchtexperten nennen. Noch der Pusher, der ihm das Heroin verkaufte, hätte es in der Hand gehabt, Beaky vor dem Tod zu retten. Doch der dachte als Geschäftsmann und gab ihm das ungestreckte Zeug, das für Neukunden reserviert war. Hätte Beaky das normale, gestreckte Zeug für die Stammkunden bekommen, wäre eine Überdosis ausgeschlossen gewesen. Es war sein Todesurteil.
Als ich an diesem Sonntagabend zuhause in der Schlüterstraße die Reisetasche mit den Büchern aufmachte, lag obenauf der Gedichtband von Colerigde. Ich schlug den Beginn von „Kubla Khan“ auf.

In Xanadu did Kubla Khan
A stately pleasure-dome decree;
Where Alph, the sacred river, ran
Through caverns measureless to man
Down to a sunless sea.

Dabei fiel ein Zettel aus dem Buch. Auf ihm las ich, in Beakys krakliger Kinderhandschrift, mit dem Bleistift geschrieben, den Anfang des Gedichtes in deutscher Sprache. Etwa 20 Zeilen hatte er offensichtlich selbst übersetzt. Es war sicher nicht die beste denkbare Übersetzung, doch ich fand sie ganz ordentlich.

In Xanadu hat Kublai Khan
ein großes Prachtschloß sich erbaut:
Wo Alph, heiliger Fluss, durchströmte Höhlen
für Menschen nicht ermesslich
hinab zu sonnenloser See.

Oben rechts befand sich ein Datum auf dem Zettel, 13. Juli 1973. War er da nicht schon tot? Ich suchte die Todesanzeige aus meiner Brieftasche, die Frau Becker mir gegeben hatte. Nein, es war sein Todestag. Übersetzt jemand, der Selbstmord machen will, noch ein Gedicht und bricht damit nach einem Drittel ab? Mein Herz schlug schneller, ich begann hastig nach meinem alten Notizbuch zu suchen, in dem die Telefonnummern der Mitschüler notiert waren. Ja, richtig Frieder Becker. Ich lief zum Telefon im Berliner Zimmer und rief Frau Becker an. Erst hatte sie Schwierigkeiten meiner aufgeregten Argumentation zu folgen, doch mit der Zeit konnte ich sie überzeugen, dass ich einen Beweis gefunden hatte. Einen Beweis dafür, das er keine Absicht hatte, sich zu töten.
Der Fund der Übersetzung hatte mich ein wenig beruhigt, ob er auch Beakys Mutter geholfen hatte, konnte ich nur hoffen. Weder von ihr noch von seinem Vater habe ich je wieder gehört. Nur die Bücher, die Puvogel Beaky schenkte, stehen immer noch in meiner Bibliothek und erinnern mich ab und zu an Beaky und sein kurzes Leben.

Beaky hat keine Lust die zwei Stationen von der Güntzelstraße bis zum Bundesplatz mit der U-Bahn zu fahren. Er läuft, der Sommerwind erfrischt ihn. Er wünscht sich das Puvogel nicht aus dem Koma aufwacht und gleich hat er ein schlechtes Gewissen deshalb. Aus einem Fenster hört er den Schlager:

„Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung
Dubdidubdidubdub dubdidub.“

Na super, noch ein Ohrwurm, Cindy und Bert, schlimmer geht’s nicht. Da ist Ricky Shayne noch richtig gut gegen, mit seinem “Ich sprenge alle Ketten und sage nein nein nein nein nein.“
Als er am Volkspark ankommt überquert er die Bundesallee mit der Fußgängerbrücke. Er schaut nochmal in beide Richtungen in den Park, der sich vom Alten Fenn an der Blissestraße, bis zum Schöneberger Rathaus hinzieht. Der Mond ist schon fast voll, es ist Freitag fällt ihm auf. Freitag, der 13. Er ist ein Stadtkind, der Volkspark Wilmersdorf ist, was er sich unter Natur vorstellt. Im Wald oder in den Bergen hat er sich nie wohlgefühlt.
Zuhause hat er es nicht eilig mit dem Schuss. Erstmal geht er in die Küche und setzt einen kleinen Topf mit Wasser auf. Als es kocht, legt er die Spritze hinein und stellt die Eieruhr auf 20 Minuten. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und nimmt sich den Hornby vor, sein englisches Schulwörterbuch. „decree“ schlägt er nach, „order given by a ruler or authority“, das war es, darüber hatte er in der Zelle gegrübelt. Mit Bleistift beginnt er zu schreiben. Etwa eine Stunde arbeitet er, dann klingelt das Telefon. Wer könnte das sein? Vielleicht wegen seiner Mutter. Nein, es ist Frau Porlock, die Polizistin, ihre Stimme hat etwas triumphierendes: „Also, Herr Becker. Ihr Chef ist aufgewacht, ich vernehme ihn morgen vormittag. Kommen sie doch bitte in die Keithstraße. Passt es ihnen um 15 Uhr?“
Natürlich passt es Beaky, was soll er sagen, wie soll er sich entziehen? Sofort ist seine Konzentration weg und er legt nun eine Platte auf. „Sticky Fingers“, die B-Seite. Das erste Stück „Bitch“ mag er nicht besonders, eine up-tempo Nummer mit Bläsersatz ist nicht so ganz sein Fall. Aber sie geht in die Beine und die Zeile „I salivate like a pawlow dog“ bringt ihn immer zum grinsen. Die Amis sagen „smack“ zu Heroin, auf Berlinisch hieße das „Haue“.
„I Got the Blues“ hört er mit Genuss, auch wenn er an Hanna denken muss. Merkwürdig, ursprünglich war Brian Jones der Blues-Guru der Band, doch nun sieht es aus, als ob Mick Taylor, der ihn ersetzt, die Band auch in Richtung Blues beeinflusst. Trotzdem wird Mick Taylor nie einen Brian Jones ersetzen können.
Als er die ersten Akkorde von „Sister Morphine“ erkennt, läuft er in die Küche und holt die ausgekochte Spritze, einen Löffel, Zitronensaft und ein Teelicht. Auf seinem Schreibtisch versammelt er nun alle Ingredenzien für den Schuss. Sein Feuerzeug, Zigaretten, ein Gummischlauch kommen dazu.

„Well it just goes to show things are not what they seem
Please, Sister Morphine, turn my nightmares into dreams.“

Ob es wohl stimmt, das Marianne Faithfull den Text für Sister Morphine geschrieben hat, oder ist das Legende? Oder wurde es erfunden um mehr Platten zu verkaufen? Oder ist beides wahr?

„What am I doing in this place?
Why does the doctor have no face?“

Beaky spritzt Zitronensaft auf den Löffel, dann öffnet er das Päckchen. Es sieht gut aus, feines, braunes Pulver. Mit der Messerspitze entnimmt er Pulver und gibt es auf den Löffel. Ja, ruhig noch ein bißchen mehr. Er will Ruhe, richtig Ruhe: „Moonlight Mile“.

Just another mad mad day on the road.“

Er trennt den Filter von einer Zigarette, dann kocht er das Gemisch auf und zieht es durch den Filter in die Spritze.

„I’m hiding sister and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile.“

Er bindet den Stauschlauch um den linken Oberarm, sucht eine Vene. Kein Problem, die Kanüle dringt butterweich ein. Ein Fädchen Blut im Kolben zeigt ihm, er hat getroffen. Langsam drückt er den Stoff in die Blutbahn. Die Wirkung kommt mächtig. Er hat Angst, kann nicht mehr atmen, sein Herz ist ein einziger Schmerz. Dann lichtet sich der weiße Nebel. Er ist wieder in Xanadu, er sieht den herrlichen Palast und diesmal ist er nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Er hat nun keine Angst mehr, er fühlt sich sicher und geborgen und er hofft dieses Gefühl würde für immer anhalten.

„I got silence on my radio
Let the airwaves flow
Let the airwaves flow.“

Ende –

– Die Illustration stammt wieder von Rainer Jacob: rainerjacob.com

– Um Xanadu hintereinander im Blog zu lesen, sollte man die Such-Funktion benutzen und “Xanadu Kapitel Eins” “Xanadu Kapitel Zwei” usw. eingeben.

– “Die Legende von Xanadu” wird eine Fortsetzung bekommen. Sie hat natürlich einen anderen Helden, aber den Erzähler und andere Figuren aus Xanadu werden wir wiedertreffen. Die Fortsetzung wird im wesentlichen 1981, vor dem Hintergrund der Berliner Punk- und Hausbesetzer-Szene spielen. Ich habe mit dem Schreiben des Romans angefangen und Rainer Jacob wird ihn wieder illustrieren, worüber ich mich sehr freue. Der Roman trägt den Titel “Ein Hügel voller Narren” und wird wieder hier im Blog vorveröffentlicht.
Das erste Kapitel heißt “Bela Lugosi ist tot”:
http://wp.me/p3UMZB-PT
– Meine Romane sind fiktiv, aber nicht erfunden. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, habe ich Namen und Details verändert.

Familienportrait – „Das Brennen“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Elf / 1973 / von Marcus Kluge

Beaky wurde unsanft aus seinen Träumen geholt, als jemand an seiner Schulter rüttelte. Zu seiner Verblüffung erkannte er seinen Vater vor sich. Was machte sein Vater hier, bei der Kriminalpolizei in der Keithstraße? Bevor er zuende gedacht hatte, fragte dieser: „Junge, Frieder, was machst du denn hier? Und wieso haben sie dich angekettet?“
Beaky schüttelte den Kopf und formulierte etwas umständlich: „Sie denken, ja also, ich hätte meinen Chef umbringen wollen. Aber das ist natürlich Quatsch, ich hoffe die merken bald, dass ich kein Mörder bin.“
„Den Puvogel? Den Antiquitätenhändler? Als ob es nicht genug zwielichtige Bekannte von ihm gäbe, denen sowas zuzutrauen ist.“
Beaky hatte inzwischen bemerkt, dass auch sein Vater gefesselt war. Der Unifomierte neben Becker senior hatte sich eine Zigarette angezündet und war offensichtlich bereit, Vater und Sohn ein kurzes Gespräch zu gewähren. Herr Becker wollte nicht auf eine Frage warten, er hob seine Hand und zeigte Beaky den Metallring um sein Handgelenk: „Mich wollen sie wegen Brandstiftung drankriegen. Ich soll meine Kneipe angezündet haben. Du weißt doch wie ich an dem Schuppen hänge. Frieder. Niemals würde ich sowas tun.“
Sie tauschten noch ein paar belanglose Sätze aus, dann drängte der Beamte zum Aufbruch, Vater und Sohn wünschten sich Glück und verabschiedeten sich. In Beakys Hirn türmte sich ein weiteres Fragezeichen auf die schon vorhandenen. Könnte sein Vater sowas gemacht haben? Die Kneipe lief ja nicht gut, wollte er die Versicherung kassieren? Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er mochte seinen Papa nicht so sehr wie seine Mutter, doch war er immer eine verlässliche Größe in seinem Leben gewesen, nun wurde ihm bewusst, wie wenig er eigentlich über seinen Erzeuger wusste.

Lange hatte er nicht Zeit darüber nachzudenken, dann wurde auch er abgeführt. Man brachte ihn in ein Zimmer im Souterrain, Licht fiel nur durch eine Art Oberlicht und außer Tisch und Stühlen war der Raum leer. Es dauerte nicht lange, dann erschien Petra Porlock mit einem Stapel Akten unter dem Arm, in ihrem Schlepptau folgte ein junger Uniformierter.
„Also Herr Becker, ich bin ja etwas sauer auf sie. Ich mag es nicht angelogen zu werden. Und gleich zweimal. Sie wissen doch wovon ich spreche?“
Beaky hatte sich vorgenommen erstmal gar nichts zu sagen, den Tipp hatte ihm der “Doc” mal gegeben. Er hätte gern die Arme verschränkt, aber mit der linken Hand war er immer noch an ein Tischbein gekettet. Also schaute er, etwas betreten, auf die Tischplatte vor sich.
Einige Minuten passierte gar nichts, Petra kuckte an die Zimmerdecke, nickte freundlich dem Polizisten zu, während Beaky merkte, wie ihm die Situation zunehmend unangenehm wurde.
„Wissen sie, Beaky, so werden sie doch genannt. Ich kenne dieses Spiel gut und versichere ihnen, ich kann es besser und vor allem länger spielen als sie. Tun sie sich einen Gefallen und beantworten sie meine Fragen, damit wir beide hier irgendwann wieder rauskommen. Wieso haben wir heute morgen das Gemälde aus Puvogels Galerie in ihrem Zimmer gefunden?“
Beaky machte den Mund auf, wollte sprechen, aber nur ein kläglicher Laut kam aus seiner Kehle. Petra wies den Beamten an, Beakys Handfessel zu lösen. Der Befreite rieb sich das Handgelenk, räusperte sich und sagte: „Mein Chef hat mir das Bild zum Aufbewahren gegeben. Ich kann mir nur denken, wieso. Ich habe mich nicht getraut zu fragen.“
„Und, was denken sie?“
„Na ja, es sieht nach einem Versicherungsschwindel aus, oder?“
„Gut, ich werde das prüfen, aber überzeugt bin ich nicht von ihrer Theorie.“

Es wird ein langes Verhör. Petra stellt immer wieder die gleichen Fragen und Beaky bemüht sich, nicht in eine von ihren Fallen zu tappen. Er hält sich gut, findet er. Doch dann zieht Petra ihr Netz enger, sie spielt einen weiteren Trumpf aus: „Also, sie haben zugegeben, dass sie die perversen Fotos gesehen haben, was ich übrigens sowieso wusste, weil überall ihre Fingerabdrücke darauf sind. Also, entweder er hat sie gezwungen, oder er hat sie betäubt? Es kann natürlich auch sein, das sie sich wie ein kleiner Stricher vom Bahnhof Zoo, haben bezahlen lassen? War es nicht so? Haben sie sich nicht verkauft, um sich Drogen von dem Geld zu besorgen?“

Beaky hat feuchte Augen und seine Wangen brennen. Obwohl es kühl ist, schwitzt er und er hat furchtbaren Durst. Der Polizist sitzt mit versteinerter Miene neben der Tür und hört alles mit, was ihm besonders peinlich ist. Er beschließt zuzugeben, was in Puvogels Wohnung geschah. Er hofft, dieses unerträgliche Verhör kommt dann zu einem Ende: „Nein, ich habe nichts bekommen. Ich war vor ein paar Tagen bei ihm und ich glaube, er hat mich betäubt und die Scheißbilder gemacht, das Schwein.“ Die letzten Worte werden zu einer Art Winseln, er ist mit seinen Nerven am Ende, nun hat er auch noch Schmerzen in seinem Knie.
Aber Petra treibt Beaky weiter vor sich her: „So, da hatten sie ja allen Grund wütend auf ihn zu sein, sie sind ja immer noch außer sich. Und traf sie dieser Missbrauch nicht an einer ganz besonders empfindlichen Stelle? Weil schon ihr Vater perverse Bilder von ihnen gemacht hat?“
Aus seinem Mund kommt nur noch ein Flüstern: „Mein Vater? Was hat der denn damit zu tun?“
„Stellen sie sich doch nicht dumm, sie müssen sich doch erinnern können. Ihr alter Herr ist übrigens auch gerade hier. Dreimal dürfen sie raten wieso?“
„Wegen Brandstiftung ist er hier.“
„Ja, und praktischerweise ist sein kleines Fotostudio mitsamt den Bildern auch verbrannt. Ein toller Zufall.“
Beaky schüttelte seinen Kopf verzweifelt, als ob er damit die letzten Sätze wieder ausradieren könnte und er sagt jetzt nichts mehr.

Er ist froh, das Verhör hinter sich zu haben. Er freut sich fast, jetzt allein in einer Zelle zu sein, er liegt auf der Pritsche und hat die Augen geschlossen, langsam beruhigt sich der Schmerz im Knie. Draußen ist es ein heißer Sommertag in diesem Juli 1973, das vergitterte Fenster ist geöffnet und der Wind trägt einen alten Schlager an Beakys Ohren: „Ich sprenge alle Ketten“. Trotz seiner beschissenen Situation muss er über die Ironie des Zufalls grinsen. Ricky Shayne, er erinnert sich, das war ein Star in den 60ern gewesen.
Am späten Nachmittag schläft er ein, dann gibt es Abendbrot, schlichtes Graubrot mit Tilsiter, er isst hastig und bis zum letzten Krümel alles auf. Um 22 Uhr wird das Licht gelöscht, er freut sich auf den Schlaf, doch der hat keine Gnade mit ihm. Immer wieder erscheinen die Fotos, auf denen er aussieht wie ein Opfer mit einem Strick um den Hals, vor seinem inneren Auge. Hat Frau Porlock wirklich das Wort „Kinderpornografie“ gesagt, oder bildet er sich das ein? Ihm wird heiß, schwindlig, er glaubt zu fallen, obwohl er liegt. Es riecht verbrannt in der kleinen Zelle. Dann kommt die Angst, es ist Todesangst, ihm ist als würde er jetzt in diesem Moment sterben. Er steht auf, hämmert gegen die Tür, bis ein schlecht gelaunter Wärter auftaucht: „Woln se alle wachmachn?“ Immerhin hört er dann zu, murmelt „Zellenkoller“, haut ab und kommt mit einer Pille zurück: „Noch en Mucks, denn wird’s die Jummizelle.“

Der nächste Tag zieht sich schleppend dahin, wobei es in der Zelle immer wärmer und schwüler wird. Er hatte schon vormittags mit weiteren Verhören gerechnet, doch nichts passiert. Erst am frühen Abend erscheint Petra Porlock, er steht auf, doch sie bedeutet ihm mit einer Geste wieder auf dem Bett Platz zu nehmen. Sie selbst setzt sich auf den einzigen Stuhl: „Also, ich will fair sein, aber auch nicht verschweigen, dass ich sie immer noch für hochgradig verdächtig halte. Ihr Chef ist nach wie vor im Koma, die Ärzte haben da keine Prognose. Allerdings wird er möglicherweise einen bleibenden Schaden haben, weil die Blutversorgung zum Gehirn unterbrochen war. Man weiß nicht wie lange. Ich hatte gehofft, er kann aussagen, aber es sieht nicht so aus. Ihre Mutter hatte einen Kreislaufzusammenbruch, da dürfen sie ruhig ein gehörig schlechtes Gewissen haben. Die arme Frau hat mit ihnen nur Kummer und Sorgen. Sie liegt im Gertrauden-Krankenhaus, bekommt Infusionen, braucht Ruhe und wird ein paar Tage dort bleiben.“
Petra macht eine Pause und sieht ihr Gegenüber prüfend an. Dann wird ihr Ton eine Nuance freundlicher: „Wissen sie das sie einen Freund haben? Ihr Doktor.“
Beaky wird übel, spricht sie von seinem Freund, dem “Doc”, der mit den 10 000 Mark abgehauen ist? Erst als Petra fortfährt, atmet er erleichtert auf, nein sie meint einen anderen, einen richtigen Arzt.
„Dieser Professor Philippus, ihr Seelenklempner, hat mit dem Staatsanwalt gesprochen. Der Mann scheint gute Kontakte zu haben. Jedenfalls hat er behauptet, Puvogel hätte sich bei irgendeiner sexuellen Handlung selbst stranguliert. Na ja, unsere Gerichtsmediziner prüfen das. Da ich im Moment, und ich betone im Moment nicht genug gegen sie in der Hand habe, sie einen festen Wohnsitz und rein theoretisch auch einen Job haben, lasse ich sie erstmal frei. Sie können ihre Mutter besuchen, aber wenn sie auch nur einen verdächtigen Schritt machen, sei es sie kaufen sich großformatiges Zigarettenpapier oder steigen in einen Bus nach Spandau, gehört ihr Arsch wieder mir und ich lasse sie in Ketten legen. Haben sie das verstanden?“
„Ja, Frau Porlock. Danke und glauben sie mir, ich habe Puvogel nicht einmal angefasst.“
„Nun ja, lassen wir das. Wir sehen uns auf jeden Fall. Adschö Herr Becker.“

Perilog
Als ich Anfang August des Jahres 1973 aus dem Urlaub in Frankreich zurückkam, war Beakys Schicksal bereits besiegelt. Ich konnte nichts mehr für ihn tun. Doch auch wenn ich in Berlin gewesen wäre, hätte ich wohl keinen Einfluss auf die Geschehnisse gehabt, die ihn letztlich das Leben kosten sollten. Trotzdem habe ich mir Vorwürfe gemacht. Schon damals hatte ich die Idee über sein Leben zu schreiben, doch ich merkte, dass mir der Abstand fehlte und es wurde nichts daraus. Woran war Beaky gescheitert? Wenn ich es auf einen Aspekt reduzieren müsste, würde ich sagen es waren die Drogen, an denen er scheiterte. Damals sah ich das auf jeden Fall so. Diese Erkenntnis half mir sogar in gewisser Weise, denn ich begann Drogen sehr viel kritischer zu sehen, als es der Zeitgeist es tat. Nachdem ich selbst mit Drogen experimentiert hatte, wurde ich nun abstinent, ich hatte Angst wie Beaky zu enden. Ich fürchtete mich vor Sucht, Überdosierungen und schlechten Trips, also ließ die Finger von den Substanzen. Vielleicht am meisten fürchtete ich ins Gefängnis zu kommen. Eine solche agressive Männerwelt stellte ich mir als Hölle für mich vor. Aber der Bereich Drogen und Gifte blieb in meinem Blickfeld. Ohne das ich mir es vorgenommen hätte, begann ich Bücher über zum Thema zu sammeln. Hauptsächlich auf Flohmärkten und in Antiquariaten fand ich sowohl Belletristik als auch Sachliteratur. Von Louis Lewins Standardwerk „Phantastika“ über Scheidts „Die Behandlung Drogenabhängiger“, pharmakologischen und toxikologischen Fachbüchern bis zu de Quinceys „Bekenntnissen eines englischen Opiumessers“ oder Karen Boyes Science-Fiction-Klassiker „Kallocain“. Und ich begann auch Geschichten zum Thema zu sammeln. Ich hielt Kontakt mit alten Schulfreundinnen und Freunden, die zu Jüngern von Halluzinogenen, Narkotika oder Aufputschmittel geworden waren und ich hörte stundenlang zu, wenn sie mir von ihren Erfahrungen erzählten. In gewisser Weise wurden Literatur und erzählte Geschichte für mich zu Substituten für die eigene Erfahrung, die ich scheute. Jahrelang war es mein Ziel darüber zu schreiben, dramatische Romane stellte ich mir vor, auch Krimis über ausgetüfftelte Giftmorde wollte ich mir ausdenken.
Ich versuchte mich darin, doch ich war mit meiner Schreibe sehr unzufrieden, mir fehlte Erfahrung, Übung und ein Plan. Ich wusste nicht, wieso ich etwas schreiben sollte und für wen. Ich wusste noch nicht einmal, was ich für mich selbst schreiben sollte. Dazu hätte ich ja wissen müssen, wenigstens ungefähr, wer ich war und was meine Bedürfnisse waren, doch von solchen Erkenntnissen war ich Jahrzehnte weit entfernt.
Alles was ich zu Papier brachte war holprig, gewollt und unzulänglich. Dazu kam, damals in den 1970er Jahren hatte ich eine leicht paranoide Einstellung gegen Polizei und Justiz. Ich befürchtete, selbst wenn ich Namen und Umstände verschlüsselte, könne die Exekutive meine Freunde und Bekannte aus der Drogenszene verfolgen, vielleicht war das weit hergeholt. Denn diese war hauptsächlich beschäftigt die RAF, oder andere „Staatsfeinde“, wie das Sozialistische Patienten-Kollektiv zu verfolgen. Drogendelikte hatten noch nicht den Stellenwert wie später. Richard Nixon hatte zwar schon 1972 den „Krieg gegen die Drogen“ erklärt, aber in Deutschland dauerte es noch Jahre bis diese repressive Welle angespült wurde.
Es blieb also viele Jahre beim „schreiben wollen“. Erst zu Beginn der 80er Jahre fing ich an regelmäßig Texte auf meiner Schreibmaschine zu tippen. Doch Beakys Geschichte war mir noch zu nah. Es folgten Jahrzehnte, in denen ich neben der Arbeit nichts mehr Persönliches schreiben konnte. Es mussten 40 Jahre vergehen, bis mir seine Geschichte wieder einfiel und ich mir zutraute sie zu Papier zu bringen. Im Herbst 2013 schrieb einen Text über ein Pink Floyd Konzert Anfang 1970 und da war er wieder, Beaky. Und der langhaarige Junge mit der Schnute und der Fransenjacke erstand vor meinem geistigen Auge auf und forderte einen Tribut. Ich begriff, dass es ihm schuldig war, sein Leben, oder wenigstens sein tragisches Ende, für die Nachwelt festzuhalten…

Beaky verlässt das Polizeigebäude in der Keithstraße und läuft los, ohne nachzudenken wohin. Er will einfach nur weg und das laufen tut ihm gut, obwohl es heiß ist und er schnell anfängt zu schwitzen. Es ist kurz nach sechs, er kauft schnell noch Zigaretten, bevor die Läden zumachen. Plötzlich steht er vor dem Aquarium, er setzt sich auf eine Bank und raucht eine Camel mit Filter. Zum ersten Mal seit zwei Tagen entspannt er sich ein bisschen. Dann geht er die Budapester Straße lang,am Bikini-Haus und dem Zoo-Palast vorbei, zum Vorplatz des Bahnhofs Zoo. Den Bahnhof Zoo hat er immer gemieden, die Stricher und verkommenen Junkie-Gestalten stoßen ihn ab. Aber jetzt will er doch noch ein paar Blumen kaufen, tatsächlich findet er einen offenen Laden in West-Berlins einzigem Fernbahnhof. Dann stellt er sich an die Haltestelle des 60er Busses, der ihn zur Blissestraße bringt. Von dort sind es nur zwei Ecken zum Gertrauden-Krankenhaus.

„Hallo Mama, wie geht’s dir denn?“
„Ach Frieder, die Blumen sind aber schön. Das wär doch nicht nötig gewesen.“
„Doch Mama, das war nötig. Ich hab ein total schlechtes Gewissen, dass du wegen mir krank bist.“
„Ach Quatsch. Ich hab wohl zu wenig getrunken und bin dann bei der Hitze umgekippt. Der erste Lack ist halt ab bei mir. Nu geh aber gleich mal zu den Schwestern und lass dir ‘ne Vase geben.“
Die Krankenschwestern tragen alle merkwürdige Kutten, das müssen Nonnen sein. Beaky überlegt, wie man die anspricht.: „Bitte Frau Schwester, hätten sie ein Blumenvase für mich?“
Beaky versucht seine Mutter zu beruhigen, er stellt sich als rehabilitiert dar, wobei er in Wirklichkeit Angst hat. Angst, Petra Porlock könnte seinen Plan aufdecken und herausfinden, dass er selbst der Anstifter war. Wenn Puvogel aufwachen sollte, wäre er geliefert. Er hofft seine Mutter merkt nicht, wie es wirklich um ihn steht.
„Pass auf dich auf, Junge. Und iss was Vernünftiges, im Eisschrank sind Bouletten und Kartoffelsalat, die müssten noch gut sein.“
„Ich komme morgen wieder, Mama und ich liebe dich. Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“

wird fortgesetzt –

Die Personen und die Handlung von “Die Legende von Xanadu” wurde von wahren Vorbildern und Ereignissen inspiriert, ist aber eine fiktive Geschichte geworden. Zu meiner eigenen Überraschung ist auch der Erzähler, der ja Ähnlichkeit mit mir hat, zur Kunstfigur mutiert. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, habe ich, wo es nötig war Namen und Details verändert. Die letzte Fortsetzung der Geschichte trägt den Titel „Moonlight Mile“. https://marcuskluge.wordpress.com/2014/07/19/familienportrait-moonlight-mile-die-legende-von-xanadu-kapitel-zwolf-1973-von-marcus-kluge/

Die Illustration stammt von Rainer Jacob. Mehr von ihm:
http://www.rainerjacob.com

 

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