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Editorial: „Gedächtniskirche – Kurzes Nachdenken über Gewalt“

Ein paar Tage habe ich geschwiegen. Erst fehlten mir buchstäblich die Worte, dann kam mir alles hohl und redundant vor, was ich hätte äußern können. Aber das Leben muss weitergehen, wir müssen weiterleben, ohne uns von Wut, Trauer und Angst überwältigen zu lassen. Die Gedächtniskirche ist ironischerweise nicht nur eine zentrale Berliner Kirche, nein, sie ist ein Denkmal, dass uns daran erinnern soll, Gewalt erzeugt nur immer wieder mehr Gewalt. Diese Erfahrung haben die Deutschen machen müssen. Manch einer mag sich die Gedächtniskirche zurück wünschen, wie sie in neuromanischer Pracht vor dem 2. Weltkrieg auf dem Auguste-Viktoria-Platz stand, der 1947 nach dem, von den Nazis verfolgten Soziologen Rudolf Breitscheid, Breitscheidplatz benannt wurde. Die Ruine der Gedächtniskirche erinnert mich daran, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben, auch wenn rechte Demagogen z.Z. wieder erfolgreich auf Seelenfang gehen. Es ist eine Minderheit, die sich da sammelt und ich habe immer noch die Hoffnung, dass es eine Minderheit bleibt. Aber wir sollten ihr entschlossen gegenüber treten und uns nicht in einer Filterblase einlullen lassen. Mir ist die zerstörte Kirche auf jeden Fall wertvoller, als das heile Original, weil sie weiter Generationen lehrt, dass wer nicht in der Lage ist, aus der Geschichte zu lernen, verdammt ist diese zu wiederholen. Und nun wird sie auch ewig mit dem Attentat vom 19.12. 2016 verbunden sein. Ich wünsche mir, es sei mir kurz vor Weihnachten gestattet, dass die Gedächtniskirche weiter für ein Deutschland steht, das aus der Geschichte gelernt hat. Ein Deutschland, das nicht Gewalt mit Gewalt und Ausgrenzung beantwortet.

“DIE GESCHICHTE WIRD EINMAL /
EIN VERNICHTENDES URTEIL /
NICHT NUR ÜBER DIEJENIGEN /
FÄLLEN, DIE UNRECHT GETAN /
HABEN, SONDERN AUCH ÜBER /
DIE, DIE DEM UNRECHT STILL- /
SCHWEIGEND ZUSAHEN.” RUDOLF BREITSCHEID /
*1874 IN KÖLN +1944 IM KZ BUCHENWALD /
1920 – 1933 /

Die Foto-Strecke rund um die Gedächtniskirche entstand im September 2016 in Zusammenarbeit mit meinem Freund Rainer Jacob.

Unser erstes Ziel war der 70er-Jahrebau Bundesallee 203-5. Der grau-rote Betonklotz, in dessen Hof Rainer vor 38 Jahren eine schöne, an den Film “Uhrwerk Orange” erinnernde, Aufnahme von mir gemacht hatte. Schon vom weiten sahen wir, dass das zwischen Nachod- und Trautenaustraße gelegene Gebäude zur Hälfte abgerissen wurde. Immerhin, der Rest bleibt stehen: http://www.tagesspiegel.de/themen/charlottenburg-wilmersdorf/berlin-wilmersdorf-bald-rollen-bagger-an-der-bundesallee/10695326.html

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Das vergebliche Suchen nach der Idylle der Vergangenheit sollte an diesem Abend so etwas wie ein Leitmotiv werden. Der ehemalige Dschungel in der Nürnberger Straße war nur ungenau zu lokalisieren, auch die heutigen Ladenmieter im “Ellington Hotel” hatten keine Ahnung. Die Fußgängerbrücken zum Europa-Center fehlten und statt des “Kranzlers” fanden wir ein “Ampelmann-Café”. Nichts gegen die putzigen DDR-Ampelfiguren, aber ausgerechnet am Kranzler-Eck wirken sie doch arg deplaziert. Andere Zeiterscheinungen haben sich vorteilhaft verflüchtigt, vor dem Maison de France steht kein Polizist mit MG mehr, wie im “Deutschen Herbst” vor rund vier Jahrzehnten.

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Oben: Kudamm Höhe “Haus Wien” in den späten 50ern.

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Kranzler-Eck, 1960 und heute.

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Cinema Paris im Maison de France. Oben 1977.

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Oben: U-Bahnhof Kurfürstendamm, ca. 1978, Foto: Cornelia Grosch.

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Oben: Gedächtniskirche von der nicht mehr existierenden Fußgängerbrücke aus gesehen, Foto: Cornelia Grosch, ca. 1978.

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Oben: Europa-Center im Bau, 1965. Foto: Günter Jacob.

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Oben: Bikini-Haus im Bau, Rainer und seine Mutter, ca. 1957. Unten: Bikini-Haus heute, Rainers Foto und darunter Rainer beim fotografieren.

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Oben: Pan Am Lounge 1965. Foto: Helmut Kluge. Unten: Heute ist Fossil am gleichen Standort.

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Am Kranzler-Eck verabschieden wir uns. Rainer macht noch ein Foto auf dem Oberdeck des Busses, der ihn nach Kreuzberg zurück bringt und ich fotografiere auf dem Weg zum Bahnhof Zoo die neuen Wolkenkratzer am Beginn der Kantstraße. Die historischen Fotos stammen von: Rainer Jacob, Cornelia Grosch, Marcus Kluge, Günter Jacob und Helmut Kluge.

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Marcus Kluge

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„Athener Grill, Far-Out und Uhrwerk Orange” / Mendelsohn-Bau Lehniner Platz – Lost and Found

1969 schleppte mich ein Schulfreund mit zur Roten Garde, einer maoistischen Jugendorganisation. Als er die Adresse nannte, fragte ich nach, gab es wirklich einen Platz in West-Berlin, der nach dem russischen Revolutionär benannt war: Leniner Platz? Nein, natürlich nicht, Lehnin bei Brandenburg war der Ursprung, doch das Umland hatte man nicht auf dem Schirm in den Mauerjahren.

Die Rote Garde hatte Räume im Mendelsohn-Bau, der in den 1920er Jahren als Woga-Komplex erbaut wurde. Doch die drögen Schulungen und humorfreien Diskussionen bei den Gardisten konnten mich nicht begeistern. Eher begeisterte mich die Architektur der Neuen Sachlichkeit und die Blechpizza, die ich am Lehniner Platz zum ersten Mal aß. Das schicke Restaurant “Ciao” hatte eine gehobene, häufig prominente Klientele. Neben dem Eingang war ein Fenster, dort konnte man für eine Mark ein Stück der äußerst leckeren, neuen Backware “Mark-Pizza” erwerben. Man kannte zwar Spaghetti und Makkaroni, aber Pizza war noch eine seltene Spezialität, es würde viele Jahre dauern, bis man Pizza im Supermarkt kaufen können würde. Inzwischen werde ich von jungen Menschen gefragt was denn “Mark-Pizza” gewesen wäre. So schnell vergeht die Zeit.

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Oben: Das Ciao in den 70er Jahren, im November 2016 fand ich dort ein Kebap-Grillhaus namens Black&White Istanbul.

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Der WOGA-Komplex (https://de.wikipedia.org/wiki/WOGA-Komplex_am_Lehniner_Platz) wurde von Erich Mendelsohn zwischen 1925 und 1931 erbaut. Er stellt eine Verbindung aus Kulturstätten, Einkaufsmöglichkeiten und Wohngebäuden dar. Der Komplex wird stilistisch der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Begibt man sich am Ende des Kurfürstendammes auf den Lehniner Platz, fallen einem zwei ausladende Kopfbauten auf, in deren Mitte sich eine kleine Ladenstraße befindet, die auf ein querstehendes Gebäude zuläuft. Hieran schließt sich eine Wohnanlage mit Grünflächen und Tennisplätzen. In einem der beiden Kopf-Bauten ist aktuell die Schaubühne untergebracht. Der WOGA-Komplex steht unter Denkmalschutz. (Nach WiKi)

Mich zog es immer wieder zum Mendelsohn-Bau. 1970 gab es neben den Kinos noch einen Theatersaal, in dem ich eine Aufführung des Musicals “Hair” sah. Im “Ciao” ging ich mit meiner Cousine Ingrid essen, weil wir keine Promis waren und auch keinen teuren Wein bestellen wollten, behandelte man uns ziemlich von oben herab. In meinem ersten Roman “Xanadu ’73” verarbeite ich das Erlebnis:

Sie laufen den Kudamm in Richtung Halensee und Hanna fragt, halb besorgt, halb scherzhaft:“Du willst mich aber nicht in den Athenergrill ausführen?“ Er schüttelt den Kopf, tatsächlich ist ihm die Frage peinlich, er wird sogar ein wenig rot. Wenige Meter hinter dem Athenergrill, hält er ihr eine Tür auf. Ins “Ciao” lädt er sie ein. Einen schicken Italiener, wo man manchmal sogar Schauspieler oder andere Prominente sieht. Schon ist der Kellner da, wieselt um die beiden, radebrecht, „Einen Tisch, a due?“ Beaky nickt und der Kellner will sie ganz hinten im Lokal platzieren, Hanna stoppt ihn souverän. Sie will am Fenster sitzen, was auch kein Problem ist, der Laden ist fast leer.
Hanna hat nur eine rosafarbene Weste und nichts zum Ablegen an, Beakys Fransenlederjacke will ihm der Kellner abnehmen, es gibt etwas Gezerre und Beaky gewinnt das Match. Einen Freund haben sie in ihrem Kellner nicht gewonnen mit diesem Entrée.
Jetzt bringt der Kellner Beaky die Weinkarte, davon lässt er sich nicht irritieren, man hat ihn vorgewarnt. Weltmännisch sucht er einen bezahlbaren Wein aus, auch das probieren und freundlich Nicken bekommt er hin. Aber er fühlt sich überhaupt nicht wohl und schließlich gesteht er sein Missempfinden Hanna, die sieht es ähnlich. Als sie Beaky darauf hinweist, dass der Kellner einen ganz anderen, teureren Wein gebracht hat, kommt Beaky eine spontane Eingebung, Er bedeutet Hanna ihr Glas auf Ex zu trinken, dann zerrt er sie hoch, greift seine Jacke, schleust sie durch den Eingang auf den Gehsteig. Sie rennen los, er hat sich vorher versichert, das sie keine Absätze trägt. So jagen sie den Kudamm hoch zurück in Richtung Leibnizstraße und kichern. Als sie an der Ecke Eisenzahnstraße sind, blicken sie zurück und sehen den gestikulierenden Kellner, worauf sie einen erneuten Lachanfall bekommen. Sie halten sich die Bäuche und lachen bis es wehtut.

Im Studio-Kino sah ich Zappas “200 Motels” und “Clockwork Orange”. Bei letzterem erlitt ein Freund, Connie, einen Panikanfall, den ich im Roman, als eine Drogenüberdosis schildere:

Der ausgezeichnete Film fesselt mich erneut. Ich verfolge die bösen Taten des Helden und leide mit ihm, als er in den Knast kommt. Als Alex schließlich eine Aversionen erzeugende Droge gespritzt bekommt und festgeschnallt stundenlang “horrorschaumäßige” Filme ansehen muss, fällt mir auf, dass Beaky neben mir mit schreckgeweiteten Augen auf die Leinwand starrt und seine Fingernägel in die Oberschenkel drückt. Er wirkt wie ein Spiegelbild von Alex. Ich frage ihn und erst später wird mir bewusst, dass das eine ziemlich blöde Frage war: “Bist du OK?” Statt zu antworten schüttelt er den Kopf. Ich zerre ihn aus der Stuhlreihe, wir verlassen den Saal und finden uns in einem der runden Gänge, die um die Säle herum führen. Beaky ist noch bleicher geworden und mir fällt auf, dass er Stecknadelpupillen hat.
Ich verwerfe meine erste Theorie, nach der Beaky eine Panikattacke erlitten hat. Ganz offensichtlich hat er auf dem Klo noch weitere Drogen genommen, wahrscheinlich hat er ein Opiat gespritzt. In den frühen 70er Jahren dachte man relativ schnell an Heroin, weil es in Berlin billig und leicht zu beschaffen war.

Nina Hagen scheint den Lehniner Platz auch zu mögen, nach ihrer Übersiedlung in den Westen gab sie hier ein Konzert, umsonst und draußen. Ich glaube, es müsste 1978 gewesen sein, dass ich sie dort live, mit der Nina Hagen Band, gesehen habe.

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Oben: Postkarte aus den 50er Jahren. Unten: Illu zum Kapitel “Uhrwerk” aus “Xanadu ’73” von Rainer Jacob.

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In den 70er und 80er Jahren besuchte ich häufig, wie alle Nachtschwärmer dieser Zeit, den “Athener Grill”. Die Berliner sprachen den Namen aus, als ob es ein Wort wäre, Athenergrill, betont auf der zweiten Silbe: A-THÉ-nergrill! Auch diesem Etablissement widme ich einen Abschnitt im Xanadu-Roman.

Beaky und ich laufen zurück in Richtung Lehniner Platz, um im Athenergrill, dem wahrscheinlich beliebtesten Selbstbedienungsrestaurant dieser Jahre, einzukehren. Ich bin dort immer wieder gewesen bis in die 90er Jahre, als ich eine Kakerlake in aller Ruhe durch die Vorspeisenvitrine laufen sah. 1973 habe ich noch Vertrauen in die Restauration und hole mir zwei von den kleinen Mimis Dönern in Pita-Brot, die damals 1.50 kosteten. Beaky isst eine quietschsüße, griechische Angelegenheit aus Joghurt und Honig, auch das bestätigt meine Idee, das er vor allem dem Heroin zugetan war. Denn alle Heroin-Junkies, die ich kennenlernte waren Süßschnäbel, wieso auch immer. Ich trinke Fanta dazu und Beaky schwarzen Kaffee, von dem er im Lauf des Abends vier oder fünf Tassen trinkt, denn wir sitzen lange im Athenergrill. Das war ja das Gute an diesem Etablissement, es schloss nie. Irgendwann gegen morgen kamen zwei mürrische Putzfrauen und vertrieben die Gäste, aber nur für eine kurze Weile, dann kehrten die üblichen Gestalten zurück und man hatte den Eindruck, sie seien nie weg gewesen.

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Es muss um 1960 gewesen sein, als wir meinen Vater ins Albrecht-Achilles-Krankenhaus brachten, der sich einer Operation unterziehen musste. Die Klinik gibt es nicht mehr, heute residiert hier das Finanzamt Wilmersdorf.

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1983 fotografieren Rainer Jacob und ich die Band “Dreidimensional” am Mendelsohn-Bau für meine Zeitschrift “Assasin”. Sie kommen sogar auf das Cover des zweiten Heftes. Obwohl die Spandauer Musiker sehr jung, fast kindlich wirken, erinnern mich die Bilder regelmäßig an “Uhrwerk Orange” und den Panikanfall meines Freundes in den 70er Jahren.

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Diverse Kneipen und Clubs haben den Lehniner Platz zum Anziehungspunkt für die wechselnde Klientele der Jugendgruppierungen gemacht. Mitte der 70er Jahre trafen sich die ersten Berliner Punks im PunkHouse neben dem Athener Grill, wo heute ein öder Spielsalon zum Geld verlieren einlädt.

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In der ehemaligen Ladenstraße gab es Berlins einziges Rollschuh-Diner “Mendelsohns”, davor war es ein “Treibhaus”, sowie eine Version des umtriebigen Tolstefanz und dann lange, die bei Bagwan-Jüngern beliebte Disco “Far-Out”.

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In den 90er Jahren war ich noch ein paar mal am Lehniner Platz. Ich besuchte eine Botho Strauss-Inszenierung in der Schaubühne.  Die Gesellschaftselite, die Strauss vorführt und als langweilig und uninspiriert kritisiert, war als Inszenierung genau das: langweilig und uninspiriert. Die Zeiten, da die Schaubühne mich begeisterte schien vorbei und auch der Athener Grill wurde nie wieder mein Ziel, nachdem ich das erwähnte Krabbeltier in der Vorspeisenvitrine beobachtete.

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Inmitten der Wohnanlage befinden sich Tennisplätze, auf denen Prominente, wie Erich Kästner, der in der Nähe wohnte, oder Willy Brandt, als er Regierender Bürgermeister war, spielten. 2007 musste der letzte Pächter die Plätze aufgeben, nachdem ein Investor unrealistische Summen für die Pacht verlangt hatte. Das Bauvorhaben des Investors ist dieses Jahr vom Bezirk abgelehnt worden, so dass wieder Hoffnung besteht, die charmante Sportanlage wieder nutzbar zu machen. In ebenfalls bedauerlichem Zustand ist das Postamt Nestorstraße, 1930-32 von Willy Hoffmann erbaut. Der verputzte Stahlbetonriegel in Stil der Neuen Sachlichkeit mit Bezügen zur Wohnbebauung der östlich anschließenden Cicerostraße (WOGA-Komplex), bildet den nördlichen Abschluss des Hochmeisterplatzes.

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Ansonsten ist der gesamte Komplex in ausgezeichnetem Zustand, unten die Wohnanlage Cicerostraße und darunter das Apartmenthaus in der Mitte des WOGA-Komplexes.

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Oben: Der Ausführungsplan des Woga-Komplexes von 1927.  Quelle: – Von SL1974 (S.Lucht) – von ihm selbst erstellt; Original-Ausführungsplan von 1927 ist im Besitz der Kunstbibliothek, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin; abgelichtet in Pitz, Helge: Der Mendelsohn-Bau am Lehniner Platz, Berlin 1981, S. 42., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3292680


Text und Fotos: Marcus Kluge (s.u.)

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Von der Erstausgabe des Romans “Xanadu ’73” gibt es noch einige Restexemplare. Bestellbar bei mir, unter marcusklugeberlin@yahoo.de für 13€ inkl. Versand in Deutschland.

Familienportrait: „High Society“ / Biografie eines Berliner Hippies / 1967 – 2016

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1967 wechsle ich von der Grundschule auf die Friedrich-Ebert-Oberschule und lerne Richard kennen. Heute, 50 Jahre später, ist er mein ältester, noch lebender Freund und ich kann nur hoffen, er bleibt mir erhalten. Zusammen mit ihm, schaue ich auf sein abwechslungsreiches Leben zurück. Er wollte ganz hoch hinaus, fiel aber mehrfach tief. Sein Leben war wie eine Achterbahnfahrt, nur länger, steiler und breiter.

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1967 sehe ich die Beach Boys im Sportpalast an der Potsdamer Straße, an dessen Stelle heute der Sozialpalast steht. Es ist mein erstes Rockkonzert, ich bin zwölf. Dennis und Brian Wilson haben Übergewicht, ich auch. Ich träume davon selbst auf der Bühne zu stehen. 22 Jahre vorher fragte ein Rheinländer namens Joseph Goebbels die im Sportpalast anwesenden Deutschen, ob sie den totalen Krieg wollten und alle brüllten: “Ja.”

Foto oben: Von links Marcus, Andi, Richard 1970. Unten: Pariser Straße 15, heute übt hier ein Buchbinder sein Handwerk aus.

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Zwei Jahre danach gründen meine Freunde und ich unsere erste Band. Einen Übungsraum haben wir in der Pariser Straße 15. Richards Vater hat dort einen winzigen Uhrenladen. Heute übt ein Buchbinder hier sein Handwerk aus. Über dem Laden gibt es 1970 eine Art Hochbett, dort schläft der Uhrmacher mit seiner Frau, einer Krankenschwester. Unter dem Laden ist ein Keller, dort steht unsere kleine Anlage, dort können wir spielen oder einfach nur zusammen hocken und quatschen. Wenn wir Hunger haben, macht uns Richards Mutter Schmalzstullen.

Wir spielen Blues, den Blues der 60er Jahre, wie Cream oder die frühen Pink Floyd. Richard ist unser Drummer, dünn und blass wie er ist, sieht er dem Trommler Ginger Baker ähnlich. Ich spiele Bass, ich habe einen weißen Höfner-Bass zu Geburtstag und Weihnachten bekommen. Andy ist nicht nur der Leadgitarrist, er schreibt auch die Songs und ist die treibende Kraft. Rolf, der vierte Mann, ist älter. Schon 18, während wir um die 15 sind. Rolf hat einen Bart und kann Auto fahren. Außerdem spielt er klaglos Rhythmusgitarre, während sich Andy in langen Solos verliert. Andy ist der Schönling unter uns, ein echter Mädchenschwarm, mit seinen dunklen langen Haaren sieht er ein bisschen wie Paul McCartney aus.

Spoiled Saturn”, den Gruppennamen habe ich erfunden. Der Unglücksstern und spoiled davor hört sich irgendwie groovy und erdig an. Meist spielen wir vor Freunden und Verwandten, viel mehr gibt unsere kleine zusammengesuchte Anlage nicht her. Den Uhrmacher nervt der Krach bald und wir ziehen kurzfristig in einen Keller gegenüber, unter einer Apotheke, aber auch da fliegen wir schnell raus, zu laut!2016-07-22-0008 (2)

Oben: Richard 1970, unten: Andi und Marcus 1973.

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Unseren größten Auftritt tritt haben wir vor den Schülern der Otto von Guericke-Schule. Es ist ein Wandertag, im Tegeler Forst hat die Schule einen Saal gemietet. Wir borgen uns ein paar Verstärker und Boxen und rocken das Haus. Vier lange Songs haben wir, als wir damit durch sind, fangen wir nochmal von vorn an, “Live at Tegel”. Die Schülerschaft ist begeistert. Abends feiern wir unsern Erfolg im Piccola Taormina, der Mini-Pizzeria neben der Market-Boutique in der Uhlandstraße, wo man damals die schärfsten Klamotten kaufen konnte.

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Die Pizzeria in der wir 1970 unser Konzert feierten gibt es heute noch.

Kurz danach wird uns die Anlage geklaut. Damit ist die Luft raus, wir haben einfach nicht die Kraft und die Geduld, noch einmal Geld zu sparen und uns gebrauchte Teile zusammen zu kaufen. Mit Andy bleibe ich eng befreundet, Richard und Rolf sehe ich eine Weile nicht wieder.

1971 beschließe ich, da mir das Gymnasium verschlossen ist, wenigstens meine Mittlere Reife zu machen. Dafür gehe ich auf die Alfred Wegener Schule im schicken Dahlem. Richard wohnt in der Nähe, Im Dol, in der Villa von Paul Hubschmid und Eva Renzi. Richard hat einen Kumpel, der viele Leute in der Theater- Film-Branche kennt, Peter.

Peter gehörte zur Clique um den Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Nach einer handfesten Prügelei mit dem exzentrischen Schauspieler Kurt Raab, verstößt ihn Fassbinder aus seiner Umgebung. Peter hat Richard, der zuhause herausgeflogen ist, weil er nicht mehr zur Schule gehen wollte, den Job besorgt auf Haus und Garten des prominenten Paares aufzupassen, während diese in St. Tropez leben.

Daher gehe ich nach der Schule oft in die luxuriöse Villa, um Richard zu besuchen und im Pool zu schwimmen. Ich führe lange Gespräche mit ihm, nach unserem Rauswurf aus dem Gymnasium und dem Ende unseres politischen Engagements sind wir beide ziellos. Er möchte gern irgendwo dazugehören, er will von Leuten wie Hubschmid und Renzi akzeptiert werden und er träumt davon um die Welt zu reisen. Er wird sein Ziel erreichen, doch er muss einen hohen Preis dafür zahlen. Ich neige zur Verweigerung, auch mir sind Beruf und Karriere egal. Ich möchte schreiben und als Bohemien leben. Das letztere ist ziemlich einfach zu erreichen, aber bis sich für meine Schreiberei irgendjemand interessiert werden zehn lange Jahre vergehen.

Eines Tages sitzen wir mit ein paar Bekannten am Swimming-Pool, auch die fünfjährige Anouschka Renzi mit ihrer Nanny ist dabei. Außer mir haben sich alle aus der Hubschmidschen Hausbar bedient und Joints geraucht. Daher bin ich der einzige der bemerkt, wie das Kind in den Pool fällt und zu ertrinken droht. Ich springe in Jeans und T-Shirt hinterher und ziehe Anouschka an den sicheren Rand.

Richard arbeitet bei einer Tournee des Schauspielers Hannes Messemer, ein guter Mime, leider aber ein Alkoholiker. Zu Richards Pflichten gehört es, aufzupassen, dass der Star vor der Vorstellung nicht zu viel trinkt. Er lernt viel, Peter zeigt ihm wie man Licht setzt. Anschließend trampt Richard nach St. Tropez, wo sich seit den 60er Jahren die Reichen und die Schönen treffen. Er schickt mir eine Karte, er ist enttäuscht, was er dort gesucht hat, findet er nicht.

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Die Postkarte aus St. Tropez.

Terry Melcher, ein Sohn von Doris Day, ist Songwriter und Musikproduzent. 1968 stellt ihm Dennis Wilson von den Beach Boys einen Musiker namens Charles Manson vor. Aber Melcher gefällt das Demo nicht das Wilson von Charles Manson aufgenommen hat. In der Folge besucht Manson Melcher mehrfach in dessen Haus 10050 Cielo Drive. Genervt zieht Melcher aus und das Haus wird an Roman Polansky und Sharon Tate vermietet. Am 8. August 1969 ermorden Mitglieder von Mansons Gefolgschaft, unter ihnen Susan Atkins, drei Freunde von Tate und einen zufälligen Zeugen. Anschließend ersticht Atkins die hochschwangere, um Gnade flehende Sharon Tate mit 16 Messerstichen. Danach schmiert sie das Wort PIG mit Tates Blut an die Hauswand.

Im provinziellen Berlin gibt es auch danach noch Beziehungen zwischen Promis wie Eva Renzi und „Hippies“ wie Richard und Peter. In St. Tropez hat sich die High Society aber bereits hermetisch vor Außenseitern abgeschlossen.

1975 wohne ich mit einer Freundin in der Joachimsthaler Straße. Richard besucht uns und schwärmt von Goa. Dort würden Hippie-Träume noch wahr und der Jet-Set schaut auch vorbei. Er will dort den Winter verbringen und uns mitnehmen. Ich kann mich mit der Idee nicht anfreunden, aber Ulrike überredet er. Beide werden viele Winter in Indien verbringen. Ulrike macht dort ein Restaurant auf, hat Erfolg, heiratet einen einheimischen Rechtsanwalt und bekommt zwei Töchter. Richard mietet die Villa Nunes und betreibt dort eine Pension.

Der Reiseschriftsteller Gavin Young besucht ihn in der “Villa Nunes”, dem ehemaligen Haus eines portugiesischen Beamten von 1904. In “Slow Boats to China” findet er, das Haus hätte einen mysteriös-verwunschenes Aussehen. Richard beschreibt er als “youngish, tall, blond with a pale moustashe. He was dressed like a mississippi gambler with a three-piece-suit in a film, very elegant.” Gavin portraitiert Richard auf mehreren Seiten und zeichnet ihn auch in der Villa Nunes. Richard ist sehr stolz darauf. In Berlin schenkt er mir das Buch.

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Oben: Richard mit Sohn und Freunden in Goa 1983. Unten: Gavin beschreibt sein Treffen mit Richard.

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Unten: Gavin Youngs Zeichnung und Beschreibung der Villa Nunes.

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Unten: Richard bei den Dreharbeiten zum Film “Jaipur Junction”.

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Trotz Filmprojekten, irgendwann reicht Richard das beschauliche Hippieleben in Goa nicht mehr und er plant mit drei engen Freunden einen wirklich großen lukrativen Schmuggel durchzuziehen. Einmal richtig absahnen und sich dann mit einem kleinen Hotel zur Ruhe zu setzen. Sie kaufen eine Segelyacht, schippern nach Kerala in Südindien. Dort werden 250 Kilo bestes Haschisch im Boot versteckt. Anschließend lassen sie die Yacht per Schiffsfracht nach Kanada bringen.

Zwei Monate später sind sie in Toronto um das Geschäft über die Bühne zu bringen. Einen Vorschuss haben sie bekommen, sie wohnen in einem Luxushotel und beschließen sich die Haare schneiden zu lassen. Dazu gehen sie zum exklusiven Friseur Howard Barr, der die Rolling Stones für Videodrehs frisiert hat. Als sie sich nach der Kopfwäsche aufrichten, sehen sie sich von schwerbewaffneten Polizisten umringt.

Zum Prozess reist Richards Mutter nach Toronto, am Urteil kann sie nichts ändern. Sieben Jahre Haft, das ist mehr als er erwartet hat. Zuerst denkt er an Selbstmord, dann arrangiert er sich irgendwie. In den 70er Jahren sind kanadische Gefängnisse nicht ganz so übel, zu Weihnachten gibt es Seafood Salad. Richard schreibt mir, ihm ist wichtig, dass ich ihn auch jetzt noch akzeptiere.

Nach zwei Jahren wird er abgeschoben. Er bekommt einen Anzug aus der Gefängnis-Schneiderei, der phänomenal schlecht sitzt und 200.- Dollar. In Berlin arbeitet er in einem Kaufhaus und versucht sein Leben wieder auf die Reihe zu bringen. Doch bald führt Richard wieder sein altes „Highlife“, im Sommer in Berlin, im Winter in Goa.

Es ist 1983, ich habe mit Herbert die Cut-Up-Swingers gegründet, eine experimentelle Band, der Chorgesang erinnert an David Peel & The Lower Eastside. Metall-Percussion und Küchenmaschinen ergänzen den Sound. Ich lade Richard ein, mitzuspielen. Wir machen Band-Fotos, aber zu den Proben kommt er nicht. Wiedereinmal höre ich fast zwei Jahre nichts von ihm.

Unten: Cut-Up-Swingers (ich, Mirko, Richard, Herbert.)

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Als ich 1986 mein erstes Filmprojekt verwirkliche, fällt mir Richard ein und ich engagiere ihn als Best Boy. Tatsächlich hilft er viel, nicht nur beim Licht, er spielt auch den Hippie Deli. Auch sein Kumpel Peter spielt eine Rolle. Nach einer Japanreise haben beide asiatische Freundinnen, die furchtbar nett sind und auch helfen beim Film. Wovon die vier leben, bleibt mir ein Rätsel.

Im Frühjahr drehen wir den Piloten für “Bum Bum Peng Peng”, die Parodie einer Krimiserie. Wir drehen auf Umatic Lowband, einem inzwischen historischen semiprofessionellen Videoformat. Die Geräte bekommen wir zum Teil vom Offenen Kanal Berlin, der auch die Ergebnisse ausstrahlt.

Kurz danach nimmt mich Richard auf eine exklusive Geburtstagsparty mit. Es ist seine Art sich für den Job zu bedanken. Wir feiern mit diversen Promis, an der langen Tafel sitzt neben mir Christoph Eichhorn, den ich sehr schätze. Ich freue mich sehr über die Gelegenheit mit dem Schauspieler zu sprechen. Immerhin spielte er in der Verfilmung meines Lieblingsromans “Der Zauberberg”, den Helden, Hans Castorp.

1988 erinnert sich der Musikproduzent Terry Melcher an die Beach Boys. Er braucht Geld und produziert mit den Jungs “Kokomo”, den penetrant süßlichen und wahrscheinlich schlimmsten Hit der Band. Brian Wilson ist an dieser Aufnahme nicht beteiligt.

Zehn Jahre später meldet Richard sich wieder. Inzwischen mache ich die Disposition für den Offenen Kanal Berlin und er besucht mich 1996 im Sender. Wieder hat er ein paar Jahre im Knast verbracht, wieder waren Drogen der Grund. Nach Feierabend nehme ich ihn mit vom Wedding in die City West, damals gab es noch Taxi-Coupons für die Spätschicht. Als wir an der Haftanstalt Moabit vorbeifahren, zeigt er auf sein “ehemaliges Zimmer”. Ich registriere, dass es mir vor dem Taxifahrer peinlich ist, mit einem Knastbruder befreundet zu sein und wundere mich, dass ich so bürgerlich denke.

2008 besuche ich Ulrike, ihre Töchter sind inzwischen erwachsen, eine ist ein bekanntes Model geworden. Ulrike erzählt mir, das Richard in Berlin lebt und Hartz 4 bezieht.

Mit Andy war ich immer eng befreundet, wir sind öfter verreist und haben den Kontakt nie abreißen lassen. Nach dem Fall der Mauer haben wir Ausflüge in die ehemalige DDR gemacht. Ende der 90er Jahre stirbt Andy an einem mysteriösen Pilz, der in kürzester Zeit seine Lunge zerfrisst. Ich vermisse ihn immer noch sehr.

Rolf habe ich nur einmal wiedergetroffen, er hat eine Familie gegründet und ist Versicherungsvertreter geworden.

Als ich 2014 anfing meinen zweiten Roman „Ein Hügel voller Narren“ zu schreiben, brauchte ich ein reales Vorbild für meine fiktive Hauptfigur. Mein alter Schulfreund Richard passte hervorragend und so erfand ich „Roberto“. Roberto hatte auch eine Pension in Goa, er war wegen 250 Kilo Haschisch in Kanada im Knast und Robertos Vater war, wie der von Richard, im dritten Reich im jüdischen Widerstand. Schon in den 80er Jahren hatte ich mit Richard den Plan entwickelt eines Tages ein Buch über ihn zu schreiben. Also fühlte ich mich bevollmächtigt dies nun auch zu tun. Allerdings erzählte ich jetzt eine wilde, erfundene Geschichte, in der Roberto und sein Vater Dinge tun, von denen ich nicht wusste, ob sie Richard gefallen würden. Leider hatte ich seit den 90er Jahren keinen Kontakt mehr zu Richard gehabt. Also begann ich ihn zu suchen, auf Facebook wurde ich fündig. Er hatte sich gerade erst angemeldet und freute sich sehr und fand mein Buchprojekt toll und spannend. Er kam zu meiner ersten Lesung im März 2014, zufällig wohnt er direkt neben der Kulturwerkstatt, in der ich als lesender Schriftsteller debutierte. Ich war froh, dass er den Drogenhandel aufgegeben hatte., nachdem er Anfang des neuen Jahrtausends eine letzte Haftstrafe abgesessen hatte. Es wäre „die verbindlichste“ gewesen, drückt er sich aus. Danach arbeitete er viele Jahre in einem Tonstudio. Er kam mir entspannt und gereift vor. Wir trafen uns, er unterstützte mich beim Roberto-Roman und wir hielten Kontakt über Facebook.

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Zwei Illustrationen von Rainer Jacob zum “Helden ’81”-Roman.

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Im Frühjahr 2016 ist er dann plötzlich von der digitalen Bildfläche verschwunden. Über sechs Wochen höre ich nichts von ihm und er antwortet nicht auf Mails und Nachrichten, dann ein Gruß auf Facebook. Er spricht von einer schweren Krankheit … Dann steht er unvermittelt eines Tages vor meiner Tür. Sofort wird mir klar, schwere Krankheit bedeutet Krebs. Er sieht krank und unglaublich dünn aus. Man hat den Krebs zufällig entdeckt, er hat Glück gehabt. Doch obwohl der Krebs noch klein war, hatte er schon gestreut. Nun hat Richard keinen Magen mehr und ihm steht eine viermonatige Chemo bevor. Trotz einer Bronchitis hält er durch, wenn er mich besucht merke ich ihm die Strapaze an. Was ihn besonders ärgert, er hat seine Arbeit verloren, viele Jahre hat er ein Tonstudio geleitet, aber als er krank wurde, hat man ihn herausgeworfen. Ich beginne diese Geschichte mit ihm zu bearbeiten, wir suchen Fotos aus, die Ablenkung tut ihm gut. Realistischerweise rechnet er damit, dass seine ihm verbleibende Lebensspanne unkalkulierbar, aber möglicherweise nicht lang, ist. Meinen zweiten Roman, dessen Hauptfigur Roberto, auf seiner Biografie beruht, würde er gern noch einmal in den Händen halten. Etwa 230 Seiten sind fertig, dann habe ich, obwohl nur drei Kapitel fehlen, aufgehört zu schreiben. Ich hatte mir viel vorgenommen, für meinen zweites Buch. Vielleicht zu viel? Ein West-Berliner Schelmenroman ist es, aber auch ein Panorama der Stadt 1981, auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerbewegung. Außerdem ergründe ich das Lebensgefühl meiner Generation, der in den Nifty-Fifties Geborenen. Über ihren Eltern lag der Schatten des Dritten Reichs, doch das Wirtschaftwunder drückt scheinbar alle Widersprüche ins Unbewusste. Über die Zukunft machte sich meine Generation keine Gedanken, bis wir in den 1970ern in das Arbeitsleben drängen, um unseren Teil des Wirtschaftwunders zu ernten. Da stellen wir erstaunt fest, dass die fetten Jahre vorbei sind. Und schließlich reicht die Vorgeschichte des Romans ins düsterste Kapitel der deutschen Geschichte zurück, die Nazizeit und ihre Gräuel. Dass Richards Vater im jüdischen Widerstand gegen Hitler war, wusste ich vorher nicht. Nicht zuletzt ist es ein Buch über Väter und Söhne. Und am Ende soll alles stimmig sein, jedes Klötzchen soll an seinen speziellen Platz fallen und dabei natürlich aussehen. Vor diesem Ende habe ich Respekt, vielleicht sogar Angst zu versagen. Doch meinem ältesten, noch lebenden Freund zur Freude, werde ich die Arbeit angehen und die Klippen überklettern, die noch vor mir liegen. Respekt habe ich vor meinem Freund, der, um sein Leben kämpft und dabei nicht den Humor und nicht seinen lebensbejahenden Charakter verliert. Nach einem Leben voller Höhen und Tiefen gibt er nicht auf.

Unten: Richard  im November 2016.

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Brian Wilson lässt mich über Facebook an seinem Leben teilhaben. Auch er hatte großartige Erfolge, aber tiefe Depressionen. Jetzt ist er wieder kreativ und gibt Konzerte. Es ist eben nie zu spät, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Die Flinte ins Korn zu werfen, ist immer noch Zeit.

Wird fortgesetzt.

 

Die Geschichte von Andi, unserem viel zu früh gestorbenen Freund:

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Das erste Kapitel des Roberto-Romans „Helden ’81“:

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Familienportrait – “A Day in the Life 1978” / West-Berlin in Schwarz-Weiß

 

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Zahnschmerzen führen nicht zu kreativen Einfällen, doch es scheint Ausnahmen zu geben. Gestern morgen merkte ich schnell, dass die Konzentration nicht zum Schreiben reichte. Also begann ich, meinem “Das Beste in Schwarz-Weiß-Woche” Motto folgend, mit den Kontaktbögen aus den späten 70er und frühen 80er Jahren zu spielen, die Rainer kürzlich mitbrachte. Als man noch mit Negativfilm arbeitete, legte man die Filmstreifen auf ein DIN A4 Fotopapier und belichtete sie dann. Somit hatte man ca. 30 Positivbilder im Format 24×36 Millimeter und konnte auswählen, was sich zu vergrößern lohnte. Ein Bogen gefiel mir besonders gut, Rainer hatte offensichtlich einen Sommertag mit der Kamera dokumentiert. Rainer streifte durch die Stadt, ging mit Freunden essen und abends schaut man sich Fassbinders “Despair” im Delphi an. Gute Unterhaltung bei der Rekonstrution eines West-Berliner Tages, 38 Jahre danach.

Update: Rainer Jacob kommentiert: “Das war so eine Zeit wo ich Negativ-Film vom Meter auf Filmrollen zog und ein Foto-Tagebuch führte. Ich habe dann auch die 18×24 Abzüge mit Negativrahmen und eineinhalb Bildern in die Mittelformat-Bühne des Vergößerungsapparats gelegt. Daraus ist dann mein Stil entstanden, fast filmisch, Lebensssituationen miteinander zu verbinden.”

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Photographer: Rainer Jacob

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Arranged an edited by Marcus Kluge

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Neue Seite: „Nackte, Nazis, Nervensägen“ – Offener Kanal Berlin – Drei Geschichten

Drei Geschichten über die frühen, wilden Jahre des legendären Senders, der heute erwachsen geworden ist und sich “ALEX” nennt.

“1985 hält die mediale Zukunft Einzug in West-Berlin, ein sogenanntes Kabelpilotprojekt wird gestartet. Das ich, als Profi, Teil davon sein werde, kann ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen. Ich bin 30 und hatte noch nie eine “richtige” Arbeit, also nie einen Fulltime-Job gehabt und war nie rentenversichert. Ich versuchte es probeweise als Tankwart, Babysitter, Altenpfleger, Werbetexter, Verkäufer und Journalist, ohne das mir dieses “Was bin ich?”-Spiel Spaß machte und ohne überzeugenden Erfolg in einer dieser Professionen. 1986 heirate ich und weil ich keine andere Arbeit finde, beginne ich an der Hochschule der Künste als Pförtner. Daneben mache ich beim OKB Fernsehsendungen, unbezahlt, aber nicht ohne Gewinn. Ich lerne das Handwerk und 1988 habe ich die Möglichkeit die Disposition zu übernehmen und den ungeliebten Pförtnerjob zu kündigen. 18 Jahre werde ich bleiben.”

Teil 1 -„ Achterbahn und heiteres Beruferaten”

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“Es ist schon merkwürdig, aber der Offene Kanal Berlin ist in den Berliner Medien nur selten thematisiert worden. Zumindest bis 2003, also solange ich dort gearbeitet habe. Zu seiner Eröffnung im Jahre 1985* wurde im Zusammenhang mit dem Kabelpilotprojekt über ihn berichtet. Eigentlich wäre der neuartige, emanzipatorische Ansatz, “jeder kann senden”, es Wert gewesen seine Entwicklung zu begleiten, doch die Profis in den Redaktionsstuben vernachlässigten das Thema geradezu sträflich. In den zwei Jahren 1986-87, die ich Nutzer war, sowohl wie in den 15 folgenden, ist nur über den Sender berichtet worden, wenn es “schlechte” Nachrichten gab. Vielleicht ist wirklich der zynische Spruch, “only bad news is good news”, eine Erklärungshilfe dabei. Ich will nicht verschweigen, dass es sehr selten auch einmal positive Resonanz gab, doch diese ging unter gegenüber den Schlagzeilen, die über angebliche Skandale spekulierten. Reißerische Artikel nach dem Muster “Mumien, Monstren, Mutationen” zu schreiben macht eben auch mehr Spaß, als über medienpädagogische Ansätze, experimentelle Sendeformen oder Seniorenredaktionen zu berichten und es bringt Auflage bzw. Quote.”

Teil 2 – „Nackte, Nazis, Nervensägen”

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Meine Freundin und ich haben beschlossen unsere komplizierte Beziehung zu stabilisieren, indem wir heiraten. Wir ziehen endgültig zusammen, aber erst im Sommer 1986 finde ich eine Arbeit.Ich werde Pförtner in der HdK und bin entsetzt einen hartgesottenen Nazi als Kollegen zu bekommen. Der ungekrönte König der Pförtnerloge ist Herr Schulz, er ist Nazi und macht keinen Hehl daraus. Ein “Neo” wäre an ihn verschwendet, nichts ist neu an ihm. Er ist ein alter, eingefleischter Nazi, obwohl er erst Mitte vierzig ist. Täglich erzählt er den Musikstudenten, dass auf deutschen Boden im Dritten Reich nie ein Jude getötet wurde. Schulz war Kranführer, seit er im Suff aus dem Führerhäuschen fiel, kann er nicht mehr richtig laufen und gilt als schwerbehindert. Den Führerschein hat man ihm abgenommen, weil er im Straßenverkehr immer wieder handgreiflich wurde. Mehrfach hat er Autofahrer attackiert, die ihm “Quer” kamen. Er hat sie ausgebremst, ist, trotz Behinderung. an deren Fahrertür gehumpelt, hat den Gegner aus dem Wagen gezogen und verprügelt. Er kann sehr jovial sein, ist hochintelligent und halbwegs gebildet. Und er kann unglaublich nerven. Zu meiner Bestürzung ist niemand hier bereit, etwas dagegen zu tun, dass Schulz regelmäßig die Ausschwitzlüge verbreitet. Es dauert nicht lange bis wir Feinde werden. Hier erzähle ich die ganze Geschichte:

Teil 3 – http://wp.me/p3UMZB-1Ob

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Berlinische Leben – “Der Kebabtraum” / “Helden ’81” Kapitel Zwölf / von Marcus Kluge / 1981

Das “Tempodrom-Kapitel” meines unveröffentlichten Romans “Helden ’81”.

Normalerweise fanden Punk- und andere Rock-Konzerte in meist mehr oder weniger schmuddligen Klubs statt, am Abend oder in der Nacht, vor einem ziemlich betrunkenen oder auch bedingtem Publikum. Das Tempodrom bot eine Alternative, in einem Zirkuszelt fanden oft schon am Nachmittag Auftritte der angesagtesten Berliner und auswärtigen Bands statt. Die ehemalige Krankenschwester Irene Moessinger hatte sich mit Hilfe einer Erbschaft den Traum erfüllt Zirkusdirektorin zu werden. 1980 machte sie ihr Etablissement am Potsdamer Platz auf und im März 1981 war sie schon wieder pleite. Glücklicherweise entdeckte zu dieser Zeit der Berliner Senat sein Herz für die Off- und Sub-Kultur der Stadt und mit einer Finanzhilfe ging der Spielbetrieb weiter. Der verwaiste Potsdamer Platz war auf jeden Fall eine geniale Ortswahl der Chefin. Wenn man mit Besuchern auf dem weitgehend leeren Platz am Rande der Berliner Mauer stand, konnte sich niemand vorstellen, dass hier einmal das Herz der drittgrößten Stadt der Welt schlug; in den 1920er Jahren war der Platz tatsächlich der verkehrreichste weltweit. Von einem Trödelmarkt am Wochenende und ein paar Souvenirständen abgesehen, herrschte dort bis 1980 gähnende Leere.

Am Wochenende hatten die Veranstaltungen im Tempodrom ein wenig den Charakter von alternativen Sonntagsspaziergängen, man zeigte sich und traf alte und neue Bekannte. Eigentlich sollte an diesem Sonntag ein Punkfestival mit auswärtigen Bands stattfinden, doch nachdem die meisten abgesagt hatten, machte das Booking ein Line-Up aus Berliner Bands daraus, die eigentlich gar nicht zusammenpassten, nur Slime blieb als einziger Import übrig. Nach einer unbekannten Schülerband mussten die Politpunks Slime auf dem undankbaren zweiten Platz um 17 Uhr spielen.

Ich kam natürlich mal wieder zu früh. Kurz vor 14 Uhr war der Haupteingang noch verrammelt, aber ich fand schnell den “Lieferanteneingang”. Aus dem Zirkuszelt kamen punkige Töne, dort war es ziemlich kalt, bis zum Beginn in drei Stunden würden die aufgestellten Heizungen hoffentlich Wirkung zeigen. Auf der Bühne erkannte ich “Slime“, ich machte schonmal ein paar Bilder mit meiner alten Spiegelreflex-Kamera. Dann suchte ich mir einen Weg hinter die Bühne und wartete auf die Musiker. Das Interview fand stilgemäß in einem Zirkuswagen statt. Ein kleiner Bullerofen bullerte vor sich hin und auf den Tisch hatten nette Heinzelmännchen Thermoskannen mit heißem Tee und Kaffee gestellt. Neben den Bandmitgliedern Dirk, Elf und dem Drummer Stephan war noch eine Frau dabei, die nichts sagte. An Anfang waren die drei etwas zurückhaltend, dann merkten sie, dass ich kein sturer Politfreak war und das Gespräch wurde freundlicher. Wir sprachen über “Bullenschweine“, das bekannteste und umstrittenste Stück der Gruppe, über politisches Engagement, Geld und Faschos. Mein alter Kassettenrekorder lief und nahm alles auf. Ich musste unbedingt daran denken nach 45 Minuten umzudrehen. Es klappte nur weil das Mädchen stumm im richtigen Moment die Kassette umdrehte und wieder Play und Record gleichzeitig drückte. Ich dankte ihr kopfnickend.
Mein erstes Interview lief hervorragend, über manche Sätze wie: “Eine Zensur findet natürlich statt!”, oder: “Die taz ist ‘ne Schweinezeitung!”, freute ich mich und sah sie schon als Zwischenüberschriften. Kurz bevor das Tape zu ende war, hatten die Jungs genug und nachdem ich vor dem Zirkuswagen noch ein paar Fotos geschossen hatte, packte ich zufrieden meinen Kram zusammen. Die Band hatte sich sogar freundlich bei mir bedankt und freute sich auf die Veröffentlichung. Hoffentlich würde Papparazzi meinen Text auch nehmen. Ich rechnete schon mal aus, was damit verdienen würde. Die taz zahlte 75 Pfennige für die Zeile und 30.- Mark für ein Foto. 300.- Mark müssten drin sein, ich rieb mir die Hände, meine erste journalistische Arbeit.

Inzwischen hatte sich das Gelände belebt, es spielte noch keine Band, aber viele Besucher standen Schlange, um Bier zu kaufen und ich schloss mich an. Roberto und August hatte ich zu 18 Uhr bestellt, ich wollte vorher noch in Ruhe den Auftritt von “Slime” sehen. Aber im Prinzip war meine Arbeit getan und ich konnte mich ein bißchen bespaßen. Die Vor-Band war ziemlich schlecht und als ich das Zelt wieder verließ, kam mir Uschi entgegen, die Mitbewohnerin von Gudrun. Sie hatte zwar wieder ihre schwarze Lederjacke an, aber diesmal trug sie mehr als nur einen grünen BH darunter. Ein enger schwarzer Pullover modellierte ihre Brüste und ein ebenfalls schwarzer Lack-Minirock ließ viel von ihren fischnetzgemusterten Beinen sehen. Mit einem Bier in der Hand sprach mich Uschi an:
“Na du? Ich dachte, du bist jetzt Familienvater in Neukölln. Hat’s nicht geklappt mit Gudrun?”
“Ja, stimmt auffallend genau. Es gab da ein Missverständnis. Aber wieso weißt du nichts davon, hat dir Gudrun nichts erzählt?”
“Nee, sie mir nix erzählt. Schon, weil ich nicht mehr da wohne. Sie hat mich nämlich rausgeschmissen. Deshalb dachte ich, du wärst jetzt schon eingezogen.”
“Wieso hat sie dich rausgeworfen?”
“Keine Ahnung, es gab Streit und ich hatte keine Lust klein beizugeben.”
“Das glaube ich dir aufs Wort. Sag mal wollen wir reingehen, ich glaube MDK spielen jetzt.”

Drinnen tobte das Mekanik Destrüktiw Kommandöh, die Jungs machten einen rauen Punk und provozierten gern das Publikum, bis sie mit “Spaß muss sein” die Spannung auflösten. Mit dem Sänger Volker und Bassmann Edgar hatte ich mal im SO36 Bier getrunken und einen sehr sympathischen Eindruck gehabt. Uschi und ich tanzten bis ich Roberto ins Zelt kommen sah.
Ich begrüßte ihn und schlug vor, dass wir Uschi mit in unsere Planungen einbeziehen sollten, er war sofort einverstanden. Roberto holte drei Bier von der Bar und wir stellten uns an einen Biertisch und erklärten Uschi, worum es ging. Wie konnten wir Alex Legrand die wertvolle Leica abluchsen, ohne das wir in Gefahr gerieten, in den Knast zu kommen?

Ich hatte Roberto vorbereitet, dass August seinem vermeintlich toten Freund Ari sehr ähnlich sah, trotzdem stand Roberto mit weit geöffnetem Mund, staunend da, als August Deter uns entdeckt hatte und auf uns zu kam. August trug wieder seinen schwarzen Trench-Coat mit hochgestelltem Kragen, der ihm ein wenig das Aussehen von Graf Dracula, oder auch Graf Zahl aus der Sesamstraße gab. August gab uns allen höflich die Hand, Uschi zuerst, dann mir und als er Roberto seine Hand reichte, stammelte dieser fragend:
“Ari, bist du das?”
August zuckte mit den Schultern und antwortete:
“Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wer ich bin. Aber wenn ich dich so angucke, kommst du mir schon bekannt vor.”, er trat auf Roberto zu und umarmte ihn. August hatte wohl spontan beschlossen Roberto zu mögen und Roberto lies sich darauf ein.
Inzwischen war Umbaupause und ich machte einen Vorschlag:
“Sagt mal, wollen wir uns nicht irgendwo ein ruhiges Plätzchen suchen für unser Palaver? Im Moment ist es noch ruhig, weil Pause ist, aber danach spielen, glaube ich, ‘ne Hardcore-Band, dann wird’s so laut, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr hören.”
Uschi schlug vor in das kleinere Zelt zu gehen, wo man Getränke und Snacks kaufen konnte. Dort war es leider sehr voll und wir standen planlos am Eingang, bis mir eine Idee kam:
“Kommt mal mit, wir probieren mal was.”
Ich führte die kleine Gruppe zu dem Zirkus-Wohnwagen, indem ich am Nachmittag das Slime-Interview gemacht hatte und es war tatsächlich leer, der kleine Ofen war noch heiß und wir machten es uns gemütlich. Roberto hatte einen Jutebeutel dabei, aus dem er Mini-Flaschen mit Magenbitter hervorzauberte und verteilte. Gestärkt eröffnete ich die Diskussion:
“Ich könnte mir vorstellen, wenn wir Alex Legrand die ganze Geschichte erzählen, können wir ihn bei seiner Ehre packen. Sowas wie, er würde die Leica eigentlich unrechtmäßig besitzen und moralisch betrachtet gehörte die Kamera Robertos Familie. Und wenn er sie uns nicht gibt, tun die Gangster der Familie was an.”
Roberto schüttelte den Kopf:
“Nee, der wird sagen, geht doch zur Polizei, die kann euch schützen. Ich kann ihm doch nicht verraten, dass es um eine illegale Drogen-Schmuggelei ging bei diesem Darlehen und das ich unter Beobachtung eines Bewährungshelfers stehe. Dann bin ich doch gleich unten durch bei ihm. Außerdem hat er die Kamera ganz legal bei einem Trödler in Bratislava gekauft, wieso soll er ein schlechtes Gewissen haben?”
Jetzt dachte Uschi laut nach:
“Hat Legrand denn irgendeine Schwäche? Glücksspiel oder Drogen? Nee? Na dann Sex. Ich könnte ihn verführen und dann erpressen wir ihn? Was macht er denn so, hat er ‘ne Frau? Erzähl doch mal ein bißchen was über ihn, Roberto.”
Roberto erzählte was er über die aktuelle Situation des Schauspielers herausbekommen hatte:
“Die Villa am Wannsee hat er nicht mehr, offensichtlich geht’s ihm nicht mehr so üppig finanziell, er hat wohl schon lange keine gute Rolle mehr bekommen. Er wohnt jetzt in einer Eigentumswohnung am Winterfeldplatz. Mit Baby Sommer ist er schon seit Mitte der 70er nicht mehr zusammen. Ob es ‘ne andere Frau gibt, hab ich nicht herausbekommen.”
Wir rätselten herum, entwickelten immer wildere Pläne, doch es war nichts dabei, was den Hauch von einer Chance bot, erfolgreich zu sein. Indem er auf die Zirkusathmosphäre anspielte, überlegte Roberto laut:
“Gab es nicht mal einen Film “Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, oder so ähnlich? Regisseur war Alexander Kluge, glaube ich. Bloß das wir keine Artisten sind, wir sind gerade mal Statisten!”
August nahm seinen Gedanken auf und verkündete mit leiser Stimme:
“Genau, wir sind nur Statisten. Aus der Rolle müssen wir raus. Wir müssen Akteure, Artisten werden. Wir müssen sowas wie Regisseur, Produzent, Schauspieler und Drehbuch-Autoren werden. Versteht ihr mich?”
Wir anderen schüttelten unsere Köpfe, nein, wir hatten keine Ahnung was er meinte. August präzisierte:
“Wir müssen einen Film drehen. Einen Film mit einer richtig schönen Rolle für Alex Legrand.”
“Einen richtigen Film?”, fragte Roberto.
“Ja, einen richtigen Film über Robertos Vater und seine Erlebnisse im Dritten Reich, seine Aktionen im Widerstand und den Terror in dem Lager bei Bratislava. Und über die Geschichte der Leica natürlich. Wir drehen einen richtigen Film!, er machte eine dramatische Pause und sprach dann weiter:
Einen richtigen Phantom-Film !“, August grinste nun und ich überlegte ob August nicht mehr Tassen im Schrank hatte, oder ob das tatsächlich eine tolle Idee war, Legrand mit einem Phantom-Film zu ködern. Ich war mir unsicher und schwieg erstmal. Aber Uschi, Roberto und August begannen mit Ideen zu jonglieren, wie man Legrand überzeugen könnte, dass wir wirklich, ausgestattet mit Geld aus Hollywood, Produzenten eines großangelegten Filmprojektes seien und ihn, Legrand, als idealen Darsteller für den bösen Helden des Dramas, den SS-Offizier, auserkoren hatten. Nach einer Weile schob ich meine Bedenken zur Seite, beschloss, dass die Flinte ins Korn zu werfen immer noch später Zeit wäre, und beteiligte mich an den munteren Spekulationen. Bald wurde ich von einer Euphorie ergriffen, die meine Zweifel an dieser offensichtlichen Schnapsidee zunehmend kleiner werden lies, bis sie sich vorläufig in die Katakomben meiner Denkfabrik zurückzogen.

Als ich am Montagmorgen erwachte, stellte ich mit Genugtuung fest, dass ich inzwischen in einer weitläufigen Erdgeschosswohnung am Winterfeldplatz wohnte. Sie befand sich etwa dort, wo bis kurzem die Kneipe Slumberland war, die mich immer an den Winsor McCay-Cartoon “Little Nemo in Slumberland” erinnerte. Durch das große Glasfenster konnte ich in Spiegelschrift lesen “Marcus Kluge & Co. Privatdetektiv – Private Dick”. In diesem Moment betrat ein Kellner den Raum. Mit einem Frühstückstablett und der Morgenzeitung balancierte er schwankend über die riesige Liegefläche meines Bettes. Ich trank etwas Kaffee und widmete mich dann der Zeitung, Innensenator Lummer war tot aufgefunden worden. Man hatte ihm einen Holzflock durchs Herz getrieben, logischerweise, wie das Blatt bemerkte, denn wie hätte man den stattbekannten Vampir sonst umbringen können. Ich weinte ihm keine Träne nach, seine Politik war genauso scheußlich, wie seine Platten mit angeblich Altberliner Liedern. Aber sein Tod würde natürlich aufgeklärt werden müssen, wie aufs Stichwort brachte der Kellner das Telefon. Patti Smith von der Mordkommision Eins in der Keithstraße wollte mich treffen. Sie hatte Bedenken mit den Nachforschungen zu beginnen, ohne sich meiner Mitarbeit versichert zu haben. Ich sagte ihr widerwillig stöhnend zu, ich würde in einer halben Stunde am Tatort sein. Der Ober half mir bei der Garderobe, Smoking, Fliege und schwarze Lackschuhe, meine alltägliche Arbeitskleidung. Vor der Tür wartete schon mein Chauffeur Roberto mit dem renn-grünen Bentley, der seit seinem letzten Tuning fliegen konnte. Das war praktisch, denn der Tatort war der Funkturm. Hier auf der Besucherplattform lag der tote Innenpolitiker halbnackt in Lederjacke und High-Heels. Mir war klar, dass der Oberstaatsanwalt gern einen der üblichen Verdächtigen als möglichen Täter gesehen hätte. Einen wie den international bekannten Vampirjäger wie Rudi Dutschke zum Beispiel, aber ich wusste schon jetzt, dass ich dem Oberstaatsanwalt einen solchen Gefallen nicht tuen würde. Denn die Beweislage war eindeutig und zeigte nach Süden, nach Bayern, um genau zu sein. Ich zählte die ausgezutzelten Därme von elf Weißwürsten, fünf leere Weißbierflaschen der Marke St. Malefizius und anhand der Salzkrümel wusste ich, es waren mindesten ein halbes Dutzend Brezeln verzehrt worden. Es gab also nur einen Menschen, der als Täter für dieses Verbrechen in Frage kam, der bayerische Ministerpräsident und Großvampir Franz-Josef Strauß. Offensichtlich ein Streit unter Vampiren nach einem gemeinsamen Frühstück, darüber wer denn nun der Bösere und damit größere Vampir war, schien in einem tödlichen Handgemenge fatal ausgegangen zu sein. Da Strauß den tödlichen Holzpflock bereits mitgebracht haben muss, würde sogar ein Vorsatz angenommen werden können. Die saubere Lösung eines schmutzigen Falles, ich konnte wieder einmal stolz auf mich sein. Ich rieb mir zufrieden die Hände und lies mich von Mordkommisarin Patti Smith loben. Daraufhin lobte ich ihre ausgezeichnete Idee, mich zum Tatort zu holen. In diesem Moment sprachen mich einige Hippie-Künstler an, sie hatten eine begehbare, oder besser gesagt, berutschbare Plastik an den Funkturm gebaut. Durch diese durchsichtige Röhre konnte man 124 Meter bis zum Boden rutschen. Ich probierte es aus und kam mir vor wie in einem verlängerten Geburtskanal, ständig wechselten die Texturen und Materialien, Fell, Gumminoppen, Seide. Nach oben rotierende Rollen verhinderten, dass man zu schnell nach unten stürzte. Gegen Ende wurde es enger, dunkler und fühlte sich zunehmend sexuell erregend an. Endlich gab mich der Kanal frei. Vor mir stand das Batmobil, Batman stieg aus, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand:
“Kluge, ich brauche sie. Ich habe da einen Fall und komme nicht weiter.”
In diesem Moment wachte ich auf, ich hatte furchtbare Kopfschmerzen.

Ich rekapitulierte ängstlich den gestrigen Abend, aber einen Filmriss schien ich nicht gehabt zu haben. Nachdem es im Zirkuswagen kalt geworden war, hatten wir unsern Standort zu einem Döner-Imbiss in der Potsdamer Straße verlegt. Dort hatten wir bei Kümmerling, Tee und türkischem Essen unser Filmprojekt ausgearbeitet. Aus der Schnapsidee war ein echter Kebabtraum geworden. Gestern Abend hatte sich alles plausibel angehört, heute hatte ich erhebliche Zweifel. Dazu kam, dass ich mich bereit erklärt hatte, den Erstkontakt bei Legrands Agentin am Kudamm herzustellen und ein halbwegs professionell wirkendes Exposé für den Film würde ich auch schreiben müssen. Offensichtlich ging mir meine Gabe nein sagen zu können, zunehmend abhanden. Zu Selbstmitleid lies ich mich nicht hinreißen, aber ich umarmte mein neues Ich auch nicht. Ich war es leid, allem aus dem Weg zu gehen, also würde ich auch die Konsequenzen dieses Verhaltens tragen müssen. Als Soundtrack für diesen Morgen wählte ich eine Platte von Mekanik Destrüktiw Komandöh. “Der Tag schlägt zu” schien mir ein gutes Motto für unser Vorhaben zu sein.

Nach einem Kaffee, einer Paracetamol-Tablette und zwei Zigaretten war mein Kopf halbwegs frei und ich überlegte, wie ich mich in bezug auf Gudrun weiter verhalten würde. An diesem Montag müsste sie meinen Brief haben und ich sollte sie heute noch anrufen, in der Hoffnung, mein Brief hätte sie umgestimmt und mein Verhalten erklärt. Doch als erstes rief ich die Auskunft an, lies mir die Nummer von Constanze von Barnim geben und rief in der Künstler-Agentur an: “Hello, this is Jonathan Harker for Warner Brothers. May I speak to …”
Ich wurde unterbrochen:
“Sprechen sie ooch deutsch?”, fragte mich eine älter klingende Frauenstimme.
“Yes, natürlich. Mein Fehler, sorry. Mein Deutsch ist nur etwas eingeroasted. Kann ich bitte mit Frau wonn Barnim sprechen? Es ist wegen ein Film drehen in Berlin nächstes Jahr.”
“Moment bitte.”
Ein paar Augenblicke später meldete sich eine energische, aber gepflegte Stimme:
“Ich grüße sie, was kann ich für sie tun, Mr. Harker?”
Ich bemühte mich den amerikanischen Akzent nicht zu übertreiben:
“Ich arbeite für Mel Greenstreet, den Producer von Warner Brothers. Es geht um den Dreh von Shooting Evil im nächsten Sommer in Berlin und Prag. Sie haben vielleicht von den Project gehört?”
“Ja, ich glaube schon.”, behauptete Frau von Barnim und ich wusste, dass sie log, denn wir hatten uns das Filmprojekt erst gestern ausgedacht.
“Wir suchen eine lokale Casting-Agentur. Einige Rollen sind besetzt, Bruno Ganz spielt die Hauptrolle, Jack Nicholson eine wichtige Nebenrolle. Die meisten Nebenrollen wollen wir hier casten, das wird sicher finanziell interessant für sie. Außerdem brauchen wir Extras, Stetisten heißt es, oder?”
Sie verbesserte mich nicht, ich ahnte, dass ihr das Geschäft gelegen kam, also lies ich die Katze aus dem Sack:
“By the way suchen wir noch einen Actor für eine sehr wichtige Nebenrolle, den Villain, den Bösewicht. Wir hatten da an einen von ihren Clients gedacht, Alex Legrand. Den werrtreten sie doch?”
“Ja, das tue ich seit fast 25 Jahren, aber es könnte ein Problem geben. Herr Legrand spielt eigentlich nur positive Helden.”
“Yes, yes. Wir wissen. Aber Mister Greenstreet hat sich in der Kopf gesetzt, die Rolle against the fur zu casten. So wie Karlheinz Böhm in Peeping Tom*. Augen der Angst gilt heute als sein bester Film, das war doch der deutsche Titel? Das könnte die Karriere von Herr Legrand etwas drive geben. Er hatte nicht viele Rollen lately, oder?”
Frau von Barnim hatte jetzt etwas Stress in der Stimme:
“Ich verstehe was sie meinen, lassen sie mich erstmal mit Herrn Legrand sprechen, dann rufe ich sie zurück. Einverstanden?”
“Ja, einverstanden, aber es ist Mel Greenstreet sehr wichtig selbst mit Alex Legrand zu treffen, verstehen sie?”
Ich gab ihr meine Telefonnummer und wir verabschiedeten uns. Mein Herz pochte wie verrückt und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Aber ich hatte keinen Zweifel, dass die Agentin mich für echt hielt. Etwas vom Schauspieltalent meines Vaters schien bei mir durchzuschimmern. Ich fühlte mich zwar geschafft nach dieser Hochstapelei, aber gleichzeitig fühlte mich euphorisch. Wenn ich jetzt noch Gudrun von meinen ernsthaften Absichten überzeugen könnte, wäre ich dem Glück so nahe, wie niemals zuvor in meinem Leben, dachte ich. Ich zählte innerlich bis zehn, zündete mir eine Zigarette an und wählte Gudruns Nummer.

– wird fortgesetzt –

Illustrationen: Rainer Jacob http://about.me/rainer.jacob

*Peeping Tom:
http://de.wikipedia.org/wiki/Augen_der_Angst

Berlinische Leben – „Bela Rattay’s Dead“ / „Helden ’81” – Kapitel Eins / von Marcus Kluge / 1981

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“He that is taught only by himself has a fool for a master.” Hunter S. Thompson.

Der Anzug war hellblau und sah irgendwie schief aus. Es war der am schlechtesten sitzende Anzug, den ich je gesehen hatte. Roberto schien stolz auf ihn zu sein, er hatte ihn zur Entlassung aus dem Gefängnis bekommen, zusammen mit 235 kanadischen Dollars und einer Bibel. Im Café Mitropa wirkte er wie ein Fremdkörper unter den ansonsten ausschließlich in schwarz gekleideten Gästen. Aus der Anlage tönte „Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus. Man musste etwas lauter sprechen um sich zu verständigen.

„The bats have left the bell tower
The victims have been bled
Bela Lugosi’s dead.”

Roberto wirkte wie ein hellblauer Schmetterling, der sich unter die Fledermäuse gemischt hatte. Das Café Mitropa sah in etwa aus wie eine Eisdiele in den 50er Jahren, die Gäste saßen auf mit Plastikschnüren bespannten Stühlen an winzigen Bistrotischchen. Den Tresen zierten eine Designerorangenpresse, die ebenfalls aus den 1950ern stammte und einer Mondrakete glich, sowie eine chromblitzende Expressomaschine.

„Ich habe hoch gepokert und verloren. So ist das Leben nun mal. Man kann nicht immer gewinnen”, erklärte mir Roberto mit einem überzeugten Lächeln.
Er hatte sich kaum verändert in den zweieinhalb Jahren, die wir uns nicht gesehen hatten. Er wirkte immer noch wie ein junger Gentleman aus den Südstaaten der USA, hoch gewachsen, mit dunkelblonden, lockigen Haaren und einem großen Schnurrbart. Ein draufgängerischer Gentleman, einer der Erfolg bei den Damen hat, trotz des traurigen Zuges um seine Augen, oder eben gerade deshalb. Vielleicht hatte der Gentleman einen Freund im Duell erschossen oder er hatte Spielschulden…? Diesen romantischen Blick hatte Roberto seit er 1974 Deutschland verlassen hatte, um den Großteil des Jahres in Indien zu leben. Ich hatte ihn heimlich bewundert für seinen Lebensstil. Ich fragte ihn: „Wieso hat du es überhaupt gemacht? Ich dachte du wärst zufrieden mit deinem Leben. Die meiste Zeit in Goa, am Strand, unter Palmen und ein paar Monate im Sommer in Berlin. Das war doch Klasse.”
Roberto zwirbelte seinen Bart und zog die Stirn kraus: „Du vergisst, dass ich in Goa auch arbeiten muss. Es ist zwar nur eine kleine Pension, aber im Grunde hab ich den Job eines Hoteldirektors. Ich bin nur ein besserer Diener für die Leute, die bei mir wohnen. Und die Sommermonate kann ich mir kaum leisten im teuren Berlin.”
„Verstehe, dann hast du dir gesagt, wenn schon denn schon und hast Nägel mit Knöpfen gemacht.”
Nägel mit Knöpfen waren es natürlich nicht, die er gemacht hatte. Es handelte sich vielmehr um

eine wunderschöne, hölzerne Yacht, die 1939 von Malaysia aus auf Jungfernfahrt gegangen war. Zusammen mit einem Kumpel, „Ari”, und anderen „Kollegen” hatte Roberto sie in Goa gekauft. Anschließend segelten sie nach Kerala, wo sie außer ihrer „Connection” niemand kannte. Goa war sozusagen ein Dorf, in dem eine größere Transaktion schwerlich geheim zu halten war und inzwischen hatten sich zivile Drogenfahnder unter die Hippies und Touristen gemischt, die nur an größeren Brocken interessiert waren. Deshalb wickelten Roberto und seine Freunde ihr Geschäft im Süden Indiens ab. Dort wurden 250 Kilo bestes Haschisch fachmännisch im Boot versteckt und es wurde per Schiffsfracht nach Kanada geschickt.
In Toronto nahmen Ari und Roberto die Yacht in Empfang und hier wollten sie den Schlussakt ihres Stückes inszenieren und abkassieren. Richtig groß abkassieren. Sie wohnten in einem Luxushotel und spielten reiche Jungs, vor der Geldübergabe ließen sie sich bei einem Starfriseur die Haare schneiden. Genau in diesem Moment übernahm die kanadische Polizei die Regie. Schwerbewaffnete, uniformierte Statisten betraten die Bühne, Statisten, die nicht in ihrem Skript standen. Den Haarschnitt bekamen sie erst im Gefängnis.
„Es war ein perfekter Plan, die Chancen das er schiefgeht, waren eins zu einer Million. Wir sind an menschlichem Versagen gescheitert. Einer der Segler, die wir engagieren mussten, weil Ari und ich ja keine Ahnung davon hatten, wurde von seiner eifersüchtigen Freundin verraten. Die hatten uns schon seit Kerala beschattet, na ja, damit konnte niemand rechnen.”
Ein sehr dünner, blasser Mann betrat das Café Mitropa. Er trug natürlich auch schwarze Klamotten, besonders auffallend war eine zu kurze, weite Jacke aus Gummi. Seine schwarzen Haare hatte er im Stil einer Ananas hoch gebunden, seine Wangen wirkten trotz seiner Jugend eingefallen. Er unterhielt sich mit der Tresenfrau, die ihm ein paar Briefe gab, die im Regal hinterm Tresen bereit lagen. Roberto schüttelte den Kopf und fragte mich nach ihm, Ich kannte ihn aus Friedenau, er hieß Christian Emmerich und nannte sich neuerdings Blixa Bargeld. Er war Sänger der Band „Einstürzende Neubauten.
Roberto schaute mich ungläubig an: „Einstürzende Neubauten?” Ich nickte grinsend: „Ja das ist der letzte Schrei.”
Langsam nervte mich, dass wir fast schreien mussten. Ich hatte auch den Eindruck, dass sich mein Freund zunehmend unwohl fühlte in dieser Umgebung.
„Sag mal, du sagtest, du wohnst hier in der Nähe?”
„Ja, ich wohne bei Caro am Winterfeldtplatz.”
Caro war Robertos jüngere Schwester. Er musste jetzt 28 sein, sein Schwester vier Jahre jünger. „Ich bin ganz froh bei ihr zu sein, Caro ist im siebten Monat schwanger und der Erzeuger hat sich aus dem Staub gemacht.”
Blixa verließ eben das Café mit einer Flasche Fernet und ein paar Zitronen. Er ging in Richtung Frankenstraße, wo er in einem besetzten Haus wohnte. Wir gingen in die andere Richtung. Schon von der Goltzstraße aus konnten wir sehen, dass der ganze Winterfeldplatz von „Wannen” mit schwer gerüsteten Polizisten umstellt war. Roberto zog wieder die Stirn kraus: „Kaum ist man zwei Jahre weg, verwandelt sich Berlin in einen Polizeistaat. Was ist hier eigentlich los, Marcus?”
Ich musste etwas ausholen, aber ich bemühte mich um Kürze. Dann begann ich ihm die Vorgeschichte der Hausbesetzerbewegung zu erklären. Ich erzählte von der Autobahn, die die West-Berliner Filzokraten durch Kreuzberg bauen wollten. Dass sie dafür den halben Bezirk abreißen wollten und davon, dass Häuser besetzt wurden, um diesen Prozess zu stoppen und der Konflikt eskalierte, besonders wegen eines Innensenators Lummer, der mit extremer Härte reagierte.
„Aber heute ist es besonders schlimm, oder?” Roberto, der eben noch so selbstbewusst gewirkt hatte, machte jetzt einen geradezu eingeschüchterten Eindruck. Wir blieben stehen und beobachteten den Korso, den die Mannschaftswagen nun aufführten. Die Wannen fuhren mit geöffneten Hintertüren im Kreis um den Winterfeldtplatz, während die Mannschaften in den Wagen mit ihren Gummiknüppeln im Takt auf ihre Schilder schlugen. Es machte einen martialischen Eindruck und der war auch beabsichtigt. Nun flogen erste Steine auf die Wannen und die getroffenen Wagen blieben stehen, die Beamten rückten aus, um Jagd auf alles und jeden zu machen, der ihnen unter die Knüppel kam. Roberto hatte nun echte Angst und ich fühlte mich ebenso unwohl. Wir liefen die letzten Meter bis zum Slumberland, neben dem Roberto stoppte. In letzter Sekunde schloss Roberto das Haus auf, und als wir drin waren, schloss er die Haustür sofort wieder zu. Kurz danach begannen die Bullen gegen die Tür zu treten. Wir warteten den Ausgang dieses Kräftemessens nicht ab und liefen in den dritten Stock des Hinterhauses. Erst als Roberto die Wohnungstür abgeschlossen und mit einer Kette gesichert hatte, fühlten wir uns halbwegs sicher. Das die Bullen in Wohnungen eingedrungen waren, hatte ich noch nicht gehört. Roberto sah mich mit großen Augen an: „Was ist denn heute los?”
Ich erklärte es ihm, soweit ich konnte. Bela Lugosi war nicht gestorben an diesem 22. September 1981, sondern ein 18-jähriger Hausbesetzer namens Klaus-Jürgen Rattay. Der Hardliner Lummer hatte ein Haus in der Bülowstraße räumen lassen. Danach gefiel es ihm, sich wie Napoleon, dem er ja ähnelte, auf einem Balkon von seinen Truppen feiern zu lassen. In der Folge war es zu einem besonders harten Polizeieinsatz gekommen, bei dem Rattay in den Verkehr der Potsdamer Straße getrieben und von einem BVG-Bus überfahren worden war. Indirekt war Lummer damit zum Mörder geworden und die Szene war schockiert, traurig und wütend. Später würde es mit Lummer ein klägliches Ende nehmen. Es kam heraus, das er jahrelang die sexuellen Dienste einer Stasiagentin genutzt hatte, ebenso war er lange heimlich für den BND tätig. Das er auch in miese Waffengeschäfte mit arabischen „Freunden” verwickelt war, ist nie richtig aufgeklärt worden. So wie das bei dieser Art von Deals meistens ist.
Roberto schüttelte den Kopf: „Da war’s ja richtig gemütlich und sicher in meiner Zelle in Kingston, Ontario.”
Wir setzten uns, nachdem Roberto Tee gekocht hatte, hier im Hinterhaus war es ruhig. Die Wohnung deutete auf eine weibliche Bewohnerin, alles war hübsch dekoriert und eingerichtet. Bunte Lampen und Kissen, sowie Blumen und Kerzen rundeten den Eindruck ab. Ich hatte Caro immer nur als kleine Schwester von Roberto wahrgenommen und fragte mich, wie sie jetzt wohl aussähe.
„Wieso hast Du mich eigentlich nie besucht in Goa?”, er fragte mich nicht zum ersten Mal, doch offensichtlich erinnerte er sich nicht an unsere früheren Gespräche. Dieses Thema war schwierig für mich, normalerweise redete ich mich mit meiner Reisephobie heraus, aber Roberto kannte mich zu gut, um das zu so leicht hinzunehmen. Da gab es etwas in mir, das ich gern verdrängte, eine diffuse Angst. Ich versuchte es zu erklären: „Weißt du, ich komme schon hier mit meinem Leben schwer klar. In Indien hätte ich Angst unter die Räder zu kommen. Ich fürchte mich auch vor den Drogen, die da so leicht und so billig zu haben sind.”
„You telling me!”, Roberto lachte: „da hast du natürlich Recht. Aber ich hätte schon auf dich aufgepasst.” Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.
„Woher hattet ihr eigentlich das Geld für die Yacht und die Riesenmenge Dope?” Ich versuchte ihn wieder auf unser ursprüngliches Thema zurückzuholen.
„Da gibt es so ‘ne Art Banken, also Leute, die so etwas finanzieren. Das hat hauptsächlich mein Kumpel Ari gemacht.” Er machte eine wegwischende Handbewegung und sah an mir vorbei aus dem Fenster. Das Thema war ihm wohl nicht sehr angenehm, aber es interessierte mich: „Wollen die ihr Geld nicht zurückhaben?”
„Ja, im Prinzip schon, aber Ari lebt nicht mehr”, Roberto sah mich prüfend an und merkte, ich würde nachfragen, also kam er mir zuvor, „Ari ist schon ein Jahr nach dem Prozess nach Österreich abgeschoben worden. Kurz danach ist er in Wien gestorben, manche Leute sagen, es war Selbstmord. Aber das war nicht sein Ding, Selbstmord. Weißt du, Ari war ein Waffennarr, wahrscheinlich war es ein Unfall oder er hat russisches Roulette gespielt. Das wäre schon eher sein Ding gewesen.”
„Traurig, vielleicht hat ihn die Haft so fertig gemacht und er hat sich erschossen?” Irgendwie nahm ich Roberto seine Version von einem Unfall nicht so ab. Wir kannten uns halt schon lange und gut und ich nahm Signale wahr, die für Außenstehende unsichtbar gewesen wären.
„Nein, du machst dir da falsche Vorstellungen. Der Knast in Kanada ist fast ein Erholungsheim. Ich war in meiner Zelle meist ziemlich happy. Keiner konnte mir im Knast mein Lächeln wegnehmen. Oft sind mein “mind”, on it’s own, auf Wanderungen gegangen und mein “brain” ist hinterher gestolpert. Mein Leben, alle meine Freunde waren bei mir. Es war schön, die Ruhe. Ich habe viel gelesen, Hermann Hesse und so. Ich hatte sogar ein Bild von ihm in der Zelle. Und Bücher über Buddhismus habe ich dort endlich verstehen können. Zum meditieren ist so ein Raum ideal. Wie in einem Kloster. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben.”
Innerlich schüttelte ich meinen Kopf. Roberto hatte die ausgeprägte Fähigkeit, sich selbst etwas vor zu machen. Darüber konnte ich nur staunen. Mir gelang das überhaupt nicht. Ich sah immer die Realität in all ihren hässlichen Facetten. Irgendwann hatte ich Drogen probiert, das machte es nur noch schlimmer. Robertos Einfalt schien mir ein Glück für ihn zu sein. Ein Glück das wohl auch eine Schattenseite hatte. Ich musste an ein Gemälde denken, das ich in Venedig gesehen hatte. Ein altersloser Mann saß auf einem Berg unter einem Baum und spielte völlig allein und selbstvergessen auf der Flöte. Das Licht deutete auf Nachmittag, das Ende des Tages hin. Unten im Tal floss ein munterer Bach an den Ort seiner Bestimmung. Der Fluss verkörperte das Leben, das an dem Mann auf dem Berg vorbei floss. Er hatte fast sein ganzes Leben vertan, vertrödelt. Der italienische Titel war mit „The Fool On The Hill” übersetzt. An dieses Bild musste ich denken, an diesen weltvergessenen Narren erinnerte mich Roberto. Noch etwas musste meine niemals ruhende Neugier erfahren: “Der Name Ari ist selten, war das ein Grieche?”, Namenskunde und Etymologie haben mich stets fasziniert, wie andere Menschen Tennis oder Schach.
„Nein, Grieche war er nicht. Seine Eltern sind vor Ceaucescus Geheimdienst nach Österreich geflohen, als Ari noch ein Kind war. Eigentlich hieß er Aristid Olt.”
„Aristid Olt”, der Name kam mir bekannt vor, ich hatte nur keine Ahnung woher. Man müsste einen Computer haben, auf dem alles Wissen der Welt gespeichert war, oder der wenigstens mit Experten überall verbunden war, die man fragen könnte. Der Gedanke machte mich traurig. Selbst wenn es so ein Gerät gäbe, wäre es bestimmt zu kompliziert, als das ich es hätte bedienen können, mit meiner Ungeschicklichkeit was Technik anging.

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Um 20 Uhr machten wir den Fernseher an und guckten die “Tagesschau”. Kein Wort davon, dass Rattay von der Polizei in den Tod getrieben wurde. Statt dessen Panikmache mit „Straßenterror”, ich wartete auf einen Nazi-Vergleich, doch der kam nicht. Stattdessen war von einem erstochenen Polizisten die Rede. Natürlich eine Falschmeldung, bewusst gestreut, um Bevölkerung und Bullen gegen die Hausbesetzer aufzubringen. Später hörte ich, dass man der kasernierten Polizei kurz vor ihrem Einsatz noch diese Nachricht vorführte, um sie zu einer harten Gangart zu „motivieren”.
„Wo ist deine Schwester eigentlich?”
„Wenn ich das wüsste. Eigentlich wollte sie schon zurück sein. Ich hoffe bloß sie ist in Sicherheit. So wie die Bullen drauf sind, machen die auch vor einer Schwangeren nicht halt.”
Ich teilte Robertos Befürchtung, dieser uniformierte Mob machte vor gar nichts halt, fürchtete auch ich. Über unserem Gespräch hatte ich die brenzlige Situation auf der Straße aus meinen Gedanken wegschieben können, aber nun musste ich an den Heimweg denken. Roberto brachte mich bis an die Haustür. Plötzlich stutzte er, blickte vor sich auf den Boden. Ich blickte ebenso auf den Boden, das einzige, was ich sah waren ein paar Pistazienschalen. Ich fragte nach, aber Roberto mochte mich nicht aufklären. Er schloss die Tür auf und wir lugten hinaus.
Die Marktfläche des Winterfeldtplatzes war leer. Die Polizei hatte sich bis an die Kirche zurückgezogen, versperrte den Durchgang und “massierte” dort ihre Kräfte, wie es wohl heißt. Die Aufrührer hatten sich hinter Barrikaden am Anfang der Maaßenstraße verschanzt. Es schien die Ruhe vor dem Sturm zu sein. Roberto und ich umarmten uns und ich entschloss mich über die Maaßenstraße in großem Bogen zum Café Mitropa zurück zu laufen, um mein Fahrrad zu holen. Ich lief also auf die Barrikaden zu. Man ließ mich passieren, dahinter war sogenannter rechtsfreier Raum. Man bot mir mehrfach Flaschen an, Champagner, Whisky, aber auch schlichtes Bier. Ich trank schon aus Höflichkeit und um mich als Sympathisant zu erkennen zu geben. Ich unterhielt mich mit ein paar Leuten, um die Lage zu erkunden und merkte, wie ich langsam betrunken wurde. Drogen vermied ich zwar, aber Alkohol trank ich ab und zu.
In der Nähe vom Café Berio hatte Getränke Hoffmann eine Filiale, die Schaufensterscheibe war bis auf wenige kleine Splitter, die noch im Rahmen steckten, am Boden verteilt und ein ständiger Strom von plündernden Menschen passierte das nun offene Schaufenster. Ich blieb fasziniert stehen und beobachtete das Geschehen. Obwohl ich nicht vorhatte zu klauen, betrat ich den Laden, nur um zu wissen, wie sich das anfühlte. Vor den schon recht leeren Regalen stand ein Paar und stritt was sie mitnehmen sollten. Die Plünderer waren alt und jung, alle Schichten waren vertreten, bis auf Anzugtypen, die waren nicht dabei. Aber sonst alle, Deutsche und Ausländer, mehr Männer, aber auch Frauen, sogar ein paar Kinder sah ich. Die guten Sachen waren schon weg. Diese seltsame, fiebrige Atmosphäre beim Plündern von Getränke Hoffmann war eine einzigartige Erfahrung und es fällt mir schwer sie zu beschreiben. Es hatte etwas von Kindergeburtstag und Lottogewinn, wie ein Grinsen, das sich eigenständig in dein Gesicht schreibt, wenn die Geliebte schließlich „ja” haucht. Selbst die alte Oma, die ungläubig auf die Flasche Pfefferminzschnaps schielt, die sie eben genommen hat, hat Glück in ihren Augen, man ahnt wie schön sie als junge Frau gewesen ist. Was ich da beobachtete war „wirkliches” Leben, ungeschönt und ungefiltert. Das war eine seltene Situation, ich war gewohnt seit der Kindheit, das das Leben der Erwachsenen immer nur Schein und fast nie „Sein” bedeutete. Niemand sprach darüber, wie er sich wirklich fühlte, jeder sagte, „mir geht’s gut”, obwohl das meistens nicht stimmte. Jeder trug eine Fassade nach außen und hielt sich an ein festes Regelwerk, echte Lebensäußerungen waren darin nicht vorgesehen.
Ich riss mich los, verließ Getränke Hoffmann und rannte sofort in Richtung Nollendorfplatz, den eben versuchten die Bullen die Barrikaden am Beginn der Maaßenstraße zu stürmen. Die schwarz gekleideten Verteidiger warfen eine Ladung Steine, die den uniformierten Ansturm erst einmal stoppten. Während ich lief, hatte ich den Ohrwurm im Kopf, den ich mir in Mitropa eingefangen hatte:

Bereft in deathly bloom
Alone in a darkened room
Bela Lugosi’s dead.
Undead undead undead.”

Ich lief einen großen Bogen über die Martin-Luther-Straße zurück zum Café Mitropa. Als ich eben losfahren wollte, wurde auch die Goltzstraße von der wilden Soldateska aufgemischt. Ein Beamter erwischte mich mit seinem Knüppel, ich stürzte vom Rad, bekam noch ein einige Schläge ab, bevor sich der Schläger neuen Aufgaben zuwandte.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit heftigen Schmerzen in der rechten Schulter. Ich konsultierte einen Orthopäden am Bundesplatz, er gab mir eine Spritze, die nicht wirkte. Nicht nur die Ereignisse auf der Straße, auch das Treffen mit Roberto hatte mich nachdenklich gemacht. Irgendetwas an seiner Geschichte irritierte mich, ich wusste nur nicht was.

– wird fortgesetzt –
Illustration: Rainer Jacob – http://rainerjacob.com/

Anmerkungen:
Klaus-Jürgen Rattay war 18 als er starb. Die Polizei und der Staatsschutz versuchten Rattay als Gewalttäter zu diffamieren, auch die Behauptung, der Bus sei vor dem Überfahren Rattays angegriffen worden, stellte sich als falsch heraus. Der Ort seines Todes war für mehrere Wochen ein Blumenmeer, Zehntausende nahmen Abschied und beklagten den sinnlosen Tod. Über den Hergang des tödlichen Verbrechens wurde lange gestritten. Ein halbes Jahr später zog der Stern folgendes Fazit:

„Während Rattay einige Sekunden auf der Fahrbahn stand, um nach den nachrückenden Polizisten zu sehen, fuhr ein BVG-Bus mit Vollgas direkt auf den deutlich sichtbaren Mann zu. Der bemerkte noch kurz vor dem Aufprall den Bus, drehte sich zu ihm hin und hob abwehrend die Hände. Der Bus traf Rattay mit der linken Seite frontal. Die Scheibe zersplitterte.“
stern, 4. März 1982

“Bela Lugosi’s Dead” von Bauhaus:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bela_Lugosi%E2%80%99s_Dead

“Helden ’81” ist zwar von tatsächlichen Geschehnissen und realen Personen inspiriert, wie das im Grunde bei jeder Form von Literatur der Fall ist, entstanden ist jedoch eine fiktive Geschichte. Trotzdem habe ich Namen verändert, ebenso wie ich Details verschlüsselt habe, um keine Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Auch der Erzähler “Marcus” hat zwar Ähnlichkeit mit mir, ist aber ein gänzlich erfundener Charakter, der nie gelebt hat.

Lost and Found-Marathon 10 – „Wilmersdorfer Straße, Kantstraße, Messe” / 1955 – heute

In meiner Reihe mit Rekonstruktionen alter Fotografien bleibe ich heute in meiner Heimat, denn seit 18 Jahren wohne ich in Charlottenburg. Die Wilmersdorfer Straße ist für mich unvermeidbar, was man nicht im Supermarkt bekommt, gibt es dort, meistens jedenfalls. Schon als Kind sind wir aus Wilmersdorf mit der Straßenbahn zum einkaufen hingefahren. Seitdem hat die Wilmersdorfer mehrfach ihr Aussehen verändert. Die Kantstraße hat mich schon immer fasziniert, mit ihrem gewagten Mix von obskuren Billigelektronik-Shops und alteingesessenen Fachgeschäften wie Harry Lehmanns “Parfum und künstliche Blumen” oder “Korsett Engelke” http://www.korsett-engelke.com/willkommen.php . Harry Lehmann ist am gleichen Platze, während sich Korsett Engelke verbessern konnte und wenige Häuser weiter, in der Kantstraße 103, mit doppelter Verkaufsfläche Sach- und Fach-Verstand im Dessouswesen anbietet. Seit langem hat die Kantstraße, wie ein Fernbahnhof, Zugereiste angezogen, vermehrt gilt das seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Erst kamen viele Polen, dann Weißrussen, Besucher aus dem Baltikum und wieder einmal Russen, wie in den 1920er Jahren, als Charlottengrad schon einmal sprichwörtlich wurde.

Außerdem habe das Messegelände besucht, es liegt ja quasi in meinem Hinterhof. Wenn ich mit dem Rad in den Wald will oder am Theodor-Heuss-Platz zu tun habe, komme ich vorbei und bin hin und hergerissen durch die seltsame Koexistenz von Bauten im NS-Stil und 1970er Moderne. Einen Blick wert ist auch die orangefarbene Unterführung, von Architekturkennern “Passarelle” genannt. 1950, als Rainers Vater Günter am Messegelände fotografierte, war die Fläche zwischen Palais am Funkturm und Haus des Rundfunks wie leergefegt. Heute, 66 Jahre später, ist das Haus des Rundfunks fast gänzlich hinter Bäumen verschwunden.

Fotos: Rainer Jacob, Günter Jacob, Helmut Kluge, Marcus Kluge.

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Wilmersdorfer Ecke Kantstraße, oben ca. 1960.

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Unten: Wilmersdorfer Straße 58.

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Oben: 1978.

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Wilmersdorfer Straße 66, oben: ca. 1955.

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Kantgaragen.

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Lewishamstraße. Oben 1977, unten heute.

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Stuttgarter Platz, oben Rainer 1977.

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Parfums nach Gewicht und künstliche Blumen kann man hier immer noch kaufen. Das Geschäft feiert dieses Jahr 90-jähriges Bestehen.

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Statt Korsett-Engelke lockt nun Adis Suppen-Shop “Vegg&Bones”, der wie meine Quelle betont sehr empfehlenswert ist . Der Miederwarenfachhandel ist ein paar Häuser weitergezogen, in die Kantstraße 103.

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Haus des Rundfunks, oben 1950.

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Vor dem Palais am Funkturm, oben: ca. 1950, unten ca. 1959.

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Oben: ca. 1950.

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Illu ICC: Rainer Jacob

Familienportrait – “Is That All There Is?” oder “Pförtner, Fernsehen, Ehe und ein Nazi” / West-Berlin 1985-88

 

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Ende 1985 beschließe ich mir endlich einen Vollzeitjob zu besorgen, nachdem ich zehn Jahre lang alle möglichen und unmöglichen Aushilfsjobs hatte. Meine Freundin und ich haben beschlossen unsere komplizierte Beziehung zu stabilieren, indem wir heiraten. Wir ziehen endgültig zusammen, aber erst im Sommer 1986 finde ich eine Arbeit.

Das ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium am nördlichen Ende der Bundesallee ist ein schöner neoklassizistischer Bau. 1880 wurde er eröffnet, das Gymnasium gibt es aber länger, seit 1607. Der gelbe Backsteinbau im Stil der italienischen Hochrenaissance, mit vorgelagertem Arkadengang und Balkon, ist ein spätes Beispiel der Schinkel-Schule. Von 1910 bis zum Beginn des ersten Weltkriegs lief meine Großmutter sonntags hier vorbei, wenn sie auf dem Weg zu Aschinger war, Erbsensuppe essen. Zur Suppe bekam man Schrippen, soviel man wollte. Nach dem Essen lief Oma wieder zurück nach Steglitz, wo sie sechseinhalb Tage die Woche als Hausmädchen arbeitete. Manchmal weinte sie, sie fühlte sich sehr allein, fern vom heimischen Liebenwerda und sie vermisste ihre Familie.

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Am 2. Juni 1986 betrete ich den Bau zum ersten Mal, ich trete meinen Job als Pförtner an. Die Statue eines Flöte spielenden Pan begrüsst mich, es wird der einzige Freund bleiben, den ich in diesem Haus gewinne. 40 Stunden Dienst in der Woche werde ich hier verbringen, da ich mir nicht vorstellen kann, jemals eine andere bezahlte Arbeit zu finden, wahrscheinlich für den Rest meines Lebens. Der Gedanke hat etwas Niederschmetterndes. Der traurige Song von Peggy Lee fällt mir ein, der mich schon seit meiner Kindheit begleitet: “Is That All There Is?” Das Lied über die Enttäuschungen im Leben, wenn man feststellt, dass es in Wirklichkeit weder so schön noch so schlimm kommt, als man es sich vorgestellt hatte. Ich frage mich: Soll es das schon gewesen sein? Werde ich hier als Pförtner den Rest meines Lebens verbringen, oder wird es mir gelingen, doch noch den einen oder anderen Traum zu verwirklichen, den ich für mein Leben hatte? Zum Beispiel professionell Film oder Fernsehen zu produzieren. Im Frühjahr hatte ich zum ersten Mal ein Video gedreht, doch es war ein Job ohne Bezahlung. Obwohl es auch gesendet wurde beim Offenen Kanal, eher so etwas wie ein Hobby. Trotzdem plane ich das nächste Projekt. Im Juni wollte ich dann für meine erste Fernsehserie Regie führen. Aber der Job, zu dem ich unerwartet kurzfristig die Zusage bekomme, verhindert es. Denn am gleichen Tag, an dem ich als Pförtner anfangen soll, ist Drehbeginn der ersten Staffel von “Bum Bum Peng Peng”, einer No-Budget-Kriminalparodie, die ich geschrieben habe. Regie macht nun mein Freund Frank, sogar für meine eigene Rolle, die des bösen Eierkaisers, muss ich überwiegend gedoubelt werden. Eine andere Lösung gibt es nicht. Mit dem Ergebnis werde ich nie so ganz glücklich sein.

Meine neuen Kollegen in der Pförtnerloge kennenzulernen, hebt meine Stimmung auch nicht. Achim war in den 50ern ein echter Rock’n’Roller, jetzt ist er alt und raucht zuviel. Er sagt, er wählt die Nazis. Als ich fragend gucke, erläutert er: die CDU. Immer wenn er die CDU meint sagt er “die Nazis”, das ist sein “Humor”. Sein gesamter Humor übrigens. Heini ist jung und klein, er riecht immer nach altem Schweiß, weil er weder seine Achselhöhlen noch seine Hemden wäscht. Er hat sich die CD von Whitney Houston gekauft, aber “die Negerin” hat ihn enttäuscht. Außer “I Wanna Dance With Somebody” gefällt ihm kein Lied. Auch er hat ziemlich braune Ansichten. Der dritte Pförtner und ungekrönte König der Pförtnerloge ist Herr Schulz, er ist Nazi und macht keinen Hehl daraus. Ein “Neo” wäre an ihn verschwendet, nichts ist neu an ihm. Er ist ein alter, eingefleischter Nazi, obwohl er erst Mitte vierzig ist. Täglich erzählt er den Musikstudenten, dass auf deutschen Boden im Dritten Reich nie ein Jude getötet wurde. Schulz war Kranführer, seit er im Suff aus dem Führerhäuschen fiel, kann er nicht mehr richtig laufen und gilt als schwerbehindert. Den Führerschein hat man ihm abgenommen, weil er im Straßenverkehr immer wieder handgreiflich wurde. Mehrfach hat er Autofahrer attackiert, die ihm “Quer” kamen. Er hat sie ausgebremst, ist, trotz Behinderung. an deren Fahrertür gehumpelt, hat den Gegner aus dem Wagen gezogen und verprügelt. Er kann sehr jovial sein, ist hochintelligent und halbwegs gebildet. Und er kann unglaublich nerven. Zu meiner Bestürzung ist niemand hier bereit, etwas dagegen zu tun, dass Schulz regelmäßig die Ausschwitzlüge verbreitet.

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Die Pförtnerloge ist zwei mal fünf Meter groß. Neben ein paar Garderobenschränken steht ein Tisch mit Stühlen darin. Ich kann meinen Kollegen unmöglich aus dem Weg gehen. Da es kaum Arbeit gibt sitzen die Pförtner zusammen und quatschen die meiste Zeit. Anfänglich versuche ich die Provokationen und Beleidigungen von Schulz an mir abtropfen zu lassen. Irgendwann funktioniert das nicht mehr, ich gebe Kontra. Jeder Arbeitstag kostet mich ungeheuer viel Kraft. Angenehmer sind die Abende und der Wochenddienst. Dann kann ich lesen und an meinen Fernsehsendungen arbeiten. Ich habe eine exzellente Infrastruktur im Haus. Es gibt zwei Bibliotheken, sowohl eine Stadtbücherei, als auch die Bücherei des Fachbereichs Pädagogik, die solche Schätze wie vollständige Spiegel- und Stern-Jahrgänge verwahrt. Ferner verfüge ich über Telefon, Fotokopierer und einen Videoraum.

Am 10. Juli 1986 heiraten wir, unsere Freunde haben eine rauschende Party im Hof der Rheinstraße 14 organisiert. Höhepunkt ist eine Art “Fernsehquiz”, bei dem wir unsere Hochzeitsgeschenke raten sollen. Wir feiern bis in die Nacht und sind sehr glücklich. Zwei Tage später fährt meine Frau mit ihrer Tochter, die jetzt meine Stieftochter ist, ohne mich auf Hochzeitsreise. Ich bekomme im neuen Job noch keinen Urlaub. Als ich am Sonntag allein bin steigt ein Zweifel in mir auf, habe ich wirklich das richtige getan? Jetzt bin ich verheiratet, aber es fühlt sich nicht so an, wie ich es mir vorgestellt habe. “Is That All There Is?”

Anfang 1987 wollen wir die zweite Staffel von “Bum Bum Peng Peng” drehen. Einige Wochen vorher ruft mich Frank an und fragt, ob wir statt dessen nicht an der Magazinsendung “Filmbaer” zur 37. Berlinale mitarbeiten wollen. Natürlich wollen wir. Eine Akkreditierung hatte ich mir schon mal in den 70ern besorgt, damals hatte ich Wolf Donner in seinem Büro aufgesucht und angeflirtet, um zehn Tage Filme zu gucken, bis die Augen weh taten.

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Filmbaer Moderation mit Kater Dieter und Hut.

Funkvolker (2)Mit Volker Hauptvogel.

Wir haben ein Studio im Huthmacher-Haus, wo die täglichen Sendungen “Live On Tape” aufgezeichnet werden. “Filmbaer” heißt die Sendung weil der “Sony Genlock”, den wir als Schriftgenerator benutzen, keine Umlaute kennt. Zwölf mal 75 Minuten sind geplant und ich drehe ich voraus mit Volker Hauptvogel im Pinguin-Club die “Treatment-Show”, in der ich lustige Filmideen vorstelle, die ich von meinem Brettspiel “Hollywood-Friedenau” in der Schublade habe. Volker serviert mir zu jedem der zwölf Kurz-Treatments einen passenden Cocktail, den ich natürlich nicht trinke. Überhaupt lebe ich zu dieser Zeit sehr gesund. Ich trinke nicht, esse kein Fleisch, noch nicht mal Zucker gönne ich mir. Nach vier Stunden Schlaf dusche ich eiskalt und bin frisch wie neuer Schnee. Tagsüber verdiene ich meine Brötchen als Pförtner, abends und am Wochenende mache ich Fernsehen, eine Gage gibt es beim Offenen Kanal Berlin nicht.

Filmquiz (2) Filmquiz vor “City Music”.

In der Mittagspause werde ich mit dem Auto abgeholt, um auf dem Kudamm ein Filmmusik-Quiz mit Passanten zu drehen, dass ich mir ausgedacht habe. Bei richtiger Antwort gewinnen die Kandidaten Platten mit Soundtracks, die ein Plattengeschäft, City Music, zur Verfügung gestellt hat. Außerdem produzieren wir täglich noch einen Fünf- bis Zehn-Minüter, ich interviewe witzige Filmleute, mache Überraschungsbesuche und ähnliches.

FilmNase (4)Filmma1 (2)Filmnasja (2)FilmMarcClose (2)Anja Franke Interview.

Viel Spaß macht es, Anja Franke zu interviewen. Sie hat mit ihrem Freund Dani Levy den Film “Du mich auch” im Wettbewerb. Nicht immer sind meine Beiträge toll, aber ich werde angesprochen und gelobt, auch von Kollegen wie Barry Graves und in der Hochschule von Studenten und Profs.

Meine Pförtnerkollegen und der großtuerische Hausmeister sind nicht so begeistert. Sie wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen und fühlen sich irgendwie verarscht. “Wieso sitze ich hier in der Pforte, wenn ich doch beim Fernsehen arbeite?” Ich versuche zu erklären, dass ich beim Offenen Kanal Berlin keinen Pfennig verdienen kann, es ist dort sogar verboten. Aber solche Details interessieren nicht, die sind abstrakt und was sie auf dem Fernsehschirm sehen ist konkret.

Ins Kino komme ich nur ein einziges Mal, im Zoo-Palast sehe ich “Platoon” , der mir überhaupt nicht gefällt, nach “Apocalypse Now” finde ich ihn überflüssig. Eine der Sendungen moderiere ich auch, hinter mir die Gedächtniskirche. Die ARD hat denselben Hintergrund gewählt, sie sendet aus dem chinesischen Restaurant gegenüber. Auch als Moderator bewähre ich mich, keine Haspler, keine Hänger, der Sprechtechnikunterricht meines Vaters war doch zu etwas gut. Viele tolle Menschen lerne ich kennen, Frank und Anette, die damals den OKB leitet und die Produktion neben ihrem Job in der Voltastraße quasi in der Freizeit betreut, werden im Lauf der Berlinale ein Paar. Beide werden mir bei vielen Projekten helfen und mich beraten. Frau und Tochter sehen mich nur selten in dieser Zeit. Natürlich mache ich weiter mit neuen Projekten. Ich habe das Gefühl, mir bietet sich eine Chance, die vielleicht meine einzige im Leben ist.

12654215_10153561472262982_3892196464954072360_nNazi Schulz, wie ihn Rainer Jacob als Illu für meinen Roman “Helden ’81” gezeichnet hat.

Am 10. Mai 1941 fliegt Rudolf Heß mit einer Messerschmidt Bf 110 in Richtung Schottland, um in Dungavel Castle mit Douglas Douglas-Hamilton, 14. Duke of Hamilton, den er für den Anführer der britischen Friedensbewegung und Gegner von Premierminister Winston Churchill hielt, über Frieden zu verhandeln. Aber die Briten nehmen ihn fest, er wird als letzter einer Reihe prominenter Häftlinge im 900 Jahre alten Tower interniert. Nach Kriegsende steht er vor dem Nürnberger Tribunal und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. 1987 ist Heß auch hier der letzte von sechs Gefangenen im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Obwohl Heß Flug nach Schottland von Historikern inzwischen weniger als Großtat, sondern eher als naive Impulshandlung eines unreifen Traumtänzers gewertet wird, ist Heß bei deutschen Neo-Nazis beliebt. Nachdem Rudolf Heß sich am 17. August 1987 mit einem Kabel erhängt, versammeln sich neu und alte Gesinnungsgenossen vor Spandauer Gefängnis zu einer Art “Ehrenwache”. Mein Kollege Schulz nimmt Urlaub und wird mehrfach von Kamerateams gefilmt. Ein Fotograf portraitiert ihn, sein fanatischer Blick genügt, er braucht kein Plakat und keinen Hitlergruß um seine Gesinnung zu demonstrieren. Das Bild wird erst in der taz gedruckt und geht dann um die Welt.

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Ende August produziere ich “Funkbär”, eine Magazinsendung mit Sketchen und Parodien auf der Internationalen Funkausstellung. Der Offene Kanal hat ein professionelles Studio aufgebaut und viele Freunde helfen mir. Meine Frau bedient den Schriftgenerator, Anette macht Bildschnitt und Tim Luna spielt einen Zuschauer, der von mir erschossen wird. Der Boden ist mit Plastikfolie ausgelegt, damit unser Kunstblut nicht den Teppich ruiniert.

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Bong Boeldicke schlüpft in die Rolle des Senatsbeauftragten für eine fiktive “1000-Jahrfeier” der Mauerstadt. “Funkbär” wird Live On Tape produziert, zum ersten Mal moderiere ich mit Publikum, unter Livebedingungen. Unter dem Abspann läuft Peggy Lees Hymne der typisch menschlichen Unfähigkeit, richtig glücklich zu sein: “Is That All There Is?”

Im Spätsommer 1987 beginnt, was man später als Barschel-Affäre bezeichnen wird. Ein CDU-Ministerpräsident wollte seinen Gegner durch eine Schmutzkampagne zu Fall zu bringen. Der Spiegel bringt den Fall ins Rollen, gegen den Watergate eine Kinderei war. Mir ist schnell klar, dass die Barschel-Affäre zum größten politischen Skandal der BRD werden wird. Ich verfolge jedes Detail, dass er bei seinem berühmten “Ehrenwort” lügt, sieht selbst ein Laie wie ich. Wochenlang lese ich jede Zeile und spreche über wenig anderes. Meiner Frau gehe ich gehörig auf die Nerven.

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Aus der Barschel-Affäre mache ich eine Kabarettnummer und erfinde die Kunstfigur “Reverend Preiswert”. Einen Prediger mit Hitlerbärtchen, der im Stil amerikanischer Fernseh-Evangelisten, Barschel nach seinem ungeklärten Tod einen Persilschein ausstellt. Leider entsteht die Verschwörungstheorie, die Barschels Tod als Ermordung eines der über illegale Waffendeals auspacken wollte und somit andere prominente Politiker mit in den Abgrund gezogen hätte, erst später. Aber ich habe auch so genug Material für einen 18-minütigen Monolog. Ich nehme “Er tat nur seine Pflicht” im kleinen Fernseh-Studio der Pilotgesellschaft für Kabelkommunikation vor einer riesigen deutschen Fahne auf. Gleich am Wochenende danach wird die Sendung im Berliner Kabelfernsehen ausgestrahlt. Zufällig findet gerade eine CDU-Veranstaltung in Berlin statt. Viele Parteimitglieder sehen das Stück in ihren Hotels, die alle schon verkabelt saind. Es gibt heftige Beschwerden im Sender und auch bei der Medienanstalt. Ich selbst werde ein paarmal beschimpft. Heute würde ich über eine eben Verstorbenen, und sei er noch so ein Schuft gewesen, keine derartig grenzwertige Satire machen, aber damals freue ich mich über das Feedback.

Seit dem Tod von Heß ist Schulz radikaler geworden. Seine Äußerungen werden immer drastischer, auch mir gegenüber. In der HdK wird meine Position nach der Barschelsendung immer prekärer. Ich versuche eine Front gegen den Nazi aufzubauen, doch zu meinem Erstaunen finde ich kaum Mitstreiter. Die linken Professoren erklären mir, als Beamte könnten sie sich nicht einmischen, wenn es um einen “Lohnempfänger” gehe, so werden die Arbeiter im Unijargon genannt. Der linke, langhaarige Personalratsvorsitzende gibt mir auch einen Korb. Nazi Schulz ist durch seine Schwerbehinderung vor Kündigung geschützt. Ich verstehe die Uni-Welt nicht.

Ich werfe ein I Ging, es rät mir “das große Wasser” zu überqueren. In der Sprache des mehrere tausend Jahre alten “Buchs der Wandlungen” bedeutet das weitreichende Massnahmen zu ergreifen, einen großangelegten Plan zu verwirklichen. Also plane ich, zunächst besorge ich mir eine Ton-EB vom OKB. EB steht für elektronische Berichterstattung habe ich gelernt. Ich platziere sie in meinem Garderobenschrank in der Pförtnerloge, durch einen Schlitz müsste das Mikrofon Gespräche aufnehmen können. Ich verlasse die Loge, “um einen Kontrollgang durchs Haus” zu machen und Schulz tut mir den Gefallen, er macht seine üblichen heftigen Nazisprüche. Nun habe ich ihn “Live On Tape”. Ebenfalls in der Tasche habe ich einen Musik-Professor, der auch braune Ansichten hat, aber als Beamter eine gewisse Zurückhaltung üben müsste. Außerdem rechne ich damit, dass Schulz Choleriker ist.

Ich schreibe einen Brief an den Kanzler der Uni. Drei Seiten lang schildere ich, wer Schulz ist und was er verbreitet. Ich bin nicht gern Denunziant, aber hier geht es um Notwehr und die Änderung eines unerträglichen Zustandes. Ganz dezent winke ich meiner Vergangenheit bei der taz und der Möglichkeit einer Anzeige wegen Volksverhetzung. Als ich nach einem langen Wochenende zurück zum Dienst komme ist Schulz weg. Man hat ihn einbestellt, er ist beleidigend geworden und hat versucht den Personalchef zu ohrfeigen. Außerdem hat sich der braune Musikprofessor im Zweifel für seine Beamtenpension entschieden und gegen Schulz ausgesagt, ich hatte ihn als Zeugen genannt. Ich habe mich durchgesetzt, den Nazi im Alleingang abgesägt, trotzdem bin ich nicht wirklich zufrieden mit der Situation. “Is That All There Is?”

Am nächsten Morgen kann ich meine linke Gesichtshälfte nicht mehr bewegen. Glücklicherweise ist es kein Schlaganfall. Gegen die Lähmung muss ich hochdosiertes Kortison nehmen. Nach drei Tagen kommt das Gefühl langsam zurück, ich atme auf. Aber plötzlich länger daheim, stelle ich fest, dass meine Ehe die Beziehung nicht konsolidiert hat, wir streiten uns weiter wie früher und ich fühle mich überflüssig und unwillkommen. Und noch etwas wird mir klar in den zehn Tagen, die ich krankgeschrieben bin. Ich werde den Pförtnerjob nicht ewig machen können. Aber wie soll ich, ohne Ausbildung und ohne weitere Berufserfahrung, eine andere Arbeit finden? Zurück in der Pförtnerloge gelte ich als “Kollegenverräter”. Schulz ist zwar weg, aber wohl fühle ich mich nicht in diesem Umfeld. Da kommt mir der Zufall zu Hilfe. Im Offenen Kanal ist der Job als Disponent frei, niemand will sich den Stress antun und er wird mir angeboten. Zu meiner eigenen Verblüffung bekomme den Fulltimejob im Sender. Es ist mir ein Vergnügen, den großtuerischen Hausmeister, der jahrelang den Nazi gewähren ließ, davon in Kenntnis zu setzen, dass er kurzfristig auf meine Dienste verzichten muss. Meinen Auflösungsvertrag hatte ich bereits mit der Hochschulleitung ausgemacht. Man ist mir dankbar, dass ich das peinliche Nazi-Problem gelöst habe.

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Nun arbeite ich als Vollprofi beim Fernsehen. Allerdings kaum noch kreativ, eigene Sendungen darf ich als Mitarbeiter nicht mehr produzieren. Aber ich bin stolz darauf bald den gesamten Sender, das Programm und die Produktionen zu organisieren. Ein Lebenstraum ist in Erfüllung gegangen, ein anderer, meine Ehe, scheitert in dieser Zeit. Wie so viele Paare machen wir die Erfahrung, dass die Ehe die komplizierte Beziehung nicht stabilisiert. Im Gegenteil, sie beschleunigt den Verfall. In der Folge brauche ich eine Wohnung, auch 1988 war das schon schwierig. Der Zufall will es, dass meine Wohnungssuche in der Lietzenburger Straße endet. Von meinem Balkon sehe ich in der Entfernung auf das Gebäude, in dem ich ein Pförtner war. Is That All There Is?

Marcus Kluge


Videos aus den erwähnten Sendungen schneide ich in nächster Zeit zurecht. Die böse Barschel-Satire:  https://www.youtube.com/watch?v=Ol1jnPe3c94

Meine Oma und die Kaiserallee: http://wp.me/p3UMZB-1rw

Über meine 20 Jahre beim Offenen Kanal Berlin habe ich zwei Geschichten geschrieben:

http://wp.me/p3UMZB-1hR

http://wp.me/p3UMZB-1ls

Das Lied:

I remember when I was a very little girl, our house caught on fire.
I’ll never forget the look on my father’s face as he gathered me up
In his arms and raced through the burning building out to the pavement.
I stood there shivering in my pajamas and watched the whole world go up in flames.
And when it was all over I said to myself,
“Is that all there is to a fire?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is

And when I was 12 years old, my daddy took me to a circus.
“The Greatest Show On Earth.”
There were clowns and elephants and dancing bears.
And a beautiful lady in pink tights flew high above our heads.
And as I sat there watching, I had the feeling that something was missing.
I don’t know what, but when it was over,
I said to myself,
“Is that all there is to a circus?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is

And then I fell in love, with the most wonderful boy in the world.
We would take long walks by the river
Or just sit for hours gazing into each other’s eyes.
We were so very much in love.
Then one day, he went away and I thought I’d die.
But I didn’t.
And when I didn’t I said to myself,
“Is that all there is to love?”

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends, then let’s keep-

I know what you must be saying to yourselves.
“If that’s the way she feels about it why doesn’t she just end it all?”
Oh, no, not me.
I’m in no hurry for that final disappointment.
‘Cause I know just as well as I’m standing here talking to you,
That when that final moment comes and I’m breathing my last breath
I’ll be saying to myself-

Is that all there is?
Is that all there is?
If that’s all there is my friends
Then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is.

Written by Jerry Leiber, Mike Stoller • Copyright © Sony/ATV Music Publishing LLC, Warner/Chappell Music, Inc.

Berlinische Leben – “The Fundamental Things Apply – Eventually” / Helden ’81 – Kapitel Elf / von Marcus Kluge / November 1981

Heute vor 34 Jahren starb Ingrid Bergman in London, die, wenn sie noch lebte,  heute 101 Jahr alt geworden wäre. Obwohl sie als Star und Filmikone gefeiert wurde, hatte sie nichts Laszives und eignete sich kaum als Pin-Up-Girl. Eher verkörperte sie eine neuartiges Frauenbild, dass den stets etwas naiv wirkenden Flapper den 20er und 30er Jahre überwunden hatte und souverän, ihrem Intellekt, wie in “Casablanca”, oder auch bewusst ihrem Gefühl, wie in “Notorious”, folgte.  Dieses elfte Kapitel meines “Schöneberg ’81” Romans ist eine Hommage an sie und den Michael Curtiz Film der, wie kaum ein anderes US-Melodram, meine Generation von deutschen Filmfans begeistert hat.

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(Bisher: Roberto ist wegen seiner Schulden zum Gangsterboss bestellt und ich muss ihn begleiten. In der Gruppe habe ich den rätselhaften August Deter kennengelernt, könnte er eine Hilfe sein? Gudrun meldet sich nicht und mir schwant Böses.)

Der Tag hatte schon schlecht angefangen. Es war ein Freitag, der Tag bevor ich mit Roberto, den Boss der Pistaziengang treffen sollte, ein Termin vor dem ich ziemlichen Bammel hatte. Ich war relativ früh aus dem Bett gekommen, nach dem ersten Kaffee und zwei Zigaretten entschied ich, es wäre höchste Zeit Gudrun anzurufen, damit sie nicht auf falsche Gedanken käme. Damit wollte ich dem Tag einen Kick in die richtige Richtung geben. Der Versuch schlug fehl. Meine Einleitung:
“Hallo Gudrun, nachdem du dich nicht gemeldet hast, wollte ich doch mal einen schönen Tag wünschen, bevor du mich wieder ganz vergisst!”,
wurde von einer unfreundlichen Gudrun mit barschen Worten gekontert:
“Du hast ja Nerven hier so einfach anzurufen, nachdem du dich Montag so heimlich aus dem Staub gemacht hast!”
Ich war geplättet und in kürzester Zeit wurde mein Körper und vor allem mein Hirn von Stresshormonen überflutet und ein Sirren in meinen Ohren wurde so laut, dass ich kaum noch hören konnte, was Gudrun mir sonst noch zu sagen hatte. Offensichtlich empfand sie mein Verschwinden so, als ob ich unsere Liebesnacht im nachhinein zu einem One-Night-Stand erniedrigt hätte. Das Briefchen, das ich zurück gelassen hatte, war völlig anders angekommen, als von mir geplant. Wenn ich doch bloß früher angerufen hätte!

Zusätzlich fiel mir jetzt wieder ein, dass morgen der Tag war, an dem wir diesen Ghobadi treffen sollten. Gern wäre ich wieder ins Bett gegangen, noch lieber hätte ich mein Leben an der Garderobe abgegeben, um mir später ein anderes, besseres zurückgeben zu lassen. Roberto schuldete Ghobadi eine für mich horrende Summe, etwas fünfstelliges nahm ich an. Wie war ich da reingeraten, nachdem ich mich sonst erfolgreich aus allem raushalten konnte? Statt mich hängenzulassen, setzte ich mich an die Maschine und begann zu schreiben. Ich arbeitete an die Filmtexten für Werbeagentur, bis mir einfiel, es wäre wichtiger Gudrun einen Brief zu schreiben und den Versuch zu wagen, doch noch mal zu erklären, wieso ich abgehauen war und das es nichts mit Gudrun oder der Situation zu tun hatte.

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Um mich in Stimmung zu bringen legte ich eine Platte mit Ausschnitten aus Warner Brothers Filmen auf, die auch Musik und Dialoge aus “Casablanca” enthielt. Bogart sagte zwar nicht:
“Play it again, Sam!”
Das war eine Erfindung von Woody Allen für seinen Film aus dem Jahr 1972 gewesen. Nein, Bogart sagte:
“Play it, Sam! You played it for her, you can play it for me.”
Und der brave Sam spielte “As Time Goes By”.

“You must remember this
A kiss is just a kiss, a sigh is just a sigh.
The fundamental things apply
As time goes by.
And when two lovers woo
They still say, “I love you.”
On that you can rely
No matter what the future brings
As time goes by.”

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Ein paarmal zog ich einen angefangenen Text wieder aus der Maschine und warf ihn fort, doch dann gelang mir ein freundlicher, stimmiger Brief, den ich mit einer Prise Komik abrundete. Ja, die richtigen, wichtigen Sachen, Menschen und Ideen tauchten auf. Nur geschah das, meiner Erfahrung nach nie zu früh, sondern eher kurz bevor es zu spät war.

Bevor ich am Nachmittag zur Gruppe beim Psychiater Philippus aufbrach, hatte einer plötzlichen Eingebung folgend das kleine Notizbuch eingesteckt, in dem Robertos Vater seine Erlebnisse als Widerstandskämpfer und Lagerhäftling im Dritten Reich aufgeschrieben hatte. In der Gruppe machte ich mir selbst Luft, ich schilderte das unangenehme Gespräch am Morgen mit Gudrun und wie ich mich falsch verstanden sah. Ich bekam erst sehr viel Mitgefühl und gute Worte von den anderen, aber die Diskussion behielt mich im Fokus und das fühlte sich zunehmend peinlich an. Besonders ein Gruppenmitglied schoss sich auf mich ein und zeigte nicht nur Verständnis für Gudrun, sondern kritisierte mich hart, weil mir mein Schlaf wichtiger als die sich anbahnende Liebesbeziehung war. Ich ärgerte mich, hatte aber weder Lust noch Kraft dagegen zu halten. Zu meinem Erstaunen mischte sich nun August in die Diskussion, den ich für absolut egozentrisch gehalten hatte und nahm mich in Schutz. Zum ersten Mal war er mir sympathisch und mir kam eine Idee.

Nach dem Ende der Gruppensitzung wartete ich, eine Zigarette rauchend, vor dem Haus auf August. Es dämmerte und der Novemberabend roch nach Winter, das erste Mal in diesem Herbst. “Schneeluft” nannten manche Menschen das auch. Aus unerfindlichen Gründen verband ich diesen Geruch und diese Tageszeit mit den 70er Jahren. Keine andere Situation war typischer für das zuende gegangene Jahrzehnt. Der Beginn der Nacht am Anfang des Winters, wenn ich wieder einmal feststellte, dass der vergangene Tag mich nicht weitergebracht hatte. Schon weil ich gar nicht wusste, wo ich eigentlich hin wollte. Dieses Gefühl wollte ich hinter mir lassen, aber war ich denn wenigstens auf dem richtigen Weg?
Ich sprach ihn an, als August das Eckhaus in der Uhlandstraße verließ und er freute sich über meine Einladung, gemeinsam etwas trinken zu gehen. Wir liefen die Uhlandstraße in Richtung Kantstraße und setzten uns dann im Schwarzen Café in eine ruhige Ecke im Ersten Stock. Erst sprachen wir über die Gruppe und den Professor. Über die Gründe, wieso wir die Gruppe besuchten brauchten wir nicht zu sprechen, denn darüber hatten wir uns in den Sitzungen ein Bild machen können. Wir tranken Flaschenbier und ich stellte August ein paar Fragen, die mich schon länger beschäftigten:
“Kannst du dich denn nicht an deine Familie und deine Heimat erinnern?”
“Ja und nein, ich komme wohl aus Wien und ich habe eine Vorstellung, wie meine Eltern waren, oder sind. Aber nichts konkretes, wie der Name fällt mir ein.!”, war seine enttäuschende Antwort.
Ich bohrte weiter:
“Wo hast du diesen Namen her, August Deter?”
“Der stammt aus der Klinik, Philippus meint, der sei ein Insider-Scherz unter Psychoheinis. Keine Ahnung was er meint.”
“Und wovon lebst du, du brauchst doch Geld?”
“Das kommt von so einer Stiftung, Seelenhilfe heißt die. Die haben mich unter ihre Fittiche genommen und haben mir auch Papiere besorgt. Die haben was mit der katholischen Kirche zu tun und sind wohl sehr einflussreich in Süddeutschland.”
“Wieso bist du nun ausgerechnet nach Berlin gekommen?”
“Ich hatte da so ‘nen Zettel bei mir, da stand diese Pension in Berlin drauf und ich hatte das vage Gefühl, ich müsse in Berlin irgendeine Mission erfüllen. Mein Betreuer bei der Seelenhilfe meinte, ich solle dem nachgehen und der hat mir auch Philippus empfohlen.”
Langsam brachte ich das Gespräch auf meinen Freund Roberto und sein Problem:
“Ich wollte dir was zeigen!”, ich holte das Notizbuch von Robertos Vater heraus, zeigte ihm die Fotos und machte ihn auf die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem SS-Offizier aufmerksam. August wurde still, ich bestellte noch zwei Bier und dann begann ich ihm die Geschichte von Roberto, seinem Vater und dann von Ari und dem Schmuggel nach Kanada zu erzählen. Ich berichtete von Aris Selbstmord in Wien und schließlich von der Pistazien-Bande, die nun von Roberto das Geld zurückhaben wollte, das Ari für den Kanada-Coup geliehen hatte.
August hörte aufmerksam zu und begann bald zu nicken, so als ob er die Geschichte schon kannte, oder sich zumindest etwas Ähnliches gedacht hatte.
Ich wusste zwar nicht, worin Augusts Beitrag zur Lösung des Problems bestehen sollte, trotzdem war ich sehr froh, als er signalisierte, er würde uns helfen, irgendetwas würde uns schon einfallen, um die Ansprüche der Gangster zu befriedigen. Ich fühlte mich auf jeden Fall schlagartig besser.
Wir tranken noch ein paar Bier und redeten über Filme, das Wissen darüber und die Liebe zum Film hatte Augusts Amnesie nicht tangiert. Genau wie Ari mochte August Bogart-Filme, besonders die aus der schwarzen Serie und natürlich “Casablanca”.

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Ich probierte, ob er wie Ari auch manche Dialoge auswendig konnte:
“Let’s see. The last time we met…”
Ohne zu zögern, setzte er das Gespräch mit Bogarts Text fort:
“It was La Belle Aurore.”
“How nice, you remember. It was the day the germans marched into Paris.“, ich sprach Ingrid Bergmanns Sätze. August antwortete:
“Not an easy day to forget. I remember every detail. The germans wore grey; you wore blue.”
Wir schüttelten uns vor Lachen, es waren ziemlich viele Biere gewesen.
Wir verabredeten uns für Sonntag im Tempodrom, dann zahlten wir. Auf der Kantstraße verabschiedeten wir uns, natürlich auch stilgemäß. August gab mir das Stichwort:
“You still owe me ten thousand francs.”
Ich sprach den, von Claude Rains gespielten, Polizeichef:
“And that ten thousand francs should pay our expences.”
“Marcus, I think this is the beginning of a beautiful friendship!”

Roberto und ich fuhren mit der U-Bahn nach Dahlem-Dorf und begaben uns auf die Suche nach der Adresse von Ghobadi. Schnell fanden wir sie, wir klingelten an einer kleinen Gittertür mit dem Schild: “Konsulat der Volksrepublik Nord-Samaan”. Wir wurden von einem wohlbeleibten Herrn in Empfang genommen, unter dessen Jacket sich eine Waffe abzeichnete. Das Haus war ein großer, einstöckiger Bungalow, keine Villa, wie ich es erwartet hatte. Im Haus tastete ein zweiter, ebenfalls kräftig gebauter Herr uns auf Waffen ab. Hundertmal hatte ich sowas im Kino gesehen, nun erlebte ich es zum ersten Mal am eigenen Leib. Ein seltsames Gefühl. Der zweite Bodyguard, auch er mit einer Beule unterm Sakko, führte uns in einen Raum, dessen Wände üppig mit Ölgemälden behängt war, der Hausherr hatte wohl eine Schwäche für Familienportraits. Das Genre aus dem 18. Jahrhundert, das im Englischen Conversation Piece und im Italienischen grupo di famiglia genannt wurde. Ich war natürlich kein Experte, aber die Bilder hatten eine hohe Qualität, soviel war klar. Trotz des Wandschmucks war der Raum ungemütlich, es war kalt und es gab keine Sitzgelegenheiten; nur ein großer Perserteppich in der Mitte machte ihn etwas wohnlicher. Der Raum schien klimatisiert zu sein, ich schaute auf eine Anzeige an der Wand, 17° Celsius bei 68% Luftfeuchtigkeit schien das amtliche Klima für Ölgemälde zu sein.
Der wandelnde Schrankkoffer lies uns allein, Roberto und ich schauten uns nicht an und wir wechselten auch kein Wort. Mir war klar, dass Roberto die Muffe genauso ging wie mir. Etwa zehn Minuten lies man uns warten, dann kamen die beiden Bodyguards und brachten Sitzkissen sowie ein Tischchen. Die Möbel drapierten sie auf dem Perserteppich, sodass eine orientalische Sitzgruppe entstand. Einer der beiden verschwand wiederum, während sich der andere wie eine Wache neben die Tür stellte. Wir blieben stehen und schauten uns die Bilder an, jedenfalls taten wir so, als ob.
Eine leise, aber durchdringende Stimme lies uns zusammenfahren, wir drehten uns um, der Hausherr hatte den Raum betreten:
“Salam meine Herren. Ich bin hocherfreut, sie zu begrüßen.”
Er blieb etwa zwei Meter vor uns stehen und deutete ein Verbeugung an, auch wir verbeugten uns tief; ich verbeugte mich unwillkürlich tiefer als der Hausherr und Roberto auch. Ghobadi sah, mit seiner Augenklappe, tatsächlich etwas wie Moshe Dayan aus. Er hatte graumelierte Haare, einen gepflegten Bart und trug einen grauen Tweed-Anzug, der perfekt saß. Bei ihm deutete keine verräterische Beule auf eine Feuerwaffe hin:
“Mein Name ist Mohsen Ghobadi, eigentlich bin ich auch Berliner, ich lebe seit einem Vierteljahrhundert hier.”, er trat nun auf Roberto zu:
“Sie sind also der Herr Oderberger. Ich versichere ihnen meine herzlichstes Beileid zum Tod ihres Vaters. Aber ich hörte, sie haben sich noch von ihm verabschieden können.”
Ghobadi sprach ausgezeichnetes Deutsch, nur ein leicht ölig-verwaschener Akzent verriet, dass er kein Muttersprachler war und er war sehr gut informiert. Er schüttelte Roberto die Hand, der sowas wie “Danke schön” stammelte.
“Wen haben sie denn da mitgebracht?”
Ghobadi blickte neugierig in meine Richtung und ich entschloss mich, zurück zu ölen:
“Sehr geehrter Herr Konsul, ich bin hocherfreut sie kennenzulernen. Mein Name ist Kluge, ich bin Schriftsteller und Journalist und sozusagen als Freund und seelische Unterstützung von Herrn Oderberger hier.”
“Sehr erfreut, Herr Kluge. Freundschaft ist etwas Großartiges, fast so wertvoll wie die Familie. Das ist bei ihnen im Westen leider etwas in Vergessenheit geraten.”
Ghobadi hatte mich mit seinem unbedeckten, blauen Auge scharf angesehen, sodass ich froh war, als er sich wieder Roberto zuwendete:
“Dass ihre Schwester ihr Kind verloren hat ist natürlich auch ungemein traurig, das war sicher nicht unsere Absicht. Aber wenn die Dinge eine gewisse Dringlichkeit erreicht haben, passieren solche Missgeschicke, durch die auch Unschuldige Schaden nehmen. Da kann ich ihnen die Verantwortung auch nicht abnehmen, Herr Oderberger! Das wäre für sie viel praktischer, wenn ein Orientale die Schuld tragen müsste, nicht war?”, er grinste jetzt unverhohlen frech.
“Aber sie und ich wissen, und sicher weiß auch der Herr Kluge, dass die Verantwortung allein bei ihnen liegt.”
Roberto räusperte sich, er war kurz davor etwas zu sagen, doch es blieb beim Wollen. Ich hörte erstaunt über mich selbst, wie ich sagte:
“Aber die Gewalt ging nun mal von ihren Mitarbeitern aus.”
Ghobadi schaute mich etwas mitleidig an:
“Vordergründig haben sie Recht, aber versetzen sie sich in meine Lage. Ein alter Geschäftsfreund aus Indien hat mich gebeten diese Schulden einzusammeln und ich habe Herrn Oderberger mehrfach Gelegenheit gegeben, sich dazu zu äußern. Aber er hat über viele Wochen keine verbindliche Zusage gemacht. Zweitausend Euro war das einzige, was wir von ihm bekommen. Ein Bruchteil der 30000 Dollar, die, ohne Zinsen, fällig sind. Herr Oderberger hat sich sogar versteckt. Sein Verhalten war respektlos gegen meinen Freund und mich und man könnte auch sagen: betrügerisch. Verzeihen sie mir das starke Wort, aber es ist doch treffend, oder?”
Sein Deutsch war makellos, es war besser, als das der meisten Deutschen. Fast hätte ich Verständnis für ihn gehabt. Ich hätte gern noch etwas über Gewalt gegen eine wehrlose Frau gesagt, doch es war mir nicht möglich Ghobadi zu unterbrechen; ich hatte einfach nicht die Traute, seinen dominanten Redefluss zu stoppen:
“Lassen sie es sich eine Lehre sein, was den Schütz ihrer Familie angeht. Es ist traurig, wenn man erst durch Schaden lernt. Niemand weiß das besser als ich. Aber setzen wir uns doch.”
Er zeigte auf die Sitzgruppe auf dem Teppich. Einer seiner Diener brachte Teegeschirr und Gebäck, er machte uns mit Zeichensprache aufmerksam, unsere Schuhe auszuziehen, dann setzten wir uns. Ohne Schuhe war es ganz schön kalt. Ghobadi verlies kurz den Raum und kam dann mit einer Mappe zurück und setzte sich auch. Der Bedienstete goss uns Tee ein und nötigte uns von den Keksen zu nehmen. Schweigend tranken wir Tee und knabberten Gebäck, schließlich ergriff Ghobadi wieder das Wort:
“Lassen sie mich ihnen eine Geschichte erzählen.”
Wenn ich die Augen zusammen kniff, hätte ich mir vorstellen können, in einem orientalischen Basar zu sitzen und einem Geschichtenerzähler zuzuhören. Es war fast gemütlich, wenn ich bloß keine Angst gehabt hätte.
“Vor rund 30 Jahren war ich der glücklichste Mann Teherans, ich hatte eine wundervolle Frau, zwei Töchter und ich war als Geheimdienstchef einer der mächtigsten Männer des Landes. Mein Freund Mohammad Mossadegh war Premierminister einer demokratisch gewählten Regierung. Er hatte mich zum Geheimdienstchef gemacht, weil ich ein überzeugter Demokrat war, ich hatte in Oxford und Heidelberg studiert und Gewalt machte mir überhaupt keinen Spaß. Gut beim Geheimdienst ist ein gewisses Maß an Druck ünvermeidlich, doch wir versuchten soweit wie möglich ohne Folter und solche Greuel auszukommen. Doch dann stürzte die CIA Mossadegh, ein Agent namens Kermit Roosevelt* schaffte es mit sehr viel Geld, das Land zu destabilieren und schließlich einen Putsch zu organisieren. Diese Aktion nannte der CIA “AJAX”, es war das Vorbild für jeden Staatsstreich der USA seitdem. Wir waren wohl zu naiv und zu friedfertig, um mit der abgefeimten Bosheit dieses Kermit Roosevelt fertigzuwerden. Übrigens sagt man, Kermit soll das Vorbild gewesen sein, nachdem Ian Fleming seine Romanfigur James Bond geformt hat. Kermits Helfer brachten, vor meinen Augen, meine Frau und meine Töchter um, ich wurde entführt und lange gefangen gehalten. Seien sie froh, dass sie ihre Familie noch haben. Die einzige Familie, die ich noch habe, sind diese Bilder.”, wobei er aufstand und auf die Gemälde an den Wänden zeigte.
Ghobadi baute sich vor mir auf, nun zog er eine Art Urkunde aus der Mappe und präsentierte sie mir:
“Das hier ist der Schuldschein. Neben Herrn Olt, der ja leider verstorben ist, hat ihr Freund Herr Oderberger unterschrieben. Seien sie doch so freundlich und lesen sie die Summe vor, Herr Kluge.”
Ich stand auf und nahm das Papier in die Hand.
“30000 Dollar plus Zinsen steht hier.”, las ich laut vor.
“Ich will realistisch sein. Sie haben das Geld nicht, also schauen wir ob es etwas anderes gibt, um ihre Ehre wiederherzustellen. Mein Geschäftsfreund sprach von einer Kamera, die eigentlich im Besitz ihrer Familie sein sollte, Herr Oderberger. Eine Leica, ein sehr seltenes Stück.”
Nun stand Ghobadi direkt vor Roberto, der bei der Erwähnung der Leica zusammenzuckte. Roberto brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Dann sagte er:
“Ja, aber die Leica gehört jemand anderem. Ich kann sie doch nicht stehlen!”
“Nun, wenn sie sie nicht stehlen wollen, müssen sie sich etwas einfallen lassen. Sie sind doch jung, kreativ und risikofreudig, wie ihre Schmuggeleien zeigen.”

In diesem Moment wurde mir übel, ich hatte Angst mich übergeben zu müssen. Genau das war, was ich unbedingt in meinem Leben vermeiden wollte. Riskante Situationen wie diese, die mich möglicherweise in den Knast bringen konnten. Wieso hatte ich mich bloß auf dieses Treffen eingelassen, nun war ich ebenso dran wie Roberto. Karl Valentin soll gesagt haben:
“Der Kopf ist rund damit die Gedanken ihre Richtung ändern können.”
So etwas passierte gerade in meinem Kopf. Meine Angst, mein Ärger verwandelte sich in Wut und diese Wut richtete sich gegen Moshe Ghobadi. Ich fauchte ihn an:
“Sie drohen uns also, wenn wir die Kamera nicht beschaffen, üben sie Gewalt gegen Robertos Familie. Was ist daran moralischer, als das Handeln von Kermit Bond Roosevelt, der ihre Familie umbringen lies. Sollten sie aus ihrer Erfahrung heraus nicht jeder Gewalt abschwören.”
Ghobadi war überrascht und er versuchte amüsiert zu wirken, doch ich schien einen Wirkungstreffer erzielt zu haben. Er baute sich vor mir auf. Ich wich nicht zurück und er zischte:
“Der Mensch ist eine gewalttätige Species. Das was sie hier im Westen Zivisisation nennen ist eine hauchdünne Schicht, die man durch Manipulation jederzeit, bei jedem beseitigen kann. Und gerade sie, Herr Kluge, als Deutscher sollten vorsichtig sein über andere zu urteilen. Sie haben doch sechs Millionen Juden auf bestialische Weise umgebracht.”
Er hatte mich an einem wunden Punkt erwischt, ich drehte irgendwie durch und schubste ihn heftig, so dass er ein paar Schritte rückwärts stolperte. Ich brüllte:
“Ich hab sie doch nicht umgebracht, sondern meine Vorfahren. Ich bin kein Nazi. Aber sie vielleicht!”
Der Wächter neben der Tür hatte seine Waffe gezogen. Die Übelkeit stieg wieder in mir hoch, ich war entsetzt über mein Verhalten. Ghobadi schien nicht besonders geschockt zu sein, im Gegenteil, er ginste:
“Quod erat demonstrandum, meine Herren. So leicht ist es, mit Manipulation Menschen zur Gewalt zu bewegen. Aber setzen wir uns doch wieder.”
Roberto hatte uns mit großen Augen beobachtet und schien in eine Art Schockstarre gefallen zu sein. Ghobadi sprach, als ob nichts geschehen wäre, weiter über seine Gemälde:
“Die einzige Familie die ich noch habe sind meine Bilder. Ich liebe sie wie meine Kinder. Ich würde alles tun, um sie zu beschützen. Und hin und wieder muss ich eine neues adoptieren. Derzeit liebäugele ich mit einem von David Cosgrove. Er war ein nicht sehr bekannter Porträtist des späten 18. Jahrhunderts. Der Sammler, der es besitzt, will es eigentlich nicht verkaufen, doch der Zufall will es, dass er auch ein fanatischer Sammler von Leica-Kameras ist.”
Ich unterbrach Moshe Ghobadi:
“Und wir sollen jetzt ihr Problem lösen, indem wir die Leica klauen, die wahrscheinlich unbezahlbar ist.”, mein Mut erstaunte mich und Roberto schaute angstvoll in meine Richtung.
Ghobadi legte den Kopf schief und sprach in einem freundlicheren Ton weiter:
“Meine Herren, ich will sie doch nicht übers Ohr hauen. Sehen sie doch unsere Beziehung als eine geschäftliche. Ich mache ihnen ein Angebot, Herr Oderberger kann seine Schulden bezahlen und ich würde ihnen bei Übergabe der Leica noch ein angenehmes Sümmchen bar auf die Hand geben. Herr Oderberger könnte seine Familie unterstützen, in Goa ein neues Geschäft aufmachen und sie Herr Kluge…”, Ghobadi klopfte mir auf die Schulter:
“… könnten sich auch einen Traum erfüllen. Wie wäre es, wenn ich den Schuldschein zerreiße und 60000 Mark draufzahle?”

Ich handelte noch ein wenig, die Summe stieg etwas und Ghobadi lies Champagner bringen, um unseren Geschäftsabschluss zu feiern. Auf dem Rückweg waren Roberto und ich bester Laune bis uns bewusst wurde, dass wir keinen blassen Schimmer hatten, wie wir die Kamera aus Alex Legrands Besitz in unseren bringen sollten. In der S-Bahn saßen wir stumm nebeneinander. Mein inneres Radio spielte “As Time Goes By” und ich wunderte mich über mich selbst.

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“It’s still the same old story
A fight for love and glory
A case of do or die.
The world will always welcome lovers
As time goes by.”

– wird fortgesetzt –

*Kermit Roosevelt:

http://en.wikipedia.org/wiki/Kermit_Roosevelt,_Jr.

http://articles.mcall.com/2004-07-19/news/3560416_1_iranian-oil-iran-s-oil-kermit-roosevelt

Illustration: Rainer Jacob

“Geht doch in den Osten!” / Andi, Richard, Gabi und die anderen / Ein virtuelles Fotoalbum / 1965 – 77

Marcus Bambus

Andy Wasser

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“Gann die junge Dame mal das linke Ohr freimachen?”, der DDR-Grenzer hat meinen Ausweis in der Hand und weiß es besser. Fast jedesmal, wenn wir über die Transitstrecke fahren, bin ich Ziel des Spottes der spießbürgerlichen Grenztruppen des realen Sozialismus. Im Westen heißt es: “Geht doch rüber in den Osten!” Das wird mir und meinen Freunden mit langen Haaren im Westen oft geraten. Es wäre also keine wirkliche Alternative in den Osten zu gehen. Denn auf beiden Seiten meines Vaterlands sind junge Männer mit langen Haaren  in den 60er Jahren verpönt. Mädchen geht es nicht wirklich besser, mit Miniröcken ecken sie an, oder wenn sie auf der Straße rauchen. “Eine deutsche Frau raucht nicht!”, hieß es im Dritten Reich und diese Einschätzung lebt fort. Und Nackte am Halensee, die regen den Spießer erst recht auf. Natürlich wissen wir, dass wir provozieren und wir tun es bewusst. Trotzdem nervt es manchmal, immer wieder angepöbelt zu werden.

1965 beginne ich, meine Haare lang wachsen zu lassen. Meine Strategie ist einfach, ich verweigere den Friseur. Zunächst entsteht eine Art frühe “Beach Boys-Frisur”, die ist verhältnismäßig brav.

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Dann gehe ich in die Breite und nicht mehr in die Länge, ich sehe dick aus und die Frisur im Übergangsbereich ist peinlich. Trotzdem halte ich durch und schließlich wachse ich wieder, strecke mich und werde doch noch ein cooler Langhaariger. Damals war es noch selten, einem anderen Langhaarigen auf der Straße zu begegnen, meist grinste man sich an. Im Gymnasium lernte ich dann langhaarige Freunde kennen, Andi Behrendt, Richard Wesse und den subkulturell gebildeten Burkhardt Seiler, der später als Musikguru “Zensor” bekannt wurde. Besonders wenn wir gemeinsam unterwegs waren, wurden wir beschimpft. Die Prolls und Mittelschichtler, die uns nachriefen erkannten sehr genau den politischen Gehalt, den unser Protest hatte. Nicht wo der Pfeffer wächst sollten wir hingehen, nein, in den Osten zu den “anderen Kommunisten” wurden wir geschickt.

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Oben: Andi im Konfirmationsanzug.

Am 3. Mai 1965 sitze ich mit meinem Bruder vor dem Fernseher, wir warten auf den UFA-Film, der Montags normalerweise vom DDR-Fernsehfunk gesendet wird; ein Format, das auch in West-Berlin sehr beliebt ist. Aber unvermittelt trifft uns das Material, das US-Soldaten bei der Befreiung der Konzentrationslager gedreht haben. Es schockiert uns, im westdeutschen Fernsehen ist soetwas damals noch nie gezeigt worden. Ich stelle mir vor, selbst im Dritten Reich gelebt zu haben. Dieses Foto fällt mir ein. Es ist von 1938, man feiert die Annektion Österreichs, jeder hier am Kranzler-Eck zeigt den Hitlergruß, was hätte ich getan?

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Wir werden politisch aktiv, gehen auf Demos, Burkhardt nimmt mich mit zur Roten Garde. Wir gründen ein “Kollektiv”, agitieren unsere Mitschüler und fliegen schließlich von der Schule. In der Folge zerstreuen sich unsere Wege. Mit Andi und Richard bleibe ich befreundet, wir gründen eine Band und fotografieren uns häufig, angezogen, nackt, aber immer mit Matte.

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Ilona Bundesallee

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Marcus D__ne

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“Rainy Day Woman” kam aus Heidelberg und viele Berliner wussten 1970 noch nicht, was sie da rauchte.

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Mein Freund Rainer macht mit einem Querflötenkasten Mafiastimmung und Gitarrero Fecke klampft akustisch dazu. Fecke wird ein Opfer des “Club 27”, er erstickt 1975 an Erbrochenem. Unten sehen wir ihn mit seiner geliebten Stratocaster.

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Oben: Richard 1970, unten ca. 1977 mit Freunden und Familie in Goa.

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1975 lasse ich mir die langen Haare abschneiden. Inzwischen hat fast jeder eine Matte und meine kurze stoppelige Frisur nimmt die Punkästhetik voraus, ohne das ich es ahne. Bald ecke ich mit raspelkurzen Haaren und schwarzer Lederjacke an. Die gleichen Spießbürger, die mich fünf Jahre früher wegen meiner langen Haare beschimpft haben, haben nun selbst Vokuhilas und lange Koteletten. Und wieder wünscht man mich in den Osten ….

Marcus Kluge


Für die Unterstützung bei der Restauration der historischen Fotos danke ich Rainer Jacob.

 

 

Berlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels / Reblog

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West-Berlin 1972

Rikki, Richard, nannte sich neuerdings “Riccard” – mit zwei c. Eine Marotte von ihm. Er fand das schick. Auffällig. Was Besonderes. Er sprach das Rickard aus, wie Richard, nur mit k. Sie sagten trotzdem weiter “Rikki”. Und wenn Petty ihn Riccard nannte, dann tat er’s völlig übertrieben … französisch, mit einem leicht ironischen Unterton. Als würde er den Namen mit spitzen Fingern anfassen, ein bisschen tuntig: “Rickaaahr”.

Rikki war der Erste von ihnen. Der Erste in Berlin. Aus dem engeren Zirkel, von der geplanten Wohngemeinschaft. Rikki hatte das Abitur schon vor den anderen, vor dem Rest. Rikki war die Avantgarde. Rikki hatte es auch am eiligsten, er hatte den Einberufungsbefehl schon im Briefkasten. Es war schnell gegangen. Schriftliches Abitur, mündliches Abitur, Einberufungsbefehl. Berlin. Lage sondieren: Universität und Wohnung. Und er sollte eine Fünf-Zimmer-Altbauwohnung besorgen, mindestens fünf Zimmer, besser sechs, für die Kommune, die Wohngemeinschaft. Dass sie alle ein eigenes Zimmer hätten, jeder von ihnen, und vielleicht noch einen Gemeinschaftsraum.

“Fünf- bis Sechzimmerwohnung! Mann, du hast Vorstellungen!” knurrte Rikki, nachdem Petty ihn gefragt hatte, was denn nun sei? “Hast du nach ner großen Wohnung geschaut für uns? Hast du was gefunden?”
“Nee, ne Einzimmerwohnung in Neukölln hab ich!”
“Du hast ja nicht mal geschaut, hast dich nicht mal bemüht!”
“Ach, lass mich in Ruhe!”
Rikki war noch einmal von Berlin zurückgekommen, um seine Klamotten zu holen.

Rikki erzählte, dass er nach seiner Ankunft in Berlin erstmal zum Tempelhofer Ufer gegangen ist. Zur Wohngemeinschaft der “Ton Steine Scherben”, um zu fragen, ob er ein paar Tage bei ihnen wohnen kann – als alter Anarcho und Ton-Steine-Scherben-Fan aus Frankfurt. Und dass er sie gesehen hätte, damals im Frankfurter Sinkkasten, hat er ihnen erzählt. Als sie nach einem furiosen Konzert die Betreiber des Ladens schwer unter Druck gesetzt haben: Dass die gefälligst noch zweihundert Mark auf die Gage drauflegen sollten … als Spende für die politischen Gefangenen. Oder sie würden ihnen die Bude zu Scherben kloppen. Dass er das toll gefunden hätte. Und wie die Typen vom Sinkkasten dann zornig murrend, aber kleinlaut, bezahlt hätten. Eine Spende für die politischen Gefangenen. Toll! Und dass das doch eine richtig gute und ja auch wirklich gerechtfertigte Aktion gewesen sei. Erzählte Rikki den Scherben. Und dass er schwer angetan sei von ihrer LP “Warum geht es mir so dreckig”. Und ob er jetzt ein paar Tage bei ihnen wohnen könne … bis er eine Wohnung gefunden hätte? Solidarität unter Anarchisten und so … und gemeinsam sind wir stark und so … und keiner wird uns mehr aufhalten können. Uns nicht und die Revolution nicht. Und Venceremos und so.
Die Scherben haben Rikki in ihrer Wohnung am Tempelhofer Ufer auf dem Fußboden schlafen lassen. Aber sie waren reserviert, haben ihn ziemlich unfreundlich behandelt. Sagt er jedenfalls. Ihnen war er verdächtig, wie er da so plötzlich aus dem Nichts bei ihnen aufgetaucht war. “Die haben mich für einen Bullenspitzel gehalten, diese paranoiden Idioten!” Seitdem waren Rikkis Sympathien für Ton Steine Scherben gedämpft.

Er hatte einen Tisch, einen Fernseher, einen Kleiderschrank, eine Couch, eine Reiseschreibmaschine, ein Radio, einen Plattenspieler, zwei Stühle einen Koffer und einige Kisten mit Schallplatten, Zeitschriften, Büchern. Das musste nach Berlin.
“Könnt ihr mir helfen?”
Ricky belud mit Petty und Schlaff einen gemieteten Ford Transit. Inter Rent. Schlaff fuhr, Schlaff, den sie Schlaff genannt hatten, eben weil er genau so war: “schlaff”. Ein großer breiter Teddybär mit hängenden Schultern, hängenden Armen: schlaff. Schlaff fuhr. Rikki hatte keinen Führerschein. Petty erst seit kurzem. So eine große Karre traute er sich noch nicht zu. Also fuhr Schlaff. Der ja immer fuhr. Normalerweise mit seinem weißen R4. Mit dem sie immer mitfuhren. Überall hin. Überall in der Gegend rum. Ohne Schlaff wären sie nirgendwo hingekommen. Ohne Schlaff wären sie aufgeschmissen gewesen. Und Schlaff, so schlaff er sonst war, der große gutmütige Bär mit schlaffem Ausdruck, schlaffer Körperhaltung, fuhr Auto alles andere als schlaff. Dass ihnen manchmal Hören und Sehen verging, wenn er in die unzähligen Taunus-Kurven stach und bretterte. Durchs Lorsbachtal.

“Einen R4 schmeißt du nicht um!” war so eine Redensart. “Schaffst du nicht! Das schaff nicht mal ich!” sagte Schlaff. Er hat ihn auch nie umgeschmissen, seinen weißen R4, wenn es auch manchmal bedrohlich nahe dran war, wenn es gefährlich geschaukelt und gequietscht hat. Nach Berlin ging es ohnehin meistens geradeaus: Autobahn. Schlaff fuhr. Immer geradeaus. Autobahn. Berlin.
“Und was machen wir an der Grenze? Wenn uns die DDR-ler die Karre auseinander nehmen? Wenn die gucken wollen, was wir da hinten drin haben? Wenn die in die Kisten schauen?”
“Weißt du, was, Rikki? Du packst einfach den ganzen Anarcho-Krempel, Ton Steine Scherben, Bakunin, Kroptkin, Stirner, Landauer, Mühsam und das ganze Zeugs, die SDS-Schriften, Kommune 1 und Kommune 2, Dutschke und Biermann … das packst du nach ganz unten in die Kisten. Und oben drauf dann die Gesamtausgabe von Brecht … hast du die überhaupt? Und Lenin “Was tun?” und “Staat und Revolution”. Und Karl Marx: “Das Kapital” … die blauen Bände aus dem Dietz Verlag. Und die ganze Kuba-Literatur von deiner Abiturprüfung. Das alles oben drauf. Und bei den Platten machst du’s genauso. Packst Biermann und Neuss ganz nach unten. Und oben drauf den Degenhardt: “Mutter Mathilde”. Den haben sie doch gerade erst aus der SPD rausgeschmissen, weil er zur Wahl der DKP aufgerufen hat. Und die Arbeiterlieder von Ernst Busch und son Zeug. Auch oben drauf. Am besten noch auf Amiga. Hast du sowas? Da lassen die uns sofort weiterfahren…”
Rikki fand die Idee gut und packte seinen Kisten entsprechend um. Das eine nach unten. Das andere nach oben. Es funktionierte.
“Ham Sie Kinder dabei?”
“Nee!”
“Waffen oder Munition?”
“Nee!”
“Machen Sie mal auf! Was ham sie in den Kisten?”
“Nur Schallplatten und Bücher…”
“Machen Sie mal die Kiste auf!”
Der Grenzposten sieht Blaue Bände … Das Kapital.
“Danke, Sie können weiterfahren!”
“Na, hab ich’s dir gesagt, Rikki?”
“Das blaue Wunder! Und unten drin liegt das ganze Anarcho- und Anti-DDR-Zeug. Sehr lustig!” Sie freuten sich. Rikki und Petty lachten. Schlaff fand diesen ganzen politischen Kram eher ein bisschen “überzogen”.
“Ach, wisst ihr, diese ganze Revolution, das ist eigentlich nicht so mein Ding!”
“Schlaff…!” Rikki sprach seinen Namen streng aus, ermahnte ihn, er solle mal nicht so reaktionär daherquatschen “Die Revolution kommt, Schlaff. Das wirst auch du nicht verhindern. Und diese Revolution wird alles wegfegen. Diese ganzen Spießer- und Kapitalistenschweine, und diesen ganzen miesen, grauen, grauenhaften, verspießerten DDR-Scheißdreck hier. Dieses ganze unfreie Scheißland, wo sie den Sozialismus einmauern müssen. Das ist doch kein Sozialismus. Wenn man den einmauern muss. Das ist doch n Scheißdreck, das will doch keiner haben. Und was ham die hier überhaupt für ne Autobahn? Das ist doch keine Autobahn. Diese elende Rumpelpumpel-Strecke. Das ist doch keine Straße! Du wirst sehen, Schlaff, das wird die Revolution alles wegfegen. Und du wirst es nicht aufhalten, du nicht, Schlaff. Und auch sonst niemand. Und wenn es hart auf hart kommt, wird die Revolution auch dich wegfegen. Wenn du dich dagegenstellst. Denn entweder du bist dann für die Revolution. Oder du bist dagegen. Und dann fegt sie dich halt weg. Alles Schlaffe sowieso.”
Rikki zündete sich eine Reval an.
“Tssi, tssi, tssi” machte Schlaff mit seiner hohen Mädchenstimme.
“Du wirst es sehen!”
Elende Rumpelstrecke durch die DDR. Hundert Stundenkilometer. Mehr ist nicht erlaubt. Schlaff.

Als sie den ganzen Krempel ausluden, ins Haus reintrugen, Stuttgarter Straße, Neukölln, sahen ihnen zwei Typen von gegenüber zu. Die hingen da im Fenster. Sie winkten. Warum winken die? Meinen die uns? Was wolln die?
“Ey, was machst du denn hier?” Die meinten Petty. Er sah genauer hin. Ein großer Blonder mit einer Motorradlederjacke. Und ein Kleinerer.
“Ey, das is ja n Ding! Was macht ihr denn hier?”
Friedrich Erdmann und Michael Popp aus München.
“Wir wohnen hier!”
Ausgerechnet gegenüber der neuen Wohnung von Pettys Freund Rikki aus Frankfurt wohnen zwei alte Bekannte von Petty aus München. Ja, sie hatten auch nach Berlin gewollt, von München. Das hatten sie ihm mal erzählt. Schon vor längerer Zeit. Und jetzt das: “Jetzt sind sie hier. Und wir sind auch hier. Was für ein Zufall. Alle hier. Iss ja n Ding, Mann! In Berlin kommt alles zusammen.”

Rikkis neue Wohnung war ein dunkles Loch: ein Zimmer mit Kachelofen, ein kleiner Flur, von dem eine Toilette abging und eine winzige Küche. Ohne Bad. Adresse war eigentlich Sonnenallee, aber man konnte auch von hinten rein, über die Stuttgarter Straße.
“Na, gefällt’s euch?”
“Hmm…”.
Schön, war es nicht, aber das war auch nicht wichtig. Schön war nicht wichtig. Hauptsache Berlin. Und eine eigene Wohnung. Und nicht so teuer. Und weit weg von den Eltern. So weit war Rikki schon mal. Darum beneidete Petty ihn. Und alles, was Rikki brauchte, war jetzt auch da. Seine Klamotten, seine Bücher und die Schallplatten. Und der Fernseher. “Ja, Mann, der ist wichtig! Wegen der Sportschau. Eintracht. Und Tatort…”
Rikki legte keinen besonderen Wert auf Gestaltung. Die Bude war schnell eingerichtet. Auf der Längsseite die Couch, oben drüber: Che Guevara, Fernseher gegenüber auf einer Kiste, das war erstmal am wichtigsten. Sportschau, Eintracht, Tatort. Der Schrank auf der Schmalseite gegenüber vom Fenster. Schlaff bestand darauf, dass sie den so hinrückten, dass zwischen dem großen Kachelofen und dem Schrank gerade so viel Platz bliebe, dass der thronartige Holzstuhl mit der hohen Rückenlehne und den beiden Armlehnen genau dazwischen passte. Exakt zwischen Ofen und Schrank. Das passte. Wie nach Maß. War ja auch nach Maß. Und der massige Schlaff, der Petty optisch immer an Chris Farlowe erinnerte. Rikki fand das auch, spätestens seit dem Konzert von Colosseum in der Frankfurter Messehalle: “Ja, du hast Recht. Der Schlaff sieht aus wie Chris Farlowe. Nur dass er nicht so eine schicke Fransenlederjacke trägt wie der…”
“Aber schlaff ist der Farlowe auch!”
“Ziemlich schlaff!”
Schlaffs Stammplatz in Rikkis neuer Wohnung: Eingeklemmt auf dem großen Holzstuhl, zwischen Kachelofen und Schrank, und davor noch ein Tisch. Dort saß Schlaff jetzt immer. Da fühlte er sich wohl. Geschützt. Geborgen. Heimelig. Wie in einem Versteck. Petty nannte es Schlaffs “Klaustroklause”. Rikki fand das lustig: “Na Schlaff, gehste wieder in deine Klaustroklause?” Sie haben ihn nie woanders sitzen sehen. Die ganzen Tage nicht. Immer nur Klaustroklause. Dort aß er, dort trank er, dort war er zuhause. Schlaff.
“Och, sehr schön hier in meiner Ecke, sehr angenehm!” sagte Schlaff mit seiner ulkig weichen, hohen und betulichen Stimme. “Sehr schön hier, jaja, sehr schön!” Chris Farlowe in der Klaustroklause.
Es sei denn sie gingen raus, verließen Rikkis neue Bude, die Stadt erkunden. Berlin. “Mensch, wir sind in Berlin!” Und es gefiel ihnen. Dieses graue und kaputte Berlin. Die verrotteten Altbauten mit den narbigen Fassaden.
“Mann, guck mal, die Löcher da, ob das noch Einschusslöcher aus dem Krieg sind?” Diese abgeplackten Fassadenstücke. Hier war nichts zu spüren von der Frankfurter Biederkeit, kein modischer Schnickschnack, keine schicken Menschen wie in München, nicht dieses falsche Getue. Kein Geprunke und Geprotze. Kein schicker Scheißdreck. Hier war alles gröber, roher, echter. Und in der Sonne bekamen die kaputten Häuser, das Graue, Verfallene und Verrottete sogar einen besonderen Glanz. Doch, Berlin gefiel ihnen. Jetzt müssten sie es sich nur noch erobern.

– wird fortgesetzt –

Bei „Hauptsache Berlin“ handelt es sich um das dritte Kapitel von H.P. Daniels unveröffentlichem Roman „Nowhere Man“, der mit autobiografischen Reminiszenzen von den 1970er Jahren erzählt. Demnächst folgt hier ein weiteres Kapitel als Vorveröffentlichung und ich hoffe, wir können bald den ganzen Text als Buch oder E-Book lesen. Ich danke H.P. sehr herzlich, ebenfalls danke ich Rainer Jacob, der den Text mit einer Illustration versehen hat. M.K.

Lost and Found-Spezial: „Gammler, Jeans und lange Haare” / Farbfotos West-Berlin Sommer 1970

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Im Sommer 1970 legen mein Freund Andi und ich ein Fotoalbum an. Zusammen mit seiner damaligen Freundin Martina gehen wir im Tiergarten und in der City West Aufnahmen dafür fotografieren. Andi hat zu Weihnachten 1969 eine alte 6×6-Kamera geschenkt bekommen, die noch recht gut funktionierte. Heute allerdings, 46 Jahre später, beginnen die Abzüge auszubleichen und haben teilweise einen Farbstich bekommen. Das Album haben wir uns oft angeschaut und nachdem Andi Ende der 90er Jahre plötzlich und völlig unerwartet stirbt, wird es für mich zum besonders wertvollen Erinnerungsstück. Inzwischen geht es langsam aus dem Leim, einzelne Seiten haben sich schon gelöst.

Vor ein paar Tagen bin ich mit der Kamera unterwegs gewesen, um den Farben des Sommers 1970 nachzuspüren und zu dokumentieren, wie sich die Orte verändert haben, an denen wir uns vor 46 Jahren in Szene gesetzt haben.

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In der Augsburger Straße machen wir die ersten Aufnahmen, im Hintergrund befindet sich ein C&A-Kaufhaus, dass es heute nicht mehr gibt. Stattdessen steht dort ein Neubau mit dem Sofitel-Hotel und einem VAPIANO-Restaurant. Diese Gegend hat sich besonders stark verändert, C&A hat einen neuen Standort, wo vorher das Kudamm-Eck stand und noch früher, in den 50er und 60er Jahren das Berlin-Office von Pan American Airways. 1965 zog das Pan Am-Büro ins Europa-Center.

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Oben: Blick in die Augsburger Straße, rechts Sofitel und VAPIANO. Unten: Das ehemalige Kudamm-Eck heute, auch das neue Gebäude hat eine Großbildleinwand.

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Oben: Das unscharfe, seltene Bild vom Pan Am-Büro wurde 1959 gemacht. Unten sehen wir das Office links am Rand. Das Bild muss aus den frühen 50er Jahren sein, denn man sieht das 14-stöckige Allianz-Gebäude, Joachimsthaler Straße 12, noch im Bau. Das heute denkmalgeschützte Gebäude war das erste Hochhaus am Kurfürstendamm und gilt als besonders schönes Beispiel der 50er-Jahre-Architektur in West-Berlin. https://www.berlin.de/sehenswuerdigkeiten/3561534-3558930-allianzbuerohaus.html

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Unten: Neues C&A-Haus und das Allianz-Bürogebäude heute.

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Oben: Kudamm Eck 1996, Foto: Beek100 ©CC BY-SA 3.0

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Im Hinterhof von Bilka fotografiert Andi mich. Heute ist das Kaufhaus eine Karstadt-Sport-Filiale. Im Hof wurde eine große Voliere angelegt und zur Zeit baut man um.

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Am Hardenbergplatz treffen wir Martina und einen Bekannten von Andi, der Musiker (unten) arbeitet im Big Eden als Dics-Jockey.

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Parallel zur Stadtbahntrasse verbindet ein kleiner Weg den Hardenbergplatz mit dem Tiergarten. Auf einem Mäuerchen spiele ich den Bürgerschreck, aber die zeitunglesenden Berliner lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Heute gibt es die Bänke nicht mehr und das Mäuerchen ist ganzflächig besprüht.

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1970 posierten Andi und ich auf der Skulptur “Germanische Büffeljagd” von Fritz Schaper. 2016 wird diese gerade von Grafitti befreit.

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Insgesamt stehen in der Fasanerieallee vier Jagdskulpturen. Oben “Eberjagd um 1500” von Karl Begas, unten: “Zeitgenössische Fuchsjgd” von Wilhelm Haverkamp und “Hasenhatz zur Rokokozeit” von Max Baumbach. Alle Skulpturen wurde 1904 im Zuge des Baus des Hubertusbrunnen am Großen Stern angefertigt. 1938 wurde die Siegessäule vom Königsplatz an den Großen Stern versetzt und der Brunnen zerstört. Die Figuren wurden daraufhin im Großen Tiergarten verteilt.

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Die denkmalgeschützte “Löwenbrücke” war 1970 noch intakt und tragfähig. 2008 wurde sie wegen Baufälligkeit zunächst gesperrt und sollte 2014 restauriert werden. Stattdessen ist sie dann komplett demontiert worden und muss wohl heute “ehemalige Löwenbrücke” genannt werden.  Die traurige Geschichte haben Frank und Ulli in ihrem Blog dokumentiert: https://www.2mecs.de/wp/2014/08/loewenbruecke-berlin-tiergarten/   Unten: So habe ich sie im Juli 2016 vorgefunden.

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Oben: Andi mit Gitarre. Die Geschichte unserer Freundschaft erzähle ich hier: http://wp.me/p3UMZB-1cj

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Danke an Rainer Jacob für Hilfe bei den digitalen Farbkorrekturen.


 

Schnelle Schuhe – „Hollywood-Friedenau“ / von Marcus Kluge – Die Punkjahre Teil 5

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern: die Punkjahre. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen.

(Das Foto oben enstand 1983 bei der Assasin-Party “Kanniball in Berlin” in unserem Hauptquartier in der Friedenauer Rheinstraße. Eigentlich hatten Herbert und ich nur drei winzige Einzimmer-Wohnungen gemietet, trotzdem veranstalteten wir Konzerte, Filmabende, Spielturniere, Selbstversuche und andere obskure Events. Das Bild zeigt Gockel Schnockel beim Auftritt von “Dreidimensional” in Herberts Wohn- und Schlafzimmer.)

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(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punkjahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

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Herbert und ich 1984 beim Selbstversuch “Dauerfernsehen”.

Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

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Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

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Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

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Oben: Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau und Kiste zum aufbewahren.

Unten: Hcls Clubspiel Spielbrett 60×60 cm.

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Meine Katze schnuppert wie’s im Dschungel riecht.

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 1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße. Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und vor allem die Schuhe schneller.

“Keep going”.

Lost and Found-Marathon: “Off-Kudamm Atmo” / Eine Spurensuche

Solange ich noch nicht wieder auf Fototour gehen kann, werde ich bis Ende Juli alle Lost and Found-Geschichten in einem Sommermarathon rebloggen. Dann müsste ich mich von OP und anhaltendem Infekt erholt haben und an neuen Projekten arbeiten können (In Planung sind: Mehr Schöneberg, Kreuzberg, Mitte/Lustgarten/Schloss und Pankow).

Heute beginnt der Marathon mit der Spurensuche nach meiner verlorenen Zeit in den Nebenstraßen des Kudamms, wo ich vor vier Jahrzehnten lebte und liebte.

“Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-75

Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung. 1975 zahlten wir 1500.-DM für 200qm. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

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2016. Ein paar Meter weiter sitzt ein wassertrinkender Franz Josef Wagner, wie ein fleischgewordenes Symbol für die Gentrifizierungsgeier, die vor 40 Jahren diesen Kiez zu ihrem Projekt machten und Leute wie mich und meine Wohn-Genossen vertrieben.

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Steinplatz: oben 2016, unten 1976 Ilona.

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Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

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Von der Atmosphäre des Café Bleibtreu ist nicht viel geblieben, besonders das Filmkunst 66 fehlt. Die Schießerei  am 27. Juni 1970, zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung, nur noch eine verblichene Erinnerung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. “Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte.”

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Als ich sie kennenlernte, arbeitete Ilona in Dralles Teestube in der Pfalzburger Straße. Für den “Xanadu”Roman zeichnete Rainer Jacob den Ort mit Blick auf den Ludwigkirchplatz und stellt “Beaky”, den Protagonisten, vor. Unten: der Ort heute.

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Oben Bleibtreustraße 15, unten die Boutique “Moosgrund” mit ihrem Markenzeichen, der Baumwurzelscheibe, die in Ermangelung einer artgerechten Umgebung, seit 40 Jahren immer wieder geflickt werden muss.

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Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch.

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Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Rosa von Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Kurz danach stirbt er. Es sind wilde Zeiten und viele werden sie nicht überleben. Meist sind Drogen der Grund, AIDS gibt es noch nicht, die Krankheit wird der neue Killer werden.

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Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil.

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Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung und will weiter, am liebsten in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im “Stern”. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

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Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

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Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen. Was bleibt ist die Erinnerung.

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Text + Fotos 2016: M.K. – Illus und Fotos 70er: Rainer Jacob

 

Berlinische Leben – „Rainer Works Art Marcus Writes“ / Portrait einer Freundschaft / 1973-2016

Es gibt Freundschaften die Bestand haben, auch wenn uns das Leben für viele Jahre von unseren Freunden trennt. Wir treffen uns wieder und sprechen wieder miteinander, als ob es nur Tage oder Stunden der Trennung waren. Sofort finden wir die gemeinsame Sprache und wir verstehen uns.

So geht es mir mit Rainer Jacob, den ich vor über 40 Jahren kennenlernte. Wie genau haben wir beide vergessen. Er wuchs in der West-Berliner Blissestraße und ich einen Katzensprung entfernt am Volkspark Wilmersdorf auf. Es war Freundschaft auf den ersten Blick. Damals waren wir beide knapp 20, politisch links und mit großem Interesse an Film, Literatur und Kunst. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl wir häufig unterschiedlicher Meinung waren. Ohnehin war Rainer immer besonders vom Bild und ich eher von Sprache begeistert.

img_20140705_0001Ca. 1975.

Rainer ist sowas wie ein Sonntagskind, obwohl er nicht an einem geboren wurde (12 Minuten zu spät) und er ist mit einem kritischen Geist ausgestattet. Für beides ist er dankbar. Wieso er ein Glückskind wurde, kann er sich erklären. Er hatte eben Glück mit seinen Eltern, die eine 59 Jahre lange, harmonische Ehe bis in den Herbst 2008 führten. Dann starb Martha und Günter folgte ihr im Februar 2009.Kennen lernten sich seine Eltern durch eine Art Lotterie. Während des 2. Weltkriegs bemühte sich die Nazipropaganda jedem unverheirateten Soldaten im „Felde“ ein Mädel an der „Heimatfront“ zu vermitteln. Das klappte wohl ganz gut, auf jeden Fall bei Rainers Eltern, die sich so kennen und lieben lernten. Auch bei der Kriegsgefangenschaft hatte Günter Glück. Er machte kein Kreuz an der Stelle wo dies 80% seiner Kameraden taten, „War Hitler ein guter Mann. Ja oder Nein?”. Er kam auf einen britischen Flughafen, wo er sich frei bewegen konnte, in der Offiziers-Messe bediente und Reifen vulkanisierte. Nebenher bastelte Rainers Vater noch Modelle von Lancaster-Bombern, die begehrt bei den Offizieren waren, zusätzlich Geld brachten und er hatte nicht die prägende traumatische Internierung, wie mein Vater zu erleiden, der nach vier Jahren in Sibirien als gebrochener Mann zurückkam.
10703682_752608828129097_6250639662470188336_nRainers Großeltern

Rainer hat noch Liebesbriefe und ein Kriegstagebuch bis zum Ende der Gefangenschaft, versehen mit Zeichnungen und Fotos und inspiriert durch meine Familiengeschichten spielt er mit dem Gedanken, diese Fundgrube auch einmal in ein Blog zu stellen. Die Eltern heirateten und 1955 wurde Rainer als Wunschkind geboren. Wieso Rainer einen überaus kritischen Verstand entwickelte, kann er nicht genau klären. Voraussetzung um eigene Gedanken entfalten zu können war, dass beide Eltern beschlossen hatten etwas anders zu machen bei der Erziehung. Selbst hatten sie Wilhelminische Strenge kennengelernt, künstlerische Ambitionen mussten sie begraben. Mutter wollte Modezeichnerin werden, doch mit dem Argument, sie heirate ja sowieso, verbrannte die Mutter ihre Zeichnungen. Der Vater fotografierte, zeichnete und baute Schiffs-und Flugzeugmodelle, lernen musste er etwas Praktisches.IMG_20140720_0003Rainer 1973img_20140706_0002Marcus

Mir fallen mir zwei Aspekte auf, die Rainer und mich zu kritischem Denken inspiriert haben könnten. Zunächst war in den 1960er Jahren in Deutschland noch der Nachhall von zwölf Jahren Naziherrschaft, Verbrechen und Kriegsschuld zu spüren. Wir merkten schon im Grundschulalter, dass uns in vielem eine beschönigende Version vermittelt wurde. Rainer erlebte Gechichtslehrer mit Schmissen, die prahlerisch und menschenverachtend von Kriegserlebnissen erzählten, oder die Kinder beim Sport als “Dreibeinige Synagogenzwerge” beschimpften.

Kaum jemand bekannte sich zu seiner Mitschuld, aber wir wussten doch, das eine Mehrheit Hitler gewählt und mitgemacht hatte bei den beispiellosen Verbrechen. Oder man schwieg gänzlich über das 3. Reich, wie in den meisten Schulen. Glücklicherweise war Rainers Vater kein schweigender Despot und in der Familie herrschte eine muntere Streitkultur. Viele in unserer Generation hatten schweigende Väter, fast war es eine vaterlose Generation.

Durch das Leben in Westen Berlins machten wir noch eine weitere augenöffnende Erfahrung. Wir wuchsen mit zwei Versionen der Wahrheit auf, die im Westen und im Osten in den Medien, vor allem im Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde. Zunächst werden wir den Westmedien geglaubt haben, aber spätestens nach dem Besuch des Schah von Persien und dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 merkten wir, das auch die Westmedien logen. Rainer beobachtete als Dreizehnjähriger bei einem Klassenkameraden zu Besuch, wie im Rohbau des Nebenhauses eine wilde Schießerei zwischen der Polizei und dem Attentäter von Rudi Dutschke stattfand. Später gingen wir auf Demos und erlebten Knüppelorgien der Polizei, in den Westmedien waren die Studenten und Gammler schuld und plötzlich stimmte die Version der Ostmedien mit unserer Beobachtung überein. Also wurde klar, was Medien berichten muss nicht wahr sein, alles ist kritisch zu hinterfragen. Langhaarigen wurden auf offener Straße “Mädchen” hinterhergerufen und die Boulevard-Presse hetzte so sehr, daß ein “Doppelgänger”, der Dutschke änlich sah, beinahe vom Mob gelyncht worden wäre.

Rainer sah sich verschiedenste linke Gruppierungen an und bei keiner, ausser den Trotzkisten, fand er einen Arbeiter. Überhaupt war alles sehr merkwürdig, wenn linke Gruppierungen (SEW, DKP) von Errungenschaften sprachen, während man den “realen” Sozialismus für 25 Mark Eintrittsgebühr besuchen konnte und das heruntergedimmte Licht in Straßen voller verkommener Altbauten den wirklichen Sozialismus zeigte. Bei uns wiederum wurde Kritik am Westen mit dem einfachen Satz, “Geh doch ‘rüber” plattgebügelt.

Während mich das Scheitern der 68er Revolte ins Abseits schickte. Abitur und Studium war mir verwehrt und ich habe mich wohl auch freiwillig für einige Zeit in den Schmollwinkel zurück gezogen, begann Rainer eine Lehre in einer Siebdruckerei. Aber er wollte doch noch sein bildnerisches Talent zum blühen bringen und bemühte sich um ein Studium an der Hochschule der Künste (heute UdK).

Es war ein Abend im Jahr 1973, als er mir seine Mappe zeigte, er hatte den Tag im Zoo verbracht und Tiere gezeichnet, in Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung. Zum ersten Mal sah ich sein Talent und war beeindruckt. Er studierte dann mit dem kleinen Matrikel. Er startete mit freier Malerei, wechselte zu experimenteller Grafik, dann zu Grafik Design. Während er sich zuerst ernsthaft mit den realistischen Details von Reflexen auf Wasserhähnen malerisch herumschlug wollen seine Jahrgangskommilitonen, die Jungen Wilden, mit der Attitüde von Frühvollendeten Party feiern. Maler die den Habitus von Rockstars imitierten und sich anschickten das Niveau von Werbung glatt zu unterbieten. Damals, vor der Verschulung des Studiums konnte man noch vielseitig und selbstbestimmt Seminare auswählen und Rainer belegte einige der Film-und Fernseh Akademie und bei den Architekten.

Der Kunsthistoriker Freiherr von Löhneysen, der Schopenhauer textkritisch bearbeitete, beeindruckt Rainer. Er ist Führer bei einer Studienreise durch die norditalienischen Städte, wo man die Entstehung der Perspektive studiert. Gern hätte ich ihn begleitet, wenn meine Reiseunlust mich nicht zurückgehalten hätte. Am liebsten fahre ich dorthin, wo ich schon mal war. Zum Beispiel Bretignolles-sur-mer, wo ich schon öfter war. So verbringen wir 1975 vier Wochen in Frankreich, hören Pink Floyd, kucken auf Kühe und feiern den 14. Juli mit den Dörflern.

Zurück in Berlin macht Rainer Multimedia, ich kann mich noch an einen unendlich schweren portablen U-Matic Videorekorder erinnern, mit dem man schwarz-weiße Bilder aufzeichnen konnte. Wir filmten im Tiergarten in den Ruinen des Diplomatenviertels zur Musik von Django Reinhardt. Vielleicht hat mich diese Erfahrung auf eine Schiene gesetzt, die mich später zu 20 Jahren professioneller TV-Produktion gebracht hat.

In dieser Zeit ziehen wir oft um die Häuser, um am Morgen noch lange Gespräche zu führen. Manchmal zeichnet Rainer, z. B. mich während ich englischsprachige Songtexte schreibe, passend garniert mit USA-Attributen. Deutsch zu singen kann ich mir damals nur schwer vorstellen. Überhaupt prägte uns amerikanische Popkultur, die im West-Berlin der Nachkriegsjahrzehnte omnipräsent war. Wir gehen gemeinsam in die Off-Kudamm-Kinos, schauen uns Orginalfassungen mit und ohne Untertitel an. Schwarze Serie und andere Hollywoodstreifen, aber auch anspruchsvolle europäische Filme. Video gibt es noch nicht für Normalsterbliche und im Fernsehen regiert dröges Mittelmaß, das vom Dritten Programm manchmal durchbrochen wird.

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Zu Beginn der Uni-Zeit lernte Rainer seine erste Partnerin, die elf Jahre ältere Ingeborg kennen, die selbst Grafik studiert hatte und damals im Mediterranea griechische Möbel und Flokatis verkaufte, zu der er in eine WG einzog. Dort hatte er ein kleines Fotolabor im Gästeklo, auch von mir gern genutzt. Während des Studiums arbeitete er in den Semesterferien als Praktikant bei der Werbeagentur Dorland oder macht Illustrationen für den Tip, diese Erfahrungen brachten Rainer nach dem Studium zu einer Karriere als Art Director in der Werbung. Er arbeitete für namhafte Agenturen, wechselnd zwischen Freelancer und fest, wir bleiben im Kontakt. Er arbeitet um zu leben, am Wochenende bin ich häufig bei dem Paar zu Gast. Eine WG direkt über der Galerie Natubs und dem Engel Gabriel im Kiez nah am Olivaer Platz. Unter ihnen wohnten die Architekten, die das Märkische Viertel verbrochen hatten in feinstem Bauhaus-Dekor.

1982 beschließe ich soetwas wie ein Fanzine zu gründen. Es ist die Zeit, als drei Akkorde reichen, um als Band Karriere zu machen und ich denke, mit drei Fingern tippen zu können, müsste reichen, um ein kleines Subkultur-Magazin herauszugeben. Und es reicht tatsächlich… Dieses Lebensgefühl der Punkjahre, der Fotograf Richard Gleim drückte es kürzlich in einem Interview mit dem Satz „Das machen wir jetzt“ aus, dieses Lebensgefühl half mir, mich selbst am Schopf aus meinem selbstgewählten „Tunix-Sumpf“ zu ziehen.

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Mit der Hilfe von einigen Freunden gebe ich den „Assasin“ heraus. Rainer entwirft das Markenzeichen mit dem Fadenkreuz, Logos für Rubriken, er weckt mein Interesse an Typografie und er bringt mir bei, das Layout selbst zu gestalten. Mit Letraset, Fixogum und Skalpell werde ich ziemlich gut. Acht Hefte und drei Musikkassetten wird es geben. Dann stehe ich journalistisch auf eigenen Beinen, schreibe für die Taz und Rock-Publikationen.

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1988 fange ich beim OKB an, dem Lokalsender, der heute ALEX heißt. Erst disponiere ich den Sender, dann leite ich Produktionen und Sendeabwicklung, auch wenn auf meiner Visitenkarte etwas diffus „Beratung und Betreuung“ steht. Rainer hat inzwischen sein Atelier im Hofgarten gegründet, um mit einem kleinen Team feines Design für Hotels der Luxus-Klasse zu gestalten. Bevor ihn auch hier in Rhiemers Hofgarten die Arbeit auffrisst, übernimmt er die Leitung des Ateliers bei einer Netzwerkagentur und nach dem Mauerfall geht Rainer für ein Jahr nach Leipzig um die Messe zu re-launchen und schließlich als freier Kreativer konzipiert er die Gesamtkampagne und den Werbespot für die Einführung von Melitta Kaffee in den polnischen Markt. Deshalb castet er eine bekannte polnische Schauspielerin, Ewa Ziętek.

In Polen kennt sie jeder, seit sie mit 18 Jahren die Braut in Andrzej Wajdas “Hochzeit” spielte. In sie verliebt er sich, wie vom Blitz getroffen, während des Drehs in Hamburg. Sie lebt in Berlin und spielt Theater mit akzentfreiem Deutsch. Die ostdeutschen Schauspieler drängen auf den wiedervereinigten deutschen Markt und da will sie wieder in die Heimat und Rainer entscheidet sich spontan mit nach Warschau zu gehen und findet auch gleich eine Stelle als, Head of Art, bei Ogilvy&Mather eine spannende Aufgabe, wo er aus Dramaturgen Werbetexter und aus Architekten Art Direktoren macht. Einige Jahre sehen wir uns nicht. Das Kunden-Portfolio der amerikanischen Agentur ist international, die Etats sind groß, er kann großes Kino inszenieren für Schokoriegel, Pharmakonzerne und der, dem Spiegelmagazin vergleichbaren Wprost, Mode, Kosmetik, Bier. Nach drei Jahren fasst auch Ewa wieder Fuß und neben Boulevard-Theater spielt sie in der dortigen TV-Spitzensoap, “Goldenes Polen” vergleichbar mit unserer Lindenstraße. Reisen nach Indien und Italien zwischen beruflichen Reisen nach Bulgarien, Rumänien, Prag, Wien und häufig zur Postproduction nach London. Sie heiraten nach acht Jahren “wilder Ehe” 2000, fast eine Jet-Set Hochzeit, mit Strech-Limo und begleitet von der Regenbogen-Presse mit illustren Gästen aus Film, Funk und Fernsehen. Ich kann leider nicht kommen, ich muss arbeiten. Nachdem ich fast 15 Jahre Fernsehen gemacht habe, merke ich das der Job mich immer mehr Kraft kostet. Ich habe kaum noch ein Privatleben, selbst im Urlaub verreise ich nicht, irgendwie ist mir nicht danach. Wahrscheinlich leide ich schon damals an einer nicht diagnostizierten Depression.

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Nur einmal besuche ich Rainer in Polen, er bewohnt eine nette Villa in einer bewachten Siedlung bei Warschau, er braust mit einem noblen Citroën durch die Stadt und zeigt mir seine neue Heimat. Dann herrscht Funkstille bis 2004, ich besuche Rainer in einer kleinen Wohnung im Hansaviertel, er ist arbeitslos. Was war passiert?

Nachdem er drei Geschäftsführerwechsel “überlebt” hat, war jemand scharf auf seinen Job und hat ihn herausgeekelt. Doch Rainer scheint Glück zu haben, findet eine neue Agentur. Die Firma schwimmt im Geld, es gibt Kunst an den Wänden eines edlen Jugendstilhauses und mit der Zeit fallen meinem Freund Merkwürdigkeiten auf. Man will nicht wirklich große Etats gewinnen und nur ein großer Kunde kann nicht soviel Profit abwerfen, ihm ist schleierhaft woher das Geld kommt. Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, er arbeitet ohne es gemerkt zu haben für den legalen Arm einer Mafia-ähnlichen Organisation. Income gering, Gewinne groß, hier wird Geld gewaschen, bei einer Teilhaberversammlung wird es augenscheinlich. So schnell er kann, kündigt er. Nun wird es prekär für ihn in Warschau, es rächt sich, das er kein Pole ist und auch nicht perfekt polnisch spricht, außerdem ist er mit 42 schon ziemlich alt für eine dem Jugend-Wahn verfallene Branche. Rainer hat eine Depression aus gutem Grund und lässt sich in der Berliner Charite einen kirschgroßen Gallenstein entfernen. In solchen Situationen überdenkt man sein Leben. Der Stress, über den er sich erhaben glaubte, verlangt eine Entschleunigung des Lebens. Er wird in Berlin wieder bei seiner “alten” Agentur stellvertretender Geschäftsführer, nur um sich bei einem der großen Energie-Konzerne von Atomkraftwerken umstellt zu fühlen, während nur noch Praktikanten und Rookies, die nur mit dem Computer umgehen können, als Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Sein Job ist moralisch nicht mehr vertretbar für ihn.

Nur Monate später endet die nur zweijährige Ehe. Die weitergehenden unschönen Details vertraut er nur mir und einem anderen langjährigen Freund an. Seltsam, ein paar Jahre vorher hatte ich nach sieben Jahren Beziehung eine Ehe, die nach nur zweieinhalb Jahren auseinander brach. So unterschiedlich unsere Charaktere und Biografien waren, manches ähnelt sich. So auch der Karriere-Knick, der uns beide ereilt.

Auf eine neue Spitzenposition besteht für Rainer keine Aussicht, auch hier ist er zu alt und zu teuer für potentielle Arbeitgeber. Das Praktikanten-Unwesen hat begonnen, er konkurriert genau wie ich in meinem Job mit Twens, die für nichts oder fast nichts schuften. Und die den Begriff Twen wahrscheinlich nicht kennen, das tun nur „Opas“ wie Rainer und ich. Und sicher, „Twen“ war für uns auch ein legendäres Periodikum, das die Magazin-Gestaltung insgesamt bahnbrechend veränderte.

Rainer bekocht mich im Hansaviertel, er hat 1000 Pläne, wieder ist es so, als ob wir uns nie getrennt hätten. Aber dann habe ich eine längere Phase der Krise und Krankheit. 2003 höre ich beim Sender auf, das wurde mir in der Reha geraten. Ich mache eine Umschulung, habe zwei Jahre eine Fernbeziehung, während ich die Wochenende bei meiner Freundin, einer Psychotherapeutin in Thüringen verbringe, kümmert er sich um meine Katzen. 2005 ist erstmal Schluss für mich. Erst scheitert die Partnerschaft, dann bekomme ich eine Depression und muss auch die Umschulung abbrechen. Ende der Nuller-Jahre entscheide ich mich für die Rente, wieder folgt eine Pause in der Rainer und ich keinen Kontakt haben.

2013 überwinde ich endlich meine Schreibblockade, im Juli bekommt Julia, meine Stieftochter aus der Ehe ein Baby und macht mich zum Quasi-Opa. Auch für sie schreibe ich die Geschichte meiner Vorfahren auf. Durch Facebook treffe ich viele alte Frende wieder, so auch Rainer. Er lebt seit sieben Jahren mit Delilah zusammen, in die er sich verliebte, als er nichts hatte ausser seinem lange unterforderten kritischen Verstand. Am Sterbebett seiner Mutter erlebte er wie das Herz seines Vaters fast hörbar brach. Zugleich war er extrem verliebt, da ihn Delilah mit Gesang und unendlicher Fürsorge durch alle Höhen und Tiefen begleitete. Auch inspirierte sie ihn das Malen und Zeichnen wiederaufzunehmen.

Das temperamentvolle Vollblut-Weib ist siebzehn Jahre jünger als er. Sie hat drei fast erwachsene Kindern und eine Enkelin. Er wird Vatervertreter und Nenn-Opa. Eine Lektion hat ihm das Leben überdeutlich vermittelt, eine schwere Lebenskrise hilft um das Wesen eines Menschen tiefgreifend zu erfahren, dann kann man Liebenswürdigkeit und Charakterstärke erkennen. Er tut und denkt nur noch was er wirklich will, Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, öfter mal ein Bild verkaufen, wäre trotzdem schön.

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Nachdem wir uns im Frühjahr 2013 wiedertreffen nehmen wir unseren Dialog wieder auf. Wir diskutieren über Philosophie, Politik, Psychologie und Science-Fiction. Im Sommer ist er begeistert, dass ich eine Neuauflage von Assasin starten will.

Doch es gelingt mir nicht, mich in den punkmäßigen, abgebrühten Assasin-Modus zu versetzen. Na klar über die NSA-Affäre kann man herrlich lästern. Aber das tun Andere ohnehin schon, vielleicht sogar besser. In 30 Jahren ist der Gonzo-Stil des alten Assasin Mainstream geworden und ich habe mich weiterentwickelt. Vielleicht ist der alte flapsige Stil des Assasin ohnehin zu locker für die doch sehr bedrohliche Entwicklung hin zu einem totalitären Staat in den USA und folglich auch bei uns. Natürlich stellt einen die Politik vor viele Fragen. Die geleakten NSA Papiere drängen mir einen bösen Vergleich auf. Stellen sie nicht der Öffentlichkeit die Frage. „Wollt ihr die totale Überwachung?“ Und ist das Desinteresse einer Mehrheit nicht ein klammheimliches „Ja“, oder zumindest „Ist mir egal“. Doch mehr als mich zu informieren und meine Meinung zu sagen, gelingt mir nicht.

Erstaunlicherweise gefällt einigen Leuten, was ich über meine Familie und aus meinem Leben erzähle. Im September starte ich ein Blog, neben den Texten poste ich viele Fotos, auch welche die mein Freund Rainer gemacht hat. Als ich zum ersten Mal einen Gastautor veröffentliche, bitte ich Rainer Illustrationen zu zeichnen und damit beginnt eine neue, fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm.

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Lesung im Periplaneta Literaturcafé am 15. April 2016.

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Im Frühjahr 2014 beginne ich eine vierteilige Erzählung über einen Schulfreund, aber es wird ein kleiner Roman daraus, zu jedem der zwölf Kapitel macht Rainer stimmungsvolle Bleistiftzeichnungen. Nun da ich mit „Die Legende von Xanadu“ fast fertig bin, sprechen wir über einen weiteren Roman, den ich gern in West-Berliner Punkszene Anfang der 80er Jahre ansiedeln möchte. Es gibt viel zu schreiben und zu zeichnen: „Das machen wir jetzt“.

Nachtrag, 6.7.2016:

Der zweite Roman ist fast fertig, aber mit dem Ende tue ich mich schwer. Seit über einem halben Jahr trage ich Bedenken,  bastle daran und kann mich nicht entscheiden, wie ich “Helden” im Detail zu Ende erzähle. Jedes lose Ende soll mit seinem Pendant verknüpft werden, Chronologie und Timing müssen stimmen und schließlich gilt es eine Figur zu töten. Vor zwei Wochen war dann Richard bei mir. Seit 1969 bin ich mit ihm befreundet und sein Leben war Vorbild für den Protagonisten des Helden-Roman: Roberto. Richard eröffnete mir er sei krank, sehr krank. Und egal ob es ihm gelingt die schwere Krankheit zu besiegen, es ist ihm ein Herzensbedürfnis “seinen” Roman in den Händen zu halten. Also werde ich mich daransetzen. Rainer arbeitet seit letztem Sommer wieder, muss lange Spätschichten schieben, trotzdem wird er die letzten zwei oder drei Illustrationen zeichnen und das neue Buch gestalten. Und dann haben wir eine Graphic Novel geplant. “Das machen wir!”

-Vorläufiges Ende-

„Berlin-Lost and Found“ Die Foto-Serie hat jetzt 8 Folgen und zeigt über 180 Fotos

Im März 2016 kaufte ich mir eine einfache Digitalkamera. Ich hatte Lust den Orten meiner Kindheit und Jugend nachzuspüren. Es regnete tagelang, aber endlich am 1. April war Fotowetter. Ich streifte fünf Stunden durch die Nebenstraßen des Kudamms und veröffentlichte das Ergebnis als Strecke hier im Blog. http://wp.me/p3UMZB-1uU Am Steinplatz fiel mir das Polaroid von Ilona ein, auf dem sie vor einer Notrufsäule steht. Ich ahmte das alte Foto nach und so entstand mein erster Vorher/Nachher-Fotovergleich. Die Motive dieser “Lost and Founds” werden meist durch Fotos meines Vaters, Bruders, sowie eigene Bilder vorgegeben. Auch Rainer Jacob und andere Amateur- und Profikollegen haben mir Material anvertraut.

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Das Off-Kudamm-Posting war recht erfolgreich und innerhalb von zwei Tagen wurde es 600mal besucht. Als zweites Projekt besuchte ich Schöneberg. Ich knipste das Café Mitropa, das Slumberland oder das Bowiehaus in der Hauptstraße. In kurzer Zeit sind ein rundes halbes Dutzend dieser Zeitreisen erschienen und hier werde ich alle als Serie verlinken. Manchmal haben sich die Orte kaum verändert und nur im Detail zeigen sich die vergangenen Jahre. Meist ist der Lauf der Zeit gut erkennbar, die freien Sichtachsen der Nachkriegszeit sind durch Neubauten und das frische Grün des Frühlings besetzt. Wie grün Berlin heute ist, fällt positiv auf. Aber andere Entwicklungen sind schade, anstelle der romantischen Plumpe am Marheineckeplatz hocken hässliche Glascontainer, oder der ehemals schicke Gloria-Palast wirkt unansehnlich und ist mit Spanholzplatten vernagelt. Ein halbes Jahrhundert hat sich in das Gesicht meiner Mutterstadt eingeschrieben und mit wechselnden Gefühlen lichte ich es ab.

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Heimstraße Marheineckeplatz 1959. (Der Autor fotografiert von seinem Vater.)

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Gloria-Palast (oben 1958).

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(Café Central Foto: Knut Hoffmeister)

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TEIL 1

Im ersten Teil der Serie besuchen wir die Nebenstraßen des Kudamms. Es war meine Heimat in den 70er Jahre, mit meiner Liebe Ilona wohnte ich in einer WG in der Schlüterstraße und arbeitete als DJ im Tolstefanz.

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Ilona am Steinplatz 1975.

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TEIL 2

1977 zog ich nach Friedenau und Schöneberg wurde meine Heimat. 1981 führt der gewaltsame Tod von Klaus-Jürgen Rattay, unter anderen am Winterfeldtplatz, zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Ich erinnere mich und fotografiere, was heute noch daran erinnert.

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Straßenschlacht Maaßenstraße (oben), ehemalige Hoffmanfiliale (unten).

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TEIL 3

Im dritten Teil besuchen wir die Gegend rund um das Kranzler-Eck. In der Rankestraße hatte meine Mutter in den 60ern ihren Phono-Klub und ich verbrachte dort meine Nachmittage. 1988 bis 98 wohnte ich am Rankeplatz.

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Rankestraße, ca. 1959.

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Teil 4

Im vierten Teil der Reihe besuche ich den Fehrbelliner Platz, den Preußenpark und den Hohenzollerndamm, wo ich bis zum sechsten Lebensjahr wohnte.

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Blick über den Hohenzollernplatz zur, von den Berlinern, “Kraftwerk Jesu” genannten Kirche.

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Teil 5

Die zweite Wilmersdorf-Strecke zeigt den Volkspark und den expressionistisch angehauchten Schramm-Block, wo ich aufgewachsen bin.

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Teil 6

Nicht nur die Wilmersdorfer kennen die Blissestraße, wo seit über 100 Jahren das Eva-Kino Kintopp auf die Leinwand bringt und seit 80 Jahren die Eisdiele Monheim seine Spezialitäten anbietet. Außerdem besuche ich das Kaufhaus meiner Kindheit, “Karstadt” an der Berliner Straße und forsche was daraus geworden ist.

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Teil 7

In der siebten Folge steht die westliche City im Mittelpunkt. Der Breitscheidplatz gehört wohl zu den Orten, wo sich Berlin am schnellsten verändert und der Fotovergleich macht es deutlich. Aber auch das 1965 gebaute Europa-Center hat sich gewandelt.

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Teil 8

Früher hat man sich feingemacht, heute geht der Berliner in Jeans und T-Shirt zum Sonntagsspaziergang. Wir gehen mit und vergleichen, wie sich Orte und Menschen verändert haben.

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M.K.


Die Serie wird fortgesetzt.

„Zeitsprünge” / Die Splitscreens aus „Lost and Found” / Berlin 1937 bis heute

Die Splitscreen-Collagen entstanden, weil ich Vorschaubilder benötigte, die in einem Rahmen mindestens ein altes und ein neues Foto vom gleichen Motiv zeigten. So konnte ich mein Vorher/Nachher-Konzept für die “Lost and Found”-Serie auf Facebook bewerben, ohne lange Worte machen zu müssen. Ich fand die Bildbearbeitungsseite Fotor und sammelte die Splitscreens in meinem Pinterest-Account. Inzwischen sind ca. 40 Collagen fertig und hier habe die schönsten 22 ausgesucht. Dazu findet Ihr Links für die Fotostrecken, auf denen die Originale gezeigt werden.

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Oben und unten ff: „West-Berlin Revisited“ / Wilmersdorf Teil 1: Preußenpark, Fehrbelliner- und Hohenzollern-Platz: http://wp.me/p3UMZB-1Af

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Oben: Bleibtreustraße, unten: „EVA-Lichtspiele, Monheim, Karstadt “ / Wilmersdorf Teil 3 / Berlin – Lost and Found: http://wp.me/p3UMZB-1Cm

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Oben: Wilmersdorfer Ecke Kanststraße, unten: Nassauische Straße, ehemaliges Flöz bzw. Black Korner.

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Oben: Steinplatz aus: http://wp.me/p3UMZB-1uU, unten: Joachimsthaler Straße aus: http://wp.me/p3UMZB-1zw

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Oben und unten 1, 2 aus: http://wp.me/p3UMZB-1CR

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Unten: aus: http://wp.me/p3UMZB-1Fx

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Oben und unten 1, 2 aus: http://wp.me/p3UMZB-1FQ

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Fotografen: Rainer Jacob, Helmut Kluge, Günter Jacob, Corneia Grosch und Marcus Kluge.

„Juno, Lux & Co“ / Reklame im Stadtbild Berlins 1954 bis heute

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Kranzler-Eck ca. 1960.

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Oben: Esso-Tankstelle Rankestraße, ca. 1957, unten: die Berliner Polizei wirbt um Nachwuchs, ca. 1960.

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Oben: ca. 1957, unten: Illu Reklame für die Berliner Bank, ca. 1965.

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Oben: Fleurop-Filiale, ca. 1958, unten: Kudamm, ca. 1960.

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Oben: Reklame-VW-Bus am Hohenzollernplatz, ca. 1954, unten: Litfaßsäule, ca. 1959.

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Oben: Schloßstraße, ca. 1978, unten: Havel, 1959.

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Oben: Flughafen Tegel, Werbung für die Nationalgalerie, ca. 1978, unten: Gemäldegalerie Dahlem, ca. 1977.

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Schwarz-weiß-Fotos oben + unten 1, 2, 3, 4 und 5: Ende 1970er Jahre.

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Oben: Kantstraße + unten: 1 (Maxim-Gorki-Theater), 2, 3, 4: alle 2016.

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Photos: MM. Jacob père & fils, MM. Kluge père & fils.

Lost and Found – „Wilmersdorfer Straße, Kantstraße, Messe” / 1955 – heute

In meiner Reihe mit Rekonstruktionen alter Fotografien bleibe ich heute in meiner Heimat, denn seit 18 Jahren wohne ich in Charlottenburg. Die Wilmersdorfer Straße ist für mich unvermeidbar, was man nicht im Supermarkt bekommt, gibt es dort, meistens jedenfalls. Schon als Kind sind wir aus Wilmersdorf mit der Straßenbahn zum einkaufen hingefahren. Seitdem hat die Wilmersdorfer mehrfach ihr Aussehen verändert. Die Kantstraße hat mich schon immer fasziniert, mit ihrem gewagten Mix von obskuren Billigelektronik-Shops und alteingesessenen Fachgeschäften wie Harry Lehmanns “Parfum und künstliche Blumen” oder “Korsett Engelke” http://www.korsett-engelke.com/willkommen.php . Harry Lehmann ist am gleichen Platze, während sich Korsett Engelke verbessern konnte und wenige Häuser weiter, in der Kantstraße 103, mit doppelter Verkaufsfläche Sach- und Fach-Verstand im Dessouswesen anbietet. Seit langem hat die Kantstraße, wie ein Fernbahnhof, Zugereiste angezogen, vermehrt gilt das seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Erst kamen viele Polen, dann Weißrussen, Besucher aus dem Baltikum und wieder einmal Russen, wie in den 1920er Jahren, als Charlottengrad schon einmal sprichwörtlich wurde.

Außerdem habe das Messegelände besucht, es liegt ja quasi in meinem Hinterhof. Wenn ich mit dem Rad in den Wald will oder am Theodor-Heuss-Platz zu tun habe, komme ich vorbei und bin hin und hergerissen durch die seltsame Koexistenz von Bauten im NS-Stil und 1970er Moderne. Einen Blick wert ist auch die orangefarbene Unterführung, von Architekturkennern “Passarelle” genannt. 1950, als Rainers Vater Günter am Messegelände fotografierte, war die Fläche zwischen Palais am Funkturm und Haus des Rundfunks wie leergefegt. Heute, 66 Jahre später, ist das Haus des Rundfunks fast gänzlich hinter Bäumen verschwunden.

Fotos: Rainer Jacob, Günter Jacob, Helmut Kluge, Marcus Kluge.

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Wilmersdorfer Ecke Kantstraße, oben ca. 1960.

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Unten: Wilmersdorfer Straße 58.

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Oben: 1978.

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Wilmersdorfer Straße 66, oben: ca. 1955.

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Kantgaragen.

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Lewishamstraße. Oben 1977, unten heute.

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Stuttgarter Platz, oben Rainer 1977.

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Parfums nach Gewicht und künstliche Blumen kann man hier immer noch kaufen. Das Geschäft feiert dieses Jahr 90-jähriges Bestehen.

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Statt Korsett-Engelke lockt nun Adis Suppen-Shop “Vegg&Bones”, der wie meine Quelle betont sehr empfehlenswert ist . Der Miederwarenfachhandel ist ein paar Häuser weitergezogen, in die Kantstraße 103.

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Haus des Rundfunks, oben 1950.

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Vor dem Palais am Funkturm, oben: ca. 1950, unten ca. 1959.

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Oben: ca. 1950.

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Illu ICC: Rainer Jacob


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