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Neue Seite: „Nackte, Nazis, Nervensägen“ – Offener Kanal Berlin – Drei Geschichten

Drei Geschichten über die frühen, wilden Jahre des legendären Senders, der heute erwachsen geworden ist und sich “ALEX” nennt.

“1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Das ich, als Profi, Teil davon sein werde, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Ich bin 30 und hatte noch nie eine “richtige” Arbeit, also nie einen Fulltime-Job gehabt und war nie rentenversichert. Ich versuchte es probeweise als Tankwart, Babysitter, Altenpfleger, Werbetexter, Verkäufer und Journalist, ohne das mir dieses “Was bin ich?”-Spiel Spaß machte und ohne überzeugenden Erfolg in einer dieser Professionen. 1986 heirate ich und weil ich keine andere Arbeit finde, beginne ich an der Hochschule der Künste als Pförtner. Daneben mache ich beim OKB Fernsehsendungen, unbezahlt, aber nicht ohne Gewinn. Ich lerne das Handwerk und 1988 habe ich die Möglichkeit die Disposition zu übernehmen und den ungeliebten Pförtnerjob zu kündigen. 18 Jahre werde ich bleiben.”

Teil 1 -„ Achterbahn und heiteres Beruferaten”

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“Es ist schon merkwürdig, aber der Offene Kanal Berlin ist in den Berliner Medien nur selten thematisiert worden. Zumindest bis 2003, also solange ich dort gearbeitet habe. Zu seiner Eröffnung im Jahre 1985* wurde im Zusammenhang mit dem Kabelpilotprojekt über ihn berichtet. Eigentlich wäre der neuartige, emanzipatorische Ansatz, “jeder kann senden”, es Wert gewesen seine Entwicklung zu begleiten, doch die Profis in den Redaktionsstuben vernachlässigten das Thema geradezu sträflich. In den zwei Jahren 1986-87, die ich Nutzer war, sowohl wie in den 15 folgenden, ist nur über den Sender berichtet worden, wenn es “schlechte” Nachrichten gab. Vielleicht ist wirklich der zynische Spruch, “only bad news is good news”, eine Erklärungshilfe dabei. Ich will nicht verschweigen, dass es sehr selten auch einmal positive Resonanz gab, doch diese ging unter gegenüber den Schlagzeilen, die über angebliche Skandale spekulierten. Reißerische Artikel nach dem Muster “Mumien, Monstren, Mutationen” zu schreiben macht eben auch mehr Spaß, als über medienpädagogische Ansätze, experimentelle Sendeformen oder Seniorenredaktionen zu berichten und es bringt Auflage bzw. Quote.”

Teil 2 – „Nackte, Nazis, Nervensägen”

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Meine Freundin und ich haben beschlossen unsere komplizierte Beziehung zu stabilisieren, indem wir heiraten. Wir ziehen endgültig zusammen, aber erst im Sommer 1986 finde ich eine Arbeit.Ich werde Pförtner in der HdK und bin entsetzt einen hartgesottenen Nazi als Kollegen zu bekommen. Der ungekrönte König der Pförtnerloge ist Herr Schulz, er ist Nazi und macht keinen Hehl daraus. Ein “Neo” wäre an ihn verschwendet, nichts ist neu an ihm. Er ist ein alter, eingefleischter Nazi, obwohl er erst Mitte vierzig ist. Täglich erzählt er den Musikstudenten, dass auf deutschen Boden im Dritten Reich nie ein Jude getötet wurde. Schulz war Kranführer, seit er im Suff aus dem Führerhäuschen fiel, kann er nicht mehr richtig laufen und gilt als schwerbehindert. Den Führerschein hat man ihm abgenommen, weil er im Straßenverkehr immer wieder handgreiflich wurde. Mehrfach hat er Autofahrer attackiert, die ihm “Quer” kamen. Er hat sie ausgebremst, ist, trotz Behinderung. an deren Fahrertür gehumpelt, hat den Gegner aus dem Wagen gezogen und verprügelt. Er kann sehr jovial sein, ist hochintelligent und halbwegs gebildet. Und er kann unglaublich nerven. Zu meiner Bestürzung ist niemand hier bereit, etwas dagegen zu tun, dass Schulz regelmäßig die Ausschwitzlüge verbreitet. Es dauert nicht lange bis wir Feinde werden. Hier erzähle ich die ganze Geschichte:

Teil 3 – http://wp.me/p3UMZB-1Ob

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Familienportrait – “Is That All There Is?” oder “Pförtner, Fernsehen, Ehe und ein Nazi” / West-Berlin 1985-88

 

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Ende 1985 beschließe ich mir endlich einen Vollzeitjob zu besorgen, nachdem ich zehn Jahre lang alle möglichen und unmöglichen Aushilfsjobs hatte. Meine Freundin und ich haben beschlossen unsere komplizierte Beziehung zu stabilieren, indem wir heiraten. Wir ziehen endgültig zusammen, aber erst im Sommer 1986 finde ich eine Arbeit.

Das ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium am nördlichen Ende der Bundesallee ist ein schöner neoklassizistischer Bau. 1880 wurde er eröffnet, das Gymnasium gibt es aber länger, seit 1607. Der gelbe Backsteinbau im Stil der italienischen Hochrenaissance, mit vorgelagertem Arkadengang und Balkon, ist ein spätes Beispiel der Schinkel-Schule. Von 1910 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs lief meine Großmutter sonntags hier vorbei, wenn sie auf dem Weg zu Aschinger war, Erbsensuppe essen. Zur Suppe bekam man Schrippen, soviel man wollte. Nach dem Essen lief Oma wieder zurück nach Steglitz, wo sie sechseinhalb Tage die Woche als Hausmädchen arbeitete. Manchmal weinte sie, sie fühlte sich sehr allein, fern vom heimischen Liebenwerda und sie vermisste ihre Familie.

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Am 2. Juni 1986 betrete ich den Bau zum ersten Mal, ich trete meinen Job als Pförtner an. Die Statue eines Flöte spielenden Pan begrüsst mich, es wird der einzige Freund bleiben, den ich in diesem Haus gewinne. 40 Stunden Dienst in der Woche werde ich hier verbringen, da ich mir nicht vorstellen kann, jemals eine andere bezahlte Arbeit zu finden, wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Der Gedanke hat etwas Niederschmetterndes. Der traurige Song von Peggy Lee fällt mir ein, der mich schon seit meiner Kindheit begleitet: “Is That All There Is?” Das Lied über die Enttäuschungen im Leben, wenn man feststellt, dass es in Wirklichkeit weder so schön noch so schlimm kommt, als man es sich vorgestellt hatte. Ich frage mich: Soll es das schon gewesen sein? Werde ich hier als Pförtner den Rest meines Lebens verbringen, oder wird es mir gelingen, doch noch den einen oder anderen Traum zu verwirklichen, den ich für mein Leben hatte? Zum Beispiel professionell Film oder Fernsehen zu produzieren. Im Frühjahr hatte ich zum ersten Mal ein Video gedreht, doch es war ein Job ohne Bezahlung. Obwohl es auch gesendet wurde beim Offenen Kanal, eher so etwas wie ein Hobby. Trotzdem plane ich das nächste Projekt. Im Juni wollte ich dann für meine erste Fernsehserie Regie führen. Aber der Job, zu dem ich unerwartet kurzfristig die Zusage bekomme, verhindert es. Denn am gleichen Tag, an dem ich als Pförtner anfangen soll, ist Drehbeginn der ersten Staffel von “Bum Bum Peng Peng”, einer No-Budget-Kriminalparodie, die ich geschrieben habe. Regie macht nun mein Freund Frank, sogar für meine eigene Rolle, die des bösen Eierkaisers, muss ich überwiegend gedoubelt werden. Eine andere Lösung gibt es nicht. Mit dem Ergebnis werde ich nie so ganz glücklich sein.

Meine neuen Kollegen in der Pförtnerloge kennenzulernen, hebt meine Stimmung auch nicht. Achim war in den 50ern ein echter Rock’n’Roller, jetzt ist er alt und raucht zuviel. Er sagt, er wählt die Nazis. Als ich fragend gucke, erläutert er: die CDU. Immer wenn er die CDU meint sagt er “die Nazis”, das ist sein “Humor”. Sein gesamter Humor übrigens. Heini ist jung und klein, er riecht immer nach altem Schweiß, weil er weder seine Achselhöhlen noch seine Hemden wäscht. Er hat sich die CD von Whitney Houston gekauft, aber “die Negerin” hat ihn enttäuscht. Außer “I Wanna Dance With Somebody” gefällt ihm kein Lied. Auch er hat ziemlich braune Ansichten. Der dritte Pförtner und ungekrönte König der Pförtnerloge ist Herr Schulz, er ist Nazi und macht keinen Hehl daraus. Ein “Neo” wäre an ihn verschwendet, nichts ist neu an ihm. Er ist ein alter, eingefleischter Nazi, obwohl er erst Mitte vierzig ist. Täglich erzählt er den Musikstudenten, dass auf deutschen Boden im Dritten Reich nie ein Jude getötet wurde. Schulz war Kranführer, seit er im Suff aus dem Führerhäuschen fiel, kann er nicht mehr richtig laufen und gilt als schwerbehindert. Den Führerschein hat man ihm abgenommen, weil er im Straßenverkehr immer wieder handgreiflich wurde. Mehrfach hat er Autofahrer attackiert, die ihm “Quer” kamen. Er hat sie ausgebremst, ist, trotz Behinderung. an deren Fahrertür gehumpelt, hat den Gegner aus dem Wagen gezogen und verprügelt. Er kann sehr jovial sein, ist hochintelligent und halbwegs gebildet. Und er kann unglaublich nerven. Zu meiner Bestürzung ist niemand hier bereit, etwas dagegen zu tun, dass Schulz regelmäßig die Ausschwitzlüge verbreitet.

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Die Pförtnerloge ist zwei mal fünf Meter groß. Neben ein paar Garderobenschränken steht ein Tisch mit Stühlen darin. Ich kann meinen Kollegen unmöglich aus dem Weg gehen. Da es kaum Arbeit gibt sitzen die Pförtner zusammen und quatschen die meiste Zeit. Anfänglich versuche ich die Provokationen und Beleidigungen von Schulz an mir abtropfen zu lassen. Irgendwann funktioniert das nicht mehr, ich gebe Kontra. Jeder Arbeitstag kostet mich ungeheuer viel Kraft. Angenehmer sind die Abende und der Wochenddienst. Dann kann ich lesen und an meinen Fernsehsendungen arbeiten. Ich habe eine exzellente Infrastruktur im Haus. Es gibt zwei Bibliotheken, sowohl eine Stadtbücherei, als auch die Bücherei des Fachbereichs Pädagogik, die solche Schätze wie vollständige Spiegel- und Stern-Jahrgänge verwahrt. Ferner verfüge ich über Telefon, Fotokopierer und einen Videoraum.

Am 10. Juli 1986 heiraten wir, unsere Freunde haben eine rauschende Party im Hof der Rheinstraße 14 organisiert. Höhepunkt ist eine Art “Fernsehquiz”, bei dem wir unsere Hochzeitsgeschenke raten sollen. Wir feiern bis in die Nacht und sind sehr glücklich. Zwei Tage später fährt meine Frau mit ihrer Tochter, die jetzt meine Stieftochter ist, ohne mich auf Hochzeitsreise. Ich bekomme im neuen Job noch keinen Urlaub. Als ich am Sonntag allein bin steigt ein Zweifel in mir auf, habe ich wirklich das richtige getan? Jetzt bin ich verheiratet, aber es fühlt sich nicht so an, wie ich es mir vorgestellt habe. “Is That All There Is?”

Anfang 1987 wollen wir die zweite Staffel von “Bum Bum Peng Peng” drehen. Einige Wochen vorher ruft mich Frank an und fragt, ob wir statt dessen nicht an der Magazinsendung “Filmbaer” zur 37. Berlinale mitarbeiten wollen. Natürlich wollen wir. Eine Akkreditierung hatte ich mir schon mal in den 70ern besorgt, damals hatte ich Wolf Donner in seinem Büro aufgesucht und angeflirtet, um zehn Tage Filme zu gucken, bis die Augen weh taten.

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Filmbaer Moderation mit Kater Dieter und Hut.

Funkvolker (2)Mit Volker Hauptvogel.

Wir haben ein Studio im Huthmacher-Haus, wo die täglichen Sendungen “Live On Tape” aufgezeichnet werden. “Filmbaer” heißt die Sendung weil der “Sony Genlock”, den wir als Schriftgenerator benutzen, keine Umlaute kennt. Zwölf mal 75 Minuten sind geplant und ich drehe ich voraus mit Volker Hauptvogel im Pinguin-Club die “Treatment-Show”, in der ich lustige Filmideen vorstelle, die ich von meinem Brettspiel “Hollywood-Friedenau” in der Schublade habe. Volker serviert mir zu jedem der zwölf Kurz-Treatments einen passenden Cocktail, den ich natürlich nicht trinke. Überhaupt lebe ich zu dieser Zeit sehr gesund. Ich trinke nicht, esse kein Fleisch, noch nicht mal Zucker gönne ich mir. Nach vier Stunden Schlaf dusche ich eiskalt und bin frisch wie neuer Schnee. Tagsüber verdiene ich meine Brötchen als Pförtner, abends und am Wochenende mache ich Fernsehen, eine Gage gibt es beim Offenen Kanal Berlin nicht.

Filmquiz (2) Filmquiz vor “City Music”.

In der Mittagspause werde ich mit dem Auto abgeholt, um auf dem Kudamm ein Filmmusik-Quiz mit Passanten zu drehen, dass ich mir ausgedacht habe. Bei richtiger Antwort gewinnen die Kandidaten Platten mit Soundtracks, die ein Plattengeschäft, City Music, zur Verfügung gestellt hat. Außerdem produzieren wir täglich noch einen Fünf- bis Zehn-Minüter, ich interviewe witzige Filmleute, mache Überraschungsbesuche und ähnliches.

FilmNase (4)Filmma1 (2)Filmnasja (2)FilmMarcClose (2)Anja Franke Interview.

Viel Spaß macht es, Anja Franke zu interviewen. Sie hat mit ihrem Freund Dani Levy den Film “Du mich auch” im Wettbewerb. Nicht immer sind meine Beiträge toll, aber ich werde angesprochen und gelobt, auch von Kollegen wie Barry Graves und in der Hochschule von Studenten und Profs.

Meine Pförtnerkollegen und der großtuerische Hausmeister sind nicht so begeistert. Sie wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen und fühlen sich irgendwie verarscht. “Wieso sitze ich hier in der Pforte, wenn ich doch beim Fernsehen arbeite?” Ich versuche zu erklären, dass ich beim Offenen Kanal Berlin keinen Pfennig verdienen kann, es ist dort sogar verboten. Aber solche Details interessieren nicht, die sind abstrakt und was sie auf dem Fernsehschirm sehen ist konkret.

Ins Kino komme ich nur ein einziges Mal, im Zoo-Palast sehe ich “Platoon” , der mir überhaupt nicht gefällt, nach “Apocalypse Now” finde ich ihn überflüssig. Eine der Sendungen moderiere ich auch, hinter mir die Gedächtniskirche. Die ARD hat denselben Hintergrund gewählt, sie sendet aus dem chinesischen Restaurant gegenüber. Auch als Moderator bewähre ich mich, keine Haspler, keine Hänger, der Sprechtechnikunterricht meines Vaters war doch zu etwas gut. Viele tolle Menschen lerne ich kennen, Frank und Anette, die damals den OKB leitet und die Produktion neben ihrem Job in der Voltastraße quasi in der Freizeit betreut, werden im Lauf der Berlinale ein Paar. Beide werden mir bei vielen Projekten helfen und mich beraten. Frau und Tochter sehen mich nur selten in dieser Zeit. Natürlich mache ich weiter mit neuen Projekten. Ich habe das Gefühl, mir bietet sich eine Chance, die vielleicht meine einzige im Leben ist.

12654215_10153561472262982_3892196464954072360_nNazi Schulz, wie ihn Rainer Jacob als Illu für meinen Roman “Helden ’81” gezeichnet hat.

Am 10. Mai 1941 fliegt Rudolf Heß mit einer Messerschmidt Bf 110 in Richtung Schottland, um in Dungavel Castle mit Douglas Douglas-Hamilton, 14. Duke of Hamilton, den er für den Anführer der britischen Friedensbewegung und Gegner von Premierminister Winston Churchill hielt, über Frieden zu verhandeln. Aber die Briten nehmen ihn fest, er wird als letzter einer Reihe prominenter Häftlinge im 900 Jahre alten Tower interniert. Nach Kriegsende steht er vor dem Nürnberger Tribunal und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 ist Heß auch hier der letzte von sechs Gefangenen im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Obwohl Heß Flug nach Schottland von Historikern inzwischen weniger als Großtat, sondern eher als naive Impulshandlung eines unreifen Traumtänzers gewertet wird, ist Heß bei deutschen Neo-Nazis beliebt. Nachdem Rudolf Heß sich am 17. August 1987 mit einem Kabel erhängt, versammeln sich neu und alte Gesinnungsgenossen vor Spandauer Gefängnis zu einer Art “Ehrenwache”. Mein Kollege Schulz nimmt Urlaub und wird mehrfach von Kamerateams gefilmt. Ein Fotograf portraitiert ihn, sein fanatischer Blick genügt, er braucht kein Plakat und keinen Hitlergruß um seine Gesinnung zu demonstrieren. Das Bild wird erst in der taz gedruckt und geht dann um die Welt.

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Ende August produziere ich “Funkbär”, eine Magazinsendung mit Sketchen und Parodien auf der Internationalen Funkausstellung. Der Offene Kanal hat ein professionelles Studio aufgebaut und viele Freunde helfen mir. Meine Frau bedient den Schriftgenerator, Anette macht Bildschnitt und Tim Luna spielt einen Zuschauer, der von mir erschossen wird. Der Boden ist mit Plastikfolie ausgelegt, damit unser Kunstblut nicht den Teppich ruiniert.

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Bong Boeldicke schlüpft in die Rolle des Senatsbeauftragten für eine fiktive “1000-Jahrfeier” der Mauerstadt. “Funkbär” wird Live On Tape produziert, zum ersten Mal moderiere ich mit Publikum, unter Livebedingungen. Unter dem Abspann läuft Peggy Lees Hymne der typisch menschlichen Unfähigkeit, richtig glücklich zu sein: “Is That All There Is?”

Im Spätsommer 1987 beginnt, was man später als Barschel-Affäre bezeichnen wird. Ein CDU-Ministerpräsident wollte seinen Gegner durch eine Schmutzkampagne zu Fall zu bringen. Der Spiegel bringt den Fall ins Rollen, gegen den Watergate eine Kinderei war. Mir ist schnell klar, dass die Barschel-Affäre zum größten politischen Skandal der BRD werden wird. Ich verfolge jedes Detail, dass er bei seinem berühmten “Ehrenwort” lügt, sieht selbst ein Laie wie ich. Wochenlang lese ich jede Zeile und spreche über wenig anderes. Meiner Frau gehe ich gehörig auf die Nerven.

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Aus der Barschel-Affäre mache ich eine Kabarettnummer und erfinde die Kunstfigur “Reverend Preiswert”. Einen Prediger mit Hitlerbärtchen, der im Stil amerikanischer Fernseh-Evangelisten, Barschel nach seinem ungeklärten Tod einen Persilschein ausstellt. Leider entsteht die Verschwörungstheorie, die Barschels Tod als Ermordung eines der über illegale Waffendeals auspacken wollte und somit andere prominente Politiker mit in den Abgrund gezogen hätte, erst später. Aber ich habe auch so genug Material für einen 18-minütigen Monolog. Ich nehme “Er tat nur seine Pflicht” im kleinen Fernseh-Studio der Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation vor einer riesigen deutschen Fahne auf. Gleich am Wochenende danach wird die Sendung im Berliner Kabelfernsehen ausgestrahlt. Zufällig findet gerade eine CDU-Veranstaltung in Berlin statt. Viele Parteimitglieder sehen das Stück in ihren Hotels, die alle schon verkabelt saind. Es gibt heftige Beschwerden im Sender und auch bei der Medienanstalt. Ich selbst werde ein paarmal beschimpft. Heute würde ich über eine eben Verstorbenen, und sei er noch so ein Schuft gewesen, keine derartig grenzwertige Satire machen, aber damals freue ich mich über das Feedback.

Seit dem Tod von Heß ist Schulz radikaler geworden. Seine Äußerungen werden immer drastischer, auch mir gegenüber. In der HdK wird meine Position nach der Barschelsendung immer prekärer. Ich versuche eine Front gegen den Nazi aufzubauen, doch zu meinem Erstaunen finde ich kaum Mitstreiter. Die linken Professoren erklären mir, als Beamte könnten sie sich nicht einmischen, wenn es um einen “Lohnempfänger” gehe, so werden die Arbeiter im Unijargon genannt. Der linke, langhaarige Personalratsvorsitzende gibt mir auch einen Korb. Nazi Schulz ist durch seine Schwerbehinderung vor Kündigung geschützt. Ich verstehe die Uni-Welt nicht.

Ich werfe ein I Ging, es rät mir “das große Wasser” zu überqueren. In der Sprache des mehrere tausend Jahre alten “Buchs der Wandlungen” bedeutet das weitreichende Massnahmen zu ergreifen, einen großangelegten Plan zu verwirklichen. Also plane ich, zunächst besorge ich mir eine Ton-EB vom OKB. EB steht für elektronische Berichterstattung habe ich gelernt. Ich platziere sie in meinem Garderobenschrank in der Pförtnerloge, durch einen Schlitz müsste das Mikrofon Gespräche aufnehmen können. Ich verlasse die Loge, “um einen Kontrollgang durchs Haus” zu machen und Schulz tut mir den Gefallen, er macht seine üblichen heftigen Nazisprüche. Nun habe ich ihn “Live On Tape”. Ebenfalls in der Tasche habe ich einen Musik-Professor, der auch braune Ansichten hat, aber als Beamter eine gewisse Zurückhaltung üben müsste. Außerdem rechne ich damit, dass Schulz Choleriker ist.

Ich schreibe einen Brief an den Kanzler der Uni. Drei Seiten lang schildere ich, wer Schulz ist und was er verbreitet. Ich bin nicht gern Denunziant, aber hier geht es um Notwehr und die Änderung eines unerträglichen Zustandes. Ganz dezent winke ich meiner Vergangenheit bei der taz und der Möglichkeit einer Anzeige wegen Volksverhetzung. Als ich nach einem langen Wochenende zurück zum Dienst komme ist Schulz weg. Man hat ihn einbestellt, er ist beleidigend geworden und hat versucht den Personalchef zu ohrfeigen. Außerdem hat sich der braune Musikprofessor im Zweifel für seine Beamtenpension entschieden und gegen Schulz ausgesagt, ich hatte ihn als Zeugen genannt. Ich habe mich durchgesetzt, den Nazi im Alleingang abgesägt, trotzdem bin ich nicht wirklich zufrieden mit der Situation. “Is That All There Is?”

Am nächsten Morgen kann ich meine linke Gesichtshälfte nicht mehr bewegen. Glücklicherweise ist es kein Schlaganfall. Gegen die Lähmung muss ich hochdosiertes Kortison nehmen. Nach drei Tagen kommt das Gefühl langsam zurück, ich atme auf. Aber plötzlich länger daheim, stelle ich fest, dass meine Ehe die Beziehung nicht konsolidiert hat, wir streiten uns weiter wie früher und ich fühle mich überflüssig und unwillkommen. Und noch etwas wird mir klar in den zehn Tagen, die ich krankgeschrieben bin. Ich werde den Pförtnerjob nicht ewig machen können. Aber wie soll ich, ohne Ausbildung und ohne weitere Berufserfahrung, eine andere Arbeit finden? Zurück in der Pförtnerloge gelte ich als “Kollegenverräter”. Schulz ist zwar weg, aber wohl fühle ich mich nicht in diesem Umfeld. Da kommt mir der Zufall zu Hilfe. Im Offenen Kanal ist der Job als Disponent frei, niemand will sich den Stress antun und er wird mir angeboten. Zu meiner eigenen Verblüffung bekomme den Fulltimejob im Sender. Es ist mir ein Vergnügen, den großtuerischen Hausmeister, der jahrelang den Nazi gewähren ließ, davon in Kenntnis zu setzen, dass er kurzfristig auf meine Dienste verzichten muss. Meinen Auflösungsvertrag hatte ich bereits mit der Hochschulleitung ausgemacht. Man ist mir dankbar, dass ich das peinliche Nazi-Problem gelöst habe.

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Nun arbeite ich als Vollprofi beim Fernsehen. Allerdings kaum noch kreativ, eigene Sendungen darf ich als Mitarbeiter nicht mehr produzieren. Aber ich bin stolz darauf bald den gesamten Sender, das Programm und die Produktionen zu organisieren. Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen, ein anderer, meine Ehe, scheitert in dieser Zeit. Wie so viele Paare machen wir die Erfahrung, dass die Ehe die komplizierte Beziehung nicht stabilisiert. Im Gegenteil, sie beschleunigt den Verfall. In der Folge brauche ich eine Wohnung, auch 1988 war das schon schwierig. Der Zufall will es, dass meine Wohnungssuche in der Lietzenburger Straße endet. Von meinem Balkon sehe ich in der Entfernung auf das Gebäude, in dem ich ein Pförtner war. Is That All There Is?

Marcus Kluge


Videos aus den erwähnten Sendungen schneide ich in nächster Zeit zurecht. Die böse Barschel-Satire:  https://www.youtube.com/watch?v=Ol1jnPe3c94

Meine Oma und die Kaiserallee: http://wp.me/p3UMZB-1rw

Über meine 20 Jahre beim Offenen Kanal Berlin habe ich zwei Geschichten geschrieben:

http://wp.me/p3UMZB-1hR

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Das Lied:

I remember when I was a very little girl, our house caught on fire.
I’ll never forget the look on my father’s face as he gathered me up
In his arms and raced through the burning building out to the pavement.
I stood there shivering in my pajamas and watched the whole world go up in flames.
And when it was all over I said to myself,
“Is that all there is to a fire?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is

And when I was 12 years old, my daddy took me to a circus.
“The Greatest Show On Earth.”
There were clowns and elephants and dancing bears.
And a beautiful lady in pink tights flew high above our heads.
And as I sat there watching, I had the feeling that something was missing.
I don’t know what, but when it was over,
I said to myself,
“Is that all there is to a circus?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is

And then I fell in love, with the most wonderful boy in the world.
We would take long walks by the river
Or just sit for hours gazing into each other’s eyes.
We were so very much in love.
Then one day, he went away and I thought I’d die.
But I didn’t.
And when I didn’t I said to myself,
“Is that all there is to love?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends, then let’s keep-

I know what you must be saying to yourselves.
“If that’s the way she feels about it why doesn’t she just end it all?”
Oh, no, not me.
I’m in no hurry for that final disappointment.
‘Cause I know just as well as I’m standing here talking to you,
That when that final moment comes and I’m breathing my last breath
I’ll be saying to myself-

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is.

Written by Jerry Leiber, Mike Stoller • Copyright © Sony/ATV Music Publishing LLC, Warner/Chappell Music, Inc.

Berlinische Leben – “Achterbahn und heiteres Beruferaten” / “Mein” Offener Kanal Berlin – Teil Eins / 1985-88

1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Das ich Teil davon sein werde, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Ich bin 30 und hatte noch nie eine “richtige” Arbeit, also nie fulltime gearbeitet und nie rentenversichert. Ich hatte mich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen, nachdem ich Anfang 1970 vom Gymnasium verwiesen wurde, weil man Härte gegen einen politischen Rädelsführer demonstrieren wollte. Ich war bei weitem nicht der Einzige, beispielsweise meinem Schulfreund Burkhardt, dem späteren “Zensor” ging es genauso. Der rappelte sich wieder auf, er begann selbstgemachte Kerzen am Kudamm zu verkaufen und erfand sich dann als “Plattenguru” neu. Ich war nicht so flexibel. Ohne Abi und Studium machte eine Karriere keinen Sinn für mich. Ich war auch irgendwie eingeschnappt oder blockiert. Ich versuchte es probeweise als Tankwart, Babysitter, Altenpfleger, Werbetexter, Verkäufer und Journalist, ohne das mir dieses “Was bin ich?”-Spiel Spaß machte und ohne überzeugenden Erfolg in einer dieser Professionen.

1985, zwei Tage vor Beginn der Funkausstellung wird am 28. September in 218000 Haushalten ein zusätzliches Angebot, bestehend aus 12 TV-Sendern, freigeschaltet. Neben öffentlich-rechtlichen Sendern, wie WDR oder dem Bayerischen Fernsehen sind erstmals auch private Sender am Start, allen voran RTLplus und SAT.1. Ich ahne nichts Gutes, besonders was die Privaten angeht. Außerdem will man in Berlin einen frei zugänglichen Bürgersender ausprobieren, den Offenen Kanal Berlin. Dieses “demokratische Feigenblatt”, so sehen es Medienkritiker, wird mein Leben für fast zwei Jahrzehnte verändern und bestimmen.

Am 28. August 1985 wird auch der Offene Kanal Berlin eröffnet und etwas später macht mich Frank darauf aufmerksam, dass man dort Produktionsmittel für Videoprojekte kostenlos ausleihen kann. Einzige Bedingung ist, die fertigen Produktionen auch dort ausstrahlen zu lassen. Damals gab es außer Super8, was mich nie gereizt hat, noch keine preiswerten Kameras. Videocamcorder waren für Amateure kaum bezahlbar, so das diese Möglichkeit mich sofort begeisterte. Und da wir mit einem Fernsehsender kooperieren wollten, erschien es mir logisch auch ein Fernsehformat zu erfinden. Mit Herbert zusammen hatten wir ja schon in unseren Hörspielen das Detektivthema aufgegriffen. Mein Pseudonym Sherlock war kein Zufall, sondern “Programm”. Also beginnen Herbert und ich eine Detektivserie zu schreiben, eine wüste, anarchische Parodie. “Bum Bum Peng Peng” handelt von einem eingebildeten Detektiv namens Bernhard Bernhard und seinem kindischen, tennisverrückten Assistenten Bum Bum Boris. Die Rolle des Bösewichts schreibe ich mir selbst auf den Leib, er heißt Hendrik Marinus van Loon, der “Eierkaiser”. Es war die Zeit der Lebensmittelskandale, Birkels hochgeschätzte Eiernudeln waren eben wegen verseuchtem Flüssigeis ins Gerede gekommen. Meine Gehilfen, “Cash & Carry”, werden von einem befreundeten, schwergewichtigem Biker und dem Musiker und Hörspielautor Caspar Abocab verkörpert.

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Auch sonst tut sich etwas in meinem Leben. Es ist eine Zeit des Umbruchs, ich spüre das ich unzufrieden bin. Seit fast sieben Jahren bin ich mit meiner Freundin Ute in einer wechselhaften Beziehung. Ende 1985 werde ich krank. Es geht abwärts. Ich fühle mich wie ein alter Opa, habe Schmerzen und liege wochenlang im Bett, weil mir jede Kraft fehlt. Mein Arzt murmelt etwas von einem Infekt, den mein Körper nicht abwehren kann. Mit Ute gab es wieder Streit, wir haben uns zwei Monate nicht gesprochen. Ich bin abgebrannt und es fehlen Kohlen, um die Bude zu heizen. Einen Tag vor Weihnachten liege ich frierend im Bett und sehe Tarkowskys Film “Der Spiegel”. Da ruft mich Ute an, wir reden zwei Stunden miteinander, wir beschließen wieder zusammen zu ziehen und es diesmal richtig zu machen. “The Full Monty”, in unserem Fall: wir werden heiraten. Es geht wieder aufwärts.
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Im Frühjahr 1986 drehen wir mit Herbert, Frank und vielen weiteren Freunden und Bekannten den Pilotfilm von “Bum Bum Peng Peng”. Wir leihen uns beim OKB eine Videokamera mit U-Matic-Porti aus, ein semiprofessionelles Format mit dreiviertel Zoll-Band, mit dem man sehr gute Ergebnisse erzielen konnte. Ein paar Jane-Beams mit Stativen besorgen wir uns, um die Szenenbilder auszuleuchten. Nachdem der 30 Minuten lange Beitrag im Kabelfernsehen gezeigt wird, bekommen wir gutes Feedback und ich schreibe eine erste Staffel “Bum Bum Peng Peng”, die aus drei Episoden bestehen soll.

Gleichzeitig bin ich auf Jobsuche. Den Minijob in einem Buchladen habe ich nach fünf Jahren verloren, nachdem ich einen etwas kleingeratenen Chef aus Wessiland “Gartenzwerg” nannte. Ich schreibe über 70 Bewerbungen, besonders interessiert mich etwas im öffentlichen Dienst. Es ist wie ein mehr oder weniger heiteres Beruferaten, ich frage mich bei jedem Angebot, wäre ich bereit diesen Job zu machen? Ehrlich müsste ich sagen, nee, nicht wirklich, aber ich bin in einer Zwangslage und langsam werde ich mürbe. Am Ende bewerbe ich mich für wirklich jeden Job. Zum ersten Mal denke ich an meine Rente, ohne Zusatzversicherung würde ich im Alter aufs Sozialamt gehen müssen. Ich trete zu Bewerbungsgesprächen an, aber ich passe in keine Schublade, die die Chefs, denen ich mich vorstelle, so im Kopf haben.
Am 1. Juni ist Drehbeginn für die Fortsetzung der Krimiserie. Der Stab und die Schauspieler haben sich freigenommen, alle werden ohne Gage arbeiten, ich will Regie führen. Eine Woche vorher bekomme ich Post von der Hochschule der Künste. (Heute UdK) Sie wollen mich unbefristet, in Vollzeit und im Schichtdienst als Pförtner beschäftigen. Der Gedanke als Pförtner zu arbeiten ist mir sehr unbehaglich. Ich tröste mich damit, das ich als Kartenabreißer auf Konzerten etwas ähnliches tat und das das Umfeld einer Kunstuni vielleicht ganz spannend ist.
Die Arbeit ist einfach, doch meine Sozialphobie macht mir zu schaffen. Unter den ausschließlich männlichen Berlinern, die meine Kollegen sind, bin ich ein unpassender Fremdkörper und das zeigt man mir auch. Zu allem Übel ist einer der Pförtner ein echter Nazi. Ein hochintelligenter Choleriker, anders als die stumpfen Nazi-Skins, die mir bisher über den Weg gelaufen sind. Schulz ist früher Kranführer gewesen, aber nachdem er betrunken aus seinem “Führer”-Häuschen gefallen ist, schwerbehindert. Obwohl der Mann fast täglich vor Studenten die Auschwitzlüge verbreitet, gilt er als unkündbar, wegen seiner kaputten Beine. Die linken Professoren, die ich anspreche, erklären mir sie könnten als Beamte nicht eingreifen, weil der Mann “Lohnempfänger” sei, was im Unijargon für Arbeiter steht.
Der Schichtdienst ist auch nicht ohne, bis Mitternacht arbeiten und zwei Tage danach um halb sechs morgens anfangen. Jede zweite Woche darf ich auch am Sonnabend antreten.
Durch die Arbeit kann ich bei den meisten Szenen nicht Regie führen, sogar in meiner Rolle als Eierkaiser werde ich gedoubelt. Frank übernimmt die Regie, macht das ganz ordentlich, aber vieles steht nicht im Script und was ich nur im Kopf habe, wird nicht umgesetzt.
Sechs Wochen später, am 10. Juli 1986 heiraten Ute und ich im Rathaus Schöneberg.
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In den nun folgenden zwei Jahren mache ich mehrere Dutzend Sendungen für den OKB. Ich bin in meinem Element, ich probiere Satire, Kabarett und auch ernsthafte Talkshows und Magazinsendungen aus. Mit Volker Hauptvogel drehe ich im Pinguin-Club eine Reihe Film-Clips, ich parodiere Kohl und verteidige mit Hitlerbärtchen Uwe Barschel*, den man eben tot in einem Genfer Luxushotel gefunden hat. Allerdings fühle ich mich nirgendwo mehr zu Hause, es gibt keinen Ort mehr an dem ich mich wohlfühle und an dem ich mich entspannen kann. Ich werde immer depressiver und gestresster, ich bin wohl doch nicht für die Ehe gemacht. 1988 ich ziehe aus und damit einen Schlussstrich.
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Wie so häufig im Leben liegen Tragik und Glück eng nebeneinander. Bei meiner Trauer über das Scheitern der Ehe, für das ich mir die Schuld gebe, bekomme ich ein Angebot. Nach steiler Abwärtsfahrt sehe ich wieder den Himmel. Nachdem ich immer davon geträumt habe, Film oder Fernsehen professionell zu betreiben, wohl wissend das meine formale Qualifikation dafür nicht ausreicht, fällt mir ein Angebot in den Schoß. Im Offenen Kanal Berlin, wo ich seit zwei Jahren als unbezahlter und ungerufener “Nutzer” Programme produziere, ist eine Stelle frei. Meine Freunde Anette und Frank, die beide dort festangestellt sind, berichten mir davon. Es geht um die Disposition, den Knotenpunkt im Sender, an dem sämtliche Produktionen und Sendungen terminiert werden und an dem neue Nutzer aufgenommen werden und ihre erste Beratung bekommen. Für die Nutzung braucht man nur gültige Papiere, andere Vorbedingungen gibt es nicht und außerdem ist alles kostenlos. Die Aufgabe diesen Sender zu organisieren und zu verwalten scheint mir ungeheuer reizvoll und ebenso gewaltig. Auffällig ist jedenfalls, dass es noch keinen Interessenten gibt, der den Job ernsthaft haben möchte.
Ich spreche mit Anette, die den OKB aufgebaut und geleitet hat, bis die Medienanstalt einen Leiter installiert hat. Sie erklärt mir die Aufgabe, weist darauf hin, dass es darum geht, bürokratische Normen umzusetzen und das es dabei keinerlei kreative Spielräume gibt. Sie signalisiert auch Vertrauen, dass ich die Aufgabe bewältigen könne, hat aber einen Vorbehalt. Als Freundin gibt sie zu Bedenken, ich könne meine Talente, das Schreiben, Spielen und das Inszenieren nicht mehr ausüben. Nicht im Job und auch nicht nebenbei, weil ich ersteinmal keine Zeit und Kraft hätte, etwas anderes zu machen. Und sie befürchtet, dass ich dabei Schaden nehmen könnte. Sie hatte Recht, ich nahm Schaden, nur dauerte es viele Jahre, bis ich es merkte. Und als ich es dann merkte, war es zu spät um das Ruder noch herum zu reissen. Ich hätte mir wohl nie verziehen, die Chance auszuschlagen, im Februar 1988 bewerbe ich mich um die Vollzeit-Stelle “Disposition OKB”.
Die Vorteile überwiegen in meinen Augen, mir schien die Stelle eine Art Traumjob zu sein. Allerdings war ich eher skeptisch, dass meine Bewerbung Erfolg haben würde. Normalerweise stellt der Sender studierte Kandidaten ein. Außerdem war meine berufliche Vita mehr oder weniger nicht existent, da ich zehn Jahre lang von Hilfsjobs und ein wenig Schreiberei gelebt hatte. Dazu kam, dass mir der neu installierte Leiter des OKB nicht gerade sympathisch war. Ich hielt J.L. sogar für eine absolute Fehlbesetzung.
Das erste Mal hatte ich J.L. Während der Funkausstellung 1987 bei einer Diskussion über die Zukunft des Berliner Bürgersenders beobachtet, in der er eine sehr schlechte Figur machte. Später wurde er zu einem aufrechten Lobbyisten für die Sache des Bürgerfunks, aber damals hielt ich ihn für fehl am Platz. Ich hätte es für fair und für die Zukunft des Senders am förderlichsten gehalten, wenn Anette Fleming Leiterin geworden wäre, die beim Aufbau des OKB einen tollen Job gemacht hatte. Zusammen mit dem OKB waren ja auch die “Havelwelle” und die “Kabelvision” gestartet, mit denen der OK anfänglich die Frequenz teilte. Da beide Projekte desaströs scheiterten, wurde dem OKB mit Wirkung am 1. Januar 1986 die Frequenz allein übertragen, ein Erfolg der vor allem der Leistung von Anette Fleming zu verdanken war. Doch Anette war nicht interessiert eine Leitungsaufgabe zu übernehmen, sie zog es vor im Kontakt mit der Basis zu bleiben. Ohnehin war es eine politische Entscheidung und die Politiker hatten ein bißchen Angst, vor der von ihnen geschaffenen Kreatur des “freien Zugangs zu Radio und Fernsehen”. Da sollte ein gestandener Verwaltungsmensch als Leiter allzu großer Freizügigkeit bürokratische Fesseln anlegen.
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Ich habe es vielleicht nie im Leben zu wahrer Virtuosität gebracht, egal worin. Vielleicht bin ich zu streng mit mir, aber Tatsache ist und war, dass ich oft sprunghaft von einem Metier ins nächste sprang, wo Ausdauer und Beharrlichkeit besser gewesen wären. In einem war ich allerdings immer groß, wenn es darauf ankam, konnte ich stets einen guten Eindruck hinterlassen. Also saß ich vor dem Leiter des OKB und machte aus meinem Leben eine Erfolgsgeschichte, die gerade dazu geschaffen war von einer Tätigkeit als Dispositeur des Berliner Bürgerfunks gekrönt zu werden. Es kam mir zugute, dass J.L. gern Leute engagierte, die ein wenig unterqualifiziert waren.
Tatsächlich bekam ich die Stelle. Es war mir ein Vergnügen, meinem großspurigen Hausmeister-Chef mitzuteilen, dass ich, als Pförtner des neoklassizistischen Baus in der Bundesallee, nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Ich wurde zwar gewarnt, an einem 15. März eine neue Stelle anzutreten. Ich war aber sicher, mir würden die “Iden des März” zum Glückstag werden, anders als für Julius Ceasar, der diesen seinen Unglückstag nicht überlebte.

Also begann ich am 16. März im Offenen Kanal Berlin zu arbeiten. Mit Dr. Bismarck von der Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation hatte ich ausgemacht, dass ich für verbleibenden zwei Märzwochen pauschal 1000.- DM bekommen sollte. Ich bekam das schönste Büro, ein Eckbüro mit Sicht auf den Humboldt-Hain, schrieb Sendepläne und vergab Kameras, Schnittplätze, Hörfunk- und Fernseh-Studios. Welchen Sprung ich gemacht hatte, merkte ich als mich Burkhardt Seiler vom Zensor-Label besuchte. Sechs Jahre zuvor hatte ein Praktikum beim “Zensor”, in dessen legendären Plattenladen gemacht, ich stellte mich ziemlich blöd an, konnte kaum etwas und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.
Drei Jahre machte ich die Dispo für beide Sender, Hörfunk und Fernsehen. 1991 wechselte ich in den Produktions- und Sende-Betrieb.

Es war überwiegend so etwas wie ein Traumjob für mich, bis ich 2003 aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch werfen musste. Die letzten zwei Jahre waren traurig, ich hatte ständig Rückenschmerzen, kämpfte mit Depressionen und hatte den Eindruck nicht mehr richtig schlafen zu können. Trotzdem hätte ich den Absprung allein nicht geschafft. Ich hatte das Glück an eine kluge Ärztin zu geraten, die mir den Ausstieg nahelegte. Schon lange merkte ich, dass meine Leistungsfähigkeit nachließ. Um mich zu motivieren gab mein Chef mir Aufgaben für die On-Air-Promotion des Senders. Ich durfte wieder on-air gehen, Interviews drehen. Ich bespielte eine Nachtsendeschiene, für “Werkschau” hatte ich über 80 Stunden Sendezeit pro Woche zu füllen. Mit meinem talentierten Kollegen Juan Aballé drehte ich einen schönen Trailer dafür. Juan hatte bei Kamera und Schnitt hervorragende Arbeit gemacht. Beim Screening klopften mir die Kollegen auf die Schulter, aber innen drin war ich unzufrieden mit meiner Leistung vor der Kamera. Ich merkte, mir fehlte Schwung, Leichtigkeit und Durchsetzungskraft. Im heißen Sommer 2003 war ich sieben Wochen in einer Reha-Klinik in Thüringen. Die Ärzte und Psychologen empfahlen eine Umschulung. Erneut spielte ich heiteres Beruferaten, diesmal mit meiner Reha-Beraterin, das Glücksrad blieb bei “Event Manager” stehen und ich lernte einen neuen Beruf. Ich konnte mich nicht bei meinen Kollegen vom OKB verabschieden. Ich brachte es nicht fertig, als “Gescheiterter” unter ihre Augen zu treten. Der Ausstieg war heftig für mich, ich habe jahrelang noch Albträume davon gehabt. Erst jetzt, zehn Jahre später, habe den nötigen Abstand, um diesen zweitschwersten Entschluss meines Lebens, schreibend zu verarbeiten.
Übrigens, den Offenen Kanal Berlin gibt es noch, er nennt sich jetzt Alex**, befindet sich aber immer noch im Wedding in der Voltastraße 5 und sendet im Kabelnetz. Einige meiner großartigen Kollegen arbeiten immer noch da, z.B. Karin, Mischka oder Frank. Andere ebenso feine Ex-Mitarbeiter haben es, wie ich, vorgezogen weiterzuziehen, wie etwa Anette, Dirk und Wobser, an dessen “Ausstieg” ich mich noch deutlich erinnere, obwohl er fast 20 Jahre her ist. Wobser machte Urlaub auf einer griechischen Insel, als ihn die Erkenntnis traf, er brauche Veränderung in seinem Leben. Er flog einfach nicht zurück, schlief eine zeitlang am Strand. Irgendwann lernte er eine englische Touristin kennen, verliebte sich und flog mit ihr nach Groß-Britannien, wo er immer noch glücklich lebt, allerdings mit einer anderen Frau.

Die Fortsetzung dieser Geschichte findet man hier:  http://wp.me/p3UMZB-1hR

“Nackte, Nazis, Nervensägen” erzählt von den skurrilen Nutzern des OKB und ihren schrägsten Sendungen und der merkwürdig verzerrten Wahrnehmung des Senders durch die Berliner Medien.

– Marcus Kluge –

Die Illustrationen sind teilweise der Studie “Mach dein eigenes Programm”, aus dem Jahre 1989, von Hans-Joachim Schulte entnommen.

*Meine “schrägste”, die Barschel-Sendung:
https://marcuskluge.wordpress.com/2014/02/24/er-tat-nur-seine-pflicht/

**Alex OKB:
http://www.alex-berlin.de/

Berlinische Leben – “Nackte, Nazis, Nervensägen” / “Mein” Offener Kanal Berlin – Teil Zwei / 1985-2014

Mumien, Monstren, Mutationen

Es ist schon merkwürdig, aber der Offene Kanal Berlin ist in den Berliner Medien nur selten thematisiert worden. Zumindest bis 2003, also solange ich dort gearbeitet habe. Zu seiner Eröffnung im Jahre 1985* wurde im Zusammenhang mit dem Kabelpilotprojekt über ihn berichtet. Eigentlich wäre der neuartige, emanzipatorische Ansatz, “jeder kann senden”, es Wert gewesen seine Entwicklung zu begleiten, doch die Profis in den Redaktionsstuben vernachlässigten das Thema geradezu sträflich. In den zwei Jahren 1986-87, die ich Nutzer war, sowohl wie in den 15 folgenden, ist nur über den Sender berichtet worden, wenn es “schlechte” Nachrichten gab. Vielleicht ist wirklich der zynische Spruch, “only bad news is good news”, eine Erklärungshilfe dabei. Ich will nicht verschweigen, dass es sehr selten auch einmal positive Resonanz gab, doch diese ging unter gegenüber den Schlagzeilen, die über angebliche Skandale spekulierten. Reißerische Artikel nach dem Muster “Mumien, Monstren, Mutationen” zu schreiben macht eben auch mehr Spaß, als über medienpädagogische Ansätze, experimentelle Sendeformen oder Seniorenredaktionen zu berichten und es bringt Auflage bzw. Quote.
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Ich selbst hatte ein Schlüsselerlebnis im Bereich Realpublizistik mit einer Redakteurin vom Stern. 1989 bat mich mein Chef diese Kollegin unter meine Fittiche zu nehmen und ihr einen Tag lang den OKB zu erklären. Es hätte mich stutzig machen sollen, dass er nicht selbst mit ihr sprach, aber ich war noch etwas naiv Medien und ihre Methoden betreffend. Die junge Journalistin kam also und hatte gleich meine Sympathien, weil sie ein Kulenkampff-T-Shirt trug. Ich vermittelte ihr sechs Stunden lang die OK-Welt, ging mit ihr Mittag essen und hatte den Eindruck den Laden gut “verkauft” zu haben.

Der Artikel, den sie dann schrieb, war eine Ohrfeige für mich und den Sender. Ich hatte mir noch nicht einmal den Text vorlegen lassen. Es gab zwar noch kein Internet, aber per Fax wäre das kein Problem gewesen. Ich war noch sehr naiv. Seitdem bestehe ich darauf Artikel über mich vor Veröffentlichung durchzusehen. Wenn sie über ein Theaterstück geschrieben hätte, wäre ihr Fazit “Alles an dieser Inszenieung war hölzern und steif, nur die Kulissen wackelten” gewesen. Sogar Positives gelang es ihr negativ darzustellen. Ich war damals noch Disponent und bekam eine Absage für eine Sendung am gleichen Abend. Die Medienanstalt verlangte damals jede Sendeanmeldung eine Woche lang zu prüfen, weshalb wir bei Absagen ein Sendeloch hatten, das wir nicht stopfen durften. Die Gelassenheit mit der ich die Sendeabwicklung über das Sendeloch informierte, stellte sie als Desinteresse dar. Das die Lücke der Gestzeslage geschuldet war verschwieg sie, sie unterstellte Unproffessionalität. Es war ein einziges Desaster. Mein Chef war erstaunlich verständig und tröstete mich. Später verriet er, das er den Braten gerochen hatte. Ein politischer Gegner des OKB, ein gewisser A.R. brauchte Munition gegen den Bürgersender. Er hatte den Verriss bei einem befreundeten Stern-Redakteur bestellt und der schickte die junge Volontärin, wobei das Fazit der Berichterstattung vorher feststand. Ich hatte keine Chance, aber es war mir eine Lehre.

Natürlich gab es Neider in der Stadt, beispeilsweise kleine, kommerzielle Anbieter, die das kostenlose Angebot des DIY-Senders, als unlauteren Wettbewerb sahen. Deshalb wurde auch immer argwöhnisch betrachtet, ob beim OK das Werbeverbot eingehalten wurde.

Natürlich gab es immer wieder Sendungen, bei denen Werbung oder die Erzielung von Einnahmen indirekt, in einer Grauzone, stattfand. Beispielsweise bei Moderatoren, die Künstler vorstellten, die sie praktischerweise als Agenten auch vermarkteten. Ebenso bei Sendeverantwortlichen, die ein Handwerk oder eine Fertigkeit vorstellten, die sie außerhalb der Sendungen als bezahlte Dienstleistung anboten. Wenn das halbwegs geschickt gemacht wurde, war dagegen juristisch kaum etwas einzuwenden. Eine Einblendung wie “Weitere Informationen: Telefonnummer” führte vielleicht zu einer Geschäftsanbahnung, aber dieses gerichtsfest nachzuweisen blieb schwierig bis unmöglich. So hat der Tantra-Coach Andro im OKB gleich eine Reihe von Sendungen produziert, mit denen er heute noch wirbt, “bekannt aus TV”. Zunächst waren da hauptsächlich nackte Menschen zu sehen, die massiert wurden, während ständig eine Telefonnummer eingeblendet wurde. Diese Produktionen fanden Zuschauer, auch bei uns im Sender liefen die Telefone heiß, obwohl unsere Nummer garnicht zu sehen war. Das brachte Andro auf die Idee eine Call-In-Show daraus zu machen. Es war ja die Ära der Anruf-Sendungen, Moderatoren wie Ray Cokes oder Steve Blame generierten damit für M-TV hohe Einschaltquoten. Ebenfalls um seine Quote zu maximieren vollzog Andro live mit seiner Assistentin den Tantra-Sex-Verkehr, hatte aber noch genügend Kapazität in seiner linken Hirnhälfte, um die Fragen der Anrufer zu beantworten. Gleich beim ersten Mal brach unsere Telefonanlage zusammen, soviele Frager wollten ins Studio durchkommen. Unter den Zuschauern muss mindestens ein BZ-Reporter gewesen sein, den das Boulevard-Blatt machte mit “Skandal. Nackte im TV” auf. Außer das die BZ-Auflage recht groß gewesen sein muss an diesem Tag, blieb die Sache folgenlos. Nackheit allein ist nicht verboten im TV, selbst der beiläufige Geschlechtsverkehr war ohne Großaufnahmen oder eine merkbare pornografische Absicht nicht zu verurteilen. Wie fast alle Skandale im OKB war es eher ein Skandälchen, in Grunde nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas.

2013-09-04-17-10-50_new2 Logan Evans

Der Reiter der Apokalypse:

Im November 1989 sitzt Logan Evans in New-York vor dem Fernseher und sieht, wie in Berlin die Mauer fällt. Er war schon immer von Deutschland und deutscher Geschichte fasziniert, besonders vom Dritten Reich und Adolf Hitler. Logan ist selbsternannter Künstler und macht im Manhattan Cable TV eine Show namens “The Four Horsemen of the Apocalypse”. Anfang der 90er Jahre macht er seinen Traum war und kommt nach Berlin. Er lebt in besetzten Häusern und meldet sich im Offenen Kanal Berlin an. Dort macht er Sendungen, die irgendwie radikal und rätselhaft sind. Den Mitarbeitern kommt er zunehmend durchgeknallt vor. Er wird laut, läuft “I’m the terminator” schreiend über den Hof und schließlich wird er handgreiflich. Trotzdem entscheidet die Medienanstalt ihm kein Hausverbot zu geben, um ihm weiter Livesendungen zu ermöglichen, außerdem verspricht er Besserung. Unsere vorgesetzte Behörde, Medienanstalt genannt, trifft nicht gern restriktive Entscheidungen, man fürchtet dort den Gang vors Verwaltungsgericht und das nicht ohne Grund. Die Anstalt zog dort mehrfach den Kurzen.

Eines Abends kommt Evans besonders agitiert zu seiner Sendung, ich vermute er hatte Speed genommen, er hat riesige Pupillen. Wie gesagt, die Kunst- und Meinungsfreiheit wird groß geschrieben, nur bei klaren Gesetzesverstößen dürften wir eine Sendung abbrechen. Aber was wäre das? Die Auschwitzlüge wäre so ein Beispiel, das einzige das man uns Mitarbeitern vorhält. Diese verbreitet Evans nicht, stattdessen skandiert er abwechselnd “Heil Hitler!” und “Allahu Akbar!”, Allah ist groß. Die Kollegin in der Sendeabwicklung ist nicht zu beneiden, ich bin schon zuhause, telefoniere mit ihr und bin der Meinung, sie müsse die Sendung abbrechen. Aber die Kollegin entscheidet sich für die Freiheit der Kunst und strahlt das Programm weiter aus. Vorher hat sie noch die Medienanstalt angerufen, doch da niemand mehr, alle sind im Feierabend.

Zur gleichen Zeit sitzt ein amerikanischer Journalist am Savignyplatz vor dem Fernseher und ist entsetzt. Er ist jüdischer Herkunft, hat Verwandte im Holocaust verloren und arbeitet für die Nachrichtenagentur Reuters. Und so wird am nächsten Tag in aller Welt in der Zeitung stehen, dass im Offenen Kanal Berlin Nazipropaganda gesendet wird.

Unsere Vorgesetzten sind der Meinung, die Kollegin hätte die Sendung besser abbrechen sollen, damit hätte man die schlechte Presse vermieden. Die Kollegin hat Glück, sie bekommt keine Abmahnung. Das hohe Gremium “Medienrat” ist letztlich für Programmverstöße zuständig. Etwa einmal im Monat trifft sich das topbesetzte Gremium. Sechs Monate braucht es, dann fällt der Medienrat, unter dem Vorsitz von Prof. Ernst Benda, dem ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidenten, ein Urteil. Die Sendung war zulässig, weil die Kunst nun mal frei sei und keine Zensur stattfindet. Hurra, wir sind begeistert. 1998 wird Logan Evans aus Deutschland abgeschoben, nachdem er eine Flasche Schnaps im Supermarkt geklaut hat. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Ein einziges Foto gibt es von ihm im Internet, doch auch da ist nichts über sein weiteres Schicksal zu erfahren.

Nazis

Auch mit wirklichen Nazis gibt es Probleme. Eine rechtsextreme Gruppe nutzt den OKB in den 90er Jahren, um die Radiosendung “Radio Germania” zu machen. Auch hier ist die rechtliche Lage für den OKB und die Aufsicht führende Behörde, die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, kompliziert. Die Sendung zu verbieten wäre schwierig, der Artikel 5 unserer Verfassung garantiert freie Meinungsäußerung und die Gesetzesnorm “eine Zensur findet nicht statt” wiegt ebenfalls schwer. Also könnte man streng genommen nur auf einen bereits gesendeten Verstoß reagieren. Trotzdem setzen wir alles daran eine “volksverhetzende” Sendung garnicht erst stattfinden zu lassen. Natürlich fürchten wir eine erneute Pressekampagne wie bei Logan Evans, heute würde man es einen “shitstorm” nennen.

Die erste Sendung findet live statt und die rechtsradikalen Radiomacher sind offensichtlich juristisch gut beraten. Sie nutzen ihre Meinungsfreiheit hart an der Grenze zum Verbotenen. Sie spielen Stücke eines in der Szene berüchtigten Liedermachers, Frank Rennicke. Die gesendeten Lieder sind nicht oder noch nicht indiziert, da ist “Radio Germania” gut informiert. Wir entnehmen aber auch den Gesprächen, die wir am Rande der Sendung mit den Neo-Nazis führen, dass sie vorhaben, uns mit einer illegalen, volksverhetzenden Sendung in Misskredit zu bringen. Zum einen aus Eigeninteresse, sie möchten mit dieser Aktion in die Medien kommen und auch um die Idee des Senders, freie Meinungsäußerung für Jedermann, ad absurdum zu führen.

Die Medienanstalt findet einen juristischen Weg, keine weitere Live-Sendung zuzulassen. Wir atmen auf, zur Live-Sendung kam die vielköpfige Gruppe mit einem hochagressiven “Personenschutz” aus Skinheads mit scharfen Hunden. Es wird Jahre dauern, bis die Medienanstalt uns erlaubt, das Mitbringen von Hunden zu verbieten. Wie gesagt, die Medienanstalt trifft nicht gern repressive Entscheidungen. Vielleicht liegt es daran, dass der Direktor, Dr. Hans Hege, einer “liberalen” Partei angehört. Nein, im Ernst, die Medienanstalt mochte ungern jemand von der Nutzung der Produktionsmittel ausschließen. Bei der Nazigruppe fand man allerdings ein juristisches Schlupfloch.

“Radio Germania” darf keine Livesendung mehr machen, nun muss der Sendeverantworliche die vorproduzierte Sendung spätestens eine Stunde vor Sendebeginn abgeben. Für uns eine Gelegenheit, das Band schnell durchzuhören, um festzustellen ob klare Rechtsverstöße, wie z.B. die bereits zitierte Auschwitzlüge verbreitet wird. Streng genommen dürften wir das auch nicht, denn es ist ja Zensur. Ich lege das Band in der Sendeabwicklung ein und höre mir mit Kollegen eine Stunde lang einen Artikel aus Brehms Tierleben über das Wildschwein an. Der Satz “Der Waidmann nennt das weibliche Tier Bache” brennt sich in mein Gedächtnis ein. Natürlich ist die Sendung zulässig. Das Rechtsextreme ihre antifaschistischen Gegner gern mit Wildschweinen vergleichen, ist uns bewusst. Es ist aber auch nicht volksverhetzend. Wir haben diesen Eiertanz noch ein paarmal ausgeführt, “Radio Germania” erreichte sein Ziel in die Medien zu kommen, obwohl sie geschickt vermieden Gesetzesnormen zu brechen. Natürlich war es schwer Journalisten unsere heikle Lage zu vermitteln. Das gescheiterte NPD-Verbotsverfahren lag noch in ferner Zukunft und die Presse wunderte sich, das die Nazis überhaupt bei uns senden durften. Es gab zwar auch Probleme mit türkischen und arabischen Sendungen, die hart an der Grenze zum Gesetzesbruch sendeten, doch auch da hat es nie justiziable Verstöße gegeben. Bei fast 30 Jahren offenem und freiem Zugang ist das eine Bilanz, die positiv stimmen könnte, wüsste man nicht, dass es an Stammtischen und bei privaten Runden, aber auch in Fußballstadien volksverhetzende Äußerungen gäbe, doch die Urheber trauen sich nicht, mit ihrem Namen in Funk und Fernsehen aufzutreten.

Ich könnte noch ein viertes Substantiv, das mit N beginnt, anführen und über die Prostituierte Molly L. schreiben. Aber da die Dame bereits verstorben ist und ich mich an keine weiteren Programmverantwortlichen aus dem horizontalen Gewerbe erinnern kann, will ich den Mantel des Vergessens über diese geschmacklosen Programme legen, die viele Zuschauer hatten und die stets ihren Höhepunkt mit der Enthüllung der gigantischen Oberweite von Frau L. fanden. Auch diese Sendungen sind genüsslich von den Berliner Boulevard-Zeitungen skandalisiert worden. Wenn man bedenkt, dass diese Gazetten regelmäßig ihre Auflage durch blanke, weibliche Brüste steigerten, muss man den Kopf schütteln über soviel Heuchelei.

Nervensägen

Kommen wir also zu den Nervensägen. Das menschliche Gedächtnis kennt keinen Anstand und keine Ritterlichkeit und da ich mich der Ehrlichkeit verpflichtet sehe, muss ich gestehen dass mir beim Stichwort “Nervensägen” umgehend Frau Mathilde S. einfällt. Der Offene Kanal Berlin hat ja viele schwierige Menschen und auch echte Querulanten angezogen, aber die “wilde Hilde” ist mir am Lebhaftesten im Gedächtnis. Vielleicht auch weil sie es so oft geschafft hat, mich oder andere Kollegen auf die Palme zu bringen. Sie hatte eine Art einen solange zu reizen und zu provozieren, bis man schließlich nach 20 oder 30 Minuten aus der Haut fuhr, was Mathilde stets mit einem seeligen Lächeln quittierte. Es ist wohl für sie wie eine gute Tat für Pfandfinder, etwas das man zur seelischen Hygiene mindestens einmal am Tag braucht. Frau S. sendet noch heute, allerdings hat man sie in die Nachtstunden verbannt, wo sie kaum Zuschauer finden wird und dem neuen, aus der Asche des OKB erstandenen, Sender ALEX keinen Image-Schaden zufügt.

Natürlich gab es noch viele weitere Nervensägen, die meisten waren im Umgang ziemlich freundlich, nur ihre Programme nervten, weil man sie partout nicht verstehen konnte, beim besten Willen nicht. Michael Santos fällt mir ein, dessen Sendungen wohl kaum jemand verstanden hat, wahrscheinlich er selbst nicht. Heinz Kluike, dem man lange zuhören konnte, ohne ein Thema zu erkennen. Oder den ehemaligen Gastwirt Günter Rackwitz, der unerträgliche Berlin-Schlager sang. Als die schlimmsten Nervensägen habe jedoch die Zuschauer empfunden, die jahrelang bei jeder call-in-show anriefen, um Obszönitäten abzusondern. Wieviel wohlmeinende Sende-Neulinge haben sie wohl zum Aufgeben gebracht?

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Natürlich gab es auch viele freundliche, engagierte Sendungsmacher, die häufig jahrelang tolle Sendungen auf die Beine stellten und immer hilfsbereit waren. Stellvertretend für viele fällt mir Lothar Wielandt ein, der Rollstuhlfahrer, der Radioprogramme für die älteren Zuhörer machte und auf jeder Funkausstellung den Schriftgenerator bediente. Als er im hohen Alter noch einmal heiratete, haben sich alle OK-Mitarbeiter herzlich mit ihm gefreut.

Viele Sende-Verantwortliche gibt es noch heute zu sehen. “Pfeiffers Ballhaus” läd noch immer zum Schwofen ein und “Der spitze Kreis” begleitet immer noch die Berliner Bühnenereignisse.

Auch im Hörfunkbereich gibt es Radio-Macher, die seit den Anfängen dabei sind. Rolf Gänsrich und Peter Ziermann fallen mir ein. Peter hatte, als er in den 80er Jahren anfing, einen Sprachfehler, den er beim moderieren erfolgreich kurierte. Noch heute bin ich mit Rolf und Peter auf Facebook befreundet.

ALEX-TV

Inzwischen ist der Sender ja erwachsen geworden, seit er sich 2009 in ALEX TV** umbenannt hat, merkt man das Bestreben sich von dem schlechten Image der frühen Jahre zu befreien. Es wird jetzt auch an die Zuschauer gedacht und man programmiert die interessantesten Sendungen in der Hauptsendezeit. Viele Aufnahmen von Berliner Konzerten und Diskussionen sind sehenswert. Für Kinder, Jugendliche und Nachwuchs-Medienprofis ist ALEX Ansprechpartner und Vermittler von Medienkompetenz. Seitdem mit Volker Bach ein Medienprofi Leiter ist, scheinen auch Medienanstalt und Politik begriffen zu haben, dass eine solche Werkstatt nicht zum Schnäppchen-Preis zu haben ist. Ich wünsche dem Sender, seinen Nutzern und den fleißigen Mitarbeitern von Herzen alles Gute für die nächsten 29 Jahre.

Marcus Kluge

Das Logan Evans Foto stammt von dieser Website, auf der auch Zeichnungen des Künstlers dokumentiert sind:

http://www.lisecki.de/MsoEvans.htm

Hier erzähle ich wie ich zum Offenen Kanal Berlin kam und Mitarbeiter wurde: https://marcuskluge.wordpress.com/2015/11/18/editorial-sechzig-eins-zum-geburtstag/

*So begann es. 1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Zwei Tage vor Beginn der Funkausstellung wird am 28. September in 218000 Haushalten ein zusätzliches Angebot, bestehend aus 12 TV-Sendern freigeschaltet. Neben öffentlich-rechtlichen Sendern, wie WDR oder dem Bayerischen Fernsehen sind erstmals auch private Sender am Start, allen voran RTLplus und SAT.1. Außerdem will man in Berlin einen frei zugänglichen Bürgersender ausprobieren, den Offenen Kanal Berlin. Dieses “demokratische Feigenblatt”, so sahen es Medienkritiker, hat mein Leben für fast zwei Jahrzehnte verändert und bestimmt.

**ALEX TV

http://www.alex-berlin.de/

Berlinische Leben – „Rainer Works Art Marcus Writes“ / Portrait einer Freundschaft / 1973-2014 / von Marcus Kluge

Es gibt Freundschaften die Bestand haben, auch wenn uns das Leben für viele Jahre von unseren Freunden trennt. Wir treffen uns wieder und sprechen wieder miteinander, als ob es nur Tage oder Stunden der Trennung waren. Sofort finden wir die gemeinsame Sprache und wir verstehen uns.

So geht es mir mit Rainer Jacob, den ich vor 40 Jahren kennenlernte. Wie genau haben wir beide vergessen. Er wuchs in der West-Berliner Blissestraße und ich einen Katzensprung entfernt am Volkspark Wilmersdorf auf. Es war Freundschaft auf den ersten Blick. Damals waren wir beide knapp 20, politisch links und mit großem Interesse an Film, Literatur und Kunst. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl wir häufig unterschiedlicher Meinung waren. Ohnehin war Rainer immer besonders vom Bild und ich eher von Sprache begeistert.

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Rainer ist sowas wie ein Sonntagskind, obwohl er nicht an einem geboren wurde (12 Minuten zu spät) und er ist mit einem kritischen Geist ausgestattet. Für beides ist er dankbar. Wieso er ein Glückskind wurde, kann er sich erklären. Er hatte eben Glück mit seinen Eltern, die eine 59 Jahre lange, harmonische Ehe bis in den Herbst 2008 führten. Dann starb Martha und Günter folgte ihr im Februar 2009.Kennen lernten sich seine Eltern durch eine Art Lotterie. Während des 2. Weltkriegs bemühte sich die Nazipropaganda jedem unverheirateten Soldaten im „Felde“ ein Mädel an der „Heimatfront“ zu vermitteln. Das klappte wohl ganz gut, auf jeden Fall bei Rainers Eltern, die sich so kennen und lieben lernten. Auch bei der Kriegsgefangenschaft hatte Günter Glück. Er machte kein Kreuz an der Stelle wo dies 80% seiner Kameraden taten, „War Hitler ein guter Mann. Ja oder Nein?”. Er kam auf einen britischen Flughafen, wo er sich frei bewegen konnte, in der Offiziers-Messe bediente und Reifen vulkanisierte. Nebenher bastelte Rainers Vater noch Modelle von Lancaster-Bombern, die begehrt bei den Offizieren waren, zusätzlich Geld brachten und er hatte nicht die prägende traumatische Internierung, wie mein Vater zu erleiden, der nach vier Jahren in Sibirien als gebrochener Mann zurückkam.
10703682_752608828129097_6250639662470188336_nRainers Eltern
Rainer hat noch Liebesbriefe und ein Kriegstagebuch bis zum Ende der Gefangenschaft, versehen mit Zeichnungen und Fotos und inspiriert durch meine Familiengeschichten spielt er mit dem Gedanken, diese Fundgrube auch einmal in ein Blog zu stellen. Die Eltern heirateten und 1955 wurde Rainer als Wunschkind geboren. Wieso Rainer einen überaus kritischen Verstand entwickelte, kann er nicht genau klären. Voraussetzung um eigene Gedanken entfalten zu können war, dass beide Eltern beschlossen hatten etwas anders zu machen bei der Erziehung. Selbst hatten sie Wilhelminische Strenge kennengelernt, künstlerische Ambitionen mussten sie begraben. Mutter wollte Modezeichnerin werden, doch mit dem Argument, sie heirate ja sowieso, verbrannte die Mutter ihre Zeichnungen. Der Vater fotografierte, zeichnete und baute Schiffs-und Flugzeugmodelle, lernen musste er etwas Praktisches.IMG_20140720_0003Rainer 1973

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Mir fallen mir zwei Aspekte auf, die Rainer und mich zu kritischem Denken inspiriert haben könnten. Zunächst war in den 1960er Jahren in Deutschland noch der Nachhall von zwölf Jahren Naziherrschaft, Verbrechen und Kriegsschuld zu spüren. Wir merkten schon im Grundschulalter, dass uns in vielem eine beschönigende Version vermittelt wurde. Rainer erlebte Gechichtslehrer mit Schmissen, die prahlerisch und menschenverachtend von Kriegserlebnissen erzählten, oder die Kinder beim Sport als “Dreibeinige Synagogenzwerge” beschimpften.

Kaum jemand bekannte sich zu seiner Mitschuld, aber wir wussten doch, das eine Mehrheit Hitler gewählt und mitgemacht hatte bei den beispiellosen Verbrechen. Oder man schwieg gänzlich über das 3. Reich, wie in den meisten Schulen. Glücklicherweise war Rainers Vater kein schweigender Despot und in der Familie herrschte eine muntere Streitkultur. Viele in unserer Generation hatten schweigende Väter, fast war es eine vaterlose Generation.

Durch das Leben in Westen Berlins machten wir noch eine weitere augenöffnende Erfahrung. Wir wuchsen mit zwei Versionen der Wahrheit auf, die im Westen und im Osten in den Medien, vor allem im Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde. Zunächst werden wir den Westmedien geglaubt haben, aber spätestens nach dem Besuch des Schah von Persien und dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 merkten wir, das auch die Westmedien logen. Rainer beobachtete als Dreizehnjähriger bei einem Klassenkameraden zu Besuch, wie im Rohbau des Nebenhauses eine wilde Schießerei zwischen der Polizei und dem Attentäter von Rudi Dutschke stattfand. Später gingen wir auf Demos und erlebten Knüppelorgien der Polizei, in den Westmedien waren die Studenten und Gammler schuld und plötzlich stimmte die Version der Ostmedien mit unserer Beobachtung überein. Also wurde klar, was Medien berichten muss nicht wahr sein, alles ist kritisch zu hinterfragen. Langhaarigen wurden auf offener Straße “Mädchen” hinterhergerufen und die Boulevard-Presse hetze so sehr, daß ein “Doppelgänger”, der Dutschke änlich sah, beinahe vom Mob gelyncht worden wäre.

Rainer sah sich verschiedenste linke Gruppierungen an und bei keiner, ausser den Trotzkisten, fand er einen Arbeiter. Überhaupt war alles sehr merkwürdig, wenn linke Gruppierungen (SEW, DKP) von Errungenschaften sprachen, während man den “realen” Sozialismus für 25 Mark Eintrittsgebühr besuchen konnte und das heruntergedimmte Licht in Straßen voller verkommener Altbauten den wirklichen Sozialismus zeigte. Bei uns wiederum wurde Kritik am Westen mit dem einfachen Satz, “Geh doch ‘rüber” plattgebügelt.

Während mich das Scheitern der 68er Revolte ins Abseits schickte. Abitur und Studium war mir verwehrt und ich habe mich wohl auch freiwillig für einige Zeit in den Schmollwinkel zurück gezogen, begann Rainer eine Lehre in einer Siebdruckerei. Aber er wollte doch noch sein bildnerisches Talent zum blühen bringen und bemühte sich um ein Studium an der Hochschule der Künste (heute UdK).

Es war ein Abend im Jahr 1973, als er mir seine Mappe zeigte, er hatte den Tag im Zoo verbracht und Tiere gezeichnet, in Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung. Zum ersten Mal sah ich sein Talent und war beeindruckt. Er studierte dann mit dem kleinen Matrikel. Er startete mit freier Malerei, wechselte zu experimenteller Grafik, dann zu Grafik Design. Während er sich zuerst ernsthaft mit den realistischen Details von Reflexen auf Wasserhähnen malerisch herumschlug wollen seine Jahrgangskommilitonen, die Jungen Wilden, mit der Attitüde von Frühvollendeten Party feiern. Maler die den Habitus von Rockstars imitierten und sich anschickten das Niveau von Werbung glatt zu unterbieten. Damals, vor der Verschulung des Studiums konnte man noch vielseitig und selbstbestimmt Seminare auswählen und Rainer belegte einige der Film-und Fernseh Akademie und bei den Architekten.

Der Kunsthistoriker Freiherr von Löhneysen, der Schopenhauer textkritisch bearbeitete, beeindruckt Rainer. Er ist Führer bei einer Studienreise durch die norditalienischen Städte, wo man die Entstehung der Perspektive studiert. Gern hätte ich ihn begleitet, wenn meine Reiseunlust mich nicht zurückgehalten hätte. Am liebsten fahre ich dorthin, wo ich schon mal war. Zum Beispiel Bretignolles-sur-mer, wo ich schon öfter war. So verbringen wir 1975 vier Wochen in Frankreich, hören Pink Floyd, kucken auf Kühe und feiern den 14. Juli mit den Dörflern.

Zurück in Berlin macht Rainer Multimedia, ich kann mich noch an einen unendlich schweren portablen U-Matic Videorekorder erinnern, mit dem man schwarz-weiße Bilder aufzeichnen konnte. Wir filmten im Tiergarten in den Ruinen des Diplomatenviertels zur Musik von Django Reinhardt. Vielleicht hat mich diese Erfahrung auf eine Schiene gesetzt, die mich später zu 20 Jahren professioneller TV-Produktion gebracht hat.

In dieser Zeit ziehen wir oft um die Häuser, um am Morgen noch lange Gespräche zu führen. Manchmal zeichnet Rainer, z. B. mich während ich englischsprachige Songtexte schreibe, passend garniert mit USA-Attributen. Deutsch zu singen kann ich mir damals nur schwer vorstellen. Überhaupt prägte uns amerikanische Popkultur, die im West-Berlin der Nachkriegsjahrzehnte omnipräsent war. Wir gehen gemeinsam in die Off-Kudamm-Kinos, schauen uns Orginalfassungen mit und ohne Untertitel an. Schwarze Serie und andere Hollywoodstreifen, aber auch anspruchsvolle europäische Filme. Video gibt es noch nicht für Normalsterbliche und im Fernsehen regiert dröges Mittelmaß, das vom Dritten Programm manchmal durchbrochen wird.

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Zu Beginn der Uni-Zeit lernte Rainer seine erste Partnerin, die elf Jahre ältere Ingeborg kennen, die selbst Grafik studiert hatte und damals im Mediterranea griechische Möbel und Flokatis verkaufte, zu der er in eine WG einzog. Dort hatte er ein kleines Fotolabor im Gästeklo, auch von mir gern genutzt. Während des Studiums arbeitete er in den Semesterferien als Praktikant bei der Werbeagentur Dorland oder macht Illustrationen für den Tip, diese Erfahrungen brachten Rainer nach dem Studium zu einer Karriere als Art Director in der Werbung. Er arbeitete für namhafte Agenturen, wechselnd zwischen Freelancer und fest, wir bleiben im Kontakt. Er arbeitet um zu leben, am Wochenende bin ich häufig bei dem Paar zu Gast. Eine WG direkt über der Galerie Natubs und dem Engel Gabriel im Kiez nah am Olivaer Platz. Unter ihnen wohnten die Architekten, die das Märkische Viertel verbrochen hatten in feinstem Bauhaus-Dekor.

1982 beschließe ich soetwas wie ein Fanzine zu gründen. Es ist die Zeit, als drei Akkorde reichen, um als Band Karriere zu machen und ich denke, mit drei Fingern tippen zu können, müsste reichen, um ein kleines Subkultur-Magazin herauszugeben. Und es reicht tatsächlich… Dieses Lebensgefühl der Punkjahre, der Fotograf Richard Gleim drückte es kürzlich in einem Interview mit dem Satz „Das machen wir jetzt“ aus, dieses Lebensgefühl half mir, mich selbst am Schopf aus meinem selbstgewählten „Tunix-Sumpf“ zu ziehen.

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Mit der Hilfe von einigen Freunden gebe ich den „Assasin“ heraus. Rainer entwirft das Markenzeichen mit dem Fadenkreuz, Logos für Rubriken, er weckt mein Interesse an Typografie und er bringt mir bei, das Layout selbst zu gestalten. Mit Letraset, Fixogum und Skalpell werde ich ziemlich gut. Acht Hefte und drei Musikkassetten wird es geben. Dann stehe ich journalistisch auf eigenen Beinen, schreibe für die Taz und Rock-Publikationen.

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1988 fange ich beim OKB an, dem Lokalsender, der heute ALEX heißt. Erst disponiere ich den Sender, dann leite ich Produktionen und Sendeabwicklung, auch wenn auf meiner Visitenkarte etwas diffus „Beratung und Betreuung“ steht. Rainer hat inzwischen sein Atelier im Hofgarten gegründet, um mit einem kleinen Team feines Design für Hotels der Luxus-Klasse zu gestalten. Bevor ihn auch hier in Rhiemers Hofgarten die Arbeit auffrisst, übernimmt er die Leitung des Ateliers bei einer Netzwerkagentur und nach dem Mauerfall geht Rainer für ein Jahr nach Leipzig um die Messe zu re-launchen und schließlich als freier Kreativer konzipiert er die Gesamtkampagne und den Werbespot für die Einführung von Melitta Kaffee in den polnischen Markt. Deshalb castet er eine bekannte polnische Schauspielerin, Ewa Ziętek.

In Polen kennt sie jeder, seit sie mit 18 Jahren die Braut in Andrzej Wajdas “Hochzeit” spielte. In sie verliebt er sich, wie vom Blitz getroffen, während des Drehs in Hamburg. Sie lebt in Berlin und spielt Theater mit akzentfreiem Deutsch. Die ostdeutschen Schauspieler drängen auf den wiedervereinigten deutschen Markt und da will sie wieder in die Heimat und Rainer entscheidet sich spontan mit nach Warschau zu gehen und findet auch gleich eine Stelle als, Head of Art, bei Ogilvy&Mather eine spannende Aufgabe, wo er aus Dramaturgen Werbetexter und aus Architekten Art Direktoren macht. Einige Jahre sehen wir uns nicht. Das Kunden-Portfolio der amerikanischen Agentur ist international, die Etats sind groß, er kann großes Kino inszenieren für Schokoriegel, Pharmakonzerne und der, dem Spiegelmagazin vergleichbaren Wprost, Mode, Kosmetik, Bier. Nach drei Jahren fasst auch Ewa wieder Fuß und neben Boulevard-Theater spielt sie in der dortigen TV-Spitzensoap, “Goldenes Polen” vergleichbar mit unserer Lindenstraße. Reisen nach Indien und Italien zwischen beruflichen Reisen nach Bulgarien, Rumänien, Prag, Wien und häufig zur Postproduction nach London. Sie heiraten nach acht Jahren “wilder Ehe” 2000, fast eine Jet-Set Hochzeit, mit Strech-Limo und begleitet von der Regenbogen-Presse mit illustren Gästen aus Film, Funk und Fernsehen. Ich kann leider nicht kommen, ich muss arbeiten. Nachdem ich fast 15 Jahre Fernsehen gemacht habe, merke ich das der Job mich immer mehr Kraft kostet. Ich habe kaum noch ein Privatleben, selbst im Urlaub verreise ich nicht, irgendwie ist mir nicht danach. Wahrscheinlich leide ich schon damals an einer nicht diagnostizierten Depression.

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Nur einmal besuche ich Rainer in Polen, er bewohnt eine nette Villa in einer bewachten Siedlung bei Warschau, er braust mit einem noblen Citroën durch die Stadt und zeigt mir seine neue Heimat. Dann herrscht Funkstille bis 2004, ich besuche Rainer in einer kleinen Wohnung im Hansaviertel, er ist arbeitslos. Was war passiert?

Nachdem er drei Geschäftsführerwechsel “überlebt” hat, war jemand scharf auf seinen Job und hat ihn herausgeekelt. Doch Rainer scheint Glück zu haben, findet eine neue Agentur. Die Firma schwimmt im Geld, es gibt Kunst an den Wänden eines edlen Jugendstilhauses und mit der Zeit fallen meinem Freund Merkwürdigkeiten auf. Man will nicht wirklich große Etats gewinnen und nur ein großer Kunde kann nicht soviel Profit abwerfen, ihm ist schleierhaft woher das Geld kommt. Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, er arbeitet ohne es gemerkt zu haben für den legalen Arm einer Mafia-ähnlichen Organisation. Income gering, Gewinne groß, hier wird Geld gewaschen, bei einer Teilhaberversammlung wird es augenscheinlich. So schnell er kann, kündigt er. Nun wird es prekär für ihn in Warschau, es rächt sich, das er kein Pole ist und auch nicht perfekt polnisch spricht, außerdem ist er mit 42 schon ziemlich alt für eine dem Jugend-Wahn verfallene Branche. Rainer hat eine Depression aus gutem Grund und lässt sich in der Berliner Charite einen kirschgroßen Gallenstein entfernen. In solchen Situationen überdenkt man sein Leben. Der Stress, über den er sich erhaben glaubte, verlangt eine Entschleunigung des Lebens. Er wird in Berlin wieder bei seiner “alten” Agentur stellvertretender Geschäftsführer, nur um sich bei einem der großen Energie-Konzerne von Atomkraftwerken umstellt zu fühlen, während nur noch Praktikanten und Rookies, die nur mit dem Computer umgehen können, als Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Sein Job ist moralisch nicht mehr vertretbar für ihn.

Nur Monate später endet die nur zweijährige Ehe. Die weitergehenden unschönen Details vertraut er nur mir und einem anderen langjährigen Freund an. Seltsam, ein paar Jahre vorher hatte ich nach sieben Jahren Beziehung eine Ehe, die nach nur zweieinhalb Jahren auseinander brach. So unterschiedlich unsere Charaktere und Biografien waren, manches ähnelt sich. So auch der Karriere-Knick, der uns beide ereilt.

Auf eine neue Spitzenposition besteht für Rainer keine Aussicht, auch hier ist er zu alt und zu teuer für potentielle Arbeitgeber. Das Praktikanten-Unwesen hat begonnen, er konkurriert genau wie ich in meinem Job mit Twens, die für nichts oder fast nichts schuften. Und die den Begriff Twen wahrscheinlich nicht kennen, das tun nur „Opas“ wie Rainer und ich. Und sicher, „Twen“ war für uns auch ein legendäres Periodikum, das die Magazin-Gestaltung insgesamt bahnbrechend veränderte.

Rainer bekocht mich im Hansaviertel, er hat 1000 Pläne, wieder ist es so, als ob wir uns nie getrennt hätten. Aber dann habe ich eine längere Phase der Krise und Krankheit. 2003 höre ich beim Sender auf, das wurde mir in der Reha geraten. Ich mache eine Umschulung, habe zwei Jahre eine Fernbeziehung, während ich die Wochenende bei meiner Freundin, einer Psychotherapeutin in Thüringen verbringe, kümmert er sich um meine Katzen. 2005 ist erstmal Schluss für mich. Erst scheitert die Partnerschaft, dann bekomme ich eine Depression und muss auch die Umschulung abbrechen. Ende der Nuller-Jahre entscheide ich mich für die Rente, wieder folgt eine Pause in der Rainer und ich keinen Kontakt haben.

2013 überwinde ich endlich meine Schreibblockade, im Juli bekommt Julia, meine Stieftochter aus der Ehe ein Baby und macht mich zum Quasi-Opa. Auch für sie schreibe ich die Geschichte meiner Vorfahren auf. Durch Facebook treffe ich viele alte Frende wieder, so auch Rainer. Er lebt seit sieben Jahren mit Delilah zusammen, in die er sich verliebte, als er nichts hatte ausser seinem lange unterforderten kritischen Verstand. Am Sterbebett seiner Mutter erlebte er wie das Herz seines Vaters fast hörbar brach. Zugleich war er extrem verliebt, da ihn Delilah mit Gesang und unendlicher Fürsorge durch alle Höhen und Tiefen begleitete. Auch inspirierte sie ihn das Malen und Zeichnen wiederaufzunehmen.

Das temperamentvolle Vollblut-Weib ist siebzehn Jahre jünger als er. Sie hat drei fast erwachsene Kindern und eine Enkelin. Er wird Vatervertreter und Nenn-Opa. Eine Lektion hat ihm das Leben überdeutlich vermittelt, eine schwere Lebenskrise hilft um das Wesen eines Menschen tiefgreifend zu erfahren, dann kann man Liebenswürdigkeit und Charakterstärke erkennen. Er tut und denkt nur noch was er wirklich will, Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, öfter mal ein Bild verkaufen, wäre trotzdem schön.

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Nachdem wir uns im Frühjahr 2013 wiedertreffen nehmen wir unseren Dialog wieder auf. Wir diskutieren über Philosophie, Politik, Psychologie und Science-Fiction. Im Sommer ist er begeistert, dass ich eine Neuauflage von Assasin starten will.

Doch es gelingt mir nicht, mich in den punkmäßigen, abgebrühten Assasin-Modus zu versetzen. Na klar über die NSA-Affäre kann man herrlich lästern. Aber das tun Andere ohnehin schon, vielleicht sogar besser. In 30 Jahren ist der Gonzo-Stil des alten Assasin Mainstream geworden und ich habe mich weiterentwickelt. Vielleicht ist der alte flapsige Stil des Assasin ohnehin zu locker für die doch sehr bedrohliche Entwicklung hin zu einem totalitären Staat in den USA und folglich auch bei uns. Natürlich stellt einen die Politik vor viele Fragen. Die geleakten NSA Papiere drängen mir einen bösen Vergleich auf. Stellen sie nicht der Öffentlichkeit die Frage. „Wollt ihr die totale Überwachung?“ Und ist das Desinteresse einer Mehrheit nicht ein klammheimliches „Ja“, oder zumindest „Ist mir egal“. Doch mehr als mich zu informieren und meine Meinung zu sagen, gelingt mir nicht.

Erstaunlicherweise gefällt einigen Leuten, was ich über meine Familie und aus meinem Leben erzähle. Im September starte ich ein Blog, neben den Texten poste ich viele Fotos, auch welche die mein Freund Rainer gemacht hat. Als ich zum ersten Mal einen Gastautor veröffentliche, bitte ich Rainer Illustrationen zu zeichnen und damit beginnt eine neue, fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm.

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Im Frühjahr 2014 beginne ich eine vierteilige Erzählung über einen Schulfreund, aber es wird ein kleiner Roman daraus, zu jedem der zwölf Kapitel macht Rainer stimmungsvolle Bleistiftzeichnungen. Nun da ich mit „Die Legende von Xanadu“ fast fertig bin, sprechen wir über einen weiteren Roman, den ich gern in West-Berliner Punkszene Anfang der 80er Jahre ansiedeln möchte. Es gibt viel zu schreiben und zu zeichnen: „Das machen wir jetzt“.

-Vorläufiges Ende-

Editorial – „Sechzig Null“ / Ein Toast und ein Text

(Foto: Ingrid Johnson)

“Life’s but a walking shadow, a poor player that struts and frets his hour upon the stage, and then is heard no more. It is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing.” William Shakespeare, Macbeth

Mögen wir an Werktagen das Leben häufig so sehen, wie Shakespeare in dem grimmigen Zitat, welches ich als Motto gewählt habe.

An Sonntagen und Feiertagen ist unsere Sicht versöhnlicher, wir sehen Sinn in unserer Existenz, selbst wenn es nur das Leben ist, an dem wir hängen und das uns Sinn genug sein mag.
Ich arbeite nur noch, was ich mir selbst auftrage, jeder Tag ist Werk- und Sonntag zugleich für mich. Ich versuche dem Lärm und Zorn des schlechten Schauspielers namens “Leben” Bedeutung abzugewinnen, mit wechselndem, aber merklichen Erfolg. Dass ich wieder schreiben darf und Leser finde, stimmt mich wohl milde, die Selbstzweifel bleiben vertraute Begleitmusik, manchmal verstummen sie sogar.

“Something wicked” kreuzt früher oder später ohnehin unseren Weg, also lasst uns an Feiertagen das Leben als magisches Schattenspiel betrachten und darauf trinken.

Aus Anlass des runden Geburtstages reblogge ich einen Text, der das Auf und Ab unserer “einzigen Stunde” hier unten, an meinem Beispiel illustriert. Tatsächlich der einzige Text, in dem ich mich an mein gesamtes Berufsleben, vom Schulverweis 1970 bis zum Sender-Ausstieg 2003, erinnere.

Berlinische Leben – “Achterbahn und heiteres Beruferaten” / von Marcus Kluge

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1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Das ich Teil davon sein werde, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Ich bin 30 und hatte noch nie eine “richtige” Arbeit, also nie fulltime gearbeitet und nie rentenversichert, Ich hatte mich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen, nachdem ich Anfang 1970 vom Gymnasium verwiesen wurde, weil man Härte gegen einen politischen Rädelsführer demonstrieren wollte. Ich war bei weitem nicht der Einzige, beispielsweise meinem Schulfreund Burkhardt, dem späteren “Zensor” ging es genauso. Der rappelte sich wieder auf, er begann selbstgemachte Kerzen am Kudamm zu verkaufen und erfand sich dann “Plattenguru” neu. Ich war nicht so flexibel. Ohne Abi und Studium machte eine Karriere keinen Sinn für mich. Ich war auch irgendwie eingeschnappt oder blockiert. Ich versuchte es probeweise als Tankwart, Babysitter, Altenpfleger, Werbetexter, Verkäufer und Journalist, ohne das mir dieses “Was bin ich?”-Spiel Spaß machte und ohne überzeugenden Erfolg in einer dieser Professionen.

1985, zwei Tage vor Beginn der Funkausstellung wird am 28. September in 218000 Haushalten ein zusätzliches Angebot, bestehend aus 12 TV-Sendern freigeschaltet. Neben öffentlich-rechtlichen Sendern, wie WDR oder dem Bayerischen Fernsehen sind erstmals auch private Sender am Start, allen voran RTLplus und SAT.1. Ich ahne nichts Gutes, besonders was die Privaten angeht. Außerdem will man in Berlin einen frei zugänglichen Bürgersender ausprobieren, den Offenen Kanal Berlin. Dieses “demokratische Feigenblatt”, so sehen es Medienkritiker, wird mein Leben für fast zwei Jahrzehnte verändern und bestimmen.

Am 28. August 1985 wird auch der Offene Kanal Berlin eröffnet und etwas später macht mich Frank darauf aufmerksam, dass man dort Produktionsmittel für Videoprojekte kostenlos ausleihen kann. Einzige Bedingung ist, die fertigen Produktionen auch dort ausstrahlen zu lassen. Damals gab es außer Super8, was mich nie gereizt hat, noch keine preiswerten Kameras. Videocamcorder waren für Amateure kaum bezahlbar, so das diese Möglichkeit mich sofort begeisterte. Und da wir mit einem Fernsehsender kooperieren wollten, erschien es mir logisch auch ein Fernsehformat zu schreiben. Mit Herbert zusammen hatten wir ja schon in unseren Hörspielen das Detektivthema aufgegriffen. Mein Pseudonym Sherlock war ja kein Zufall. Also beginnen Herbert und ich eine Detektivserie zu schreiben, eine wüste, anarchische Parodie. “Bum Bum Peng Peng” handelt von einem eingebildeten Detektiv namens Bernhard Bernhard und seinem kindischen, tennisverrückten Assistenten Bum Bum Boris. Die Rolle des Bösewichts schreibe ich mir selbst auf den Leib, sie heißt Hendrik Marinus van Loon, der “Eierkaiser”. Es war die Zeit der Lebensmittelskandale, Birkels hochgeschätzte Eiernudeln waren eben wegen verseuchtem Flüssigei ins Gerede gekommen. Meine Gehilfen, “Cash & Carry”, werden von einem befreundeten, schwergewichtigem Biker und dem Musiker und Hörspielautor Caspar Abocab verkörpert.

Auch sonst tut sich etwas in meinem Leben. Es ist eine Zeit des Umbruchs, ich spüre das ich unzufrieden bin. Seit fast sieben Jahren bin ich mit meiner Freundin Ute in einer wechselhaften Beziehung. Ende 1985 werde ich krank. Es geht abwärts. Ich fühle mich wie ein alter Opa, habe Schmerzen und liege wochenlang im Bett, weil mir jede Kraft fehlt. Mein Arzt murmelt etwas von einem Infekt, den mein Körper nicht abwehren kann. Mit Ute gab es wieder Streit, wir haben uns zwei Monate nicht gesprochen. Ich bin abgebrannt und es fehlen Kohlen, um die Bude zu heizen. Einen Tag vor Weihnachten liege ich frierend im Bett und sehe Tarkowskys Film “Der Spiegel”. Da ruft mich Ute an, wir reden zwei Stunden miteinander, wir beschließen wieder zusammen zu ziehen und es diesmal richtig zu machen. “The Full Monty”, in unserem Fall: wir werden heiraten. Es geht wieder aufwärts.
IMG_20140808_0003 (Um die Bilder größer zu sehen, einfach daraufklicken)

Im Frühjahr 1986 drehen wir mit Herbert, Frank und vielen weiteren Freunden und Bekannten den Pilotfilm von “Bum Bum Peng Peng”. Wir leihen uns beim OKB eine Videokamera mit U-Matic-Porti aus, ein semiprofessionelles Format mit dreiviertel Zoll-Band, mit dem man sehr gute Ergebnisse erzielen konnte. Ein paar Jane-Beams mit Stativen besorgen wir uns, um die Szenenbilder auszuleuchten. Nachdem der 30 Minuten lange Beitrag im Kabelfernsehen gezeigt wird, bekommen wir gutes Feedback und ich schreibe eine erste Staffel “Bum Bum Peng Peng”, die aus drei Episoden bestehen soll.

Gleichzeitig bin ich auf Jobsuche. Den Minijob in einem Buchladen habe ich nach fünf Jahren verloren, nachdem ich einen etwas kleingeratenen Chef aus Wessiland “Gartenzwerg” nannte. Ich schreibe über 70 Bewerbungen, besonders interessiert mich etwas im öffentlichen Dienst. Es ist wie ein mehr oder weniger heiteres Beruferaten, ich frage mich bei jedem Angebot, wäre ich bereit diesen Job zu machen? Ehrlich müsste ich sagen, nee, nicht wirklich, aber ich bin in einer Zwangslage und langsam werde ich mürbe. Am Ende bewerbe ich mich für wirklich jeden Job. Zum ersten Mal denke ich an meine Rente, ohne Zusatzversicherung würde ich im Alter aufs Sozialamt gehen müssen. Ich trete zu Bewerbungsgesprächen an, aber ich passe in keine Schublade, die die Chefs, denen ich mich vorstelle, so im Kopf haben.
Am 1. Juni ist Drehbeginn für die Fortsetzung der Krimiserie. Der Stab und die Schauspieler haben sich freigenommen, alle werden ohne Gage arbeiten, ich will Regie führen. Eine Woche vorher bekomme ich Post von der Hochschule der Künste. (Heute UdK) Sie wollen mich unbefristet, in Vollzeit und im Schichtdienst als Pförtner beschäftigen. Der Gedanke als Pförtner zu arbeiten ist mir sehr unbehaglich. Ich tröste mich damit, das ich als Kartenabreißer auf Konzerten etwas ähnliches tat und das das Umfeld einer Kunstuni vielleicht ganz spannend ist.
Die Arbeit ist einfach, doch meine Sozialphobie macht mir zu schaffen. Unter den ausschließlich männlichen Schultheiss-Berlinern, die meine Kollegen sind, bin ich ein unpassender Fremdkörper und das zeigt man mir auch. Zu allem Übel ist einer der Pförtner ein echter Nazi. Ein hochintelligenter Choleriker, anders als die stumpfen Nazi-Skins, die mir bisher über den Weg gelaufen sind. Schulz ist früher Kran-Führer gewesen, aber nachdem er betrunken aus seinem Führer-Häuschen gefallen ist, schwerbehindert. Obwohl der Mann fast täglich vor Studenten die Auschwitzlüge verbreitet, gilt er als unkündbar, wegen seiner kaputten Beine. Die linken Professoren, die ich anspreche, erklären mir sie könnten als Beamte nicht eingreifen, weil der Mann “Lohnempfänger” sei, was im Unijargon für Arbeiter steht.
Der Schichtdienst ist auch nicht ohne, bis Mitternacht arbeiten und zwei Tage danach um halb sechs morgens anfangen. Jede zweite Woche darf ich auch am Sonnabend antreten.
Durch die Arbeit kann ich bei den meisten Szenen nicht Regie führen, sogar in meiner Rolle als Eierkaiser werde ich gedoubelt. Frank übernimmt die Regie, macht das ganz ordentlich, aber vieles steht nicht im Script und was ich nur im Kopf habe, wird nicht umgesetzt.
Sechs Wochen später, am 10. Juli 1986 heiraten Ute und ich im Rathaus Schöneberg.
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In den nun folgenden zwei Jahren mache ich mehrere Dutzend Sendungen für den OKB. Ich bin in meinem Element, ich probiere Satire, Kabarett und auch ernsthafte Talkshows und Magazinsendungen aus. Mit Volker Hauptvogel drehe ich im Pinguin-Club eine Reihe Film-Clips, ich parodiere Kohl und verteidige mit Hitlerbärtchen Uwe Barschel*, den man eben tot in einem Genfer Luxushotel gefunden hat. Allerdings fühle ich mich nirgendwo mehr zu Hause, es gibt keinen Ort mehr an dem ich mich wohlfühle und an dem ich mich entspannen kann. Ich werde immer depressiver und gestresster, ich bin wohl doch nicht für die Ehe gemacht. 1988 ziehe ich einen Schlussstrich, zuletzt hatte ich ernsthaft Angst, ich könne mir etwas antun. Ich ziehe aus und übernehme moralisch die Schuld. Immer wieder habe ich seitdem nachgedacht, ob ich nicht doch einen Fehler gemacht habe, doch dann wird mir wieder bewusst, wie verzweifelt ich war und das mein Entschluss alternativlos war. Dennoch war es sicher die schwerste Entscheidung meines Lebens.
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Wie so häufig im Leben liegen Tragik und Glück eng nebeneinander. Bei meiner Trauer über das Scheitern der Ehe, für das ich mir die Schuld gebe, bekomme ich ein Angebot. Nach steiler Abwärtsfahrt sehe ich wieder den Himmel. Nachdem ich immer davon geträumt habe, Film oder Fernsehen professionell zu betreiben, wohl wissend das meine formale Qualifikation dafür nicht ausreicht, fällt mir ein Angebot in den Schoß. Im Offenen Kanal Berlin, wo ich seit zwei Jahren als unbezahlter und ungerufener “Nutzer” Programme produziere, ist eine Stelle frei. Meine Freunde Anette und Frank, die beide dort festangestellt sind, berichten mir davon. Es geht um die Disposition, den Knotenpunkt im Sender, an dem sämtliche Produktionen und Sendungen terminiert werden und an dem neue Nutzer aufgenommen werden und ihre erste Beratung bekommen. Für die Nutzung braucht man nur gültige Papiere, andere Vorbedingungen gibt es nicht und außerdem ist alles kostenlos. Die Aufgabe diesen Sender zu organisieren und zu verwalten scheint mir ungeheuer reizvoll und ebenso gewaltig, äh, gewaltig. Auffällig ist jedenfalls, dass sich noch keinen Interessenten gibt, der den Job ernsthaft haben möchte.
Ich spreche mit Anette, die den OKB aufgebaut und geleitet hat, bis die Medienanstalt einen Leiter installiert hat. Sie erklärt mir die Aufgabe, weist darauf hin, dass es darum geht, bürokratische Normen umzusetzen und das es dabei keinerlei kreative Spielräume gibt. Sie signalisiert auch Vertrauen, dass ich die Aufgabe bewältigen könne, hat aber einen Vorbehalt. Als Freundin gibt sie zu Bedenken, ich könne meine Talente, das Schreiben, Spielen und das Inszenieren nicht mehr ausüben. Nicht im Job und auch nicht nebenbei, weil ich ersteinmal keine Zeit und Kraft hätte, etwas anderes zu machen. Und sie befürchtet, dass ich dabei Schaden nehmen könnte. Sie hatte Recht, ich nahm Schaden, nur dauerte es viele Jahre, bis ich es merkte. Und als ich es dann merkte, war es zu spät um das Ruder noch herum zu reissen. Ich hätte mir wohl nie verziehen, die Chance auszuschlagen, im Februar 1988 bewerbe ich mich um die Vollzeit-Stelle “Disposition OKB”.
Die Vorteile überwiegen in meinen Augen, mir schien die Stelle eine Art Traumjob zu sein. Allerdings war ich eher skeptisch, dass meine Bewerbung Erfolg haben würde. Normalerweise stellt der Sender studierte Kandidaten ein. Ich aber hatte noch nicht mal Abitur, weil ich nach der 68er Revolte kein West-Berliner Gymnasium mehr besuchen durfte und mein einziger Abschluss daher die Mittlere Reife war. Außerdem war meine berufliche Vita mehr oder weniger nicht existent, da ich zehn Jahre lang von Hilfsjobs und ein wenig Schreiberei gelebt hatte. Dazu kam, dass mir der neu installierte Leiter des OKB nicht gerade sympathisch war. Ich hielt J.L. sogar für eine absolute Fehlbesetzung.
Das erste Mal hatte ich J.L. Während der Funkausstellung 1987 bei einer Diskussion über die Zukunft des Berliner Bürgersenders beobachtet, in der er eine sehr schlechte Figur machte. Später wurde er zu einem aufrechten Lobbyisten für die Sache des Bürgerfunks, aber damals hielt ich ihn für fehl am Platz. Ich hätte es für fair und für die Zukunft des Senders am förderlichsten gehalten, wenn Anette Fleming Leiterin geworden wäre, die beim Aufbau des OKB einen tollen Job gemacht hatte. Zusammen mit dem OKB waren ja auch die “Havelwelle” und die “Kabelvision” gestartet, mit denen der OK anfänglich die Frequenz teilte. Da beide Projekte desaströs scheiterten, wurde dem OKB mit Wirkung am 1. Januar 1986 die Frequenz allein übertragen, ein Erfolg der vor allem der Leistung von Anette Fleming zu verdanken war. Doch Anette war nicht interessiert eine Leitungsaufgabe zu übernehmen, sie zog es vor im Kontakt mit der Basis zu bleiben. Ohnehin war es eine politische Entscheidung und die Politiker hatten ein bißchen Angst, vor der von ihnen geschaffenen Kreatur des “freien Zugangs zu Radio und Fernsehen”. Da sollte ein gestandener Verwaltungsmensch als Leiter allzu großer Freizügigkeit bürokratische Fesseln anlegen.
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Ich habe es vielleicht nie im Leben zu wahrer Virtuosität gebracht, egal worin. Vielleicht bin ich zu streng mit mir, aber Tatsache ist und war, dass ich oft sprunghaft von einem Metier ins nächste sprang, wo Ausdauer und Beharrlichkeit besser gewesen wären. In einem war ich allerdings immer groß, wenn es darauf ankam, konnte ich stets einen guten Eindruck hinterlassen. Also saß ich vor dem Leiter des OKB und machte aus meinem Leben eine Erfolgsgeschichte, die gerade dazu geschaffen war von einer Tätigkeit als Dispositeur des Berliner Bürgerfunks gekrönt zu werden. Es kam mir zugute, dass J.L. gern Leute engagierte, die ein wenig unterqualifiziert waren.
Tatsächlich bekam ich die Stelle. Es war mir ein Vergnügen, meinem großspurigen Hausmeister-Chef mitzuteilen, dass ich, als Pförtner des neoklassizistischen Baus in der Bundesallee, nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Ich wurde zwar gewarnt, an einem 15. März eine neue Stelle anzutreten. Ich war aber sicher, mir würden die “Iden des März” zum Glückstag werden, anders als für Julius Ceasar, der diesen seinen Unglückstag nicht überlebte.

Also begann ich am 16. März im Offenen Kanal Berlin zu arbeiten. Mit Dr. Bismarck von der Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation hatte ich ausgemacht, dass ich für verbleibenden zwei Märzwochen pauschal 1000.- DM bekommen sollte. Ich bekam das schönste Büro, ein Eckbüro mit Sicht auf den Humboldt-Hain, schrieb Sendepläne und vergab Kameras, Schnittplätze, Hörfunk- und Fernseh-Studios. Welchen Sprung ich gemacht hatte, merkte ich als mich Burkhardt Seiler vom Zensor-Label besuchte. Sechs Jahre zuvor hatte ein Praktikum beim “Zensor”, in dessen legendären Plattenladen gemacht, ich stellte mich ziemlich blöd an, konnte kaum etwas und wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte.
Drei Jahre machte ich die Dispo für beide Sender, Hörfunk und Fernsehen. 1991 wechselte ich in den Produktions- und Sende-Betrieb.

Es war überwiegend so etwas wie ein Traumjob für mich, bis ich 2003 aus gesundheitlichen Gründen das Handtuch werfen musste. Die letzten zwei Jahre waren traurig, ich hatte ständig Rückenschmerzen, kämpfte mit Depressionen und hatte den Eindruck nicht mehr richtig schlafen zu können. Trotzdem hätte ich den Absprung allein nicht geschafft. Ich hatte das Glück an eine kluge Ärztin zu geraten, die mir den Ausstieg nahelegte. Schon lange merkte ich, dass meine Leistungsfähigkeit nachließ. Um mich zu motivieren gab mein Chef mir Aufgaben für die On-Air-Promotion des Senders. Ich durfte wieder on-air gehen, Interviews drehen. Ich bespielte eine Nachtsendeschiene, für “Werkschau” hatte ich über 80 Stunden Sendezeit pro Woche zu füllen. Mit meinem talentierten Kollegen Juan Aballé drehte ich einen schönen Trailer dafür. Juan hatte bei Kamera und Schnitt hervorragende Arbeit gemacht. Beim Screening klopften mir die Kollegen auf die Schulter, aber innen drin war ich unzufrieden mit meiner Leistung vor der Kamera. Ich merkte, mir fehlte Schwung, Leichtigkeit und Durchsetzungskraft. Im heißen Sommer 2003 war ich sieben Wochen in einer Reha-Klinik in Thüringen. Die Ärzte und Psychologen empfahlen eine Umschulung. Erneut spielte ich heiteres Beruferaten, diesmal mit meiner Reha-Beraterin, das Glücksrad blieb bei “Event Manager” stehen und ich lernte einen neuen Beruf. Ich konnte mich nicht bei meinen Kollegen vom OKB verabschieden. Ich brachte es nicht fertig, als “Gescheiterter” unter ihre Augen zu treten. Der Ausstieg war heftig für mich, ich habe jahrelang noch Albträume davon gehabt. Erst jetzt, zehn Jahre später, habe den nötigen Abstand, um diesen zweitschwersten Entschluss meines Lebens, schreibend zu verarbeiten.
Übrigens, den Offenen Kanal Berlin gibt es noch, er nennt sich jetzt Alex**, ist aber immer noch im Wedding in der Voltastraße 5 und sendet im Kabel. Einige meiner großartigen Kollegen arbeiten immer noch da, z.B. Karin, Mischka oder Frank. Andere ebenso feine Ex-Mitarbeiter haben es, wie ich, vorgezogen weiterzuziehen, wie etwa Anette, Dirk und Wobser, an dessen “Ausstieg” ich mich noch deutlich erinnere, obwohl er fast 20 Jahre her ist. Wobser machte Urlaub auf einer griechischen Insel, als ihn die Erkenntnis traf, er brauche Veränderung in seinem Leben. Er flog einfach nicht zurück, schlief eine zeitlang am Strand. Irgendwann lernte er eine englische Touristin kennen, verliebte sich und flog mit ihr nach Groß-Britannien, wo er immer noch glücklich mit ihr zusammenlebt.

Dieser Artikel wird in wenigen Tagen mit einem neuen, zweitem Teil fortgesetzt. “Nackte, Nazis, Nervensägen” erzählt von den skurrilen Nutzern des OKB und ihren schrägsten Sendungen und der merkwürdig verzerrten Wahrnehmung des Senders durch die Berliner Medien.

Die Illustrationen sind teilweise der Studie “Mach dein eigenes Programm”, aus dem Jahre 1989, von Hans-Joachim Schulte entnommen.

*Meine “schrägste”, die Barschel-Sendung:

https://marcuskluge.wordpress.com/2014/02/24/er-tat-nur-seine-pflicht/

**Alex OKB:

http://www.alex-berlin.de/

Berlinische Leben – “Nackte, Nazis, Nervensägen” / “Mein” Offener Kanal Berlin – Teil Zwei / 1985-2014

Es ist schon merkwürdig, aber der Offene Kanal Berlin ist in den Berliner Medien nur selten thematisiert worden. Zumindest bis 2003, also solange ich dort gearbeitet habe. Zu seiner Eröffnung im Jahre 1985* wurde im Zusammenhang mit dem Kabelpilotprojekt über ihn berichtet. Eigentlich wäre der neuartige, emanzipatorische Ansatz, “jeder kann senden”, es Wert gewesen seine […]

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