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Berlinische Leben – “Der Kebabtraum” / “Helden ’81” Kapitel Zwölf / von Marcus Kluge / 1981

Irene Mössinger, die legendäre Gründerin des Tempodroms, hat heute Geburtstag und wir gratulieren ihr herzlich. Als kleines Geschenk gibt es das “Tempodrom-Kapitel” meines unveröffentlichten Romans “Helden ’81” als Vorabdruck.

Normalerweise fanden Punk- und andere Rock-Konzerte in meist mehr oder weniger schmuddligen Klubs statt, am Abend oder in der Nacht, vor einem ziemlich betrunkenen oder auch bedingtem Publikum. Das Tempodrom bot eine Alternative, in einem Zirkuszelt fanden oft schon am Nachmittag Auftritte der angesagtesten Berliner und auswärtigen Bands statt. Die ehemalige Krankenschwester Irene Moessinger hatte sich mit Hilfe einer Erbschaft den Traum erfüllt Zirkusdirektorin zu werden. 1980 machte sie ihr Etablissement am Potsdamer Platz auf und im März 1981 war sie schon wieder pleite. Glücklicherweise entdeckte zu dieser Zeit der Berliner Senat sein Herz für die Off- und Sub-Kultur der Stadt und mit einer Finanzhilfe ging der Spielbetrieb weiter. Der verwaiste Potsdamer Platz war auf jeden Fall eine geniale Ortswahl der Chefin. Wenn man mit Besuchern auf dem weitgehend leeren Platz am Rande der Berliner Mauer stand, konnte sich niemand vorstellen, dass hier einmal das Herz der drittgrößten Stadt der Welt schlug; in den 1920er Jahren war der Platz tatsächlich der verkehrreichste weltweit. Von einem Trödelmarkt am Wochenende und ein paar Souvenirständen abgesehen, herrschte dort bis 1980 gähnende Leere.

Am Wochenende hatten die Veranstaltungen im Tempodrom ein wenig den Charakter von alternativen Sonntagsspaziergängen, man zeigte sich und traf alte und neue Bekannte. Eigentlich sollte an diesem Sonntag ein Punkfestival mit auswärtigen Bands stattfinden, doch nachdem die meisten abgesagt hatten, machte das Booking ein Line-Up aus Berliner Bands daraus, die eigentlich gar nicht zusammenpassten, nur Slime blieb als einziger Import übrig. Nach einer unbekannten Schülerband mussten die Politpunks Slime auf dem undankbaren zweiten Platz um 17 Uhr spielen.

Ich kam natürlich mal wieder zu früh. Kurz vor 14 Uhr war der Haupteingang noch verrammelt, aber ich fand schnell den “Lieferanteneingang”. Aus dem Zirkuszelt kamen punkige Töne, dort war es ziemlich kalt, bis zum Beginn in drei Stunden würden die aufgestellten Heizungen hoffentlich Wirkung zeigen. Auf der Bühne erkannte ich “Slime“, ich machte schonmal ein paar Bilder mit meiner alten Spiegelreflex-Kamera. Dann suchte ich mir einen Weg hinter die Bühne und wartete auf die Musiker. Das Interview fand stilgemäß in einem Zirkuswagen statt. Ein kleiner Bullerofen bullerte vor sich hin und auf den Tisch hatten nette Heinzelmännchen Thermoskannen mit heißem Tee und Kaffee gestellt. Neben den Bandmitgliedern Dirk, Elf und dem Drummer Stephan war noch eine Frau dabei, die nichts sagte. An Anfang waren die drei etwas zurückhaltend, dann merkten sie, dass ich kein sturer Politfreak war und das Gespräch wurde freundlicher. Wir sprachen über “Bullenschweine“, das bekannteste und umstrittenste Stück der Gruppe, über politisches Engagement, Geld und Faschos. Mein alter Kassettenrekorder lief und nahm alles auf. Ich musste unbedingt daran denken nach 45 Minuten umzudrehen. Es klappte nur weil das Mädchen stumm im richtigen Moment die Kassette umdrehte und wieder Play und Record gleichzeitig drückte. Ich dankte ihr kopfnickend.
Mein erstes Interview lief hervorragend, über manche Sätze wie: “Eine Zensur findet natürlich statt!”, oder: “Die taz ist ‘ne Schweinezeitung!”, freute ich mich und sah sie schon als Zwischenüberschriften. Kurz bevor das Tape zu ende war, hatten die Jungs genug und nachdem ich vor dem Zirkuswagen noch ein paar Fotos geschossen hatte, packte ich zufrieden meinen Kram zusammen. Die Band hatte sich sogar freundlich bei mir bedankt und freute sich auf die Veröffentlichung. Hoffentlich würde Papparazzi meinen Text auch nehmen. Ich rechnete schon mal aus, was damit verdienen würde. Die taz zahlte 75 Pfennige für die Zeile und 30.- Mark für ein Foto. 300.- Mark müssten drin sein, ich rieb mir die Hände, meine erste journalistische Arbeit.

Inzwischen hatte sich das Gelände belebt, es spielte noch keine Band, aber viele Besucher standen Schlange, um Bier zu kaufen und ich schloss mich an. Roberto und August hatte ich zu 18 Uhr bestellt, ich wollte vorher noch in Ruhe den Auftritt von “Slime” sehen. Aber im Prinzip war meine Arbeit getan und ich konnte mich ein bißchen bespaßen. Die Vor-Band war ziemlich schlecht und als ich das Zelt wieder verließ, kam mir Uschi entgegen, die Mitbewohnerin von Gudrun. Sie hatte zwar wieder ihre schwarze Lederjacke an, aber diesmal trug sie mehr als nur einen grünen BH darunter. Ein enger schwarzer Pullover modellierte ihre Brüste und ein ebenfalls schwarzer Lack-Minirock ließ viel von ihren fischnetzgemusterten Beinen sehen. Mit einem Bier in der Hand sprach mich Uschi an:
“Na du? Ich dachte, du bist jetzt Familienvater in Neukölln. Hat’s nicht geklappt mit Gudrun?”
“Ja, stimmt auffallend genau. Es gab da ein Missverständnis. Aber wieso weißt du nichts davon, hat dir Gudrun nichts erzählt?”
“Nee, sie mir nix erzählt. Schon, weil ich nicht mehr da wohne. Sie hat mich nämlich rausgeschmissen. Deshalb dachte ich, du wärst jetzt schon eingezogen.”
“Wieso hat sie dich rausgeworfen?”
“Keine Ahnung, es gab Streit und ich hatte keine Lust klein beizugeben.”
“Das glaube ich dir aufs Wort. Sag mal wollen wir reingehen, ich glaube MDK spielen jetzt.”

Drinnen tobte das Mekanik Destrüktiw Kommandöh, die Jungs machten einen rauen Punk und provozierten gern das Publikum, bis sie mit “Spaß muss sein” die Spannung auflösten. Mit dem Sänger Volker und Bassmann Edgar hatte ich mal im SO36 Bier getrunken und einen sehr sympathischen Eindruck gehabt. Uschi und ich tanzten bis ich Roberto ins Zelt kommen sah.
Ich begrüßte ihn und schlug vor, dass wir Uschi mit in unsere Planungen einbeziehen sollten, er war sofort einverstanden. Roberto holte drei Bier von der Bar und wir stellten uns an einen Biertisch und erklärten Uschi, worum es ging. Wie konnten wir Alex Legrand die wertvolle Leica abluchsen, ohne das wir in Gefahr gerieten, in den Knast zu kommen?

Ich hatte Roberto vorbereitet, dass August seinem vermeintlich toten Freund Ari sehr ähnlich sah, trotzdem stand Roberto mit weit geöffnetem Mund, staunend da, als August Deter uns entdeckt hatte und auf uns zu kam. August trug wieder seinen schwarzen Trench-Coat mit hochgestelltem Kragen, der ihm ein wenig das Aussehen von Graf Dracula, oder auch Graf Zahl aus der Sesamstraße gab. August gab uns allen höflich die Hand, Uschi zuerst, dann mir und als er Roberto seine Hand reichte, stammelte dieser fragend:
“Ari, bist du das?”
August zuckte mit den Schultern und antwortete:
“Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wer ich bin. Aber wenn ich dich so angucke, kommst du mir schon bekannt vor.”, er trat auf Roberto zu und umarmte ihn. August hatte wohl spontan beschlossen Roberto zu mögen und Roberto lies sich darauf ein.
Inzwischen war Umbaupause und ich machte einen Vorschlag:
“Sagt mal, wollen wir uns nicht irgendwo ein ruhiges Plätzchen suchen für unser Palaver? Im Moment ist es noch ruhig, weil Pause ist, aber danach spielen, glaube ich, ‘ne Hardcore-Band, dann wird’s so laut, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr hören.”
Uschi schlug vor in das kleinere Zelt zu gehen, wo man Getränke und Snacks kaufen konnte. Dort war es leider sehr voll und wir standen planlos am Eingang, bis mir eine Idee kam:
“Kommt mal mit, wir probieren mal was.”
Ich führte die kleine Gruppe zu dem Zirkus-Wohnwagen, indem ich am Nachmittag das Slime-Interview gemacht hatte und es war tatsächlich leer, der kleine Ofen war noch heiß und wir machten es uns gemütlich. Roberto hatte einen Jutebeutel dabei, aus dem er Mini-Flaschen mit Magenbitter hervorzauberte und verteilte. Gestärkt eröffnete ich die Diskussion:
“Ich könnte mir vorstellen, wenn wir Alex Legrand die ganze Geschichte erzählen, können wir ihn bei seiner Ehre packen. Sowas wie, er würde die Leica eigentlich unrechtmäßig besitzen und moralisch betrachtet gehörte die Kamera Robertos Familie. Und wenn er sie uns nicht gibt, tun die Gangster der Familie was an.”
Roberto schüttelte den Kopf:
“Nee, der wird sagen, geht doch zur Polizei, die kann euch schützen. Ich kann ihm doch nicht verraten, dass es um eine illegale Drogen-Schmuggelei ging bei diesem Darlehen und das ich unter Beobachtung eines Bewährungshelfers stehe. Dann bin ich doch gleich unten durch bei ihm. Außerdem hat er die Kamera ganz legal bei einem Trödler in Bratislava gekauft, wieso soll er ein schlechtes Gewissen haben?”
Jetzt dachte Uschi laut nach:
“Hat Legrand denn irgendeine Schwäche? Glücksspiel oder Drogen? Nee? Na dann Sex. Ich könnte ihn verführen und dann erpressen wir ihn? Was macht er denn so, hat er ‘ne Frau? Erzähl doch mal ein bißchen was über ihn, Roberto.”
Roberto erzählte was er über die aktuelle Situation des Schauspielers herausbekommen hatte:
“Die Villa am Wannsee hat er nicht mehr, offensichtlich geht’s ihm nicht mehr so üppig finanziell, er hat wohl schon lange keine gute Rolle mehr bekommen. Er wohnt jetzt in einer Eigentumswohnung am Winterfeldplatz. Mit Baby Sommer ist er schon seit Mitte der 70er nicht mehr zusammen. Ob es ‘ne andere Frau gibt, hab ich nicht herausbekommen.”
Wir rätselten herum, entwickelten immer wildere Pläne, doch es war nichts dabei, was den Hauch von einer Chance bot, erfolgreich zu sein. Indem er auf die Zirkusathmosphäre anspielte, überlegte Roberto laut:
“Gab es nicht mal einen Film “Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“, oder so ähnlich? Regisseur war Alexander Kluge, glaube ich. Bloß das wir keine Artisten sind, wir sind gerade mal Statisten!”
August nahm seinen Gedanken auf und verkündete mit leiser Stimme:
“Genau, wir sind nur Statisten. Aus der Rolle müssen wir raus. Wir müssen Akteure, Artisten werden. Wir müssen sowas wie Regisseur, Produzent, Schauspieler und Drehbuch-Autoren werden. Versteht ihr mich?”
Wir anderen schüttelten unsere Köpfe, nein, wir hatten keine Ahnung was er meinte. August präzisierte:
“Wir müssen einen Film drehen. Einen Film mit einer richtig schönen Rolle für Alex Legrand.”
“Einen richtigen Film?”, fragte Roberto.
“Ja, einen richtigen Film über Robertos Vater und seine Erlebnisse im Dritten Reich, seine Aktionen im Widerstand und den Terror in dem Lager bei Bratislava. Und über die Geschichte der Leica natürlich. Wir drehen einen richtigen Film!, er machte eine dramatische Pause und sprach dann weiter:
Einen richtigen Phantom-Film !“, August grinste nun und ich überlegte ob August nicht mehr Tassen im Schrank hatte, oder ob das tatsächlich eine tolle Idee war, Legrand mit einem Phantom-Film zu ködern. Ich war mir unsicher und schwieg erstmal. Aber Uschi, Roberto und August begannen mit Ideen zu jonglieren, wie man Legrand überzeugen könnte, dass wir wirklich, ausgestattet mit Geld aus Hollywood, Produzenten eines großangelegten Filmprojektes seien und ihn, Legrand, als idealen Darsteller für den bösen Helden des Dramas, den SS-Offizier, auserkoren hatten. Nach einer Weile schob ich meine Bedenken zur Seite, beschloss, dass die Flinte ins Korn zu werfen immer noch später Zeit wäre, und beteiligte mich an den munteren Spekulationen. Bald wurde ich von einer Euphorie ergriffen, die meine Zweifel an dieser offensichtlichen Schnapsidee zunehmend kleiner werden lies, bis sie sich vorläufig in die Katakomben meiner Denkfabrik zurückzogen.

Als ich am Montagmorgen erwachte, stellte ich mit Genugtuung fest, dass ich inzwischen in einer weitläufigen Erdgeschosswohnung am Winterfeldplatz wohnte. Sie befand sich etwa dort, wo bis kurzem die Kneipe Slumberland war, die mich immer an den Winsor McCay-Cartoon “Little Nemo in Slumberland” erinnerte. Durch das große Glasfenster konnte ich in Spiegelschrift lesen “Marcus Kluge & Co. Privatdetektiv – Private Dick”. In diesem Moment betrat ein Kellner den Raum. Mit einem Frühstückstablett und der Morgenzeitung balancierte er schwankend über die riesige Liegefläche meines Bettes. Ich trank etwas Kaffee und widmete mich dann der Zeitung, Innensenator Lummer war tot aufgefunden worden. Man hatte ihm einen Holzflock durchs Herz getrieben, logischerweise, wie das Blatt bemerkte, denn wie hätte man den stattbekannten Vampir sonst umbringen können. Ich weinte ihm keine Träne nach, seine Politik war genauso scheußlich, wie seine Platten mit angeblich Altberliner Liedern. Aber sein Tod würde natürlich aufgeklärt werden müssen, wie aufs Stichwort brachte der Kellner das Telefon. Patti Smith von der Mordkommision Eins in der Keithstraße wollte mich treffen. Sie hatte Bedenken mit den Nachforschungen zu beginnen, ohne sich meiner Mitarbeit versichert zu haben. Ich sagte ihr widerwillig stöhnend zu, ich würde in einer halben Stunde am Tatort sein. Der Ober half mir bei der Garderobe, Smoking, Fliege und schwarze Lackschuhe, meine alltägliche Arbeitskleidung. Vor der Tür wartete schon mein Chauffeur Roberto mit dem renn-grünen Bentley, der seit seinem letzten Tuning fliegen konnte. Das war praktisch, denn der Tatort war der Funkturm. Hier auf der Besucherplattform lag der tote Innenpolitiker halbnackt in Lederjacke und High-Heels. Mir war klar, dass der Oberstaatsanwalt gern einen der üblichen Verdächtigen als möglichen Täter gesehen hätte. Einen wie den international bekannten Vampirjäger wie Rudi Dutschke zum Beispiel, aber ich wusste schon jetzt, dass ich dem Oberstaatsanwalt einen solchen Gefallen nicht tuen würde. Denn die Beweislage war eindeutig und zeigte nach Süden, nach Bayern, um genau zu sein. Ich zählte die ausgezutzelten Därme von elf Weißwürsten, fünf leere Weißbierflaschen der Marke St. Malefizius und anhand der Salzkrümel wusste ich, es waren mindesten ein halbes Dutzend Brezeln verzehrt worden. Es gab also nur einen Menschen, der als Täter für dieses Verbrechen in Frage kam, der bayerische Ministerpräsident und Großvampir Franz-Josef Strauß. Offensichtlich ein Streit unter Vampiren nach einem gemeinsamen Frühstück, darüber wer denn nun der Bösere und damit größere Vampir war, schien in einem tödlichen Handgemenge fatal ausgegangen zu sein. Da Strauß den tödlichen Holzpflock bereits mitgebracht haben muss, würde sogar ein Vorsatz angenommen werden können. Die saubere Lösung eines schmutzigen Falles, ich konnte wieder einmal stolz auf mich sein. Ich rieb mir zufrieden die Hände und lies mich von Mordkommisarin Patti Smith loben. Daraufhin lobte ich ihre ausgezeichnete Idee, mich zum Tatort zu holen. In diesem Moment sprachen mich einige Hippie-Künstler an, sie hatten eine begehbare, oder besser gesagt, berutschbare Plastik an den Funkturm gebaut. Durch diese durchsichtige Röhre konnte man 124 Meter bis zum Boden rutschen. Ich probierte es aus und kam mir vor wie in einem verlängerten Geburtskanal, ständig wechselten die Texturen und Materialien, Fell, Gumminoppen, Seide. Nach oben rotierende Rollen verhinderten, dass man zu schnell nach unten stürzte. Gegen Ende wurde es enger, dunkler und fühlte sich zunehmend sexuell erregend an. Endlich gab mich der Kanal frei. Vor mir stand das Batmobil, Batman stieg aus, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand:
“Kluge, ich brauche sie. Ich habe da einen Fall und komme nicht weiter.”
In diesem Moment wachte ich auf, ich hatte furchtbare Kopfschmerzen.

Ich rekapitulierte ängstlich den gestrigen Abend, aber einen Filmriss schien ich nicht gehabt zu haben. Nachdem es im Zirkuswagen kalt geworden war, hatten wir unsern Standort zu einem Döner-Imbiss in der Potsdamer Straße verlegt. Dort hatten wir bei Kümmerling, Tee und türkischem Essen unser Filmprojekt ausgearbeitet. Aus der Schnapsidee war ein echter Kebabtraum geworden. Gestern Abend hatte sich alles plausibel angehört, heute hatte ich erhebliche Zweifel. Dazu kam, dass ich mich bereit erklärt hatte, den Erstkontakt bei Legrands Agentin am Kudamm herzustellen und ein halbwegs professionell wirkendes Exposé für den Film würde ich auch schreiben müssen. Offensichtlich ging mir meine Gabe nein sagen zu können, zunehmend abhanden. Zu Selbstmitleid lies ich mich nicht hinreißen, aber ich umarmte mein neues Ich auch nicht. Ich war es leid, allem aus dem Weg zu gehen, also würde ich auch die Konsequenzen dieses Verhaltens tragen müssen. Als Soundtrack für diesen Morgen wählte ich eine Platte von Mekanik Destrüktiw Komandöh. “Der Tag schlägt zu” schien mir ein gutes Motto für unser Vorhaben zu sein.

Nach einem Kaffee, einer Paracetamol-Tablette und zwei Zigaretten war mein Kopf halbwegs frei und ich überlegte, wie ich mich in bezug auf Gudrun weiter verhalten würde. An diesem Montag müsste sie meinen Brief haben und ich sollte sie heute noch anrufen, in der Hoffnung, mein Brief hätte sie umgestimmt und mein Verhalten erklärt. Doch als erstes rief ich die Auskunft an, lies mir die Nummer von Constanze von Barnim geben und rief in der Künstler-Agentur an: “Hello, this is Jonathan Harker for Warner Brothers. May I speak to …”
Ich wurde unterbrochen:
“Sprechen sie ooch deutsch?”, fragte mich eine älter klingende Frauenstimme.
“Yes, natürlich. Mein Fehler, sorry. Mein Deutsch ist nur etwas eingeroasted. Kann ich bitte mit Frau wonn Barnim sprechen? Es ist wegen ein Film drehen in Berlin nächstes Jahr.”
“Moment bitte.”
Ein paar Augenblicke später meldete sich eine energische, aber gepflegte Stimme:
“Ich grüße sie, was kann ich für sie tun, Mr. Harker?”
Ich bemühte mich den amerikanischen Akzent nicht zu übertreiben:
“Ich arbeite für Mel Greenstreet, den Producer von Warner Brothers. Es geht um den Dreh von Shooting Evil im nächsten Sommer in Berlin und Prag. Sie haben vielleicht von den Project gehört?”
“Ja, ich glaube schon.”, behauptete Frau von Barnim und ich wusste, dass sie log, denn wir hatten uns das Filmprojekt erst gestern ausgedacht.
“Wir suchen eine lokale Casting-Agentur. Einige Rollen sind besetzt, Bruno Ganz spielt die Hauptrolle, Jack Nicholson eine wichtige Nebenrolle. Die meisten Nebenrollen wollen wir hier casten, das wird sicher finanziell interessant für sie. Außerdem brauchen wir Extras, Stetisten heißt es, oder?”
Sie verbesserte mich nicht, ich ahnte, dass ihr das Geschäft gelegen kam, also lies ich die Katze aus dem Sack:
“By the way suchen wir noch einen Actor für eine sehr wichtige Nebenrolle, den Villain, den Bösewicht. Wir hatten da an einen von ihren Clients gedacht, Alex Legrand. Den werrtreten sie doch?”
“Ja, das tue ich seit fast 25 Jahren, aber es könnte ein Problem geben. Herr Legrand spielt eigentlich nur positive Helden.”
“Yes, yes. Wir wissen. Aber Mister Greenstreet hat sich in der Kopf gesetzt, die Rolle against the fur zu casten. So wie Karlheinz Böhm in Peeping Tom*. Augen der Angst gilt heute als sein bester Film, das war doch der deutsche Titel? Das könnte die Karriere von Herr Legrand etwas drive geben. Er hatte nicht viele Rollen lately, oder?”
Frau von Barnim hatte jetzt etwas Stress in der Stimme:
“Ich verstehe was sie meinen, lassen sie mich erstmal mit Herrn Legrand sprechen, dann rufe ich sie zurück. Einverstanden?”
“Ja, einverstanden, aber es ist Mel Greenstreet sehr wichtig selbst mit Alex Legrand zu treffen, verstehen sie?”
Ich gab ihr meine Telefonnummer und wir verabschiedeten uns. Mein Herz pochte wie verrückt und der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Aber ich hatte keinen Zweifel, dass die Agentin mich für echt hielt. Etwas vom Schauspieltalent meines Vaters schien bei mir durchzuschimmern. Ich fühlte mich zwar geschafft nach dieser Hochstapelei, aber gleichzeitig fühlte mich euphorisch. Wenn ich jetzt noch Gudrun von meinen ernsthaften Absichten überzeugen könnte, wäre ich dem Glück so nahe, wie niemals zuvor in meinem Leben, dachte ich. Ich zählte innerlich bis zehn, zündete mir eine Zigarette an und wählte Gudruns Nummer.

– wird fortgesetzt –

Illustrationen: Rainer Jacob http://about.me/rainer.jacob

*Peeping Tom:
http://de.wikipedia.org/wiki/Augen_der_Angst

Schnelle Schuhe – „Hollywood-Friedenau“ / von Marcus Kluge – Die Punkjahre Teil 5

“Schnelle Schuhe” ist eine kleine Sammlung von Texten, in denen sich verschiedene Autoren an die Zeit Ende der 70er und Anfang der 80er in der Mauerstadt erinnern: die Punkjahre. Die Reihe ist gänzlich unrepräsentativ und mehr oder weniger zufällig zusammengekommen.

(Das Foto oben enstand 1983 bei der Assasin-Party “Kanniball in Berlin” in unserem Hauptquartier in der Friedenauer Rheinstraße. Eigentlich hatten Herbert und ich nur drei winzige Einzimmer-Wohnungen gemietet, trotzdem veranstalteten wir Konzerte, Filmabende, Spielturniere, Selbstversuche und andere obskure Events. Das Bild zeigt Gockel Schnockel beim Auftritt von “Dreidimensional” in Herberts Wohn- und Schlafzimmer.)

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(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punkjahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

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Herbert und ich 1984 beim Selbstversuch “Dauerfernsehen”.

Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

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Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

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Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

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Oben: Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau und Kiste zum aufbewahren.

Unten: Hcls Clubspiel Spielbrett 60×60 cm.

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Meine Katze schnuppert wie’s im Dschungel riecht.

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 1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

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Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße. Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und vor allem die Schuhe schneller.

“Keep going”.

Familienportrait – “Erster Besuch beim Zensor”

Der Text ist ein Auszug aus dem Kapitel “Beim Zensor hinter dem blauen Mond” aus dem West-Berlin-Roman “Ein Hügel voller Narren” von Marcus Kluge.

Burkhardt hatte sich gefreut, von mir zu hören. Er war ja jetzt unter dem Namen “Zensor” eine Institution in der Berliner Musikszene geworden. Nach dem wir, wegen unserer mehr oder weniger politischen Aktionen, vom Gymnasium geflogen waren, hatte ich ihn nur einmal getroffen. Damals hatte er selbstgezogene Kerzen auf dem Kudamm verkauft. Was dann folgte, erzählte man sich in Szene und es stand in der Musikpresse. Im Frühjahr 1978 war er mit 600 Mark nach London gefahren, um dort Platten zu kaufen. Er lernte Geoff Travis kennen, der damals noch den Rough Trade Plattenladen betrieb, aus dem der große gleichnamige Independent-Vertrieb wurde. Burkhardt wurde Geoffs erster Exportkunde. Mit einem Pappkarton voller Singles kam Burkhardt nach Berlin zurück und merkte, wie gefragt, die von ihm ausgesuchte, also “zensierte” Musik war. Schließlich gründete er 1979 den inzwischen berühmten Plattenladen in der Belziger Straße.

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Zwei Tage später stand ich vor der angegebenen Adresse in der Belziger Straße und wunderte mich. Hier war kein Plattenladen, nur eine bunte Modeboutique namens Blue Moon. Aus dem Laden kamen eben zwei ältere Teddy-Boys in Drape-Jackets und eine Frau im Petticoat. Den Typen wäre ich nur äußerst ungern nachts irgendwo begegnet. Ich untersuchte das Klingelbrett an der Haustür zu den Wohnungen, da war nichts von einem Plattenladen zu lesen. Jetzt fiel mir auf, neben dem Hauseingang war ein Fenster mit geschlossenem Rollladen über den man Zensor und Schallplatten geschrieben hatte. Ich klopfte an diesen Rolladen, natürlich passierte nichts, aber als ich näher kam, hörte ich Punkmusik von irgendwo her. Nun gingen zwei Skin-Heads in die Boutique, richtige, fiese, ältere Skin-Heads. Nee, was für ein Laden?
Eine Weile stand ich entschlusslos auf der Straße und überlegte, ob ich wieder nachhause gehen sollte. Das Schicksal hatte entschieden, ich würde den Laden nicht finden und das mit dem Slime-Artikel würde ich auch seinlassen. Wenn man nichts machte, konnte man auch nichts falsch machen. Das war mein Wahlspruch für die 70er Jahre gewesen, vielleicht sollte ich mir auch die 80er damit erleichtern.

Nein, das war Mist. Ich musste mit Burkhardt sprechen, ich brauchte Infos über Slime und überhaupt war er ein guter Kontakt, wenn ich über Musik schreiben wollte. Ich riss mich zusammen und betrat die Blue Moon Boutique. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, irgendwas Schlimmes wahrscheinlich, aber es war ein ganz normaler Laden, so ähnlich wie das Market. Er war vollgestopft mit Jugendmode aus den 50er Jahren und anderen Epochen, Kleider, Jacken, Hosen, Schuhe, fast jeder Geschmack wurde befriedigt. Besonders die Schuh-Auswahl war beeindruckend. Ein Mädchen mit grünen Haaren und einem schwarzen Lack-Mini stapelte Kartons mit Doc Martens-Stiefeln, ich fragte sie nach dem Zensor-Laden. Sie machte große Augen über meine Unkenntnis und und zeigte mit dem Kopf zu einer Tür, die links zu einem Hinterzimmer führte. Dort fand ich den Zensor.

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Der etwa 20qm große Raum war vollgestopft mit Regalen voller Schallplatten, an den Wänden hingen dicke Schichten übereinander geklebte Plakate, die für Konzerte und Tonträger warben. Zwei Kunden wühlten in den Vinylscheiben und in einer Ecke arbeitete eine junge Frau mit halblangen blonden Haaren. Burkhardt saß hinter einer Registrierkasse und sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Jugendlich verschmitzt, nur die schulterlangen Haare waren verschwunden. Sie reichten gerademal knapp über die Ohren. Er aß eine Käsestulle und trank schwarzen Kaffee dazu.
Schnell kamen wir ins Gespräch, ich fühlte mich wieder genauso, wie in unserem alten Kollektiv, wie wir die Clique nannten, der Burkhardt Ende der 60er Jahre, sozusagen als Chefideologe, vorstand. Burkhardt dozierte und ich wurde wieder zum gelehrigen Schüler, der dem Guru zuhörte. Wie damals ging es um Musik, Musiker und andere schräge Vögel aus Kunst, Kultur und angrenzenden Gebieten, nur das Thema Politik schien keine große Rolle mehr zu spielen. Ich hörte mir einen längeren Vortrag über Aleister Crowley an, Burkhardt hatte wohl gerade sein “Buch des Gesetzes” gelesen. Der Okkultist Crowley war in den frühen 80ern fast unbekannt, wie meisten von Burkhardts Entdeckungen.
In den späten 60ern hatte er mich mit Namen wie bekannt gemacht wie Tuli Kupferberg von den Fugs, oder David Peel, der mit “The Lower Eastside” Cannabis-Musik machte. Auf seinen Rat hin las ich Tom Wolfes “Electric Kool-Aid Acid Test” und die Väter der Beat-Literatur wie Kerouac, Ginsberg und Burroughs und begriff, dass auch die “Beatles” sich auf diese Tradition bezogen und das vor den Jungs aus Liverpool schon eine Menge losgewesen war.

Jetzt würde ich also Crowley lesen müssen. Als Burkhardt eine Pause machte kam ich auf mein Anliegen zu sprechen, ich erzählte, dass ich mich als Schreiber betätigen wollte, weil ich keinen richtigen Job hatte und schließlich fragte ich ihn, ob er mir was über Slime erzählen konnte. Er grinste und antwortete kurz:
“Nee, Slime fällt unter die Zensur!”
Ich schaute ihn verständnislos an und fragte nach:
“Wie meinste’n das?”
“Hast du nicht was Interessanteres als Slime? Die sind musikalisch langweilig und inhaltlich haben das die Scherben schon vor zehn Jahren gemacht. Ich bin der Zensor, ich rede nur über gute Musik.”
“Schade, ich soll was über Slime für die taz schreiben.”
Burkhardt holte eine kleines Notizbuch aus der Tasche, er kramte nach Kugelschreiber und Zettel und schrieb mir etwas auf:
“Hier ruf den mal an, der kennt sich mit dieser Art Punk aus. Aber sag mal, wenn du da ‘ne Connection zur taz hast, könntest du ja mal was über eine von meinen Bands schreiben.”
“Ja, natürlich würde ich das gern machen, aber ich muss erstmal sehen, wie das mit dem ersten Artikel läuft. Pappirossi meinte, es wäre nur ein Versuch. Der hat ja noch nie was von mir gelesen.”
Burkhardt lachte laut:
“Du weißt ja, was man über die taz sagt. Die größte Schülerzeitung der Republik. Die werden dich schon nehmen. Im Vertrauen, die nehmen Jeden”
“Ich wollte dich noch was fragen, Burkhardt, kennst du dich mit Fanzines aus? Ich überlege, ob ich sowas wie ein Fanzine mache.”
“Ja, klar.”
Er stand auf und zog ein Heftchen irgendwo vor und reichte es mir. Auf dem schlampig gestalteten Cover stand “Pretty Vacant”.
“Das ist aus Hamburg, fast nur Punk. Da hinten liegt ein ganzer Stapel, auch Berliner Sachen. Aber sag mal, lass mich mal konstatieren. Erstens, du suchst ‘nen Job, zweitens, du willst über Musik schreiben und drittens du brauchst Unterstützung dabei, ein Fanzine zu machen.”

altesfoto2[1] Coca-Cola
In diesem Moment erhob sich die junge Frau, die bis dahin still in einer Ecke über einem Stapel Zettel und einigen Akten gebrütet hatte. Mir fiel auf, dass irgendetwas mit ihrem Gang nicht stimmte, so als ob ein Bein länger wäre als das andere. Sie trug auffallend bunte Kleidung in Buntstiftfarben, einen blauen Pullover, einen knallroten Rock und eine riesige Brille und sie mischte sich in unser Gespräch ein:
“Hat hier jemand Fanzine gesagt? Ich wollte schon immer bei einem Fanzine mitmachen.”
Burkhardt stellte mir die Frau vor:
“Das ist Coca-Cola, meine Buchhalterin.”
“Ich dachte das wäre eine Brause!”, erklärte ich ungewohnt schlagfertig.
“Eigentlich heiße ich Cordula, irgenwann habe ich mich mal vorgestellt und ich muss wohl genuschelt haben, so dass mein Gegenüber Coca-Cola verstanden hat. Seitdem ist das mein Spitzname!”, erklärte Coca-Cola.
“Vielleicht magst du mir helfen bei meinem Heft?”, ich versuchte ein Lächeln. Aber ich war noch woanders:
“Nochmal zurück, Burkhardt, was wolltest du eben sagen, von wegen, erstens, zweitens, drittens?”
“Na ja, deine Interessen und meine Interessen könnte man möglicherwiese verbinden. Ich bräuchte nämlich noch ‘ne Hilfe für den Laden und den Vertrieb. Was würdest du davon halten, bei mir ein Praktikum zu machen, Marcus? Geld kann ich dir zwar nicht geben, aber ‘ne Menge guter Erfahrungen sind für dich drin.”

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Es wurde noch ein erfreulicher Nachmittag. Burkhardt erzählt von seinen Einkaufsreisen nach London, Prag oder Jamaica und legte Platten auf. Cordula erinnerte sich an die Nächte im legendären Punkhouse am Lehniner Platz und wir sammelten schon mal Themen für ein mögliches Fanzine. Daheim packte ich meine Schätze aus, Burkhardt hatte mir ein paar von seinen Platten geschenkt, damit ich darüber schreiben konnte: “Funeral In Berlin” von Throbbing Gristle und eine Single von Frieder Butzmann. Ein paar Platten hatte ich gekauft, ich hatte ja Geld durch Robertos Miete. Zwei teure Maxi-Singles von Fela Kuti und eine Single von den Fehlfarben: “Große Liebe/Maxi”, die mir Burkhardt als erste deutsche Ska-Platte angepriesen hatte, konnte ich meiner Plattensammlung beifügen.

Alle Kapitel des Romans, mit Ausnahme der letzten zwei, sind auf dieser Seite verlinkt:

http://wp.me/P3UMZB-Sx

Illu “Subvert” von Rainer Jacob.

 

Berlinische Leben – „Hollywood-Friedenau“ / “Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Teil 3 / 1982-88

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(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

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Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

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Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

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Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1974 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

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Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau

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Hcls Clubspiel (Ausschnitte des 60/60 cm großen Spielbretts)

1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

In einem anderen Jahr erfand unser Freund Hcl ein “Clubspiel”. Man konnte die legendären Clubs der frühen 80er Jahre, wie das Risiko, den Dschungel oder die MusicHall besuchen, danach in der “Futterkrippe” Currywurst essen und wenn man Pech musste man dann am Bahnhof Zoo lange auf den Bus warten. Andererseits, vielleicht lernte man beim Warten jemand kennen, den man mit ins Bett nehmen konnte. Für das Bett galten, wie für alles komplizierteRegeln. Ziel war möglichst viele Glückspunkte zu bekommen. Natürlich wurden die Regeln durch lange Diskussionen modifiziert.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher von “Hollywood-Friedenau” wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren

Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Noch fehlt mir eine Spielidee für dieses Jahr… Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße.Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und die Schuhe schneller.

“Keep going”.

 

Familienportrait – „Schwäne im Orwelljahr” / A Day in the Life 1984

Text: Marcus Kluge – Fotos: Cordula Lippke & Rainer Jacob

Tags: Orwell 1984, Michael Gira Swans, AFN-TV, Foto Kontaktabzüge, Realität Wiederbeschaffung

Das Jahr 1984 kam und man stellte fest, dass Orwells düstere Zukunftsvision noch nicht eingetreten war. Weder die totale Überwachung durch Big Brother, noch permanenter Weltkrieg waren Realität geworden. Doch es gab Anzeichen, dass beides noch kommen könnte. Immerhin sind die USA, Groß-Britannien und die Bundesrepublik Deutschland in stramm konservativer Hand, doch Reagan, Thatcher und Kohl bespaßen sich zunächst mit Sozialabbau und Aufrüstung.

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Seit sechs Jahren wohne ich in einer winzigen Einzimmerwohnung in der Rheinstraße. Sie ist billig, hat einen Kohleofen, kaltes Wasser und die Toilette ist auf halber Treppe im Treppenhaus. Unter mir ist Herbert eingezogen, wir machen zusammen das Fanzine Assasin, noch ist die West-Berliner Szene spannend. Wir bekommen aus aller Welt Kassetten und Platten zugeschickt, gehen auf Konzerte und schreiben darüber. Wir haben uns einen eigenen Mikrokosmos geschaffen, in dem Herbert „Dr. Dr. Dr. Beinhart Attraktiv“ und ich „Sherlock Preiswert“ bin. Ich frage mich ab und zu, wie lange ich dieses Leben noch führen will. Ende des Jahres werde ich 30, ich habe noch nie einen Fulltimejob gehabt.

Anhand des Kontaktsbogens von einem Ilford HP5-Schwarzweißfilm habe ich den 19. und den 20. Mai 1984 rekonstruiert. Natürlich konnte ich mich auch auf die Anhang dokumentierten Artikel stützen.

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Herbert

Normalerweise konnte ich mit Avantgarde- oder Industrial-Music nicht viel anfangen, „Filth“ allerdings, das erste Album der New Yorker Band „Swans“ begeisterte mich. Es fühlte sich an als würde ein Dinosaurier durch die ältesten Regionen meines Hirns stampfen. Die kraftvolle, langsame Musik brachte eine archaische Saite in mir zum Schwingen. Gern hätte ich mehr über die Band und die Ideen hinter der eigentümlichen Musik erfahren. In der deutschen Musikpresse wird „Filth“ verrissen( siehe Anhang). Als ich Filth im Café Mitropa spielen lasse, gibt mir der Barkeeper das Tape nach zwei Minuten zurück, es wäre „zu hart“.
Ein paar Tage vor dem ersten Berliner Konzert der Swans, am 17. Mai im Loft, rief ich Burkhardt Seiler an. Mein ehemaliger Schulfreund war inzwischen unter dem Namen „Zensor“ eine Institution der Independent Musikszene geworden und hatte „Filth“ in Lizenz veröffentlicht. Ich meldete mein Interesse für ein Interview mit der Band an und Burkhardt wollte sich darum kümmern. Zwei Tage später rief mich Michael Gira an, der Sänger und Sprecher der Band. Er fragte mich, ob wir eine 4-Spur-Tonbandmaschine hätten, auf der man einen „Loop“ herstellen könnten. Ein Tape mit Basismaterial war auf dem Weg nach Berlin verlorengegangen. Mit unserem Tonbandgerät produzierten wir sonst Hörspiele und die Kassettenausgaben von Assasin. Also kamen Norman Westberg und Michael Gira zu uns in die Rheinstr. 14. Michael sang, brüllte und gurgelte ins Mikrofon und daraus schnitt Norman kurze Endlosschleifen, die in halber Geschwindigkeit abgespielt wurden. Der Effekt war verblüffend, nun stampfte ein Dinosaurier durch Herberts Einzimmerwohnung. Die Musiker zogen zufrieden ab, wobei Norman sein Schweizer Offiziersmesser vergaß. Auch ich war zufrieden, Michael Gira hatte zugestimmt mir ein Exklusivinterview zu geben.

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Am Sonnabend, dem 19.Mai, kommt Michael mit seiner Freundin zu mir und beantwortet meine Fragen. Er präzisiert mein vages Gefühl, es gehe um Regression, wie zum Beispiel Töne, die ein Embryo im Mutterleib hört. Er spricht von „Musik für Amöben“, der Zuhörer soll ganz von seinem Verlangen und seinem Alltagsempfinden getrennt werden. Es wird ein langes, gutes Gespräch. (Siehe Anhang). Michaels Freundin sagt nichts, sie liest in Kerouacs „On The Road“, das sie in meinem Bücherregal gefunden hat. Cordula fotografiert alles und Herbert schneidet mit. Nach zwei Stunden, ich habe nur noch eine Frage, muss Michael unbedingt mit New York telefonieren. Das Telefonat dauert, ich schaue etwas frustiert, auch weil ich an meine Telefonrechnung denke.

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Als Michael und seine Freundin gehen, vergessen sie Normans Messer mitzunehmen. Wir machen verschiedene Versuche, das Messer zu seinem Besitzer in New York zurückzugeben, doch es klappt nicht. Wir beschließen auf das nächste Berlinkonzert der Swans zu warten. Es liegt an einem besonderen Platz in der Assasin-Redaktion und erinnert uns an die Dinge, die wir vergessen. Irgendwann wird es geklaut.

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Ich veröffentliche einen begeisterten Text über die Swans im Assasin. Für die taz schreibe ich eine gemäßigte Fassung. Aber die wird nicht gedruckt, angeblich ist das Manuskript verlorengegangen. Auch eine Kopie brauche man nicht, das Thema wäre nun nicht mehr aktuell, heißt es.

Für den Tag nach dem Interview haben Herbert und ich einen Dauerfernsehmarathon geplant. Damals begann das deutsche TV-Programm um 9 Uhr und gegen Mitternacht war Sendeschluss. Nur das US-Soldatenfernsehen AFTV sendete länger, von 6 bis 1.15 Uhr. Mit einem 20-Stundenselbstversuch bereiteten Herbert und ich uns auf die mediale Zukunft vor.
Uns schwant, wenn 1985 das Privatfernsehen eingeführt und West-Berlin verkabelt würde, werde die Quantität der Programme stark ansteigen und die Qualität rapide fallen.

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Am Samstagabend koche ich noch Pilze für mich und Herbert und wir reden noch lange. Natürlich verschlafen wir, aber um 6.15 Uhr schalten wir meine kleine schwarzweiß-Glotze an und da es ein Sonntag ist, müssen wir diverse Gottesdienste über uns ergehen lassen. Kommerzielle Werbung gibt es zwar nicht, aber alle zehn Minuten unterbrechen Clips das Programm, die vor Übergewicht, Drogen oder Spionen warnen und die Ideale des „american-way-of-life“ feiern. Unsere Lieblingsspots sind die „Go out and see Berlin“-Einspieler. Offensichtlich gibt es einen internen Wettbewerb, welcher Kameramann die allerhässlichste Ecke West-Berlins ablichtet. Mir war vorher nie bewusst geworden, wie viele scheußliche Betonblumenkübel es in meiner Heimatstadt gibt.

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Gegen Mittag kommt Rainer um Beweisfotos zu schießen. Mein Bett, indem wir, dekadenterweise, unseren Selbstversuch durchführen, ist mit Tellern, Töpfen und Snackpackungen bedeckt. Wir brauchen wohl viel Energie um durchzuhalten. Gegen Ende wird der Dauerfernseh-Artikel (siehe Anhang), unter dem Einfluss US-amerikanischer Medienkultur, recht seltsam und kryptisch, um nicht zu sagen unintelligent.

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Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass Dauerfernsehen ziemlich blöd macht. Ein Jahr später wurde in der ganzen Bundesrepublik Deutschland das Privatfernsehen eingeführt und mit dem Sendeschluss war ein für alle Mal Schluss.

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Der Hof Rheinstr. 14 (1978)

Eine Kassette und zwei Hefte produzieren wir noch, dann bin ich pleite und die West-Berliner Subkultur wird langweilig, zwischen beiden Tatsachen besteht allerdings kein ursächlicher Zusammenhang. Ende 1985 ziehe ich endgültig zu meiner Freundin und deren Tochter. 1986 beginne ich in der Hochschule für Künste als Pförtner zu arbeiten und wir heiraten. Die Hochzeitsparty findet im Hof der Rheinstr. 14 statt. Ein Jahr später wird das Gebäude abgerissen, ein Neubau mit Supermarkt entsteht stattdessen. Neben dem HdK-Job produziere ich Videofilme und TV-Sendungen für den Offenen Kanal Berlin. 1988 wird Fernsehen mein Hauptberuf, erst als Disponent, dann als Medienberater, arbeite ich 16 Jahre für den Sender, der sich heute ALEX nennt.

Anhang: Scans des Swans- und des AFTV-Artikels.

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Assasin-Website: http://www.assasin.in-berlin.de/

Berlinische Räume – “Wohnsinn” / Eine Biografie in Wohnungen von Marcus Kluge / 1972-2014

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Rheinstraße 14, Einzug 1977.

Bevor ich zuhause auszog,  fühlte ich mich geborgen in der elterlichen Wohnung am Volkspark Wilmersdorf. Kaum war ich dort ausgezogen, machte ich zwiespältige Wohnerfahrungen. Nie war ich richtig glücklich mit meinen Wohnsituationen, immer galt es Abstriche zu machen. Mängel wie nervige Mitbewohner, Außenklo, Ofenheizung, fehlendes Badezimmer reihten sich an einer langen Kette auf. Noch in den 90ern hatte das teure City-Apartment, in das ich nach dem Ende meiner Ehe zog, kurzzeitig Besuch von Kakerlaken, was mich in echte Panik versetzte. Das endete glücklicherweise, als das griechische Restaurant schloss und stattdessen die Promi-Disco “First” einzog, die haben wahrscheinlich mehr Gift benutzt, außerdem verkaufte die Disco eher flüssige Nahrung, die Insekten weniger anzog.

1988 hatte ich das Apartment gemietet, weil damals anderthalb Jahre vor dem Mauerfall, den ja niemand für möglich hielt, der West-Berliner Wohnungsmarkt dicht war, besonders bei kleinen Mietwohnungen. Ich nahm einige Schwächen in Kauf, die teure Miete, die laute Lage an der Lietzenburger Straße und die winzigste Küche, die ich je gesehen hatte. Ein paar Vorteile hatte die Wohnung aber auch. Die Gegend gefiel mir sehr, um die Ecke in der Rankestraße hatte meine Mutter ihren Phonoklub betrieben. Wenn ich über den Rankeplatz schaute, sah ich das Joachimsthalsche Gymnasium, wo ich zwei Jahre als Pförtner gejobbt hatte. Nun als gut bezahlter Medienprofi konnte ich meine Vergangenheit triumphierend von oben betrachten. Dutzende von Kinos waren in wenigen Minuten erreichbar, Kneipen und Cafés luden ein und sogar “after hours” konnte man einkaufen, wogegen sonst in Berlin jedes Geschäft spätestens um halb sieben schloss. Der “Späti” war noch nicht erfunden und “an der Tanke” bekam man damals allenfalls Benzin und Bier. Am Anfang war es auch nicht sehr laut, erst als die Mauer fiel, wurde die Gegend vom ruhigen Off-Kudamm-Kiez zum lauten Aufmarschgebiet für Touristen, Landeier, Prostituierte und Kriminelle aus Ost-Europa und dem nahen Osten.

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Lietzenburger Ecke Joachimsthaler Straße

Anfang der 90er Jahre zog dann das “First”, mit seinem Erfinder und Besitzer Jochen Strecker, ein. Neben meinem Hauseingang lockte nun die, im Stil der Katastrophen-Architektur gehaltene, Tür der Edel-Disco, Berlins Promi- und Schicki-Micki-Szene an. Von da an parkten jedes Wochenende Nobelkarossen auf der Feuerwehrfläche unter meinem Balkon, Jaguars, Rolls-Royces, Daimler-Cabrios und Ferraris. Zusätzlich konnte ich witzige Show-Einlagen beobachten. Zum Beispiel den dicken Türsteher bei heimlichen Geschäften, aber es wurde auch gekifft, gestritten und gevögelt in den und zwischen den Autos der High Society. Von meinem Balkon konnte ich die Ratten munter zwischen den Wagen herumlaufen sehen. Nur einmal habe ich erlebt, dass Polizisten Park-Tickets schrieben. Es folgte ein schneller Auftritt von Jochen Strecker, der den Beamten erfolgreich erklärte, wieso Verbote nicht für seine Gäste galten. Strecker hatte wohl wirklich beste Kontakte bis in die Berliner Landes-Politik hinein.

Letztes Jahr hörte ich noch einmal von ihm. Am 5. März 2013 wurde der Disco-Besitzer Strecker erstochen in seiner Badewanne gefunden: ein Raubmord. Da war ich schon seit fünfzehn Jahren ausgezogen, an den schönen Lietzensee, wo ich immer noch wohne und mich endlich wohl fühle. Träume, in denen ich am östlichen Stadtrand herumirre und die S-Bahn nachhause nicht finde, habe ich allerdings noch immer.

 

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Das “First” heißt heute “Cheshire Cat”.

Mein Weg bis zur ersten eigenen Wohnung war weit. 1973, ich bin 19, will ich unbedingt bei meiner Mutter ausziehen. Ich habe zwar ein schönes, großes Zimmer mit Blick auf den Volkspark Wilmersdorf, aber es ist mir peinlich, noch bei der Familie zu wohnen. Da trifft es sich gut, dass meine Freundin mir einen Job als D.J. besorgt hat, mit Ilona ziehe ich in eine 10-Zimmer-Wohnung in der Schlüterstraße. In der WG hausen ein Schlagersänger, ein frustrierter Fotofachverkäufer, zwei Studentinnen und die Ex-Frau von Anwalt Otto Schily mit Tochter Jenny. Der Sänger hatte das schönste Zimmer, einen Saal mit Bühne, die noch aus dem Vorleben der Wohnung als Bordell stammte. Er hatte drei Singles herausgebracht, die alle nicht erfolgreich waren, wovon er lebte haben wir nie herausbekommen. 250 qm groß, kostete die hochherrschaftliche Behausung damals 1500.- D-Mark. Ein Philharmoniker mit Hippiewurzeln hatte sie ursprünglich gemietet, an ihn lieferten wir monatlich die Knete ab.

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Joachimsthaler Straße: “Manchmal landete ich in einer Demo”

Nachdem der Job und die Freundin perdu waren, zog ich zu einer Freundin in die Joachimsthaler Straße, gegenüber von Bilka. Unser Verhältnis zueinander war nicht so ganz geklärt. Wir waren kein richtiges Päarchen, aber auch mehr als platonische Freunde. Im Herbst 75 überredete mein alter Schulfreund Roberto die Freundin, mit ihm für den Winter nach Goa zu gehen. Indien war nicht mein Ding, schon kürzere Reisen unternahm ich nur nach guter Planung. Ohne Bleibe und Job für sechs Monate in ein asiatisches Land zu fliegen, kam mir nicht nur waghalsig sondern schlichtweg verrückt vor.
Das Gute daran war, ich hatte für sechs Monate die Wohnung in der Joachimsthaler für mich allein, ich freute mich. Als es kalt wurde, und ich zum ersten Mal mit einem Kohleofen konfrontiert war, schmälerte das die Freude. Außerdem nervten die steilen Treppen, wenn man im vierten Stock ankam, war man regelmäßig völlig ausgepowert. Umgekehrt betrat man morgens die Joachimsthaler Straße selten ohne mit manischen Einkäufern oder orientierungslosen Touristen zusammen zu stoßen, mehr als einmal landete ich in einer Demo oder einer ausgewachsenen Straßenschlacht.

Im Frühjahr kam die Freundin zurück aus Indien, wir hatten uns auseinander gelebt, gingen uns in der kleinen Bude auf die Nerven und wieder begab ich mich auf Wohnungssuche. Nach wie vor hing ich viel im Café Bleibtreu rum und lernte dort Norbert kennen. Norbert war ein netter, etwas älterer Typ und er hatte eine schöne Altbauwohnung in der Knesebeckstraße. Ein Zimmer stand leer und im Frühjahr 1976 zog ich ein, es gab sogar Zentralheizung, was ich nach dem Winter mit Kohleofen sehr zu schätzen wusste. Er spielte Gitarre, ich brachte meinen Bass mit und wir musizierten und hörten viel Musik. Er stand auf Steely Dan, Grand Funk Railroad und die Doobie Brothers, nun ja, es gibt Schlimmeres. Er arbeitete nicht, seine Mutter unterstützte ihn wohl, es kann auch sein, das er Sozialhilfe bekam, ich bin mir nicht sicher. Ich jobbte 20 Stunden die Woche in einem Buchladen. Norbert hatte sogar ein Auto, was damals unter meinen Freunden selten war. Zum einkaufen war es prakisch und manchmal fuhren wir zum Schlachtensee, aber mehr konnte man mit dem Wagen nicht machen. West-Berlin war rundherum eingemauert und auf den Stress über die Transitstrecken nach Westdeutschland zu fahren, hatten wir keinen Bock. Wir hatten viele Projekte, nur eines haben wir durchgezogen, wie bauten ein riesiges Schlaf- und Wohn-Podest in seinem Zimmer. Es war die Zeit der Podeste und Hochbetten, die dann in den 90er jahren viel Arbeit beim Abbau machten. Nach einem dreiviertel Jahr begann Norbert sich zu verändern. Er wurde seltsam, entwickelte fixe Ideen und fühlte sich verfolgt. Dann hörte er auf zu schlafen, nach ein paar Tagen war er der Meinung, er könne die deutsche Teilung beenden und er kommunizierte diesen Gedanken auch großräumig. Diese Episode fand ein vorläufiges Ende, als er an einem frühen Sonntagmorgen mit dem Wagen zu Bonnys Ranch fuhr, so nannte man die Wittenauer Nervenklinik, und solange an das Tor pochte, bis man ihn ein- und dann nicht so schnell wieder heraus-ließ.

Norberts Mutter schmiss mich dann raus. Sie befürchtete, ich würde mit der Wohnung Unfug treiben, was ich für ziemlich unverschämt hielt. Im Grunde traute sie mir allein Schlimmeres zu, als ihrem Sohn, der wie ich nun erfuhr bereits öfter Langzeitgast in der Psychiatrie war. Aber so sind Mütter wohl.

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Nun war ich die Wohngemeinschaften leid und wollte unbedingt eine Wohnung für mich allein finden. Doch das war damals ungewöhnlich schwierig. Wenn man keine Beziehungen hatte, war auf das ausgewogene Spiel der Kräfte, also Angebot und Nachfrage, angewiesen. Es war ein absoluter Verkäufermarkt und das nicht so freie Spiel der Kräfte fand am Wochenende statt. Es begann am Sonnabend kurz nach 18 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich am Bahnhof Zoo schon eine riesige Schlange gebildet, die auf die Sonntagsausgabe der Berliner Morgenpost wartete. Wenn dann die Zeitungen geliefert wurden, hetzten auch schon die ersten los, die ein Exemplar erwerben konnten, um am nächsten Telefon potentielle Vermieter anzurufen. Es war garnicht so einfach eine funktionierende Telefonzelle zu finden, weil manche Zellen in der Gegend von unfairen Wohnungssuchenden zerstört waren, die sich daraus einen Vorteil erhofften, weil sie eine alternative Möglichkeit zum Anrufen hatten.
Dazu kam, dass ich mit einem Einkommen von 500 D-Mark im Monat nicht als solventer Mieter galt, meine Chancen waren miserabel.
Der Laden, in dem ich jobbte war neben einer Leiser-Schuh-Filiale und das ganze Haus gehörte Leiser. Irgendwann als ich Müll rausbrachte, fiel mir auf, dass es einen Seitenflügel gab, in dem drei Einzimmer-Wohnungen untergebracht waren. Der Seitenflügel machte einen irgendwie prekären Eindruck, man hatte ihn nachträglich an die Brandmauer geklatscht, um etwas billigen Wohnraum zu schaffen, wahrscheinlich in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts. Ich guckte mir auch den Hof genauer an, um den herum Leiser seine Lagerräume hatte. Der Hof, den offensichtlich niemand nutzte, war etwas 6 mal 30 Meter groß, den Abschluss bildete eine Terrasse, die von einem Mäuerchen zum Nebengrundstück begrenzt wurde. Eine Kastanie spendete Schatten gab dem Hof einen grünen Tupfer. Im Sommer könnte man hier bestimmt schöne Wochenenden verbringen.
Mir war klar, das die Wohnungen keinerlei Komfort boten, vielleicht war es sogar das Prekäre, das mir zusagte, mir förmlich zuflüsterte, hier wäre ein absolut passender Ort zum Leben für mich. Innerhalb von 48 Stunden mietete ich eine der Wohnungen, meine Chefin legte ein gutes Wort für mich ein, und ich zog mit meinen wenigen Sachen von der Knesebeckstraße in die Rheinstraße um. Am Anfang zahlte ich für 28qm weniger als 40 D-Mark Miete. Es war geradezu eine Einladung mich kreativ auszutoben, ohne auf die Lukrativität meiner Projekte zu achten.

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Rheinstraße Idylle

Die Wohnungen über und unter mir waren bewohnt. Oben hauste ein Kohlentrimmer mit Frau und Baby. Das Geld das er beim Kohlen schleppen verdiente, steckte er hauptsächlich in einem Maserati, an dem er ständig herumschraubte. Da es nur ein Außenklo, einen Ausguss mit Kaltwasserhahn in der Küche gab und ein Allesbrenner die einzige Heizmöglichkeit darstellte, muss das Leben mit einem Säugling schwierig gewesen sein. Die unterste Butze beherbergte einen ziemlich finsteren Rocker, der wilde Parties mit seinen Rockerfreunden feierte, er lud mich ein, aber mir gefiel diese Mischung von Testosteron und hochprozentigem Alkohol nicht. Es gab regelmäßig blutige Schlägereien und Polizeieinsätze. Nach einer dieser Parties blieb mein Nachbar verschwunden, ich habe keine Ahnung, was aus ihm wurde. Irgendwann räumte man die Wohnung und sie stand dann leer.

Im Jahr 1982 arbeitete ich als Praktikant bei meinem alten Schulfreund Burkhardt, der in der Belziger Straße den Zensor-Plattenladen und das gleichnamige Label betrieb. Er redete mir zu, meine Idee, ein etwas anspruchsvolleres Fanzine herauszugeben, zu verwirklichen. Allerdings verfestigte sich bei ihm die Vorstellung, das es sich dabei um ein reines “Zensor” Produkt handeln sollte. Ich wollte aber unbedingt unabhängig bleiben, es war die Ära der “Independents”. Um einen Mitstreiter zu gewinnen, der sich in der Musikszene bestens auskannte, sprach ich Herbert an, der damals jedes Konzert mitschnitt. Mit seinen langen Haaren und dem Norwegerpullover, das Mikrofon in die Luft haltend, bildete er eine starke Dissonanz zu den Punks um ihn herum.

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Rheinstraße: Interview mit Michael Gira

Herbert wohnte noch bei seiner Oma und ich schlug ihm vor, in die leere “Rocker”-Wohnung einzuziehen. Wir hatten eine sehr produktive Zeit in der Rheinstraße, wir gaben acht Assasin-Hefte und drei Tapes heraus. Neben Hörspielen, Herbert war und ist ja Hörspielfan und Betreiber der “HörDat”* Website, produzierten wir als Halb-Phantomband “Cut-Up-Swingers” sowas wie Musik. Im Sommer nutzten wir den Hof und die Terrasse, bei der “Kanniball in Berlin”-Party auch die Flachdächer, was uns beinahe die Kündigung eingebracht hat. In den 80er Jahren gab es die Orte, Brachen und nicht mehr ökonomisch nutzbare Gebäude, die von kreativen Menschen in Wunderwelten verwandelt wurden. Auch nach dem Mauerfall setzte eine ähnliche Bewegung im Osten ein, doch leider irgendwann um die Jahrtausendwende hatten Geld und Business sich weitgehend durchgesetzt. Inzwischen verlassen manche Freunde und Bekannte Berlin, weil sie sich hier nicht mehr heimisch fühlen. Ich fühle mich zu alt um nochmal neu zu beginnen, außerdem liebe ich die Idylle am Lietzensee, wo ich jetzt wohne. Ich habe mir ohnehin nie vorstellen können in einer anderen Stadt als Berlin zu leben. Nach dem Ende des Warschauer Pakts und des Realsozialsmus spielte ich mit dem Gedanken in Prag zu leben. Allerdings musste ich akzeptieren, das meine Sprachbegabung nicht reichte, um richtig gut tschechisch zu lernen. Das wäre eine conditio sine qua non gewesen. Also blieb es bei rund zwei Dutzend Besuchen bei meiner freundlichen Wirtin Frau Friedrichova in der Zitna Ulice, der Prager Korngasse.

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“Kanniball in Berlin”

Die kleine Wohnung in der Rheinstraße behielt ich noch lange, obwohl ich schon bei meiner Freundin und ihrer Tochter wohnte. Es war keine einfache Beziehung, manchmal stritten wir und ich blieb eine Zeitlang in der Rheinstraße. Auch wenn ich an Veröffentlichungen arbeitete oder Drucktermine hatte, zog ich es vor, in meiner Klause in Friedenau ohne Ablenkung zu werkeln .Zusammen mit Herbert feierten wir auch manche Parties oder machten Veranstaltungen wie den “Kanniball in Berlin”. Dort traten diverse Bands in Herberts 20qm großem Wohnzimmer auf, wir projezierten Filme auf Hauswände und nutzten auch das Flachdach vor Herberts Wohnung, was uns fast die Kündigung eingebracht hätte. Da sieht man wieder, jeder Versuch den Karneval in Berlin heimisch zu machen, wird von einer engstirnigen Bürokratie sabotiert. Nach sieben Jahren “wilder Ehe” heirateten meine Freundin und ich 1986. In der Rheinstraße 14 feierten wir ein großes Hoffest. Hcl, Herbert und andere Freunde hatten sich ein Art Quiz-Show ausgedacht, bei der meine Frau und ich mehr oder weniger ernst gemeinte Hochzeitsgeschenke gewinnen konnte. Einige Monate später wurde das nicht mehr rentable Haus in der Rheinstraße abgerissen, ich vermisse es. Heute steht da ein seelenloser Neubau mit einer Kaisers-Filiale.

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Lietzensee: Blick vom Balkon

Nach der Hochzeit suchten wir uns eine Wohnung in meinem Lieblingskiez in Schöneberg. Wir fanden eine 3-Zimmer-Wohnung, Eisenacher Ecke Belziger Straße, um den Pudding befand sich der Pinguin-Club. Er befindet sich natürlich noch heute dort, aber ich musste leider zwei Jahre später ausziehen. Nach der Trennung behielt meine Ex-Frau das Schöneberger Domizil und ich zog in das besagte City-Apartment an der Lietzenburger Straße. 1998 hatte ich genug vom Kudamm-nahen Kiez, letztlich machte mir das Schicksal die Entscheidung leichter. Im Frühjahr hatte ich einen Bandscheibenvorfall und ließ mich operieren, danach hörten die Schmerzen nicht auf, trotz langer Reha. Ich bekam einen Vorgeschmack auf Alter und Verfall und entschloss mich eine ruhigere Wohnung in grünerer Umgebung zu suchen. In der Lietzenburger Straße kündigte ich mit achtmonatiger Frist und fand tasächlich eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung am Lietzensee in einer parkähnlichen Siedlung aus den 1920er Jahren. Auch diese war natürlich nicht perfekt, man hatte sie nach Bombenschäden 1951 schnell wieder zusammengezimmert und dabei ein Waschbecken im Badezimmer vergessen. Seit 1951 war sie auch nie modernisiert worden, was mir zugute kam, weil die Miete noch heute bezahlbar ist. 2013 interviewte mich die taz für ihre Reihe “Hausbesuch”**.
Auch ohne Waschbecken im Badezimmer bin ich nun sehr glücklich mit meinen Wohnverhältnissen am Lietzensee, trotzdem suchen mich hin und wieder meine “wohnungslosen Albträume” heim. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Wobei mir einfällt, man soll ja nie nie sagen.

*HörDat:

http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6rDat

Berlinische Leben – „Hollywood-Friedenau“ / “Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Teil 3 / 1982-88

(V.r. Marcus, Herbert, Rainer, Cordula, Boeldicke)

“I never wanted to go back and relive the glory days; I just want to keep moving forward. That’s what I took from punk. Keep going.” Paul Simonon, The Clash

Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun. Insofern waren auch wir “Leute vom Fach”.

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Im Sommer 1982 lernte ich bei einem Zatopek-Konzert in Tempodrom Herbert Piechot kennen. Ich hatte ihn schon bei vielen Konzerten gesehen, durch seine langen Haare und die Strickpullover optisch recht auffällig, stand er, das Mikrofon hochhaltend inmitten des Publikums und schnitt mit. Weil meine Musikkenntnisse doch etwas lückenhaft waren, hoffte ich ihn zur Mitarbeit an meinem geplanten Fanzine zu gewinnen. Andreas B., ein Freund der in Konstanz Mitherausgeber eines Stadtmagazins war, hatte mir bereits seine Unterstützung zugesichert, denn meine verlegerischen Erfahrungen erschöpften sich darin, eine Schreibmaschine zu bedienen und ich wollte schon etwas Größeres auf die Beine stellen, als ein paar fotokopierte Seiten.

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Herbert erinnert sich, dass bei diesem Konzert plötzlich zwei dubios aussehende Herren in Trenchcoats auf ihn zukamen, kurz befürchtete er wir wären “Gema-Agenten”, die sich ihm als Marcus und Andreas vom in Gründung befindlichen Fanzine Assasin vorstellten. Herbert war erleichtert, nicht von der Gema beim Bootleggen erwischt worden zu sein und das Projekt hörte sich spannend für ihn an.
Herbert und ich befreundeten uns, er war 18 und ich 27. Da er bei seiner Oma wohnte und ausziehen wollte, mietete er die Ein-Zimmer-Wohnung unter mir und zog auch in die Rheinstraße 14. Wir arbeiteten zusammen an der Nullnummer, Rainer Jacob entwarf das Assasin-Logo mit dem Fadenkreuz, die typische Schrift in Ausrissform und er gestaltete sehr stimmungsvolle Logos für Rubriken wie “Konzertverriss”, Scheibenwichser” oder “Abschussliste”. Und Rainer war die Ausnahme von der Regel. Er hatte sein Handwerk wirklich an einer Uni und im Job als “Art Director” gelernt. Das erste Heft enthielt so unterschiedliche Themen wie William S. Burroughs, Endorphine, die Beach Boys, “Rauschgifthunde”, sowie einen Bericht vom zweiten Konzert der Ärzte, am 14.10.82, in der Music-Hall.

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Sogar John Peel schrieb uns

Am 27.11.1982 druckte ich bei Monika Dörings Stamm-Druckerei in der Kantstraße den Erstling. Monika lies dort alle ihre Plakate drucken, sie legte ein gutes Wort für mich ein, ich half beim drucken, dadurch blieben die Kosten überschaubar. Ich zahlte nur das Papier und die Druckvorlagen, der Drucker bekam wohl einen Fünfziger auf die Hand. Am Tag danach, einem Sonntag, legten wir die Hefte zusammen, falzten sie und verpackten sie in Plastiktüten. Abends gingen wir auf ein Konzert und begannen den Vertrieb. Zufällig traf ich dort Qpferdach, der am Freitag danach in der taz, als erster Journalist über uns schrieb.

Wir bekamen sehr viel guten Zuspruch, sogar von John Peel bekamen wir eine Postkarte. Kurz vor Weihnachten waren wir noch so euphorisch, dass wir beschlossen alle unsere Freunde zum Heiligabend einzuladen. Ich erinnerte mich an das stimmungsvolle Weihnachten 1973 in der WG in der Schlüterstraße und besorgte alles Nötige für eine Feuerzangenbowle. Damit begründeten Herbert und ich eine Tradition, die bis in die 90er Jahre halten sollte. Jedes Jahr am 24.12., so gegen 21-22 Uhr, wenn die Familienfeste vorbei waren, versammelten sich unsere Freunde. Nach den ersten Gläsern des gefährlichen und hypnotischen Gesöffs wurden dann Spiele gespielt. 1982 ist es, glaube ich, Karriere gewesen ein Brettspiel aus den 60ern, das damals schon kultig war. In den Jahren danach erfanden Herbert und ich neue Spiele, einmal entwickelte Hcl das Klubspiel, in dem man das Risiko, den Dschungel und andere legendäre Orte besuchen konnte oder wir arbeiteten alle zusammen an einer Riesenversion von Outburst.

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Drehbücher, Cast-Kärtchen, Spielgeld aus Hollywood-Friedenau

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Hcls Clubspiel (Ausschnitte des 60/60 cm großen Spielbretts)

1983 gründeten wir zusätzlich eine wöchentliche Kartenrunde. Einmal in der Woche trafen sich der harte Kern der Assasin-Redaktion im Café Mitropa, ich glaube es war am Mittwoch. Wir spielten “Binokel”, ein altes Kartenspiel, das ich wiederentdeckt hatte und tranken dazu Weizenbier. Beides war für die coolen Mitropa-Gäste geradezu ein Affront. Es war die Provokation in der, zum Alltag gewordenen, Provokation der späten Punkjahre.
Aber das aufwendigste und komplexeste aller unserer Spiele sollte “Hollywood-Friedenau” werden. Der riesige Spielplan hatte die Form einer Acht mit 64 Feldern und diversen Nebenschauplätzen. Thema war das Filmgeschäft und Sieger wurde, wem es gelang, drei Spielfilme in unterschiedlichen Genres zu produzieren. Dazu gab es hunderte von Kärtchen mit Schauspielern, Regisseuren und Drehbüchern. Auf den Drehbuchkarten stand jeweils ein Kurztreatment in 3-4 Sätzen. Bei den Titeln hielten wir uns an Klassiker, die wir verballhornten, z.B. “Über den Löchern der Pizza” oder ” Dial M for Mini-Pizza”. Entsprechend hießen die Regisseure Sergio Mälone, Luis Bühnjuwel oder Alfred Kitschkoch. Man konnte Schauspieler wie Robert Mischrum oder Natassja Kunstschie engagieren oder sich von Klaus Dildonger einen Soundtrack schreiben lassen. Ein eigenes Zahlungsmittel hatten wir natürlich auch entwickelt, die MMMs, Meyers Movie Mäuse. Eine Runde dauerte mindestens drei Stunden, meist haben wir zwei oder drei Runden gespielt und bis in den Morgen zusammengesessen.

Screenshot 2014-02-09 09.03.51Filmbär im Pinguin
Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher wieder ein. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.ImageGeheimnisse der T-Shirtherstellung in den 1980er Jahren
Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Also stand Grönemeyer, an einem Becks nuckelnd in der Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen. Als ich 1988 aus Schöneberg weg, in die Kudammnähe zog, verlor ich den engen Kontakt mit vielen Freunden und Mitstreitern. Aber die 80er waren sowieso durch, der Mauerfall mischte alle Karten neu. Hin und wieder fuhr ich noch nach Schöneberg, ins Café Mitropa oder zum Pinguin. Was noch blieb war die Feuerzangenbowle zu Weihnachten, die wir bei mir in der Lietzenburger Straße oder bei Herbert in der Beusselstraße begingen, bis dann Ende der 90er auch damit Schluss war. 2013 habe ich die Tradition wieder aufgenommen, es gibt wieder eine Feuerzangenbowle, aber nicht mehr am Heiligen Abend und nur noch im kleinen Kreise. Noch fehlt mir eine Spielidee für dieses Jahr… Überhaupt erinnert mich die Arbeit am Blog an die Zeiten in der Rheinstraße.

Nur ist heute alles schneller, allein wenn man Drucken mit Posten im Internet vergleicht. Damals waren nur die Musik und die Schuhe schneller. “Keep going”.

Marcus Kluge

– “Schnelle Schuhe” wird fortgesetzt. Im nächsten Text erinnert sich eine Assasin-Redakteurin an die Konzerte der späten 70er und frühen 80er. –

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