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„Athener Grill, Far-Out und Uhrwerk Orange” / Mendelsohn-Bau Lehniner Platz – Lost and Found

1969 schleppte mich ein Schulfreund mit zur Roten Garde, einer maoistischen Jugendorganisation. Als er die Adresse nannte, fragte ich nach, gab es wirklich einen Platz in West-Berlin, der nach dem russischen Revolutionär benannt war: Leniner Platz? Nein, natürlich nicht, Lehnin bei Brandenburg war der Ursprung, doch das Umland hatte man nicht auf dem Schirm in den Mauerjahren.

Die Rote Garde hatte Räume im Mendelsohn-Bau, der in den 1920er Jahren als Woga-Komplex erbaut wurde. Doch die drögen Schulungen und humorfreien Diskussionen bei den Gardisten konnten mich nicht begeistern. Eher begeisterte mich die Architektur der Neuen Sachlichkeit und die Blechpizza, die ich am Lehniner Platz zum ersten Mal aß. Das schicke Restaurant “Ciao” hatte eine gehobene, häufig prominente Klientele. Neben dem Eingang war ein Fenster, dort konnte man für eine Mark ein Stück der äußerst leckeren, neuen Backware “Mark-Pizza” erwerben. Man kannte zwar Spaghetti und Makkaroni, aber Pizza war noch eine seltene Spezialität, es würde viele Jahre dauern, bis man Pizza im Supermarkt kaufen können würde. Inzwischen werde ich von jungen Menschen gefragt was denn “Mark-Pizza” gewesen wäre. So schnell vergeht die Zeit.

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Oben: Das Ciao in den 70er Jahren, im November 2016 fand ich dort ein Kebap-Grillhaus namens Black&White Istanbul.

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Der WOGA-Komplex (https://de.wikipedia.org/wiki/WOGA-Komplex_am_Lehniner_Platz) wurde von Erich Mendelsohn zwischen 1925 und 1931 erbaut. Er stellt eine Verbindung aus Kulturstätten, Einkaufsmöglichkeiten und Wohngebäuden dar. Der Komplex wird stilistisch der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Begibt man sich am Ende des Kurfürstendammes auf den Lehniner Platz, fallen einem zwei ausladende Kopfbauten auf, in deren Mitte sich eine kleine Ladenstraße befindet, die auf ein querstehendes Gebäude zuläuft. Hieran schließt sich eine Wohnanlage mit Grünflächen und Tennisplätzen. In einem der beiden Kopf-Bauten ist aktuell die Schaubühne untergebracht. Der WOGA-Komplex steht unter Denkmalschutz. (Nach WiKi)

Mich zog es immer wieder zum Mendelsohn-Bau. 1970 gab es neben den Kinos noch einen Theatersaal, in dem ich eine Aufführung des Musicals “Hair” sah. Im “Ciao” ging ich mit meiner Cousine Ingrid essen, weil wir keine Promis waren und auch keinen teuren Wein bestellen wollten, behandelte man uns ziemlich von oben herab. In meinem ersten Roman “Xanadu ’73” verarbeite ich das Erlebnis:

Sie laufen den Kudamm in Richtung Halensee und Hanna fragt, halb besorgt, halb scherzhaft:“Du willst mich aber nicht in den Athenergrill ausführen?“ Er schüttelt den Kopf, tatsächlich ist ihm die Frage peinlich, er wird sogar ein wenig rot. Wenige Meter hinter dem Athenergrill, hält er ihr eine Tür auf. Ins “Ciao” lädt er sie ein. Einen schicken Italiener, wo man manchmal sogar Schauspieler oder andere Prominente sieht. Schon ist der Kellner da, wieselt um die beiden, radebrecht, „Einen Tisch, a due?“ Beaky nickt und der Kellner will sie ganz hinten im Lokal platzieren, Hanna stoppt ihn souverän. Sie will am Fenster sitzen, was auch kein Problem ist, der Laden ist fast leer.
Hanna hat nur eine rosafarbene Weste und nichts zum Ablegen an, Beakys Fransenlederjacke will ihm der Kellner abnehmen, es gibt etwas Gezerre und Beaky gewinnt das Match. Einen Freund haben sie in ihrem Kellner nicht gewonnen mit diesem Entrée.
Jetzt bringt der Kellner Beaky die Weinkarte, davon lässt er sich nicht irritieren, man hat ihn vorgewarnt. Weltmännisch sucht er einen bezahlbaren Wein aus, auch das probieren und freundlich Nicken bekommt er hin. Aber er fühlt sich überhaupt nicht wohl und schließlich gesteht er sein Missempfinden Hanna, die sieht es ähnlich. Als sie Beaky darauf hinweist, dass der Kellner einen ganz anderen, teureren Wein gebracht hat, kommt Beaky eine spontane Eingebung, Er bedeutet Hanna ihr Glas auf Ex zu trinken, dann zerrt er sie hoch, greift seine Jacke, schleust sie durch den Eingang auf den Gehsteig. Sie rennen los, er hat sich vorher versichert, das sie keine Absätze trägt. So jagen sie den Kudamm hoch zurück in Richtung Leibnizstraße und kichern. Als sie an der Ecke Eisenzahnstraße sind, blicken sie zurück und sehen den gestikulierenden Kellner, worauf sie einen erneuten Lachanfall bekommen. Sie halten sich die Bäuche und lachen bis es wehtut.

Im Studio-Kino sah ich Zappas “200 Motels” und “Clockwork Orange”. Bei letzterem erlitt ein Freund, Connie, einen Panikanfall, den ich im Roman, als eine Drogenüberdosis schildere:

Der ausgezeichnete Film fesselt mich erneut. Ich verfolge die bösen Taten des Helden und leide mit ihm, als er in den Knast kommt. Als Alex schließlich eine Aversionen erzeugende Droge gespritzt bekommt und festgeschnallt stundenlang “horrorschaumäßige” Filme ansehen muss, fällt mir auf, dass Beaky neben mir mit schreckgeweiteten Augen auf die Leinwand starrt und seine Fingernägel in die Oberschenkel drückt. Er wirkt wie ein Spiegelbild von Alex. Ich frage ihn und erst später wird mir bewusst, dass das eine ziemlich blöde Frage war: “Bist du OK?” Statt zu antworten schüttelt er den Kopf. Ich zerre ihn aus der Stuhlreihe, wir verlassen den Saal und finden uns in einem der runden Gänge, die um die Säle herum führen. Beaky ist noch bleicher geworden und mir fällt auf, dass er Stecknadelpupillen hat.
Ich verwerfe meine erste Theorie, nach der Beaky eine Panikattacke erlitten hat. Ganz offensichtlich hat er auf dem Klo noch weitere Drogen genommen, wahrscheinlich hat er ein Opiat gespritzt. In den frühen 70er Jahren dachte man relativ schnell an Heroin, weil es in Berlin billig und leicht zu beschaffen war.

Nina Hagen scheint den Lehniner Platz auch zu mögen, nach ihrer Übersiedlung in den Westen gab sie hier ein Konzert, umsonst und draußen. Ich glaube, es müsste 1978 gewesen sein, dass ich sie dort live, mit der Nina Hagen Band, gesehen habe.

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Oben: Postkarte aus den 50er Jahren. Unten: Illu zum Kapitel “Uhrwerk” aus “Xanadu ’73” von Rainer Jacob.

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In den 70er und 80er Jahren besuchte ich häufig, wie alle Nachtschwärmer dieser Zeit, den “Athener Grill”. Die Berliner sprachen den Namen aus, als ob es ein Wort wäre, Athenergrill, betont auf der zweiten Silbe: A-THÉ-nergrill! Auch diesem Etablissement widme ich einen Abschnitt im Xanadu-Roman.

Beaky und ich laufen zurück in Richtung Lehniner Platz, um im Athenergrill, dem wahrscheinlich beliebtesten Selbstbedienungsrestaurant dieser Jahre, einzukehren. Ich bin dort immer wieder gewesen bis in die 90er Jahre, als ich eine Kakerlake in aller Ruhe durch die Vorspeisenvitrine laufen sah. 1973 habe ich noch Vertrauen in die Restauration und hole mir zwei von den kleinen Mimis Dönern in Pita-Brot, die damals 1.50 kosteten. Beaky isst eine quietschsüße, griechische Angelegenheit aus Joghurt und Honig, auch das bestätigt meine Idee, das er vor allem dem Heroin zugetan war. Denn alle Heroin-Junkies, die ich kennenlernte waren Süßschnäbel, wieso auch immer. Ich trinke Fanta dazu und Beaky schwarzen Kaffee, von dem er im Lauf des Abends vier oder fünf Tassen trinkt, denn wir sitzen lange im Athenergrill. Das war ja das Gute an diesem Etablissement, es schloss nie. Irgendwann gegen morgen kamen zwei mürrische Putzfrauen und vertrieben die Gäste, aber nur für eine kurze Weile, dann kehrten die üblichen Gestalten zurück und man hatte den Eindruck, sie seien nie weg gewesen.

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Es muss um 1960 gewesen sein, als wir meinen Vater ins Albrecht-Achilles-Krankenhaus brachten, der sich einer Operation unterziehen musste. Die Klinik gibt es nicht mehr, heute residiert hier das Finanzamt Wilmersdorf.

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1983 fotografieren Rainer Jacob und ich die Band “Dreidimensional” am Mendelsohn-Bau für meine Zeitschrift “Assasin”. Sie kommen sogar auf das Cover des zweiten Heftes. Obwohl die Spandauer Musiker sehr jung, fast kindlich wirken, erinnern mich die Bilder regelmäßig an “Uhrwerk Orange” und den Panikanfall meines Freundes in den 70er Jahren.

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Diverse Kneipen und Clubs haben den Lehniner Platz zum Anziehungspunkt für die wechselnde Klientele der Jugendgruppierungen gemacht. Mitte der 70er Jahre trafen sich die ersten Berliner Punks im PunkHouse neben dem Athener Grill, wo heute ein öder Spielsalon zum Geld verlieren einlädt.

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In der ehemaligen Ladenstraße gab es Berlins einziges Rollschuh-Diner “Mendelsohns”, davor war es ein “Treibhaus”, sowie eine Version des umtriebigen Tolstefanz und dann lange, die bei Bagwan-Jüngern beliebte Disco “Far-Out”.

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In den 90er Jahren war ich noch ein paar mal am Lehniner Platz. Ich besuchte eine Botho Strauss-Inszenierung in der Schaubühne.  Die Gesellschaftselite, die Strauss vorführt und als langweilig und uninspiriert kritisiert, war als Inszenierung genau das: langweilig und uninspiriert. Die Zeiten, da die Schaubühne mich begeisterte schien vorbei und auch der Athener Grill wurde nie wieder mein Ziel, nachdem ich das erwähnte Krabbeltier in der Vorspeisenvitrine beobachtete.

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Inmitten der Wohnanlage befinden sich Tennisplätze, auf denen Prominente, wie Erich Kästner, der in der Nähe wohnte, oder Willy Brandt, als er Regierender Bürgermeister war, spielten. 2007 musste der letzte Pächter die Plätze aufgeben, nachdem ein Investor unrealistische Summen für die Pacht verlangt hatte. Das Bauvorhaben des Investors ist dieses Jahr vom Bezirk abgelehnt worden, so dass wieder Hoffnung besteht, die charmante Sportanlage wieder nutzbar zu machen. In ebenfalls bedauerlichem Zustand ist das Postamt Nestorstraße, 1930-32 von Willy Hoffmann erbaut. Der verputzte Stahlbetonriegel in Stil der Neuen Sachlichkeit mit Bezügen zur Wohnbebauung der östlich anschließenden Cicerostraße (WOGA-Komplex), bildet den nördlichen Abschluss des Hochmeisterplatzes.

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Ansonsten ist der gesamte Komplex in ausgezeichnetem Zustand, unten die Wohnanlage Cicerostraße und darunter das Apartmenthaus in der Mitte des WOGA-Komplexes.

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Oben: Der Ausführungsplan des Woga-Komplexes von 1927.  Quelle: – Von SL1974 (S.Lucht) – von ihm selbst erstellt; Original-Ausführungsplan von 1927 ist im Besitz der Kunstbibliothek, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin; abgelichtet in Pitz, Helge: Der Mendelsohn-Bau am Lehniner Platz, Berlin 1981, S. 42., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3292680


Text und Fotos: Marcus Kluge (s.u.)

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Von der Erstausgabe des Romans “Xanadu ’73” gibt es noch einige Restexemplare. Bestellbar bei mir, unter marcusklugeberlin@yahoo.de für 13€ inkl. Versand in Deutschland.

Lost and Found-Marathon 7: „Sign o’ the Times“ / Europa-Center, Breitscheidplatz, Kudamm-Kinos

Oben: Gloria-Palast ca. 1958 und im Mai 2016.

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Marmorhaus (Oben ca. 1956).

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Gloria-Palast (Oben ca. 1958).

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Europa-Center: Im Schaufenster spiegelt sich das Bikini-Haus (Oben: ca. 1966, unten: das gleiche Fenster gehört heute zum Hertha-Fanshop).

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Unten: Europa-Center im Bau, 1965.

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Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. (Oben ca. 1978, Foto: Cornelia Grosch, unten 2016.)

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Oben: Tauentzienstraße.

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U-Bahnhof Kurfürstendamm (Oben ca. 1978 Foto: Cornelia Grosch).

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Europa-Center Tauentzienstraße (Rainer ca. 1966).

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Bikini-Haus (Rainer ca. 1958)

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M.K.

„Sign o’ the Times“ / Europa-Center, Breitscheidplatz, Kinos / Berlin – Lost and Found

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Marmorhaus (Oben ca. 1956).

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Gloria-Palast (Oben ca. 1958).

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Europa-Center Bikini-Haus (Oben ca. 1966). Unten: Europa-Center im Bau, 1965.

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U-Bahnhof Kurfürstendamm (Oben ca. 1978 Foto: Cornelia Grosch).

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Europa-Center Tauentzienstraße (Rainer ca. 1966).

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Bikini-Haus (Rainer ca. 1958)

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M.K.

Familienportrait‭ ‬-‭ „Ein Leben für die Straßenbahn‭” ‬/‭ ‬Berlin‭ ‬1920-1963

Mein Großvater Werner Hellmich war‭ ‬21,‭ ‬als er in den‭ Ersten ‬Weltkrieg ziehen musste.‭ ‬Bald wurde ihm klar,‭ ‬dass die Realität des Krieges nichts Ehrenvolles oder Erhabenes hatte.‭ ‬Es war ein schmutziges,‭ ‬sinnloses Töten oder Getötetwerden.‭ ‬Von diesen traumatischen vier Jahren hat er sich nie wieder wirklich erholt.‭ ‬Er kam mit einem Magenleiden zurück,‭ ‬nachdem man ihm ein Drittel des Organs in einer Notoperation im Feldlazarett entfernt hatte.‭ ‬Er war ein stiller,‭ ‬zurückhaltender Mann,‭ ‬der es am liebsten hatte,‭ ‬in Ruhe gelassen zu werden.‭ ‬Leider hatte er sich dafür die falsche Frau ausgesucht.

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Opa (Mitte) mit Kollegen.

Meine Großmutter Elisabeth Schnelle kam‭ ‬1910‭ ‬als‭ ‬15-jährige nach Berlin,‭ ‬um in Steglitz als Hausmädchen in‭ “‬Stellung‭” ‬zu gehen.‭ ‬Im heimischen Liebenwerda gab es nicht genug Arbeit und nur ihre erstgeborene Schwester Martha durfte in der Kleinstadt bleiben.‭ Elisabeth und später ihre kleine Schwester Charlotte musste sich im fernen Berlin ein Auskommen suchen. ‬Hausangestellte wurden nicht gut behandelt,‭ ‬oft waren sie dem Missbrauch durch die‭ “‬Herrschaften‭” ‬ausgesetzt.‭ ‬Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei,‭ ‬dann lief sie die Kaiserallee‭ (‬heute Bundesallee‭) ‬hoch in Richtung Zoo und aß bei Aschinger Erbsensuppe.‭ ‬Oft kullerten dabei Tränen in ihren Teller,‭ ‬sie vermisste ihre Familie,‭ ‬hatte Heimweh und litt unter den Arbeitsbedingungen.

Bei allem Leid und den Sorgen,‭ ‬die der Krieg ab 1914 mit sich brachte,‭ ‬hatte er für Elisabeth eine positive Folge.‭ ‬Denn nun wurden Frauen gesucht,‭ ‬die die fehlenden Männer in den Fabriken ersetzten.‭ ‬Sie fing an bei Osram Glühlampen herzustellen.‭ ‬Sie konnte es sich sogar leisten,‭ ‬ab und zu, mit der Bahn in die Heimat zu fahren.‭ ‬Aber sich allein in der fremden,‭ ‬nicht sehr freundlichen Stadt Berlin‭ ‬durchzuschlagen,‭ ‬hatte sie hart gemacht.‭ ‬Ihr Ehemann wird es zu spüren bekommen.

Elisabeth läuft‭ ‬1918‭ ‬während der Novemberrevolution mit der roten Fahne durch Berlin,‭ ‬doch als sie am Abend müde wird,‭ ‬reicht sie das Symbol weiter und geht nach Hause.‭ ‬Sie war dabei und wird später stolz davon erzählen.‭ ‬1920‭ ‬lernt sie Werner kennen.‭ ‬Sie spürt sofort,‭ ‬da ist einer,‭ ‬der sich ihrer Führung nicht verweigert.‭ ‬Schon lange träumt sie den Traum,‭ ‬den viele ledige junge Frauen träumten.‭ ‬Statt in die Fabrik zu gehen,‭ ‬möchte sie Ehefrau,‭ ‬Hausfrau und vielleicht auch Mutter werden,‭ ‬wenn denn das Geld reicht,‭ ‬das der Mann heimbringt.‭ ‬Der stille Werner würde ihr als Gatte gut gefallen,‭ ‬doch einen Fehler hat die Sache, er ist arbeitslos.‭ ‬Elisabeth hört sich um und wird fündig.‭ ‬Morgens um halb fünf weckt sie unsanft ihren Werner und scheucht ihn zu den Verkehrsbetrieben (Die BVG wir erst 1929 gegründet).‭ ‬Ohne Job bräuchte er gar nicht wiederkommen,‭ ‬ruft sie ihm nach.‭ ‬Um viertel sechs meldet sich Werner auf dem Straßenbahnbetriebshof Wiebestraße,‭ ‬er ist der erste Mann,‭ ‬der an diesem Morgen nach Arbeit fragt.‭ ‬So wird er Straßenbahnschaffner und wird es über‭ ‬40‭ ‬Jahre bleiben.‭ ‬Egal bei welchem Wetter und zu welcher Schicht,‭ ‬seine Frau sorgt dafür,‭ ‬dass er aufsteht und zum Dienst geht.‭ ‬Selbst eine leichte Grippe ist keine Entschuldigung,‭ ‬nur wenn er wirklich schwer krank ist,‭ ‬darf er im Bett bleiben,‭ ‬während Elisabeth ihn mit rabiaten Methoden zu heilen versucht.‭ ‬Was sie nicht schafft,‭ ‬erledigt der‭ “‬Vertrauensarzt‭”‬.‭ ‬Heute‭ ‬sind es die medizinischen Dienste der Krankenkassen,‭ ‬damals waren es niedergelassene Ärzte,‭ ‬die als Gutachter vermeintliche Faulenzer und Drückeberger gesundschrieben.‭ ‬Diese Vertrauensärzte sorgten dafür,‭ ‬dass ihre Patienten den Besuch in unguter Erinnerung behielten.‭ ‬Gern nahm man ehemalige Militärärzte,‭ ‬weil die als scharf und gnadenlos bekannt waren.‭ ‬Werner überlegte es sich mehrmals,‭ ‬bevor er sich bei seiner Frau krankmeldete.‭ ‬Es wird ein lebenslanges Trauma für den stillen Mann mit der angeschlagenen Gesundheit.
Trotzdem muss er seine Frau geliebt haben,‭ ‬sie hatte durchaus ihre angenehmen Seiten.‭ ‬Sie schlug sich mit Humor und viel Mutterwitz durchs Leben.‭ ‬Sie war treu und mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn ausgestattet,‭ ‬für ihre Familie tat sie fast alles.‭

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Elisabeth (re.) mit Schwestern, ca. 1922.

Es muss ein Sonntag im Sommer‭ ‬1920‭ ‬gewesen sein,‭ ‬als Werner und Elisabeth sich kennenlernten.‭ ‬Elisabeth leistete sich eine Erbsensuppe bei Aschinger,‭ ‬es ist noch immer ihr Sonntagsritual.‭ ‬In der Mitte des großen Stehtisches lagen die Brötchen in einem Korb,‭ ‬von denen man soviel essen konnte,‭ ‬wie man wollte.‭ ‬Es passierte selten,‭ ‬aber eben jetzt war es so:‭ ‬nur noch eine Schrippe lag im Körbchen‭! ‬Im selben Moment wie Elisabeth griff der freundliche Mann mit der Nickelbrille zu,‭ ‬beider Hände berührten sich über dem Körbchen.‭ ‬Beide zogen ihre Hände blitzartig zurück,‭ ‬aber der nette junge Mann fängt sich schnell wieder,‭ verschmitzt ‬lächelnd greift er den Korb und bietet das Brötchen der Dame an:‭ “‬Ladies first,‭ ‬sagen die Engländer,‭ ‬also bitte schön‭!”
Elisabeth wurde rot bei so viel Charme.‭ Dann‬ unterhielten sie sich über Kinofilme.‭ ‬Werner ist Fan der polnischen Schauspielerin Pola Negri,‭ ‬die Anfang der‭ ‬20er Jahre zum internationalen Star aufsteigt.‭ ‬Elisabeths dunkle,‭ ‬träumerische Augen erinnerten ihn an die Diva und er sagte es ihr.‭ ‬Ein tolles Kompliment‭! ‬Das Kino wird ihr gemeinsames Hobby,‭ ‬zumal Werner wie sie,‭ ‬am liebsten romantische Filme sieht.

Es dauerte nicht lange,‭ ‬bis die zwei ein Paar wurden und nachdem Werner bei der BVG anfing,‭ ‬heirateten sie und dachten an Nachwuchs.‭ ‬Die Wohnung in der Perleberger Straße ist war zwar winzig,‭ ‬aber wenigstens ein einziges Kind wollten beide.‭ ‬Am zweiten Weihnachtsfeiertag‭ ‬1922‭ ‬wurde meine Mutter Käthe geboren.‭ ‬Elisabeth wollte sich das Weihnachtsfest nicht mit einer Geburt verderben,‭ ‬aber am‭ ‬26.‭ ‬half nichts mehr,‭ ‬sie mussten ins Krankenhaus und meine Mutter wurde geboren.
Käthe wird schnell groß.‭ ‬Oft leidet sie,‭ ‬wie auch ihr Vater,‭ ‬unter der Strenge der Mutter.‭ ‬Besonders Krankheit duldet die Mutter nicht.‭ ‬Bauchschmerzen werden mit brühendheißen Wärmflaschen kuriert,‭ ‬Ohrenschmerzen mit in siedendes Öl getauchten Wattepfropfen.‭ ‬Trotzdem liebt Käte ihre Mutter,‭ ‬sie fühlt sich sicher und geborgen bei der starken Frau.‭

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Kaffeetafel, Großeltern (Mitte) und meine Mutter, ca.1930.

Die Naziherrschaft und den‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg übersteht die Familie äußerlich unbeschadet.‭ ‬Elisabeth bringt sich mehr als einmal in tödliche Gefahr,‭ ‬weil sie,‭ ‬auch in der Öffentlichkeit,‭ ‬über die ihr verhassten Nazis räsonniert.‭ ‬Als zum Kriegsende die Moabiter Wohnung einen Bombenschaden erleidet,‭ ‬ziehen Mutter und Tochter mit einem Handwagen nach Wilmersdorf.‭ ‬Moabit sollte russisch und Wilmersdorf amerikanisch werden.‭ ‬Sie besetzen eine leerstehende Wohnung in der Bundesallee und behaupten frech ihr Mietvertrag wäre verbrannt,‭ ‬sie kommen durch damit‭! ‬Als Werner krank und abgemagert aus dem Krieg zurückkommt,‭ ‬hört er bei Moabiter Nachbarn,‭ ‬vom Umzug nach Wilmersdorf und die kleine Familie ist wieder vereint.‭

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Werner darf wieder Schaffnerdienst in der Straßenbahn tun und ist vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden.‭ ‬Ihm wird eine Kur für seine angeschlagene Gesundheit verschrieben,‭ ‬ein Foto zeigt ihn ein wenig skeptisch in die Kamera blickend.‭ ‬Meist wirkt er verschlossen auf Fotos.‭ ‬So auch‭ ‬1960,‭ ‬als er mit mir und meinem Bruder Thomas in den Zoo geht und Thomas ihn knipst.‭ ‬Lange steht Werner vor dem Eisbären‭ ‬der, hinter dicken Gitterstäben in einem viel zu kleinen Käfig haust.‭ ‬Nach dem‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg waren die meisten Häuser und Freianlagen zerstört,‭ ‬weniger als‭ ‬100‭ ‬Tiere hatten überlebt.

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-Seit‭ ‬1954‭ ‬plant die West-Berliner Politik,‭ ‬die Straßenbahnen abzuschaffen.‭ ‬13‭ ‬Jahre später wird,‭ ‬als letzte Linie,‭ ‬die‭ ‬55‭ ‬eingestellt,‭ ‬die vom Zoo über Charlottenburg nach Ruhleben fuhr.‭ ‬Es ist eine Entwicklung,‭ ‬die Werner traurig macht.‭ ‬Gerade Berlin,‭ ‬wo‭ ‬1881‭ ‬die allererste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr,‭ ‬kann er sich ohne Tram nicht vorstellen.
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Oma nach Unfall.

Anfang der‭ ‬1960er Jahre muss er auf Rente gehen,‭ ‬viel lieber würde er weiter arbeiten.‭ ‬Über‭ ‬40‭ ‬Jahre war er BVG-ler,‭ ‬auch als Rentner fährt er mit seiner‭ “‬Ehrennetzkarte‭” ‬fast täglich quer durch die Stadt.‭ ‬Natürlich tut er das auch,‭ ‬um seiner strengen Ehefrau zu entgehen,‭ ‬die es gar nicht schätzt,‭ ‬dass der Mann jetzt viel zu Hause ist und ihre Kreise stört.‭ ‬Sie ziehen in eine Neubauwohnung,‭ ‬nur eine Ecke weiter in der Prinzregentenstraße.‭ ‬Elisabeth wird von einem Auto angefahren.‭ ‬Ihr Wahlspruch:‭ “‬Der sieht mich doch‭!”‬,‭ ‬hat versagt.‭ ‬Im Krankenhaus wirkt sie munter und gelöst,‭ ‬ein Foto zeigt sie mit leuchtenden Augen.‭ ‬Vielleicht ist es die Wirkung vom Sekt,‭ ‬sie hat ein Glas in der Hand.‭ ‬Gern trinkt sie auch Eierlikör,‭ ‬den sie mit Weinbrand Marke‭ “‬Attaché‭” “‬verdünnt‭”‬,‭ ‬wie sie sich ausdrückt.

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Lange kann sich Werner nicht seines Ruhestandes erfreuen,‭ ‬schon‭ ‬1963‭ ‬stirbt er,‭ ‬sein Herz hatte keine Kraft mehr.‭ ‬Sein Sterben ist meine erste Begegnung mit dem Tod.‭ ‬Während die Erwachsenen in der‭ “‬guten Stube‭” ‬die Beerdigung begießen,‭ ‬hat man mich mit Micky Maus Heften ins großelterliche Schlafzimmer geschickt.‭ ‬Mir wird bewusst,‭ ‬dass ich auf dem Bett liege,‭ ‬in dem mein Opa kurz zuvor gestorben ist.‭ ‬Es ist zum gruseln und trotzdem schwer vorzustellen,‭ ‬ihn nie wieder treffen zu können.‭ ‬Ich mochte ihn gern und vermisse ihn.‭

Werners Frau,‭ ‬meine Oma Elisabeth,‭ ‬wird alt,‭ ‬sehr alt.‭ ‬Erst mit‭ ‬88‭ ‬stirbt sie in einem Altenheim im Zustand der Demenz,‭ ‬der ihre letzten Lebensjahre überschattete.

Wenn Werner heute aus dem Straßenbahnerhimmel auf seine Heimatstadt niederblicken könnte, wäre er erfreut. Durch die Vereinigung beider Stadthälften ist ganz Berlin wieder eine Straßenbahnstadt. Auch der Westen:
„Die erste Strecke wurde 1995 über die Bornholmer Straße in zwei Etappen Richtung Westen eröffnet. Das Rudolf-Virchow-Klinikum sowie die U-Bahnhöfe Seestraße in Wedding und Osloer Straße, in Gesundbrunnen gelegen, sind seitdem wieder an das Straßenbahnnetz angeschlossen.“ Quelle WiKi*.
2010 hat Berlin das weltweit drittgrößte Straßenbahnnetz. Das Netz hat eine Streckenlänge von 189,4 Kilometern und 808 Haltestellen. Werner wäre stolz darauf. Nur wieso es keine Schaffner mehr gibt, würde er fragen. Wer soll denn den Passagieren Fahrscheine verkaufen und Fragen beantworten?

M.K.

*Die Berliner Straßenbahn:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fenbahn_Berlin

Familienportraits‭ ‬-‭ ‬Die Serie:
http://wp.me/P3UMZB-1

Familienportrait Teil 11 – “Der Tod eines Preußen” / 1933 – 46

Es ist eine traurige, aber typische Geschichte für die Zeit des Nazi-Faschismus in Deutschland. Sie handelt von meiner Großtante Charlotte und ihrem Mann, Paul Springer, der sich preußischen Tugenden verpflichtet fühlte. Er war Polizei-Offizier. Wie viele Konservative hielt er die Nazis bei ihrer Machtübernahme für nützliche Idioten und unterstützte sie wohl auch. Er irrte sich gewaltig.

Auf Fotos sieht er sympathisch aus, ich hätte ihn gern kennengelernt, trotz unserer offensichtlichen politischen Differenzen. Doch das konnte ich nicht. Acht Jahre bevor ich geboren wurde, am 1. Mai 1946 ging er, “ohne Hut eine Zeitung kaufen”, wie sich seine Frau, Tante Lotte, erinnert. Er legte sich auf die Schienen der Heidekrautbahn und starb wenig später am Bahnhof Schildow, wohin man den Schwerverletzten gebracht hatte.

Charlotte, die jüngere Schwester meiner Oma, kam auch aus dem heimatlichen Liebenwerda nach Berlin und heiratete, Ende der 1920er Jahre, den Polizei-Offizier Paul Springer. Paul war eine “gute Partie”, ein Beamter, der ein kleines Depot an Wertpapieren zusammengespart hatte. Paul war außerdem ein begabter Hobby-Fotograf. Lotte ordnete sich ihrem Mann unter, da war sie ganz anders als meine Oma. Sie, vielmehr er, entschied sich gegen Kinder. Man wollte ein gutes Leben führen, delikat essen, schöne Kleidung tragen, ausgehen und Reisen machen.

Image  Ländliche Szene

Image  Olympische Spiele 1936

Paul stieg im Polizeidienst auf, in seinen Dienstbeurteilungen wird er gelobt, nur energischer gegen seine Untergebenen solle er werden. Laute Töne lagen ihm nicht, er setzte sich mit Ruhe und Geduld durch. Er fotografierte seine Familie, Sehenswürdigkeiten, spektakuläre Ereignisse und seine Kollegen vom Revier. Während der Olypischen Spiele 1936 war er in seinem Element, ihm gelangen prachtvolle Aufnahmen. Er und Lotte gingen gern ins Kino, manchen Bildern sieht man an, dass sie wie Filmeinstellungen komponiert sind.

Image   Filmreif: Am Bahnhof

Er war kein Nazi, aber konservativ. Anfänglich hatte er Sympathien für die neuen, braunen Machthaber. Wie viele Deutsche machte er den fatalen Fehler, Antisemitismus und Rechtsbruch der neuen Machthaber als “Kinderkrankheiten” zu betrachten.

Image  Ereignisse: 700Jahrfeier Berlin

Image  Kollegen in Zivil

Image Kollegen in Uniform

Zur Konfrontation kam es während der Novemberpogrome 1938. Als am 9. November gegen 22Uhr Geschäfte angegriffen wurden, die Juden gehörten, stellte Paul uniformierte Polizisten als Schutz vor solche Läden in der Friedrichstraße. Um Mitternacht ging auf dem Revier ein Telex der Gestapo ein, nachdem die Polizei jüdische Einrichtungen nicht mehr schützen sollte, bzw. nur Plünderungen verhindern sollte. Paul Springer soll sich noch eine Stunde unsichtbar gemacht haben, doch gegen ein Uhr nachts gab er den Befehl dann weiter.

Damit war seine Karriere im Dritten Reich beendet, der Polizeidienst machte ihm auch kaum noch Spaß. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen, während seine Nazi-Kollegen für unabkömmlich erklärt wurden.

Image  Rechts der Mann mit Tschako ist Onkel Paul

Tante Lotte und er überlebten den Krieg und er erhielt eine zweite Chance sich im Polizeidienst zu bewähren, weil er relativ unbelastet war. Schon im Mai 1945 wurde er von den Alliierten als Fachkraft auf dem Revier 2 angestellt. Kurze Zeit danach konnte er als Reviervorsteher den Wiederaufbau des Reviers 12 leiten.

Als Kind in den 1960ern hörte ich in der Familie, Onkel Paul habe sich in der Nazizeit nicht an Verbrechen beteiligt. Instinktiv hatte ich Zweifel und Historiker haben uns belehrt, die Polizei sei regelmäßig als Helfer der Nazischergen aufgetreten. So dachte ich, es sei nahe liegend Pauls tragisches Ende auch in Zusammenhang mit Verstrickungen in Untaten der Nazis zu sehen. Zur Vorbereitung dieses Textes bin ich nochmal alles Material durchgegangen und fand einen ausführlichen Bericht von Tante Lotte über die fatalen Ereignisse des 1. Mai 1946 und ihre Vorgeschichte. Über sein Motiv könnte ich, nach der Lektüre, nur noch spekulieren und das möchte ich nicht.

Zur Vorgeschichte erfuhr ich dies: Am 16. März 1946 sicherte Paul mit Kollegen eine Fliegerbombe ab, als es zur Explosion kam. Er wurde schwer am Kopf verletzt, Prellungen, Schnitt- und Platzwunden wurden im Krankenhaus versorgt. Trotz einer Gehirnerschütterung wurde er aus der nach dem Unglück überfüllten Klinik entlassen.

Nach einem Tag ging er wieder arbeiten, gegen ärztlichen und freundschaftlichen Rat glaubte er, preußische Disziplin üben zu müssen. Ständige Kopfschmerzen, Schwindel und eine leichte Verwirrtheit, die er gut überspielte, begleiteten ihn. Am 30. April war seine Krankheit so offensichtlich, dass er sich arbeitsunfähig schreiben lies.

Lotte schreibt dann: ” Nach dem Frühstück (am 1. Mai) schlief er nochmal. Als er zum Essen aufstand unterhielten wir uns und machten Pläne. Danach beschlossen wir einen Spaziergang zu machen und – da ich noch mit Hausarbeit beschäftigt war – sagte mein Mann, er wolle nur inzwischen eine Zeitung holen. Er ging ohne Hut von mir, ließ die Gartentür offen, weil er wohl die Absicht hatte sofort wiederzukehren. Dann sah ich meinen Mann nicht wieder und erhielt am Abend die schreckliche Gewissheit. Die näheren Einzelheiten über sein Ende bitte ich mir zu ersparen und aus den Protokollen zu entnehmen.” Lotte schieb den Bericht wegen ihres Versorgungsanspruchs an die Schutzpolizei.

Sie erklärt: ” Ich kann mir seinen plötzlichen Tod nur durch seine Kopfverletzung und etwa damit verbundene Besinnungslosigkeit bzw. Umnachtung erklären. Wahrscheinlich hat die Wärme und Gewitterschwüle dazu beigetragen, dass er das Bewusstsein verlor und den uns völlig unbekannten Weg einschlug zu dem uns völlig unbekannten Ort Schildow, um dort den Tod zu finden (oder wie er vielleicht in seinem Zustand glaubte: Ruhe vor Schmerzen und Depression).”

Paul Springer hatte sich vor die Heidekrautbahn gelegt und starb wenig später, wie die Sterbeurkunde sagt, am 1. Mai 1946 um 18 Uhr 45 in Schildow, am Bahnhof.

Image Alle Fotos: Paul Springer

Text: Marcus Kluge

Die anderen Familienportraits  sind hier zu finden:

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Familienportrait‭ ‬-‭ „Endstation‬ Straßenbahn‭” ‬/‭ ‬Berlin‭ ‬1920-1963

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Mein Großvater Werner Hellmich war‭ ‬21,‭ ‬als er in den‭ Ersten ‬Weltkrieg ziehen musste.‭ ‬Bald wurde ihm klar,‭ ‬dass die Realität des Krieges nichts Ehrenvolles oder Erhabenes hatte.‭ ‬Es war ein schmutziges,‭ ‬sinnloses Töten oder Getötetwerden.‭ ‬Von diesen traumatischen vier Jahren hat er sich nie wieder wirklich erholt.‭ ‬Er kam mit einem Magenleiden zurück,‭ ‬nachdem man ihm ein Drittel des Organs in einer Notoperation im Feldlazarett entfernt hatte.‭ ‬Er war ein stiller,‭ ‬zurückhaltender Mann,‭ ‬der es am liebsten hatte,‭ ‬in Ruhe gelassen zu werden.‭ ‬Leider hatte er sich dafür die falsche Frau ausgesucht.

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Meine Großmutter Elisabeth Schnelle kam‭ ‬1910‭ ‬als‭ ‬15-jährige nach Berlin,‭ ‬um in Steglitz als Hausmädchen in‭ “‬Stellung‭” ‬zu gehen.‭ ‬Im heimischen Liebenwerda gab es nicht genug Arbeit und nur ihre erstgeborene Schwester Martha durfte in der Kleinstadt bleiben.‭ Elisabeth und später ihre kleine Schwester Charlotte musste sich im fernen Berlin ein Auskommen suchen. ‬Hausangestellte wurden nicht gut behandelt,‭ ‬oft waren sie dem Missbrauch durch die‭ “‬Herrschaften‭” ‬ausgesetzt.‭ ‬Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei,‭ ‬dann lief sie die Kaiserallee‭ (‬heute Bundesallee‭) ‬hoch in Richtung Zoo und aß bei Aschinger Erbsensuppe.‭ ‬Oft kullerten dabei Tränen in ihren Teller,‭ ‬sie vermisste ihre Familie,‭ ‬hatte Heimweh und litt unter den Arbeitsbedingungen.

Bei allem Leid und den Sorgen,‭ ‬die der Krieg ab 1914 mit sich brachte,‭ ‬hatte er für Elisabeth eine positive Folge.‭ ‬Denn nun wurden Frauen gesucht,‭ ‬die die fehlenden Männer in den Fabriken ersetzten.‭ ‬Sie fing an bei Osram Glühlampen herzustellen.‭ ‬Sie konnte es sich sogar leisten,‭ ‬ab und zu, mit der Bahn in die Heimat zu fahren.‭ ‬Aber sich allein in der fremden,‭ ‬nicht sehr freundlichen Stadt Berlin‭ ‬durchzuschlagen,‭ ‬hatte sie hart gemacht.‭ ‬Ihr Ehemann wird es zu spüren bekommen.

Elisabeth läuft‭ ‬1918‭ ‬während der Novemberrevolution mit der roten Fahne durch Berlin,‭ ‬doch als sie am Abend müde wird,‭ ‬reicht sie das Symbol weiter und geht nach Hause.‭ ‬Sie war dabei und wird später stolz davon erzählen.‭ ‬1920‭ ‬lernt sie Werner kennen.‭ ‬Sie spürt sofort,‭ ‬da ist einer,‭ ‬der sich ihrer Führung nicht verweigert.‭ ‬Schon lange träumt sie den Traum,‭ ‬den viele ledige junge Frauen träumten.‭ ‬Statt in die Fabrik zu gehen,‭ ‬möchte sie Ehefrau,‭ ‬Hausfrau und vielleicht auch Mutter werden,‭ ‬wenn denn das Geld reicht,‭ ‬das der Mann heimbringt.‭ ‬Der stille Werner würde ihr als Gatte gut gefallen,‭ ‬doch einen Fehler hat die Sache, er ist arbeitslos.‭ ‬Elisabeth hört sich um und wird fündig.‭ ‬Morgens um halb fünf weckt sie unsanft ihren Werner und scheucht ihn zu den Verkehrsbetrieben (Die BVG wir erst 1929 gegründet).‭ ‬Ohne Job bräuchte er gar nicht wiederkommen,‭ ‬ruft sie ihm nach.‭ ‬Um viertel sechs meldet sich Werner auf dem Straßenbahnbetriebshof Wiebestraße,‭ ‬er ist der erste Mann,‭ ‬der an diesem Morgen nach Arbeit fragt.‭ ‬So wird er Straßenbahnschaffner und wird es über‭ ‬40‭ ‬Jahre bleiben.‭ ‬Egal bei welchem Wetter und zu welcher Schicht,‭ ‬seine Frau sorgt dafür,‭ ‬dass er aufsteht und zum Dienst geht.‭ ‬Selbst eine leichte Grippe ist keine Entschuldigung,‭ ‬nur wenn er wirklich schwer krank ist,‭ ‬darf er im Bett bleiben,‭ ‬während Elisabeth ihn mit rabiaten Methoden zu heilen versucht.‭ ‬Was sie nicht schafft,‭ ‬erledigt der‭ “‬Vertrauensarzt‭”‬.‭ ‬Heute‭ ‬sind es die medizinischen Dienste der Krankenkassen,‭ ‬damals waren es niedergelassene Ärzte,‭ ‬die als Gutachter vermeintliche Faulenzer und Drückeberger gesundschrieben.‭ ‬Diese Vertrauensärzte sorgten dafür,‭ ‬dass ihre Patienten den Besuch in unguter Erinnerung behielten.‭ ‬Gern nahm man ehemalige Militärärzte,‭ ‬weil die als scharf und gnadenlos bekannt waren.‭ ‬Werner überlegte es sich mehrmals,‭ ‬bevor er sich bei seiner Frau krankmeldete.‭ ‬Es wird ein lebenslanges Trauma für den stillen Mann mit der angeschlagenen Gesundheit.
Trotzdem muss er seine Frau geliebt haben,‭ ‬sie hatte durchaus ihre angenehmen Seiten.‭ ‬Sie schlug sich mit Humor und viel Mutterwitz durchs Leben.‭ ‬Sie war treu und mit einem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn ausgestattet,‭ ‬für ihre Familie tat sie fast alles.‭

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Elisabeth (re.) mit Schwestern, ca. 1922.

Es muss ein Sonntag im Sommer‭ ‬1920‭ ‬gewesen sein,‭ ‬als Werner und Elisabeth sich kennenlernten.‭ ‬Elisabeth leistete sich eine Erbsensuppe bei Aschinger,‭ ‬es ist noch immer ihr Sonntagsritual.‭ ‬In der Mitte des großen Stehtisches lagen die Brötchen in einem Korb,‭ ‬von denen man soviel essen konnte,‭ ‬wie man wollte.‭ ‬Es passierte selten,‭ ‬aber eben jetzt war es so:‭ ‬nur noch eine Schrippe lag im Körbchen‭! ‬Im selben Moment wie Elisabeth griff der freundliche Mann mit der Nickelbrille zu,‭ ‬beider Hände berührten sich über dem Körbchen.‭ ‬Beide zogen ihre Hände blitzartig zurück,‭ ‬aber der nette junge Mann fängt sich schnell wieder,‭ verschmitzt ‬lächelnd greift er den Korb und bietet das Brötchen der Dame an:‭ “‬Ladies first,‭ ‬sagen die Engländer,‭ ‬also bitte schön‭!”
Elisabeth wurde rot bei so viel Charme.‭ Dann‬ unterhielten sie sich über Kinofilme.‭ ‬Werner ist Fan der polnischen Schauspielerin Pola Negri,‭ ‬die Anfang der‭ ‬20er Jahre zum internationalen Star aufsteigt.‭ ‬Elisabeths dunkle,‭ ‬träumerische Augen erinnerten ihn an die Diva und er sagte es ihr.‭ ‬Ein tolles Kompliment‭! ‬Das Kino wird ihr gemeinsames Hobby,‭ ‬zumal Werner wie sie,‭ ‬am liebsten romantische Filme sieht.

Es dauerte nicht lange,‭ ‬bis die zwei ein Paar wurden und nachdem Werner bei der BVG anfing,‭ ‬heirateten sie und dachten an Nachwuchs.‭ ‬Die Wohnung in der Perleberger Straße ist war zwar winzig,‭ ‬aber wenigstens ein einziges Kind wollten beide.‭ ‬Am zweiten Weihnachtsfeiertag‭ ‬1922‭ ‬wurde meine Mutter Käthe geboren.‭ ‬Elisabeth wollte sich das Weihnachtsfest nicht mit einer Geburt verderben,‭ ‬aber am‭ ‬26.‭ ‬half nichts mehr,‭ ‬sie mussten ins Krankenhaus und meine Mutter wurde geboren.
Käthe wird schnell groß.‭ ‬Oft leidet sie,‭ ‬wie auch ihr Vater,‭ ‬unter der Strenge der Mutter.‭ ‬Besonders Krankheit duldet die Mutter nicht.‭ ‬Bauchschmerzen werden mit brühendheißen Wärmflaschen kuriert,‭ ‬Ohrenschmerzen mit in siedendes Öl getauchten Wattepfropfen.‭ ‬Trotzdem liebt Käte ihre Mutter,‭ ‬sie fühlt sich sicher und geborgen bei der starken Frau.‭

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Die Naziherrschaft und den‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg übersteht die Familie äußerlich unbeschadet.‭ ‬Elisabeth bringt sich mehr als einmal in tödliche Gefahr,‭ ‬weil sie,‭ ‬auch in der Öffentlichkeit,‭ ‬über die ihr verhassten Nazis räsonniert.‭ ‬Als zum Kriegsende die Moabiter Wohnung einen Bombenschaden erleidet,‭ ‬ziehen Mutter und Tochter mit einem Handwagen nach Wilmersdorf.‭ ‬Moabit sollte russisch und Wilmersdorf amerikanisch werden.‭ ‬Sie besetzen eine leerstehende Wohnung in der Bundesallee und behaupten frech ihr Mietvertrag wäre verbrannt,‭ ‬sie kommen durch damit‭! ‬Als Werner krank und abgemagert aus dem Krieg zurückkommt,‭ ‬hört er bei Moabiter Nachbarn,‭ ‬vom Umzug nach Wilmersdorf und die kleine Familie ist wieder vereint.‭

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Werner darf wieder Schaffnerdienst in der Straßenbahn tun und ist vielleicht nicht glücklich, aber zufrieden.‭ ‬Ihm wird eine Kur für seine angeschlagene Gesundheit verschrieben,‭ ‬ein Foto zeigt ihn ein wenig skeptisch in die Kamera blickend.‭ ‬Meist wirkt er verschlossen auf Fotos.‭ ‬So auch‭ ‬1960,‭ ‬als er mit mir und meinem Bruder Thomas in den Zoo geht und Thomas ihn knipst.‭ ‬Lange steht Werner vor dem Eisbären‭ ‬der, hinter dicken Gitterstäben in einem viel zu kleinen Käfig haust.‭ ‬Nach dem‭ ‬2.‭ ‬Weltkrieg waren die meisten Häuser und Freianlagen zerstört,‭ ‬weniger als‭ ‬100‭ ‬Tiere hatten überlebt.

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-Seit‭ ‬1954‭ ‬plant die West-Berliner Politik,‭ ‬die Straßenbahnen abzuschaffen.‭ ‬13‭ ‬Jahre später wird,‭ ‬als letzte Linie,‭ ‬die‭ ‬55‭ ‬eingestellt,‭ ‬die vom Zoo über Charlottenburg nach Ruhleben fuhr.‭ ‬Es ist eine Entwicklung,‭ ‬die Werner traurig macht.‭ ‬Gerade Berlin,‭ ‬wo‭ ‬1881‭ ‬die allererste elektrische Straßenbahn der Welt fuhr,‭ ‬kann er sich ohne Tram nicht vorstellen.
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Anfang der‭ ‬1960er Jahre muss er auf Rente gehen,‭ ‬viel lieber würde er weiter arbeiten.‭ ‬Über‭ ‬40‭ ‬Jahre war er BVG-ler,‭ ‬auch als Rentner fährt er mit seiner‭ “‬Ehrennetzkarte‭” ‬fast täglich quer durch die Stadt.‭ ‬Natürlich tut er das auch,‭ ‬um seiner strengen Ehefrau zu entgehen,‭ ‬die es gar nicht schätzt,‭ ‬dass der Mann jetzt viel zu Hause ist und ihre Kreise stört.‭ ‬Sie ziehen in eine Neubauwohnung,‭ ‬nur eine Ecke weiter in der Prinzregentenstraße.‭ ‬Elisabeth wird von einem Auto angefahren.‭ ‬Ihr Wahlspruch:‭ “‬Der sieht mich doch‭!”‬,‭ ‬hat versagt.‭ ‬Im Krankenhaus wirkt sie munter und gelöst,‭ ‬ein Foto zeigt sie mit leuchtenden Augen.‭ ‬Vielleicht ist es die Wirkung vom Sekt,‭ ‬sie hat ein Glas in der Hand.‭ ‬Gern trinkt sie auch Eierlikör,‭ ‬den sie mit Weinbrand Marke‭ “‬Attaché‭” “‬verdünnt‭”‬,‭ ‬wie sie sich ausdrückt.

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Lange kann sich Werner nicht seines Ruhestandes erfreuen,‭ ‬schon‭ ‬1963‭ ‬stirbt er,‭ ‬sein Herz hatte keine Kraft mehr.‭ ‬Sein Sterben ist meine erste Begegnung mit dem Tod.‭ ‬Während die Erwachsenen in der‭ “‬guten Stube‭” ‬die Beerdigung begießen,‭ ‬hat man mich mit Micky Maus Heften ins großelterliche Schlafzimmer geschickt.‭ ‬Mir wird bewusst,‭ ‬dass ich auf dem Bett liege,‭ ‬in dem mein Opa kurz zuvor gestorben ist.‭ ‬Es ist zum gruseln und trotzdem schwer vorzustellen,‭ ‬ihn nie wieder treffen zu können.‭ ‬Ich mochte ihn gern und vermisse ihn.‭

Werners Frau,‭ ‬meine Oma Elisabeth,‭ ‬wird alt,‭ ‬sehr alt.‭ ‬Erst mit‭ ‬88‭ ‬stirbt sie in einem Altenheim im Zustand der Demenz,‭ ‬der ihre letzten Lebensjahre überschattete.

Wenn Werner heute aus dem Straßenbahnerhimmel auf seine Heimatstadt niederblicken könnte, wäre er erfreut. Durch die Vereinigung beider Stadthälften ist ganz Berlin wieder eine Straßenbahnstadt. Auch der Westen:
„Die erste Strecke wurde 1995 über die Bornholmer Straße in zwei Etappen Richtung Westen eröffnet. Das Rudolf-Virchow-Klinikum sowie die U-Bahnhöfe Seestraße in Wedding und Osloer Straße, in Gesundbrunnen gelegen, sind seitdem wieder an das Straßenbahnnetz angeschlossen.“ Quelle WiKi*.
2010 hat Berlin das weltweit drittgrößte Straßenbahnnetz. Das Netz hat eine Streckenlänge von 189,4 Kilometern und 808 Haltestellen. Werner wäre stolz darauf. Nur wieso es keine Schaffner mehr gibt, würde er fragen. Wer soll denn den Passagieren Fahrscheine verkaufen und Fragen beantworten?

M.K.

*Die Berliner Straßenbahn:
https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fenbahn_Berlin

Familienportraits‭ ‬-‭ ‬Die Serie:
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Familienportrait Teil 11 – “Der Tod eines Preußen” / 1933 – 46

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Bevor ich zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts komme, gilt es noch eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine traurige, aber typische Geschichte für die Zeit des Nazi-Faschismus in Deutschland. Sie handelt von meiner Großtante Charlotte und ihrem Mann, Paul Springer, der sich preußischen Tugenden verpflichtet fühlte, war Polizei-Offizier. Wie viele Konservative hielt er die Nazis, bei ihrer Machtübernahme, für nützliche Idioten und unterstützte sie wohl auch. Er irrte sich gewaltig.

Auf Fotos sieht er sympathisch aus, ich hätte ihn gern kennengelernt, trotz unserer offensichtlichen politischen Differenzen. Doch das konnte ich nicht. Acht Jahre bevor ich geboren wurde, am 1. Mai 1946 ging er, “ohne Hut eine Zeitung kaufen”, wie sich seine Frau, Tante Lotte, erinnert. Er legte sich auf die Schienen der Heidekrautbahn und starb wenig später am Bahnhof Schildow, wohin man den Schwerverletzten gebracht hatte. Wie es dazu kam, erzähle ich:

Charlotte, die jüngere Schwester meiner Oma, kam auch aus dem heimatlichen Liebenwerda nach Berlin und heiratete, Ende der 1920er Jahre, den Polizei-Offizier Paul Springer. Paul war eine “gute Partie”, ein Beamter, der ein kleines Depot an Wertpapieren zusammengespart hatte. Paul war außerdem ein begabter Hobby-Fotograf. Lotte ordnete sich ihrem Mann unter, da war sie ganz anders als meine Oma. Sie, vielmehr er, entschied sich gegen Kinder. Man wollte ein gutes Leben führen, delikat essen, schöne Kleidung tragen, ausgehen und Reisen machen.

Image  Ländliche Szene

Image  Olympische Spiele 1936

Paul stieg im Polizeidienst auf, in seinen Dienstbeurteilungen wird er gelobt, nur energischer gegen seine Untergebenen solle er werden. Laute Töne lagen ihm nicht, er setzte sich mit Ruhe und Geduld durch. Er fotografierte seine Familie, Sehenswürdigkeiten, spektakuläre Ereignisse und seine Kollegen vom Revier. Während der Olypischen Spiele 1936 war er in seinem Element, ihm gelangen prachtvolle Aufnahmen. Er und Lotte gingen gern ins Kino, manchen Bildern sieht man an, dass sie wie Filmeinstellungen komponiert sind.

Image   Filmreif: Am Bahnhof

Er war kein Nazi, aber konservativ. Anfänglich hatte er Sympathien für die neuen, braunen Machthaber. Wie viele Deutsche machte er den fatalen Fehler, Antisemitismus und Rechtsbruch der neuen Machthaber als “Kinderkrankheiten” zu betrachten.

Image  Ereignisse: 700Jahrfeier Berlin

Image  Kollegen in Zivil

Image Kollegen in Uniform

Zur Konfrontation kam es während der Novemberpogrome 1938. Als am 9. November gegen 22Uhr Geschäfte angegriffen wurden, die Juden gehörten, stellte Paul uniformierte Polizisten als Schutz vor solche Läden in der Friedrichstraße. Um Mitternacht ging auf dem Revier ein Telex der Gestapo ein, nachdem die Polizei jüdische Einrichtungen nicht mehr schützen sollte, bzw. nur Plünderungen verhindern sollte. Paul Springer soll sich noch eine Stunde unsichtbar gemacht haben, doch gegen ein Uhr nachts gab er den Befehl dann weiter.

Damit war seine Karriere im Dritten Reich beendet, der Polizeidienst machte ihm auch kaum noch Spaß. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen, während seine Nazi-Kollegen für unabkömmlich erklärt wurden.

Image  Rechts der Mann mit Tschako ist Onkel Paul

Tante Lotte und er überlebten den Krieg und er erhielt eine zweite Chance sich im Polizeidienst zu bewähren, weil er relativ unbelastet war. Schon im Mai 1945 wurde er von den Alliierten als Fachkraft auf dem Revier 2 angestellt. Kurze Zeit danach konnte er als Reviervorsteher den Wiederaufbau des Reviers 12 leiten.

Als Kind in den 1960ern hörte ich in der Familie, Onkel Paul habe sich in der Nazizeit nicht an Verbrechen beteiligt. Instinktiv hatte ich Zweifel und Historiker haben uns belehrt, die Polizei sei regelmäßig als Helfer der Nazischergen aufgetreten. So dachte ich, es sei nahe liegend Pauls tragisches Ende auch in Zusammenhang mit Verstrickungen in Untaten der Nazis zu sehen. Zur Vorbereitung dieses Textes bin ich nochmal alles Material durchgegangen und fand einen ausführlichen Bericht von Tante Lotte über die fatalen Ereignisse des 1. Mai 1946 und ihre Vorgeschichte. Über sein Motiv könnte ich, nach der Lektüre, nur noch spekulieren und das möchte ich nicht.

Zur Vorgeschichte erfuhr ich dies: Am 16. März 1946 sicherte Paul mit Kollegen eine Fliegerbombe ab, als es zur Explosion kam. Er wurde schwer am Kopf verletzt, Prellungen, Schnitt- und Platzwunden wurden im Krankenhaus versorgt. Trotz einer Gehirnerschütterung wurde er aus der nach dem Unglück überfüllten Klinik entlassen.

Nach einem Tag ging er wieder arbeiten, gegen ärztlichen und freundschaftlichen Rat glaubte er, preußische Disziplin üben zu müssen. Ständige Kopfschmerzen, Schwindel und eine leichte Verwirrtheit, die er gut überspielte, begleiteten ihn. Am 30. Juni war seine Krankheit so offensichtlich, dass er sich arbeitsunfähig schreiben lies.

Lotte schreibt dann: ” Nach dem Frühstück (am 1. Mai) schlief er nochmal. Als er zum Essen aufstand unterhielten wir uns und machten Pläne. Danach beschlossen wir einen Spaziergang zu machen und – da ich noch mit Hausarbeit beschäftigt war – sagte mein Mann, er wolle nur inzwischen eine Zeitung holen. Er ging ohne Hut von mir, ließ die Gartentür offen, weil er wohl die Absicht hatte sofort wiederzukehren. Dann sah ich meinen Mann nicht wieder und erhielt am Abend die schreckliche Gewissheit. Die näheren Einzelheiten über sein Ende bitte ich mir zu ersparen und aus den Protokollen zu entnehmen.” Lotte schieb den Bericht wegen ihres Versorgungsanspruchs an die Schutzpolizei.

Sie erklärt: ” Ich kann mir seinen plötzlichen Tod nur durch seine Kopfverletzung und etwa damit verbundene Besinnungslosigkeit bzw. Umnachtung erklären. Wahrscheinlich hat die Wärme und Gewitterschwüle dazu beigetragen, dass er das Bewusstsein verlor und den uns völlig unbekannten Weg einschlug zu dem uns völlig unbekannten Ort Schildow, um dort den Tod zu finden (oder wie er vielleicht in seinem Zustand glaubte: Ruhe vor Schmerzen und Depression).”

Paul Springer hatte sich vor die Heidekrautbahn gelegt und starb wenig später, wie die Sterbeurkunde sagt, am 1. Mai 1946 um 18 Uhr 45 in Schildow, am Bahnhof.

Image Alle Fotos: Paul Springer ©Marcus Kluge

Text: Marcus Kluge

Die Familienportraits werden demnächst mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgesetzt und sind dann hier zu finden:

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