Tag Archive | Punk

„Schnelle Schuhe – Die Punkjahre “ Die Serie hat jetzt eine eigene Seite

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern: die Punkjahre. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen.

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punkjahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun.

Teil 1 – Nun hat meine gute Freundin Cordula das Wort und erinnert sich an das Punk House, jene legendäre erste Punk-Location im West-Berlin der späten 70er Jahre:

„Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke

http://wp.me/p3UMZB-1Du

10877854_4876018195300_377464097_n

Teil 2 – Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als “Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhytmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
“Watt soll’n ditte hier?”

„Ach Musik“ / von Marcus Kluge

http://wp.me/p3UMZB-1FC

img_20130819_0006

Teil 3 – “Die erste Punk-Band, die ich mit meinen damals gut 14 Jahren näher kennen lernte, waren die Ramones, eine New Yorker Band, deren Musik Kultstatus hatte. Ihre bereits 1976 aufgenommene Scheibe Ramones habe ich mir damals wie ein Mantra immer und immer wieder in meinen jugendlichen Schädel reingehämmert. Und warum? An den Texten und an den musikalischen Arrangements wird es wohl nicht gelegen haben, denn die waren ziemlich einfach. Entscheidend war, dass die Musik der Ramones drive hatte. Sie war schnell. Sie war voller Energie. Und genau das war das Faszinierende. Denn mein Leben hatte gewissermaßen keinen drive. Hatte keinen Schwung. Keine Energie.”

„Schwankende Gestalten“ / Erinnerungen eines Spandauer Punks von Olaf Kühl

http://wp.me/p3UMZB-1GC

2016-06-11-0002-3

Teil 4 – In unserer Reihe über die Jahre des Punk in West-Berlin berichtet der Musiker Sea Wanton von seiner Reise zum Atonal-Festival 1983.  Seine Band Non Toxique Lost war überraschend eingeladen worden. “Wieso uns aber Dimitri Hegemann, der Organisator des “BERLIN ATONAL 2″ Festivals zur Teilnahme eingeladen hatte (außer einem Demo-Tape und einem kurzen, freundlichen Briefwechsel war vorher nichts in Richtung Berlin gegangen), blieb uns rätselhaft. Immerhin waren als top-acts PSYCHIC TV, ZOS KIA und ZE’V angekündigt !!” Die Konzertreise ist für die jungen Mainzer ein Abenteuer gewesen, an das sich Sea Wanton mit gemischten Gefühlen erinnert. Anreise durch die DDR, Auftritt in den Pankehallen, am nächsten Tag Mauer-Sight-Seeing

http://wp.me/p3UMZB-1Dq

seawant

Teil 5 -Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

„Hollywood-Friedenau“ / von Marcus Kluge

http://wp.me/p3UMZB-1JS

img_20130819_0006

“Geht doch in den Osten!” / Andi, Richard, Gabi und die anderen / Ein virtuelles Fotoalbum / 1965 – 77

Marcus Bambus

Andy Wasser

IMG_20140309_0002 (5)

13876621_10201640060279467_3862631643089864482_n

“Gann die junge Dame mal das linke Ohr freimachen?”, der DDR-Grenzer hat meinen Ausweis in der Hand und weiß es besser. Fast jedesmal, wenn wir über die Transitstrecke fahren, bin ich Ziel des Spottes der spießbürgerlichen Grenztruppen des realen Sozialismus. Im Westen heißt es: “Geht doch rüber in den Osten!” Das wird mir und meinen Freunden mit langen Haaren im Westen oft geraten. Es wäre also keine wirkliche Alternative in den Osten zu gehen. Denn auf beiden Seiten meines Vaterlands sind junge Männer mit langen Haaren  in den 60er Jahren verpönt. Mädchen geht es nicht wirklich besser, mit Miniröcken ecken sie an, oder wenn sie auf der Straße rauchen. “Eine deutsche Frau raucht nicht!”, hieß es im Dritten Reich und diese Einschätzung lebt fort. Und Nackte am Halensee, die regen den Spießer erst recht auf. Natürlich wissen wir, dass wir provozieren und wir tun es bewusst. Trotzdem nervt es manchmal, immer wieder angepöbelt zu werden.

1965 beginne ich, meine Haare lang wachsen zu lassen. Meine Strategie ist einfach, ich verweigere den Friseur. Zunächst entsteht eine Art frühe “Beach Boys-Frisur”, die ist verhältnismäßig brav.

13843615_10153992241107982_1059780137_o

IMG_20141006_0001

2016-05-13-0004 (3)

Dann gehe ich in die Breite und nicht mehr in die Länge, ich sehe dick aus und die Frisur im Übergangsbereich ist peinlich. Trotzdem halte ich durch und schließlich wachse ich wieder, strecke mich und werde doch noch ein cooler Langhaariger. Damals war es noch selten, einem anderen Langhaarigen auf der Straße zu begegnen, meist grinste man sich an. Im Gymnasium lernte ich dann langhaarige Freunde kennen, Andi Behrendt, Richard Wesse und den subkulturell gebildeten Burkhardt Seiler, der später als Musikguru “Zensor” bekannt wurde. Besonders wenn wir gemeinsam unterwegs waren, wurden wir beschimpft. Die Prolls und Mittelschichtler, die uns nachriefen erkannten sehr genau den politischen Gehalt, den unser Protest hatte. Nicht wo der Pfeffer wächst sollten wir hingehen, nein, in den Osten zu den “anderen Kommunisten” wurden wir geschickt.

IMG_20130722_0002

Oben: Andi im Konfirmationsanzug.

Am 3. Mai 1965 sitze ich mit meinem Bruder vor dem Fernseher, wir warten auf den UFA-Film, der Montags normalerweise vom DDR-Fernsehfunk gesendet wird; ein Format, das auch in West-Berlin sehr beliebt ist. Aber unvermittelt trifft uns das Material, das US-Soldaten bei der Befreiung der Konzentrationslager gedreht haben. Es schockiert uns, im westdeutschen Fernsehen ist soetwas damals noch nie gezeigt worden. Ich stelle mir vor, selbst im Dritten Reich gelebt zu haben. Dieses Foto fällt mir ein. Es ist von 1938, man feiert die Annektion Österreichs, jeder hier am Kranzler-Eck zeigt den Hitlergruß, was hätte ich getan?

2015-10-18-0005 (3)

Wir werden politisch aktiv, gehen auf Demos, Burkhardt nimmt mich mit zur Roten Garde. Wir gründen ein “Kollektiv”, agitieren unsere Mitschüler und fliegen schließlich von der Schule. In der Folge zerstreuen sich unsere Wege. Mit Andi und Richard bleibe ich befreundet, wir gründen eine Band und fotografieren uns häufig, angezogen, nackt, aber immer mit Matte.

Andy See-1

IMG_20140111_0011

Marcus Zaun neu

2016-07-22-0001 (3)

Ilona Bundesallee

Andy im Baum

Andy Fietspad-1

Marcus D__ne

IMG_20130830_0005

 

IMG_20150216_0003

“Rainy Day Woman” kam aus Heidelberg und viele Berliner wussten 1970 noch nicht, was sie da rauchte.

IMG_20140518_0004

IMG_20150216_0002

IMG_20131025_0002

Mein Freund Rainer macht mit einem Querflötenkasten Mafiastimmung und Gitarrero Fecke klampft akustisch dazu. Fecke wird ein Opfer des “Club 27”, er erstickt 1975 an Erbrochenem. Unten sehen wir ihn mit seiner geliebten Stratocaster.

2014-02-23-17-51-20

IMG_20130820_0001

Oben: Richard 1970, unten ca. 1977 mit Freunden und Familie in Goa.

IMG_20140501_0001

IMG_20131217_0001

1975 lasse ich mir die langen Haare abschneiden. Inzwischen hat fast jeder eine Matte und meine kurze stoppelige Frisur nimmt die Punkästhetik voraus, ohne das ich es ahne. Bald ecke ich mit raspelkurzen Haaren und schwarzer Lederjacke an. Die gleichen Spießbürger, die mich fünf Jahre früher wegen meiner langen Haare beschimpft haben, haben nun selbst Vokuhilas und lange Koteletten. Und wieder wünscht man mich in den Osten ….

Marcus Kluge


Für die Unterstützung bei der Restauration der historischen Fotos danke ich Rainer Jacob.

 

 

Schnelle Schuhe – „Hollywood-Friedenau“ / von Marcus Kluge – Die Punkjahre Teil 5

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern: die Punkjahre. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen.

(Das Foto oben enstand 1983 bei der Assasin-Party “Kanniball in Berlin” in unserem Hauptquartier in der Friedenauer Rheinstraße. Eigentlich hatten Herbert und ich nur drei winzige Einzimmer-Wohnungen gemietet, trotzdem veranstalteten wir Konzerte, Filmabende, Spielturniere, Selbstversuche und andere obskure Events. Das Bild zeigt Gockel Schnockel beim Auftritt von “Dreidimensional” in Herberts Wohn- und Schlafzimmer.)

img_20141201_0005

(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punkjahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

2015-10-24-0007 (6)

Herbert und ich 1984 beim Selbstversuch “Dauerfernsehen”.

Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

IMG_20131206_0004

Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

Imagetaz-Artikel

Image

Image

Image

Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

img_20131215_0001 (2)

DSCN0752 (2)

Oben: Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau und Kiste zum aufbewahren.

Unten: Hcls Clubspiel Spielbrett 60×60 cm.

DSCN0756 (2)

Meine Katze schnuppert wie’s im Dschungel riecht.

DSCN0755 (2)

 1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße. Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und vor allem die Schuhe schneller.

“Keep going”.

Lost and Found-Marathon 2: „Schöneberg Revisited“ / Eine Spurensuche

In Teil 2 unseres Fotomarathons erinnern wir uns an die frühen 80er Jahre in Schöneberg und schauen nach, wie sich der Szene-Bezirk seitdem verändert hat. (Solange ich noch nicht wieder auf Fototour gehen kann, werde ich bis Ende Juli alle Lost and Found-Geschichten in einem Sommermarathon rebloggen. In Planung sind: Mehr Schöneberg, Kreuzberg, Mitte/Lustgarten/Schloss und Pankow.)

13319848_10201439322301143_9210491564826366767_n13407216_10201439322901158_1442298671695268183_n

Der Zensor-Plattenladen neben der Blue Moon-Boutique 1983 und 2016. Unten: Heute befindet sich ein Architekturbüro in den Räumen in der Belziger Straße.

DSCN0642 (2)

DSCN0183 (2)

Café Mitropa

 

DSCN0159 (2)

Metropol

IMG_20131223_0005

DSCN0160 (2)

DSCN0167 (2)

DSCN0158 (2)

Vinylkultstätte

1554608_10201539611427607_1282365882_n

Das ehemalige Café Central (Foto oben: Knut Sehrgut) und Café Swing ist heute eine Apotheke und sieht ziemlich trist aus.

DSCN0162 (3)

DSCN0169 (2)

22.9. 1981: “In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte.” http://wp.me/p3UMZB-1ii

DSCN0172 (2)

Café Berio

DSCN0177 (2)

Slumberland

DSCN0176 (2)

DSCN0178 (2)

Winterfeldtmarkt

DSCN0182 (2)

Rani

DSCN0185 (3)

1983 kamen wir auf die Idee, jeden Dienstag im Mitropa Karten zu spielen. Das Spiel hieß Binokel und wir wurden ziemlich schief angeguckt. Gesellschaftsspiele waren sowas von uncool und dann auch noch Karten! Dazu tranken wir Weizenbier, was auch verpönt war. Heute ist “kiffen” untersagt.

Unten: Mitropa-Anzeige aus Assasin, 1983.

IMG_20131113_0001

DSCN0186

DSCN0194 (2)

Deko Behrendt

DSCN0187

Bowie-Haus

DSCN0195 (2)

Stadtbad

DSCN0200

Als in der Nacht zum 5. April 1986 im La Belle in der Hauptstraße 78 eine Bombe explodierte und drei Menschen tötete, schlief ich 500 Meter weiter in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Rheinstraße 14. Obwohl man als Berliner immer einer theoretischen Gefahr ausgesetzt war, ist der Terror selten so nahe gekommen. Die Visitenkarte drückte mir, Wochen vorher, eine hübsche junge Dame vor dem Forum Steglitz in die Hand.

IMG_20140405_0002

11952998_10200574041509664_5717376031822818637_n

Von unserem alten Domizil (oben) mit dem idyllischen Hof hinter der Leiserfiliale, Rheinstraße 14, ist nichts mehr zu finden. Nur ein seelenloser Neubau steht an seiner Stelle.

DSCN0204

Von 1977 bis 1986 wohnte oder arbeitete ich dort. Anfang der 80er zog Herbert ein und das Gebäude wurde Redaktionssitz des Assasin. Am 10. Juli 1986 feierten wir noch meine Hochzeit auf dem Hof, wenig später wurde alles abgerissen.

2015-10-07-0002

So begann es: – Der Laden, in dem ich jobbte war neben einer Leiser-Schuh-Filiale und das ganze Haus gehörte Leiser. Irgendwann als ich Müll rausbrachte, fiel mir auf, dass es einen Seitenflügel gab, in dem drei Einzimmer-Wohnungen untergebracht waren. Der Seitenflügel machte einen irgendwie prekären Eindruck, man hatte ihn nachträglich an die Brandmauer geklatscht, um etwas billigen Wohnraum zu schaffen, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ich guckte mir auch den Hof genauer an, um den herum Leiser seine Lagerräume hatte. Der Hof, den offensichtlich niemand nutzte, war etwas 6 mal 30 Meter groß, den Abschluss bildete eine Terrasse, die von einem Mäuerchen zum Nebengrundstück begrenzt wurde. Eine Kastanie spendete Schatten gab dem Hof einen grünen Tupfer. Im Sommer könnte man hier bestimmt schöne Wochenenden verbringen.

img_20130901_00011
Mir war klar, das die Wohnungen keinerlei Komfort boten, vielleicht war es sogar das Prekäre, das mir zusagte, mir förmlich zuflüsterte, hier wäre ein absolut passender Ort zum Leben für mich. Innerhalb von 48 Stunden mietete ich eine der Wohnungen, meine Chefin legte ein gutes Wort für mich ein, und ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Knesebeckstraße in die Rheinstraße um. Am Anfang zahlte ich für 28qm weniger als 40 D-Mark Miete. Es war geradezu eine Einladung mich kreativ auszutoben, ohne auf die Lukrativität meiner Projekte zu achten. –

2015-11-16-0001 (3) Der Maler Stefan Hoenerloh beim Klettern.

DSCN0203 (2)

Das Shizzo heute und damals. Das Foto unten stammt von dieser schönen Website: http://shizzo-berlin1980.de/

_wsb_700x433_1

DSCN0208

Kaisereiche.

DSCN0206 (2)

Sparkassen-Kunst

DSCN0210 (2)

MusicHall

1888714_10205714325156899_2827249259013521261_n

“Die Goldenen Vampire” in der Hall.

DSCN0214

Bewegungsmelder Kluge.

DSCN0166 (2)

Schnelle Schuhe – „Schwankende Gestalten“ / Erinnerungen eines Spandauer Punks von Olaf Kühl Teil 1

2016-06-11-0001 (2)

Drive

Die erste Punk-Band, die ich mit meinen damals gut 14 Jahren näher kennen lernte, waren die Ramones, eine New Yorker Band, deren Musik Kultstatus hatte. Ihre bereits 1976 aufgenommene Scheibe Ramones habe ich mir damals wie ein Mantra immer und immer wieder in meinen jugendlichen Schädel reingehämmert. Und warum? An den Texten und an den musikalischen Arrangements wird es wohl nicht gelegen haben, denn die waren ziemlich einfach. Entscheidend war, dass die Musik der Ramones drive hatte. Sie war schnell. Sie war voller Energie. Und genau das war das Faszinierende. Denn mein Leben hatte gewissermaßen keinen drive. Hatte keinen Schwung. Keine Energie.

Ich wohnte damals im Falkenhagener Feld in Berlin/Spandau, damals wie heute eine öde Schlafstadt, in der sich bevorzugt wurzellose, etwas gestörte Menschen niederlassen. Über uns wohnte beispielsweise eine Kleinfamilie, deren Sohn vom rechtsradikalen Vater regelmäßig so brutal geschlagen wurde, dass wir am Abendbrottisch betreten dessen Schreien und Winseln hören konnten; unter uns trieb eine inzestuös veranlagte Sippe ihr Unwesen; im obersten Stockwerk wiederum wohnte eine Mutter, die in lockeren Abständen mit Krankenwagen in die Nervenheilanstalt gebracht werden musste. Erstaunlich, was sich damals – unter dem Mantel kleinbürgerlichen Wohllebens – in meinem nächsten Umfeld für Abgründe auftaten. Fatal war, dass diese Welt nicht nur brüchig und verlogen war, sondern auch so gar nichts Anregendes bot. Sie versprach nichts. Sie lockte mit nichts. Gar nichts. Letztlich wurde man hier immer blöder und stumpfsinniger. Und merkte es kaum.

Und dann kommt diese schnelle, harte Musik von den Ramones und jagt dir wieder Energie in die müden Knochen, rüttelt dich wach und macht dir Mut, nicht weiter stumpfsinnig auf nichts zu warten. Diese Musik, das war wie ein Lockruf: Hey Olaf! Du musst nicht zwangsläufig Teil dieser Verblödungsgesellschaft sein. Es gibt eine bunte, wilde Alternative. Werde doch einfach auch Punk! Wie wir!

Platten-Dealer

So geil die Musik der Ramones auch war: Nachdem ich ihr Album 50 Mal gehört hatte, ließ die elektrisierende Wirkung langsam nach, immer länger musste ich auf den Kick warten, bis er dann schließlich ganz ausblieb. In dem Moment ging es mir so, wie es jedem Junkie irgendwann geht: Man braucht neuen und mit der Zeit auch zunehmend härteren Stoff, um den Zustand der Glückseligkeit wieder zu erreichen.

Nun konnte man die Scheiben der Ramones damals wie heute in jedem etwas besser sortierten Plattenladen kaufen und aus einem solchen hatte ich sie ja auch (aus dem ollen Musikland in Spandau, wo man nachmittags stundenlang rumsitzen und neue Scheiben hören konnte; ab und an kam einer rein, den man kannte, man quatschte ein wenig, hörte die nächste Scheibe und so vergingen die langen Stunden des Nachmittags…). Irgendwann hatte ich aber von zwei spezielleren Läden gehört; von zwei Läden, in denen es härtere Scheiben geben sollte, Scheiben, die nicht für die Allgemeinheit gedacht waren, sondern für die, die es ernster mit der Bewegung meinten. Der eine Laden hieß Vinyl Boogie, der andere Zensor.

Der Zensor befand sich versteckt in einem Hinterzimmer in der Belziger Straße in Schöneberg. Vorne war ein Szene-Bekleidungsgeschäft (das legendäre blue moon), in dem es Klamotten für Freaks jeder Richtung gab: vor allem für Rockabillies und Teds, aber eben auch für uns Punk-Rocker. Hier schaute man sich um, kaufte auch mal dieses oder jenes, aber das eigentliche Ziel war das Hinterzimmer: der Zensor. Der Zensor selbst, Chef Burkhardt, war ziemlich cool; als mein Kumpel Kinski beispielsweise einmal beim Rausgehen stolperte und ihm dabei ein großer Haufen gerade geklauter Fanzines aus der Jacke rutschte, da reagierte Burkhardt total gelassen und sagte nur, er solle die Hefte doch bitte wieder zurücklegen. Das war alles. Leider war es aber so, dass sich dieser Burkhardt gar nicht wirklich für Punk-Musik interessierte; sein Herz schlug vielmehr für experimentelle, avantgardistische Musik, Punk-Scheiben verkaufte er nur nebenbei. Das führte dazu, dass man bei ihm zunehmend lange nach guten Punk-Platten suchen musste, während im Hintergrund Musik lief, die ich nur schwer ertragen konnte. Auf Dauer war das also keine Lösung.

Beim Vinyl Boogie (in der Gleditschstraße, ebenfalls Schöneberg) war es andersrum: Hier gab es die besseren Scheiben, dafür war Andreas, der Chef, ein merkwürdiger Mensch. Nicht nur, dass man bei ihm oft das Gefühl hatte, er würde sich über uns kleine Punk-Rocker lustig machen, vor allem erzählte man sich, dass er schwul sei. Schwulsein war für mich damals aber so was von uncool und bemitleidenswert, dass es in meine Vorstellungswelt vom idealen Punk-Leben nur schwer hineinpasste. Einmal stürmen zwei Punks, die ab und an bei Andreas aushalfen, in den Laden, um ihrem Chef ein neues Video zu zeigen. Alle waren ganz aufgeregt, die Kassette wurde kichernd eingelegt – und dann begann ein Film, in dem sich die beiden gegenseitig ihre Schließmuskel liebkosten – zärtlich und hingebungsvoll. Alle freuten sich ungemein – nur ich war irritiert, fühlte mich fehl am Platze und beendete meinen Einkauf schneller als geplant. Aber das war die Ausnahme. In der Regel ließ uns Andreas mit seinen sexuellen Vorlieben in Ruhe und deshalb kaufte ich meine Platten auch weiterhin bei ihm.

Später kam dann noch das Screen (in der Eisenacher Straße) dazu. Der Laden lag ganz in der Nähe der anderen beiden, so dass man – wenn man wollte – alle drei in einer Tour ansteuern konnte. Dessen Chef, Thommy, war eigentlich sympathisch: nicht so arrogant wie Andreas und nicht so avantgardistisch wie Burkhard. Seine Eigenart lag auf einer anderen Ebene: Von ihm hieß es, dass er Satanist sei; tatsächlich trug er entsprechende Zeichen, außerdem erzählte man sich, er habe seine ganze Wohnung schwarz angestrichen. Ich fand das übertrieben und auch eher unpunkig (Punk hieß doch, frei und unabhängig zu sein), aber weil er mich nie satansmäßig angebaggert hat, war mir das dann auch egal.

Sobald ich etwas Geld übrig hatte, bin ich damals von Spandau nach Schöneberg zum Punk-Shopping gefahren. Dort regelmäßig aufzukreuzen, war auch deshalb ratsam, weil die meisten Scheiben in so kleiner Stückzahl erschienen, dass man immer Gefahr lief, eine gute Scheibe zu verpassen. Und das wollte ich vermeiden. Außerdem hatten diese Läden auch eine wichtige informelle Bedeutung: Hier erfuhr man, wo und wann welche Band in der nächsten Zeit spielen würde und was sonst noch so an Wichtigem anstand.

Punk Live

Der Besuch eines Punk-Konzertes folgte oft einem ritualisierten Ablauf. Zumeist trafen wir uns bereits am Nachmittag auf dem Spandauer Marktplatz, öffneten die ersten Bierdosen, wurden lustiger und lauter und spürten, wie sich allmählich das ersehnte Gefühl gespannter Vorfreude einstellte. Dann machten wir uns auf den Weg nach Kreuzberg (fast alle Punk-Konzerte fanden damals in Kreuzberg statt). Das war damals allerdings ein weiter Weg, denn die S-Bahnlinie hatte man stillgelegt, die U-Bahn war noch im Bau und an schnelle Regionalzüge war damals noch nicht einmal zu denken. So dauerte die Fahrt eine gefühlte Ewigkeit – was uns freilich die Gelegenheit gab, noch ein paar Bierdosen zu öffnen, noch lustiger und lauter zu werden und manchmal auch schon die ersten kleinen Vorabenteuer zu erleben.

Einmal fuhren wir zu irgendeinem Konzert nach Kreuzberg. Lorenzen war dabei, allerdings hatte er noch kein Ticket, geschweige denn Geld, um sich an der Abendkasse eins zu kaufen. Da schlug ich ihm vor: „Schnorr dir doch das Geld einfach zusammen!“ Er sah sich um, stellte fest, dass in der U-Bahn fast nur Türken saßen, aber auch da hatte ich eine Idee: „Wenn du die Türken auf Türkisch nach `ner Mark fragst, dann geben die dir bestimmt was! Sowas mögen die, da freuen die sich.“ – „Aber ich weiß doch nicht, was das auf Türkisch heißt!“ – „Das heißt ananasekim. Du musst ananasekim sagen.“ – „Ey, danke Olaf.“ Und so ging Lorenzen in der U-Bahn voller Türken umher und sagte immer ganz freundlich „ananasekim“, aber keiner rückte auch nur einen Pfennig heraus. Einige grinsten, andere schauten weg, gegeben hat keiner was. Da bekam Lorenzen mit, dass wir uns im Hintergrund schlapp lachten. Auf seine Frage, was denn los sei, erklärten wir ihm, dass ananasekim „Fick mit deiner Mutter“ heißt und die übelste Beleidigung darstellt, die man sich auf Türkisch sagen kann. Was haben wir gelacht. (Aus heutiger Sicht ist das natürlich – wie so vieles – peinlich, weil es zeigt, dass unser Gespür für die Befindlichkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund damals nicht sehr stark ausgeprägt gewesen ist; vor allem aber frage ich mich, ob bzw. wie lange wir heute nach so einer Aktion noch lachen würden; wahrscheinlich nicht sehr lange…)

In heiterer Stimmung erreichten wir dann das ferne Kreuzberg. Einer der wichtigsten Veranstaltungsorte für Punk-Konzerte war damals das KZ 36. KZ stand für Kommunikationszentrum, 36 war die alte Postleitzahl, insgesamt also ein harmloser Name, aber er löste andere Assoziationen aus und wirkte dadurch provokativ. Der Weg vom U-Bahnhof Kottbusser Tor, wo man aussteigen musste, zur Waldemarstraße, in der sich das KZ 36 befand, war für mich wie das Eintauchen in eine andere Welt. Am Kottbusser Tor habe ich zum Beispiel zum ersten Mal in meinem Leben Kebab-Läden gesehen, es gab damals aber auch noch türkische Metzgereien, in deren Schaufenstern rohe Fleischstücke hingen oder Schafsköpfe zu Pyramiden aufgeschichtet waren. Dann ging es die Adalbertstraße hinunter. Und mit jedem Haus wurde das Straßenbild heruntergekommener, abgefuckter: Abrisshäuser – auch so was gab es nicht in Spandau; ganze Straßenzüge mit Gründerzeithäusern hatte man damals bewusst verfallen lassen, weil man sie abreißen und durch öde Sozialbauten ersetzen wollte. In der Waldemarstraße funktionierte dann nicht einmal mehr die Straßenbeleuchtung, stattdessen standen hier finstere Ruinen, in denen kein Licht mehr darauf hindeutete, dass noch irgendetwas bewohnt wäre. Bei einem dieser heruntergekommenen Häuser musste man dann durch ein Tor, um dann über den noch finstereren Hinterhof in das Seitenhaus zu gelangen. Dann ein verfallenes Treppenhaus, dann der erste Stock und dort war schließlich das KZ 36. Zumeist traten hier Punk-Bands aus Berlin auf, deren Musik allerdings fast nie das Niveau der populären Bands aus Westdeutschland erreichte. (Nie habe ich verstanden, warum das so war, aber die richtig guten Bands kamen damals einfach nicht aus Berlin, sondern aus Hamburg, dem Ruhrgebiet oder sonst woher. Irgendwie war es mit dem Punk-Rock so wie mit dem Fußball; auch unsere Hertha kam damals ja nicht richtig hoch…)

Drinnen war es dann ebenfalls völlig heruntergekommen, zudem laut, eng und düster. Viele Leute, die hier herumstanden, waren dem Augenschein nach härter drauf als wir. Auch in der Punk-Bewegung gibt es ja verschiedene Ligen, und wir spürten zumindest in den ersten Jahren, dass wir noch nicht in der Oberliga angekommen waren. Aber dann fingen die Bands an zu spielen, schnell, laut und aggressiv dröhnte es aus den Lautsprechern, die Punks vor der Bühne begannen sich zu bewegen, nach und nach gesellten wir uns dazu, bald schubsten wir uns, warfen uns hin und her, packten uns an den Jacken, sprangen zum Rhythmus der Musik in die Luft, rissen uns zu Boden, lagen dann unten in einem Dreck aus verschüttetem Bier, Rotze und Zigarettenresten, mussten aufpassen, dass niemand auf uns tritt, versuchten wieder hochzukommen, tanzten dann weiter und weiter, brüllten, schrien und schwitzten, atmeten schnell durch, wenn ein Lied zu Ende war und machten beim nächsten Song genauso wild und verwegen weiter. Hierbei mitzumachen war – zumal für einen Brillenträger – nicht ungefährlich, aber ich war gerne dabei, weil das das ultimative Kontrastprogramm zu meinem langweiligen Leben in Spandau war. (Und dass ich noch nicht in der Oberliga spielte, war zumindest beim Pogo-Tanzen egal.) Irgendwann hatte man dann genug vom Herumfegen. Durchgeschwitzt und außer Atem gingen wir dann entweder auf den Hof und atmeten die Kreuzberger Nachtluft ein, oder es ging in den Vorraum, wo man sich ein neues Bier besorgen und etwas plaudern konnte. (Nett war auch, dass hier manchmal kleine Filme gezeigt wurden; hier sah ich zum Beispiel mit 15 Jahren meinen ersten Pornofilm – was in einer Zeit, in der man sich noch nicht via youtube oder youporn dauerbefriedigen konnte, noch ziemlich krass gewesen ist.)

Nach zwei, drei Stunden Konzert waren wir dann völlig erschlafft, hatten nun aber noch die lange Rückfahrt nach Spandau vor uns. Wieder eine gefühlte Ewigkeit unterwegs. Dazu kam, dass der Rückweg nicht ungefährlich war, denn jetzt trieben sich in der U-Bahn Typen herum, die – anders als wir, die wir bloß noch nach Hause wollten – noch ein Abenteuer, eine Bewährungsprobe suchten. Einmal stiegen zum Beispiel ein paar ungesittete Menschen in unsere U-Bahn, die uns zwar zahlenmäßig nicht überlegen, aber eindeutig stämmiger waren. Ich hätte die ignoriert. Aber Kinski hatte seine im Überschauen komplexer Situationen etwas unerfahrene Freundin dabei und die fand es cool und punkig, die Jungs anzumachen. Irgendsowas Überflüssiges und letztlich Bescheuertes wie „Na, die sehen ja schick aus.“ Die fackelten nicht lange. Der Chef holte seinen Totschläger raus und schlug damit voll zu – auf Kinskis Schädel. Völlig sprachlos und entsetzt leisteten wir keinen Widerstand, so dass es damit dann auch sein Bewenden hatte und die Jungs eine Station später wieder ausstiegen. Wir aber mussten in Spandau noch in ein Scheiß-Krankenhaus, Kinski musste sich seinen Kopf nähen lassen („Wie ist das denn passiert?“ – „Ich bin hingefallen…“) und wir wussten, dass es einfach Scheiße ist, nach geilen Konzerten immer wieder in dieses verfuckte Spandau zurückfahren zu müssen.

Wird fortgesetzt –

Olafs Erinnerungen stammen aus dem (leider vergriffenen) Buch „laut und betrunken“. In der nächsten Folge erzählt er von der eigenen Band, dem Fanzine machen und den „Feinden“ seiner Clique: Bürgern, Grünen Männchen und Skinheads.

Schnelle Schuhe – „Ach Musik“ / von Marcus Kluge – Punk in Berlin Teil 2

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen. Und sie ist ein Fragment. Ursprünglich gab es einen ersten Teil, indem eine Autorin erzählte, wie 1977 für sie, Punk nach Berlin kam. Wie sie als 13-jährige “ihre ersten Punks” in der U-Bahn sah und sich fast unmittelbar anschloss. Leider hat die Autorin den wunderschönen Text zurückgezogen und all meine Leidenschaft und Eloquenz konnten sie nicht davon abhalten. Es gab auch eine persönliche Ebene der Angelegenheit, aber die soll privat bleiben. Es war eine neue und unerfreuliche Erfahrung für mich Herausgeber und Freund. Lange Zeit hatte ich keine Lust an dem Serien-Fragment weiterzuarbeiten. Jetzt habe ich begonnen die Sammlung neu zu fassen und durch zusätzliche Texte zu ergänzen. Am 21. 5. erschien der erste Teil und heute folgen meine Erinnerungen. Apropos Erinnerungen, die Autoren beschreiben ihre eigenen Erinnerungen, die möglicherweise nicht mit denen anderer Zeitzeugen übereinstimmen. Diese Texte haben nicht den Anspruch Musikgeschichte zu schreiben, sondern den, persönliche Erinnerungen vor dem Vergessen zu bewahren. (Das Foto oben zeigt den Autor Ende der 70er Jahre.)

“Schnarräng!! – Da tönt ihm in das Ohr
Ein Bettelmusikantenchor.
Musik wird oft nicht schön gefunden,
Weil sie stets mit Geräusch verbunden.”
Wilhelm Busch: Der Maulwurf

1983. Wir sind zu dritt und haben ein Kunstkopf-Mikrofon und einen tragbaren Audio-Rekorder dabei. Irgendwo am Teltowkanal kennen wir einen Schrottplatz, der am Wochenende unbewacht ist. Herbert und ich sind nicht allein, Cordula ist auch dabei, glaube ich.
Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als “Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Den benutzte er sonst zum Mitschneiden von Konzerten. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhytmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
“Watt soll’n ditte hier?”
Die Aggressivität der männlichen Stimme wurde durch das entgrenzte Kläffen eines Hundes unterstrichen.
“Wir machen Musik!”, brüllte ich zurück. Jetzt sahen wir den “Schrottplatz-Offiziellen” und einen riesigen Schäferhund-Rotti-Mischling. Beide waren fuchsteufelswild und der Mann schrie die folgenden, unsterblichen Sätze:
“Ach Musik! Ach Musik ist ditte! Macht mal ‘n langen Schuh, sonst jipps Keile!”
Wir beschlossen ohne weitere Diskussion der Aufforderung des Schrott-Wächters nachzukommen. Schnell packten wir Mikro und Rekorder zusammen, kletterten zurück und spätestens als wir auf unseren Fahrrädern saßen, konnten wir kaum noch die Balance halten vor lachen. Aus “lange Schuhe” wurde in der Erinnerung “schnelle Schuhe” und den “Ach Musik!” Audio-Clip bauten wir in einen Song ein. Wir benutzten ihn schließlich als Jingle bei unseren Veranstaltungen. Er wurde zum Markenzeichen und zum geflügelten Wort für alle Grenzwertigkeiten musikalischer Natur und an solchen waren die 1980er Jahre reich.

2015-10-25-0002

Anfang 1979 sollten die “Sex-Pistols” in der Neuen Welt in der Hasenheide spielen. Neben “The Saints”, deren Stranded-Album ich ’78 als Cut-Corner kaufte, sind die Sex Pistols zwischen dem ganzen weichgespülten Chart- und und behämmerten Hard-Rock, ein Lichtblick. Leider fiel das Konzert aus, meine Karte gab ich zurück, denn inzwischen war Syd Vicious an einer Überdosis Heroin gestorben. Im Chelsea-Hotel in New York, in dem Apartment, in dem er nach Vermutung der Polizei seine Freundin Nancy Spungen erstach. Der Punk kam trotzdem nach West-Berlin und beendete kraftvoll die 70er Jahre, die ich, wenn zu ich einer royalen Familie gehören würde, als mein “Dezennium Horribilis” bezeichnen würde. Es war wirklich ein blödes Jahrzehnt, es baute sich auf der Asche der genialen 60er auf und bestand aus schlechter Musik, hässlicher Mode, dem “Deutschen Herbst” und Stillstand, sowie einem Strukturumbau, der die Grundlagen für den heutigen Turbo-Kapitalismus legte, aber das ahnte ich nur, damals. Umso bunter die Äußerlichkeiten wurden, desto grauer und gefühlskälter wurde die Gesellschaft innerlich. Die “Sexuelle Revolution” entpuppte sich als Erlaubnis Pornografie zu verkaufen und kaufen. Punk war der benötigte grobe Keil, um den 70er-Klotz zu zerhacken. Punk befriedigte den Wunsch der Jungen nach Authentizität, Lebensfreude und Gefühl. Endlich schaffte auch ich es aus meiner selbstgewählten “Splendid Isolation” und meinem Schweigen auszubrechen. Die Latte hing plötzlich so niedrig, dass in Grunde jeder sie überspringen konnte. Drei Akkorde reichten Musik zu machen und das Drei-Finger-Suchsystem reichte, um Autor zu werden. Ich war wieder im Geschäft, ohne Punk hätte man mich wahrscheinlich weitere zehn Jahre später vom Fußboden meiner Außenklo-Wohnung gekratzt.
Vor ein paar Jahren hatte mein alter Freund und Mitstreiter Hcl mal kommentiert, wir wären damals irgendwie alle Punks gewesen. Ich hatte mich distanziert, weil ich mich damals nie als Punk gefühlt habe. Ich war schon Mitte 20, für mich waren richtige Punks 15 oder allenfalls 17. Ich bewegte mich in der Punkszene, sie hat mich sehr beeinflusst, befreit und mir Perspektive gegeben, jenseits traditioneller politischer und künstlerischer Festgelegtheiten. Insofern war auch ich ein Punk.

img_20131206_0008_0001

Performance zum Beginn des Orwell-Jahres am 1. Januar 1984.

Eigentlich hatte ich 1971 das Musizieren aufgegeben, mein Bass lehnte an der Wand und wurde nicht gespielt. Ich hatte als Kind und Jugendlicher viel ausprobiert und und immer wieder versucht den Traum zu verwirklichen, als Musiker auf der Bühne zu stehen und Erfolg zu haben. Mit 16 gab ich auf, ich hatte einfach nicht genügend Talent, fand ich. Aber zehn Jahre später glaubte ich an das Versprechen der Punkbewegung, jeder könne mit drei Akkorden erfolgreich sein. Im “Rock City Berlin” Handbuch 83/84 stehen hunderte Bands, die fantasievolle Namen wie Pille Palle und die Ötterpötter, Mekanik Destrüktiw Komandöh, Leningrad Sandwich oder Flucht nach vorn haben. Es war eine Gründerzeit. Also gründeten Herbert und ich, sofort, nachdem wir uns 1982 kennengelernt hatten, eine Band, die wir “Cut-Up-Swingers” nannten. Zum einen, weil wir mit der Cut-Up-Methode des Schriftstellers William S. Bouroughs arbeiteten, zum anderen spielte der Name auf die Feministin Valerie Solanas an, die S.C.U.M. gründete, die “Society for cutting up men”. Zunächst machten wir Klangkollagen, ich las gefundene Texte, zum Beispiel aus Pornoheften und wir mischten Geräusche und rhythmisches Kling Klong dazu. Es war ziemlich schrecklich, fand ich. Aber ich fand auch schrecklich, was Industrial Bands wie Throbbing Gristle oder SPK machten. Mein Musikgeschmack war im Grunde bescheiden, mit Bass und Schlagzeug, die richtig rockten, war ich meist zufrieden.

img_20131210_0001_0001

Attraktiv&Preiswert ’84

“Split”, der Maler und Sänger der Band “La Loora”, charakterisierte Herbert und mich mit dem Satz:
“Der Eine sieht aus wie ein Hippie, ist aber keiner und der Andere sieht überhaupt nicht wie ein Hippie aus, war aber wahrscheinlich mal einer.”

In Wirklichkeit hatte der “Ach Musik”-Rufer auf dem Schrottplatz mit seinen Zweifeln nicht unrecht. Man konnte darüber streiten, ob wir wirklich Musik produzierten. In den Weiten des Internets gibt es Seiten, die jede noch so obskure Band aus den 80er Jahren in Schubladen einordnen. Kürzlich las ich für uns die Kategorie “Avantgarde/Junk Punk”, was gar nicht mal verkehrt ist. Tatsächlich machten die Cut-Up-Swingers eher Lärm als Musik, kunstvollen Lärm und schlichtesten Punk. Unsere Musik gemahnte mehr an David Peel, weniger an John Peel.

img_20131122_0001

War kein Hippie

Dann gründeten wir das Fanzine “Assasin” und Herbert zog in die Wohnung unter mir in der Rheinstraße. Von nun an war Herbert “Dr.Dr.Dr. Beinhardt Attraktiv” und ich war “Sherlock Preiswert” und langsam schufen wir einen fiktiven Kosmos um uns herum. Dazu gehörten Salzstangen und Pfefferminztee, sowie ein fiktives Detektivbüro, über das wir Hörspiele und später sogar Filme machten. Wir hatten Fans, Leser und Freunde, die Mitarbeiter wurden, als auch Mitarbeiter, die Freunde wurden. Cordula, Hcl, Calli, Bong Boeldicke und Andreas B. gehörten zum harten Kern. Mein Freund Rainer Jacob, der schon ein gefragter Art Director war, machte die Gestaltung und veredelte den Punkstil mit Art Deco und Anspielungen auf den deutschen, expressionistischen Film. Wir kollaborierten mit Bands wie Dreidimensional oder MDK und Künstlern wie Hapunkt Fix. Viele Fotostrecken entstanden, zum einen Bandfotos, zum anderen Street-Fashion-Aufnahmen. Wir hatten Kontakte ins In- und Ausland, tauschten Tapes und Fanzines und das alles ohne Computer und Internet. Unsere beiden kleinen Wohnungen in der Rheinstraße 14 wurden zu Redaktion, Studio, Konzerthalle und Treffpunkt der Subkultur.

img_20011231_0002

Assasin N°5

Als ich für diesen Text recherchierte, um die Lücken zu füllen, die runde 30 Jahre in mein Gedächtnis gerissen haben, stellte ich fest, wie unterschiedlich man sich erinnert.
Hcl glaubte sich dunkel zu erinnern, “Ach Musik” stamme von einem Prollnachbarn in der Rheinstraße. Dazu fiel mir nichts ein, erst als Herbert das Stichwort “Maserati” ins Spiel brachte, stieg das Bild dieses Nachbarn in mir hoch. Dünn, 1,90 groß, mit Vokuhila, war er wohl der Prototyp eines “Prollnachbarn”. In der Wohnung über mir, – ebenfalls 28 qm, zu heizen nur mit einem Allesbrenner, versehen mit Außenklo und einem Kaltwasserhahn in der Küche – hauste er mit Frau und einem Baby, sowie einem Yorkshire-Terrier. Das Geld, das er als Kohlentrimmer verdiente, steckte er wohl hauptsächlich in einen Maserati, den er liebevoll pflegte und an dem er jedes Wochenende unermüdlich herumschraubte. Abends widmete er sich seiner illegalen CB-Funkanlage, deren Booster so stark waren, dass ich ihn ständig in meiner Stereo-Anlage hörte.

11951876_1651784278402052_2234477591719954690_n

Rheinstraße 14 mit Leiser-Filiale und Maserati.

Ja, der Maserati-Mann war ein echtes West-Berliner Original, auch wenn einem seine Familie leid tun konnte, aber der Urheber von “Ach Musik” war er nicht. Wie Herbert konnte sich Cordula an unsere Aufnahmesession auf dem Schrottplatz am Teltowkanal erinnern.
Cordula: “Ich war dabei! Das ist wieder so’n Ding, wo dein Text mir zeigt, dass es wahr war, woran ich mich erinnere – kennst du das: manchmal sind solch ferne Erinnerungen irgendwie unwirklich, bis jemand auftaucht, der auch dabei war. Hab seitdem sogar selbst ein paar feine rostige Teile zu Hause, weil sie gut klingen und denke dabei auch manchmal an dieses erste Mal. Und ich warte bis heute vergebens auf das Konzert für 23 Kaffeemaschinen, war immer überzeugt, dass das ein Erfolg werden würde und dass das der eigentliche Zweck dieser Blubbergeräte ist!”

img_20140119_00041

Cut-Up-Swingers Bandfoto

Herbert und ich versuchten die Cut-Up-Swingers in Richtung Band zu entwickeln, aber ein Bandfoto mit Mirkotz von Dreidimensional und dem DJ RichArt blieb der einzige Abzug dieses Vorhabens. Allerdings spielte Mirko als einziger “richtiger Musiker” bei einigen unserer Aufnahmen.
Mehr als Rock’n’Roll lagen uns kopflastige Performances. Auch gern mit Kaffeemaschinen, ihr Sound war besser, je verkalkter sie waren. Am 1. Januar 1984 machten wir eine Performance in einer Galerie in der Körnerstraße, um den Beginn des Orwell-Jahrs zu feiern. Ich las Beunruhigendes aus der Springer-Presse vor, Herbert demonstrierte mit Styropor, wie man Abhörspezialisten fertigmacht und ein paar Kaffeemaschinen blubberten. Das Konzert für 23 dieser Warmgetränkeerzeuger wartet aber in der Tat noch auf seine Aufführung.
Wir veröffentlichten drei Tapes, Cover, Texte und natürlich Herberts schöne Klangkollagen lockten einige Käufer. Noch heute werden diese Tonträger im Internet gehandelt. Regelmäßig plünderten wir die Altpapierstapel der Nachbarschaft um stets genug Lesestoff und Anregungen für ünsere Veröffentlichungen zu haben. Einmal im Monat holten wir Altpapier vor dem Wohnhaus von Barry Graves ab. Graves war damals als Radio-D.J. und Rockjournalist eine feste Größe und lebte zeitweise in New York. TimeOut, New Yorker und Billboard erweiterten unseren Horizont. Auch die Idee für unser Tape “Sex By Phone” stammte aus dieser Quelle. Bevor Graves 1994 an HIV starb, war er der Erste, der in seinen Sendungen eine neue Musik, namens Tekkno präsentierte.

img_20131130_00031

Kannibal mit Graf Haufen

1984 veranstalteten Herbert und ich “Kannibal in Berlin”, eine Art Anti-Karneval in unseren beschränkten Räumlichkeiten in der Rheinstraße. Dazu nutzten wir auch die Flachdächer vor Herberts Wohnung. Es wurde eine ziemlich rauschende Party, in der Woche danach drohte uns der Vermieter mit Kündigung. Die blieb uns erspart, wahrscheinlich weil kein Nachmieter zu finden gewesen wäre und wir zahlten unsere Miete immerhin pünktlich. Danach sprach uns Gudrun Gut an, die mit “Sleep” eine unvollständige Bestandsaufnahme der Berliner Punk- und Industrial-Szene plante. Wir beteiligten uns mit “Üxxan Kcüruk”, eine Art “Neubauten-Parodie” und persönliche Verarschung von Blixa Bargeld. Eigentlich mochten ich die Neubauten ganz gern, Herbert war sogar ein echter Fan, aber ich hatte mich über Blixa geärgert. Seit fast zwei Jahren rannte ich ihm hinterher und bat ihn um ein Exklusiv-Interview. Diverse Male sprach ich ihn an und wurde vertröstet, während er zum gefragten Interviewpartner von Mainstream-Medien wurde. Ich schrieb eine böse Glosse über ihn im Assasin und erfand dafür eigens eine neue Rubrik, die “Denu”, eine Abkürzung von Denunziation, ganz im Stil unserer “Abschusslisten”-Satire. Nicht zufällig gehörte Christian Y. Schmidt, der damals das geniale Dreck-Magazin machte und später acht Jahre bei “Titanic” Endzeitsatire betrieb, zu den größten Assasin-Fans. Unter anderem veröffentlichten wir Blixas bürgerlichen Namen, Christian Emmerich, worüber der Sänger “not amused” war, wie wir hörten.
Das Stück für Gudruns Sleepsampler hieß ursprünglich “Zurück Christian”, aber wir verschlüsselten es, in dem wir den Titel rückwärts schrieben: “Naitsirhc Kcüruz”. Aber “Naitsirhc” schien uns zuwenig kommerzielles Potential zuhaben, so machten wir “Üxxan Kcüruz” daraus. (Nait Sir H.C. wäre auch nicht schlecht gewesen) In den Independent-Charts des Musikexpress erschien der Kassettensampler auf Platz 8, wir waren stolz auf unseren, eigentlich mehr symbolischen Erfolg. Durch ein redaktionelles Missgeschick gibt keine neuen Indie-Charts für den folgenden Monat, deshalb wurde die alte Statistik noch einmal abgedruckt: Wir waren sogar zwei Monate auf Platz acht der deutschen Indie-Charts. Kicher.

IMG_20140419_0004 (3)

Street-Fashion.

img_20131221_0002 (2)

IMG_20140301_0006 (3)

La Loora mit Sänger Split (li.)

IMG_20140212_0001 (2)

Der früh verstorbene Künstler Hapunkt Fix 1983. http://www.tagesspiegel.de/berlin/geb-1964/374662.html

img_20130715_0002

Attraktiv&Preiswert ’94

Mitte der 80er Jahre konnten wir uns das Verlustgeschäft von Fanzine und Band nicht mehr leisten. Außerdem wurde die Szene langweilig und wir wollten nicht auch anfangen, uns selbst zu kopieren, wie soviele Andere. Ich suchte mir einen richtigen Job, gründete eine Familie und Herbert machte das Abi nach. ’86 und ’87 machten wir noch eine Reihe Videos/Fernsehsendungen nebenbei, es war toll dieses für uns völlig neue Medium auszuprobieren, dann reichte die Zeit auch für dafür nicht mehr. Über meinen Lebensweg habe genug geschrieben, Herbert studierte, wurde Diplom-Dokumentar. Er hatte ja seine Leidenschaft für Hörspiel schon lange gepflegt und eine Datei aller deutschsprachigen Hörspiele aufgebaut: “Hördat”*. Seine Diplomarbeit behandelte den Aufbau des digitalen Foto-Archivs zur Stalinallee. Inzwischen arbeitet er seit vielen Jahren in Bereich der Gesundheitsforschung. Als ich im Sommer 2014 nach ihm googelte, stellte ich überrascht fest, dass er schon 2011 für den Aufbau der Hörspiel-Webseite die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht bekam. Überreicht wurde ihm das “Bundesverdienstkreuz” von André Schmitz, die Urkunde unterschrieb der “Präsi-Punk” Christian Wulff. Herbert hat es mir nichts von seinem Orden erzählt, wahrscheinlich hat er es niemandem erzählt und er wird auch nicht begeistert sein, das ich darüber schreibe. Es ist ihm peinlich, er ist ein sehr bescheidener Mensch.
Seine Soziophobie ist nicht besser geworden, meine eigene doch etwas, wir sehen ein paarmal im Jahr und haben uns vorgenommen, bei Gelegenheit mal einen Remix von “Ach Musik” zu machen und vielleicht ein Hörspiel. Im Endeffekt zählt das, was du als nächstes machst. Das habe ich auch aus der Punkzeit mitgenommen.

In Anhang gibt es einen Link zu “Üxxan Kcüruz”, wer davon noch nicht abgeschreckt ist, findet mehr Töne von den Cut-Up-Swingers auf der Tape-Attack Seite.

*Hördat:

http://www.hördat.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6rDat

Barry Graves: http://de.wikipedia.org/wiki/Barry_Graves

Cut-Up-Swingers:

 

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke – Punk in Berlin Teil 1

Heute beginne ich mit dem Reblog von “Schnelle Schuhe”, einer kleinen Reihe über Punk in der Mauerstadt. Neben den Texten von Cordula und mir werden drei weitere, neue Posts erscheinen. Zwei Artikel schildern die West-Berliner Punkszene aus der Sicht einer Spandauer Punkclique. Aufgeschrieben hat dieses Zeitdokument Olaf Kühl. Entnommen sind die Geschichten seinem, leider vergriffenen, Buch “laut und betrunken”. Außerdem erinnert sich der Musiker Sea Wanton, wie er 1983 mit seiner Band über die Transitstrecke nach West-Berlin kommt, um beim Atonal-Festival aufzutreten. Aber nun hat meine gute Freundin Cordula das Wort und erinnert sich an das Punk House, jene legendäre erste Punk-Location im West-Berlin der späten 70er Jahre. (M.K. Ob wirklich Bands wie “The Talking Heads” im Punk House gespielt haben, ist nicht zu belegen. Andere Zeitzeugen bestreiten es jedenfalls. Möglicherweise hat hier die Phantasie der Autorin einen Streich gespielt. )

10893045_4876018555309_240160042_o

(Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.)

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

10877854_4876018195300_377464097_n
Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

11002843_10152816197512982_304235525_oIMG_20130624_0002 (2)

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Die Zeichnung “Obey/Subvert” von Rainer Jacob zeigt den “Zensor” und seine “Buchhalterin” Cordula, rechts in der Subvert-Ecke. Sie ist als Illustration für das Kapitel “Beim Zensor hinter dem Blauen Mond”, aus dem Roman “Helden ’81” von Marcus Kluge, entstanden.

Editorial – „Punk Perdu & wiedergefundene Bilder“

À la recherche du Punk perdu!

2016-05-08-0001 (2)

Meine kleine Reihe zu Punk in Berlin wird fortgesetzt. Zu den Texten von Cordula über das Punk-House und meinen aus dem Assasin-Universum kommen die Jugenderinnerungen eines Spandauer Punks und ein wilder Beitrag über das erste Atonal-Festival. Wenn Ihr selbst zu dem Thema etwas beizutragen habt, schreibt mir doch eine Mail am marcusklugeberlin@yahoo.de  Neben Texten bin ich auch an Fotos aus den Jahren 76 bis 85 interessiert.

6b7741212976a7f8363a77b9e7977783

À la recherche des images perdues!

Nachdem meine Kameraspaziergänge, auf der Suche nach den Motiven alter Fotografien und den erinnerungswürdigen Locations der Mauerstadt, so viel Anklang finden, wird daraus eine Serie. In Vorbereitung sind ein weiterer Teil über Schöneberg, diesmal besuchen beispielsweise wir den Zensorladen, das Quartier Latin und das ehemalige Sound. Ein zweiter Beitrag mit Fotovergleichen Wilmersdorfer Motive und eine Reise ins alte Kreuzberg sind ebenfalls in Arbeit.

12999721_1018854448199483_317213314_o (2)

Zettels Albtraum

Die Lesung im Literaturcafé Periplaneta hat viel Spaß gemacht, trotzdem wird es erstmal keine weiteren Lesungen geben. Es ist auch noch unsicher, ob ich dieses Jahr ein weiteres Buch veröffentliche. Ich merke, dass ich mich verzettele, als Verleger, Agent, Lektor, Vertriebsleiter und Autor gleichzeitig zu fungieren. Um wieder in Ruhe zum schreiben zu kommen, werde ich die anderen Tätigkeiten erstmal stark zurückfahren. Eine weitere Ursache muss ich noch nennen, mir geht es gesundheitlich nicht so gut in letzter Zeit, auch dadurch fehlt es an Esprit, der zum schreiben nötig wäre. Im Juni gehe ich zu einer OP ins Krankenhaus und im Spätsommer kommt dann die nächste Baustelle dran. Danach sollte es mir besser gehen.

M.K.

Berlinische Räume – „Schöneberg Revisited“ / Eine Spurensuche

Café Mitropa

 

DSCN0159 (2)

Metropol

IMG_20131223_0005

DSCN0160 (2)

DSCN0167 (2)

DSCN0158 (2)

Vinylkultstätte

1554608_10201539611427607_1282365882_n

Das ehemalige Café Central (Foto oben: Knut Sehrgut) und Café Swing ist heute eine Apotheke und sieht ziemlich trist aus.

DSCN0162 (3)

DSCN0169 (2)

22.9. 1981: “In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte.” http://wp.me/p3UMZB-1ii

DSCN0172 (2)

Café Berio

DSCN0177 (2)

Slumberland

DSCN0176 (2)

DSCN0178 (2)

Winterfeldtmarkt

DSCN0182 (2)

Rani

DSCN0185 (3)

1983 kamen wir auf die Idee, jeden Dienstag im Mitropa Karten zu spielen. Das Spiel hieß Binokel und wir wurden ziemlich schief angeguckt. Gesellschaftsspiele waren sowas von uncool und dann auch noch Karten! Dazu tranken wir Weizenbier, was auch verpönt war. Heute ist “kiffen” untersagt.

Unten: Mitropa-Anzeige aus Assasin, 1983.

IMG_20131113_0001

DSCN0186

DSCN0194 (2)

Deko Behrendt

DSCN0187

Bowie-Haus

DSCN0195 (2)

Stadtbad

DSCN0200

Als in der Nacht zum 5. April 1986 im La Belle in der Hauptstraße 78 eine Bombe explodierte und drei Menschen tötete, schlief ich 500 Meter weiter in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Rheinstraße 14. Obwohl man als Berliner immer einer theoretischen Gefahr ausgesetzt war, ist der Terror selten so nahe gekommen. Die Visitenkarte drückte mir, Wochen vorher, eine hübsche junge Dame vor dem Forum Steglitz in die Hand.

IMG_20140405_0002

11952998_10200574041509664_5717376031822818637_n

Von unserem alten Domizil (oben) mit dem idyllischen Hof hinter der Leiserfiliale, Rheinstraße 14, ist nichts mehr zu finden. Nur ein seelenloser Neubau steht an seiner Stelle.

DSCN0204

Von 1977 bis 1986 wohnte oder arbeitete ich dort. Anfang der 80er zog Herbert ein und das Gebäude wurde Redaktionssitz des Assasin. Am 10. Juli 1986 feierten wir noch meine Hochzeit auf dem Hof, wenig später wurde alles abgerissen.

2015-10-07-0002

So begann es: – Der Laden, in dem ich jobbte war neben einer Leiser-Schuh-Filiale und das ganze Haus gehörte Leiser. Irgendwann als ich Müll rausbrachte, fiel mir auf, dass es einen Seitenflügel gab, in dem drei Einzimmer-Wohnungen untergebracht waren. Der Seitenflügel machte einen irgendwie prekären Eindruck, man hatte ihn nachträglich an die Brandmauer geklatscht, um etwas billigen Wohnraum zu schaffen, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ich guckte mir auch den Hof genauer an, um den herum Leiser seine Lagerräume hatte. Der Hof, den offensichtlich niemand nutzte, war etwas 6 mal 30 Meter groß, den Abschluss bildete eine Terrasse, die von einem Mäuerchen zum Nebengrundstück begrenzt wurde. Eine Kastanie spendete Schatten gab dem Hof einen grünen Tupfer. Im Sommer könnte man hier bestimmt schöne Wochenenden verbringen.

img_20130901_00011
Mir war klar, das die Wohnungen keinerlei Komfort boten, vielleicht war es sogar das Prekäre, das mir zusagte, mir förmlich zuflüsterte, hier wäre ein absolut passender Ort zum Leben für mich. Innerhalb von 48 Stunden mietete ich eine der Wohnungen, meine Chefin legte ein gutes Wort für mich ein, und ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Knesebeckstraße in die Rheinstraße um. Am Anfang zahlte ich für 28qm weniger als 40 D-Mark Miete. Es war geradezu eine Einladung mich kreativ auszutoben, ohne auf die Lukrativität meiner Projekte zu achten. –

2015-11-16-0001 (3) Der Maler Stefan Hoenerloh beim Klettern.

DSCN0203 (2)

Das Shizzo heute und damals. Das Foto unten stammt von dieser schönen Website: http://shizzo-berlin1980.de/

_wsb_700x433_1

DSCN0208

Kaisereiche.

DSCN0206 (2)

Sparkassen-Kunst

DSCN0210 (2)

MusicHall

1888714_10205714325156899_2827249259013521261_n

“Die Goldenen Vampire” in der Hall.

DSCN0214

Bewegungsmelder Kluge.

DSCN0166 (2)

Berlinische Leben – „Gefühl und Härte – Fleischers Trip“ / Über Volker Hauptvogels West-Berlin-Roman

Fleischers Blues“ lässt das West-Berlin der Jahre 1976 bis 1981 wiederauferstehen, als habe es den Mauerfall, die Wiedervereinigung und den ganzen Quatsch, der folgte, nie gegeben. Volker Hauptvogels Erinnerung ist quicklebendig und die Sprache scharf, wie der Punk von Volkers Band „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Bei Ex-Zeitgenossen von „Fleischer“ sorgt die Lektüre für nostalgischen Lesegenuss der heiteren Art, während er Nachgeborenen Aha-Erlebnisse beschert. „Gab es das alles wirklich?“, werden sie fragen. Ja, ich kann’s bestätigen, weitgehend!

Volker Hauptvogel ist in Berlin, was die Berliner einen „bunten Hund“ nennen. Volker kennt jeden und jeder kennt ihn, den Autor, Musiker und Gastronomen. Fleischer ist bei aller Fiktion natürlich eine autobiografische Gestalt. Was authentisch ist und was fiktiv, darf spekuliert werden. Der dealende Schriftsetzer und hedonistische Lebenskünstler Fleischer kommt nach West-Berlin, auf der Flucht vor der Bundeswehr. Er zieht in eine typische Ein-Zimmer-Ofenheizungs-Wohnung in der Bürknerstraße, an der Nahtstelle zwischen Neukölln und SO 36, dem wilden Kreuzberg. Bald ist er in der verschworenen Revoluzzerszene genauso zuhause, wie bei den ersten Adressen für Stoffgroßhandel. Auch Fleischers bester Kumpel Ede zieht in die Frontstadt nach und das Geschäft expandiert gemäß Edes Devise „Ware immer nur vom Besten, sowohl als auch die besten Kunden“. Daneben beteiligen sich die beiden an der Weltrevolution, man druckt, sendet schwarz und die Bezirkskasse wird auch erleichtert zum Wohle der guten Sache.

Doch Fleischers Affäre mit der entzückenden Polizistin Claudianna treibt fast einen Keil zwischen die Freunde. Doch Claudianna ist selbst immer mehr im Zweifel über ihre „Beamtenlaufbahn“ bei der grünen Truppe. Schließlich rollt die Punkwelle in Berlin an und die das dynamische Duo ist begeistert, opfert ad hoc die Matte und gründet das „Mekanik Destrüktiw Kommandöh“. Der Rest ist Geschichte, könnte man sagen. Oder „großes Kino“, wenn das nicht so eine abgewetzte Metapher wäre.

Wir besuchen die Schauplätze der wilden Jahre, das SO 36, den Jodelkeller, das Quartier Latin oder das legendäre Risiko. Und treffen die schrägen Protagonisten dazu, Ratten-Jenny, Alex Kögler, Blixa Bargeld und einen gewissen „Kippi“, der gar nicht gut weg kommt, woran er allerdings selbst schuld ist. „Gefühl und Härte“, der Slogan jener Tage passt auf „Fleischers Blues“ wie die Faust aufs Auge, oder das Sektglas in Kippis Gesicht, der aus der Erfahrung ein Projekt machte, mit dem er endlich den heiß ersehnten Erfolg hatte. Aber das steht in einem anderen Buch …

2015-12-07-0003 (3)

Fleischers Odyssee mündet in den Tag, den keiner vergessen kann, der ihn damals in West-Berlin erlebte. Der 22. September 1981 als, bei einem, von Westentaschen-Napoleon Lummer befohlenen, ultrabrutalen Polizeieinsatz, der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay getötet wird. Hauptvogel schildert das Geschehen in aller Härte + Gefühl, doch Zeitzeugen werden bestätigen, ohne Übertreibung. Selbst Fleischers unerschütterlicher Optimismus gerät ins Wanken.

img_20150216_0003

Kürzlich besuchte mich mein alter Freund Volker zu einem sonntagnachmittaglichen Gespräch über seinen ersten Roman, die Vergangenheit und das Heute, das weder er noch ich uns so düster ausgemalt hätten. Der Sieg des Kapitalismus, die elektronische Vollüberwachung und eine junge Generation, die sich fast gar nicht für Politik interessiert. Stattdessen entstehen neue braune Horden und „idiocracy“regiert allerorten. Dystopisch aber wahr …

IMG_20130730_0008

Wir sprachen über den 2012 verstorbenen Edgar Domin, dem Volker nun ein ewiges literarisches Denkmal gesetzt hat. Über die Polizistin Claudianna und das die „Bullen“ damals ja auch verheizt wurden für eine korrupte Baupolitik des Berliner Filzes und das die Hausbesäzza nicht die geschlossene Front bildeten, die von der Springer-Presse gern beschworen wurde. Den meisten ging es nicht um Straßenkampf, sie wollten selbstbestimmte Lebensmodelle ausprobieren und der „Krieg“ wurde ihnen aufgezwungen, auch von zugereisten, unreifen Revoluzzern aus den eigenen Reihen. Schließlich erinnern wir uns an das Interview, das ich 1983 mit ihm machte. „MDK“ hatten soeben eine USA-Tournee hingelegt und Volkers „Verweigerer-Buch“ war erschienen (siehe Anhang). Volker hatte eine Familie gegründet und schimpfte über das „dreckige“ Kreuzberg. Heute, 2016, lebt er immer noch da und ist nicht wegzudenken. Nun schon gar nicht mehr, denn man kann seinen Roman auch als Liebeserklärung an diesen Bezirk lesen. Aber in erster Linie ist er ein Trip:

Ein wilder Trip für Droogs, die ins Lesealter gekommen sind!“

44284819z

Letztlich muss man wieder mal alles selber machen und es entspricht ja auch der Punk-Philosophie, dass nur das eigene Tun und Vorwärtsgehen das Leben sinnvoll macht. Deshalb klettern ältere Herren, wie Volker und ich, wieder auf die Bühne. Volker ist auf Lesereise mit Guntbert Warns, der ja auch die Hörbuchfassung eingelesen hat. Die bei Deutsche Grammophon erschienene Hörfassung ermöglicht übrigens auch ein Wiederhören mit Stephan Remmler, der als Conferencier fungiert.

Außerdem tritt Hauptvogel wieder mit Band auf und hält die politisch-wertvolle Punkmucke lebendig. Das nächste Mal am:

Manifestcover_1671951528_o

20. Mai – MDK ( 1. Musikalische Manifestation 2016)
in neuer Besetzung incl. Lesung in
der Regenbogenfabrik, Lausitzer Str. 36.

31xWG2i2bGL._SX318_BO1,204,203,200_

Das Buch erschien im Martin-Schmitz-Verlag und lässt sich für 14.80€ erwerben.

Das Hörbuch von Deutsche Grammophon füllt 4 CDs  und kostet ca. 20€.

Text: Marcus Kluge

Illus aus “Verweigerer”, 1983 Karin-Kramer-Verlag.

IMG_20150111_0004

IMG_20150101_0002

IMG_20150111_0001

Illu zum Fleischer-Kapitel “Neue Bude”. Rainer Jacob porträtierte den kaisertreuen Wohnungsvermieter mit dem High-Heel-Fetisch, als ich vor zwei Jahren die Geschichte vorveröffentlichte. (Sorry, nicht mehr da.)

img_20140525_0002

Interview mit Volker Hauptvogel 1983 für Assasin.

2016-01-15-0009 (2) 2016-01-15-0010 (3) 2016-01-15-0010 (5)

2016-01-15-0010 (6)

2016-01-15-0011 (3)

Editorial – “Chronist eines Mythos” / Marcus Kluge Porträt

In “Forum – Das Wochenmagazin” ist dieses hübsche Marcus Kluge-Porträt (Link siehe unten) von Sabine Loeprick erschienen. Nicht jedes Datum stimmt, vermerkt der Porträtierte milde, aber die Stimmung stimmt und das auch ganz schön. Nun bin also “Chronist eines Mythos”. Wenn man meine Romane und Familiengeschichten als Mythos bezeichnet, soll mir das recht sein. Denn ein Mythos ist in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Erzählung, mit der Menschen und Kulturen ihr Welt- und Selbstverständnis zum Ausdruck bringen.

– Kluge erzählt darin vom „großen Therapieplatz“ West-Berlin in den 70er- und 80er-Jahren. Von durchgeknallten Künstlern und drogenhandelnden Schülern, vom Besuch des ersten Pink-Floyd-Konzerts in der Mauerstadt, von Bandproben, von WG-Erfahrungen in riesigen Altbauwohnungen. Kluge ist ein Chronist des Mythos West-Berlin, eines Lebensgefühls, das heute geradezu exotisch wirkt. Sicher, man habe mit der Mauer leben müssen, und das sei nicht immer angenehm gewesen. Aber auf der anderen Seite habe man eine Freiheit gehabt, die es heute so nicht mehr gibt. –

http://www.magazin-forum.de/news/leben/chronist-eines-mythos

Fotos: Susanne Wolkenhauer

11_Leben_Kluge_2

Berlinische Räume – “MC5 in der TU und frühe Hausbesetzung” / 15. Mai 1972 – A Day in the Life

Wann ist mir eigentlich bewusst geworden, das die Revolte der späten 1960er Jahre endgültig zu ende war und die historische Gelegenheit zu einer Chance in meiner Lebenszeit nicht kommen würde? Und wahrscheinlich nie kommen würde. Spät auf jeden Fall!

Es muss wohl der Abend des 15. Mai 1972 gewesen sein, an dem ich mit Roberto in der Alten Mensa der TU ein Konzert von MC5 besuchte, der berühmten Band aus Detroit, die später zu Recht als Wegbereiter des Punk bezeichnet wurde. Ein denkwürdiges Konzert, den obwohl die 68er Revolte eigentlich gescheitert war, kam an diesem Abend noch einmal das Gefühl von Revolution und Auflehnung in das provinzielle, verschlafene West-Berlin der 1970er Jahre.

hqdefault

Vier Tage vorher hatte die RAF das alte IG-Farben-Haus in Frankfurt am Main in die Luft gesprengt. Das 5. US-Korps, das dort stationiert war, beklagte einen Toten und 13 Verletzte. Ein “Kommando Schelm” bekannte sich zum Attentat. Das Ziel war geschickt gewählt, natürlich wussten wir von den Verstrickungen der IG-Farben in die Naziverbrechen, vom Zyklon B, mit dem die Gaskammern in Auschwitz betrieben wurden, genauso wie von den C-Waffen der US-Army wussten, die in Vietnam zum Einsatz kam. Wir hatten zwar begriffen, das der Krieg, den die RAF jetzt führte, falsch war und nur zu mehr Repression führen würde, doch klammheimlich hatten wir wohl doch Sympathien. “Ein Schelm, wer Böses dabei denkt” hieß es angeblich im Bekennerschreiben. Dass sich der Name auf Petra Schelm* bezog, wurde von den Medien verschwiegen. Man wollte keine Märtyrerin schaffen. Erst Monate danach las ich in einem Flugblatt, dass sich das Kommando “Petra Schelm” nannte, nach dem ersten RAF-Mitglied, das durch Polizeischüsse getötet wurde.

Was wir am Abend des Konzerts nicht ahnen konnten: Die Großfahndung nach dem IG-Farben-Anschlag würde innerhalb eines Monats zur Festnahme des größten Teils der RAF führen. (Gefangennahme von Andreas Baader, Holger Meins und Jan-Carl Raspe am 1. Juni 1972, Gudrun Ensslin am 7. Juni 1972, Brigitte Mohnhaupt und Bernhard Braun am 9. Juni 1972, Ulrike Meinhof und Gerhard Müller am 15. Juni 1972.)

Ein Jahr früher hatte es das erste Todesopfer auf Seiten der RAF gegeben. Bei einer Fahndung im gesamten norddeutschen Raum nach etwa fünfzig Mitgliedern der RAF durchbrach Petra Schelm in Begleitung des RAF-Mitglieds Werner Hoppe am 15. Juli 1971 mit ihrem Wagen eine Straßensperre in der Hamburger Stresemannstraße. Nach einer Verfolgungsjagd kam es zu einem Schusswechsel. Petra Schelm wurde von einer Kugel aus einer Maschinenpistole schräg unter dem linken Auge getroffen und tödlich verletzt. Das Opfer wurde zehn Minuten lang liegen gelassen, erst danach wurde Hilfe geleistet. Zunächst wurde sie für Ulrike Meinhof gehalten, erst ein paar Stunden später korrigierte man entsprechende Falschmeldungen. Danach gab es eine Diskussion über die Qualität der Schusswaffenausbildung bei der Polizei.

cropped-img_20140111_0011.jpg

Unsere langen Haare und ausgefransten Jeans waren provozierend für die “Schultheiss-Fraktion”, wie ich die Berliner Spießbürger nannte, aber Roberto setzte dem die Krone auf, indem er einen alten Bademantel seines Vaters trug. Heute hört sich das unspektakulär an, aber damals waren die Wertvorstellungen der Bürger was Kleidung anging noch recht rigide. Zu dieser Zeit war es beispeilsweise eine sichere Sache, in der Kneipe zu wetten, man ließe sich eine Glatze schneiden. Damit konnte man immer 100 Mark oder mehr einstreichen, so stigmatisierend war es für einen gesunden jungen Mann mit einem Kahlkopf auf die Straße zu gehen. Roberto wurde auf dem Weg von der Pfalzburger zur Hardenbergstraße laufend angepöbelt. Mehr als einmal mussten wir laufen, um einem Kneipenmob zu entgehen. Wir fühlten uns als Rebellen und waren bester Laune.

seagull1

The MC5 “Seagull” poster by Gary Grimshaw. The first poster for the Grande Ballroom, Oct., 1966

MC5 war damals schon eine Legende und wir brannten darauf sie zu erleben. In der »Motor-City« Detroit bildeten weiße Jugendliche eine »White Panther Party«. Musikalisch wurden diese Jugendlichen von MC 5 angestachelt. Die Band forderte auf zur völligen Befreiung von allen hergebrachten Zwängen: Kick out the jams, motherfuckers! Die MC5-Musik fand auch ihren Weg nach Berlin. Auf Demos wurden MC5-Scheiben von Lautsprecherwagen gespielt. Ich hatte sie bei Burkhardt Seiler, dem späteren Zensor, zum ersten Mal gehört.

DSCN0089 (2)

Der Eingang zur “Alten Mensa” heute.

Der Eintritt in der “Alten Mensa” der TU kostete 2 Mark Solibeitrag für die Rote Hilfe, die sich um die politischen Gefangenen kümmerte. Als Vorgruppe spielten Ton, Steine, Scherben, die wir kannten, die uns aber nicht interessierten. Der “Blues”, also die aufrührerische psychedelische Rockmusik, die wir suchten und verehrten, kam nicht aus Berlin. Sie kam aus England oder den USA. MC5 spielten diesen “Blues” mit einer beispiellosen aggressiven Energie. Sie hantierten mit Gewehren herum, und Tyler der Sänger wurde scheinbar von Heckenschützen auf der Bühne exekutiert. Zwischendurch informierten politische Gruppen über ihre Arbeit. MC5 spielten “Motor-City Is Burning” von John Lee Hooker, der eigentlich mit dem Lied den Niedergang von Detroit anprangern wollte. Bei MC5 wird daraus die Aufforderung zum Widerstand. An diesem Abend war noch einmal, zum letzten Mal, die Revolution greifbar. Für einen Augenblick dachten wir, jetzt käme die Erhebung wirklich, sie hatte sich nur etwas verspätet, nun würden wir doch siegen und die bürgerlichen Regierungen und ihre bescheuerten Wähler wegfegen. Es war naiv, es war völlig falsch, aber für einen Moment fühlte es sich so an. Zum Ende wurde das Publikum aufgefordert, schwarz mit der BVG zur Lützowstraße 5 zu fahren und dieses Haus zu besetzen. Etwa 500 Konzertbesucher folgten dem Aufruf und ein Teil besetzt das Haus, während sie der Rest auf der Straße anfeuert.

MC5 live in Paris Februar 1972: https://www.youtube.com/watch?v=Y_cXU71XsKA

*http://de.wikipedia.org/wiki/Petra_Schelm

Siehe auch: http://www.riolyrics.de/artikel/id:704

Anhang: Seventies Revisited

DSCN0055 (2) DSCN0058 DSCN0059 DSCN0065 DSCN0069 (2) DSCN0071 (2) DSCN0074 DSCN0075 DSCN0084 DSCN0087 (4) DSCN0099 (2) DSCN0100 (2) DSCN0101 (2) DSCN0104 DSCN0118IMG_20130919_0001 (2)

Familienportrait – “Erster Besuch beim Zensor”

Der Text ist ein Auszug aus dem Kapitel “Beim Zensor hinter dem blauen Mond” aus dem West-Berlin-Roman “Ein Hügel voller Narren” von Marcus Kluge.

Burkhardt hatte sich gefreut, von mir zu hören. Er war ja jetzt unter dem Namen “Zensor” eine Institution in der Berliner Musikszene geworden. Nach dem wir, wegen unserer mehr oder weniger politischen Aktionen, vom Gymnasium geflogen waren, hatte ich ihn nur einmal getroffen. Damals hatte er selbstgezogene Kerzen auf dem Kudamm verkauft. Was dann folgte, erzählte man sich in Szene und es stand in der Musikpresse. Im Frühjahr 1978 war er mit 600 Mark nach London gefahren, um dort Platten zu kaufen. Er lernte Geoff Travis kennen, der damals noch den Rough Trade Plattenladen betrieb, aus dem der große gleichnamige Independent-Vertrieb wurde. Burkhardt wurde Geoffs erster Exportkunde. Mit einem Pappkarton voller Singles kam Burkhardt nach Berlin zurück und merkte, wie gefragt, die von ihm ausgesuchte, also “zensierte” Musik war. Schließlich gründete er 1979 den inzwischen berühmten Plattenladen in der Belziger Straße.

11002843_10152816197512982_304235525_o

Zwei Tage später stand ich vor der angegebenen Adresse in der Belziger Straße und wunderte mich. Hier war kein Plattenladen, nur eine bunte Modeboutique namens Blue Moon. Aus dem Laden kamen eben zwei ältere Teddy-Boys in Drape-Jackets und eine Frau im Petticoat. Den Typen wäre ich nur äußerst ungern nachts irgendwo begegnet. Ich untersuchte das Klingelbrett an der Haustür zu den Wohnungen, da war nichts von einem Plattenladen zu lesen. Jetzt fiel mir auf, neben dem Hauseingang war ein Fenster mit geschlossenem Rollladen über den man Zensor und Schallplatten geschrieben hatte. Ich klopfte an diesen Rolladen, natürlich passierte nichts, aber als ich näher kam, hörte ich Punkmusik von irgendwo her. Nun gingen zwei Skin-Heads in die Boutique, richtige, fiese, ältere Skin-Heads. Nee, was für ein Laden?
Eine Weile stand ich entschlusslos auf der Straße und überlegte, ob ich wieder nachhause gehen sollte. Das Schicksal hatte entschieden, ich würde den Laden nicht finden und das mit dem Slime-Artikel würde ich auch seinlassen. Wenn man nichts machte, konnte man auch nichts falsch machen. Das war mein Wahlspruch für die 70er Jahre gewesen, vielleicht sollte ich mir auch die 80er damit erleichtern.

Nein, das war Mist. Ich musste mit Burkhardt sprechen, ich brauchte Infos über Slime und überhaupt war er ein guter Kontakt, wenn ich über Musik schreiben wollte. Ich riss mich zusammen und betrat die Blue Moon Boutique. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, irgendwas Schlimmes wahrscheinlich, aber es war ein ganz normaler Laden, so ähnlich wie das Market. Er war vollgestopft mit Jugendmode aus den 50er Jahren und anderen Epochen, Kleider, Jacken, Hosen, Schuhe, fast jeder Geschmack wurde befriedigt. Besonders die Schuh-Auswahl war beeindruckend. Ein Mädchen mit grünen Haaren und einem schwarzen Lack-Mini stapelte Kartons mit Doc Martens-Stiefeln, ich fragte sie nach dem Zensor-Laden. Sie machte große Augen über meine Unkenntnis und und zeigte mit dem Kopf zu einer Tür, die links zu einem Hinterzimmer führte. Dort fand ich den Zensor.

IMG_20130829_0004 (2)

Der etwa 20qm große Raum war vollgestopft mit Regalen voller Schallplatten, an den Wänden hingen dicke Schichten übereinander geklebte Plakate, die für Konzerte und Tonträger warben. Zwei Kunden wühlten in den Vinylscheiben und in einer Ecke arbeitete eine junge Frau mit halblangen blonden Haaren. Burkhardt saß hinter einer Registrierkasse und sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Jugendlich verschmitzt, nur die schulterlangen Haare waren verschwunden. Sie reichten gerademal knapp über die Ohren. Er aß eine Käsestulle und trank schwarzen Kaffee dazu.
Schnell kamen wir ins Gespräch, ich fühlte mich wieder genauso, wie in unserem alten Kollektiv, wie wir die Clique nannten, der Burkhardt Ende der 60er Jahre, sozusagen als Chefideologe, vorstand. Burkhardt dozierte und ich wurde wieder zum gelehrigen Schüler, der dem Guru zuhörte. Wie damals ging es um Musik, Musiker und andere schräge Vögel aus Kunst, Kultur und angrenzenden Gebieten, nur das Thema Politik schien keine große Rolle mehr zu spielen. Ich hörte mir einen längeren Vortrag über Aleister Crowley an, Burkhardt hatte wohl gerade sein “Buch des Gesetzes” gelesen. Der Okkultist Crowley war in den frühen 80ern fast unbekannt, wie meisten von Burkhardts Entdeckungen.
In den späten 60ern hatte er mich mit Namen wie bekannt gemacht wie Tuli Kupferberg von den Fugs, oder David Peel, der mit “The Lower Eastside” Cannabis-Musik machte. Auf seinen Rat hin las ich Tom Wolfes “Electric Kool-Aid Acid Test” und die Väter der Beat-Literatur wie Kerouac, Ginsberg und Burroughs und begriff, dass auch die “Beatles” sich auf diese Tradition bezogen und das vor den Jungs aus Liverpool schon eine Menge losgewesen war.

Jetzt würde ich also Crowley lesen müssen. Als Burkhardt eine Pause machte kam ich auf mein Anliegen zu sprechen, ich erzählte, dass ich mich als Schreiber betätigen wollte, weil ich keinen richtigen Job hatte und schließlich fragte ich ihn, ob er mir was über Slime erzählen konnte. Er grinste und antwortete kurz:
“Nee, Slime fällt unter die Zensur!”
Ich schaute ihn verständnislos an und fragte nach:
“Wie meinste’n das?”
“Hast du nicht was Interessanteres als Slime? Die sind musikalisch langweilig und inhaltlich haben das die Scherben schon vor zehn Jahren gemacht. Ich bin der Zensor, ich rede nur über gute Musik.”
“Schade, ich soll was über Slime für die taz schreiben.”
Burkhardt holte eine kleines Notizbuch aus der Tasche, er kramte nach Kugelschreiber und Zettel und schrieb mir etwas auf:
“Hier ruf den mal an, der kennt sich mit dieser Art Punk aus. Aber sag mal, wenn du da ‘ne Connection zur taz hast, könntest du ja mal was über eine von meinen Bands schreiben.”
“Ja, natürlich würde ich das gern machen, aber ich muss erstmal sehen, wie das mit dem ersten Artikel läuft. Pappirossi meinte, es wäre nur ein Versuch. Der hat ja noch nie was von mir gelesen.”
Burkhardt lachte laut:
“Du weißt ja, was man über die taz sagt. Die größte Schülerzeitung der Republik. Die werden dich schon nehmen. Im Vertrauen, die nehmen Jeden”
“Ich wollte dich noch was fragen, Burkhardt, kennst du dich mit Fanzines aus? Ich überlege, ob ich sowas wie ein Fanzine mache.”
“Ja, klar.”
Er stand auf und zog ein Heftchen irgendwo vor und reichte es mir. Auf dem schlampig gestalteten Cover stand “Pretty Vacant”.
“Das ist aus Hamburg, fast nur Punk. Da hinten liegt ein ganzer Stapel, auch Berliner Sachen. Aber sag mal, lass mich mal konstatieren. Erstens, du suchst ‘nen Job, zweitens, du willst über Musik schreiben und drittens du brauchst Unterstützung dabei, ein Fanzine zu machen.”

altesfoto2[1] Coca-Cola
In diesem Moment erhob sich die junge Frau, die bis dahin still in einer Ecke über einem Stapel Zettel und einigen Akten gebrütet hatte. Mir fiel auf, dass irgendetwas mit ihrem Gang nicht stimmte, so als ob ein Bein länger wäre als das andere. Sie trug auffallend bunte Kleidung in Buntstiftfarben, einen blauen Pullover, einen knallroten Rock und eine riesige Brille und sie mischte sich in unser Gespräch ein:
“Hat hier jemand Fanzine gesagt? Ich wollte schon immer bei einem Fanzine mitmachen.”
Burkhardt stellte mir die Frau vor:
“Das ist Coca-Cola, meine Buchhalterin.”
“Ich dachte das wäre eine Brause!”, erklärte ich ungewohnt schlagfertig.
“Eigentlich heiße ich Cordula, irgenwann habe ich mich mal vorgestellt und ich muss wohl genuschelt haben, so dass mein Gegenüber Coca-Cola verstanden hat. Seitdem ist das mein Spitzname!”, erklärte Coca-Cola.
“Vielleicht magst du mir helfen bei meinem Heft?”, ich versuchte ein Lächeln. Aber ich war noch woanders:
“Nochmal zurück, Burkhardt, was wolltest du eben sagen, von wegen, erstens, zweitens, drittens?”
“Na ja, deine Interessen und meine Interessen könnte man möglicherwiese verbinden. Ich bräuchte nämlich noch ‘ne Hilfe für den Laden und den Vertrieb. Was würdest du davon halten, bei mir ein Praktikum zu machen, Marcus? Geld kann ich dir zwar nicht geben, aber ‘ne Menge guter Erfahrungen sind für dich drin.”

IMG_20130905_0004

Es wurde noch ein erfreulicher Nachmittag. Burkhardt erzählt von seinen Einkaufsreisen nach London, Prag oder Jamaica und legte Platten auf. Cordula erinnerte sich an die Nächte im legendären Punkhouse am Lehniner Platz und wir sammelten schon mal Themen für ein mögliches Fanzine. Daheim packte ich meine Schätze aus, Burkhardt hatte mir ein paar von seinen Platten geschenkt, damit ich darüber schreiben konnte: “Funeral In Berlin” von Throbbing Gristle und eine Single von Frieder Butzmann. Ein paar Platten hatte ich gekauft, ich hatte ja Geld durch Robertos Miete. Zwei teure Maxi-Singles von Fela Kuti und eine Single von den Fehlfarben: “Große Liebe/Maxi”, die mir Burkhardt als erste deutsche Ska-Platte angepriesen hatte, konnte ich meiner Plattensammlung beifügen.

Alle Kapitel des Romans, mit Ausnahme der letzten zwei, sind auf dieser Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-Sx

Illu “Subvert” von Rainer Jacob.

 

Neue Bestell-Adresse für Bücher-, T-Shirts und Kunst

Bei GMX scheint es zu haken, daher gibt es eine neue Bestell-Adresse für Bücher, T-Shirts, Fanzines und Kunscht-Mappen! marcusklugeberlin@yahoo.de

Man kann auf alles verzichten, außer auf Literatur, Katzen und schöne T-Shirts. Literatur und T-Shirts kann man unter dieser E-Mail-Adresse  bestellen: marcusklugeberlin@yahoo.de  

An den Katzen arbeiten wir noch …

(Abb. oben: Fanheft)

11009871_983143975063930_7128229095041179162_n

Buch und Fanzine

Als erstes Buch in der Edition Assassin erschien im Juli 2015 “Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin”.

IMG_20150930_0005

(Abb.: Titelseite Buch)

Ich erzähle das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn ist als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nimmt. Er hat einen Plan, wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat ihn aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…
Jedes der Kapitel hat Rainer Jacob mit einer exklusiven Bleistiftzeichnung illustriert. Auf 148 Seiten erzählt der erste Roman meiner West-Berlin Trilogie, von der Subkultur, die sich damals in Nebenstraßen des Kudamms entwickelt hatte, bevor diese in Vergessenheit gerät. Ein Exemplar kostet inklusive Verpackung und Porto in Deutschland 13€. Ich signiere jedes Buch, auf Wunsch auch persönlich.
IMG_20150930_0004
(Abb. Cover Heft)
 
Mit dem “Xanadu ’73-Fanzine” knüpfen wir an unsere Fanzines aus den 1982 bis 1985. Das neue, von Rainer Jacob gestaltete Heft, vereinigt Texte, Fotos und Materialien, die das Umfeld des Xanadu-Romans beleuchten und von Kindheit und Jugend in der Mauerstadt der 60er Jahre erzählen. Außerdem enthält es Geschichten wie “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Bela Rattay’s Dead”. Es ist im DIN A4 Format erschienen, hat 28 Seiten und ist vom Autor signiert. Den Spaß kann man für 5€, inkl. Porto bestellen.
11121940_10153033591257982_2072824163_n(1)
 Das Strahlenmotiv wird in Frühjahr 2016 nachgedruckt.
Bei der Crowdfunding-Kampagne für das Buch hatten wir, von Rainer Jacob gestaltete, West-Berlin T-Shirts angeboten. Besonders zwei Motive wurden zum Bestseller. Wir hatten 120 Stück drucken lassen und die meisten sind jetzt verkauft. Lediglich von Motiv “Rotes Herz mit Bärchen” gibt es Restexemplare in den Größen M und L. Das Motiv Weiße Strahlen werden wir 2016 in einer begrenzten Auflage nachdrucken lassen. Ein T-Shirt kostet 20 €, inkl. Verpackung und Porto, und kann unter marcusklugeberlin@yahoo.de bestellt werden.

11909905_10153265328497982_225973334_n

Das Bärchen-Motiv ist noch in M und L erhältlich.

IMG_20150715_0001

Abb. Kunschtmappe

Dieses auf 10 Stück limitierte Portfolio mit allen Illustrationen ist noch 2x zu Bestellen. Die Drucke kommen im DIN A4 Format, auf bestem 180 Gramm-Papier. Auf dem Beiblatt bestätigt der Künschtler die Echtheit der Drucke. Inklusive Verpackung und Porto innerhalb Deutschlands kosten die Restexemplare 49€ pro Mappe.

Vorschau auf kommende Projekte:

IMG_20150707_0001

Lux Phosphor, Grafic Novel wird 2018 erscheinen.

 

Familienportrait – „Hypnotisches Gesöff“ / Feuerzangenbowle 1974-2016

Zu Weihnachten 1974 lebte ich mit meiner ersten großen Liebe, Ilona, und sechs weiteren Mitbewohnern in einer WG. Auch Richard war dabei, mit dem ich schon seit der Schule befreundet war. Am späten Heiligabend feierten wir gemeinsam bei Feuerzangenbowle und Lachsschnittchen.

img_20131217_0002img_20131217_0001

In meiner Geschichte “Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” erinnere ich mich an diese Zeit:

„Ilona uns ich ziehen in eine Zehn-Zimmerwohnung, eine WG in der Schlüterstraße. Zwei Häuser weiter im Haus 39 wird ein paar Jahre später Zitty seine Redaktionsräume haben. 1974 ist die Gegend noch billig, viele Studenten wohnen hier. Es wird der erste Kiez in Berlin sein, an dem ich das Phänomen Gentrifizierung beobachten kann.Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Der Spiegel hat gerade in einer Titelstory behauptet, Philly-Sound wird zur Musik der 70er, wie Rock in den 50ern und Beat in den 60ern.
Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.
Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung, 200qm kosten damals 1500.-. „

Ein Jahr später wohne ich nicht mehr in der WG und auch mit Ilona bin ich nicht mehr zusammen.
Die ganze Geschichte findet Ihr hier:
http://wp.me/p3UMZB-17J

2015-10-24-0007 (4)

Erst 1982 erinnere ich mich an die Feuerzangenbowle und führe sie mit Herbert weiter, der seit ein paar Monaten mit mir in der Rheinstraße wohnt. Wir haben Grund zu Feiern, unser Fanzine ist recht erfolgreich gestartet und wir laden alle unsere Freunde zum späten Heiligabend ein. Nur die Lachsschnittchen sind in Vergessenheit geraten.

img_20141201_0005

„Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”.
Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.“

Hier findet Ihr mehr zu den 1980er Jahren:
http://wp.me/p3UMZB-1hJ

Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war.

10628092_4641971863453_2147225733976485248_n

Nur noch im kleinen Kreis.

2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. 1014464_10200879543027011_7997212836700251110_n

Heuer (siehe oben) war es wieder schön, mit Spiel wärs noch schöner gewesen. Beim nächsten Mal unbedingt mit Spiel und ohne politische Diskussionen. 😉

M.K.

Familienportrait „No Tears” / Eine Nachtgeschichte 1989-92

Otto von Bismarck soll gesagt haben, “Es ist besser wenn das Volk nicht weiß, wie Würste gemacht werden. Das Gleiche gilt für Gesetze, die Leute schlafen besser, wenn sie über deren Herstellung nichts erfahren.” In der Greifswalder Straße 224 hat es einen Betrieb gegeben, der Würste herstellte. Und bevor dort die Därme von geschlachteten Tieren mit fragwürdigen, fleischhaltigen Massen gefüllt wurden, mussten die fragwürdigen Massen, die vorher die Därme füllten, entfernt werden. Dafür gab es dort im Keller eine “Darmwäsche”, der Name wurde beibehalten, obwohl ab 1990 in diesem Keller gänzlich andere Prozesse stattfinden sollten. Da diese für unsere Geschichte wichtig sind, werden wir darauf zurückkommen.

2015-10-21-0001 (2)

Kiki, ein untypischer “Ostler”

Nach dem Mauerfall habe mich ich oft mit einen entfernten Verwandten aus Cottbus getroffen, Kiki und ich wurden Freunde. Obwohl er um die 15 Jahre jünger war als ich, gerade mal 20 damals, verstanden wir uns ausgezeichnet. Er war ein sehr untypischer DDR-Bürger und ich war wohl ein untypischer West-Berliner für ihn. Ich interessierte mich nicht für Geld und Karriere, hatte kein Auto, noch nicht mal einen Führerschein. Ich war absolut nicht, was er sich unter einem Wessi vorstellte. Er hatte das Glück, als Sohn eines Chefarztes in der DDR gewisse Privilegien zu geniessen. Schon zu DDR-Zeiten trug Kiki Levis Jeans, schwarze T-Shirts und Cowboystiefel, während weniger Glückliche schon Schwierigkeiten hatten, Socken oder tragbare Unterwäsche im normalen von der Planwirtschaft versorgten Handel zu finden. Kikis Familie ging ins “Ex”, wo man mit DDR-Geld überhöhte Preise zahlte und in den Intershop, wo Ostgeld gar nicht angenommen wurde. Mikis Vater verdiente als begehrter Gynäkologe auch “Bunte”, also West-Geld. Kiki verzichtete auf den Stress zu studieren, was wohl klug war. Als Sohn eines “Intelligenzlers” hätte er es schwer gehabt und um einige Jahre “freiwilligen Dienst” in der Volksarmee wäre er nicht herum gekommen. Ohne diese war ein Studium so gut wie ausgeschlossen. Also entschloss er sich Zahntechniker zu werden, dann fiel die Mauer und verdiente mit diesem Beruf bald ganz ordentlich. In diesem Punkt waren wir unterschiedlich, für Geld hatte ich leider nie ein Händchen. Als Zahntechniker hat er auch seine Militärzeit ohne Drill überstanden. Er arbeitete beim Zahnarzt der Volksarmee als Stuhlassistenz, wenn dieser den Rekruten auf den Zahn fühlte.
Gleich nach der Währungsreform fuhr Kiki in den Westen, um sich ein Auto zu kaufen. Normalerweise schätze ich Männer mit großen Benzinkutschen nicht sonderlich, aber bei Kiki hielt ich das für eine liebenswerte Marotte, schon weil er es gehörig übertrieb mit seiner ersten Motorisierung und generell hielt ich ihm den “Nachholebedarf” zugute. Er hatte mit Hilfe von Helmut Kohl und dem Steuerzahler, wie jeder DDR Bürger sein Ostgeld in D-Mark verwandelt, das war der Grundstock von 4000.-. Dann borgte er sich noch einiges dazu und fuhr schliesslich nach Hamburg, um eine gebrauchte, dunkelgraue 420er Daimler-Limousine zu kaufen. Es war ein riesiger protziger Schlitten, den ihm ein Zuhälter für 20000.- D-Mark überließ. Soviel hatte neu allein das C-Netz-Telefon gekostet, das für Kiki in Cottbus natürlich völlig nutzlos war. Der Benzinverbrauch war etwa so hoch, wie bei einem sowjetischen Panzer älterer Bauart, aber das Fahrgefühl war hervorragend, selbst auf der Autobahn war der Motor so leise, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.

IMG_20140929_0001

Ein untypischer “Westler”

Ich arbeitete seit März 88 beim Offenen Kanal Berlin und ich disponierte seitdem einen Radio- und einen Fernseh-Sender, allein und ohne einschägige Erfahrung. Der Job war schwer, vor mir hatten schon diverse Kandidaten abgewunken. Ich musste in kurzer Zeit sehr viel lernen und biss mich durch. Damals litt ich noch ziemlich unter einer Sozialphobie, das machte die Sache nicht unbedingt leichter. In meiner Freizeit suchte ich Ausgleich, ging wieder viel auf Konzerte. Ich hörte Rock, Punk auch Metal, Hauptsache ein guter Trommler war am Werk und mein Bauchgefühl stimmte. An elektronisch fabrizierte Drums konnte ich mich nie gewöhnen, auch später nicht. Natürlich ging man viel in die Ostberliner Läden, im Westen kannte man Leute und Orte meist zur Genüge und im Osten gab es noch “terra incognita”.

Das erste Mal kam Kiki Ende 1989 nach West-Berlin, um sich eine Lederjacke zu kaufen, ich ging mit ihm in den Kant-Store und er war sehr zufrieden. Wir merkten, das wir uns mochten und immer, wenn er in Berlin war, zogen wir zusammen um die Häuser. Als 1990 die Berlin Independence Days anstehen, akkreditiere ich kurzerhand Kiki und mich als Fanzine-Macher. Die B.I.D. war ein heute fast vergessenes Rock-Musik Festival und eine Konferenz, die Panels und Vorträge haben mich wenig interessiert, ich wollte in den vier Tagen möglichst viele gute Bands sehen. Es war streng genommen eine meiner kleinen Hochstapeleien, denn mein Fanzine hatte ich 1985 aus Geldmangel aufgegeben. Später als ich dann Geld verdiente, hatte ich keine Zeit mehr für eine solche Publikation. Immerhin habe ich in diesen Tagen einige Berliner als D.J.s für das Radioprogramm des Offenen Kanals angeworben. Kiki fand die Idee mit dem Festival toll und nahm sich ein paar Tage frei. Es ist das einzige Mal gewesen, dass ich eine meiner Einschleichaktionen nicht allein gemacht habe. Abends gingen wir in die Klubs und schauten uns ein halbes Dutzend Bands an. Nur wenige waren richtig gut, aber das tat dem Spaß keinen Abbruch. Wenn wir angesprochen wurden, wieso wir an der BID teilnähmen, dachten wir uns spontan jedesmal eine andere, unwahrscheinliche Lügengeschichte aus. Mal kamen wir von einem finnischen Art-Pop-Label “Kixli Taxli Pickwickii”, ein anderes Mal verkörperten wir das ungarische Büro für Alkoholismus und Punkfragen. Dann schliefen wir bis mittags, gingen ins Mitropa frühstücken oder in die Thermen, das Bier ausschwitzen. Kiki war ein kongenialer Partner bei meiner Felix-Krulliade.

Zum Jahreswechsel machte Kiki bei sich in Cottbus eine Party und ich fuhr hin um mitzufeiern. Als mich Kiki vom Bahnhof abholte und wir zu seinem Daimler kamen, standen dort sieben oder acht kleine Jungs und bewunderten die Protzkutsche. Es war mit Sicherheit der erste 420er in der Lausitz. Kiki musste Fragen beantworten, es machte ihm Spaß, noch. Als ich ihn Jahre später in Dresden besuchte fuhr er am liebsten einen FIAT Cinquecento, so ändern sich die Zeiten. Wir feierten ausgiebig Sylvester, ich schlief auf dem Boden, das ich mir das antat beweist, dass ich Kiki wirklich gern mochte.

Bild

Eine gänzlich unwahrscheinliche Geschichte

Im Frühjahr 1991 besuchte mich Kiki mit seiner Protzkutsche in Berlin, wir beschlossen an diesem Sonnabend in den Knaack-Klub zu gehen. “Es ist schon merkwürdig, wen man nicht kennengelernt hätte, wenn man nicht an jenem Abend genau dorthin gegangen wäre? Das Leben wäre anders verlaufen, aber wie?” Solche Überlegungen führen mich regelmäßig zu der Feststellung, das Zufälle das Leben bestimmen und genauso oft führen sie mich zur gegenteiligen Ansicht, nämlich dass es Zufälle gar nicht nicht gibt und das Schicksal einem eigenen, ausgeklügelten Plan folge. Manchmal haben solche Zufälle lebensverändernde Wirkung. Ohne Kiki wäre ich auf jeden Fall an diesem Tag nicht in den Knaack gegangen, schon gar nicht in die sogenannte “Darmwäsche”.

IMG_20130708_0007

Der Knaak hatte drei “floors”, aber das sagte man noch nicht, es hieß wohl drei Etagen, glaube ich. Im ersten Stock tanzte bravgekleidetes junges Volk zu Nena, den Puhdys und Chris de Burgh, im Erdgeschoss ging es ziemlich “Heavy” zu, aber im Keller, da ging wirklich der Punk ab, hatten wir zumindest gehört. Was der Name bedeutete enträtselten wir damals nicht. Der Klub in der Greifswalder Straße 224 war früher ein DDR-Jugendklub gewesen, in dem seit 1952 junge Leute dem westlichen Einfluss der Rockmusik entzogen werden sollten. 1973 wurde eine Discothek eingerichtet, die nach dem Mauerfall eigene Wege ging und sich privatisierte. Von Freier Deutscher Jugend zu Betriebs-Wirtschafts-Lehre sozusagen. Von nun an diente die “Darmwäsche” dem Tanzvergnügen und der Anbahnung zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Kellerräume waren kaum renoviert oder sonstwie aufgehübscht, es roch muffig, aber die Musik war Klasse und das Publikum angenehm. Die Musik erinnerte mich sehr an die alte Music-Hall. Der Gintonic kostete 2.50.- und es roch nach Cannabis. Es war schon weit nach Mitternacht, der D.J. spielte “No Tears” von Tuxedomoon, auch wie in der Hall, als mir eine Tänzerin auffiel. Ihre kraftvoll-grazilen, stampfenden Bewegungen zogen mich in ihren Bann, ich konnte kaum wieder wegsehen. Damals hatte ich ja noch unter ziemlich heftigen Sozialängsten zu leiden. Eine Frau ansprechen war fast unmöglich. Und bevor jetzt eine Diskrepanz zu meinen Eulenspiegeleien entsteht, muss ich darauf hinweisen, dass wenn ich eine erfundene Rolle spielte, ich von diesen Sozialphobien plötzlich und gänzlich befreit war. Umso mehr, je unwahrscheinlicher und abstruser sich diese Fiktionen gestalteten. Nur wenn es um richtige Menschen, echtes Leben und wahre Gefühle ging, fiel mit einem Mal der eiserne Vorhang von Angst und Unsicherheit herunter und machte es mir unmöglich zu sprechen und halbwegs gefasst zu agieren. Die Lichtgestalt auf der Tanzfläche mit den langen Haaren und den unwiederstehlichen Bewegungen eines bockigen Kälbchens, schnürte mir die Kehle zu. Nach einem weiteren Gintonic und einer meditativen Sammlung, ging ich aufs Ganze und schnorrte eine Zigarette von ihr. Dabei rauchte ich damals überhaupt nicht. Wir wechselten ein paar Sätze, unmöglich zu sagen, um was es ging. Der Inhalt liegt völlig im Dunkel, mir fiel auch nichts ein, um das Gespräch zu verlängern, ich hatte einen Black-Out. Nachdem wir also eine Weile still nebeneinander gestanden hatten, nickte sie mir freundlich zu und ging wieder tanzen. Ich bat Kiki und den anderen Freund, der noch dabei war, mit mir die Stätte meines Versagens zu verlassen. Wir gingen nochmal auf die anderen Floors kucken, es muss so gegen halbvier gewesen sein, dann gingen wir. Der Protzschlitten stand in einer Nebenstraße. Kiki war so gut wie nüchtern, sein Führerschein und sein Auto waren ihm so wichtig, dass er da keine Kompromisse einging und wir fuhren die Greifswalder Straße in Richtung Alexanderplatz hinunter. Dann sah ich das Böckchen von der Tanzfläche auf dem Bürgersteig mit gleichem Ziel, also westwärts stiefeln. Ich war von ihrem Gang wie hypnotisiert und Kiki war schon ein paar hundert Meter an ihr vorbei, als ich ihn stoppen ließ. Als er begriff, worum es ging, fuhr er rückwärts bis auf ihre Höhe und bremmste mit quietschenden Reifen. Die Szene sollten wir uns jetzt nochmal vor Augen führen, um zu verdeutlichen, dass das was nun passierte, gänzlich unwahrscheinlich war und sozusagen aus Zeit und Raum fiel. Um vier Uhr morgens, in der Greifswalder Straße, die unter Platzängstlichen gewiss einem besonders verhehrenden Ruf hat, hält nun ein riesiger Daimler, ein Zuhälterschlitten mit drei suspekt aussehenden jungen Männern. Einer, nämlich ich, betätigt den Fensterheber um das Fenster zu senken, und spricht eine ja im Grunde genommen, völlig fremde Frau an und fragt, ob sie denn nicht zufällig Lust hätte noch ein wenig mit, in eine nicht näher bezeichnete Bar zu kommen? Es darf als unbedingt gesichert gelten, dass keine auch nur halbwegs vernünftige junge Dame, ein solches Ansinnen nicht abgelehnt hätte. Anders Sabrina, diese äußerte im Ausdruck höchst nebensächlicher Belanglosigkeit: “Wieso denn eigentlich nicht”, was man getrost unter die rhetorischen Fragen einordnen darf.
Wir fuhren mit der Protzkutsche nach Schöneberg und landeten in einer Bar nahe dem Nollendorfplatz. Es war das Sexton glaube ich. Hier verlässt mich erneut mein sonst so zuverlässiges Gedächtnis, keine Ahnung worüber wir sprachen, aber es muss ganz nett gewesen sein. Wir tranken einen Absacker, Sabrina gab mir ihre Telefonnummer und wir verabschiedeten uns.

Um nicht als bedürftig zu wirken, wartete ich bis donnerstags mit dem Anruf. Wir trafen uns dann am Sonntag im Café Central, ein Funke sprang über und binnen weniger Tage waren wir in einer Beziehung. Fast zwei Jahre war ich mit der fleißigen Medizinstudentin zusammen, dann zog ich Konsequenzen aus der Tatsache, dass es eine gewisse Asymmetrie in unserer Freundschaft gab. Sie mochte mich gern, aber ich liebte sie.
In dieser Zeit nach dem Mauerfall veränderte sich nicht nur die politische Landschaft, auch privat überdachte man vieles neu und stellte althergebrachte Ansichten auf den Prüfstand. Beispielsweise war ich, bis dahin, nie bereit gewesen, eigene Kinder in die Welt zu setzen, weil ich mich nicht reif genug dafür fühlte. Ich war zwar ohne mein biologisches Zutun zwischen 1980 und 88 Stiefvater geworden und blieb es nach der Trennung von der Mutter auch, aber das war ja nicht meine Entscheidung gewesen. Ich war wie eine Jungfrau zu meiner Tochter gekommen. Nun 1991 öffnete sich bei mir ein Zeitfenster und ich hätte mir vorstellen können mit Sabrina eine Familie zu gründen. Ich war 37 während Sabrina erst Mitte 20 war und ihr Medizinstudium war das Wichtigste in ihrem Leben, die Gründung einer Familie und eigene Kinder waren einfach noch kein Thema für sie. Das Zeitfenster schloss sich wieder, ich beendete die Beziehung vielleicht etwas voreilig, aber konsequent. Auch für Konsequenzen war es eine große Zeit. Ich weinte der Beziehung keine Tränen nach. No Tears for the Creatures of the Night. Vielleicht war das ein Fehler, doch es war keine Zeit für Tränen, damals Anfang der 90er Jahre, in der Zeit nach dem Mauerfall und der Vereinigung, von der wir damals alle nicht gedacht hätten, dass sie bis heute immer noch nicht abgeschlossen sein würde.

Das letzte Foto (Ingrid Johnson) zeigt den Autor 1993 im Hof vom Knaack-Club.

No Tears

No tears for the creatures of the night
No tears
No tears for the creatures of the night
No tears

My eyes are dry
Goodbye
My eyes are dry
Goodbye

I feel so hollow I just don’t understand
Nothing’s turned out like I– like I planned
My head’s exploding
My mouth is dry
I can’t help it if I’ve forgotten how to– cry

No tears for the creatures of the night
No tears
Uh oh, oh no, uh oh, oh no, uh oh, oh no
No tears for the creatures of the night

(In 1979 Tuxedomoon released the EP No Tears, with the single “No Tears”. The single is described as “one of the best electro-punk hymns of all times.)

Sowohl mit Kiki, als auch mit Sabrina, habe ich um die Jahrtausendwende den Kontakt verloren. Vor ein paar Wochen fand ich Sabrinas E-Mail-Adresse im Web und schrieb ihr. Sie hat doch noch ein Kind bekommen und ist inzwischen Professorin, es freut mich zu hören, dass es ihr gut geht. Kiki habe ich auf Facebook gefunden, er freut sich über meine Schriftstellerei und hat im Sommer das Crowdfunding für mein erstes Buch großzügig unterstützt. Er selbst hat in diesem Jahr geheiratet.

Marcus Kluge

– Ende –

Namen und andere Details sind teilweise verändert, um die Persönlichkeitsrechte von porträtierten Personen nicht zu verletzen.

„LA BOHÈME WEST-BERLIN schelme schurken kebabträume” – Illustrierte Lesung

2015-10-06-0001 (2)

Am 19.12. um 20 Uhr im “Naumann Drei” in der Naumannstraße. Eintritt frei.

Marcus Kluge liest aus seinen Romanen und Bloggeschichten über Bohèmiens, Punks, Künstler und Bösewichter in der Mauerstadt West-Berlin. Der Illustrator und Fotograf Rainer Jacob zeigt dazu Fotos und Orginalzeichnungen mit dem Videobeamer.

tempodrom

– 1977 ziehe ich nach Friedenau und beschließe Schriftsteller zu werden. Bis zum ersten eigenen Buch dauert es dann 38 Jahre, aber die hatten es in sich. Gut das wir heute auf Pixel und Papier schreiben und nicht mehr auf Kuhhäute, denn ich habe viel zu erzählen. –

11909905_10153265328497982_225973334_n

Marcus Kluge & Rainer Jacob

– Mein kürzlich als Buch erschienener Roman „Xanadu ’73” berichtet vom kurzen und tragischen Leben meines Schulfreundes Beaky, der vom Popfan zum Drogenkonsumenten wurde und schließlich an einer Überdosis starb. Dabei schildert es die West-Berliner Bohème der frühen 1970er Jahre. Kiffer, Dealer, DJs, Ärzte und Antiquitätenhändler bildeten damals eine ganz eigene Subkultur in den Nebenstraßen des Kudamms. Mein zweiter Roman „Ein Hügel voller Narren” beginnt acht Jahre später am Tag, als der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay, während eines Polizeieinsatzes, von einem Doppeldeckerbus überrollt und getötet wird. Roberto kommt nach einem Knastaufenthalt in seine Heimatstadt zurück und findet West-Berlin polarisiert durch Polizeiübergriffe, Hausbesetzungen und die Zeitungshetze gegen die Protestbewegung. „Ein Hügel voller Narren” ist fast fertig und wird 2016 als Buch erscheinen. Außerdem hören wir einen Ausschnitt aus „Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Im subkulturell gesättigten Biotop West-Berlin geriet selbst die Punkbewegung zur Bohème. – Marcus Kluge

Es gibt die Möglichkeit signierte Bücher, Fanzines und West-Berlin-T-Shirts zu kaufen.

Textbeispiel aus „Schnelle Schuhe” Punk in West-Berlin:

– Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun.

IMG_20131206_0008

1983. Wir sind zu dritt und haben ein Kunstkopf-Mikrofon und einen tragbaren Audio-Rekorder dabei. Irgendwo am Teltowkanal kennen wir einen Schrottplatz, der am Wochenende unbewacht ist. Herbert und ich sind nicht allein, Cordula ist auch dabei, glaube ich.
Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als „Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Den benutzte er sonst zum Mitschneiden von Konzerten. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhythmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
„Watt soll’n ditte hier?”
Die Aggressivität der männlichen Stimme wurde durch das entgrenzte Kläffen eines Hundes unterstrichen.
„Wir machen Musik!”, brüllte ich zurück. Jetzt sahen wir den „Schrottplatz-Offiziellen” und seinen riesigen Schäferhund-Rotweiler-Mischling. Beide waren fuchsteufelswild und der Mann schrie die folgenden, unsterblichen Sätze:
„Ach Musik! Ach Musik ist ditte! Macht mal ‘n langen Schuh, sonst jipps Keile!”
Wir beschlossen ohne weitere Diskussion der Aufforderung des Schrottwächters nachzukommen. Schnell packten wir Mikro und Rekorder zusammen, kletterten zurück und spätestens als wir auf unseren Fahrrädern saßen, konnten wir kaum noch die Balance halten vor lachen. Den „Ach Musik!” Audio-Clip bauten wir in einen Song ein und benutzten ihn als Jingle bei unseren Veranstaltungen. Er wurde zum Markenzeichen und zum geflügelten Wort für alle Grenzwertigkeiten musikalischer Natur und an solchen waren die 1980er Jahre reich . –

Fotos und Illustrationen: Rainer Jacob

Berlinische Leben – „Hollywood-Friedenau“ / “Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Teil 3 / 1982-88

img_20141201_0005

(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

 IMG_20130712_0003

Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

IMG_20131206_0004

Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

Imagetaz-Artikel

Image

Image

Image

Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

Image

Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau

ImageImageImageImage

Hcls Clubspiel (Ausschnitte des 60/60 cm großen Spielbretts)

1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Noch fehlt mir eine Spielidee für dieses Jahr… Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße.Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und die Schuhe schneller.

“Keep going”.

 

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4

Meinen kleinen Rückblick zum 2. Geburtstag des Blogs, beende ich mit einer Zeitreise ins Jahr 1977, als sich im Punk House am Lehniner Platz die West-Berliner Punkszene konstituierte. Meiner Freundin Cordula Lippke bin ich für diese unterhaltsam-authentische Zeitstudie sehr dankbar, zumal ich selbst erst später in diese Szene kam. Ich lernte Cordula beim Zensor kennen, für den sie arbeitete und dadurch quasi automatisch die West-Berliner Musiker und hier gastierende Künstler kennenlernte. Zu gern würde ich deshalb eine Fortsetzung von Cordulas Text lesen und ich weiß, dass es vielen Lesern ebenso geht. Sie wird auch kommen, die Fortsetzung, da bin ich sicher. Aber wie ich gestern feststellte, manches kann man nicht erzwingen: “You Can’t Hurry Love” und auch das Schöpferische ist eigensinnig, es kommt wenn es da ist. Aber erst einmal: Vorhang auf für einen Besuch im West-Berlin der 70er Jahre. M.K.

10893045_4876018555309_240160042_o

Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

10877854_4876018195300_377464097_n
Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

10893777_4876018395305_388966033_n
Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Editorial – “Beliebte Beiträge” / Link-Sammlung

Halbmensch

Berlinische Leben – “Deutschland Deutschland alles ist vorbei” / Ein Hügel voller Narren – Kapitel Zwei / von Marcus Kluge / 1981
Familienportrait – Bunte Kindheit / Fotos aus den Jahren 1955-60
Berlinische Leben – „Halber Mensch“ / Die Poesie des Unfertigen / 9.11.1989
Familienportrait – Sag mir wo die Blumen sind / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / 3. und letztes Kapitel / 1961-2014
Berlinische Leben – “Fünfziger Jahre Stadtbummel” / West-Berlin Fotos
Berlinische Leben – “Hinter der grünen Tür” / Ein Hügel voller Narren Kapitel Fünf / von Marcus Kluge / Oktober 1981
Familienportrait – Die Autos meiner Kindheit / 1954-66
 2013-09-05-09-43-44
Berlinische Leben – “Nach Berlin im Schweinejahr” / aus dem Roman “Fleischer” von Volker Hauptvogel / Teil 1 / 1975
Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels
Familienportrait – Tante Lotte und Onkel Paul / Ein Preuße, Polizist, Fotograf und sein tragisches Ende (1933-46)
Berlinische Räume – “A Visit To Zensor” / Photographs from the famous record store taken in 1983
Familienportrait – Party Like It’s Nineteen-Fortynine
Berlinische Leben – “Easy Andi Solo Gitarre” / Portrait einer Freundschaft / 1969-1999
Berlinische Räume – “Pestalozzistraße möbliert” / von Cornelia Grosch / 1972-73
 10877854_4876018195300_377464097_n
Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke / aus der Reihe: Punk in West-Berlin Teil 4– Illustration: “Halber Mensch” von Rainer Jacob
Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

bildbetrachten

Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

theinsatiabletraveler.com/

Travel inspiration, stories, photos and advice

Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

literaturfrey - Kunst und Kultur

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Zur Musikszene im weltweiten Berliner Speckgürtel

Leselebenszeichen

Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

.documenting.the.obvious

there is no "not enough light" there is only "not enough time"