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Familienportrait Teil 21 – “Pseudo-Schule, ein Pferd ohne Namen und innere Emigration” / Nach der Revolte 1970-77

Die 68er Revolte endet für mich am 21.3.1970. Die Friedrich-Ebert-Oberschule wirft mich hinaus, die Formulierung “verläßt das Gymnasium, um auf einen anderen Zweig der Oberschule zu wechseln” bedeutet für mich, Abi kann ich vergessen. Auch ein Gespräch mit dem Schulrat ändert nichts. Der CDU-Mann wird später im Bauskandal um Stadtrat Antes eine unrühmliche Rolle spielen. Mir vertraut er an, “Mit ihren politischen Aktionen haben sie eine Menge Leute verprellt, da gibt es keinen Weg zurück.”

Danach gehe ich auf eine Privatschule. Schnell wird mir klar, dass von dort eine Hochschulreife auch nicht zu erreichen ist. Eigentlich spielt man nur Schule, alle tun so als ob und die Eltern zahlen Schulgeld. Das im Grunewald gelegene, nach Immanuel Kant benannte Institut ist ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen. Die Lehrer mussten aus unterschiedlichen Gründen die staatlichen Schulen verlassen. Wir Schüler können uns denken wieso. Der Deutschlehrer ist ein unberechenbarer Choleriker, der Mathelehrer hat schon morgens eine Schnapsfahne und der Biolehrer versucht krampfhaft zu verbergen, dass er eine erotische Neigung zu kleinen Jungs hat, was ihm leider überhaupt nicht gelingt.

Auch die Schüler sind in staatlichen Schulen unliebsam aufgefallen, die meist betuchten Eltern hatten irgendwann keine Lust mehr, sich von verbeamteten pädagogischen Besserwissern einbestellen zu lassen und zahlen nun dafür, dass sie von ihren missratenen Sprößlingen nichts mehr hören. Also tun Lehrer und Schüler so als ob, es ist für beide Seiten von Vorteil. Die Lehrer werden fast fürs Nichtstun bezahlt und die Schüler werden in Frieden gelassen, solange sie halbwegs regelmäßig vorbei schauen.

BildWir amüsieren uns

So etwas wie Klassendisziplin gibt es nicht, es wird gequatscht, gegessen, getrunken und es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Lehrer die sich nicht durchsetzen können, werden gnadenlos vorgeführt. Besonders der schwule, stark effeminiert wirkende Biologie-Lehrer Hauser wird zum Gespött der Klasse. Ein Mitschüler ist der damals schon hochkreative, spätere Comiczeichner Bernd Pohlenz. Dieser erfindet ein witzig-satirisches Epos über die Abenteuer des Lehrers Hauser und die von ihm angehimmelten Mitschüler in zahllosen Fortsetzungen. Wir amüsieren uns köstlich.

Ein anderer Zögling, der mein Interesse erregt ist der smarte, gutaussehende Conrad, genannt Connie, dessen Lieblingswort “cool” ist. Connie kennt Gott und die Welt, er selbst nennt seine Bekanntschaften “Connections”. Ich muss zugeben, ich fand Connie eine Zeit lang wirklich sehr cool.

BildAbwege

Zu seinen Bekanntschaften gehören einige G.I.s, die am payday halbe Gallonen Jim Beam und stangenweise Zigaretten anbringen, die sie im PX steuerfrei gekauft haben. Connie gibt ihnen D-Mark und ich glaube auch Grass im Tausch dafür. Ab und zu ließen sich Musiker auch die ein oder andere Fender-Gitarre besorgen, die kosteten im PX ein Bruchteil dessen, was Berliner Musikaliengeschäfte verlangten. Der Army rationiert irgendwann Alkohol und Zigaretten, es wird auch schwierig die schönen Telecasters und Strats zu erwerben, so das Connies Handel einschläft.

In den Sommerferien wohnen wir in der Wohnung von Connies verreister Mutter. In einer Nacht im SOUND, der berühmt-berüchtigten Disco in der Genthiner Straße 26, lernen wir die junge Su kennen. Sie kommt mit uns und wir erleben eine kurze, aber intensive Ménage à trois. Leider geht Su in die USA, ich mochte sie gern. Einmal, kurz nach dem Mauerfall, telefonierten wir noch einmal, sie lebte damals in Boston und arbeitete für eine Bank.

Connie nimmt mich in einen kleinen Club in Halensee mit, in dem ich Natascha kennenlerne. Natascha ist Stripteasetänzerin, sie arbeitet in der Dorett-Bar, einem Animierschuppen in der Fasanenstraße. Mit Natascha habe ich eine kurze Affäre. Sie sieht wie Marylin Monroe aus und hat immer gute Laune. Ihr Nackttanzen stört mich nicht, doch bald bekomme ich mit, dass sie auch anschaffen geht, damit habe ich ein Problem. Zusätzlich merke ich, dass sie Heroin schnupft. Ich beende die Beziehung.

BildKudamm 1971

Als ich wieder in den Club gehe, wird mir plötzlich klar was dort läuft. Jeder zweite hat Stecknadelpupillen und wenn der DJ “A Horse with No Name” von America spielt, nickt eine Mehrheit wissend im Takt, Horse ist ein gebräuchlicher Szenename für Heroin und das Lied handelt von einem Entzug. Glücklichweise bin ich für das Zeug nicht anfällig.

Anfang der 70er Jahre gilt West-Berlin als Welthauptstadt des Heroins. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kam. Es gibt Verschwörungstheorien, manche haben die Stasi im Verdacht, andere die CIA. Tatsächlich kannte ich nicht wenige Menschen, die Ende der 60er politisch aktiv waren und dann in den 70ern zu Drogen greifen. Viele landen bei harten Sachen, fangen an zu spritzen und einige sterben daran. Andere radikalisieren sich und gehen in den Untergrund. Some go to Goa.

BildVerweigerung

BildExile on Main Street

Obwohl die 68er Revolte nicht total gescheitert ist, denn die Gesellschaft hat sich tatsächlich verändert, ist die Niederlage doch bei allen Teilnehmern spürbar und jeder hat eine eigene Art, damit umzugehen. Ich verweigere mich, gehe für mehrere Jahre in eine Art innere Emigration. Beruf oder Karriere spielen keinerlei Rolle für mich. Ich schreibe nicht, musiziere nicht, fotografiere nur etwas, arbeite ein paar Stunden in einem Buchladen oder als DJ und ich lese viel. Spät aber doch irgendwann begreife ich, dass ich mit meiner Verweigerung nur mir selbst schade. Zum ersten Mal im Leben wird es mir langweilig und ich beende mein “Exile on Main Street” und breche auf, zu neuen Ufern.

Update Halloween 2015: Connie habe ich nur einmal wiedergetroffen, Ende der 80er Jahre in den Thermen am Europa-Center. Aus ihm ist ein Kunstsammler und Händler geworden. In den letzten Tagen habe ich an diese Zeit und besonders Su denken müssen. Gestern habe ich sie auf Facebook gefunden. Wir freuen uns über unser Wiedertreffen. Ich werde ihr meinen Xanadu-Roman schicken, der die Zeit in der 70er Jahren beschreibt, in der wir uns kennenlernten. Su lebt heute in Florida, studiert wieder und macht ihren Bachelor in Fotografie.

BildAufbruch

M.K.

Alle bisher veröffentlichten Familienportraits sind auf der Serien-Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-1

Der Xanadu Roman:

http://wp.me/P3UMZB-Rw

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Meinen kleinen Rückblick zum 2. Geburtstag des Blogs, beende ich mit einer Zeitreise ins Jahr 1977, als sich im Punk House am Lehniner Platz die West-Berliner Punkszene konstituierte. Meiner Freundin Cordula Lippke bin ich für diese unterhaltsam-authentische Zeitstudie sehr dankbar, zumal ich selbst erst später in diese Szene kam. Ich lernte Cordula beim Zensor kennen, für den sie arbeitete und dadurch quasi automatisch die West-Berliner Musiker und hier gastierende Künstler kennenlernte. Zu gern würde ich deshalb eine Fortsetzung von Cordulas Text lesen und ich weiß, dass es vielen Lesern ebenso geht. Sie wird auch kommen, die Fortsetzung, da bin ich sicher. Aber wie ich gestern feststellte, manches kann man nicht erzwingen: “You Can’t Hurry Love” und auch das Schöpferische ist eigensinnig, es kommt wenn es da ist. Aber erst einmal: Vorhang auf für einen Besuch im West-Berlin der 70er Jahre. M.K.

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Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

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Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Illustrierte Lesung – “Die Legende von Xanadu – 1973” / 19. März 2015 – Kulturwerkstatt Danckelmannstr. 9a – 20 Uhr

Brandstifter

Marcus Kluge liest aus seinem ersten Roman und anderen Texten über die Mauerstadt. Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen des Romans, daneben schaut der Autor auf die Punk- und Hausbesetzer-Szene in West-Berlin zurück. Die Lesung wird durch Zeichnungen von Rainer Jacob und Originalfotos aus dem Archiv des Autors illustriert.

“Im März 2014 begann ich eine Kurzgeschichte über einen ehemaligen Schulfreund zu schreiben. Das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn war als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nahm. 1973 starb er an einer Heroin-Überdosis und ich hatte das Bedürfnis zu erzählen, wie es dazu kam. Das Thema packte mich derart, dass, zu meiner eigenen Überraschung, ein Roman daraus wurde.”
Marcus Kluge

Der Inhalt des Romans:

Beaky hat einen Plan, doch wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat Beaky aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…

Marcus Kluge liest aus “Die Legende von Xanadu” und stellt die Crowdfunding-Kampagne für die Buchausgabe vor.

19. März in der Kulturwerkstatt Danckelmannstraße 9a/14059 B.

Einlass: 19.30h Beginn: 20h

Karten: 8.-/4.-(erm.) Euro – Kartenbestellung per E-Mail blindepassagiere@gmx.de

Leseprobe:

Berlinische Leben – “Nachruf: Alexander Kögler” 8.8.1957 – 30.8.2014 / Directors Cut Version von H.P. Daniels

(Für alle, die nur die kürzere Tagesspiegel-Version kennen, dokumentiere ich die H.P.s eigene Langfassung. M.K.)

Selbst Rockstar werden? Das wäre mit Arbeit verbunden. Wie uncool! 

In der West-Berliner Szene war er der lässigste. Es fehlte ihm nur an Beständigkeit. Seine „15 Minutes of Fame“ dauerten immerhin 16 Monate. So lange betrieb er das „Risiko“.

Zum Schluss bekam er Morphium. Nach schweren Operationen wegen eines Gehirntumors, erst im Krankenhaus, dann in einem Tempelhofer Hospiz. Geschwächt von Hepatitis, Leberzirrhose und neuen Tumoren. Am Ende Morphium. Gegen die Schmerzen, gegen die Angst, gegen das Leben, und dessen letzte Härten. So keuchte sich Alex Kögler aus dem Leben, segelte davon. Sabina war bei ihm, hörte auf seinen röchelnden Koma-Atem, hat sein Verschwinden auf Fotos festgehalten. Als sie ihn selbst nicht mehr festhalten konnte. Im Leben. Als er auch längst schon nicht mehr der Alex war, den sie einst gekannt hatte, mit dem sie etliche Jahre gemeinsam gelebt hatte, frühere Jahre, lange her. Mit Auf und Ab. Und An und Aus.

Äußerlich war Alex kaum mehr wiederzuerkennen, aufgedunsen, zahnlos, weiß- und schütterhaarig. Ein greisenhafter Mann mit 57.

Morphium gegen die finalen Schmerzen. Vorher waren es andere Drogen gewesen. Seine Medizin: Alkohol, Amphetamine, Heroin. Und immer wieder und noch mal: Alkohol. Bis zur Bewusstlosigkeit.

Seine Eltern hatten sich getrennt als er sieben Jahre alt war. Sein Vater, ein bekannter Maler, war fortgegangen aus Berlin, nach Karlsruhe, als Professor an die dortige Kunstakademie. Die Mutter hat Alex in ein Internat am Starnberger See geschickt. Die Schule hat er abgebrochen, und dann – zurück in Berlin – hat er auch eine angefangene Fotografenlehre bald wieder hingeschmissen. Es war die einzige richtige Arbeit, der er je nachgegangen ist. Eine gute Zeit, wie er sich später erinnerte.

Es heißt, dass Süchtige emotional stehen bleiben in dem Lebensjahr, in dem sie der Sucht zum ersten Mal nachgeben. Alex war 15, als er mit dem Heroin anfing. Und er ist sein Leben lang ein kleiner Junge geblieben. Und ein Süchtiger. Der noch als Erwachsener diese weichen, jungenhaften Gesichtszüge trug und vor jedem Spielzeugladen stehen blieb, sich begeistert am Schaufenster die Nase platt drückte, bevor er sich wieder etwas in die Vene drückte.

Weihnachten war er immer bei seiner Mutter. Sie wollte das so, hat seine Gesellschaft erwartet, und er hat sich nie geweigert. Ein Ritual, das eigentlich nicht passte zu seiner Coolness und Antispießerattitüde. Genauso wenig wie bestimmte Redewendungen, die er gerne benutzte: “Ach, wie süß!” oder “Ist das niedlich!”. Ganz ohne Ironie.

Aber sonst war Alex wirklich ein cooler Typ. Auch, oder vielleicht gerade, weil er nicht so rumlief, wie es damals in der harten Berliner Leder- und Nieten-Punkszene üblich war. Als nichtberlinernder Berliner gab er sich als Dandy in feinen Maßanzügen, edlen Hemden und Krawatten, Mänteln aus erlesenen Stoffen und schicken Schals. Farblich alles geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Und weil er ein blendend aussehender Typ war, wie ein Film- oder Rockstar, mit kräftigen dunklen, leicht graumelierten Haaren, wie eine Mischung aus Tony Curtis, Richard Burton, Robert Mitchum und Bryan Ferry, wirkte seine Aufmachung weder lächerlich noch maskiert. Sogar die wildesten Punks fanden ihn cool.

Alex stach heraus aus der Menge. Auch Sabina ist er sofort aufgefallen, als sie ihn das erste Mal sah. Und sie ist ihm aufgefallen. Anfang der 80er Jahre im Café Central am Nollendorfplatz kamen sie ins Gespräch und betranken sich. Es dauerte noch eine Weile – bis sie allen auffielen, als schillernd glamouröses Szene-Paar des Berliner Nacht- und Lebenskünstlerlebens.

So charismatisch er wirkte, so gering war sein Glaube an sich selbst. Heroin half und Alkohol sowieso, bis zur Besinnungslosigkeit.

Neben seiner Passion für den amerikanischen Schriftsteller Jim Thompson und besonders dessen dunklen Roman “The Killer Inside Me”, hatte es ihm die Fernsehserie “Ein Herz und eine Seele” mit Ekel Alfred angetan. Gegensätze im Leben, Gegensätze in den Vorlieben. Er liebte Donald Duck, den ewigen Verlierer, wohingegen er Micky Maus, den altklugen Spießer, nicht ausstehen konnte.

Alex lachte, erzählte lustige Geschichten, zitierte immer wieder Heinz Erhardt, imitierte, improvisierte und betrank sich. Doch vor allem begeisterte er sich für Musik. Für die deutschen Elektroniker von Kraftwerk und Can, die kantige “Deutsch Amerikanische Freundschaft”, die schrägen “Throbbing Gristle”, den knarzigen Captain Beefheart und den smarten Bryan Ferry. Später dann “Frankie Goes To Hollywood”: “Relax, don’t do it” Und Sinead O’Connor: “Nothing Compares To You”. Mit besonderer Vorliebe imitierte Alex die unterschiedlichsten Rockstars, ihre Manierismen, ihre Posen. Sabina fotografierte ihn. Alex Kögler und sein Leben als Gesamtkunstwerk. Sabina dokumentierte. Er liebte die große Illusion des Pop-Lebens. Dass jeder ein Star werden könnte. Vielleicht wäre er selber gerne Rockstar geworden. Doch das wäre mit Arbeit verbunden, und verdammt uncool gewesen. Arbeit war nichts für Kögler, den Dandy, der von regelmäßigen Zuwendungen seiner Mutter lebte, finanziert aus der Erbschaft ihres Vaters, des expressionistischen Malers Arthur Degner.

Ein paar Mal stand er aber doch auf Bühnen. “Die unglaubliche Alex Kögler Band” war wohl mehr Name als eine beständige Band. Mit dem avantgardistischen Musiker Frieder Butzmann und der Gruppe “Wir und das Menschliche e.V.” trat er zwischen anderen schrillen Bands am 4. September 1981 vor 1.400 Zuschauern im Tempodrom auf, beim “Festival Genialer Dilletanten”. Wobei Alex deren Konzept sehr entgegenkam: weil es nicht darum ging, Instrumente oder Musik zu beherrschen, sondern eher um das Unvermögen, das Nicht-Können, das Scheitern, eben das Dilettantische als neuem künstlerischem Ausdruck. Wo die Regeln auf den Kopf gestellt wurden, und es als größere künstlerische Leistung galt, einen Saal leerzuspielen, als beim Publikum anzukommen.

Volltrunken stand Alex auf der Bühne und kreischte markerschütternd: “Ich liebe dich!” Hinter Lärm und Show und Suff eine geradezu rührende Liebeserklärung an Sabina. Aber das war auch schon das Ende von Köglers Musikerkarriere. Um weiterzumachen, hätte er weiter machen müssen, vielleicht ein Instrument spielen, vielleicht singen lernen. Doch das Weitermachen, das Beständige, das Bemühen um etwas, war nicht seine Sache. Fand er langweilig. Spießig. Lieber noch mal etwas ganz anderes machen.

Kögler wurde Kneipier. Nach einer Erbschaft übernahm er das “Risiko” an den Yorckbrücken, eröffnete den Laden neu an Silvester 1984. Eine schmale Bar, die unter Köglers Regie aufblühte zu großer Bekanntheit. Designt von Sabina, kühl und schmucklos, dem damaligen Berliner Zeitgeist der coolen neuen Welle entsprechend, wurde das Risiko für unzählige Musiker, Filmer, Maler, Autoren, Performance-Künstler aller Art zum nächtlichen Wohnzimmer.

Alex Kögler war der charmant unterhaltsamer Gastgeber, um den sich alle scharten, die Großen und die Kleineren der Berliner und der internationalen Szene. Von denen manche Große nicht groß blieben in späteren Jahren, und klein nicht manch Kleine, die irgendwann groß rauskamen. Zu Köglers Gästen gehörten Nick Cave, Wim Wenders, Rainer Fetting, Jim Jarmush, Jeffrey Lee Pierce, Anita Lane, Lydia Lunch, Alan Vega, Christiane F., Bela B. Und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten war eine der legendären Tresenkräfte im Risiko. Die Bar als Bühne.

Und Alex Kögler war mit allen befreundet, alle mochten seine liebenswürdige, humorvolle und großzügige Art. Im Risiko stand er im Mittelpunkt einer großen Nonstop-Party. Seiner Party. Wo sie alle Drogen konsumierten, Konzerten und Happenings beiwohnten, die hier unregelmäßig auf engstem Raum stattfanden. Wo die wahnwitzigsten Pläne entstanden und wieder verworfen wurden, Kunstprojekte besprochen, Bands gegründet und wieder aufgelöst wurden. Kögler soff mit allen, ließ sie umsonst saufen, nahm Drogen mit allen, und soff und soff. Drogen als Medizin und als Spaßmittel, zur Beflügelung. Zum Abheben.

Im Morgenlicht stolperten sie hintereinander aus der schmalen, stählernen Tür, die zwei Stufen runter auf die Yorckstraße.

Um die organisatorische und geschäftliche Seite seiner Kneipe kümmerte Kögler sich weniger. Manchmal griff er in seine Kneipenkasse, um Drogen zu kaufen. Seine treue und besorgte Tresenbelegschaft – Maria, Chris, Blixa oder Sabina – versteckten gelegentlich die Kasse vor Alex. Dass er das Geld nicht gleich wieder zum nächsten Dealer trug, und dass noch genug da war für die Miete und Getränkelieferungen. Trotzdem gingen noch oft genug die Getränke aus. Und Alex lief zu “Leos Futterkrippe” an der nächsten Ecke, um sich ein paar Paletten Dosenbier auszuleihen. Und wenn die Heizung nicht mehr lief, holten sie einen Kanister Öl von der Tankstelle gegenüber.

Samstags gab es Prügeleien. Wenn Alex angeschlagen am Foto: Sabina van der LindenFoto: Sabina van der Linden

Boden lag und ihm das Blut übers Gesicht lief, hatte er immer noch diese weichen, kindlichen Züge, und trotz Dreck und Blut strahlte er immer noch seine aristokratisch dandyhafte Eleganz aus. Sabina hat es fotografiert. Das Gesamtkunstwerk Alex Kögler. Trinkend, blutend, auf Speed und Heroin. Am Boden.

Seine Warhol’schen “15 Minutes of Fame” dauerten genau 16 Monate. Am 30. April 1986 schloss das Risiko. Köglers Party war vorbei. Mit all den vielen Freunden. Alles war weg – Bier alle, Geld alle, die Gäste, die Freunde weg. Nur das Finanzamt war noch da mit seinen Forderungen. Alex fiel zurück ins Nichts, in die Bedeutungslosigkeit. Ein tiefes Loch. Er erhöhte die Dosis. Immer mehr. Bis es zu viel wurde, er loskommen wollte von Berlin. Und vom Heroin. Und er Anfang der 90er zu seiner Mutter nach Malta zog, wo sie inzwischen einen Großteil der Zeit verbrachte. Alex versuchte einen Heroin-Entzug und entdeckte stattdessen Codein-Pillen, die rezeptfrei in maltesischen Apotheken zu bekommen waren. Mitte der 90er zog er mit Sabina für eine Weile in die Hauptstadt La Valetta. Und war immer auf der Suche nach Apotheken mit seinen Lieblingspillen.

Irgendwann gingen sie von Malta nach Antwerpen. Schon damals war die belgische Hafenstadt Europas härtester Drogenumschlagplatz. Harte Zeiten für den weichen Alex. Sie wohnten in einer Gegend, wo Polizeirazzien an der Tages- und Nachtordnung waren. Sabina hat es fotografiert. Auch wie Alex auf seinen Dealer wartete. Total verloren in Antwerpen. Wo die Unordnung immer mehr um sich griff. Wo die Junkies in Alex’ Wohnung Rohre und Leitungen aus den Wänden rissen, um das Kupfer zu verkaufen – für Heroin. Wo Alex fast gestorben wäre an einer Überdosis. Und ihn Sabina gerade noch einmal festhalten konnte im Leben. Nochmal rausrütteln konnte aus dem Tod, ihn noch einmal zurückholen ins Leben. Wo sie selber fast gestorben wäre vor Angst. Bis er die Augen wieder aufmachte und sie glasig ansah: “Was ist los?”

Irgendwann haben sie sich gestritten. Heftig. Alex hat gesagt, sie soll gehen. Sabina ist nach Berlin gegangen, hat einen Entzug gemacht, ist clean geblieben. Alex war davon nicht zu überzeugen. Er hat sich aufgegeben.

Als seine Mutter starb, zog er in ihr Reihenhäuschen in Tempelhof. Er hat alles so gelassen wie es früher war. Nur die Pflanzen sind vertrocknet, weil er sie nicht mehr gegossen hat. Irgendwann wollte er wieder Sabina besuchen. Er könne bleiben, sagte sie, aber die Flasche, die er dabei hatte, müsse wieder gehen. Da ging auch er.

Zum Schluss war er in einem Methadon-Programm. Doch gab er jetzt ohnehin dem Alkohol den Vorzug vor dem Heroin. Weil der Prozess des Verschwindens länger dauert mit Alkohol, das Hinübergleiten in den Rausch, ins Abtauchen. Die schönste Phase eigentlich. Immer wieder noch ein Schluck aus der Jägermeister-Flasche.

Zum Schluss bekam er Morphium und segelte davon. Sabina war bei ihm und sah ihn plötzlich wieder so wie sie ihn kennengelernt hatte vor 33 Jahren. Jung und schön.

H.P. Daniels

“LOST – Last Morning Of Risiko” – Film von Uli M. Schueppel, 1986: https://www.youtube.com/watch?v=kltw0YyRHAY

Bei dem Beitragsbild handelt es sich um einen Screen-Shot aus Roland Klicks Film “White Star” von 1983, in dem Alex eine kleine Rolle spielte.

http://www.imdb.com/title/tt0086578/

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

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Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

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Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Familienportrait – „Moonlight Mile“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Zwölf / 1973 / von Marcus Kluge

Als er das Krankenhaus verlässt, kommt er auf die Idee seine neugewonnene Freiheit mit einem Eis bei Monheim in der Blissestraße zu feiern. Dort hat er schon als Kind, mit einer Schüssel, am Sonntag Eis geholt. Es ist immer noch heiß an diesem Juliabend im Jahre 1973, das sein letztes werden wird.
25 Pfennig kostet die Kugel Eis bei Monheim, er nimmt dreimal Rum-Traube. Dann schlendert er am Eva-Kino vorbei, er erinnert sich an die sonntäglichen Jugendvorstellungen. Meist gab es Sandalenfilme, es wurde gejohlt und gepfiffen. Mit seinem Eis setzt er sich ans alte Fenn und starrt auf das Wasser. Doch immer wieder steigen andere Bilder hoch, die sich vor sein inneres Auge schieben. Sie steigen auf wie Gespenster, es sind Fotos, peinliche Fotos, schmerzliche Fotos, Fotos, die sich eingebrannt haben in sein Bewusstsein. Nun merkt er auch wieder sein Knie, ein brennender Schmerz zieht bis in den linken Fuß. Er hat Angst, wovor weiß er gar nicht so genau. Am liebsten würde er schlafen, lange schlafen und am besten auch nicht träumen, nur schlafen. Die Polizei hat ihm alles Dope weggenommen, auch die Pfeifen und die Spritzen. Wo bekommt er nun Drogen her? Seine alte Heroin-Connection hat er gekappt, bevor er auf Entzug gegangen ist. Er hat den Pusher gebeten, ihm nie wieder H oder etwas ähnliches zu verkaufen und damals haben sich manche Pusher noch an solche Versprechungen gehalten. Auf die Szene am Bahnhof Zoo oder an der Kurfürstenstraße will er nicht gehen. Zu hoch ist die Gefahr in eine Razzia zu kommen, mit der die Bullen regelmäßig die Drogenszene aufmischen, wenn sie zu groß und auffällig wird. Früher, als er selbst noch Dealer war, hatte er seine Leute, die ihn gewarnt haben, doch das ist vorbei. Wo soll er hingehen? Da fällt ihm ein, er ist ja in der Blissestraße, hier wohnt Susanna, die kann er besuchen, vielleicht hat die was da.

Da das Haus in der Blissestraße immer offen ist, steigt er gleich die Treppen hoch und klingelt bei Susanna. „Wer ist da?“
„Ich bins, Beaky.“
Susanna ist wieder in ihren Kimono gehüllt, sie sieht krank und dünn aus. Beaky bietet ihr eine Zigarette an, sie rauchen beide und Beaky fragt: „Hast du was von Doktor gehört? Weißt du, die Polizei hat mich verhaftet, ich würde am liebsten das ganze Geld zurückgeben.“
Susanna sieht ihn ungläubig an, sie kann seine Naivität nicht nachvollziehen: „Das Geld wirst du nie sehen wieder, Beaky. Und der Doktor woll auch nicht.“ Wenn sie aufgeregt ist, wird ihr Akzent stärker.
„Meinst du wirklich? Ich habe furchtbare Angst für lange Zeit in den Knast zu gehen, ich würde das nicht nochmal durchhalten. Vielleicht bringe ich mich dann um. Übrigens, ich habe die Schnauze gehalten. Die Bullen wissen nichts von dir.“
„Danke Beaky, du bist guter Kerl“
„Sag mal, hast du Dope, Pulver oder irgendwas?“
„Nein, kein Pulver. Seitdem der Arsch weg ist, habe ich Affen.“
Wieder steigt die Angst in ihm auf, am liebsten würde er auf seine Ängste einschlagen, solange bis sie abhauen und ihn in Ruhe lassen.
Immerhin, Susanna schenkt ihm ein bißchen Grass und auf seine Bitte ein altes Spritzbesteck vom Doc, das er zurückgelassen hat: „Aber, du musst steril machen mit kochende Wasser“, sagt sie mit einem Stirnrunzeln.

Perilog
Erst Mitte August 1973 erfuhr ich was Beaky geschehen war. Ich hatte kaum an ihn gedacht und gehofft es es wäre ein gutes Zeichen, wenn ich nichts von ihm hörte. Doch da irrte ich mich. Nachdem ich die ganze traurige Geschichte kannte, habe ich darüber nachgegrübelt, ob Beaky trotz seines frühen Todes ein erfülltes, ein richtiges Leben hatte. Damals dachte ich an den Satz von Adorno, den Hanna zitiert hatte, nachdem es kein richtiges Leben im falschen gäbe. Und mit dem falschen meinte ich natürlich seine Drogenkarriere. Ich sah die Drogen sehr kritisch, vielleicht besonders kritisch, weil ich sie, wie die meisten meiner Generation, wenige Jahre vorher noch völlig unkritisch gelobt hatte. Wie alle Bekehrten war ich strikt in meinen Ansichten.
Damals, Ende der 60er Jahre, als Beaky begann Drogen zu nehmen, standen sie noch nicht im Zusammenhang mit Gewalt, sozialem Abstieg und Krankheit. Für Beaky waren sie am Anfang Mittel, mit denen man experimentierte und sich selbst erforschte. Er las „The Doors of Perception“, das Essay nach dem sich die „Doors“ benannt hatten. Dort schrieb Aldous Huxley, einer der klügsten Köpfe seiner Generation, über seine Selbstversuche mit Meskalin. Dem glaubte Beaky nachzueifern, am Anfang.
Ich möchte Beakys Leben auch nicht verherrlichen. Diesen Satz: „Live fast, die young“ fand ich schon immer oberflächlich und herzlos. Die, die ihn anführen waren auch meist die, die insgeheim davon ausgingen, selbst ein langes Leben zu haben. Und die, die dem Spruch mit offenen Augen bis in die bittere Konsequenz folgten, waren tragische, von ihren Dämonen verfolgte Menschen. So einer war Beaky auch nicht.
Unseren Eltern ging es gut nach dem verlorenen Krieg. Wir erwarteten, dass es so weiter gehen würde. Alles würde immer besser werden, quasi automatisch und mit den Drogen ließen wir es uns schon einmal, im Vorgriff auf die Zukunft, gut gehen. Es war ausgemachte Sache, das Drogen früher oder später legal werden würden. In der „Bravo“ erschien 1969 eine dreiteilige Serie über das Leben im Jahr 2000. Danach verbrachten die Teenager der Zukunft ihre Nachmittage in Spaßbädern, wobei sie LSD nahmen und Sex mit unterschiedlichen Partnern hatten. Das Lernen erledigten Maschinen, die den Teens das Wissen im Schlaf vermittelten. Nun, es kam anders, sowohl mit dem ewigen „immer besser gehen“, als auch mit den Spaßbädern. Beaky würde es nicht mehr erleben.
Ich versuchte aufzurechnen, was dafür sprach, dass mein Schulfreund nicht völlig sinnlos gelebt hatte. Er hatte die Musik gehabt und er hatte Xanadu gehabt, seinen etwas unrealistischen Traum. „The Legend of Xanadu“, dieser Song von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hatte ihn inspiriert. Ein nicht einmal erstklassiger Popsong, aber von seiner Lieblingsband, mit den Mariachi-Trompeten und dem Effekt mit dem Peitschenknall, wurde die Basis für seinen Traum. Er hatte sogar angefangen das Gedicht zu übersetzen, das den Begriff Xanadu im englischsprachigen Raum berühmt gemacht hat. Doch wie Coleridge wurde auch Beaky bei der Arbeit gestört und konnte sie nicht vollenden. Diese Koinzidenz wurde mir bewusst, als ich nach Beakys Tod über das Gedicht recherchierte.

Im Sommer 1797 lebte Samuel Taylor Coleridge im Südwesten Englands und arbeitete an mehreren Gedichten. Er war krank und zog sich auf ein abgelegenes Gehöft zwischen Linton und Porlock im heutigen Nationalpark Exmoor zurück. Ein Arzt verschrieb ihm ein Anodyn, wie man damals schmerzlindernde Tinkturen nannte. Die darin enthaltene kräftige Dosis Opium versetzte ihn in einen von lebhaften Träumen begleiteten Schlaf. Davor hatte er einen Text über Kublai Khan und dessen legendäres Lustschloss Xanadu gelesen und im Schlaf wurde ihm ein 200 bis 300 Zeilen langes Gedicht eingegeben. Später bestand er darauf, dass er zu dieser Ballade ohne jede eigene Anstrengung kam, sie war fertig, und er konnte sie im Traum auswendig lernen. Als er erwachte, setzte er sich sofort an den Schreibtisch und begann das gesamte Gedicht aufzuschreiben. Leider wurde er mitten in der Arbeit von einen Besucher gestört. „A person from Porlock“, jemand aus Porlock, der mit ihm Geschäftliches zu besprechen hatte, klopfte an seine Tür und hielt ihn etwa eine Stunde auf. Als Coleridge danach weiterschreiben wollte, musste er feststellen, dass das Poem bis auf wenige Fragmente aus seiner Erinnerung verschwunden war. Trotzdem das Werk so nur 54 Zeilen lang wurde, und erst 20 Jahre später veröffentlicht wurde, gilt es als eines der bekanntesten englischen Gedichte. Generationen von Dichtern haben sich mit ihm auseinander gesetzt und es hat vielfältigen Eingang in Kunst und populäre Kultur gefunden. „A person from Porlock“ wurde zu einem geflügelten Wort für die unglückliche Unterbrechung einer Arbeit, später auch für eine nicht ganz nachvollziehbare Erklärung, wieso man etwas nicht vollendet hat. 1941 inspirierte das Gedicht Orson Welles für seinen epochalen Film „Citizen Kane“. 1968 machte Dave Dee einen Popsong daraus, in dem er das Schloss seltsamerweise nach Mexiko verlegte. In den 80er Jahren wurde Dave Dee bei einer Massenaudienz der Queen vorgestellt. Elizabeth II. soll gesagt haben: „You’ re the one with the whip!“ Aus Xanadu wurde schließlich ein Musical und die Band „Frankie Goes to Hollywood“ hatte 1984 einen Riesen-Hit mit „Welcome To the Pleasuredome“, der mit der gleichen Zeile beginnt, wie das Gedicht: „In Xanadu did Kublai-Khan a pleasuredome …“

August 1973. Es war ein Freitagnachmittag, ich lag in der schönen, in den Boden eingelassenen Jugendstil-Badewanne in der Schlüterstraße und entspannte mich. Axel, einer der WG-Mitbewohner, klopfte an die Tür und brüllte: „Telefon, Marcus. Scheint wichtig zu sein.“
Ich fluchte, stieg aus der Wanne, warf mir den Bademantel über und lief über den Flur. Ich rutschte aus und legte mich langhin. Abermals fluchend erreichte ich das Telefon im Berliner Zimmer. Er war Beakys Mutter. Sie konnte ihr Schluchzen kaum verbergen, als sie mir berichtete, dass Beaky tot war, er hatte eine Überdosis Heroin genommen. Sie bat mich um einen Besuch und ich sagte zu, am Sonntagnachmittag bei ihr vorbeizukommen. Selten hatte ich soviel Bammel vor einem Gespräch. Ja, ich hatte Bammel, auch so ein Berlinisches Wort das aus dem Jiddischen kommt, „baal ema“ bedeutet soviel wie „furchtsamer Mensch“.
Ich hatte Bammel, weil ich mich verantwortlich fühlte. Ich fühlte mich verantwortlich, schon weil ich zur selben Generation wie Beaky gehörte, weil ich auch über die Politik und die Rock-Musik an die Drogen gekommen war, auch wenn ich bald wieder die Finger davon ließ und Drogenerfahrungen nur noch aus zweiter Hand sammelte. Und ich fühlte mich verantwortlich, weil ich vor meinem Urlaub nicht erkannte, wie groß die Gefahr war, die über Beaky schwebte. Ich wusste nicht, wie ich Beakys Mutter unter die Augen treten sollte, doch ich wusste auch, ich würde mich nicht davor drücken können. Zwei Nächte schlief ich sehr schlecht, Sonntagmittag war ich bei meiner Mutter essen, die mir Mut machte. Beakys Mutter wäre schon froh, wenn ihr jemand zuhörte, der Beaky kannte und ihren Kummer nachvollziehen konnte.

Pünktlich um vier stand ich vor dem Haus neben dem „Bundesplatz-Kino“ und klingelte bei Becker. Nachdem Beakys Mutter und ich einen Moment von Fremdheit und Peinlichkeit überwunden hatte, kamen wir ins Gespräch. Innerlich atmete ich ein wenig auf. Beakys Mutter machte mich nicht verantwortlich, im Gegenteil. Wir saßen in ihrer Küche und sie erzählte mir, was passiert war, als ich in Frankreich war. Sie wusste ziemlich gut Bescheid über die letzten Tage ihres Sohnes. Sie hatte mit fast allen Beteiligten gesprochen.
Sie versuchte mich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen, doch er war präsent, wie eine große dunkle Wolke, die über den Küchentisch schwebte, an dem wir saßen. Sie war inzwischen Patientin bei Professor Philippus geworden. Die Gespräche halfen ihr und er verschrieb ihr auch ein Medikament, das gegen Depressionen und Antriebsschwäche wirkte. Besonders hilfreich war, das Philippus ihren Sohn gekannt hatte und das Beaky ihm intimste Gedanken mitgeteilt hatte. Beakys Vater war entlastet worden, weder für Brandstiftung noch für Pornografie gab es Beweise. Zwei Jahre später wurde das allgemeine Pornografie-Verbot in den Bunderepublik Deutschland aufgehoben. Petra Porlock entschuldigte sich ausdrücklich bei Beakys Mutter, weil sie ihrem Sohn im Verhör mit Vorwürfen über seinen Vater zusetzte, für die sie keine Beweise hatte. Sie hatte einfach spekuliert, weil sie, wie viele Polizistin meinte, dass der Zweck die Mittel heiligt. Es hatte wohl Ende der 50er Jahre einen Verdacht auf Verbreitung jugendgefährdender Bilder gegen Herrn Becker gegeben, aber das Verfahren war wegen mangelnder Beweise eingestellt worden. Puvogel hatte sich relativ gut erholt, er hatte keine bleibende Schäden, doch es blieben einige Gedächtnislücken, was die letzten Tage vor seinem Unfall betraf. Vielleicht hatte er es auch vorgezogen, sich nicht mehr an diese für ihn peinlichen Ereignisse zu erinnern. Da er damit als Zeuge ausfiel stellte die Staatsanwaltschaft die Verfahren wegen schwerer Körperverletzung und Einbruchsdiebstahl ein. Die Suche nach Beakys Komplizen endete damit auch. Es hatte Spekulationen über Puvogel in den Boulevardzeitungen gegeben, da es aber keine Quellen gab, die die Reporter angraben konnten, verschwand die Geschichte nach kurzer Zeit und andere spekulative Stories füllten das Sommerloch. An Petra Porlock hatten sie die Journalisten die Zähne ausgebissen, sie schwieg, wenigstens das gehörte zu ihrer Auffassung von Professionalität.
Jahre später traf ich Ingomar von Puvogel auf einer Nach-Vernissage-Party bei dem inzwischen verstorbenen Galeristen Kunze in der Giesebrechtstraße. Bei ihm hatte sich aus dem Diebstahl der Watteau-Kopie und Beakys Tod eine amüsante Anekdote entwickelt, in der er selbst eine höchst heldenhafte Rolle spielte. Ich war befremdet aber auch fasziniert. Hanna machte nach dem Studium eine Therapeutenausbildung und lebt als Analytikerin in Bielefeld. Von Susanna habe ich nie wieder etwas gehört und der falsche Doktor soll in Amsterdam gelebt haben, bevor sich seine Spur auf den Balearen verlor.

An diesem Sonntag im August 1973 leitete ich nach einem zweistündigem Gespräch langsam meinen Rückzug ein. Das Gespräch mit Beakys Mutter hatte mich Kraft gekostet. Frau Becker betonte noch einmal: „Frieder hat sie bewundert, Marcus. Er hat oft von ihnen gesprochen, er wäre gern wie sie gewesen. Ich glaube, es wäre in seinem Sinne, wenn sie diese Bücher bekommen. Die hatte ihm Puvogel geschenkt und ich möchte sie nicht behalten.“
Damit holte sie eine Reisetasche unter dem Küchentisch hervor, die randvoll mit Büchern gefüllt war. Sie wog deutlich mehr als zehn Kilo. Ich war nicht begeistert über das Geschenk, aber ich konnte es unmöglich ablehnen. Ich wollte eben aufstehen, als ich merkte Frau Becker hatte noch etwas auf ihrem Herzem: „Sagen sie, Marcus. Glauben sie er hat sich umbringen wollen? Aber dann hätte er doch einen Brief hinterlassen, oder?“
„Ich bin mir sicher, das es ein Unfall war. Er war ja wohl runter vom Heroin gewesen, da passieren leider häufig Überdosierungen. Für Selbstmord war er auch überhaupt nicht der Typ.“
Ganz so sicher war ich mir nicht.

Als Beaky wieder auf der Blissestraße steht, ist die Sonne untergegangen und er überlegt, wo er etwas zum spritzen bekommen könnte. Nein, er will nicht wieder damit anfangen. Nur heute bräuchte er einfach ein Hilfsmittel um einmal total abzuschalten und lange zu schlafen. Dann würde die Welt bestimmt wieder heiterer aussehen. Es gibt doch da diesen Laden in der Bundesallee, wo er kurz drin war, als er auf Entzug war. Die „Baustelle“ ist zwar ein angeranzter Schuppen, aber was zum drücken gab es dort bestimmt, eigentlich ist es genau der Laden, den er jetzt braucht.
Die Disco ist noch leer, kaum ein Dutzend Menschen bevölkern den großen Raum. Beaky hat ein merkwürdiges Gefühl, ähnlich wie ein deja vu. Er stellt sich vor, dass bevor er zur Tür hereinkam, die Personen stocksteif wie Wachspuppen gewesen wären. Nur für ihn würden sie jetzt so tun, als ob sie Gäste, D.J. oder Tresenkraft wären. Verbunden mit diesem Gefühl ist die Ahnung etwas Schlimmes könnte passieren. Ja, er ist ziemlich mit den Nerven fertig.
Der D.J. blendet eben zu „Dead Flowers“ von den Stones über und ein Paar betritt die leere Tanzfläche. Beaky setzt sich an die Theke, der wie ein Rocker aussehende Keeper fragt ihn „Cola?“ und Beaky nickt. Er mag den Song und es hört sich so, als ob Jagger seinen Namen singt:

„Take me down little Beaky take me down
I know you think you’re the king of the underground.“

Beaky schaut sich um und überlegt, wen er ansprechen soll. Der Barmann stellt ihm die Cola hin und verlangt eine Mark. Beaky sucht die Münze aus der Tasche und bevor er bezahlt, fragt er: „Sag mal, weißt du, ob hier jemand Pulver verkauft?“
„Geh mal zu dem Kleinen mit der braunen Lederjacke.“
Er zeigt in Richtung der D.J. Kanzel. Dort stehen ein größerer und kleiner Mann.

„Send me dead flowers to my wedding
Send me dead flowers by the mail.
And I won’t forget to put roses on your grave.“

Der größere Mann sieht wie Ricky Shayne aus. Konnte es sein, dass der ehemalige Schlagerstar in so einem Schuppen rumhing? Na ja, er hatte Ricky Shayne mal in Ilja Richters „Disco 72“ gesehen. Da sah er ziemlich breit aus. Beaky dachte oft wenn er Prominente im Fernsehen oder auf Fotos sah, dass diese auf Drogen wären. Der Sänger war bleich gewesen, wirkte irgendwie steif und sang Playback. Das wurde sehr deutlich als er, ungefähr in der Mitte des Songs, das Mikrofon bis auf die Höhe seines Gürtels sinken lies und völlig vergaß es wieder vor den Mund zu halten. Jetzt sieht er allerdings frisch und wach aus. Der kleinere Mann nicht, er fährt sich mehrfach mit der Hand ins Gesicht und reibt darin herum. Eine typische Junkie-Geste. Ja, das könnte sein „Mann“ sein. Der D.J. spielt nun „Break On Through“ von den Doors.

Tried to run
Tried to hide
Break on through to the other side.“

Beaky hat es nicht eilig, im Gegenteil, jetzt wo er so kurz vor der Erfüllung seines Wunsches ist, kommen ihm Zweifel, ob das was er hier tut richtig ist? Neben der Tanzfläche ist ein Baugerüst aufgebaut, an dem eine Leinwand hängt. Darauf wird ein alter Tom und Jerry Film projeziert. Der Kater bekommt Ärger mit einer grimmig aussehenden Bulldogge. Der Mann, der wie Ricky Shayne aussieht verabschiedet sich nun von seinem Gesprächspartner und verlässt dann mit großen Schritten die Disco. Das ist Beakys Stichwort, er läuft langsam ohne Hast hinüber und spricht den kleinen Mann so cool wie möglich an.
Das Geschäft wickeln sie auf der Herrentoilette ab, einem üblen Ort, der selten oder nie sauber gemacht wird. Beaky kauft ein „halbes Halbes“ für 20 Mark. Der Pusher will erst in die Innentasche seiner Lederjacke greifen, besinnt sich aber und nimmt aus seinem Geldbeutel ein Briefchen, das nicht aus Papier sondern aus goldenem Stanniol gefaltet wurde.

1973 dachte ich, Beaky wäre an den Drogen gescheitert. Heute sehe ich das natürlich differenzierter, im Grunde war es eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen und natürlich auch von dummen Entscheidungen, die er getroffen hatte. Er war dabei sich aus dem Milieu der Drogen herauszuarbeiten, doch dann kamen Liebeskummer, Missbrauch und die Behandlung durch eine Polizistin, die ihn vorverurteilte und unter Druck setzte, erneuter Missbrauch eigentlich. In der Folge hatte er einen Rückfall, eine „Abstinenzunterbrechung“, wie es heute die Suchtexperten nennen. Noch der Pusher, der ihm das Heroin verkaufte, hätte es in der Hand gehabt, Beaky vor dem Tod zu retten. Doch der dachte als Geschäftsmann und gab ihm das ungestreckte Zeug, das für Neukunden reserviert war. Hätte Beaky das normale, gestreckte Zeug für die Stammkunden bekommen, wäre eine Überdosis ausgeschlossen gewesen. Es war sein Todesurteil.
Als ich an diesem Sonntagabend zuhause in der Schlüterstraße die Reisetasche mit den Büchern aufmachte, lag obenauf der Gedichtband von Colerigde. Ich schlug den Beginn von „Kubla Khan“ auf.

In Xanadu did Kubla Khan
A stately pleasure-dome decree;
Where Alph, the sacred river, ran
Through caverns measureless to man
Down to a sunless sea.

Dabei fiel ein Zettel aus dem Buch. Auf ihm las ich, in Beakys krakliger Kinderhandschrift, mit dem Bleistift geschrieben, den Anfang des Gedichtes in deutscher Sprache. Etwa 20 Zeilen hatte er offensichtlich selbst übersetzt. Es war sicher nicht die beste denkbare Übersetzung, doch ich fand sie ganz ordentlich.

In Xanadu hat Kublai Khan
ein großes Prachtschloß sich erbaut:
Wo Alph, heiliger Fluss, durchströmte Höhlen
für Menschen nicht ermesslich
hinab zu sonnenloser See.

Oben rechts befand sich ein Datum auf dem Zettel, 13. Juli 1973. War er da nicht schon tot? Ich suchte die Todesanzeige aus meiner Brieftasche, die Frau Becker mir gegeben hatte. Nein, es war sein Todestag. Übersetzt jemand, der Selbstmord machen will, noch ein Gedicht und bricht damit nach einem Drittel ab? Mein Herz schlug schneller, ich begann hastig nach meinem alten Notizbuch zu suchen, in dem die Telefonnummern der Mitschüler notiert waren. Ja, richtig Frieder Becker. Ich lief zum Telefon im Berliner Zimmer und rief Frau Becker an. Erst hatte sie Schwierigkeiten meiner aufgeregten Argumentation zu folgen, doch mit der Zeit konnte ich sie überzeugen, dass ich einen Beweis gefunden hatte. Einen Beweis dafür, das er keine Absicht hatte, sich zu töten.
Der Fund der Übersetzung hatte mich ein wenig beruhigt, ob er auch Beakys Mutter geholfen hatte, konnte ich nur hoffen. Weder von ihr noch von seinem Vater habe ich je wieder gehört. Nur die Bücher, die Puvogel Beaky schenkte, stehen immer noch in meiner Bibliothek und erinnern mich ab und zu an Beaky und sein kurzes Leben.

Beaky hat keine Lust die zwei Stationen von der Güntzelstraße bis zum Bundesplatz mit der U-Bahn zu fahren. Er läuft, der Sommerwind erfrischt ihn. Er wünscht sich das Puvogel nicht aus dem Koma aufwacht und gleich hat er ein schlechtes Gewissen deshalb. Aus einem Fenster hört er den Schlager:

„Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung
Dubdidubdidubdub dubdidub.“

Na super, noch ein Ohrwurm, Cindy und Bert, schlimmer geht’s nicht. Da ist Ricky Shayne noch richtig gut gegen, mit seinem “Ich sprenge alle Ketten und sage nein nein nein nein nein.“
Als er am Volkspark ankommt überquert er die Bundesallee mit der Fußgängerbrücke. Er schaut nochmal in beide Richtungen in den Park, der sich vom Alten Fenn an der Blissestraße, bis zum Schöneberger Rathaus hinzieht. Der Mond ist schon fast voll, es ist Freitag fällt ihm auf. Freitag, der 13. Er ist ein Stadtkind, der Volkspark Wilmersdorf ist, was er sich unter Natur vorstellt. Im Wald oder in den Bergen hat er sich nie wohlgefühlt.
Zuhause hat er es nicht eilig mit dem Schuss. Erstmal geht er in die Küche und setzt einen kleinen Topf mit Wasser auf. Als es kocht, legt er die Spritze hinein und stellt die Eieruhr auf 20 Minuten. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und nimmt sich den Hornby vor, sein englisches Schulwörterbuch. „decree“ schlägt er nach, „order given by a ruler or authority“, das war es, darüber hatte er in der Zelle gegrübelt. Mit Bleistift beginnt er zu schreiben. Etwa eine Stunde arbeitet er, dann klingelt das Telefon. Wer könnte das sein? Vielleicht wegen seiner Mutter. Nein, es ist Frau Porlock, die Polizistin, ihre Stimme hat etwas triumphierendes: „Also, Herr Becker. Ihr Chef ist aufgewacht, ich vernehme ihn morgen vormittag. Kommen sie doch bitte in die Keithstraße. Passt es ihnen um 15 Uhr?“
Natürlich passt es Beaky, was soll er sagen, wie soll er sich entziehen? Sofort ist seine Konzentration weg und er legt nun eine Platte auf. „Sticky Fingers“, die B-Seite. Das erste Stück „Bitch“ mag er nicht besonders, eine up-tempo Nummer mit Bläsersatz ist nicht so ganz sein Fall. Aber sie geht in die Beine und die Zeile „I salivate like a pawlow dog“ bringt ihn immer zum grinsen. Die Amis sagen „smack“ zu Heroin, auf Berlinisch hieße das „Haue“.
„I Got the Blues“ hört er mit Genuss, auch wenn er an Hanna denken muss. Merkwürdig, ursprünglich war Brian Jones der Blues-Guru der Band, doch nun sieht es aus, als ob Mick Taylor, der ihn ersetzt, die Band auch in Richtung Blues beeinflusst. Trotzdem wird Mick Taylor nie einen Brian Jones ersetzen können.
Als er die ersten Akkorde von „Sister Morphine“ erkennt, läuft er in die Küche und holt die ausgekochte Spritze, einen Löffel, Zitronensaft und ein Teelicht. Auf seinem Schreibtisch versammelt er nun alle Ingredenzien für den Schuss. Sein Feuerzeug, Zigaretten, ein Gummischlauch kommen dazu.

„Well it just goes to show things are not what they seem
Please, Sister Morphine, turn my nightmares into dreams.“

Ob es wohl stimmt, das Marianne Faithfull den Text für Sister Morphine geschrieben hat, oder ist das Legende? Oder wurde es erfunden um mehr Platten zu verkaufen? Oder ist beides wahr?

„What am I doing in this place?
Why does the doctor have no face?“

Beaky spritzt Zitronensaft auf den Löffel, dann öffnet er das Päckchen. Es sieht gut aus, feines, braunes Pulver. Mit der Messerspitze entnimmt er Pulver und gibt es auf den Löffel. Ja, ruhig noch ein bißchen mehr. Er will Ruhe, richtig Ruhe: „Moonlight Mile“.

Just another mad mad day on the road.“

Er trennt den Filter von einer Zigarette, dann kocht er das Gemisch auf und zieht es durch den Filter in die Spritze.

„I’m hiding sister and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile.“

Er bindet den Stauschlauch um den linken Oberarm, sucht eine Vene. Kein Problem, die Kanüle dringt butterweich ein. Ein Fädchen Blut im Kolben zeigt ihm, er hat getroffen. Langsam drückt er den Stoff in die Blutbahn. Die Wirkung kommt mächtig. Er hat Angst, kann nicht mehr atmen, sein Herz ist ein einziger Schmerz. Dann lichtet sich der weiße Nebel. Er ist wieder in Xanadu, er sieht den herrlichen Palast und diesmal ist er nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Er hat nun keine Angst mehr, er fühlt sich sicher und geborgen und er hofft dieses Gefühl würde für immer anhalten.

„I got silence on my radio
Let the airwaves flow
Let the airwaves flow.“

Ende –

– Die Illustration stammt wieder von Rainer Jacob: rainerjacob.com

– Um Xanadu hintereinander im Blog zu lesen, sollte man die Such-Funktion benutzen und “Xanadu Kapitel Eins” “Xanadu Kapitel Zwei” usw. eingeben.

– “Die Legende von Xanadu” wird eine Fortsetzung bekommen. Sie hat natürlich einen anderen Helden, aber den Erzähler und andere Figuren aus Xanadu werden wir wiedertreffen. Die Fortsetzung wird im wesentlichen 1981, vor dem Hintergrund der Berliner Punk- und Hausbesetzer-Szene spielen. Ich habe mit dem Schreiben des Romans angefangen und Rainer Jacob wird ihn wieder illustrieren, worüber ich mich sehr freue. Der Roman trägt den Titel “Ein Hügel voller Narren” und wird wieder hier im Blog vorveröffentlicht.
Das erste Kapitel heißt “Bela Lugosi ist tot”:
http://wp.me/p3UMZB-PT
– Meine Romane sind fiktiv, aber nicht erfunden. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, habe ich Namen und Details verändert.

Familienportrait – „Das Brennen“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Elf / 1973 / von Marcus Kluge

Beaky wurde unsanft aus seinen Träumen geholt, als jemand an seiner Schulter rüttelte. Zu seiner Verblüffung erkannte er seinen Vater vor sich. Was machte sein Vater hier, bei der Kriminalpolizei in der Keithstraße? Bevor er zuende gedacht hatte, fragte dieser: „Junge, Frieder, was machst du denn hier? Und wieso haben sie dich angekettet?“
Beaky schüttelte den Kopf und formulierte etwas umständlich: „Sie denken, ja also, ich hätte meinen Chef umbringen wollen. Aber das ist natürlich Quatsch, ich hoffe die merken bald, dass ich kein Mörder bin.“
„Den Puvogel? Den Antiquitätenhändler? Als ob es nicht genug zwielichtige Bekannte von ihm gäbe, denen sowas zuzutrauen ist.“
Beaky hatte inzwischen bemerkt, dass auch sein Vater gefesselt war. Der Unifomierte neben Becker senior hatte sich eine Zigarette angezündet und war offensichtlich bereit, Vater und Sohn ein kurzes Gespräch zu gewähren. Herr Becker wollte nicht auf eine Frage warten, er hob seine Hand und zeigte Beaky den Metallring um sein Handgelenk: „Mich wollen sie wegen Brandstiftung drankriegen. Ich soll meine Kneipe angezündet haben. Du weißt doch wie ich an dem Schuppen hänge. Frieder. Niemals würde ich sowas tun.“
Sie tauschten noch ein paar belanglose Sätze aus, dann drängte der Beamte zum Aufbruch, Vater und Sohn wünschten sich Glück und verabschiedeten sich. In Beakys Hirn türmte sich ein weiteres Fragezeichen auf die schon vorhandenen. Könnte sein Vater sowas gemacht haben? Die Kneipe lief ja nicht gut, wollte er die Versicherung kassieren? Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er mochte seinen Papa nicht so sehr wie seine Mutter, doch war er immer eine verlässliche Größe in seinem Leben gewesen, nun wurde ihm bewusst, wie wenig er eigentlich über seinen Erzeuger wusste.

Lange hatte er nicht Zeit darüber nachzudenken, dann wurde auch er abgeführt. Man brachte ihn in ein Zimmer im Souterrain, Licht fiel nur durch eine Art Oberlicht und außer Tisch und Stühlen war der Raum leer. Es dauerte nicht lange, dann erschien Petra Porlock mit einem Stapel Akten unter dem Arm, in ihrem Schlepptau folgte ein junger Uniformierter.
„Also Herr Becker, ich bin ja etwas sauer auf sie. Ich mag es nicht angelogen zu werden. Und gleich zweimal. Sie wissen doch wovon ich spreche?“
Beaky hatte sich vorgenommen erstmal gar nichts zu sagen, den Tipp hatte ihm der “Doc” mal gegeben. Er hätte gern die Arme verschränkt, aber mit der linken Hand war er immer noch an ein Tischbein gekettet. Also schaute er, etwas betreten, auf die Tischplatte vor sich.
Einige Minuten passierte gar nichts, Petra kuckte an die Zimmerdecke, nickte freundlich dem Polizisten zu, während Beaky merkte, wie ihm die Situation zunehmend unangenehm wurde.
„Wissen sie, Beaky, so werden sie doch genannt. Ich kenne dieses Spiel gut und versichere ihnen, ich kann es besser und vor allem länger spielen als sie. Tun sie sich einen Gefallen und beantworten sie meine Fragen, damit wir beide hier irgendwann wieder rauskommen. Wieso haben wir heute morgen das Gemälde aus Puvogels Galerie in ihrem Zimmer gefunden?“
Beaky machte den Mund auf, wollte sprechen, aber nur ein kläglicher Laut kam aus seiner Kehle. Petra wies den Beamten an, Beakys Handfessel zu lösen. Der Befreite rieb sich das Handgelenk, räusperte sich und sagte: „Mein Chef hat mir das Bild zum Aufbewahren gegeben. Ich kann mir nur denken, wieso. Ich habe mich nicht getraut zu fragen.“
„Und, was denken sie?“
„Na ja, es sieht nach einem Versicherungsschwindel aus, oder?“
„Gut, ich werde das prüfen, aber überzeugt bin ich nicht von ihrer Theorie.“

Es wird ein langes Verhör. Petra stellt immer wieder die gleichen Fragen und Beaky bemüht sich, nicht in eine von ihren Fallen zu tappen. Er hält sich gut, findet er. Doch dann zieht Petra ihr Netz enger, sie spielt einen weiteren Trumpf aus: „Also, sie haben zugegeben, dass sie die perversen Fotos gesehen haben, was ich übrigens sowieso wusste, weil überall ihre Fingerabdrücke darauf sind. Also, entweder er hat sie gezwungen, oder er hat sie betäubt? Es kann natürlich auch sein, das sie sich wie ein kleiner Stricher vom Bahnhof Zoo, haben bezahlen lassen? War es nicht so? Haben sie sich nicht verkauft, um sich Drogen von dem Geld zu besorgen?“

Beaky hat feuchte Augen und seine Wangen brennen. Obwohl es kühl ist, schwitzt er und er hat furchtbaren Durst. Der Polizist sitzt mit versteinerter Miene neben der Tür und hört alles mit, was ihm besonders peinlich ist. Er beschließt zuzugeben, was in Puvogels Wohnung geschah. Er hofft, dieses unerträgliche Verhör kommt dann zu einem Ende: „Nein, ich habe nichts bekommen. Ich war vor ein paar Tagen bei ihm und ich glaube, er hat mich betäubt und die Scheißbilder gemacht, das Schwein.“ Die letzten Worte werden zu einer Art Winseln, er ist mit seinen Nerven am Ende, nun hat er auch noch Schmerzen in seinem Knie.
Aber Petra treibt Beaky weiter vor sich her: „So, da hatten sie ja allen Grund wütend auf ihn zu sein, sie sind ja immer noch außer sich. Und traf sie dieser Missbrauch nicht an einer ganz besonders empfindlichen Stelle? Weil schon ihr Vater perverse Bilder von ihnen gemacht hat?“
Aus seinem Mund kommt nur noch ein Flüstern: „Mein Vater? Was hat der denn damit zu tun?“
„Stellen sie sich doch nicht dumm, sie müssen sich doch erinnern können. Ihr alter Herr ist übrigens auch gerade hier. Dreimal dürfen sie raten wieso?“
„Wegen Brandstiftung ist er hier.“
„Ja, und praktischerweise ist sein kleines Fotostudio mitsamt den Bildern auch verbrannt. Ein toller Zufall.“
Beaky schüttelte seinen Kopf verzweifelt, als ob er damit die letzten Sätze wieder ausradieren könnte und er sagt jetzt nichts mehr.

Er ist froh, das Verhör hinter sich zu haben. Er freut sich fast, jetzt allein in einer Zelle zu sein, er liegt auf der Pritsche und hat die Augen geschlossen, langsam beruhigt sich der Schmerz im Knie. Draußen ist es ein heißer Sommertag in diesem Juli 1973, das vergitterte Fenster ist geöffnet und der Wind trägt einen alten Schlager an Beakys Ohren: „Ich sprenge alle Ketten“. Trotz seiner beschissenen Situation muss er über die Ironie des Zufalls grinsen. Ricky Shayne, er erinnert sich, das war ein Star in den 60ern gewesen.
Am späten Nachmittag schläft er ein, dann gibt es Abendbrot, schlichtes Graubrot mit Tilsiter, er isst hastig und bis zum letzten Krümel alles auf. Um 22 Uhr wird das Licht gelöscht, er freut sich auf den Schlaf, doch der hat keine Gnade mit ihm. Immer wieder erscheinen die Fotos, auf denen er aussieht wie ein Opfer mit einem Strick um den Hals, vor seinem inneren Auge. Hat Frau Porlock wirklich das Wort „Kinderpornografie“ gesagt, oder bildet er sich das ein? Ihm wird heiß, schwindlig, er glaubt zu fallen, obwohl er liegt. Es riecht verbrannt in der kleinen Zelle. Dann kommt die Angst, es ist Todesangst, ihm ist als würde er jetzt in diesem Moment sterben. Er steht auf, hämmert gegen die Tür, bis ein schlecht gelaunter Wärter auftaucht: „Woln se alle wachmachn?“ Immerhin hört er dann zu, murmelt „Zellenkoller“, haut ab und kommt mit einer Pille zurück: „Noch en Mucks, denn wird’s die Jummizelle.“

Der nächste Tag zieht sich schleppend dahin, wobei es in der Zelle immer wärmer und schwüler wird. Er hatte schon vormittags mit weiteren Verhören gerechnet, doch nichts passiert. Erst am frühen Abend erscheint Petra Porlock, er steht auf, doch sie bedeutet ihm mit einer Geste wieder auf dem Bett Platz zu nehmen. Sie selbst setzt sich auf den einzigen Stuhl: „Also, ich will fair sein, aber auch nicht verschweigen, dass ich sie immer noch für hochgradig verdächtig halte. Ihr Chef ist nach wie vor im Koma, die Ärzte haben da keine Prognose. Allerdings wird er möglicherweise einen bleibenden Schaden haben, weil die Blutversorgung zum Gehirn unterbrochen war. Man weiß nicht wie lange. Ich hatte gehofft, er kann aussagen, aber es sieht nicht so aus. Ihre Mutter hatte einen Kreislaufzusammenbruch, da dürfen sie ruhig ein gehörig schlechtes Gewissen haben. Die arme Frau hat mit ihnen nur Kummer und Sorgen. Sie liegt im Gertrauden-Krankenhaus, bekommt Infusionen, braucht Ruhe und wird ein paar Tage dort bleiben.“
Petra macht eine Pause und sieht ihr Gegenüber prüfend an. Dann wird ihr Ton eine Nuance freundlicher: „Wissen sie das sie einen Freund haben? Ihr Doktor.“
Beaky wird übel, spricht sie von seinem Freund, dem “Doc”, der mit den 10 000 Mark abgehauen ist? Erst als Petra fortfährt, atmet er erleichtert auf, nein sie meint einen anderen, einen richtigen Arzt.
„Dieser Professor Philippus, ihr Seelenklempner, hat mit dem Staatsanwalt gesprochen. Der Mann scheint gute Kontakte zu haben. Jedenfalls hat er behauptet, Puvogel hätte sich bei irgendeiner sexuellen Handlung selbst stranguliert. Na ja, unsere Gerichtsmediziner prüfen das. Da ich im Moment, und ich betone im Moment nicht genug gegen sie in der Hand habe, sie einen festen Wohnsitz und rein theoretisch auch einen Job haben, lasse ich sie erstmal frei. Sie können ihre Mutter besuchen, aber wenn sie auch nur einen verdächtigen Schritt machen, sei es sie kaufen sich großformatiges Zigarettenpapier oder steigen in einen Bus nach Spandau, gehört ihr Arsch wieder mir und ich lasse sie in Ketten legen. Haben sie das verstanden?“
„Ja, Frau Porlock. Danke und glauben sie mir, ich habe Puvogel nicht einmal angefasst.“
„Nun ja, lassen wir das. Wir sehen uns auf jeden Fall. Adschö Herr Becker.“

Perilog
Als ich Anfang August des Jahres 1973 aus dem Urlaub in Frankreich zurückkam, war Beakys Schicksal bereits besiegelt. Ich konnte nichts mehr für ihn tun. Doch auch wenn ich in Berlin gewesen wäre, hätte ich wohl keinen Einfluss auf die Geschehnisse gehabt, die ihn letztlich das Leben kosten sollten. Trotzdem habe ich mir Vorwürfe gemacht. Schon damals hatte ich die Idee über sein Leben zu schreiben, doch ich merkte, dass mir der Abstand fehlte und es wurde nichts daraus. Woran war Beaky gescheitert? Wenn ich es auf einen Aspekt reduzieren müsste, würde ich sagen es waren die Drogen, an denen er scheiterte. Damals sah ich das auf jeden Fall so. Diese Erkenntnis half mir sogar in gewisser Weise, denn ich begann Drogen sehr viel kritischer zu sehen, als es der Zeitgeist es tat. Nachdem ich selbst mit Drogen experimentiert hatte, wurde ich nun abstinent, ich hatte Angst wie Beaky zu enden. Ich fürchtete mich vor Sucht, Überdosierungen und schlechten Trips, also ließ die Finger von den Substanzen. Vielleicht am meisten fürchtete ich ins Gefängnis zu kommen. Eine solche agressive Männerwelt stellte ich mir als Hölle für mich vor. Aber der Bereich Drogen und Gifte blieb in meinem Blickfeld. Ohne das ich mir es vorgenommen hätte, begann ich Bücher über zum Thema zu sammeln. Hauptsächlich auf Flohmärkten und in Antiquariaten fand ich sowohl Belletristik als auch Sachliteratur. Von Louis Lewins Standardwerk „Phantastika“ über Scheidts „Die Behandlung Drogenabhängiger“, pharmakologischen und toxikologischen Fachbüchern bis zu de Quinceys „Bekenntnissen eines englischen Opiumessers“ oder Karen Boyes Science-Fiction-Klassiker „Kallocain“. Und ich begann auch Geschichten zum Thema zu sammeln. Ich hielt Kontakt mit alten Schulfreundinnen und Freunden, die zu Jüngern von Halluzinogenen, Narkotika oder Aufputschmittel geworden waren und ich hörte stundenlang zu, wenn sie mir von ihren Erfahrungen erzählten. In gewisser Weise wurden Literatur und erzählte Geschichte für mich zu Substituten für die eigene Erfahrung, die ich scheute. Jahrelang war es mein Ziel darüber zu schreiben, dramatische Romane stellte ich mir vor, auch Krimis über ausgetüfftelte Giftmorde wollte ich mir ausdenken.
Ich versuchte mich darin, doch ich war mit meiner Schreibe sehr unzufrieden, mir fehlte Erfahrung, Übung und ein Plan. Ich wusste nicht, wieso ich etwas schreiben sollte und für wen. Ich wusste noch nicht einmal, was ich für mich selbst schreiben sollte. Dazu hätte ich ja wissen müssen, wenigstens ungefähr, wer ich war und was meine Bedürfnisse waren, doch von solchen Erkenntnissen war ich Jahrzehnte weit entfernt.
Alles was ich zu Papier brachte war holprig, gewollt und unzulänglich. Dazu kam, damals in den 1970er Jahren hatte ich eine leicht paranoide Einstellung gegen Polizei und Justiz. Ich befürchtete, selbst wenn ich Namen und Umstände verschlüsselte, könne die Exekutive meine Freunde und Bekannte aus der Drogenszene verfolgen, vielleicht war das weit hergeholt. Denn diese war hauptsächlich beschäftigt die RAF, oder andere „Staatsfeinde“, wie das Sozialistische Patienten-Kollektiv zu verfolgen. Drogendelikte hatten noch nicht den Stellenwert wie später. Richard Nixon hatte zwar schon 1972 den „Krieg gegen die Drogen“ erklärt, aber in Deutschland dauerte es noch Jahre bis diese repressive Welle angespült wurde.
Es blieb also viele Jahre beim „schreiben wollen“. Erst zu Beginn der 80er Jahre fing ich an regelmäßig Texte auf meiner Schreibmaschine zu tippen. Doch Beakys Geschichte war mir noch zu nah. Es folgten Jahrzehnte, in denen ich neben der Arbeit nichts mehr Persönliches schreiben konnte. Es mussten 40 Jahre vergehen, bis mir seine Geschichte wieder einfiel und ich mir zutraute sie zu Papier zu bringen. Im Herbst 2013 schrieb einen Text über ein Pink Floyd Konzert Anfang 1970 und da war er wieder, Beaky. Und der langhaarige Junge mit der Schnute und der Fransenjacke erstand vor meinem geistigen Auge auf und forderte einen Tribut. Ich begriff, dass es ihm schuldig war, sein Leben, oder wenigstens sein tragisches Ende, für die Nachwelt festzuhalten…

Beaky verlässt das Polizeigebäude in der Keithstraße und läuft los, ohne nachzudenken wohin. Er will einfach nur weg und das laufen tut ihm gut, obwohl es heiß ist und er schnell anfängt zu schwitzen. Es ist kurz nach sechs, er kauft schnell noch Zigaretten, bevor die Läden zumachen. Plötzlich steht er vor dem Aquarium, er setzt sich auf eine Bank und raucht eine Camel mit Filter. Zum ersten Mal seit zwei Tagen entspannt er sich ein bisschen. Dann geht er die Budapester Straße lang,am Bikini-Haus und dem Zoo-Palast vorbei, zum Vorplatz des Bahnhofs Zoo. Den Bahnhof Zoo hat er immer gemieden, die Stricher und verkommenen Junkie-Gestalten stoßen ihn ab. Aber jetzt will er doch noch ein paar Blumen kaufen, tatsächlich findet er einen offenen Laden in West-Berlins einzigem Fernbahnhof. Dann stellt er sich an die Haltestelle des 60er Busses, der ihn zur Blissestraße bringt. Von dort sind es nur zwei Ecken zum Gertrauden-Krankenhaus.

„Hallo Mama, wie geht’s dir denn?“
„Ach Frieder, die Blumen sind aber schön. Das wär doch nicht nötig gewesen.“
„Doch Mama, das war nötig. Ich hab ein total schlechtes Gewissen, dass du wegen mir krank bist.“
„Ach Quatsch. Ich hab wohl zu wenig getrunken und bin dann bei der Hitze umgekippt. Der erste Lack ist halt ab bei mir. Nu geh aber gleich mal zu den Schwestern und lass dir ‘ne Vase geben.“
Die Krankenschwestern tragen alle merkwürdige Kutten, das müssen Nonnen sein. Beaky überlegt, wie man die anspricht.: „Bitte Frau Schwester, hätten sie ein Blumenvase für mich?“
Beaky versucht seine Mutter zu beruhigen, er stellt sich als rehabilitiert dar, wobei er in Wirklichkeit Angst hat. Angst, Petra Porlock könnte seinen Plan aufdecken und herausfinden, dass er selbst der Anstifter war. Wenn Puvogel aufwachen sollte, wäre er geliefert. Er hofft seine Mutter merkt nicht, wie es wirklich um ihn steht.
„Pass auf dich auf, Junge. Und iss was Vernünftiges, im Eisschrank sind Bouletten und Kartoffelsalat, die müssten noch gut sein.“
„Ich komme morgen wieder, Mama und ich liebe dich. Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“

wird fortgesetzt –

Die Personen und die Handlung von “Die Legende von Xanadu” wurde von wahren Vorbildern und Ereignissen inspiriert, ist aber eine fiktive Geschichte geworden. Zu meiner eigenen Überraschung ist auch der Erzähler, der ja Ähnlichkeit mit mir hat, zur Kunstfigur mutiert. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, habe ich, wo es nötig war Namen und Details verändert. Die letzte Fortsetzung der Geschichte trägt den Titel „Moonlight Mile“. https://marcuskluge.wordpress.com/2014/07/19/familienportrait-moonlight-mile-die-legende-von-xanadu-kapitel-zwolf-1973-von-marcus-kluge/

Die Illustration stammt von Rainer Jacob. Mehr von ihm:
http://www.rainerjacob.com

 

Familienportrait – “Downtown” / Die Legende von Xanadu Kapitel Sieben / von Marcus Kluge / 1973

Bild

Sein Knie tat weh, schon den ganzen Morgen, so als ob es auf seine desolate innere Verfassung reagieren würde. Vielleicht war das ja so. War das nicht die Bedeutung von “psychosomatisch”, wie ihm sein Freund, der falsche “Doktor” mal erklärt hatte. Beaky betrat das Wartezimmer, es war fast leer, und er setzte sich auf den nächsten freien Stuhl. Er war froh, dass ein “richtiger” Arzt so schnell Zeit für ihn hatte, er hatte gehofft, es würde ihm sofort besser gehen, mit der Aussicht seine schwierige Lage mit einem echten Mediziner besprechen zu können. Aber im Gegenteil, alle seine Probleme, Ängste und Ungewissheiten stürzten nun geballt auf ihn ein. Sein Hals war wie zugeschnürt, während eine bittere Übelkeit aus seinem Magen nach oben stieg. Sein Liebeskummer, die Heroinsucht, der Brief seiner Mutter und die bange Frage, was eigentlich genau passiert war während seines Black-Outs, als er sich in Puvogels Gewalt befand. All das zerrte nun seine Gedanken in im Kreise laufende Gedankenketten. Sein kleines Schicksals-Schifflein schien auf dem Ozean des Lebens Brechern ausgeliefert zu sein, für das es nicht gebaut worden war. Lange saß er so da, grübelte er und knabberte an seinen Fingernägeln.

Es kam ihm wie Stunden vor, sein Warten, und langsam beruhigte er sich ein wenig und begann zum ersten Mal den Raum, in dem er saß, wahrzunehmen. Es war gar kein richtiges Wartezimmer. In diesem Zimmer erinnerte nichts an gewöhnliche Orte dieser Art. Ein wahres Sammelsurium von gemütlichen alten Sofas, Sesseln und schlichten Thonetstühlen boten eine reiche Auswahl an Sitzgelegenheiten. Statt Illustrierten lagen Geduldsspiele, kleine Bälle, Stifte und Papier herum. Aber das ungewöhlichste sah er erst, als er sich umdrehte. Hinter ihm war eine Glasscheibe, durch die man direkt in das Behandlungszimmer blicken konnte. Ebenfalls erst jetzt fiel ihm auf, wenn man sich darauf konzentrierte, konnte man über zwei kleine Lautsprecher hören, was im Arztzimmer gesprochen wurde.
Beaky fiel der Begriff “ärztliche Schweigepflicht” ein. Gab es nicht sowas? Durfte das der Arzt überhaupt und war es nicht total peinlich, vor anderen Patienten seine Probleme zu schildern? Im Behandlungsraum sah man Professor Philippus hinter einem kleinen antiken Schreibtisch sitzen. Er war dick, nicht so wie Puvogel, der ein Bäuchlein hatte und sonst fast normal aussah, nein, Philippus war fett, überall. Selbst seine Hände, sein Hals und sogar seine Ohren wirkten adipös. Ihm gegenüber saß eine junge Frau mit dunklen, langen Haaren und einem Puppengesicht. Unter ihrer weißen Nylonbluse blitzte ein schwarzer BH hervor. Der Professor fragte sie eben: “Haben sie denn ihrem Freund ihr Unbehagen kommuniziert, Susanna?” Den Namen sprach er Schuschanna aus. “Der dumme Kerl tat als ob er mich nicht verstanden hatte. Dann haben ich gesagt, er muss mit mir auch in Restaurant oder in Kino gehen, nicht immer jeden Tag nur in Bett. Aber er hat gesagt, ich sollen froh sein, das wir jetzt haben sexuelle Revolution und das Frau jetzt gleichberichtigt werde. Da ist mein Temperament durchgegangen und habe ihm Ohrfeigen verpasst”, “Verpasst” betonte sie auf dem “ver”. Susanna zog heftig an ihrer Zigarette und blies Philippus den Rauch ins Gesicht. Sie sprach mit einem Akzent, russisch oder polnisch dachte Beaky, eine besondere Vorliebe schien sie für manche Vokale zu haben. Die zog sie in die Länge. Der Arzt wedelte müde den Rauch vor seinem Gesicht weg, nun bekam seine Stimme etwas mitleidig väterliches: “Wir besprachen doch, das sie lernen müssen ihre Gefühle verbal zu äußern. Mit Gewalt erreichen sie möglicherweise das Gegenteil.” “Manchmal sehe ich rot und dann bricht Temperament mit mir durch.” Témperament! Vielleicht war es auch ein ungarischer Akzent? Nun blickte der dicke Mann auf seine Armbanduhr und verkündete: “Für heute müssen wir schließen, Schuschanna. Vergessen sie nicht zu bezahlen beim rausgehen und denken sie daran, schreien! Schreien sie ihren Frust aus sich heraus wie ein Baby, jeden Tag, am besten gleich morgens und ohne Rücksicht auf Verluste.” Er wirkte wie ein freundlicher großer Bär, als er sie zur Tür geleitete. Zum Abschied umarmte er sie, während sie ihm rechts und links ein Küsschen auf die Wange drückte.
Unter Philippus Kollegen munkelte man, er wäre so dick, weil er die Probleme seiner Patienten in sich hineinfräße. Meistens sprach man positiv über ihn, man wusste dass er spektakuläre Erfolge erzielte mit teilweise sehr unkonventionellen Methoden. Einzig sein unbestreitbar vorhandenes Charisma wurde ambivalent gesehen, viele Patienten wurden geradezu abhängig vom ihm und er scharte Anhänger um sich, mit denen er seltsame, geheime Exerzitien durchführen sollte. Es waren wohl Neider, die ihn mit Sektenführern wie Maharishi Yogi oder Otto Mühl verglichen.

“Von was träumen sie, Herr Becker, oder darf ich Frieder sagen?” “Mein Spitzname ist Beaky”, traute sich der Jüngere zu antworten. “Ich träume eigentlich selten, meist von der Schule.”
“Das meine ich nicht, was ist ihr Lebenstraum, Beaky? Was möchten sie erreichen?”, nun war Beaky aus dem Konzept. Mit einer solchen Frage hatte er nicht gerechnet. “Äh Xa…”, er räusperte sich, “also Xanadu, da will ich mal hin, wissen sie, in China!” “Hochinteressant. Das legendäre Xanadu. Und wenn sie das erreicht haben? Was machen sie am Nachmittag?” Philippus schaute Beaky mit großen Augen fragend an.

Jetzt war Beaky endgültig aus dem Tritt. Es trat eine Pause ein, die Beaky unangenehm war. Philippus tat nichts um die Spannung zu lösen. Er wartete auf eine Antwort. Schließlich fiel dem jungen Mann wieder ein, wieso er hier war und seine Hemmung löste sich. Heroin und Hanna, Hanna und Heroin, der ganze Teufelskreis war wieder präsent, der eben im Wartezimmer sein Hirn durchtobte. Er durchbrach das Schweigen: “Es geht um Hanna, meine Freundin, vielmehr meine Ex-Freundin. Ich liebe sie, aber sie hat Schluss gemacht.” In diesem Moment fiel Beaky siedendheiss ein, das ihr Gespräch im Wartezimmer mitgehört werden konnte. Er blickte zur Seite, durch die Glasscheibe. Dort saßen nur zwei Patienten, ein Langhaariger wie er selbst und eine ältere Dame mit einer Kurzhaarfrisur, die aristokratisch wirkte. Beide schienen am Geschehen im Behandlungszimmer uninteressiert zu sein, was Beaky beruhigte. Außerdem könnte er es jetzt nicht mehr ändern.
Der Psychiater wartete ob noch etwas nachkäme, dann antwortete er: “Darum geht es also, die Liebe. Wissen sie, Beaky, die Liebe ist strenggenommen eine Krankheit für uns Psychoheinis. Wenn man verliebt ist, sieht man die Welt völlig unrealistisch, man wird labil, extrem abhängig vom Verhalten des Liebes-Objektes. Selbst die Schmetterlinge im Bauch sind eigentlich pathologisch. Wir nennen die Liebe deshalb auch die schöne Psychose.” ‘Schöne Psychose’ sagte er mit einem heiteren Glucksen. Dann fuhr er wieder ernst fort: “Wieso hat Hanna sie denn verlassen?” Nun war Beakys Hemmung endgültig weg, an das Wartezimmer dachte er nicht mehr. Von seinem Heroinproblem erzählte er und das er davon loskommen wollte, wegen Hanna und überhaupt. Weder sein Knie ließ er aus, noch seine sorgenvolle Mutter. Auch von seinem Chef, der Einladung, dem riesigen Filmriss und dem Traum, in dem Puvogel ihn würgte, berichtete er dem Psychiater. Philippus fragte nach, wieviel Heroin, wie lange schon, selbst den blassen Striemen auf Beakys Hals untersuchte er. Schließlich nahm der Arzt wieder hinter seinem zierlichen Sekretär Platz.
Dann fasste er seine diagnostischen und therapeutischen Feststellungen zusammen. Er wäre bereit ihn zu unterstützen, wenn er es ernst meine mit dem Entzug. Er würde ihm ein Mittel verschreiben gegen die Ausfallerscheinnungen, besonders gegen die Angst. Dann müsste Beaky zweimal in der Woche in seine Gruppe kommen, das wäre unerlässlich. Besonders wenn es Beaky gelänge Hanna zurück zu gewinnen, würde er, Philippus, einen guten Ausgang sehen. Sein Filmriss bei Puvogel dürfte eine durch Heroin und Alkohol ausgelöste delirante Episode darstellen, die Striemen am Hals könnten sehr wohl beim Transport des Bewusstlosen entstanden sein. Außerdem sei für eine positive soziale Prognose, die Arbeit in der Antik-Galerie wichtig. Nur für sein Knie, da könne er nichts tun, da müsse ein Orthopäde konsultiert werden.

Fünf Minuten später steht Beaky mit einem Rezept auf der Uhlandstraße. Ihm fällt ein, neben der “Besenwirtschaft”, einem Weinlokal, in dem er mit seinem Vater mal Zwiebelkuchen essen war, ist eine Apotheke, also läuft er ein paar Schritte in Richtung Ludwig-Kirch-Straße. Der Apotheker gibt ihm das Medikament, murmelt etwas von Kreislauf, was Beaky nicht versteht. Er ist in Gedanken, unkonzentriert. Als er aus der Tür tritt passiert ihm ein Malheur, obwohl es nur ein Stufe gibt, schafft Beaky es, so heftig zu stolpern, dass er der Länge nach auf den Bauch und auf sein Gesicht fällt. Ein Augenblick kann lang sein, jedenfalls kommt es Beaky so vor. Er hat sich auf die Zunge gebissen, es schmeckt nach Blut, ebenfalls schmeckt es nach Ungeschicklichkeit, Versagen, Scham. Er kennt diesen Geschmack gut. Auf dem Schulhof hat er oft so gelegen, besiegt, beschämt, erniedrigt. Er glaubt um ihn herum stehen Leute und lachen über ihn und seine Dummheit. Tränen schießen in seine Augen. Seine rechte Wange ist aufgeschürft und seine linke Handfläche auch, sonst hat ihn seine Wildlederjacke geschützt. Der Apotheker stürzt aus der Tür, hilft Beaky auf und äußert mitleidig: “Aber Herr Becker, was machen sie denn?” Erstaunt nimmt Beaky wahr, dass niemand ihn auslacht, ein paar Passanten schauen betroffen und der Apotheker geleitet ihn an seinem Arm zurück in den Laden, wo er Beakys Wunden säubert, mit Jodtinktur desinfiziert und verpflastert. Beaky empfindet seine Fürsorge als wohltuend. Ihm fällt ein, er könnte mal ins Musicland schauen, gleich nebenan, kurz vor der Ludwig-Kirch-Straße. Diesmal achtet er sorgsam auf seine Füße, als er die Apotheke verlässt und nach wenigen Schritten betritt er das Geschäft mit den Hieronymus Bosch Fototapeten, in dem er schon viel Geld gelassen hat. Bereits in den 60er Jahren hat er den Lohn aus Vaters Kneipe hier in Vinyl-Scheiben angelegt. Die Wände mit der Bildwelt des mittelalterlichen Malers hatte ihn damals schon fasziniert, kaum zu glauben, dass das nicht irgendein Hippie auf LSD gemalt hat, sondern ein Mensch aus der Renaissance.

BildH. Bosch: “Die Hölle” (©: Public domain)

In der Mitte des Geschäfts steht ein runder Tresen, inmitten dessen ein blasser, schmaler Mann mit Geheimratsecken auf einem Barhocker tront. Von der Decke hängen Kopfhörer einladend über dem Verkaufstisch. “Erna”, so nennen alle den Besitzer, eigentlich heißt er Ernst Wüst, begrüßt den Stammkunden herzlich, fast wie einen alten Freund. Was nicht erstaunlich ist. Beaky war sogar mal bei ihm zuhause gewesen in der Gasteiner Straße. Aus alter Gewohnheit fragt Beaky, ob was gutes Neues reingekommen ist, aber Erna schüttelt nur den Kopf, wie meistens in letzter Zeit. Nein, nicht wirklich, nur Hard-Rock, Heavy Metal und billiger Glam-Rock. Da fällt dem schwulen Plattenhändler ein, dass er Beaky eine Nachricht geben soll, er wühlt aus einem Stapel Visitenkarten und ähnlichem einen Zettel und gibt ihn Beaky. “Von deinem Freund, dem Doktor”, bei Doktor zwinkert er. “Bei Su” steht auf dem Zettel und eine Telefonnummer. Erna beantwortet das klingelnde Telefon und Beaky verabschiedet sich mit einem Winken. Zur Teestube am Ludwig-Kirch-Platz ist es nicht weit, dort scheint ihm ein geeignetes Plätzchen zum Ordnen seiner Gedanken zu sein. Auch die langhaarige, blonde Sabina begrüßt ihn wie einen Freund und macht ihm einen Jasmintee. Merkwürdig, heute sind alle nett zu ihm. Sowas ist der junge Berliner sonst gar nicht gewohnt. Berlin ist ja keine besonders freundliche Stadt und wenn man lange Haare hat, muss man sich, auch 1973 ist das noch so, von der Schultheiss-Fraktion einiges anhören.

Er dreht sich einen kleinen Joint. Seit er auf Heroin ist, kifft er nur noch wenig. Er konzentriert sich auf den Duft und die Wärme, die aus dem Becher aufsteigen. Und dann ordnen sich seine Gedanken fast wie auf einen Schlag und er erkennt, dass nur eines wirklich Priorität hat. Nur Hanna ist ihm wirklich wichtig, alles andere wird sich lösen lassen, denn alles andere hat er in der eigenen Hand. Nur über Hanna kann er nicht bestimmen. Die Beziehung war das Beste was ihm im Leben passiert ist und er wird um sie und ihre Liebe kämpfen. Was immer er dafür tun muss, ist er bereit zu tun, alles mit Ausnahme von Selbstmord, denn dann würde er Hanna auch verlieren. Das war keine Option für ihn. Und noch etwas bemerkt er, sein Knie tut nicht mehr weh, schon seit seinem Sturz auf den Bürgersteig vor der Apotheke hat er keine Schmerzsignale mehr wahrgenommen. Umso besser, dann kann er jetzt unbeschwert seine nächsten Schritte planen.

Lange sitzt er in der Teestube am Ludwigkirchplatz. Er braucht einen Plan, aber es fehlt ihm ein zündender Gedanke, der seine Phantasie in Gang setzt. Dann sieht er einen Mann im Trench-Coat, der mit einem Koffer in die Pfalzburger Straße einbiegt. Es ist ein alter, großer Koffer, er scheint noch nicht einmal voll zu sein, der Mann lässt ihn lässig vor und zurück schwingen, während er zügig läuft. Mit einem solchen Koffer könnte man vieles transportieren. Wertvolles könnte man damit wegtragen, und langsam baut er in seinen Gedanken, wie mit Bausteinen, Klötzchen auf Klötzchen, bis es steht sein Traumschloss, sein Xanadu. Lange hat er nachgedacht, nun hebt er den Kopf und hört auf die Musik, die aus dem Lautsprechern kommt. Normalerweise spielen sie gitarrenlastige Musik, Rock- und Folk-Balladen in der Teestube. Sowas wie “It’s a Beautyful Day”, “America” oder “Cat Stevens”, deshalb ist es ungewöhnlich, dass nun ein klassischer englischer Pop-Song aus den 60er Jahren läuft.

When you’re alone
And life is making you lonely,
You can always go, downtown
When you’ve got worries,
All the noise and the hurry
Seems to help, I know, downtown.”

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Das Lied, mit dem Petula Clark 1964 einen sagenhaften internationalen Erfolg hatte, hellt Beakys Stimmung auf. Manchmal haben Popsongs diese Wirkung bei ihm. Seine inneren Zweifel weichen einer durch nichts begründeten Zuversicht, dass er all seine Probleme in den Griff bekommen wird. Denn nun hat er einen Plan. Einen Plan zur Rückgewinnung von Hannas Liebe, der gleichzeitig eine Rache an Puvogel enthält und nicht zuletzt die Erfüllung seines Lebenstraums bedeuten würde. Xanadu! Der Lebenstraum, an den er zuletzt immer weniger geglaubt hatte, bis zu diesem Tag. Sagte das seine Mutter nicht immer wieder, das gerade die Krisen, die schlimmen Zeiten im Leben, einen weiterbringen und oft zu positiver Fortentwicklung, zu größerer Zufriedenheit oder sogar Glück führen. In diesem Moment glaubt er, dass sie Recht hat. Allerdings würde er die Hilfe eines Freundes benötigen. An mich wird er wohl auch gedacht haben, in diesem Augenblick, aber ich bin in Frankreich und außerdem bin ich nicht der richtige für die Aufgabe. Beaky braucht einen Freund, mit dem er nahezu wortwörtlich “Pferde stehlen” kann, wobei nur “Pferde” eine Metapher darstellt, das “stehlen” nicht. Für dieses Konzept fällt Beaky nur einer ein, sein alter Freund, den alle “Doktor” nennen, obwohl der nicht wirklich ein Arzt ist.

“Doktor” öffnet Beaky die Tür zur Hinterhaus-Wohnung seiner Freundin in der Blissestraße, “Su” steht an der Klingel und “Milan”. Das Zimmer hat keine schöne Aussicht, eigentlich hat es gar keine Aussicht. Aus dem Fenster blickt man auf eine hässliche Brandmauer, die nur wenige Meter entfernt den Augen Einhalt gebietet. Der Raum scheint Wohnzimmer und Küche gleichzeitig zu sein, hinter einer halbgeschlossenen Tür hört man Musik, da vermutet Beaky “Doktors” Freundin und sowas wie ein Schlafzimmer. “Doktor” bietet seinem Freund einen Stuhl an und setzt sich selber. Auf dem Tisch vor ihm liegt eine Federwaage, Plastiktüten mit Pulver und kleine Stücke von buntglänzendem Stanniolpapier, aus dem normalerweise Kinder Weihnachtsbaumschmuck oder ähnliches basteln.

Sie haben sich viel zu erzählen, die Freunde haben sich lange nicht gesehen. Schließlich erleichtert Beaky sein Herz, indem er von Hanna berichtet, das er vom Heroin wegkommen will und das er Angst hat, sein Chef Puvogel könnte ihm K.O.-Tropfen untergejubelt haben und dann irgendwelche perverse Sachen mit ihm angestellt haben: “Er hat Fotos von mir gemacht, schweinische Sachen und dann hat er mich gewürgt, glaube ich.” Obwohl Professor Philippus die Striemen am Hals für normal hielt, sagt ihm sein Bauchgefühl, das rote Mal stammt vom zwielichtigen Kunsthändler. Das erklärt er dem “Doktor”, der nickt und murmelt: “Der fiesen Sau würde ich alles zutrauen. Verprügeln sollten wir ihn, den dreckigen Motherfucker!” In diesem Moment fliegt die Tür zum Nebenzimmer auf und eine hübsche dunkelhaarige Frau in einem Kimono betritt den Raum. Beaky traut seinen Augen nicht, kann es sein, das es die gleiche Person ist, die er beim Professor durch die Scheibe gesehen und über die Lautsprecher gehört hatte? Als sie den Mund aufmacht und spricht, weiß er, sie ist es! “Der Chef deiner, der Perverse, er ist ein Würgeengel. Er steht auf Ersticken-Spiele.” Susanna hatte offensichtlich die ganze Zeit mitgehört. “Doktor” bemüht sich das Gespräch wieder an sich zu reißen: “Das ist mein guter alter Freund Beaky. Wir haben schon einiges zusammen gedreht.” Dabei zwinkert er lustig. Dann steht er auf und stellt Beaky mit einer großen Geste seine Freundin vor: “Und das ist meine große Liebe, Schuschanna!”, wobei er einen dritten Stuhl nimmt und ihn für Susanna bereitstellt.
Danach kommt das Gespräch ins Stocken, Doktor beginnt mit einem Taschenmesser Pulver in drei Häufchen zu teilen. Beaky braucht nicht zu überlegen, er würde nichts von dem Heroin nehmen und das teilt er Doktor mit, vielleicht etwas unfreundlich. Aber “Doktor” überspielt die Situation mit einem lässigen, “Wer nicht will, der hat schon.” Dann reicht er Susanna einen abgeschnittenen Strohhalm, sie zieht ein Häufchen in die Nase, dann folgt “Doktor” ihrem Beispiel.

“Doktor” bietet Zigaretten an, Ernte 23, alle nehmen und rauchen. Dann muss Beaky endlich nachfragen, was ihn dringend beschäftigt: “Was meinst du mit Würgeengel?”
Susanna erhebt sich, geht zum Ausguss und macht den Kaltwasserhahn an. Sie lässt sich ein Glas einlaufen, kommt an den Tisch zurück, trinkt und räuspert sich. “Das ist eine Sexspiel. Hatte mal eine Kollegin in Budapest, die hat mir erklärt. Du drückst Hals zu bei Sex, soll sehr starke Gefühl sein. Kannst Du machen allein oder mit Partner. Manche sind ganz wild dafür, dein Chef wohl auch einer. Ist sehr gefährlich, schon Leute sterben daran.” Beaky schaut Susanna ungläubig an, während “Doktor” kleine Stanniolbriefchen mit Pulver füllt und dann mit der Federwaage auswiegt. Susanna drückt ihre Zigarette aus und verkündet: “Ich muss mich machen fertig. Jemand muss ja arbeiten gehen in diese Haus.” Dem entgegnet Doktor milde: “Was ich hier mache ist also keine Arbeit?”, während er auf die Utensilien vor sich auf dem Tisch deutet, “kannst froh sein, dass ich mich darum kümmere. Sonst wär kein Dope im Haus. Und das möchtest du doch nicht, Liebling.” Susanna zieht die Stirn kraus und verschwindet im Schlafzimmer. Als sie eine Viertelstunde später die Wohnung verlässt und sich verabschiedet, schauen die Männer kaum hoch. Inzwischen sprechen sie über Beakys Plan. Ein anderer Freund, wie ich zum Beispiel, hätte wohl das Waghalsige und die Gefährlichkeit des Vorhabens gewürdigt und ein Wort der Warnung gesprochen. Aber der “Doktor” ist nicht so, er liebt das Risiko und wo Beaky noch Bedenken hat, ist “Doktor” bereits vom Erfolg der Sache überzeugt.

-Wird fortgesetzt-

Die Illustration hat dankenswerterweise Rainer Jacob gezeichnet. Mehr von Rainer: http://www.rainerjacob.com

Text von “Downtown”:
http://www.absolutelyrics.com/lyrics/view/petula_clark/downtown

In diesem fantastischen Artikel erzählt Robert Buskin die Geschichte des Megahits von Petula Clark. Außerdem gibt er einen schönen Einblick in die Studioarbeit der 60er Jahre, besonders in den Pye Studios, wo noch unbekannte Größen wie Jimmy Page oder John McLaughlin sich ein Zubrot als Studiomusiker verdienen. Damals wurde bei Einspielungen noch ein Riesenaufwand getrieben. Neben einer Beat-Combo nahm man, mit vielen Dutzend Mikrofonen, ein komplettes Orchester auf, mit Streichern, Blech- und Holzbläsern, sowie Keyboards und Backgroundchor. Über ein 4-Spur Neumann-Pult zeichnete man auf einem 4-Spur Ampex-Rekorder auf. 1999 sagt Petula Clark: “We had no idea we were recording a monster. You never do.”
http://www.soundonsound.com/sos/jan12/articles/classic-tracks-0112.htm

 “Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.Das achte Kapitel trägt den Titel “Cold Turkey” und ist bereits erschienen:

https://marcuskluge.wordpress.com/2014/06/02/familienportrait-cold-turkey-die-legende-von-xanadu-kapitel-acht-1973-von-marcus-kluge/

   

Familienportrait – „Die Spinne und die Fliege“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Zehn / 1973 / von Marcus Kluge

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Petra Porlock hatte eine Gabe. Sie konnte in Menschen lesen, wie andere in einem Buch. Mit jeder ihrer zunächst beiläufig wirkenden Fragen schoss sie einen Faden und mit der Zeit entsponn sie ein Netz. Ein Netz, in dem sich ein Verdächtiger schließlich so hilflos gefangen sah, wie eine Fliege im Netz einer geschickten Spinne. Sie war schon immer klug und findig gewesen, aber erst als sie anfing für die Kriminalpolizei zu arbeiten, zeigte sich die Gabe. Sie erhielt diese Gabe nicht umsonst, so wie man für alles im Leben zahlen muss, so zahlte auch Petra einen Preis dafür. Einen hohen Preis. Eigentlich wollte sie Anwältin werden, während ihres Studiums in den 50er Jahren hat sie als Mannequin gejobbt und dabei ihren Ehemann, den englischen Modefotografen Sam Porlock, kennengelernt. Dann passierte ein Verbrechen, das ihr Leben auf den Kopf stellte. Ihre beste Freundin wurde entführt, vergewaltigt und ermordet, es war ein grausames, sinnloses und ekelhaftes Verbrechen. Die Polizei brauchte fast zwei Jahre um die Tat aufzuklären und den Mörder vor Gericht zu stellen. Petra verfolgte jedes Detail und sie entschloss sich endlich selbst zur Kriminalpolizei zu gehen.

Sie wurde die erste Frau, die in der Mordkommision Keithstraße selbstständig Fälle aufklären durfte. Zunächst hatten sie ihre männlichen Kollegen mit einer gewissen Abschätzigkeit behandelt, doch dann mussten sie feststellen, dass die Kollegin gut war und eine hohe Aufklärungsrate hatte. Nun wurde sie respektiert, aber sie blieb ein attraktiver Fremdkörper mit ihrer auffälligen Afro-Frisur, ihren Miniröcken, High-Heels und der Vergangenheit als Fotomodell. Wenn die älteren Kollegen bei einem Bier zusammensaßen fiel schon mal ein abfälliger Spitzname für sie. Heimlich warteten einige wohl doch, dass sie einen Fall so richtig in den Sand setzte. Der Chef übertrug ihr knifflige, heikle Fälle, auch weil sie mehr Fingerspitzengefühl besaß, als die meisten ihrer männlichen Kollegen. Besonders Verdächtige aus den sogenannten “besseren Kreisen” fasste sie mit Seidenhandschuhen an, während sie mit weniger Privilegierten auch ruppig umspringen konnte.
Obwohl sie überqualifiziert war, hatte man sie gern genommen, sie konnte sich gut darstellen und ihre Motivation war offensichtlich. Erst wurde sie bei der Sitte eingesetzt, dann wechselte sie ins Rauschgiftdezernat und schließlich erfüllte sich ihr Herzenswunsch, sie durfte Morde aufklären. Erst hier blühte ihr kriminologisches Talent voll auf. Wenn sie gegen einen Verdächtigen ermittelte, biss sie sich förmlich fest und fast immer bekam sie ein Geständnis oder es gelang ihr eine wasserdichte Indizienkette aufzubauen. Als eines Morgens der Galerist Ingomar von Puvogel erwürgt und halbtot gefunden wurde, musste ihr Chef nicht lange nachdenken. Der zwielichtige Puvogel war der Polizei als Drogenhändler der feineren Gesellschaft bekannt und man ging von einem Fremdverschulden aus. Es gab also reichlich Porzellan zu zerschlagen.
Eigentlich hatte Petra Porlock einen Urlaubstag, doch als sie von einem ausgedehnten Spaziergang mit ihrem Hund zurückkam, klingelte das Telefon, der Auftragsdienst teilte ihr mit, dass sie gebraucht wurde. 45 Minuten später hielt sie mit ihrem kleinen Sportwagen vor der Galerie Puvogel in der Schlüterstraße.

Hannas Korb hat Beaky niedergeschmettert, er war froh, dass er einen Termin bei seinem Psychiater Prof. Philippus hatte. Er redete nicht lange drumherum: “Ja, ich bin froh das Pulver los zu sein. Aber ich fühle mich so traurig, nicht nur wegen Hanna, die Droge fehlt mir. Mit ihr hatte ich immer ein warmes ruhiges Gefühl im ganzen Körper. Wie kommt das, wieso fehlt mir etwas, was andere Leute haben? Ich denke manchmal ich bin falsch auf dieser Welt.”
“Also der Einzige sind sie bei weitem nicht. Viele Menschen fühlen sich entfremdet und insuffizient. Sehen sie, Beaky, unsere Geschichte beginnt ja nicht mit der Geburt. Sie beginnt viel früher. Wir leben in einer materialistisch geprägten Zeit. Auch wenn Karl Marx umstritten ist, in einem ist man sich einig, der Mensch sei ein Produkt seiner Umwelt. Das mag ja nicht falsch sein, ist aber nur die halbe Wahrheit. Meinen Kollegen Rattner und Richter darf ich damit wahrscheinlich nicht kommen, für die ist das Soziale allein maßgebend. Das Hereditäre, das Erbliche, können sie nicht beweisen, deshalb spielt es für sie keine Rolle. Ich glaube aber auch an Dinge, die ich nicht im Labor studieren kann. Ich will sicher keine Geister beschwören, doch hat Shakespeare Recht, es gibt mehr, als uns die Schulweisheit lehrt. Lassen sie sich das von einem alten Mann sagen. Denn wir bekommen auch die Erfahrungen unserer Vorfahren mit ihren Genen aufgebürdet zusätzlich zum sozialen Einfluss von sagen wir, Großeltern und Eltern. Ihr Vater war doch im Krieg. Wo war er denn und wann kam er heim?”
Beaky räuspert sich: “Meist wohl in der Osten und dann drei Jahre in Gefangenschaft in Sibirien. Aber er redet ja nicht viel.”
“Die Heimkehrer schweigen meistens, sie versuchen die fuchtbaren Erinnerungen zu vergessen, was nicht funktioniert. Ihr Vater hat diese acht Jahre, das Elend, das Grauen, Hunger und Kälte mit seinem Erbgut an sie weitergereicht, behaupte ich mal. Sagten sie nicht, er wurde auch verletzt?”
“Ja, am Knie.”
“Kommt ihnen das nicht merkwürdig vor, das sie schon als Kind ein kaputtes Knie hatten?”
Auf die rhetorische Frage antwortet Beaky nicht, eine Gedanke steigt wie eine Luftblase in ihm auf: „Dann ist mein Drang zu Drogen auch vererbt, Herr Doktor?“
„Ganz so einfach wollen wir es uns nicht machen. Selbst wenn da ein Hauch Wahrheit dran ist, müssen wir schon an dem arbeiten, was die Asiaten Karma nennen. Für sie als jungem Mann sollten Liebe und die Arbeit wichtiger sein, als solche Substanzen. Der liebe Gott hat sich bestimmt was gedacht und das waren sicher nicht die Hippies. Nein, seine Apotheke hat er für Kranke und Alte gemacht. Meiden sie die Drogen, bis ihr Leben mehr Stabilität hat, oder noch besser bis sie alt und krank sind.“
„Oft fühle ich mich leer und ich kann nichts mit mir anfangen. Ich freue mich einfach über nichts und was ich will, kann ich nicht kriegen.“
„Diese Entfremdung, die sie empfinden, ist wohl eine Folge unserer modernen Lebensweise. Alles ist auf Schnelligkeit und Effektivität gepolt, für Muße bleibt kein Platz. Ja das ist ein Problem. Ihre Generation ist mir sympathisch, mit ihrer Suche nach Spiritualität. Nur der Weg ist zweifelhaft, auch hier soll nun die Materie Abhilfe schaffen. Die Substanzen, die Drogen sollen für Bewusstseinserweiterung sorgen. Meditation, ja vielleicht, das könnte klappen. Aber die besten bewusstseinserweiternden Drogen sind Arbeit und Liebe. Wenn wir arbeiten machen wir Erfahrungen, die wir nirgendwo sonst machen können. Mit der Liebe ist es ähnlich, nur wenn wir den Anderen wirklich einmal mehr lieben, als uns selbst, ist das eine ungeheuer bedeutende Bewusstseinserweiterung, die Erkenntnis, das wir nicht das Zentrum des Universums sind. Wenn sie eine gute Arbeit gefunden haben und eine Liebesbeziehung wird die Leere weichen, glauben sie mir. Geben sie nicht auf.“
„Aber können sie mir nicht etwas geben, was mir jetzt hilft? Ich habe Angst vor einem Rückfall.“
Der Psychiater schrieb ein Rezept aus und reichte es Beaky: „Aber erwarten sie nicht zuviel. Sie werden schnell eine angstlösende, beruhigende Wirkung feststellen, aber die eigentliche antidepressive Kraft baut sich erst in einigen Wochen auf. Diese trizyklischen Antidepressiva benutzt man schon seit vielen Jahren, anfängliche Nebenwirkungen vergehen bald, Alles Gute, Beaky und verzeihen sie, dass ich soviel von ihrer Zeit beansprucht habe.“

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Schon von weitem konnte Beaky die verschiedenen Polizeiwagen vor der Galerie Puvogel stehen sehen und er lief langsamer. Wieso waren das so viele? Da musste noch anderes passiert sein, etwas das nichts mit ihm zutun hatte. Beakys Schritt wurde etwas weniger zögerlich, nun war es ehe zu spät umzukehren, außerdem würde er sich verdächtig machen, wenn er heute nicht zur Arbeit käme. Eine hübsche Frau mit einer Afro-Frisur stand vor dem Geschäft und beobachtete ihn.
„Mein Name ist Petra Porlock von der Mordkommission. Wenn ich richtig informiert bin, sind sie der Herr Becker.“ Sie reichte Beaky die Hand und lächelte ihn so strahlend an, wie es die Umstände erlaubten. Sie machte eine einladende Geste: „Treten sie doch ein in die gute Stube.“
Beaky stutzte etwas über diese seltsame Formulierung, überhaupt war das eine seltsame Polizistin. Er betrat die Galerie, in der mehrere Männer Spuren sicherten. Petra bot ihm einen Stuhl und er bemühte sich zu antworten.
„Ja, Frieder Becker ist mein Name. Ich arbeite hier. Was ist denn passiert und wo ist Herr von Puvogel?“
„Also, die schlechte Nachricht ist, jemand hat versucht ihren Chef umzubringen, aber was genau passiert ist, da dachte ich, könnten sie mir helfen.“
„Nein, ich habe keine Ahnung. Wie geht es ihm denn?“
„Der Herr von Puvogel ist lebensgefährlich verletzt, er hat Ligaturen am Hals, also jemand hat versucht ihn zu erwürgen. Er liegt im Koma, mehr weiß ich auch nicht. Aber sie wissen doch von dem Einbruch, Herr Becker?“
Beaky schüttelte möglichst überzeugend den Kopf, obwohl er das unangenehme Gefühl hatte, längst durchschaut worden zu sein. Die Kriminalistin nickte andächtig, während sie ihre nächste Frage formulierte: „Sie haben ihrem Chef auch Modell gestanden, oder?“
Beaky hielt es für besser erst einmal alles abzustreiten: „Nicht das ich wüsste.“ Wenn Beaky das Mienenspiel der Polizistin verfolgt hätte, wäre ihm als Reaktion darauf ein kleines Lächeln aufgefallen, aber er hatte genug damit zu tun, seine eigene Miene unter Kontrolle zu halten.
„Ich denke, das wars schon, erstmal. Ihre Adresse habe ich, ja, sie sind entlassen, Herr Becker.“
Beaky war froh, das Verhör so schnell hinter sich gebracht zu haben, er winkte kurz zum Abschied und verlies mit schnellen Schritten die Galerie. Allerdings kam er nicht weit, Petras Stimme rief ihn noch einmal zurück: „Ich vergaß, ihre Fingerabdrücke wollten wir noch machen. Es ist ihnen sicher recht, wenn wir das gleich hier machen und sie nicht extra in die Keithstraße müssen.“
Beaky fragte ängstlich: „Aber wieso denn?“
Petra Porlock klopfte ihm stärkend auf die Schulter und erklärte dann, vielleicht ein wenig zu munter: „Routine, nichts als Routine. Sie brauchen sich gar keine Sorgen zu machen.“

Diese letzte Bemerkung von Petra Porlock hatte keine entlastende Wirkung auf Beaky, im Gegenteil, er macht sich Sorgen, große Sorgen. Sie würden ihm vielleicht einen Mordversuch anhängen. Nein, Puvogel hatte sich wahrscheinlich selbst aus Versehen erhängt bei seinen Spielchen. Das würde er der Kommissarin erklären und das Bild und die 10 000 DM könnte er zurückgeben, dann käme er mit einem blauen Auge davon, hoffentlich. Er machte sich auf den Weg zu Susanna und dem Doc. Er schaute sich um, sie würden ihn doch nicht verfolgen, oder?

Susanna öffnete ihm die Tür, sie trug einen Kimono und sah verheult aus: „Ach du, Beaky.“
„Hallo Susanna, sag mal ist der Doktor da?“
„Der Höllenhund mich verlassen hat, weg ist dein Freund“, wieder schossen ihr Tränen in die Augen und sie schluchzte. Beaky verstand nicht: „Wie weg?“
„Hat genommen die 10 000 Mark und ist gegangen, wo Pfeffer wächst. Er hat uns beide be-trogen, du Dummkopf.“
Nachdem sich Susanna etwas beruhigt hatte, erzählte sie, am Morgen hätte sie einen Zettel gefunden. Der Doktor müsse „Geschäfte erledigen“. Das Geld würde er „demnächst zurückgeben“, was Susanna aber nicht glauben konnte. Beaky beschwor Susanna, nicht alle Hoffnung in den Doc aufzugeben, dabei zweifelte er innerlich ganz erheblich an der Vertrauenswürdigkeit seines alten Freundes. Schon einmal war er durch ihn die Fänge der Polizei geraten und was Frauen anging war der Doc ein lebendes Beispiel für Untreue.

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Bevor er sich auf sein Bett legte, suchte er eine zu seiner Stimmung passende Platte und legte „Out of Our Heads“ auf, die US-Version des Stones-Albums aus dem Jahr 1965, auf der die B-Seite mit „Satisfaction“ beginnt. „I Can’t Get No Satisfaction“ schien ihm passend zu sein. Damals war Jagger noch richtig gut, in seiner britischen Version eines Blues-Shouters. Damals war er noch nicht dieser androgyne Clown, ein eitles Abziehbild seines aufgeblasenen Egos. Aber bald spukten wieder die Ereignisse der letzten Tage durch sein Hirn und er hing seinen meist trüben Gedanken nach. Erst beim fünften Song „The Spider and the Fly“ hörte er genauer hin, bisher hatte er immer den Sänger für die Spinne gehalten, jetzt kam ihm in den Sinn, das die Blondine nicht die Fliege war, sondern der Sänger selbst die Beute darstellen konnte.

„She was common, flirty, she looked about thirty
I would have run away but I was on my own
She told me later she’s a machine operator
She said she liked the way I held the microphone
I said my, my, like the spider to the fly
Jump right ahead in my web.“

Am nächsten Morgen, genau um 6 Uhr 30 klopfte es laut an der Wohnungstür der Beckers. Beakys Mutter war schon wach und konnte gerade noch verhindern, dass die Polizei die Tür eintrat. Petra Porlock zeigte ihr einen Durchsuchungsbefehl und ein halbes Dutznd zivile und uniformierte Beamte betraten die Wohnung. Sie beschlagnahmten den Koffer mit dem Gemälde, Beakys Drogen und Zubehör, sowie alle 100-Mark-Scheine, die sie finden konnten. Beaky musste sich in Anwesenheit eines Polizisten anziehen. Um kurz nach sieben trat Beaky aus der Haustür, er war jetzt mit Handschellen an Frau Porlock gefesselt. Petra machte das immer so, sie glaubte, es stelle eine spezielle Beziehung zwischen sich und dem Verdächtigen her.
Im Polizeigebäude in der Keithstraße fesselte ihn die Polizistin an eine Holzbank und er musste warten. Dieses Warten im Gang kam ihm wie Stunden vor, das einzige was er tun konnte, war ab und zu eine Zigarette zu rauchen. Er hatte schnell noch den Gedichtband von Colerigde eingesteckt, aber darauf konnte er sich unmöglich konzentrieren. So überlegte er immer wieder, was er auf mögliche Fragen antworten würde. Dabei schaute er sich auf dem riesigen, stillen Gang um, jedesmal wenn eine der Türen aufging hörte er höllischen Lärm aus den Großbüros, in denen Dutzende von Sekretärinnen auf Schreibmaschinen eintippten. Es roch nach Linoleum und Putzmittel, fast wie in der Schule. Vielleicht war es das neue Medikament, das ihm Professor Philippus verschrieben hatte, oder es war die kurze Nacht, die nun ihren Tribut forderte, aber er schlief ein und sofort begann er zu träumen. Er stand vor Hannas Wohnungstür und klopfte, eine Frau öffnete ihm, doch es war nicht Hanna, es war Petra Porlock: „Treten sie ein in meine gute Stube!“

wird fortgesetzt –

„The Spider and the Fly“ haben die Rolling Stones am 13. Mai 1965 in den RCA-Studios in Hollywood aufgenommen. Es bezieht sich auf Mary Howitts gleichnamiges Gedicht von 1929, das den meisten Engländern bekannt ist. Über den Song:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Spider_and_the_Fly_%28song%29

Über das Gedicht von Mary Howitt:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Spider_and_the_Fly_%28poem%29

Die Illustration hat Rainer Jacob gezeichnet. Mehr von Rainer:
http://about.me/rainer.jacob

Das nächste Kapitel heißt “Das Brennen” und ist bereits erschienen: https://marcuskluge.wordpress.com/2014/07/13/familienportrait-das-brennen-die-legende-von-xanadu-kapitel-elf-1973-von-marcus-kluge/

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

 

Familienportrait – „Maskerade“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Sechs / 1973 / von Marcus Kluge

Es ist ein Montagmorgen als das Unheil passiert. Sechs Wochen sind sie nun zusammen, alles scheint wunderschön, sie sind verliebt und Probleme hat es bisher nicht gegeben. Beaky fühlt sich selbstsicher, er ist von innerer Ruhe erfüllt, er stottert nicht und wird nicht rot. Beaky nimmt immer noch heimlich kleine Mengen Heroin, das Schnupfen hinterläßt ja keine Spuren. Weder sieht man Einstiche auf der Haut, noch die typischen Stecknadelpupillen oder das blasse Gesicht, das die Stoffwechselveränderung bei Fixern verursacht und weshalb sie für den Kundigen so leicht zu identifizieren sind. Er glaubt fest, wenn er das Pulver aufgebe, würde er die Maske aus Selbstsicherheit verlieren und sein Glück würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Er realisiert nicht, auf wie dünnem Eis er tanzt, die euphorisierende Wirkung der Droge hilft ihm die Einbruchsgefahr fast perfekt zu verdrängen. Nur wenn er unterwegs ist, um Drogen zu holen oder zu verkaufen, kommen ihm solche Gedanken vom Scheitern seiner Liebe zu Hanna. Dann schnupft er auf der nächsten Toilette ein kleines Häufchen Pulver und im Handumdrehen sind die Sorgen und die belastenden Selbstvorwürfe im Kopf verschwunden. An diesem Morgen hat Beaky vergessen das Badezimmer abzuschließen und als er eben dabei ist, die hellbraune Substanz ins Nasenloch hochzuziehen, betritt Hanna den Raum und erwischt ihn. Sie ist sauer, stocksauer. Ohne sich seine Entschuldigungen anzuhören, wirft sie ihn aus ihrer Wohnung. Beaky steht wie ein begossener Pudel auf der Treppe, als die Wohnungstür noch einmal kurz aufgeht und Hanna seine Wildlederjacke auf ihn pfeffert.

Wir alle haben unsere Schwächen. Die kleineren, wie etwa die Essanfälle, die uns nächtens vor den Kühlschrank treiben oder die Ausreden, mit denen wir uns vor uns selbst entschuldigen, weil wir wieder nicht Sport gemacht haben. Und es gibt die etwas bedeutenderen, wie die Beerdignug eines Bekannten, zu der wir nicht gegangen sind, weil wir am Abend vorher gefeiert haben oder die Hilfe, die wir zugesagt und doch nicht gegeben haben. Falls sie diese nicht kennen, stellen sie sich etwas Anderes vor, das ihnen bekannt ist. Lassen sie sich nicht täuschen, jeder hat Schwächen, auch wenn manche Mitmenschen wie Heilige wirken. Ob wir diese Entscheidungen aus freiem Willen oder eher nach unseren Instinkten und heimlichen Wünschen treffen, was wohl ganz überwiegend der Fall ist, soll uns nicht weiter beschäftigen. Besonders wenn Freunde beteiligt sind, die wir im Stich gelassen haben, neigen wir dazu uns schuldig zu fühlen. Denn die Verantwortung übernehmen wir dann. Es sei denn wir gehören zur privilegierten Klasse der Soziopathen, denen diese Last genommen wurde, weil ihnen Gewissen, Empathie und soziales Mitempfinden fehlen. Ich jedenfalls, ich hatte einen solchen Moment der Schwäche, als Ende Juni gegen Mitternacht Beaky ins Tolstefanz kam, um mich um Hilfe zu bitten. Und als ich Anfang August zurück kam aus meinem Urlaub und erfuhr, welchen tragischen Verlauf die Dinge genommen hatten, senkte sich mein schlechtes Gewissen, wie ein engmaschiges Netz auf mich nieder und ich brauchte lange, um mich wieder davon zu befreien.

Das Ur-Tolstefanz hatte sein Domizil in der Sächsischen Straße, nicht weit von der Pariser Straße entfernt, in einem großen Eckladen. Die Discothek war jeden Abend voll, Studenten, Langhaarige, hübsche Mädchen, die tanzen wollten und ein paar Jet-Setter, oder Gäste, die sich dafür hielten. Meine Freundin Ilona hatte mir den D.J.-Job besorgt, sie arbeitete schon länger am Tresen und schwärmte dem Chef von meiner Musikbegeisterung und meiner Plattensammlung vor, bis der mich engagierte. Die Arbeit war ideal für mich, ich wurde nur selten angequatscht, was meiner Menschenscheu zugute kam und das Platten auflegen machte mir wirklich Spaß. Ich fing um neun Uhr an und gegen vier kam Karlo, ich glaube so wurde er genannt, und drückte mir 60.- D-Mark in die Hand, manchmal mehr. Das war viel für mich, natürlich verdiente Ilona besser, schon weil sie großzügige Trinkgelder bekam.

In dieser Nacht, ich glaube es war die Nacht zum 27.Juni 1973, blendete ich eben von den Doors auf die Rolling Stones über. Nach „L.A. Woman“ blieben meist alle Tänzer dabei, um ihr Mitleid mit dem Teufel zu bekunden: „Sympathy for the Devil“. Heikler als diese Blende waren die Wechsel von Rock zu schwarzer Musik, aber Karlo wollte das so haben. Wenn dabei Tänzer ausstiegen, war ihm das Recht, sie sollten ja auch Drinks kaufen. Außerdem wollte er nicht zuviele schwarze Gäste im Tolstefanz haben, genausowenig, wie er nicht zuviele “Rocker” in seinem Laden sehen wollte. Also spielte ich seiner Ansage folgend, zu einer Hälfte Rock und zur anderen „The Sound of Philadelphia“, ein gerade sehr beliebtes Genre des Soul, das der Spiegel damals in einer Titelstory zur Leit-Musik der 70er Jahre erklärt hatte. Die Prophezeiung war ja richtig, nur bezeichnete man diesen Stil später mit dem umfassenderen Begriff „Disco“. Als die ersten Tänzer in den berühmten Background-Chor des Stones-Songs einstimmten, „Huh Huh“, „Huh Huh“, stand Beaky vor mir und es war klar, dass es ihm übel ging.

Ich stellte meine Monitorboxen leiser und Beaky fing unvermittelt an, auf mich einzureden: „Marcus, du musst mir helfen, es geht um Hanna!“, das wäre auch mein erster Gedanke gewesen. „Sie hat mich erwischt, beim Pulver ziehen und jetzt will sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich liebe sie und ich muss irgendwas tun, um sie zurückzugewinnen.“

“Vielleicht hättest du dir das früher überlegen sollen. Dass Hanna da ihre Grundsätze hat, wird dir doch klar gewesen sein“, war meine weder originelle noch empathische Antwort und wirklich Mitleid hatte ich auch nicht. In diesem Moment war ich es leid, immer wieder der Notnagel für Beaky zu sein und ich wusste auch wirklich nicht, wie ich ihm helfen sollte. Schließlich war heute Nacht meine letzte Schicht vor dem Frankreich-Urlaub. Zwei Tage später würde ich schon in Paris sein, zum ersten Mal Paris, ich freute mich sehr darauf. Mir fiel nichts anderes ein, als ihm den Rat zu geben, einen Entzug zu machen und wenn er die schlimmen Tage überstanden hatte, zu ihr zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten. Dann holte ich zwei Pils, trank mit ihm, quatschte ein bißchen über Musik und die Anlage hier im Laden, aber ich merkte das er in Gedanken woanders war. Ja. Natürlich war er das. Also schickte ich ihn nachhause mit dem strengen Befehl, am morgigen Tag mit dem Entzug anzufangen. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre mir klar gewesen, dass er, so ganz alleine einen „cold turkey“ nicht durchhalten würde. Ohne ein die Entzugserscheinungen milderndes Medikament und ohne „soziale“ Unterstützung würde er nicht durchhalten. Wenn am zweiten oder dritten Tag, die Schmerzen und die depressiven Gedanken unerträglich würden, hätte er wohl nicht die Kraft abstinent zu bleiben. Außerdem kannte er genug Leute, die ihm sogar ohne Bares, das eine oder andere Pulver auf „Kommi“ geben würden. Also “Kommission”, was bedeutete “auf Kredit”, dann würde er wieder verkaufen müssen und wäre drin im Teufelskreis aus Konsumieren, Dealen und wieder Konsumieren. Aber soweit wollte ich in jener Nacht nicht denken und manchmal mutmaße ich, wenn ich mich anders, hilfsbereiter, verhalten hätte, wäre es nicht zu der unglücklichen Verkettung von Ereignissen gekommen, die auf diese Nacht folgte, während ich in Frankreich war, weit weg von deren Schauplatz.

Beaky fing am nächsten Tag nicht an, das Heroin zu entziehen. Er war sich sicher, er könne auf Entzug nicht arbeiten gehen und nachdem er schon seine Freundin verloren hatte, wollte er wenigstens an seinem Job festhalten. Auf die naheliegende Idee zum Arzt zu gehen kommt er zwar, aber zu dem alten Hausarzt mit den Schmissen will er nicht und einen anderen kennt er nicht. Also steht er um elf auf, zerkleinert eine Prise Heroin mit einer 50 Pfennig-Münze und saugt das Häufchen mit einem zusammengerollten 20 D-Mark-Schein in sein rechtes Nasenloch. Der Versuchung seinem linken Nasenloch die gleiche Behandlung zukommen zu lassen, widersteht er. Es reicht aber auch, augenblicklich sind seine trüben Gedanken verschwunden, er duscht, zieht ein sauberes hellblaues Batik-T-Shirt an und macht sich auf den Weg zu Ingomar von Puvogels Antik-Galerie in der Schlüterstraße.

Der Antiquitätenhändler ist sehr verständnisvoll und gibt sich empathisch, als Beaky ihm von Hannas Entscheidung, die Beziehung zu beenden, erzählt. “Complètement desolé”, sei er, “betrübt” also. Und: “Ja ja, die Frauen, unberechenbar seien sie.” Beaky ist froh, von seinem Chef verstanden zu werden und kommt nicht auf die Idee, dass Puvogel diese Situation zu seinem Vorteil ausnützen könnte. Denn eben darüber denkt der undurchsichtige Herr mit dem Bärtchen nach. Er ist bereits dabei, in seiner Vorstellung einen Plan zu schmieden.
“Vielleicht kann ich sie etwas ablenken, Frieder. Sie lesen doch gern und sie mögen Bücher. Haben sie schon mal von Karl Grünberg gehört? Das war ein kommunistischer Schriftsteller.” Beaky zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.
“1928 hat er Brennende Ruhr veröffentlicht, ein Roman über den Ruhraufstand, das war eine Arbeitererhebung gegen den reaktionären Kapp-Putsch”, dozierte Puvogel. “Thomas Mann hat das Buch geschätzt, erstaunlicherweise”, nun schüttelte Puvogel sein pomadisiertes Haupt über den großbürgerlichen Romancier, der Gutes über den “Asphaltliteraten” Grünberg geschrieben hatte. Beaky hatte Mühe den Ausführungen seines Chefs zu folgen. Worauf wollte Puvogel denn hinaus?
“Grünberg ist letztes Jahr gestorben. Ich hatte das Glück, mir einen Teil seines Nachlasses zu sichern, fast seine ganze Bibliothek.”
“Ach, Bücher”, bemerkte Frieder überflüssigerweise.
“Ja, mein lieber Frieder. Bücher, habent sua fata libelli. Sie haben ihr Schicksal, die Bücher”, er nickte.
“Um sie ein wenig aufzubauen, werde ich ihnen einige Doubletten überlassen, Was halten sie davon?” Davon hielt Frieder, der lieber Beaky genannt werden wollte, viel.

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Am gleichen Abend klingelte Beaky an der Tür von Puvogels Privatwohnung in der Fasanenstraße. Er war noch nie dort gewesen und bewunderte die Villa aus dem 19. Jahrhundert. Man sah noch Schäden aus dem 2. Weltkrieg, sodass eine Anmutung von Ruine das Bauwerk umgab, verstärkt noch durch die Dämmerung wirkte es düster und geheimnisvoll auf den jungen Mann. Sein Chef öffnete, im Anzug wie immer, allerdings hatte er statt einer Krawatte ein blau-goldenes Seidentuch um den Hals. Puvogel führte ihn in einen großzügigen Wohnraum, der von einem Konzertflügel dominiert wurde. Sonst bestand die Einrichtung aus einer seltsamen Mischung von schlichten Bauhaus-Möbeln und eher verspielten Jugendstil-Lampen und anderen Accessoires aus dem fin de siécle. Ja, Beaky stellte stolz fest, dass er schon einiges über Antiquitäten gelernt hatte in den letzten Monaten. An den Wänden hingen, neben venezianischen Masken, Grafiken, die er wegen ihrer reichen Ornamentik auch dem Jugendstil zuordnen konnte, dennoch hatte er dergleichen noch nie gesehen. Einige davon waren geradezu pornografisch.
“Aubrey Beardsley. Ein genialer englischer Zeichner und Illustrator, der leider nur 25 Jahre alt wurde. Er starb fast so früh wie heute die Pop-Sänger, nur waren es bei ihm nicht die Drogen, er hatte Tuberkulose.” Beaky überlegte, ob die Anspielung ihm gegolten hatte, Puvogel wusste von seinen Drogenproblemen, aber er wischte den Gedanken zur Seite.
Der Ältere hofierte den Jungen in eine Sitzecke, wo mehrere Barcelona-Sessel um einen flachen Glastisch gruppiert waren. Auf dem Tisch stapelten sich schon einige Bücher. Puvogel entschuldigte sich, um weitere “Doubletten”, wie er sagte, zu holen und der junge Mann verspürte einen plötzlichen Drang der Natur. Auf dem Flur irrte er umher und öffnete eine Tür, dahinter befand sich so etwas wie ein Fotostudio. Seltsam, er wusste gar nicht, dass Puvogel diesem Hobby frönte. Inmitten einiger Scheinwerfer ruhte eine Art Chaiselongue vor einer goldfarbenen Tapete, daneben auf einem Podest stand die Statue eines nackten jungen Mannes, dessen bäuerlich wulstige Stirn nicht so recht zu dem sonst eher filigranen Körper passen wollte.
“Curiosity killed the cat!”, hörte Beaky seinen Arbeitgeber rezitieren. “Nicht jede Tür im Leben sollte man öffnen, geschätzter Freund.”
Nachdem er sich erleichtert hatte, wurde er von Puvogel auf einem der Sessel platziert und hörte dann den Erläuterungen über die meist dicken, gebundenen Bücher vor sich zu. Puvogel empfahl ihm Thomas und Heinrich Mann, Frieder war froh bei Thomas Mann etwas mitreden zu können. Nachdem er ihm einige Klassiker wie Dante, Rabelais und eine dreibändige Casanova-Ausgabe ans Herz legte, stand Puvogel auf, um eine “Erfrischung” zu holen. Frieder schwirrte der Kopf.

Heutzutage kennen wir die entlegensten Single Malt Whiskies, die aus kleinen Destillerien in gutsortierte Fachgeschäfte geliefert werden, aber in den 70er Jahren war, zumindest in Deutschland, der Scotch der Wahl “Chivas Regal”. Der Romancier der Edel-Kolportage, Johannes Mario Simmel hatte diesem schottischen Destillat 1971 in “Der Stoff aus dem die Träume sind” ein Denkmal gesetzt. Auch Frieder hatte davon gehört, unter anderem von seinem Vater, der Chivas als teuersten Schnaps auf der Karte seiner Kneipe führte. So kam es, das Frieder, obwohl er nicht scharf auf Alkohol war, unbedingt probieren wollte, als der Galerist eine Flasche des edlen Getränks auf einem Beistelltisch öffnete. Er goss in zwei Whisky-Tumbler je zwei Finger breit von der goldbraunen, öligen Flüssigkeit. Dann bestand er darauf Beaky einen Eiswürfel ins Glas zu tun, dessen Protest ließ er nicht gelten, Chivas trinke man natürlich mit Eis! Mit den Gläsern kam der zwielichtige Kunsthändler zum Tisch zurück und reichte Beaky eines davon.

Der Whisky schmeckt schärfer, als der Jüngere sich das vorgestellt hat. Puvogel erzählt nun von einem Gedichtband, noch einmal reisst Beaky sich zusammen, weil sein Chef das legendäre “Xanadu” erwähnt. Samuel Taylor Coleridge habe ein Gedicht darüber geschrieben, “Kubla Khan”. Es solle Coleridge, wie eine Vision, im Opiumrausch erschienen sein. Das ist das Letzte woran er sich erinnert. Dann wird es dunkel um ihn.

Endlich hat er es geschafft, er ist in Xanadu. Beaky weiß zwar nicht genau, wie er hergekommen ist, mit dem Flugzeug wahrscheinlich. Doch nun ist er hier. Ein bißchen enttäuscht ist er schon, er hätte es sich prächtiger vorgestellt. Wenn er sich umschaut, sieht er vor allem Wüste und Ruinen, besser die Reste von Ruinen. Mauern, die schon vor Jahrhunderten geschleift wurden, abgebrochene Säulen und unter Sand fast verschwundene Fundamente und Wege. Nirgendwo sieht er Menschen, das macht ihn nervös. Er läuft schneller und nach einer Weile sieht er so etwas wie einen Kiosk, an dem man Karten, Reiseführer, Souvenirs und auch Getränke kaufen kann. Im Kiosk steht ein Mann mit blonden, lockigen Haaren, der eine Maske trägt, er erinnert Beaky an Bob Dylan. “Das ganze Zeug wartet nur auf deine Wenigkeit”, sagt Bob Dylan, nickt ihm zu und öffnet die Arme zu einer allumfassenden Geste. Beaky, der eigentlich etwas zu trinken kaufen wollte, wird rot und unsicher. Sein Mund ist staubtrocken, wahrscheinlich die Wüstenluft, sein Hals ist wie zugeschnürt. Jetzt hört er Pferdegetrappel hinter sich, er sieht sich um und erkennt Hanna, die auf einem weißen Pferd auf ihn zu reitet. Sie neigt sich zu ihm nieder und flüstert in sein Ohr: “Komm Beaky, I think it’s time to go.” Dann reicht sie ihm die Hand und zieht ihn auf den Schimmel. Sofort nachdem er sie von hinten umfasst hat, reitet sie los. Er hört eben noch, wie Bob Dylan ruft: “Das wird der reinste Osterspaziergang!” Er wundert sich, dass Bob Dylan deutsch kann. Sie reiten bis sie zu einer Kneipe kommen, sie sieht aus wie das “Zum Schotten” in der Schlüterstraße. “Seltsam”, denkt Beaky und steigt ab. Auch die andere Person steigt vom Pferd und dreht sich um. Er bekommt einen Riesenschrecken als er sieht, das nun Puvogel vor ihm steht. Puvogel dreht im brachial den Arm um und schiebt ihn in die Kneipe, in der ein Fotostudio aufgebaut ist. Der Mann mit dem Schnurrbart zwingt ihn auf die Chaiselongue und nimmt sein Hèrmes-Tuch ab, das er um Beakys Hals legt und ihn damit würgt bis der Junge bewusstlos wird.

Am nächsten Morgen erwacht Beaky mit einem Filmriss, der so groß und breit ist wie eine Hollywood-Verfilmung des alten Testaments: Außerdem hat er höllische Kopfschmerzen und ein äußerst ungutes Bauchgefühl. Wie war der Abend zuende gegangen? Wie war er nach Haus und ins Bett gekommen? Und was war passiert in den Stunden, die ihm fehlen?
Auf dem Küchentisch findet er einen Zettel von seiner Mutter:
“Guten Morgen, Frieder. Dein Chef hat dich gestern heim gebracht, Du warst offensichtlich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken. Ich mache mir Sorgen. Bin um sieben wieder da, wir müssen reden. Deine Mama.”
Zusätzlich zu seinem Missbefinden, überfällt ihn glühend-heiß sein schlechtes Gewissen, als er den Zettel seiner Mutter liest. Er versucht sich zu sammeln, kocht Kaffee und dreht sich eine Zigarette. Das belebende Getränk und das Nikotin helfen ihm, seine Fassung wieder zu erlangen. Langsam findet er in den Tag. Seine Kehle ist immer noch wie ausgedörrt. Er lässt eben ein Glas kaltes Wasser einlaufen, als es an der Wohnungstür schellt.
“Frieder Becker” steht auf dem Päckchen, Beaky erkennt Hannas Handschrift. Als er beim Gang zurück in die Küche das Päckchen aufreißt, stolpert er über eine Reisetasche. Was ist denn das? Er hat sie noch nie gesehen. In der Küche schüttelt er den Inhalt des Päckchens über den Küchentisch. Es enthält nur zwei Dinge, eine Musikkassette und eine Visitenkarte. Die Karte ist von einem Professor Dr. Amon Philippus, einem Psychiater und Psychotherapeuten in der Uhlandstraße. “Du brauchst Hilfe”, hat Hanna noch dazu geschrieben. Er trinkt das Wasser, mit der Kassette geht Beaky zurück in sein Zimmer und legt sie ein. Dann hört er ein Lied, das er von Hanna kennt. Es ist ihm peinlich eben dieses Lied zu hören, er wird rot, denn der Text trifft ihn exakt an seiner wunden Stelle, dem Schuldgefühl das er hat, weil er die Beziehung in den Sand gesetzt hat, wegen eines kleinen Häufchens Pulver und zum ersten Mal seit seiner Kindheit weint er.

“I’ve seen the needle
and the damage done
A little part of it in everyone
But every junkie’s
like a settin’ sun.”

Fortsetzung folgt

Neil Youngs Song über Heroinsucht, “The Needle and the Damage Done”, erschien zuerst auf seinem Studioalbum “Harvest” im Jahre 1972. Es ist seitdem von einer fast unendlichen Reihe von Musikern gecovert worden. Hier erfährt man mehr darüber:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Needle_and_the_Damage_Done

Der vollständige Text:
http://www.azlyrics.com/lyrics/neilyoung/needleandthedamagedone.html

Die Zeichnung ist eine Orginal-Illustration von Rainer Jacob. Die Grafik “Maskerade” stammt von Aubrey Beardsley (©: creative commons). Das siebte Kapitel trägt den Titel “Downtown”. “Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

Familienportrait – “Einschiffung nach Kythera” / Die Legende von Xanadu Kapitel Fünf / 1973 / von Marcus Kluge

Reise

Der Antiquitätenhändler und Galerist Ingomar von Puvogel ist, was man eine schillernde Persönlichkeit nennt. Der etwa 1,70 Meter große, grauhaarige Herr trägt gern zweireihige Klubjacken, die sein Bäuchlein eher betonen als verbergen. Er selbst nennt es fast zärtlich, sein „Embonpoint“, was selbstverständlich sehr viel schicker klingt, als das in Berlin sonst gern verwendete Wort „Wampe“. Er war nicht immer Geschäftsmann, seine Kollegen erzählen gern genüsslich, dass er in den 50er Jahren für mehrere Nachrichtendienste gearbeitet haben soll, den BND, sowohl als auch die Stasi und zusätzlich die üblichen Verdächtigen wie CIA, MI5 und Mossad. Unter mysteriösen Umständen hat er Anfang der 60er Jahre den aktiven Dienst verlassen. Man munkelt von Stasi-Material über die Nazi-Vergangenheit eines hochrangigen CDU-Politikers, mit dem er einen goldenen Handschlag vom BND erpresst haben soll. Andere sprachen von Kinderpornographie, die Puvogel einem Staatssekretär untergeschoben haben sollte. Aber es liegt in der Natur der Sache, das Niemand etwas Genaues wusste. Puvogel ließ sich anschließend an sein Ausscheiden ein Clark Gable-Bärtchen wachsen und eröffnete seine „Galerie“ in der Schlüterstraße. Zusätzlich schmückt seitdem das Wörtchen „von“ seinen Namen. Von nun an gab er die Vorstellung eines bildungsbeflissenen Schöngeists, der gern seine Sprache mit französischen Vokabeln würzte und seine Vergangenheit in wenig glaubwürdigen Anekdoten schönfärbte. „C’etait incroyable“, so nannte er es selber.

Auf den ersten Blick hob sich sein Geschäft von den benachbarten Trödlern ab, doch wenn man genau hinsah, bestand sein Angebot hauptsächlich aus drittklassigen Gemälden, Jugendstil und Art Deco-Tand, sowie asiatischem Kunsthandwerk, preiswerter Dutzendware zumeist. Beaky arbeitete dennoch gern bei ihm, Puvogel war freundlich, jovial, hatte Humor und konnte tolle Geschichten erzählen. Außerdem bescheinigte ihm sein Chef, er würde 40 Stunden in der Woche bei ihm wirken, was stark übertrieben war. Sein Bewährungshelfer war einmal im Laden gewesen und Puvogel hatte ihn mühelos um den Finger gewickelt und ihm sogar ein hübsches Lackkästchen zum überhöhten Preis verkauft. Wie die meisten Besucher bestaunte der Sozialarbeiter die Kopie von „Einschiffung nach Kythera“, dem berühmten Gemälde von Jean-Antoine Watteau. Und wie bei allen kunsthistorisch Ungebildeten behauptete Puvogel, es würde sich um ein unbekanntes viertes Bild von diesem Sujet handeln, ein echter Watteau. Was natürlich blanker Unsinn war. Denn wenn es ein Orginal gewesen wäre, hätte es nicht im Schaufenster auf einer Staffelei gestanden. Stattdessen hätte man es, mit einer Alarmanlage verbunden, an die Wand gehängt, denn es wäre mindestens eine sechsstellige Summe wert gewesen. Ach was, wenn es ein echter Watteau gewesen wäre, hätte es niemals in der Antik-Klitsche von Ingomar von Puvogel gehangen. Dennoch stellte die alte, aber gut erhaltene, Kopie einen gewissen Vermögenswert da. Schon viele hatten versucht, sie dem Galeristen abzukaufen, doch Puvogel bezeichnete sie als sein “piece de resistance” und wirklich auch durch ihre herausgehobene Position, auf einer Staffelei, im Schaufenster, stellte sie soetwas wie sein Aushängeschild dar und als solches war es ihm ans Herz gewachsen.

„Einschiffung nach Kythera ist der Titel dreier spätbarocker Gemälde des französischen Meisters Jean-Antoine Watteau. Eines davon hing damals in Dahlem, wo ich es gesehen hatte. Das Gemälde zeigt ein paar junge Leute, die am Ufer auf ihr Boot warten, um zur Insel Kythera übergesetzt zu werden. Rechts steht eine Statue der Liebesgöttin Venus. Im Hintergrund sieht man die Insel Kythera, den Ort an dem Venus der Sage nach aus dem Schaum des Meeres an Land gestiegen sein soll. Die Insel Kythera galt im 18. Jahrhundert als ein Reich der Liebe, fern aller Konflikte. Mit diesen sogenannten „Fêtes galantes“-Gemälden schuf Watteau eine neue Bildtradition, bei denen Rubens und dabei insbesondere dessen Gemälde Liebesgarten das Vorbild waren.“

Es war an einem Freitag nachmittag, als ich Beaky in der Galerie Puvogel aufsuchte. Er hatte mich angerufen und mir erzählt, er habe vor sein Leben zu ändern. Mit dem Speed habe er Schluss gemacht, ich freute mich, dass er auf mich gehört hatte und ich war gespannt, was er mir sonst berichten wollte. Sein Chef gestattete ihm neuerdings, allein den Laden zu hüten, während er, Puvogel, seine tägliche Siesta im Hinterzimmer der Kunsthandlung hielt.

Ich bewunderte die recht ordentliche Watteau-Kopie im Fenster, wobei ich Beaky im Ladeninneren erspähte. Er trug zu seinen dunkelblauen Levis ein besticktes Seidenhemd, wahrscheinlich auch ein Asienimport des Galeristen. Seine langen, rotblonden Haare waren frisch gewaschen und ich war froh keine Anzeichen des Konsums harter Drogen zu erkennen.
„Na, Beaky, wie läuft dein Geschäft?“
Er erwiderte mit leicht gedämpfter Stimme, „Ich wollte, es wäre meins, Marcus. Und nenn mich bitte Frieder, der Chef mag meinen anderen Namen nicht.“
„Wo ist er denn, der Graf von und zu Piepvogel?“
Beaky wurde rot, jetzt flüsterte er fast: „Er ist hinten in seinem geheimen Blaubart-Kabinett. Ich glaube er raucht Thai-Sticks und was er noch treibt, da gibt es verschiedene Vermutungen, ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, vielleicht schläft er wirklich.“
Puvogel importierte versteckt im Kunsthandwerk Marihuana, sogenannte Thai-Sticks, die besonders bei Künstlern und Intellektuellen sehr beliebt waren. Man sagte, sie gingen nicht in die Beine, sondern direkt in den Kopf, machten wach und gesprächig. Viele Antiquitätenhändler in den Kudamm-Nebenstraßen verkauften das teure Zeug als willkommene zusätzliche Einnahmequelle. Die Kunden gehörten entweder zur Schickeria oder sie hätten gern zu ihr gehört. Auf jeden Fall rekrutierte sich die Klientel aus den „besseren Kreisen“, die bereit waren etwas mehr für den illegalen Drogen-Kick zu zahlen.
Was das „nochtreiben“ anging, wucherten in der Tat die unterschiedlichsten Vermutungen. Der falsche Adlige selbst behauptete, erotisch ein Neutrum zu sein, seitdem der sowjetische NKWD ihn im Zweiten Weltkrieg mehrere Tage gefoltert hatte. Da er diese wilde Geschichte mit sehr viel Humor und Gusto zelebrierte, war er selbst schuld, dass sie als nicht sehr glaubwürdig aufgenommen wurde. Also sprach man von kleinen Mädchen, kleinen Jungen, kleinen oder eher mittelgroßen Haustieren, sowie von allen denkbaren materiellen Fetischen, die angeblich sein erotisches Interesse ausmachen sollten.
„Gott zum Gruße, junge Herrschaften“, tönte es leicht effeminiert aus dem rückwärtigen Geschäft. Der Besitzer hatte seine Siesta beendet und gab uns eine Exklusiv-Vorstellung seiner Darstellung eines intellektuellen Schöngeistes . Mir war die Puvogels sexuelle Orientierung überhaupt nicht unklar, ich hielt ihn für schwul. Und als ob er meinen Gedanken bestätigen wollte, turnte der Galerist um mich herum und bewunderte mich von allen Seiten. Beaky hatte meinen Besuch wohl angekündigt, denn unverzüglich schmeichelte Puvogel mich an: „Das kann doch nur der kluge Herr Kluge sein und dabei ist er auch noch ein so schöner Mensch. Wie hält man das aus?“ Nach kurzer Sammlung parierte ich den Ästhetik-Liebhaber: „Normalerweise ganz gut, Herr Puvogel“. Ich drängelte ein bißchen, um möglichst schnell Puvogels Dunstkreis zu entgehen. Es war nicht so, dass ich wie viele Männer grundsätzlich Probleme mit Schwulen hatte. Ich hatte sogar selbst eine kurze Beziehung zu einem Mann gehabt und die Schwulenszene kennengelernt. Deshalb kannte ich auch das Gefühl von älteren Schwulen angemacht zu werden und sowas machte mich normalerweise nicht verlegen. Aber dieser Vogel war mir unangenehm, seine aufdringliche, süßliche Art. Ich verstand nicht, wie Beaky für ihn arbeiten konnte und dessen Nähe ertragen konnte. Nach meinen Eindruck hatte dieser Galerist hatte nur einen Gedanken in seinem Kopf und der war schmutzig. Glücklicherweise schien es Beaky selbst peinlich zu sein, wie sein Chef mich anbaggerte und er unterstützte meinen geordneten Rückzug aus der Galerie.

Anschließend liefen Frieder und ich die Schlüterstraße in Richtung Kudamm. Wir überquerten erst die Kant- und dann die Niebuhrstraße, und endlich drückte mich mein Begleiter in eine ziemlich normale Berliner Kneipe, sie hieß „Zum Schotten“. Auf den ersten Blick schottisch war, dass man bei Licht und Einrichtung offensichtlich gespart hatte. Die finstere Kaschemme war nur mit wenigen Gartenmöbeln und einem heruntergekommenen Billardtisch möbliert. Ganz und garnicht nach meinem Geschmack . Der einzige Lichtblick war ein schönes altes Canada Dry-Schild, das über der Theke hing.
Bei dem Kellner mit Schmalzlocke bestellte ich also ein Canada Dry, ungeöffnet in der Flasche, was mit verhaltenem Unmut quittiert wurde. Kaffee oder Tee würde ich in diesem Laden nicht anrühren. Beaky war da nicht so heikel, er trank schwarzen Kaffee, den der Kellner aus einer Thermoskanne eingoss.
Mir fiel ein, dass ich schon mal in diesem Laden war. Schon Ende der 60er Jahre traf sich hier eine Mischung von linken Studenten und denen, die sie gern als Genossen gehabt hätten, nämlich die Angehörigen der ansässigen Arbeiterklasse. Kiffen war dort verpönt, doch handelte man mit Tabletten, Captagon, An1 und anderen Helfern fürs Examen oder die Frühschicht im E-Werk oder in der Gipsformerei. Ich war dort 1969, in einer Ecke stand ein Fernseher und die Gäste verfolgten mit skeptischer, berlinischer Abgeklärtheit die Live-Übertragung der ersten Mondlandung. Vielleicht war hier der Ort gewesen, wo zum erstem Mal behauptet wurde, dass es sich bei diesen Bildern von der Mondlandung um eine Fälschung handelte, stellte ich mir vor. Man kann den Berlinern viel vorwerfen, Leichtgläugibkeit gehört nicht dazu. Im Gegenteil, zum Wesen des Berliners gehören Misstrauen und Zweifel, wie die Molle zum Korn.

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Ich öffnete die Flasche, genoss einen ersten Schluck Ginger Ale aus der Flasche, das schmierige Glas rührte ich nicht an, dann eröffnete ich das Gespräch: „Du scheinst meine Gardinenpredigt ernst genommen zu haben, oder hattest du andere Gründe deine Performance aufzupolieren?“ Seit ich den Nicolas Roeg Film mit Mick Jagger gesehen hatte, war „Performance“ eines meines Lieblingswörter.
Ich beobachtete wie Beaky mit Worten rang und einen Einstieg suchte. „Na ja, weißt du, letzte Woche im Café Bleibtreu. Du hast mir erzählt, wie glücklich du mit deiner Freundin Ilona bist und mir ist klar geworden, dass ich auch so eine Beziehung suche.“ Ich nickte verständnisvoll und ließ ihm Zeit zu formulieren. „Da habe ich mich entschlossen mit dem Scheiß-Pulver aufzuhören. Also, mit dem Speed habe ich das schon geschafft, ein bißchen H sniefe ich aber noch.“ Das H sprach er englisch aus, wie es in der Berliner Drogenszene üblich war, es hörte sich wie „Ehtsch“ an. „Sniefen“ war wohl auch ein Wort das es nur in dieser Subkultur gab. „Damit ist aber auch bald Schluss“, fuhr er fort, „Sag mal, im Bleibtreu war doch diese Hanna, die Kellnerin. Kennst du die gut?“ „Nö, ist eigentlich mehr Ilonas Freundin. Aber ich hatte mir schon gedacht, dass du mich nach ihr fragst. Die hat dir gefallen, ne?“ Beaky nickte, aber zog die Stirn kraus. Er war sich unsicher und er wusste nicht, wie er sie ansprechen sollte und bat mich um Hilfe.

Wahrscheinlich war ich der einzige Mensch der wusste, dass Beaky noch Jungfrau war. Außer einer Knutscherei im Anne-Frank-Haus hatte er keine sexuellen Erfahrungen mit irgendeinem weiblichen Wesen. Die Tatsache war ihm peinlich, aber weil er mich für so etwas wie seinen Beichtvater hielt, hatte er es mir erzählt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Nun legte er mir nahe für ihn den Liebesboten Amor zu spielen. Im Grunde hatte ich sowas erwartet. Beim Verkuppeln hatte ich zwar keinerlei Routine, doch wie so häufig im Leben bemühte ich mich die Aufgabe als Schauspielpraxis zu betrachten.

Ich lud also Hanna zu einem Picknick ein. Am Samstagmittag liefen wir, Ilona und ich, zum Zooeingang gegenüber vom Bahnhof, das war der vereinbarte Treffpunkt. Meine Freundin und ich hatten eine Kleinigkeit zu essen vorbereitet und bei Ullrich kauften wir noch ein Fläschchen Rotwein, kurz bevor um 13 Uhr der Laden zumachte.
Hanna kam zuerst, überpünktlich und Beaky verspätete sich etwas, er wirkte aber frisch und clean. Wir liefen los, ließen rechts von uns den Zoo, wir überquerten die Schleuse und waren bald im Tiergarten. Dort an einem See kannte ich eine seichte Stelle. Wenn man Füße und Waden freimachte, konnte man dort durchs Wasser waten. Belohnt wurde man durch eine kleine, menschenleere Insel. Die Idee kam mir, als ich in Puvogels Schaufenster „Einschiffung nach Kythera“ gesehen hatte.
Auch ohne Schiff hatte der Nachmittag etwas Romantisches, Hanna lachte über Beakys Scherze, auch über die unbeholfenen. Als wir uns am frühen Abend verabschiedeten, beschloss Beaky Hanna noch nach Hause zu begleiten. Dann hörte und sah ich von den Beiden für längere Zeit nichts, was ich als gutes Zeichen wertete.

Hanna wohnte in einer winzigen Mansarden-Wohnung in der Düsseldorfer Straße. Wie in vielen Nebenstraßen des Kudamms hatte man dort kleine Dachgeschosswohnungen mit Atelierfenstern geschaffen. Es war billig damals und romantisch, nur im Winter zog es ziemlich. Beaky hatte ja nun Hannas Adresse und er beschloss um sie zu werben. Das tat er zunächst mit mehreren Postkarten, auf die er Zeilen aus Popsongs schrieb. Nichts Kitschiges, eher coole Zitate. Er hatte keine Erfahrung in solchen Dingen, er tat es auf seine Art. Folglich hatte es mit Musik zu tun. Auf diesem Gebiet kannte er sich aus und er war sich auch ziemlich sicher, dass Hanna einen Nerv für Texte von Bob Dylan, Janis Joplin und Jimi Hendrix hatte, die er für sie aussuchte. Nach einer Woche beschloss er aufs Ganze zu gehen. Er steckte ihr ein Mixtape in ihren Briefkasten, zusammen mit dem Vorschlag sich zu treffen und seiner Telefonnummer. 1973 war ein Mix-Tape ganz weit vorne, die Avantgarde der zeitgenössischen Liebeswerbung sozusagen.

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„Won’t you come with me baby?
I’ll take you where you wanna go.
And if it don’t work out,
You’ll be the first to know.
I’m pledging my time to you,
Hopin’ you’ll come through, too.“
(„Pledging my Time“, Bob Dylan aus dem Album „Blonde on Blonde“, 1966)

Und wirklich ruft Hanna Beaky an, seine Liebeswerbung hat sie amüsiert und sie mag den langhaarigen, etwas unbeholfenen Jungen gern. Also treffen sie sich am Olivaer Platz, an der Einser-Haltestelle. Er besteht darauf, sie zum Essen einzuladen.
Sie laufen den Kudamm in Richtung Halensee und Hanna fragt, halb besorgt, halb scherzhaft:“Du willst mich aber nicht in den Athenergrill ausführen?“ Er schüttelt den Kopf, tatsächlich ist ihm die Frage peinlich, er wird sogar ein wenig rot. Wenige Meter hinter dem Athenergrill, hält er ihr eine Tür auf. Ins “Ciao” lädt er sie ein. Einen schicken Italiener, wo man manchmal sogar Schauspieler oder andere Prominente sieht. Schon ist der Kellner da, wieselt um die Beiden, radebrecht, „Einen Tisch, a due?“ Beaky nickt und der Kellner will sie ganz hinten im Lokal platzieren, Hanna stoppt ihn souverän. Sie will am Fenster sitzen, was auch kein Problem ist, der Laden ist fast leer.
Hanna hat nur eine rosafarbene Weste und nichts zum Ablegen an, Beakys Fransenlederjacke will ihm der Kellner abnehmen, es gibt etwas Gezerre und Beaky gewinnt das Match. Einen Freund haben sie in ihrem Kellner nicht gewonnen mit diesem Entrée.
Jetzt bringt der Kellner Beaky die Weinkarte, davon lässt er sich nicht irritieren, man hat ihn vorgewarnt. Weltmännisch sucht er einen bezahlbaren Wein aus, auch das probieren und freundlich Nicken bekommt er hin. Aber er fühlt sich überhaupt nicht wohl und schließlich gesteht er sein Missempfinden Hanna, die sieht es ähnlich. Als sie Beaky darauf hinweist, dass der Kellner einen ganz anderen, teureren Wein gebracht hat, kommt Beaky eine spontane Eingebung, Er bedeutet Hanna ihr Glas auf Ex zu trinken, dann zerrt er sie hoch, greift seine Jacke, schleust sie durch den Eingang auf den Gehsteig. Sie rennen los, er hat sich vorher versichert, das sie keine Absätze trägt. So jagen sie den Kudamm hoch zurück in Richtung Leibnizstraße und kichern. Als sie an der Ecke Eisenzahnstraße sind, blicken sie zurück und sehen den gestikulierenden Kellner, worauf sie einen erneuten Lachanfall bekommen. Sie halten sich die Bäuche und lachen bis es wehtut.

Sie haben einen großartigen Abend, Beaky hat nicht nur Hoffnung, er ist sich fast sicher, dass Hanna ihn auch gern mag. Doch als sie spät in Richtung Düsseldorfer Straße spazieren, wird Hanna auf einmal ernst. Sie will keinen Freund, für den Drogen wichtiger sind als sie. Er wäre ja wohl auf Speed gewesen, beim ersten Sehen im Bleibtreu, und Speed ginge nun garnicht. Genauso wenig wie Heroin. Abends oder am Wochenende mal kiffen sei aber kein Problem. Beaky beichtet seine Drogenkarriere, nun ja, vielleicht beschönigt er ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist er ehrlich, bis auf eine Ausnahme und wegen dieser wird es Ärger geben. Die Frage ist nur wann.
Zunächts endet der Abend mit einem Küsschen, das Hanna Beaky auf die Wange gibt. Was Beaky nicht unrecht ist, er fürchtet sich vor dem „ersten Mal“. Seinem ersten Mal, seiner Unerfahrenheit, die Hanna merken könnte. Auch bei diesem Thema hat er nicht ganz die Wahrheit gesagt. Aber was ihn die halbe Nacht wachhält und immer wieder durch sein Hirn kreist ist der Gedanke, dass nur das Heroin ihn so cool und schlagfertig gemacht hätte, an diesem Tag mit Hanna. Das er ohne das Sniefen unsicher gewesen wäre, gestottert hätte und rot geworden wäre. Und das sie ihn nicht mehr wollen würde, wenn sie das mit dem Heroin wüsste. Er ist in einem Dilemma. Immer wieder dreht sich die Kausalkette in seinem müden Hirn und erst gegen Morgen schläft er ein. Es ist ein tiefer, traumloser Schlaf.

Fortsetzung folgt

Der Roman ist als Buch erschienen. Bestellung unter:

marcusklugeberlin@yahoo.de

Mit einer Illustration von Rainer Jacob. Um die Illu groß anzusehen, einfach daraufklicken.

Einschiffung nach Kythera:
http://de.wikipedia.org/wiki/Einschiffung_nach_Kythera

Pledging my Time:
http://www.bobdylan.com/de/node/25804

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

Familienportrait – “Cold Turkey” / Die Legende von Xanadu Kapitel Acht / 1973 / von Marcus Kluge

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Fast zwei Tage ist es gut gegangen, schlimme Entzugserscheinungen hat er nicht bekommen. Er hat das Mittel genommen das Philippus ihm verschrieben hat. Propanolol ist eigentlich gegen Bluthochdruck, aber es hilft auch gegen Angst und Missstimmung. Gut, die Knochen taten etwas weh, besonders das Knie, doch das kannte er. Die Nase lief, aber das war nicht schlimmer als ein kleiner Schnupfen. Am frühen Abend hat er noch das unangenehme Gespräch mit seiner Mutter geführt, sie weiß nun über Hanna und das Heroin-Problem Bescheid. Seine Vermutungen über Puvogel wollte er für sich behalten, um sie nicht weiter zu beunruhigen, aber als er dann vor ihr saß, hat er es doch erzählt. Er kann nur schwer Geheimnisse vor ihr haben. Ist er deshalb ein Muttersöhnchen? Immerhin, es hat sie beruhigt, dass er zu einem Arzt geht und beim Entzug steht sie ihm bei, sagt sie. Danach haben sie zusammen einen Film im Fernsehen gesehen, “Die Verdammten” von Joseph Losey. Der Film war gruselig, radioaktive verseuchte Kinder werden in einem Bunker gefangen gehalten, sie werden durch unzählige Überwachungskameras beobachtet. Die Kinder haben weiß leuchtende Augen und übernatürliche Fähigkeiten. Als er ins Bett geht verfolgen ihn diese Augen. Er wälzt sich hin und her, an Schlaf ist nicht zu denken, nun tut sein ganzer Körper weh. Alles zieht und spannt, er findet einfach keine bequeme Position. Abwechselnd wird ihm heiß und kalt.

“Cold Turkey” nennen sie diesen Zustand, wegen der Gänsehaut die man bekommt, hat ihm der “Doktor” sein Junkiefreund erklärt. “Affe” sagen sie auch für Entzug, ein unberechenbares Tier sitzt einem auf der Schulter und drängelt wieder die Droge zu nehmen. Er geht in die Küche um Tee zu kochen, am Gasherd brennt schon eine Kochstelle. War er eben schon mal hier und hat es vergessen? Nun hilft auch das Medikament nicht mehr, er hat Angst. Etwas Furchtbares wird passieren, er ist sich sicher. Ins Bett zurück will er nicht. Es ist halb zwei, er beschließt sich anzuziehen, er muss einfach raus. Er steckt schnell noch einen 20-Markschein ein, wieso eigentlich?

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Ohne jeden Plan geht er los, vom Bundesplatz läuft er die Bundesallee hoch in Richtung City. Er kommt an der Sparkassenzentrale vorbei, wo ein Wachmann vor drei Monitoren sitzt, auf denen geschlossene Türen zusehen sind. Ob hinter den Türen Kinder mit leuchtenden Augen gefangen gehalten werden? Irgendwann werden auch auf den Strassen Kameras angebracht werden und Uniformierte werden alles beobachten, wie in “1984”. Noch elf Jahre bis dahin, ob der Roman Wirklichkeit wird, überlegt er? Hoffentlich nicht, aber etwas in der Art erwartet er schon. Jetzt hat er das Gefühl, an den Fenstern stehen gruselige Kinder und beobachten ihn. Er geht schneller, wird er jetzt paranoid?
Er überquert die Güntzelstraße, vorbei am ADAC-Haus. Gleich kommt eine Disco, es soll ein verranzter Laden sein, wo Drogen gehandelt werden, “Baustelle” heißt er wohl. Durch den Eingang hört er Musik, “Eight Miles High” von den Byrds. Er geht rein, der große Raum ist fast leer, zur Deko gehören Baugerüste, auf eine Leinwand werden alte Tom und Jerry Filme projeziert und auf der Tanzfläche schaffen sich drei zugedröhnte Gestalten. Beaky setzt sich an die Theke, bestellt eine Cola, die ihm “aufs Haus” vom rockermäßig aussehenden Barkeeper zugeschoben wird. Es ist die 15 Minuten-Fassung vom Byrds-Album “Untitled”. Roger McGuinn versucht auf der zwölfsaitigen Rickenbacker John Coltranes Saxofonspiel nachzuahmen. Normalerweise würde ihn die Musik begeistern, aber ihm ist nur elend. Beaky sieht sich um und ist sicher, obwohl der Laden fast leer ist, würde er hier Heroin oder was gegen den Entzug bekommen. Der Barkeeper zwinkert ihm zu, als ob der seine Gedanken lesen könnte. Der DJ legte jetzt “Cold Turkey” von John Lennon auf. Beaky kommt sich ertappt vor. Als ob der DJ wüsste, dass Beaky auf Entzug ist.

“My body is aching, goose-pimple bone, thirty-six hours, rolling in pain.”

Er kann die Spannung nicht mehr aushalten und verlässt fluchtartig den Laden. Vielleicht war das sowas wie ein Omen, das ihm helfen soll standhaft zu bleiben. Beaky läuft weiter durch die Nacht und findet sich in der Düsseldorfer Straße wieder, wo Hanna wohnt. Wenn er noch drei Tage durchhielte, hätte er das Schlimmste überstanden und wenn er dann clean zu Hanna kommen würde, mit Geschenken, dann würde sie ihn zurücknehmen, oder? Doch, die Chance war da und er würde sie nutzen, auch wenn sein Plan gefährlich war.

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Solange er läuft sind die Schmerzen auszuhalten, er macht einen weiten Bogen, kommt über den Olivaer Platz zum Kudamm und läuft diesen hoch in Richtung Halensee. Auch hier ist alles ruhig, nur ein paar Bars haben noch offen und der Athenergrill natürlich, der hat ja immer auf. Dieses West-Berlin ist ganz schön provinziell denkt Beaky. Er kommt am ehemaligen “Park” vorbei, wo wohl die 2000 Watt Dynakord-Gigant Anlage hingekommen ist? Links lässt er den Club Eins liegen, nein, er würde standhaft bleiben. Über die Brandenburgische Straße erreicht er die Blissestraße, jetzt hat er Bettschwere und will noch einmal versuchen zu schlafen.
Als er auf Zehenspitzen den dunklen Flur zu seinem Zimmer durchquert, stolpert er über die Reisetasche. Er kann sich noch fangen. Er nimmt die Tasche mit ins Zimmer und öffnet sie. Sie ist randvoll mit Büchern, Puvogels Doubletten! Obenauf liegt ein schmales Bändchen: “Kubla Khan and other Poems by Samuel Taylor Coleridge”. Da war doch was mit Xanadu. Ja, er liest fasziniert das berühmte Gedicht über Kublai Khans legendäres Prunkschloss. Er versteht nicht alles, aber er nimmt sich vor in die Bibliothek zu gehen, um Wörter, die er nicht kennt, nachzuschlagen.

“In Xanadu did Kubla Khan
A stately pleasure-dome decree:
Where Alph, the sacred river, ran
Through caverns measureless to man
Down to a sunless sea.”

Gegen zehn Uhr wird er wach, er fühlt sich zerschlagen. Es ist der dritte Tag, der schlimmste der Entzugstage. Er hat Kopf- und Gliederschmerzen, die Nase läuft, ihm ist kalt. Er zweifelt, ob er durchhält. Mit sehr viel Disziplin befiehlt er sich aufzustehen, er wäscht sich, putzt die Zähne und kocht Kaffee. Fast geht es über seine Kräfte. Da fällt ihm siedendheiss ein, um elf Uhr ist Gruppe beim Professor. 15 Minuten später sitzt er im Taxi: “Uhlandstraße Ecke Lietzenburger, bitte.” Der Taxifahrer mault: “Ne noch kürzere Strecke ha’m se nich’?” Beaky ignoriert den Mann und sieht aus dem Fenster, bis sich der Chauffeur endlich in sein Schicksal fügt.
Als Beaky das Wartezimmer betritt, sitzen bereits ein Dutzend Mitpatienten auf den Sitzgelegenheiten, die nun im Kreis aufgestellt sind. Prof. Philippus betritt den Raum und Beaky versucht ihn anzusprechen, aber Philippus weist ihn ab, allerdings mit einem freundlichen “nach der Gruppe”.
Eine Stunde ist Beaky seinen Entzugserscheinungen ausgeliefert. Die Leiden seiner Mitpatienten können ihn nicht ablenken. Er schwitzt, rutscht auf den Thonetstuhl hin und her um die Schmerzen zu lindern, er hört sein Herz pochen und er träumt von einer Zigarette. Einzig Susanna hört er aufmerksam zu, wie sie sich über seinen Freund, den falschen Doktor, beschwert. Er wäre ein absoluter Egoist und seine Freundlichkeit falsch. Wieso sie mit ihm zusammen ist, fragt der Psychiater. Sie liebe ihn, bekennt Susanna. Beaky erfährt auch, dass Su Geld als Striptease-Tänzerin verdient, obwohl sie mal Kunstgeschichte studiert hat. Dann hat sie in Budapest in einer Bar gejobbt und da ist sie “entdeckt” worden. Aber weil sie für den Geheimdienst arbeiten sollte, ist sie über Jugoslawien in den Westen gekommen. Dann soll Beaky sich vorstellen, er glaubt völligen Schwachsinn von sich zu geben, als er über seinen Liebeskummer und sein Suchtproblem spricht. Doch die anderen hören ihm aufmerksam zu, nicken und nehmen ihn ernst.
Nach der Sitzung legt Professor Philippus Beaky einen Arm auf die Schulter, mit dieser freundschaftlichen Geste zieht er den jungen Mann in sein Sprechzimmer. “Was kann ich für sie tun, Beaky?” Der Arzt schaut seinen Patienten aufmerksam an und wartet bis dieser sich gesammelt hat.
“Der Entzug ist schlimm, ich möchte sie um ein Rezept bitten, Validol oder sowas, bitte.”
“Lieber Beaky, natürlich kann ich ihnen ein Rezept geben, gar kein Problem. Nur weiß ich nicht, ob ich ihnen damit einen Gefallen tun würde. Das Schlimmste haben sie doch schon überstanden, wenn sie jetzt durchhalten wird das auf ihre, Hanna heißt sie, ja, … eine große Wirkung haben. Wenn wir nun mit einem Opioid substituierten, würden sie das später immer als Niederlage werten. Verstehen sie?”
Beaky verstand, er verstand erstaunlich schnell und er musste sich der Logik des Arztes anschließen, oder vielleicht schämte er sich zu sehr für seine Sucht, um zu protestieren: “Ja, gut. Ich halte durch.”
Philippus klopfte ihn auf die Schulter und verabschiedete sich leutselig: ” Wir sehen uns, junger Mann.”

Es ist später Nachmittag und eine immer noch wärmende Sonne taucht die Schlüterstraße in ein flirrendes Licht, als ein offener, weißer Rolls-Royce vor Puvogels Galerie parkt. Der Chauffeur, ein kleiner Mann mit einer Livrée und Schirmmütze, springt aus dem Wagen um ,mit einer tiefen Verbeugung, seinem Fahrgast den Schlag zu öffnen. Aus dem Rolls steigt eine blonde Dame im Chanel-Kostüm, mit perfektem Make-Up und dem Lächeln einer Film-Diva. Sie hat einen kleinen, flachen Hut auf, wie ihn Bob Dylan in einem Song beschreibt, ein Pill-Box-Hut. Nur ist der Hut blau und nicht aus Leopardenfell wie im Lied. Nachdem Beaky seine Überraschung über den fantastischen Wagen und den perfekten Aufzug der beiden verarbeitet hat, fragt er sich nun mit Hochspannung, wie Puvogel die Szene aufnehmen wird.
Puvogel, wie immer in Anzug und Krawatte, streicht sich einmal über sein schmales Schnurbärtchen, wobei sein Lächeln dem eines Haifischs gleicht, als er die Nobelkarosse mit dem schicken, weiblichen Fahrgast erspäht. Dann eilt er zur Ladentür, um die Dame mit einem formvollendeten Handkuss zu begrüßen.
“Von Puvogel ist mein Name, ich freue mich sie in meiner Galerie begrüßen zu dürfen, gnädige Frau.” Inzwischen hat er die Blondine in den Laden geführt und ihr einen Stuhl angeboten, doch sie bleibt lieber stehen. Der Chauffeur ist draußen geblieben und wartet in Habacht-Stellung neben dem Luxusgefährt. Obwohl er eher untersetzt ist, geht von ihm eine gewisse Gefährlichkeit aus, er könnte auch ein Body-Guard sein.
“Meiner Name ist Hrabina, also, Gräfin Elzbieta von Rogacki, sie haben bähstimmt von mir gehört. Sie dürfen mich nennen Gräfin”
“Natürlich, wer hätte nicht von ihnen gehört, ich stehe ganz zu ihren Diensten, gnädige Frau Gräfin”, Puvogel hat noch nie von ihr gehört, aber er lässt sich seine Unkenntnis nicht anmerken. Seinem Assistenten Beaky raunt der Galerist zu: “Champagner für die Dame.”
Beaky ist enttäuscht ins Hinterzimmer zu müssen, um eine der Pikkolo-Flaschen aus dem Eisschrank zu holen, die Puvogel für besondere Kunden bereithält. Aber er versucht dem Gespräch durch die offene Tür zu folgen. Die Gräfin schmeichelt Puvogel wegen seiner Jugendstil und Art Deco-Kenntnisse, er wäre ihr empfohlen worden. Der Mann mit dem Clark-Gable-Bärtchen ist seinem Gast nun schon fast verfallen, für Schmeichelei ist er immer empfänglich. Auch als die Gräfin von Rogacki, sie spricht den Namen korrekt, Rogatzki aus und nicht wie die Berliner Rogakki, von einer Notlage erzählt, schöpft er keinen Verdacht.
Als Beaky mit dem Tablett zurückkommt und erst der Gräfin und anschließend seinem Chef Sekt in flachen Schalen serviert, sind die beiden bereits bei den Details eines weiteren Treffens, sie werden sich am Abend noch einmal sehen. “Ich würde sehr gern ihren Schmuck schätzen und selbstverständlich auch ankaufen, mit dem Preis einigen wir uns bestimmt. Ich habe doch kein Interesse, sie zu übervorteilen, Frau Gräfin von Rogacki. Das wäre Gift für mein Renommee.” Puvogel verschweigt das sein Renommee keineswegs günstig ist, er hat schon Kunden übers Ohr gehauen und in der Branche weiß man das. Sie trinken nun auf ein gutes Gelingen ihres Geschäfts, wobei beide gänzlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben.
Fünf Minuten später ist der Mummenschanz vorbei und Beaky fragt sich, ob er die Szene, die sich eben abspielte wirklich erlebt hat, oder ob er er einer Halluzination erlegen war. Doch, es war passiert, Beaky ist seinem Ziel ein Stück näher gekommen, nachdem er den Entzug überwunden hat, hat nun der erste Akt seines Plan erstklassig funktioniert. Allerdings denkt er auch an die Gefahr. Wenn es schiefgeht könnte er wieder im Knast landen, aber andererseits, ein Leben ohne Hanna wäre auch wie ein lebenslanger Knast. Das waren seine Gedanken.

Wird fortgesetzt

Die Illustration hat erneut Rainer Jacob mit spitzem Bleistift kunstvoll zu Papier gebracht.

In der nächsten Folge versucht Beaky Hanna zurück zu gewinnen. Außerdem ist ein tragischer Unfall zu beklagen, was für Beaky unangenehme Folgen hat. Das neunte Kapitel trägt den Titel “Pièce de Résistance” und ist bereits erschienen:

https://marcuskluge.wordpress.com/2014/06/15/familienportrait-piece-de-resistance-die-legende-von-xanadu-kapitel-neun-1973-von-marcus-kluge-2/

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich Namen und Details verändert.

Die Geschichte des Songs “Cold Turkey” von John Lennon:
http://de.wikipedia.org/wiki/Cold_Turkey_%28Lied%29

“Eight Miles High” von The Byrds:
http://de.wikipedia.org/wiki/Eight_Miles_High

 

 

Familienportrait – “Uhrwerk” / Die Legende von Xanadu Kapitel Drei /  von Marcus Kluge / 1973

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1973 lebe ich mit meiner Freundin Ilona in einer WG in der Schlüterstraße 34. Seitdem ich 1970 vom Gymnasium geflogen bin, habe ich Beaky nicht mehr gesehen. Ich habe öfter an ihn gedacht und mich gefagt, was wohl aus ihm geworden ist. Deshalb freue ich mich, als er anruft und vorschlägt mit mir ins Kino zu gehen. Ich habe “Uhrwerk Orange” von Stanley Kubrick schon gesehen, schaue ihn mir aber gern nochmal an. Beaky holt mich ab und ich bekomme einen Schreck. Er wirkt älter, deutlich älter als die 21, die er jetzt alt sein müsste. Er ist blass und seine Haare sind zwar immer noch lang, doch nicht mehr so gepflegt wie früher. Da er etwas spät ist, die Uhr zeigt schon nach drei, hetzen wir los. Wir laufen den Kudamm in Richtung Halensee hoch oder hinunter, je nach dem, die Berliner können sich in diesem Punkt nicht einigen.

Kurz hinter der Leibnizstraße stoppt mich Beaky, er will sich noch einen kleinen Joint bauen. Ohne auf die Passanten um sich herum zu achten, zieht Beaky eine Platte Haschisch aus seiner braunen Wildlederjacke. Die mit den Fransen, die ich von früher kenne, sie sieht immer noch cool aus, edelgammlig könnte man sagen. Er beißt ein kleines Piece ab, dann schiebt er das große Stück, ich schätze es wiegt 200 Gramm oder mehr, achtlos wieder weg. Nachdem er Blättchen und Tabak hervorgeholt hat, läuft er wieder los. Ich haste hinterher und beobachte wie er im Laufen, mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers einen kleinen Joint dreht, der wie eine normale Zigarette aussieht. Ich frage, wo er dieses Kunststück gelernt hat und er erwidert: “Im Knast”, während er mich kurz prüfend ansieht. Ich bin bestürzt und meine Miene zeigt das wohl auch.
Wir kommen im Kino Studio an, es muss das letzte Mal gewesen sein, dass ich dort war. Das Lichtspieltheater im Mendelsohnbau schließt bald danach. Heute beherbergen diese Räume die Schaubühne, das berühmte von Peter Stein geprägte Theater. Wir haben Glück, die Vorstellung hat noch nicht angefangen, es sind nur wenige Zuschauer gekommen, man noch gewartet. Als die Werbung beginnt, geht Beaky aufs Klo. Als zurück kommt, hat der Film bereits begonnen. Dann konzentrieren wir uns auf die traurige Geschichte von Alex und seinen Droogs.

Der ausgezeichnete Film fesselt mich erneut. Ich verfolge die bösen Taten des Helden und leide mit ihm, als er in den Knast kommt. Als Alex schließlich eine Aversionen erzeugende Droge gespritzt bekommt und festgeschnallt stundenlang “horrorschaumäßige” Filme ansehen muss, fällt mir auf, dass Beaky neben mir mit schreckgeweiteten Augen auf die Leinwand starrt und seine Fingernägel in die Oberschenkel drückt. Er wirkt wie ein Spiegelbild von Alex. Ich frage ihn und erst später wird mir bewusst, dass das eine ziemlich blöde Frage war: “Bist du OK?” Statt zu antworten schüttelt er den Kopf. Ich zerre ihn aus der Stuhlreihe, wir verlassen den Saal und finden uns in einem der runden Gänge, die um die Säle herum führen. Beaky ist noch bleicher geworden und mir fällt auf, dass er Stecknadelpupillen hat.
Ich verwerfe meine erste Theorie, nach der Beaky eine Panikattacke erlitten hat. Ganz offensichtlich hat er auf dem Klo noch weitere Drogen genommen, wahrscheinlich hat er ein Opiat gespritzt. In den frühen 70er Jahren dachte man relativ schnell an Heroin, weil es in Berlin billig und leicht zu beschaffen war. Außerdem hatten die meisten Angehörigen meiner Generation Heroinsüchtige in der näheren oder weiteren Bekanntschaft erlebt und man kannte die Anzeichen. Leider hatte auch fast jeder aus meinem Bekanntenkreis jemand durch Heroin verloren.

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Aber Beaky? Natürlich, er hatte zwar schon früher gekifft und Trips genommen. Aber ansonsten war er ja fast sowas wie ein Gesundheits-Freak. Kein Alkohol! Kein Tabak! Und nun Heroin? Fixen? Mir fällt ein, wie er Anfang 1970 auf einem Pink Floyd Konzert im Audi Max der TU eine Handvoll mit LSD getränkte Löschpapierabschnitte eingeworfen hatte, ohne jedes Bedenken. Damals war er auf einen Horrortrip gekommen, Andi und ich mussten ihn nach Hause bringen und die Stunden abwarten, bis er wieder im Hier und Jetzt Fuß gefasst hatte. Damals hatte ich schon einmal gedacht, dass es wohl so etwas wie Dämonen geben musste, die dem introvertierten Jungen in schlimmen Stunden zusetzen würden. Doch wo kamen sie her? Seine Mutter war ein stilles Wasser, lieb und fürsorglich.

Es war wohl eher der Vater, der seine Kriegserfahrungen wie die meisten Männer in sich begrub, wo sie vor sich hin faulten, gärten und sich Wege bahnten, um nach außen zu gelangen. Das wiederum bekämpfte Beakys Vater mit Alkohol, jeden Abend in seiner Kneipe, nach einem genauen Plan. Jede Stunde nur ein Drink, diesen aber pünktlich. Was mir noch einfällt ist das Schweigen von Beakys Vater, sein Unvermögen über Gefühle zu sprechen, überhaupt über irgendetwas zu sprechen, das nichts mit Sport, Politik oder Autos zu tun hatte. Dieses Schweigen, das die Mutter nicht aushielt und das möglicherweise zum Ende der Ehe führte, als Beaky noch der kleine Frieder war und seine Mutter ihn schützen wollte, vor einem Vater, der kalt und hohl wirkte. Dieses Schweigen musste wohl Folgen gehabt haben. Schon früh, als der kleine Junge in einer besonders sensiblen Phase war, muss etwas passiert sein, das dem Kind schadete. Und später änderte sich nichts mehr daran, auch nicht das der Vater den Jungen, pünktlich wie ein Uhrwerk, jeden Sonntag abholte und mit ihm in den Zoo ging oder noch lieber ins Kino. Auch da war das Schweigen prägend für den kleinen Frieder, der später auch meist den Mund hielt. Denn das er sich mir anvertraute und solche intimen Dinge erzählte war wohl die große Ausnahme, die die Regel bestätigt.

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Inzwischen habe ich den blassen Beaky in den Waschraum gebracht, ihm die Wildlederjacke ausgezogen und Wasser über seine Arme laufen lassen. Jetzt sehe ich die unverkennbaren Zeichen des Konsums von harten Drogen über die Venen. Einstiche, ganze Reihen von Einstichen, die wie Ameisenkarawanen über die Unterarme laufen und Narben und ein Abszess, der dringend versorgt werden müsste, bevor die eitrige Entzündung zu Fieber und Schüttelfrost führt.

Eine Stunde später kommen wir aus dem Kino, zurück in die Realität eines späten Frühsommernachmittags, dem eben die Sonne die letzten Strahlen des Tages schenkt. Beaky hat sich erbrochen und während wir den Rest des Filmes sehen zwei Flaschen Cola getrunken und sich erstaunlich schnell erholt. Nun gibt es ein anderes Problem, Beaky klopft auf seine Jackentaschen, er sucht aber findet nichts. “Der Haschisch ist weg.” Aus irgendeinem Grund benutzt er den Begriff gern als männliches Hauptwort. Er hat also fast ein halbes Pfund bestes marokkanisches Haschisch im Wert von über 1000.- DM verloren. Er vermutet es sei beim eiligen Jointdrehen passiert.

Wir gehen zurück auf dem Kudamm bis an die fragliche Stelle, aber dort liegt nichts. Gleich daneben klafft eine offene Baugrube, davor streiten sich ein Polizist und ein Bauarbeiter. Der Beamte bemängelt, das die Grube nicht richtig umzäunt ist und eine Beleuchtung fehle auch, inzwischen ist es ja fast dunkel geworden. Ich kann kaum glauben, was ich als dann sehe. Beaky springt plötzlich in die Grube, bückt sich, hebt etwas auf und klettert wieder heraus. Nicht nur ich, auch die beiden Kontrahenden blicken Beaky etwas ungläubig an. Beaky zieht ein Schlüsselbund aus der Tasche und erklärt so beiläufig wie möglich: “Meine Schlüssel. Muss sie vorhin verloren haben. Ein Glück, sie waren noch da.” Der Herr in der grauen Polizei-Uniform erholt sich am Schnellsten: “Da ham se aba Jlück jehabt, junger Mann.” Und er wendet sich wieder dem fahrlässigen Bauarbeiter zu. Damals wussten nur Eingeweihte, was das war, diese graugrüne zehn mal zehn Zentimeter große Platte. Jemand wird es für Müll gehalten und in die Grube gekickt haben.

Beaky und ich laufen zurück in Richtung Lehniner Platz, um im Athenergrill, dem wahrscheinlich beliebtesten Selbstbedienungsrestaurant dieser Jahre, einzukehren. Ich bin dort immer wieder gewesen bis in die 90er Jahre, als ich eine Kakerlake in aller Ruhe durch die Vorspeisenvitrine laufen sah. 1973 habe ich noch Vertrauen in die Restauration und hole mir zwei von den kleinen Mimis Dönern in Pita-Brot, die damals 1.50 kosteten. Beaky isst eine quietschsüße, griechische Angelegenheit aus Joghurt und Honig, auch das bestätigt meine Idee, das er vor allem dem Heroin zugetan war. Denn alle Heroin-Junkies, die ich kennenlernte waren Süßschnäbel, wieso auch immer. Ich trinke Fanta dazu und Beaky schwarzen Kaffee, von dem er im Lauf des Abends vier oder fünf Tassen trinkt, denn wir sitzen lange im Athenergrill. Das war ja das Gute an diesem Etablissement, es schloss nie. Irgendwann gegen morgen kamen zwei mürrische Putzfrauen und vertrieben die Gäste, aber nur für eine kurze Weile, dann kehrten die üblichen Gestalten zurück und man hatte den Eindruck, sie seien nie weg gewesen.
In dieser Nacht verpassen wir die Putzkolonne, doch es ist deutlich nach Mitternacht, als wir uns verabschieden. Die meiste Zeit hatte Beaky gesprochen, er legte wieder soetwas wie eine Beichte bei mir ab und ich hörte zu. Ich hörte gerne zu, ich mag es wenn man mir Geschichten erzählt und man sagt, ich sei ein guter Zuhörer.

Beaky begann, indem er mir von dem Einbruch in das Medikamentenlager berichtete. Wie er verhaftet wurde mit einer Tasche voll geklauter Medizin, weil ein Anwohner, ein Fleischergeselle aus Bayern, die Polizei gerufen hatte, nachdem er den Lärm der umkippenden Mülltonne gehört hatte. Beaky meinte, er hätte Glück gehabt. Er wurde als Ersttäter nach dem Jugendstrafrecht recht milde bestraft, eigentlich waren es mehr Maßnahmen als Strafen, die er über sich ergehen lassen musste.

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Er schafft sogar mit zwei Jahren Verstätung die Mittlere Reife. Dann fällt er in ein metaphorisches Loch. Er hat keine Vorstellung über Beruf, Arbeit oder Karriere. Er vermeidet standhaft über solche Themen nachzudenken. Da sind die Drogen sehr hilfreich, er kifft wieder ziemlich viel, dealt auch. Den Schmerzmittelmissbrauch hat er scheinbar überwunden. Aber er kommt wieder mit dem Gesetz in Konflikt, mit einem Kilo Haschisch und 50 Gramm Heroin wird er aus dem Zug geholt. Noch einmal bekommt er Bewährung, doch die hält nicht lange und ein übellauniger Richter schickt den eben 20-jährigen in den Bau. Da drinnen gibt es Heroin, aber noch mehr ärgert ihn der Tabak, den er dort rauchen lernt. Er hilft die grausam langgedehnte Zeit zu überstehen. In das ewig Gleiche Einerlei des geregelten Tagesablaufs brennt der Tabak kleine Löcher, durch die der Häftling für kurze Zeit, wenn auch nur im Geiste der Unfreiheit entfliehen kann.

Etwas Gutes hat er dennoch erlebt als Häftling, in der Bücherei hatten sie ein Buch über das Mittelalter in Asien. Endlich erfährt er alles über Kublai Khan und sein prunkvolles Schloss Xanadu. Während er mir das erzählt, hellt sich seine Miene auf und er wird fast wieder zu dem jungen Beaky, wie ich ihn auf dem Schulhof in Erinnerung habe. Er scheint sich selbst zu glauben, als er davon spricht nach China und in die Mongolei zu reisen. Er muss nur noch ein paar Geschäfte abwickeln vorher, dann hätte er genug Geld zusammen und nichts hielte ihn dann noch auf. Ich nicke freundlich, ich will ihm glauben, ich wünsche es ihm von Herzen. Und da ich nach diesem Abend längere Zeit nichts von ihm sehe oder höre, hoffe ich, es hat geklappt mit seinen Reiseplänen.

Fortsetzung folgt

Die Illustration hat Rainer Jacob gezeichnet.

Die nächste Episode beginnt im Café Bleibtreu gegenüber des Kinos Filmkunst 66. Ich unterhalte mich mit Hanna, der Kellnerin, als Beaky auf der Straße vorbeiläuft. Nun trifft Beakys Hektik auf meine morgendliche Lethargie, das Kapitel hat den Titel “Am Draht”.

“Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

Familienportrait – „Maskerade“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Sechs / von Marcus Kluge / 1973

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Es ist ein Montagmorgen als das Unheil passiert. Sechs Wochen sind sie nun zusammen, alles scheint wunderschön, sie sind verliebt und Probleme hat es bisher nicht gegeben. Beaky fühlt sich selbstsicher, er ist von innerer Ruhe erfüllt, er stottert nicht und wird nicht rot. Beaky nimmt immer noch heimlich kleine Mengen Heroin, das Schnupfen hinterläßt ja keine Spuren. Weder sieht man Einstiche auf der Haut, noch die typischen Stecknadelpupillen oder das blasse Gesicht, das die Stoffwechselveränderung bei Fixern verursacht und weshalb sie für den Kundigen so leicht zu identifizieren sind. Er glaubt fest, wenn er das Pulver aufgebe, würde die Maske aus Selbstsicherheit niedersinken und sein Glück würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Er realisiert nicht, auf wie dünnem Eis er tanzt, die euphorisierende Wirkung der Droge hilft ihm die Einbruchsgefahr fast perfekt zu verdrängen. Nur wenn er unterwegs ist, um Drogen zu holen oder zu verkaufen, kommen ihm solche ängstlichen Gedanken vom Scheitern seiner Liebe zu Hanna. Dann schnupft er auf der nächsten Toilette ein kleines Häufchen Pulver und im Handumdrehen sind die Sorgen und die belastenden Selbstvorwürfe im Kopf verschwunden. An diesem Morgen hat Beaky vergessen das Badezimmer abzuschliessen und als er eben dabei ist, die hellbraune Substanz ins Nasenloch hochzuziehen, betritt Hanna den Raum und erwischt ihn. Sie ist sauer, stocksauer. Ohne sich seine Entschuldigungen anzuhören, wirft sie ihn aus ihrer Wohnung. Beaky steht wie ein begossener Pudel auf der Treppe, als die Wohnungstür noch einmal kurz aufgeht und Hanna seine Wildlederjacke auf ihn pfeffert.

Wir alle haben unsere Schwächen. Die kleineren, wie die Essanfälle, die uns nächtens vor den Kühlschrank treiben oder die Ausreden, mit denen wir uns vor uns selbst entschuldigen, weil wir wieder nicht Sport gemacht haben. Und es gibt die etwas bedeutenderen, wie die Beerdignug eines Bekannten, zu der wir nicht gegangen sind, weil wir am Abend vorher gefeiert haben oder die Hilfe, die wir zugesagt und doch nicht gegeben haben. Falls sie diese nicht kennen, stellen sie sich etwas Anderes vor, das ihnen bekannt ist. Lassen sie sich nicht täuschen, jeder hat Schwächen, auch wenn manche Mitmenschen wie Heilige wirken. Ob wir diese Entscheidungen aus freiem Willen oder eher nach unseren Instinkten und heimlichen Wünschen treffen, was wohl ganz überwiegend der Fall ist, soll uns nicht weiter beschäftigen. Besonders wenn andere beteiligt sind, die wir im Stich gelassen haben, neigen wir dazu uns schuldig zu fühlen. Denn die Verantwortung übernehmen wir dann. Es sei denn wir gehören zur privilegierten Klasse der Soziopathen, denen diese Last genommen wurde, weil ihnen Gewissen, Empathie und soziales Mitempfinden fehlen. Ich jedenfalls, ich hatte einen solchen Moment der Schwäche, als Ende Juni gegen Mitternacht Beaky ins Tolstefanz kam, um mich um Hilfe zu bitten. Und als Anfang August zurück kam aus meinem Urlaub und erfuhr, welchen tragischen Verlauf die Dinge genommen hatten, senkte sich mein schlechtes Gewissen, wie ein engmaschiges Netz auf mich nieder und ich brauchte lange, um mich wieder davon zu befreien.

Das Ur-Tolstefanz hatte sein Domizil in der Sächsischen Straße, nicht weit von der Pariser entfernt, in einem großen Eckladen. Die Discothek war jeden Abend voll, Studenten, Langhaarige, hübsche Mädchen, die tanzen wollten und ein paar Jet-Setter, oder Gäste, die sich dafür hielten. Meine Freundin Ilona hatte mir den D.-J.-Job besorgt, sie arbeitete schon länger am Tresen und schwärmte dem Chef von meinen Musikbegeisterung und meiner Plattensammlung vor, bis der mich engagierte. Die Arbeit war ideal für mich, ich wurde nur selten angequatscht, was meiner Menschenscheu zugute kam und das Platten auflegen machte mir wirklich Spaß. Ich fing um neun Uhr an und gegen vier kam Karlo, ich glaube so wurde er genannt, und drückte mir 60.- D-Mark in die Hand, manchmal mehr. Das war viel für mich, natürlich verdiente Ilona besser, schon weil sie großzügige Trinkgelder bekam.

In dieser Nacht, ich glaube es war die Nacht zum 27.Juni 1973, blendete ich eben von den Doors auf die Rolling Stones über. Nach „L.A. Woman“ blieben meist alle Tänzer dabei, um ihr Mitleid mit dem Teufel zu bekunden: „Sympathy for the Devil“. Heikler als diese Blende waren die Wechsel von Rock zu schwarzer Musik, aber Karlo wollte das so haben. Wenndabei Tänzer ausstiegen, war ihm das Recht, sie sollten ja auch Drinks kaufen. Außerdem wollte er nicht zuviele schwarze Gäste im Tolstefanz haben, genausowenig, wie er nicht zuviele “Rocker” in seinem Laden sehen wollte. Also hieß seine Ansage, zu einer Hälfte Rock und zur anderen „The Sound of Philadelphia“, ein gerade sehr beliebtes Genre des Soul, das der Spiegel damals in einer Titelstory zur Leit-Musik der 70er Jahre erklärt hatte. Die Prophezeiung war ja richtig, nur bezeichnete man diesen Stil später mit dem umfassenderen Begriff „Disco“. Als die ersten Tänzer in den berühmten Background-Chor des Stones-Songs einstimmten, „Huh Huh“, „Huh Huh“, stand Beaky vor mir und es war klar, dass es ihm übel ging.

Ich stellte meine Monitorboxen leiser und Beaky fing unvermittelt an auf mich einzureden: „Marcus, du musst mir helfen, es geht um Hanna“, das wäre auch mein erster Gedanke gewesen. „Sie hat mich erwischt, beim Pulver ziehen und jetzt will sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich liebe sie und ich muss irgendwas tun, um sie zurück zu gewinnen.“ „Vielleicht hättest du dir das früher überlegen sollen. Dass Hanna da ihre Grundsätze hat, wird dir doch klar gewesen sein“, war meine weder originelle noch empathische Antwort und wirklich Mitleid hatte ich auch nicht. In diesem Moment war ich es leid, immer wieder der Notnagel für Beaky zu sein und ich wusste auch wirklich nicht, wie ich ihm helfen sollte. Außerdem war heute Nacht meine letzte Schicht vor dem Frankreich-Urlaub. Zwei Tage später würde ich schon in Paris sein, zum ersten Mal Paris. Mir fiel nichts anderes ein, als ihm den Rat zu geben, einen Entzug zu machen und wenn er die schlimmen Tage überstanden hatte, zu ihr zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten. Dann holte ich zwei Pils, trank mit ihm, quatschte ein bißchen über Musik, die Anlage hier im Laden, aber ich merkte das er in Gedanken woanders war. Ja. Natürlich war er das. Also schickte ich ihn nachhause mit dem strengen Befehl, am morgigen Tag mit dem Entzug anzufangen. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre mir klar gewesen, dass er, so ganz alleine einen „cold turkey“ nicht durchhalten würde. Ohne ein die Entzugserscheinungen milderndes Medikament und ohne „soziale“ Unterstützung würde er nicht durchhalten. Wenn am zweiten oder dritten Tag, die Schmerzen und die depressiven Gedanken unerträglich würden, hätte er wohl nicht die Kraft abstinent zu bleiben. Außerdem kannte er genug Leute, die ihm sogar ohne Bares, das eine oder andere Pulver auf „Kommi“ geben würden. Also “Kommission”, was bedeutete “auf Kredit”, dann würde er wieder verkaufen müssen und wäre drin im Teufelskreis aus Konsumieren, Dealen und wieder Konsumieren. Aber soweit wollte ich in jener Nacht nicht denken und manchmal mutmaße ich, wenn ich mich anders, hilfsbereiter, verhalten hätte, wäre es nicht zu der unglücklichen Verkettung von Ereignissen gekommen, die auf diese Nacht folgte, während ich in Frankreich war, weit weg von deren Schauplatz.

Beaky fing am nächsten Tag nicht an, das Heroin zu entziehen. Er war sich sicher, er könne auf Entzug nicht arbeiten gehen und nachdem er schon seine Freundin verloren hatte, wollte er wenigstens an seinem Job festhalten. Auf die naheliegende Idee zum Arzt zu gehen kommt er zwar, aber zu dem alten Hausarzt mit den Schmissen will er nicht gehen und einen anderen kennt er nicht. Also steht er um elf auf, zerkleinert eine Prise Heroin mit einer 50 Pfennig-Münze und saugt das Häufchen mit einem zusammengerollten 20 D-Mark-Schein in sein rechtes Nasenloch. Der Versuchung seinem linken Nasenloch die gleiche Behandlung zukommen zu lassen, widersteht er. Augenblicklich sind seine trüben Gedanken verschwunden, er duscht, zieht ein sauberes hellblaues Batik-T-Shirt an und macht sich auf den Weg zu Ingomar von Puvogels Antik-Galerie in der Schlüterstraße.

Der Antiquitätenhändler ist sehr verständnisvoll und gibt sich empathisch, als Beaky ihm von Hannas Entscheidung die Beziehung zu beenden erzählt. “Complètement desolé”, sei er, “betrübt” also. Und: “Ja ja, die Frauen, unberechenbar seien sie.” Beaky ist froh, von seinem Chef verstanden zu werden und kommt nicht auf die Idee, dass Puvogel diese Situation zu seinem Vorteil ausnützen könnte. Denn eben darüber denkt der undurchsichtige Herr mit dem Bärtchen nach. Er ist bereits dabei, in seiner Vorstellung einen Plan zu schmieden.
“Vielleicht kann ich sie etwas ablenken, Frieder. Sie lesen doch gern und sie mögen Bücher. Haben sie schon mal von Karl Grünberg gehört? Das war ein kommunistischer Schriftsteller.” Beaky zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.
“1928 hat er “Brennende Ruhr” veröffentlicht, ein Roman über den Ruhraufstand, das war eine Arbeitererhebung gegen den reaktionären Kapp-Putsch”, dozierte Puvogel. “Thomas Mann hat das Buch geschätzt, erstaunlicherweise”, nun schüttelte Puvogel sein pomadisiertes Haupt über den großbürgerlichen Romancier, der Gutes über den “Asphaltliteraten” Grünberg geschrieben hatte. Beaky hatte Mühe den Ausführungen seines Chefs zu folgen. Worauf wollte Puvogel denn hinaus?
“Grünberg ist letztes Jahr gestorben. Ich hatte das Glück, mir einen Teil seines Nachlasses zu sichern, fast seine ganze Bibliothek.”
“Ach, Bücher”, bemerkte Frieder überflüssigerweise.
“Ja, mein lieber Frieder. Bücher, “habent sua fata libelli”. Sie haben ihr Schicksal, die Bücher”, er nickte.
“Um sie ein wenig aufzubauen, werde ich ihnen einige Doubletten überlassen, Was halten sie davon?” Davon hielt Frieder, der lieber Beaky genannt werden wollte viel.

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Am gleichen Abend klingelte Beaky an der Tür von Puvogels Privatwohnung in der Fasanenstraße. Er war noch nie dagewesen und bewunderte die Villa aus dem 19. Jahrhundert. Man sah noch Schäden aus dem 2. Weltkrieg, sodass eine Anmutung von Ruine das Bauwerk umgab, verstärkt noch durch die Dämmerung wirkte es düster und geheimnisvoll auf den jungen Mann. Sein Chef öffnete, im Anzug wie immer, allerdings hat ein statt einer Krawatte ein blau-goldenes Seidentuch um den Hals. Puvogel führte ihn in einen großzügigen Wohnraum, der von einem Konzertflügel dominiert wurde. Sonst bestand die Einrichtung aus einer seltsamen Mischung von schlichten Bauhaus-Möbeln und eher verspielten Jugendstil-Lampen und anderen Accessoires aus dem fin de siécle. Ja, Beaky stellte stolz fest, dass er schon einiges über Antiquitäten gelernt hatte in den letzten Monaten. An den Wänden hingen, neben venezianischen Masken, Grafiken, die er wegen ihrer reichen Ornamentik auch dem Jugendstil zuordnen konnte, dennoch hatte er dergleichen noch nie gesehen. Einige davon waren geradezu pornografisch.
“Aubrey Beardsley. Ein genialer englischer Zeichner und Illustrator, der leider nur 25 Jahre alt wurde. Er starb fast so früh, wie heute die Pop-Sänger, nur waren es bei ihm nicht die Drogen, er hatte Tuberkulose.” Beaky überlegte, ob die Anspielung ihm gegolten hatte, Puvogel wusste von seinen Drogenproblemen, aber er wischte den Gedanken zur Seite.
Der Ältere hofierte den Jungen in eine Sitzecke, wo mehrere Barcelona-Sessel um einen flachen Glastisch gruppiert waren. Auf dem Tisch stapelten sich schon einige Bücher. Puvogel entschuldigte sich, um weitere “Doubletten”, wie er sagte, zu holen und der junge Mann verspürte einen plötzlichen Harndrang. Auf dem Flur irrte er umher und öffnete eine Tür, dahinter befand sich so etwas wie ein Fotostudio. Seltsam er wusste garnicht, dass Puvogel diesem Hobby frönte. Inmitten einiger Scheinwerfer ruhte eine Art Chaiselongue vor einer goldfarbenen Tapete, daneben auf einem Podest stand die Statue eines nackten jungen Mannes, dessen bäuerlich wulstige Stirn nicht so recht zu dem sonst eher filigranen Körper passen wollte.
“Curiosity killed the cat”, hörte Beaky seinen Arbeitgeber rezitieren. “Nicht jede Tür im Leben sollte man öffnen, geschätzter Freund.”
Nachdem er sich erleichtert hatte, wurde er von Puvogel auf einem der Barcelona-Sessel platziert und hörte dann den Erläuterungen über die meist dicken, gebundenen Büchern vor sich, zu. Puvogel empfahl ihm Thomas und Heinrich Mann, Frieder war froh bei Thomas Mann etwas mitreden zu können. Nachdem er ihm einige Klassiker wie Dante, Rabelais und eine dreibändigen Casanova-Ausgabe ans Herz legte, stand Puvogel auf, um eine “Erfrischung” zu holen. Frieder schwirrte der Kopf.
Heutzutage kennen wir die entlegensten Single Malt Whiskies, die aus kleinen Destillerien in gutsortierte Fachgeschäfte geliefert werden, aber in den 70er Jahren war, zumindest in Deutschland, der Scotch der Wahl “Chivas Regal”. Der Romancier der Edel-Kolportage, Johannes Mario Simmel hatte diesem schottischen Destillat 1971 in “Der Stoff aus dem die Träume sind” ein Denkmal gesetzt. Auch Frieder hatte davon gehört, unter anderem von seinem Vater, der Chivas als teuersten Schnaps auf der Karte seiner Kneipe führte. So kam es, das Frieder, obwohl er nicht scharf auf Alkohol war, unbedingt probieren wollte, als der Galerist eine Flasche des edlen Gesöffs auf einem Beistelltisch öffnete. Er goss in zwei Whisky-Tumbler je zwei Finger breit von der gold-braunen, öligen Flüssigkeit. Dann bestand er darauf Beaky einen Eiswürfel ins Glas zu tun, dessen Protest ließ er nicht gelten, Chivas trinke man natürlich mit Eis. Mit den Gläsern kam der zwielichtige Kunsthändler zum Tisch zurück und reichte Beaky eines davon.

Der Whisky schmeckt schärfer, als der Jüngere sich das vorgestellt hat. Puvogel erzählt nun von einem Gedichtband, noch einmal reisst Beaky sich zusammen, weil sein Chef das legendäre “Xanadu” erwähnt. Samuel Taylor Coleridge habe ein Gedicht darüber geschrieben, “Kubla Khan”. Es soll ihm, wie eine Vision im Opiumrausch erschienen sein. Das ist das Letzte woran er sich erinnert. Dann wird es dunkel um ihn.

Endlich hat er es geschafft, er ist in Xanadu. Beaky weiß zwar nicht genau, wie er hergekommen ist, mit dem Flugzeug wahrscheinlich, diese Art zu reisen ist ja rasant. Doch nun ist er hier. Ein bißchen enttäuscht ist er schon, er hätte es sich prächtiger vorgestellt. Wenn er sich umschaut, sieht er vor allem Wüste und Ruinen, besser die Reste von Ruinen. Mauern, die schon vor Jahrhunderten geschleift wurden, abgebrochene Säulen und unter Sand fast verschwundene Fundamente und Wege. Nirgendwo sieht er Menschen, das macht ihn nervös. Er läuft schneller und nach einer Weile sieht er so etwas wie einen Kiosk, an dem man Karten, Reiseführer, Souvenirs und auch Getränke kaufen kann. Im Kiosk steht ein Mann mit blonden, lockigen Haaren, der eine Maske trägt, er erinnert Beaky an Bob Dylan. “Das ganze Zeug wartet nur auf dich”, sagt Bob Dylan, nickt ihm zu und öffnet die Arme zu einer allumfassenden Geste. Beaky, der eigentlich etwas zu trinken kaufen wollte, wird rot und unsicher. Sein Mund ist staubtrocken, wahrscheinlich die Wüstenluft, sein Hals ist wie zugeschnürt. Jetzt hört er Pferdegetrappel hinter sich, er sieht sich um und erkennt Hanna, die auf einem weißen Pferd auf ihn zu reitet. Sie neigt sich zu ihm nieder und flüstert in sein Ohr: “Du brauchst Hilfe, I think it’s time to go.” Dann reicht sie ihm die Hand und zieht ihn auf den Schimmel. Sofort nachdem er sie von hinten umfasst hat, reitet sie los. Er hört eben noch, wie Bob Dylan ruft: “das wird der reinste Osterspaziergang.” Er wundert sich, dass Bob Dylan deutsch kann. Sie reiten bis sie zu einer Kneipe kommen, sie sieht aus das “Zum Schotten” in der Schlüterstraße. “Seltsam”, denkt Beaky und steigt ab. Auch die andere Person steigt vom Pferd und dreht sich um. Er bekommt einen Riesenschrecken als er sieht, das nun Puvogel vor ihm steht. Puvogel dreht im brachial den Arm um und schiebt ihn in die Kneipe, in der ein Fotostudio aufgebaut ist. Der Mann mit dem Schnurrbart zwingt ihn auf die Chaiselongue und nimmt sein Hèrmes-Tuch ab, das er um Beakys Hals legt und ihn damit würgt bis der Jüngere bewusstlos wird.

Am nächsten Morgen erwacht Beaky mit einem Filmriss, der so groß und breit ist, wie eine Hollywood-Verfilmung des alten Testaments: Außerdem hat er höllische Kopfschmerzen und ein äußerst ungutes Bauchgefühl. Wie war der Abend zuende gegangen? Wie war er nach Haus und ins Bett gekommen? Und was war passiert in den Stunden, die ihm fehlen?
Auf dem Küchentisch findet er einen Zettel von seiner Mutter:
“Guten Morgen, Frieder. Dein Chef hat dich gestern heim gebracht, Du warst offensichtlich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken. Ich mache mir Sorgen. Bin um sieben wieder da, wir müssen reden. Deine Mama.”
Zusätzlich zu seinem Missbefinden, überfällt ihn glühend-heiss sein schlechtes Gewissen, als er den Zettel seiner Mutter liest. Er bemüht sich sich zu sammeln, kocht Kaffee und dreht sich eine Zigarette. Das belebende Getränk und das Nikotin helfen ihm, seine Fassung wieder zu erlangen. Langsam findet er in den Tag. Seine Kehle ist immer noch wie ausgedörrt. Er lässt eben ein Glas kaltes Wasser einlaufen, als es an der Wohnungstür schellt.
“Frieder Becker” steht auf dem Päckchen, Beaky erkennt Hannas Handschrift. Als er beim Gang zurück in die Küche das Päckchen aufreißt, stolpert er über eine Reisetasche. Was ist denn das? Er hat sie noch nie gesehen. In der Küche schüttelt er den Inhalt des Päckchens über den Küchentisch. Es enthält nur zwei Dinge, eine Musikkassette und eine Visitenkarte. Die Karte ist von einem Professor Dr. Amon Philippus, einem Psychiater und Psychotherapeuten in der Uhlandstraße. “Du brauchst Hilfe”, hat Hanna noch dazu geschrieben. Er trinkt das Wasser, mit der Kassette geht Beaky zurück in sein Zimmer und legt sie ein. Dann hört er ein Lied, das er von Hanna kennt. Es ist ihm peinlich eben dieses Lied zu hören, er wird rot, denn der Text trifft ihn exakt an seiner wunden Stelle, dem Schuldgefühl das er hat, weil er die Beziehung in den Sand gesetzt hat, wegen eines kleinen Häufchens Pulver und zum ersten Mal seit seiner Kindheit weint er.

“I’ve seen the needle
and the damage done
A little part of it in everyone
But every junkie’s
like a settin’ sun.”

Fortsetzung folgt

Neil Youngs Song über Heroinsucht, “The Needle and the Damage Done”, erschien zuerst auf seinem Studioalbum “Harvest” im Jahre 1972. Es ist seitdem von einer fast unendlichen Reihe von Musikern gecovert worden. Hier erfährt man mehr darüber:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Needle_and_the_Damage_Done

Der vollständige Text:
http://www.azlyrics.com/lyrics/neilyoung/needleandthedamagedone.html

Die Zeichnung ist eine Orginal-Illustration von Rainer Jacob. Die Grafik “Maskerade” stammt von Aubrey Beardsley (Co: creative commons). Das siebte Kapitel erscheint am Ende der Woche, es trägt den Titel “Plan B”. “Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten. Allerdings habe ich Namen, Orte und Daten soweit verändert, dass eine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen tatsächlich rein zufällig und nicht beabsichtigt wäre. M. K.

Familienportrait –„Einschiffung nach Kythera“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Fünf / 1973

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Etwa eine Woche nach unserem merkwürdigen Rencontre im Café Bleibtreu rief Beaky mich an. Ja, merkwürdig fand ich jene Begegnung und auch denkwürdig. Jedenfalls dachte ich mehrfach daran, wie an jenem Vormittag meine morgendliche Schwere und Langsamkeit mit Beakys hektischem, drogeninduziertem Auftreten zusammenstieß. Als der mittelbar Aufgeputschte mir die gesamte Jugendkultur und den Protest der 60er Jahre als reaktionäre Verschwörung vorstellen wollte und der dann noch sein Lieblingsthema Xanadu völlig herzlos abschrieb, oder vielmehr abredete. Auch das da offensichtlich etwas hin und herflog zwischen meiner Bekannten, der Kellnerin Hanna und dem ehemaligen Schulfreund kam mir mehr als einmal in den Sinn. Nun war Frieder am Telefon. Frieder, der lieber Beaky genannt werden wollte und es war mein Eindruck, dass er nicht aufgeputscht war. Er hörte sich eher kleinlaut an. Er wolle etwas mit mir besprechen, er hätte sich meine Worte zu Herzen genommen und das Speed abgesetzt. Er sei dabei sein Leben zu ändern, privat und bei der Arbeit. Er durfte nun sogar allein die Galerie hüten, was sein Chef Puvogel bisher für „indiscutable“ gehalten hatte. Also verabredeten wir, das ich ihn von der Arbeit abholen sollte.

Der Antiquitätenhändler und Galerist Ingomar von Puvogel ist was man eine schillernde Persönlichkeit nennt. Der etwa 1,70 Meter große, grauhaarige Herr trägt gern zweireihige Klubjacken, die sein Bäuchlein eher betonen als verbergen. Er selbst nennt es fast zärtlich, sein „Embonpoint“, was selbstverständlich sehr viel schicker klingt, als das in Berlin sonst gern verwendete Wort „Wampe“. Er war nicht immer Geschäftsmann, seine Kollegen erzählen gern genüsslich, dass er in den 50er Jahren für mehrere Nachrichtendienste gearbeitet haben soll, den BND sowohl als auch die Stasi und zusätzlich die üblichen Verdächtigen wie CIA, MI5 und Mossad. Unter mysteriösen Umständen hat er Anfang der 60er Jahre den aktiven Dienst verlassen. Man munkelt von Stasi-Material über die Nazi-Vergangenheit eines hochrangigen CDU-Politikers, mit dem er einen goldenen Handschlag vom BND erpresst haben soll. Andere sprachen von Kinderpornographie, die Puvogel einem Staatssekretär untergeschoben haben sollte. Aber es liegt in der Natur der Sache, das Niemand etwas Genaues wusste. Puvogel ließ sich anschließend an sein Ausscheiden ein Clark Gable-Bärtchen wachsen und eröffnete seine „Galerie“ in der Schlüterstraße. Zusätzlich schmückt seitdem das Wörtchen „von“ seinen Namen. Von nun an gab er die Vorstellung eines bildungsbeflissenen Schöngeists, der gern seine Sprache mit französischen Vokabeln würzte und seine Vergangenheit in wenig glaubwürdigen Anekdoten schönfärbte. „C’etait incroyable“, so nannte er es selber.
Auf den ersten Blick hob sich sein Geschäft von den benachbarten Trödlern ab, doch wenn man genau hinsah, bestand sein Angebot hauptsächlich aus drittklassigen Gemälden, Jugendstil und Art Deco-Tand, sowie asiatischem Kunsthandwerk, preiswerter Dutzendware zumeist. Beaky arbeitete dennoch gern bei ihm, Puvogel war freundlich, jovial, hatte Humor und konnte tolle Geschichten erzählen. Außerdem bescheinigte ihm sein Chef, er würde 40 Stunden in der Woche bei ihm wirken, was stark übertrieben war. Sein Bewährungshelfer war einmal im Laden gewesen und Puvogel hatte ihn mühelos um den Finger gewickelt und ihm sogar ein hübsches Lackkästchen zu einem überhöhten Preis verkauft. Wie die meisten Besucher bestaunte der Sozialarbeiter die Kopie von „Einschiffung nach Kythera“, dem berühmten Gemälde von Jean-Antoine Watteau. Und wie bei allen kunsthistorisch Ungebildeten behauptete Puvogel, es würde sich um ein unbekanntes viertes Bild von diesem Sujet handeln, ein echter Watteau. Was natürlich blanker Unsinn war. Denn wenn es ein Orginal gewesen wäre, hätte es nicht im Schaufenster auf einer Staffelei gestanden. Stattdessen hätte man es, mit einer Alarmanlage verbunden, an die Wand gehängt, denn es wäre mindestens eine sechsstellige Summe wert gewesen. Ach was, wenn es ein echter Watteau gewesen wäre, hätte es niemals in der Antik-Klitsche von Ingomar von Puvogel gehangen.

(„Einschiffung nach Kythera ist der Titel dreier spätbarocker Gemälde des französischen Meisters Jean-Antoine Watteau. Eines davon hing damals in Dahlem, wo ich es gesehen hatte. Das Gemälde zeigt ein paar junge Leute, die am Ufer auf ihr Boot warten, um zur Insel Kythera übergesetzt zu werden. Rechts steht eine Statue der Liebesgöttin Venus. Im Hintergrund sieht man die Insel Kythera, den Ort an dem Venus der Sage nach aus dem Schaum des Meeres an Land gestiegen sein soll. Die Insel Kythera galt im 18. Jahrhundert als ein Reich der Liebe, fern aller Konflikte. Mit diesen sogenannten „Fêtes galantes“-Gemälden schuf Watteau eine neue Bildtradition, bei denen Rubens und dabei insbesondere dessen Gemälde Liebesgarten das Vorbild waren.“)

Es war an einem Freitag nachmittag, als ich Beaky in der Galerie Puvogel aufsuchte. Ich bewunderte die recht ordentliche Watteau-Kopie im Fenster, wobei ich Beaky im Ladeninneren erspähte. Er trug zu seinen dunkelblauen Levis ein besticktes Seidenhemd, wahrscheinlich auch ein Asienimport des Galeristen. Seine langen, rotblonden Haare waren frisch gewaschen und ich war froh keine Anzeichen des Konsums harter Drogen zu erkennen.
„Na, Beaky, wie läuft dein Geschäft?“
Er erwiderte mit leicht gedämpfter Stimme, „Ich wollte, es wäre meins, Marcus. Und nenn mich bitte Frieder, der Chef mag meinen anderen Namen nicht.“
„Wo ist er denn, der Graf von und zu Piepvogel?“
Beaky wurde rot, jetzt flüsterte er fast: „Er ist hinten in seinem geheimen Blaubart-Kabinett und macht Siesta. Ich glaube er raucht was von seinen Thai-Sticks und was er noch treibt, da gibt es verschiedene Vermutungen.“
Puvogel importierte versteckt im Kunsthandwerk Marihuana, sogenannte Thai-Sticks, die besonders bei Künstlern und Intellektuellen sehr beliebt waren. Man sagte, sie gingen nicht in die Beine, sondern direkt in den Kopf, machten wach und gesprächig. Viele Antiquitätenhändler in den Kudamm-Nebenstraßen verkauften das teure Zeug als willkommene zusätzliche Einnahmequelle. Die Kunden gehörten entweder zur Schickeria oder sie hätten gern dazu gehört. Auf jeden Fall rekrutierte sich die Clientel aus den „besseren Kreisen“, die bereit waren etwas mehr für den illegalen Drogen-Kick zu zahlen.
Was das „nochtreiben“ angeht, wucherten in der Tat die unterschiedlichsten Vermutungen. Der falsche Adlige selbst behauptete, erotisch ein Neutrum zu sein seitdem der sowjetische NKWD ihn im Zweiten Weltkrieg mehrere Tage gefoltert hatte. Da er diese wilde Geschichte mit sehr viel Humor und Gusto zelebrierte, war er selbst schuld, dass sie als nicht sehr glaubwürdig aufgenommen wurde. Also sprach man von kleinen Mädchen, kleinen Jungen, kleinen oder eher mittelgroßen Haustieren, sowie von allen denkbaren materiellen Fetischen, die angeblich sein erotisches Interesse ausmachen sollten.

„Gott zum Gruße, junges Volk“, tönte es leicht effeminiert aus dem rückwärtigen Geschäft. Der Besitzer hatte seine Siesta beendet und gab uns eine Exklusiv-Vorstellung seiner Darstellung eines intellektuellen Scheingeistes . Mir war die Puvogels sexuelle Orientierung überhaupt nicht unklar, ich hielt ihn für schwul. Und als ob er meinen Gedanken bestätigen wollte, turnte der Galerist um mich herum und bewunderte mich von allen Seiten. Beaky hatte meinen Besuch wohl angekündigt, denn unverzüglich schmeichelte Puvogel mich an: „Das kann doch nur der kluge Herr Kluge sein und dabei ist er auch noch ein so schöner Mensch. Wie hält man das aus?“ Nach kurzer Sammlung parierte ich den Ästhetik-Liebhaber: „Normalerweise ganz gut, Herr Puvogel“. Ich drängelte ein bißchen, um möglichst schnell Puvogels Dunstkreis zu entgehen. Es war nicht so, dass ich wie viele Männer grundsätzlich Probleme mit Schwulen hatte. Ich hatte sogar selbst eine kurze Beziehung zu einem Mann gehabt und die Schwulenszene kennengelernt. Deshalb kannte ich auch das Gefühl von älteren Schwulen angemacht zu werden und sowas machte mich normalerweise nicht verlegen. Aber dieser Vogel war mir unangenehm, seine aufdringliche, süßliche Art. Ich verstand nicht, wie Beaky für ihn arbeiten konnte und dessen Nähe ertragen konnte. Nach meinen Eindruck hatte dieser Galerist hatte nur einen Gedanken in seinem Kopf und der war schmutzig. Glücklicherweise schien es Beaky selbst peinlich zu sein, wie sein Chef mich anbaggerte und er unterstützte meinen geordneten Rückzug aus der Galerie.
Anschließend liefen Frieder und ich die Schlüterstraße in Richtung Kudamm Wir überquerten erst die Kant- und dann die Niebuhrstraße, und endlich drückte mich mein Begleiter in eine ziemlich normale Berliner Kneipe, sie hieß „Zum Schotten“. Auf den ersten Blick schottisch war, dass man bei Licht und Einrichtung offensichtlich gespart hatte. Die finstere Kaschemme war nur mit wenigen Gartenmöbeln und einem heruntergekommenen Billardtisch möbliert. Ganz und garnicht meine Tasse Tee. Der einzige Lichtblick war ein schönes altes Canada Dry-Schild, das über der Theke hing.
Bei dem Kellner mit Schmalzlocke bestellte ich also ein Canada Dry, ungeöffnet in der Flasche, was mit verhaltenem Unmut quittiert wurde. Kaffee oder Tee würde ich in diesem Laden nicht anrühren. Beaky war da nicht so heikel, er trank schwarzen Kaffee, den der Kellner aus einer Thermoskanne eingoss.
Mir fiel ein, dass ich schonmal in diesem Laden war. Schon Ende der 60er Jahre traf sich hier eine Mischung von linken Studenten und denen, die sie gern als Genossen gehabt hätten, nämlich die Angehörigen der ansässigen Arbeiterklasse. Kiffen war dort verpönt, doch handelte man mit Tabletten, Catagon, An1 und anderen Helfern fürs Examen oder die Frühschicht im E-Werk oder in der Gipsformerei. Ich war dort 1969, in einer Ecke stand ein Fernseher und die Gäste verfolgten mit skeptischer, berlinischer Abgeklärtheit die Live-Übertragung der ersten Mondlandung. Vielleich war hier der Ort gewesen, wo zum erstem Mal behauptet wurde, dass es sich bei diesen Bildern von der Mondlandung um eine Fälschung handelte, stellte ich mir vor.

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Ich öffnete die Flasche, genoss einen ersten Schluck Ginger Ale und eröffnete das Gespräch: „Du scheinst meine Gardinenpredigt ernst genommen zu haben, oder hattest du andere Gründe deine Performance aufzupolieren?“ Seit ich den Nicolas Roeg Film mit Mick Jagger gesehen hatte, war „Performance“ eines meines Lieblingswörter. Ich beobachtete wie Beaky mit Worten rang und einen Einstieg suchte. „Na ja, weißt du, letzte Woche im Café Bleibtreu. Du hast mir erzählt, wie glücklich du mit deiner Freundin Ilona bist und mir ist klar geworden, dass ich auch so eine Beziehung suche.“ Ich nickte verständnisvoll und ließ ihm Zeit zu formulieren. „Da habe ich mich entschlossen mit dem Scheiß-Pulver aufzuhören. Also, mit dem Speed habe ich das schon geschafft, ein bißchen H sniefe ich aber noch.“ Das H sprach er englisch aus, wie es in der Berliner Drogenszene üblich war, es hörte sich wie „Ähtsch“ an. „Sniefen“ war wohl auch ein Wort das es nur in dieser Subkultur gab. „Damit ist aber auch bald Schluss“, fuhr er fort, „Sag mal, im Bleibtreu war doch diese Hanna, die Kellnerin. Kennst du die gut?“ „Nö, ist eigentlich mehr Ilonas Freundin. Aber ich hatte mir schon gedacht, dass du mich nach ihr fragst. Die hat dir gefallen, ne?“ Beaky nickte, aber zog die Stirn kraus. Er war sich unsicher und er wusste nicht, wie er sie ansprechen sollte und bat mich um Hilfe.

„Well, early in the mornin’
’Til late at night
I got a poison headache
But I feel all right
I’m pledging my time to you
Hopin’ you’ll come through, too“

Wahrscheinlich war ich der einzige Mensch der wusste, dass Beaky noch Jungfrau war. Außer einer Knutscherei im Anne-Frank-Haus hatte er keine sexuellen Erfahrungen mit irgendeinem weiblichen Wesen. Die Tatsache war ihm peinlich, aber weil er mich für so etwas wie seinen Beichtvater hielt, hatte er es mir erzählt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Nun legte er mir nahe für ihn Amor zu spielen. Im Grunde hatte ich sowas erwartet. Beim Verkuppeln hatte ich zwar keinerlei Routine, doch wie so häufig im Leben bemühte ich mich die Aufgabe als Schauspielpraxis zu betrachten.
Ich lud also Hanna zu einem Picknick ein. Am Samstagmittag liefen wir, Ilona und ich, zum Zooeingang gegenüber vom Bahnhof, das war der vereinbarte Treffpunkt. Meine Freundin und ich hatten eine Kleinigkeit zu essen vorbereitet und bei Ullrich kauften wir noch ein Fläschchen Rotwein, kurz bevor um 13 Uhr der Laden zumachte. Hanna kam zuerst, überpünktlich und Beaky verspätete sich etwas, er wirkte aber frisch und clean. Wir liefen los, ließen rechts von uns den Zoo, wir überquerten die Schleuse und waren bald im Tiergarten. Dort an einem See kannte ich eine seichte Stelle. Wenn man Füße und Waden freimachte, konnte man dort durchs Wasser waten. Belohnt wurde man durch eine kleine, menschenleere Insel. Die Idee kam mir, als ich in Puvogels Schaufenster „Einschiffung nach Kythera“ gesehen hatte. Auch ohne Schiff hatte der Nachmittag etwas Romantisches, Hanna lachte über Beakys Scherze, auch über die unbeholfenen. Als wir uns am frühen Abend verabschiedeten, beschloss Beaky Hanna noch nach Hause zu begleiten. Dann hörte und sah ich von den Beiden für längere Zeit nichts, was ich als gutes Zeichen wertete.

Hanna wohnte in einer winzigen Mansarden-Wohnung in der Düsseldorfer Straße. Wie in vielen Nebenstraßen des Kudamms hatte man dort kleine Dachgeschosswohnungen mit Atelierfenstern geschaffen. Es war billig damals und romantisch, nur im Winter zog es ziemlich. Beaky hatte ja nun Hannas Adresse und er beschloss um sie zu werben. Das tat er zunächst mit mehreren Postkarten, auf die er Zeilen aus Popsongs schrieb. Nichts Kitschiges, eher coole Zitate. Er hatte keine Erfahrung in solchen Dingen, er tat es auf seine Art. Folglich hatte es mit Musik zu tun. Auf diesem Gebiet kannte er sich aus und er war sich auch ziemlich sicher, dass Hanna einen Nerv für Texte von Bob Dylan, Janis Joplin und Jimi Hendrix hatte, die er für sie aussuchte. Nach einer Woche beschloss er aufs Ganze zu gehen. Er steckte ihr ein Mixtape in ihren Briefkasten, zusammen mit dem Vorschlag sich zu treffen und seiner Telefonnummer. 1973 war ein Mix-Tape ganz weit vorne, die Avantgarde der zeitgenössischen Liebeswerbung sozusagen.

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„Won’t you come with me baby?
I’ll take you where you wanna go.
And if it don’t work out,
You’ll be the first to know.
I’m pledging my time to you,
Hopin’ you’ll come through, too.“

(„Pledging my Time“, Bob Dylan aus dem Album „Blonde on Blonde“, 1966)

Und wirklich ruft Hanna Beaky an, seine Liebeswerbung hat sie amüsiert und sie mag den langhaarigen, etwas unbeholfenen Jungen gern. Also treffen sie sich am Olivaer Platz, an der Einser-Haltestelle. Er besteht darauf, sie zum Essen einzuladen. Sie laufen den Kudamm in Richtung Halensee und Hanna fragt, halb besorgt, halb scherzhaft:“Du willst mich aber nicht in den Athenergrill ausführen?“ Er schüttelt den Kopf, tatsächlich ist ihm die Frage peinlich, er wird sogar ein wenig rot. Wenige Meter hinter dem Athenergrill, hält er ihr eine Tür auf. Ins Ciao lädt er sie ein. Einen schicken Italiener, wo man manchmal sogar Schauspieler oder andere Prominente sieht. Schon ist der Kellner da, wieselt um die Beiden, radebrecht, „Einen Tisch, a due?“ Beaky nickt und der Kellner will sie ganz hinten im Lokal platzieren, Hanna stoppt ihn souverän. Sie will am Fenster sitzen, was auch kein Problem ist, der Laden ist fast leer.
Hanna hat nur eine rosafarbene Weste und nichts zum Ablegen an, Beakys Fransenlederjacke will ihm der Kellner abnehmen, es gibt etwas Gezerre und Beaky gewinnt das Match. Einen Freund haben sie in ihrem Kellner nicht gewonnen mit diesem Entrée.
Jetzt bringt der Kellner Beaky die Weinkarte, davon lässt er sich nicht irritieren, man hat ihn vorgewarnt. Weltmännisch sucht er einen bezahlbaren Wein aus, auch das Probieren und freundlich Nicken bekommt er hin. Aber er fühlt sich überhaupt nicht wohl und schließlich gesteht er sein Missempfinden Hanna, die sieht es ähnlich. Als sie Beaky darauf hinweist, dass der Kellner einen ganz anderen, teureren Wein gebracht hat, kommt Beaky eine spontane Eingebung, Er bedeutet Hanna ihr Glas auf Ex zu trinken, dann zerrt er sie hoch, greift seine Jacke, schleust sie durch den Eingang auf den Gehsteig. Sie rennen los, er hat sich vorher versichert, das sie keine Absätze trägt. So jagen sie den Kudamm hoch zurück in Richtung Leibnizstraße und kichern. Als sie an der Ecke Seesener Straße sind, blicken sie zurück und sehen den gestikulierenden Kellner, worauf sie einen erneuten Lachanfall bekommen. Sie halten sich die Bäuche und lachen bis es wehtut.
Sie haben einen großartigen Abend, Beaky hat nicht nur Hoffnung, er ist sich fast sicher, dass Hanna ihn auch gern mag. Doch als sie spät in Richtung Düsseldorfer Straße spazieren, wird Hanna auf einmal ernst. Sie will keinen Freund, für den Drogen wichtiger sind als sie. Er wäre ja wohl auf Speed gewesen, beim ersten Sehen im Bleibtreu, und Speed ginge nun garnicht. Genauso wenig wie Heroin. Abends oder am Wochenende mal kiffen sei aber kein Problem. Beaky beichtet seine Drogenkarriere, nun ja, vielleicht beschönigt er ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist er ehrlich, bis auf eine Ausnahme und wegen dieser wird es Ärger geben. Die Frage ist nur wann.
Zunächts endet der Abend mit einem Küsschen, das Hanna Beaky auf die Wange gibt. Was Beaky nicht unrecht ist, er fürchtet sich vor dem „ersten Mal“. Seinem ersten Mal, seiner Unerfahrenheit, die Hanna merken könnte. Auch bei diesem Thema hat er nicht ganz die Wahrheit gesagt. Aber was ihn die halbe Nacht wachhält und immer wieder durch sein Hirn kreist ist der Gedanke, dass nur das Heroin ihn so cool und schlagfertig gemacht hätte, an diesem Tag mit Hanna. Das er ohne das Sniefen unsicher gewesen wäre, gestottert hätte und rot geworden wäre. Und das sie ihn nicht mehr wollen würde, wenn sie das mit dem Heroin wüsste. Er ist in einem Dilemma. Immer wieder dreht sich die Kausalkette in seinem müden Hirn und erst gegen Morgen schläft er ein. Es ist ein tiefer, traumloser Schlaf.

Fortsetzung folgt

Einschiffung nach Kythera:
http://de.wikipedia.org/wiki/Einschiffung_nach_Kythera

Pledging my Time:
http://www.bobdylan.com/de/node/25804

 

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Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

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Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

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Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

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literaturfrey - Kunst und Kultur

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Zur Musikszene im weltweiten Berliner Speckgürtel

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Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

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