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Lost and Found-Marathon: “Off-Kudamm Atmo” / Eine Spurensuche

Solange ich noch nicht wieder auf Fototour gehen kann, werde ich bis Ende Juli alle Lost and Found-Geschichten in einem Sommermarathon rebloggen. Dann müsste ich mich von OP und anhaltendem Infekt erholt haben und an neuen Projekten arbeiten können (In Planung sind: Mehr Schöneberg, Kreuzberg, Mitte/Lustgarten/Schloss und Pankow).

Heute beginnt der Marathon mit der Spurensuche nach meiner verlorenen Zeit in den Nebenstraßen des Kudamms, wo ich vor vier Jahrzehnten lebte und liebte.

“Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-75

Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung. 1975 zahlten wir 1500.-DM für 200qm. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

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2016. Ein paar Meter weiter sitzt ein wassertrinkender Franz Josef Wagner, wie ein fleischgewordenes Symbol für die Gentrifizierungsgeier, die vor 40 Jahren diesen Kiez zu ihrem Projekt machten und Leute wie mich und meine Wohn-Genossen vertrieben.

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Steinplatz: oben 2016, unten 1976 Ilona.

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Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

welt-am-draht-neu

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Von der Atmosphäre des Café Bleibtreu ist nicht viel geblieben, besonders das Filmkunst 66 fehlt. Die Schießerei  am 27. Juni 1970, zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung, nur noch eine verblichene Erinnerung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. “Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte.”

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Als ich sie kennenlernte, arbeitete Ilona in Dralles Teestube in der Pfalzburger Straße. Für den “Xanadu”Roman zeichnete Rainer Jacob den Ort mit Blick auf den Ludwigkirchplatz und stellt “Beaky”, den Protagonisten, vor. Unten: der Ort heute.

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Oben Bleibtreustraße 15, unten die Boutique “Moosgrund” mit ihrem Markenzeichen, der Baumwurzelscheibe, die in Ermangelung einer artgerechten Umgebung, seit 40 Jahren immer wieder geflickt werden muss.

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Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch.

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Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Rosa von Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Kurz danach stirbt er. Es sind wilde Zeiten und viele werden sie nicht überleben. Meist sind Drogen der Grund, AIDS gibt es noch nicht, die Krankheit wird der neue Killer werden.

luzi4

Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil.

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Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung und will weiter, am liebsten in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im “Stern”. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

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Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

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Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen. Was bleibt ist die Erinnerung.

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Text + Fotos 2016: M.K. – Illus und Fotos 70er: Rainer Jacob

 

Berlinische Räume – “Off-Kudamm Atmo” / Eine Spurensuche Teil 1

“Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-75

Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung. 1975 zahlten wir 1500.-DM für 200qm. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

DSCN0023

DSCN0022

2016. Ein paar Meter weiter sitzt ein wassertrinkender Franz Josef Wagner, wie ein fleischgewordenes Symbol für die Gentrifizierungsgeier, die vor 40 Jahren diesen Kiez zu ihrem Projekt machten und Leute wie mich und meine W-Genossen vertrieben.

DSCN0093 (2)

Steinplatz: oben 2016, unten 1976 Ilona.

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Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

welt-am-draht-neu

1975064_3878970508896_1304231574_n

Von der Atmosphäre des Café Bleibtreu ist nicht viel geblieben, besonders das Filmkunst 66 fehlt. Die Schießerei  am 27. Juni 1970, zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung, nur noch eine verblichene Erinnerung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. “Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte.”

DSCN0043 (2)

img_20130720_00081

Als ich sie kennenlernte, arbeitete Ilona in Dralles Teestube in der Pfalzburger Straße. Für den “Xanadu”Roman zeichnete Rainer Jacob den Ort mit Blick auf den Ludwigkirchplatz und stellt “Beaky”, den Protagonisten, vor. Unten: der Ort heute.

DSCN0121 (2) DSCN0123

DSCN0038 (2)DSCN0039 (2)

Oben Bleibtreustraße 15, unten die Boutique “Moosgrund” mit ihrem Markenzeichen, der Baumwurzelscheibe, die in Ermangelung einer artgerechten Umgebung, seit 40 Jahren immer wieder geflickt werden muss.

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DSCN0126 (2)

Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch.

DSCN0012

Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Rosa von Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Kurz danach stirbt er. Es sind wilde Zeiten und viele werden sie nicht überleben. Meist sind Drogen der Grund, AIDS gibt es noch nicht, die Krankheit wird der neue Killer werden.

luzi4

Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil.

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Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung und will weiter, am liebsten in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im “Stern”. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

img_20131217_0005

Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

DSCN0127

Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen. Was bleibt ist die Erinnerung.

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Text + Fotos 2016: M.K. – Illus und Fotos 70er: Rainer Jacob

Familienportrait Teil 22 – “Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-74

Image Gesehen habe ich Ilona zum ersten Mal im Cafe Bleibtreu in der Blei-Streu-Straße, wie sie damals genannt wurde. Am 27. Juni 1970 gibt es eine spektakuläre Schießerei zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte. Speer gilt als Gewinner der Auseinandersetzung, er wird wegen “Raufhandels” und unbefugten Waffenbesitzes zu milden 27 Monaten Haft verurteilt. Jahrzehnte später legen Stasi-Akten nahe, dass Speer die Stararchitektin Kressmann-Zschach ermorden lassen wollte, weil sie mit dem Steglitzer Kreisel pleite zu gehen drohte und Speers Kumpan, der Bordellchef Helmke mit drei Millionen beteiligt war. Speer bekommt ein Dauervisum für die DDR, macht mit Schalck-Golodkowski Geschäfte und gründet, nach dem Knastaufenthalt, eine Boxschule. Er fördert unter anderem die Karriere von Graziano Rocchigiano. Eine typische West-Berliner Biografie.

Ich sitze oft im Café Bleibtreu, Ilona auch, ihre Freundin Hanna aus Bielefeld arbeitet hinterm Tresen. Ilona selbst jobbt bei Dralle in seiner Teestube in der Pfalzburger Straße am Ludwig-Kirchplatz, nebenbei modelt sie ein bißchen. Sie erzählt, dass sie bei Claudia Skoda läuft, die ihre Strickmode in ihrem Loft in der Zossener Straße präsentiert. Bei der Modenschau schleiche ich mich ein, mit amerikanischem Schrauber-Overall und Kamera, gebe ich mich als DPA-Reporter aus. Ich flirte mit Ilona, kann aber nicht mit ihr reden. Martin Kippenberger hat das ganze Loft, auch den Fussboden, mit Fotos tapeziert und mit Klarlack fixiert.

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Als ich Ilona bei Wassily, dem russischen Schauspieler, in der Kantstraße wiedertreffe, bin ich schon bis über beide Ohren in sie verliebt. Ich lade sie zum Essen ein, die Zuneigung ist gegenseitig, schnell werden wir ein Paar. Wir ziehen in eine Zehn-Zimmerwohnung, eine WG in der Schlüterstraße. Zwei Häuser weiter im Haus 39 wird ein paar Jahre später Zitty seine Redaktionsräume haben. 1974 ist die Gegend noch billig, viele Studenten wohnen hier. Es wird der erste Kiez in Berlin sein, an dem ich das Phänomen Gentrifizierung beobachten kann.Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Der Spiegel hat gerade in einer Titelstory behauptet, Philly-Sound wird zur Musik der 70er, wie Rock in den 50ern und Beat in den 60ern. Zu einer Hälfte spiele ich schwarze Musik, zur anderen Rock. Eine Mischung, die zu etwas heftigen Stimmungswechseln führt. Der Geschäftsführer, ein Mann mit Schnäuzer, von dem ich morgens 60 oder 70 Mark in die Hand gedrückt bekomme, hat das Sagen. Er hat die Theorie, man müsse die Tänzer ab und zu von der Tanzfläche holen, damit sie sich Drinks kaufen. Wie Wirte so denken.

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Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch. Später, als sie schon längere Zeit auf Ibiza lebt, verrät ihre Mutter ihr, dass Ilonas biologischer Vater ein Spanier war.

Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

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Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung, 200qm für 1500.-. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

Einmal im Monat kommt Schily selbst, stiefelt in schickem dreiteiligen Anzug übers Parkett. Entweder er hat Glück mit seiner Konfektionsgröße oder er trägt damals schon Masskleidung. Seine Krawatten sind geschmackvoll, die Schuhe blankgeputzt, er trägt gedeckte Farben, oft mit Nadelstreifen. Otto läßt Geld da und schärft uns anderen Bewohnern ein, wir sollen aufpassen, dass seine Ex nur das leichte “Homegrown” raucht. Das kaum wirkende Gras steht in einem Marmeladenglas in der Küche und wird nie weniger, entweder niemand nimmt davon oder die Heinzelmännchen füllen es immer wieder auf. Obwohl seine Ex es sich verbeten hat, muss Otto sich immer einmischen und er ist ein ziemlicher Besserwisser. Er hält unsere WG fälschlicherweise für eine Art Kommune, die ihre Grundwiedersprüche in langen Diskussionen löst. Unsere Versuche, seinen Irrtum aufzuklären sind erfolglos, er erweist sich als beratungsresistent.

Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Sie war Anfang 30, ein bißchen zu bürgerlich angezogen und behauptete Beziehungen in den Untergrund zu haben. Der bewaffnete Kampf der RAF hatte nie meine Sympathie und das erklärte ich ihr.

Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Es sind wilde Zeiten.

Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil. Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung.

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Der Abend nach London, sie hat mir ein BIBA-Shirt mitgebracht

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Sie führt mir ihre neuen Kleider vor, bleibt aber distanziert

Ilona will unbedingt in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im Stern. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

Image Das Stern-Foto

Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen.

M.K.

Bleistreustraßen-Krimi:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2010/07/20/a0140

Alle bisher veröffentlichten Folgen findet ihr hier:

http://wp.me/P3UMZB-1

Familienportrait – “Große Liebe, Blei-Streu-Straße, WG und Tolstefanz” / 1973-74

Image Gesehen habe ich Ilona zum ersten Mal im Cafe Bleibtreu in der Blei-Streu-Straße, wie sie damals genannt wurde. Am 27. Juni 1970 gibt es eine spektakuläre Schießerei zwischen der Bande von Kiez-König Klaus Speer und einer konkurrierenden iranischen Gangstergruppierung. Streitpunkt war die lukrative Vorherrschaft in der Bordellszene. Der Schusswechsel, in der seitdem Blei-Streu-Straße genannten Nebenstraße des Kudamms, kostete ein Todesopfer und drei Verletzte. Speer gilt als Gewinner der Auseinandersetzung, er wird wegen “Raufhandels” und unbefugten Waffenbesitzes zu milden 27 Monaten Haft verurteilt. Jahrzehnte später legen Stasi-Akten nahe, dass Speer die Stararchitektin Kressmann-Zschach ermordete, weil sie mit dem Steglitzer Kreisel pleite zu gehen drohte und Speers Kumpan, der Bordellchef Helmke mit drei Millionen beteiligt war. Speer bekommt ein Dauervisum für die DDR, macht mit Schalck-Golodkowski Geschäfte und gründet, nach dem Knastaufenthalt, eine Boxschule. Er fördert unter anderem die Karriere von Graziano Rocchigiano. Eine typische West-Berliner Biografie.

Ich sitze oft im Café Bleibtreu, Ilona auch, ihre Freundin Hanna aus Bielefeld arbeitet hinterm Tresen. Ilona selbst jobbt bei Dralle in seiner Teestube in der Pfalzburger Straße am Ludwig-Kirchplatz, nebenbei modelt sie ein bißchen. Sie erzählt, dass sie bei Claudia Skoda läuft, die ihre Strickmode in ihrem Loft in der Zossener Straße präsentiert. Bei der Modenschau schleiche ich mich ein, mit amerikanischem Schrauber-Overall und Kamera, gebe ich mich als DPA-Reporter aus. Ich flirte mit Ilona, kann aber nicht mit ihr reden. Ein Fotograf hat das ganze Loft, auch den Fussboden, mit Fotos tapeziert und mit Klarlack fixiert. Der Fotograf hat auch Ilona abgelichtet.

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Im Schrauberoverall

Als ich Ilona bei Wassily, dem russischen Schauspieler, in der Kantstraße wiedertreffe, bin ich schon bis über beide Ohren in sie verliebt. Ich lade sie zum Essen ein, die Zuneigung ist gegenseitig, schnell werden wir ein Paar. Wir ziehen in eine Zehn-Zimmerwohnung, eine WG in der Schlüterstraße. Zwei Häuser weiter im Haus 39 wird ein paar Jahre später Zitty seine Redaktionsräume haben. 1973 ist die Gegend noch billig, viele Studenten wohnen hier. Es wird der erste Kiez in Berlin sein, an dem ich das Phänomen Gentrifizierung beobachten kann.

Wir arbeiten im Ur-Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Sie hinterm Tresen, ich als DJ. Es ist die Ära des Philly-Sound. Der Spiegel hat gerade in einer Titelstory behauptet, Philly-Sound wird zur Musik der 70er, wie Rock in den 50ern und Beat in den 60ern. Zu einer Hälfte spiele ich schwarze Musik, zur anderen Rock. Eine Mischung, die zu etwas heftigen Stimmungswechseln führt. Der Geschäftsführer, ein Mann mit Schnäuzer, von dem ich morgens 60 oder 70 Mark in die Hand gedrückt bekomme, hat das Sagen. Er hat die Theorie, man müsse die Tänzer ab und zu von der Tanzfläche holen, damit sie sich Drinks kaufen. Wie Wirte so denken.

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Zum Sonnenaufgang gehen wir ins Borriquito um die Energie der Nacht loszuwerden, auschillen würde man heute sagen. Ilona ist Spanienfan, sie isst Conejo, ich Tintenfisch. Später, als sie schon längere Zeit auf Ibiza lebt, verrät ihre Mutter ihr, dass Ilonas biologischer Vater ein Spanier war.

Wenn wir nicht arbeiten, gehen wir ins Filmkunst 66 in die Spätvorstellung. Da laufen immer tolle Filme, an ein Festival mit Melodramen kann ich mich gut erinnern. Unser Lieblingsfilm ist natürlich Cabaret, Ilona hat durchaus etwas von einer Sally Bowles. Unter der S-Bahnbrücke schreien wir, drücken und küssen uns, bis die glotzenden Passanten zu sehr nerven und wir weitergehen, um Mark-Pizza zu essen oder in der Knesebeckstraße Billiard zu spielen.

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Ein halbes Jahr sind wir sehr glücklich. In der WG feiern wir Heiligabend, die erste weihnachtliche Feuerzangenbowle, der noch viele folgen werden, nur in anderen Räumen mit anderen Menschen. Vorn wohnt ein Schlagersänger, sein Raum hat eine kleine Bühne. Vorher war ein Bordell in der Wohnung, 200qm für 1500.-. Ganz hinten wohnt Schilys geschiedene Frau Christine mit ihrer sechsjährigenTochter Jenny.

Einmal im Monat kommt Schily selbst, stiefelt in schickem dreiteiligen Anzug übers Parkett. Entweder er hat Glück mit seiner Konfektionsgröße oder er trägt damals schon Masskleidung. Seine Krawatten sind geschmackvoll, die Schuhe blankgeputzt, er trägt gedeckte Farben, oft mit Nadelstreifen. Otto läßt Geld da und schärft uns anderen Bewohnern ein, wir sollen aufpassen, dass seine Ex nur das leichte “Homegrown” raucht und nichts Stärkeres nimmt. Das kaum wirkende Gras steht in einem Marmeladenglas in der Küche und wird nie weniger, entweder niemand nimmt davon oder die Heinzelmännchen füllen es immer wieder auf. Obwohl seine Ex es sich verbeten hat, muss Otto sich immer einmischen und er ist ein ziemlicher Besserwisser. Er hält unsere WG fälschlicherweise für eine Art Kommune, die ihre Grundwiedersprüche in langen Diskussionen löst. Unsere Versuche, seinen Irrtum aufzuklären sind erfolglos, er erweißt sich als beratungsresistent.

Das Tolstefanz soll schließen. Angeblich hat man ein oder zwei Dealer erwischt, außerdem stand im Stern, hier würden RAF-Leute verkehren. Ich habe nie welche gesehen, nur einmal hat eine ungeschickte Zivi-Frau mich anwerben wollen. Vielleicht war sie auch von der Stasi, das wußte man ja nie genau damals. Sie war Anfang 30, ein bißchen zu bürgerlich angezogen und behauptete Beziehungen in den Untergrund zu haben. Der bewaffnete Kampf der RAF hatte nie meine Sympathie und das erklärte ich ihr.

Es gibt eine rauschende Abschiedsparty im Tolstefanz. Alle Stammgäste lassen noch einmal die Sau raus. Dietmar Kracht, Star des Praunheim-Films “Die Berliner Bettwurst” und exhibitionistischer Selbstdarsteller demonstriert, dass man Joints auch mit dem Gesäß rauchen kann. Es sind wilde Zeiten.

Dann leben wir uns auseinander. Ich bin arbeitslos, habe kaum Geld. Ilona verdient gut in einem Kneipenjob, fliegt nach London, entdeckt die Rocky Horror Show und kauft bei BIBA trendige Klamotten im Art-Deco Stil. Mir geht es nicht gut, ich habe abgenommen, merke, dass sie mir entgleitet. Sie bringt mir auch was mit, aber sie ist auf dem Sprung.

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Der Abend nach London, sie hat mir ein BIBA-Shirt mitgebracht

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Sie führt mir ihre neuen Kleider vor, bleibt aber distanziert

Ilona will unbedingt in den Süden. Schließlich trennen wir uns. Sie geht nach Ibiza, ich erkenne sie auf einem Foto im Stern. Sie posiert mit anderen hübschen Mädchen auf einem schnellen Motorboot und hat offensichtlich viel Spass.

Image Das Stern-Foto

Ein halbes Jahr später treffe ich sie in der Bleibtreustraße, sie ist wieder in Berlin und arbeitet als Nanny bei Jürgen Barz, dem Benjamin von Insterburg und Co. Ich besuche sie in der Xantener Straße, Jürgen, der nicht da ist, hat einen Videorekorder. Ich bin begeistert, so etwas wünsche ich mir schon seit 1965. Damals sah ich in der Micky Maus den Prototyp eines solchen Heimgeräts, 20 000 $ sollte das Teil damals kosten. Wir kucken “The Pink Panther”, Ilona erzählt von ihrer Enttäuschung auf Ibiza.

Ein Jahr später fliegt sie wieder auf die Insel, diesmal läuft es besser. Sie bleibt und lebt immer noch dort, als wir uns in den 90ern auf der Funkausstellung wiedersehen. Dort laufen wir uns alle zwei Jahre über den Weg. Sie macht Promotion für “Filmbrillen” oder was immer ihr der Messe-Service vermittelt. Mit diesen regelmäßigen Jobs in Deutschland sichert sie sich zumindest eine kleine Rente. Ich produziere Fernsehsendungen für den Offenen Kanal Berlin und gehe in dieser Aufgabe ziemlich auf. Zwischendurch esse ich mich durch die VIP-Lounges. Sie ist bodenständig geworden, hat Mann, Haus und Café. Mein Herz macht jedesmal einen Sprung, wenn ich sie sehe. Doch wir leben in unterschiedlichen Welten und haben uns wenig zu sagen.

Familienportrait – „Maskerade“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Sechs / 1973 / von Marcus Kluge

Es ist ein Montagmorgen als das Unheil passiert. Sechs Wochen sind sie nun zusammen, alles scheint wunderschön, sie sind verliebt und Probleme hat es bisher nicht gegeben. Beaky fühlt sich selbstsicher, er ist von innerer Ruhe erfüllt, er stottert nicht und wird nicht rot. Beaky nimmt immer noch heimlich kleine Mengen Heroin, das Schnupfen hinterläßt ja keine Spuren. Weder sieht man Einstiche auf der Haut, noch die typischen Stecknadelpupillen oder das blasse Gesicht, das die Stoffwechselveränderung bei Fixern verursacht und weshalb sie für den Kundigen so leicht zu identifizieren sind. Er glaubt fest, wenn er das Pulver aufgebe, würde er die Maske aus Selbstsicherheit verlieren und sein Glück würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Er realisiert nicht, auf wie dünnem Eis er tanzt, die euphorisierende Wirkung der Droge hilft ihm die Einbruchsgefahr fast perfekt zu verdrängen. Nur wenn er unterwegs ist, um Drogen zu holen oder zu verkaufen, kommen ihm solche Gedanken vom Scheitern seiner Liebe zu Hanna. Dann schnupft er auf der nächsten Toilette ein kleines Häufchen Pulver und im Handumdrehen sind die Sorgen und die belastenden Selbstvorwürfe im Kopf verschwunden. An diesem Morgen hat Beaky vergessen das Badezimmer abzuschließen und als er eben dabei ist, die hellbraune Substanz ins Nasenloch hochzuziehen, betritt Hanna den Raum und erwischt ihn. Sie ist sauer, stocksauer. Ohne sich seine Entschuldigungen anzuhören, wirft sie ihn aus ihrer Wohnung. Beaky steht wie ein begossener Pudel auf der Treppe, als die Wohnungstür noch einmal kurz aufgeht und Hanna seine Wildlederjacke auf ihn pfeffert.

Wir alle haben unsere Schwächen. Die kleineren, wie etwa die Essanfälle, die uns nächtens vor den Kühlschrank treiben oder die Ausreden, mit denen wir uns vor uns selbst entschuldigen, weil wir wieder nicht Sport gemacht haben. Und es gibt die etwas bedeutenderen, wie die Beerdignug eines Bekannten, zu der wir nicht gegangen sind, weil wir am Abend vorher gefeiert haben oder die Hilfe, die wir zugesagt und doch nicht gegeben haben. Falls sie diese nicht kennen, stellen sie sich etwas Anderes vor, das ihnen bekannt ist. Lassen sie sich nicht täuschen, jeder hat Schwächen, auch wenn manche Mitmenschen wie Heilige wirken. Ob wir diese Entscheidungen aus freiem Willen oder eher nach unseren Instinkten und heimlichen Wünschen treffen, was wohl ganz überwiegend der Fall ist, soll uns nicht weiter beschäftigen. Besonders wenn Freunde beteiligt sind, die wir im Stich gelassen haben, neigen wir dazu uns schuldig zu fühlen. Denn die Verantwortung übernehmen wir dann. Es sei denn wir gehören zur privilegierten Klasse der Soziopathen, denen diese Last genommen wurde, weil ihnen Gewissen, Empathie und soziales Mitempfinden fehlen. Ich jedenfalls, ich hatte einen solchen Moment der Schwäche, als Ende Juni gegen Mitternacht Beaky ins Tolstefanz kam, um mich um Hilfe zu bitten. Und als ich Anfang August zurück kam aus meinem Urlaub und erfuhr, welchen tragischen Verlauf die Dinge genommen hatten, senkte sich mein schlechtes Gewissen, wie ein engmaschiges Netz auf mich nieder und ich brauchte lange, um mich wieder davon zu befreien.

Das Ur-Tolstefanz hatte sein Domizil in der Sächsischen Straße, nicht weit von der Pariser Straße entfernt, in einem großen Eckladen. Die Discothek war jeden Abend voll, Studenten, Langhaarige, hübsche Mädchen, die tanzen wollten und ein paar Jet-Setter, oder Gäste, die sich dafür hielten. Meine Freundin Ilona hatte mir den D.J.-Job besorgt, sie arbeitete schon länger am Tresen und schwärmte dem Chef von meiner Musikbegeisterung und meiner Plattensammlung vor, bis der mich engagierte. Die Arbeit war ideal für mich, ich wurde nur selten angequatscht, was meiner Menschenscheu zugute kam und das Platten auflegen machte mir wirklich Spaß. Ich fing um neun Uhr an und gegen vier kam Karlo, ich glaube so wurde er genannt, und drückte mir 60.- D-Mark in die Hand, manchmal mehr. Das war viel für mich, natürlich verdiente Ilona besser, schon weil sie großzügige Trinkgelder bekam.

In dieser Nacht, ich glaube es war die Nacht zum 27.Juni 1973, blendete ich eben von den Doors auf die Rolling Stones über. Nach „L.A. Woman“ blieben meist alle Tänzer dabei, um ihr Mitleid mit dem Teufel zu bekunden: „Sympathy for the Devil“. Heikler als diese Blende waren die Wechsel von Rock zu schwarzer Musik, aber Karlo wollte das so haben. Wenn dabei Tänzer ausstiegen, war ihm das Recht, sie sollten ja auch Drinks kaufen. Außerdem wollte er nicht zuviele schwarze Gäste im Tolstefanz haben, genausowenig, wie er nicht zuviele “Rocker” in seinem Laden sehen wollte. Also spielte ich seiner Ansage folgend, zu einer Hälfte Rock und zur anderen „The Sound of Philadelphia“, ein gerade sehr beliebtes Genre des Soul, das der Spiegel damals in einer Titelstory zur Leit-Musik der 70er Jahre erklärt hatte. Die Prophezeiung war ja richtig, nur bezeichnete man diesen Stil später mit dem umfassenderen Begriff „Disco“. Als die ersten Tänzer in den berühmten Background-Chor des Stones-Songs einstimmten, „Huh Huh“, „Huh Huh“, stand Beaky vor mir und es war klar, dass es ihm übel ging.

Ich stellte meine Monitorboxen leiser und Beaky fing unvermittelt an, auf mich einzureden: „Marcus, du musst mir helfen, es geht um Hanna!“, das wäre auch mein erster Gedanke gewesen. „Sie hat mich erwischt, beim Pulver ziehen und jetzt will sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich liebe sie und ich muss irgendwas tun, um sie zurückzugewinnen.“

“Vielleicht hättest du dir das früher überlegen sollen. Dass Hanna da ihre Grundsätze hat, wird dir doch klar gewesen sein“, war meine weder originelle noch empathische Antwort und wirklich Mitleid hatte ich auch nicht. In diesem Moment war ich es leid, immer wieder der Notnagel für Beaky zu sein und ich wusste auch wirklich nicht, wie ich ihm helfen sollte. Schließlich war heute Nacht meine letzte Schicht vor dem Frankreich-Urlaub. Zwei Tage später würde ich schon in Paris sein, zum ersten Mal Paris, ich freute mich sehr darauf. Mir fiel nichts anderes ein, als ihm den Rat zu geben, einen Entzug zu machen und wenn er die schlimmen Tage überstanden hatte, zu ihr zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten. Dann holte ich zwei Pils, trank mit ihm, quatschte ein bißchen über Musik und die Anlage hier im Laden, aber ich merkte das er in Gedanken woanders war. Ja. Natürlich war er das. Also schickte ich ihn nachhause mit dem strengen Befehl, am morgigen Tag mit dem Entzug anzufangen. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre mir klar gewesen, dass er, so ganz alleine einen „cold turkey“ nicht durchhalten würde. Ohne ein die Entzugserscheinungen milderndes Medikament und ohne „soziale“ Unterstützung würde er nicht durchhalten. Wenn am zweiten oder dritten Tag, die Schmerzen und die depressiven Gedanken unerträglich würden, hätte er wohl nicht die Kraft abstinent zu bleiben. Außerdem kannte er genug Leute, die ihm sogar ohne Bares, das eine oder andere Pulver auf „Kommi“ geben würden. Also “Kommission”, was bedeutete “auf Kredit”, dann würde er wieder verkaufen müssen und wäre drin im Teufelskreis aus Konsumieren, Dealen und wieder Konsumieren. Aber soweit wollte ich in jener Nacht nicht denken und manchmal mutmaße ich, wenn ich mich anders, hilfsbereiter, verhalten hätte, wäre es nicht zu der unglücklichen Verkettung von Ereignissen gekommen, die auf diese Nacht folgte, während ich in Frankreich war, weit weg von deren Schauplatz.

Beaky fing am nächsten Tag nicht an, das Heroin zu entziehen. Er war sich sicher, er könne auf Entzug nicht arbeiten gehen und nachdem er schon seine Freundin verloren hatte, wollte er wenigstens an seinem Job festhalten. Auf die naheliegende Idee zum Arzt zu gehen kommt er zwar, aber zu dem alten Hausarzt mit den Schmissen will er nicht und einen anderen kennt er nicht. Also steht er um elf auf, zerkleinert eine Prise Heroin mit einer 50 Pfennig-Münze und saugt das Häufchen mit einem zusammengerollten 20 D-Mark-Schein in sein rechtes Nasenloch. Der Versuchung seinem linken Nasenloch die gleiche Behandlung zukommen zu lassen, widersteht er. Es reicht aber auch, augenblicklich sind seine trüben Gedanken verschwunden, er duscht, zieht ein sauberes hellblaues Batik-T-Shirt an und macht sich auf den Weg zu Ingomar von Puvogels Antik-Galerie in der Schlüterstraße.

Der Antiquitätenhändler ist sehr verständnisvoll und gibt sich empathisch, als Beaky ihm von Hannas Entscheidung, die Beziehung zu beenden, erzählt. “Complètement desolé”, sei er, “betrübt” also. Und: “Ja ja, die Frauen, unberechenbar seien sie.” Beaky ist froh, von seinem Chef verstanden zu werden und kommt nicht auf die Idee, dass Puvogel diese Situation zu seinem Vorteil ausnützen könnte. Denn eben darüber denkt der undurchsichtige Herr mit dem Bärtchen nach. Er ist bereits dabei, in seiner Vorstellung einen Plan zu schmieden.
“Vielleicht kann ich sie etwas ablenken, Frieder. Sie lesen doch gern und sie mögen Bücher. Haben sie schon mal von Karl Grünberg gehört? Das war ein kommunistischer Schriftsteller.” Beaky zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.
“1928 hat er Brennende Ruhr veröffentlicht, ein Roman über den Ruhraufstand, das war eine Arbeitererhebung gegen den reaktionären Kapp-Putsch”, dozierte Puvogel. “Thomas Mann hat das Buch geschätzt, erstaunlicherweise”, nun schüttelte Puvogel sein pomadisiertes Haupt über den großbürgerlichen Romancier, der Gutes über den “Asphaltliteraten” Grünberg geschrieben hatte. Beaky hatte Mühe den Ausführungen seines Chefs zu folgen. Worauf wollte Puvogel denn hinaus?
“Grünberg ist letztes Jahr gestorben. Ich hatte das Glück, mir einen Teil seines Nachlasses zu sichern, fast seine ganze Bibliothek.”
“Ach, Bücher”, bemerkte Frieder überflüssigerweise.
“Ja, mein lieber Frieder. Bücher, habent sua fata libelli. Sie haben ihr Schicksal, die Bücher”, er nickte.
“Um sie ein wenig aufzubauen, werde ich ihnen einige Doubletten überlassen, Was halten sie davon?” Davon hielt Frieder, der lieber Beaky genannt werden wollte, viel.

Bild

Am gleichen Abend klingelte Beaky an der Tür von Puvogels Privatwohnung in der Fasanenstraße. Er war noch nie dort gewesen und bewunderte die Villa aus dem 19. Jahrhundert. Man sah noch Schäden aus dem 2. Weltkrieg, sodass eine Anmutung von Ruine das Bauwerk umgab, verstärkt noch durch die Dämmerung wirkte es düster und geheimnisvoll auf den jungen Mann. Sein Chef öffnete, im Anzug wie immer, allerdings hatte er statt einer Krawatte ein blau-goldenes Seidentuch um den Hals. Puvogel führte ihn in einen großzügigen Wohnraum, der von einem Konzertflügel dominiert wurde. Sonst bestand die Einrichtung aus einer seltsamen Mischung von schlichten Bauhaus-Möbeln und eher verspielten Jugendstil-Lampen und anderen Accessoires aus dem fin de siécle. Ja, Beaky stellte stolz fest, dass er schon einiges über Antiquitäten gelernt hatte in den letzten Monaten. An den Wänden hingen, neben venezianischen Masken, Grafiken, die er wegen ihrer reichen Ornamentik auch dem Jugendstil zuordnen konnte, dennoch hatte er dergleichen noch nie gesehen. Einige davon waren geradezu pornografisch.
“Aubrey Beardsley. Ein genialer englischer Zeichner und Illustrator, der leider nur 25 Jahre alt wurde. Er starb fast so früh wie heute die Pop-Sänger, nur waren es bei ihm nicht die Drogen, er hatte Tuberkulose.” Beaky überlegte, ob die Anspielung ihm gegolten hatte, Puvogel wusste von seinen Drogenproblemen, aber er wischte den Gedanken zur Seite.
Der Ältere hofierte den Jungen in eine Sitzecke, wo mehrere Barcelona-Sessel um einen flachen Glastisch gruppiert waren. Auf dem Tisch stapelten sich schon einige Bücher. Puvogel entschuldigte sich, um weitere “Doubletten”, wie er sagte, zu holen und der junge Mann verspürte einen plötzlichen Drang der Natur. Auf dem Flur irrte er umher und öffnete eine Tür, dahinter befand sich so etwas wie ein Fotostudio. Seltsam, er wusste gar nicht, dass Puvogel diesem Hobby frönte. Inmitten einiger Scheinwerfer ruhte eine Art Chaiselongue vor einer goldfarbenen Tapete, daneben auf einem Podest stand die Statue eines nackten jungen Mannes, dessen bäuerlich wulstige Stirn nicht so recht zu dem sonst eher filigranen Körper passen wollte.
“Curiosity killed the cat!”, hörte Beaky seinen Arbeitgeber rezitieren. “Nicht jede Tür im Leben sollte man öffnen, geschätzter Freund.”
Nachdem er sich erleichtert hatte, wurde er von Puvogel auf einem der Sessel platziert und hörte dann den Erläuterungen über die meist dicken, gebundenen Bücher vor sich zu. Puvogel empfahl ihm Thomas und Heinrich Mann, Frieder war froh bei Thomas Mann etwas mitreden zu können. Nachdem er ihm einige Klassiker wie Dante, Rabelais und eine dreibändige Casanova-Ausgabe ans Herz legte, stand Puvogel auf, um eine “Erfrischung” zu holen. Frieder schwirrte der Kopf.

Heutzutage kennen wir die entlegensten Single Malt Whiskies, die aus kleinen Destillerien in gutsortierte Fachgeschäfte geliefert werden, aber in den 70er Jahren war, zumindest in Deutschland, der Scotch der Wahl “Chivas Regal”. Der Romancier der Edel-Kolportage, Johannes Mario Simmel hatte diesem schottischen Destillat 1971 in “Der Stoff aus dem die Träume sind” ein Denkmal gesetzt. Auch Frieder hatte davon gehört, unter anderem von seinem Vater, der Chivas als teuersten Schnaps auf der Karte seiner Kneipe führte. So kam es, das Frieder, obwohl er nicht scharf auf Alkohol war, unbedingt probieren wollte, als der Galerist eine Flasche des edlen Getränks auf einem Beistelltisch öffnete. Er goss in zwei Whisky-Tumbler je zwei Finger breit von der goldbraunen, öligen Flüssigkeit. Dann bestand er darauf Beaky einen Eiswürfel ins Glas zu tun, dessen Protest ließ er nicht gelten, Chivas trinke man natürlich mit Eis! Mit den Gläsern kam der zwielichtige Kunsthändler zum Tisch zurück und reichte Beaky eines davon.

Der Whisky schmeckt schärfer, als der Jüngere sich das vorgestellt hat. Puvogel erzählt nun von einem Gedichtband, noch einmal reisst Beaky sich zusammen, weil sein Chef das legendäre “Xanadu” erwähnt. Samuel Taylor Coleridge habe ein Gedicht darüber geschrieben, “Kubla Khan”. Es solle Coleridge, wie eine Vision, im Opiumrausch erschienen sein. Das ist das Letzte woran er sich erinnert. Dann wird es dunkel um ihn.

Endlich hat er es geschafft, er ist in Xanadu. Beaky weiß zwar nicht genau, wie er hergekommen ist, mit dem Flugzeug wahrscheinlich. Doch nun ist er hier. Ein bißchen enttäuscht ist er schon, er hätte es sich prächtiger vorgestellt. Wenn er sich umschaut, sieht er vor allem Wüste und Ruinen, besser die Reste von Ruinen. Mauern, die schon vor Jahrhunderten geschleift wurden, abgebrochene Säulen und unter Sand fast verschwundene Fundamente und Wege. Nirgendwo sieht er Menschen, das macht ihn nervös. Er läuft schneller und nach einer Weile sieht er so etwas wie einen Kiosk, an dem man Karten, Reiseführer, Souvenirs und auch Getränke kaufen kann. Im Kiosk steht ein Mann mit blonden, lockigen Haaren, der eine Maske trägt, er erinnert Beaky an Bob Dylan. “Das ganze Zeug wartet nur auf deine Wenigkeit”, sagt Bob Dylan, nickt ihm zu und öffnet die Arme zu einer allumfassenden Geste. Beaky, der eigentlich etwas zu trinken kaufen wollte, wird rot und unsicher. Sein Mund ist staubtrocken, wahrscheinlich die Wüstenluft, sein Hals ist wie zugeschnürt. Jetzt hört er Pferdegetrappel hinter sich, er sieht sich um und erkennt Hanna, die auf einem weißen Pferd auf ihn zu reitet. Sie neigt sich zu ihm nieder und flüstert in sein Ohr: “Komm Beaky, I think it’s time to go.” Dann reicht sie ihm die Hand und zieht ihn auf den Schimmel. Sofort nachdem er sie von hinten umfasst hat, reitet sie los. Er hört eben noch, wie Bob Dylan ruft: “Das wird der reinste Osterspaziergang!” Er wundert sich, dass Bob Dylan deutsch kann. Sie reiten bis sie zu einer Kneipe kommen, sie sieht aus wie das “Zum Schotten” in der Schlüterstraße. “Seltsam”, denkt Beaky und steigt ab. Auch die andere Person steigt vom Pferd und dreht sich um. Er bekommt einen Riesenschrecken als er sieht, das nun Puvogel vor ihm steht. Puvogel dreht im brachial den Arm um und schiebt ihn in die Kneipe, in der ein Fotostudio aufgebaut ist. Der Mann mit dem Schnurrbart zwingt ihn auf die Chaiselongue und nimmt sein Hèrmes-Tuch ab, das er um Beakys Hals legt und ihn damit würgt bis der Junge bewusstlos wird.

Am nächsten Morgen erwacht Beaky mit einem Filmriss, der so groß und breit ist wie eine Hollywood-Verfilmung des alten Testaments: Außerdem hat er höllische Kopfschmerzen und ein äußerst ungutes Bauchgefühl. Wie war der Abend zuende gegangen? Wie war er nach Haus und ins Bett gekommen? Und was war passiert in den Stunden, die ihm fehlen?
Auf dem Küchentisch findet er einen Zettel von seiner Mutter:
“Guten Morgen, Frieder. Dein Chef hat dich gestern heim gebracht, Du warst offensichtlich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken. Ich mache mir Sorgen. Bin um sieben wieder da, wir müssen reden. Deine Mama.”
Zusätzlich zu seinem Missbefinden, überfällt ihn glühend-heiß sein schlechtes Gewissen, als er den Zettel seiner Mutter liest. Er versucht sich zu sammeln, kocht Kaffee und dreht sich eine Zigarette. Das belebende Getränk und das Nikotin helfen ihm, seine Fassung wieder zu erlangen. Langsam findet er in den Tag. Seine Kehle ist immer noch wie ausgedörrt. Er lässt eben ein Glas kaltes Wasser einlaufen, als es an der Wohnungstür schellt.
“Frieder Becker” steht auf dem Päckchen, Beaky erkennt Hannas Handschrift. Als er beim Gang zurück in die Küche das Päckchen aufreißt, stolpert er über eine Reisetasche. Was ist denn das? Er hat sie noch nie gesehen. In der Küche schüttelt er den Inhalt des Päckchens über den Küchentisch. Es enthält nur zwei Dinge, eine Musikkassette und eine Visitenkarte. Die Karte ist von einem Professor Dr. Amon Philippus, einem Psychiater und Psychotherapeuten in der Uhlandstraße. “Du brauchst Hilfe”, hat Hanna noch dazu geschrieben. Er trinkt das Wasser, mit der Kassette geht Beaky zurück in sein Zimmer und legt sie ein. Dann hört er ein Lied, das er von Hanna kennt. Es ist ihm peinlich eben dieses Lied zu hören, er wird rot, denn der Text trifft ihn exakt an seiner wunden Stelle, dem Schuldgefühl das er hat, weil er die Beziehung in den Sand gesetzt hat, wegen eines kleinen Häufchens Pulver und zum ersten Mal seit seiner Kindheit weint er.

“I’ve seen the needle
and the damage done
A little part of it in everyone
But every junkie’s
like a settin’ sun.”

Fortsetzung folgt

Neil Youngs Song über Heroinsucht, “The Needle and the Damage Done”, erschien zuerst auf seinem Studioalbum “Harvest” im Jahre 1972. Es ist seitdem von einer fast unendlichen Reihe von Musikern gecovert worden. Hier erfährt man mehr darüber:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Needle_and_the_Damage_Done

Der vollständige Text:
http://www.azlyrics.com/lyrics/neilyoung/needleandthedamagedone.html

Die Zeichnung ist eine Orginal-Illustration von Rainer Jacob. Die Grafik “Maskerade” stammt von Aubrey Beardsley (©: creative commons). Das siebte Kapitel trägt den Titel “Downtown”. “Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten, die ich mit Erfundenem vermischt habe. Im Ergebnis ist “Die Legende von Xanadu” eine fiktive Geschichte. Um Persönlichkeitsrrechte zu schützen habe ich außerdem Namen und Details verändert.

Familienportrait – „Maskerade“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Sechs / von Marcus Kluge / 1973

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Es ist ein Montagmorgen als das Unheil passiert. Sechs Wochen sind sie nun zusammen, alles scheint wunderschön, sie sind verliebt und Probleme hat es bisher nicht gegeben. Beaky fühlt sich selbstsicher, er ist von innerer Ruhe erfüllt, er stottert nicht und wird nicht rot. Beaky nimmt immer noch heimlich kleine Mengen Heroin, das Schnupfen hinterläßt ja keine Spuren. Weder sieht man Einstiche auf der Haut, noch die typischen Stecknadelpupillen oder das blasse Gesicht, das die Stoffwechselveränderung bei Fixern verursacht und weshalb sie für den Kundigen so leicht zu identifizieren sind. Er glaubt fest, wenn er das Pulver aufgebe, würde die Maske aus Selbstsicherheit niedersinken und sein Glück würde wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Er realisiert nicht, auf wie dünnem Eis er tanzt, die euphorisierende Wirkung der Droge hilft ihm die Einbruchsgefahr fast perfekt zu verdrängen. Nur wenn er unterwegs ist, um Drogen zu holen oder zu verkaufen, kommen ihm solche ängstlichen Gedanken vom Scheitern seiner Liebe zu Hanna. Dann schnupft er auf der nächsten Toilette ein kleines Häufchen Pulver und im Handumdrehen sind die Sorgen und die belastenden Selbstvorwürfe im Kopf verschwunden. An diesem Morgen hat Beaky vergessen das Badezimmer abzuschliessen und als er eben dabei ist, die hellbraune Substanz ins Nasenloch hochzuziehen, betritt Hanna den Raum und erwischt ihn. Sie ist sauer, stocksauer. Ohne sich seine Entschuldigungen anzuhören, wirft sie ihn aus ihrer Wohnung. Beaky steht wie ein begossener Pudel auf der Treppe, als die Wohnungstür noch einmal kurz aufgeht und Hanna seine Wildlederjacke auf ihn pfeffert.

Wir alle haben unsere Schwächen. Die kleineren, wie die Essanfälle, die uns nächtens vor den Kühlschrank treiben oder die Ausreden, mit denen wir uns vor uns selbst entschuldigen, weil wir wieder nicht Sport gemacht haben. Und es gibt die etwas bedeutenderen, wie die Beerdignug eines Bekannten, zu der wir nicht gegangen sind, weil wir am Abend vorher gefeiert haben oder die Hilfe, die wir zugesagt und doch nicht gegeben haben. Falls sie diese nicht kennen, stellen sie sich etwas Anderes vor, das ihnen bekannt ist. Lassen sie sich nicht täuschen, jeder hat Schwächen, auch wenn manche Mitmenschen wie Heilige wirken. Ob wir diese Entscheidungen aus freiem Willen oder eher nach unseren Instinkten und heimlichen Wünschen treffen, was wohl ganz überwiegend der Fall ist, soll uns nicht weiter beschäftigen. Besonders wenn andere beteiligt sind, die wir im Stich gelassen haben, neigen wir dazu uns schuldig zu fühlen. Denn die Verantwortung übernehmen wir dann. Es sei denn wir gehören zur privilegierten Klasse der Soziopathen, denen diese Last genommen wurde, weil ihnen Gewissen, Empathie und soziales Mitempfinden fehlen. Ich jedenfalls, ich hatte einen solchen Moment der Schwäche, als Ende Juni gegen Mitternacht Beaky ins Tolstefanz kam, um mich um Hilfe zu bitten. Und als Anfang August zurück kam aus meinem Urlaub und erfuhr, welchen tragischen Verlauf die Dinge genommen hatten, senkte sich mein schlechtes Gewissen, wie ein engmaschiges Netz auf mich nieder und ich brauchte lange, um mich wieder davon zu befreien.

Das Ur-Tolstefanz hatte sein Domizil in der Sächsischen Straße, nicht weit von der Pariser entfernt, in einem großen Eckladen. Die Discothek war jeden Abend voll, Studenten, Langhaarige, hübsche Mädchen, die tanzen wollten und ein paar Jet-Setter, oder Gäste, die sich dafür hielten. Meine Freundin Ilona hatte mir den D.-J.-Job besorgt, sie arbeitete schon länger am Tresen und schwärmte dem Chef von meinen Musikbegeisterung und meiner Plattensammlung vor, bis der mich engagierte. Die Arbeit war ideal für mich, ich wurde nur selten angequatscht, was meiner Menschenscheu zugute kam und das Platten auflegen machte mir wirklich Spaß. Ich fing um neun Uhr an und gegen vier kam Karlo, ich glaube so wurde er genannt, und drückte mir 60.- D-Mark in die Hand, manchmal mehr. Das war viel für mich, natürlich verdiente Ilona besser, schon weil sie großzügige Trinkgelder bekam.

In dieser Nacht, ich glaube es war die Nacht zum 27.Juni 1973, blendete ich eben von den Doors auf die Rolling Stones über. Nach „L.A. Woman“ blieben meist alle Tänzer dabei, um ihr Mitleid mit dem Teufel zu bekunden: „Sympathy for the Devil“. Heikler als diese Blende waren die Wechsel von Rock zu schwarzer Musik, aber Karlo wollte das so haben. Wenndabei Tänzer ausstiegen, war ihm das Recht, sie sollten ja auch Drinks kaufen. Außerdem wollte er nicht zuviele schwarze Gäste im Tolstefanz haben, genausowenig, wie er nicht zuviele “Rocker” in seinem Laden sehen wollte. Also hieß seine Ansage, zu einer Hälfte Rock und zur anderen „The Sound of Philadelphia“, ein gerade sehr beliebtes Genre des Soul, das der Spiegel damals in einer Titelstory zur Leit-Musik der 70er Jahre erklärt hatte. Die Prophezeiung war ja richtig, nur bezeichnete man diesen Stil später mit dem umfassenderen Begriff „Disco“. Als die ersten Tänzer in den berühmten Background-Chor des Stones-Songs einstimmten, „Huh Huh“, „Huh Huh“, stand Beaky vor mir und es war klar, dass es ihm übel ging.

Ich stellte meine Monitorboxen leiser und Beaky fing unvermittelt an auf mich einzureden: „Marcus, du musst mir helfen, es geht um Hanna“, das wäre auch mein erster Gedanke gewesen. „Sie hat mich erwischt, beim Pulver ziehen und jetzt will sie nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich liebe sie und ich muss irgendwas tun, um sie zurück zu gewinnen.“ „Vielleicht hättest du dir das früher überlegen sollen. Dass Hanna da ihre Grundsätze hat, wird dir doch klar gewesen sein“, war meine weder originelle noch empathische Antwort und wirklich Mitleid hatte ich auch nicht. In diesem Moment war ich es leid, immer wieder der Notnagel für Beaky zu sein und ich wusste auch wirklich nicht, wie ich ihm helfen sollte. Außerdem war heute Nacht meine letzte Schicht vor dem Frankreich-Urlaub. Zwei Tage später würde ich schon in Paris sein, zum ersten Mal Paris. Mir fiel nichts anderes ein, als ihm den Rat zu geben, einen Entzug zu machen und wenn er die schlimmen Tage überstanden hatte, zu ihr zu gehen und sie um Verzeihung zu bitten. Dann holte ich zwei Pils, trank mit ihm, quatschte ein bißchen über Musik, die Anlage hier im Laden, aber ich merkte das er in Gedanken woanders war. Ja. Natürlich war er das. Also schickte ich ihn nachhause mit dem strengen Befehl, am morgigen Tag mit dem Entzug anzufangen. Wenn ich darüber nachgedacht hätte, wäre mir klar gewesen, dass er, so ganz alleine einen „cold turkey“ nicht durchhalten würde. Ohne ein die Entzugserscheinungen milderndes Medikament und ohne „soziale“ Unterstützung würde er nicht durchhalten. Wenn am zweiten oder dritten Tag, die Schmerzen und die depressiven Gedanken unerträglich würden, hätte er wohl nicht die Kraft abstinent zu bleiben. Außerdem kannte er genug Leute, die ihm sogar ohne Bares, das eine oder andere Pulver auf „Kommi“ geben würden. Also “Kommission”, was bedeutete “auf Kredit”, dann würde er wieder verkaufen müssen und wäre drin im Teufelskreis aus Konsumieren, Dealen und wieder Konsumieren. Aber soweit wollte ich in jener Nacht nicht denken und manchmal mutmaße ich, wenn ich mich anders, hilfsbereiter, verhalten hätte, wäre es nicht zu der unglücklichen Verkettung von Ereignissen gekommen, die auf diese Nacht folgte, während ich in Frankreich war, weit weg von deren Schauplatz.

Beaky fing am nächsten Tag nicht an, das Heroin zu entziehen. Er war sich sicher, er könne auf Entzug nicht arbeiten gehen und nachdem er schon seine Freundin verloren hatte, wollte er wenigstens an seinem Job festhalten. Auf die naheliegende Idee zum Arzt zu gehen kommt er zwar, aber zu dem alten Hausarzt mit den Schmissen will er nicht gehen und einen anderen kennt er nicht. Also steht er um elf auf, zerkleinert eine Prise Heroin mit einer 50 Pfennig-Münze und saugt das Häufchen mit einem zusammengerollten 20 D-Mark-Schein in sein rechtes Nasenloch. Der Versuchung seinem linken Nasenloch die gleiche Behandlung zukommen zu lassen, widersteht er. Augenblicklich sind seine trüben Gedanken verschwunden, er duscht, zieht ein sauberes hellblaues Batik-T-Shirt an und macht sich auf den Weg zu Ingomar von Puvogels Antik-Galerie in der Schlüterstraße.

Der Antiquitätenhändler ist sehr verständnisvoll und gibt sich empathisch, als Beaky ihm von Hannas Entscheidung die Beziehung zu beenden erzählt. “Complètement desolé”, sei er, “betrübt” also. Und: “Ja ja, die Frauen, unberechenbar seien sie.” Beaky ist froh, von seinem Chef verstanden zu werden und kommt nicht auf die Idee, dass Puvogel diese Situation zu seinem Vorteil ausnützen könnte. Denn eben darüber denkt der undurchsichtige Herr mit dem Bärtchen nach. Er ist bereits dabei, in seiner Vorstellung einen Plan zu schmieden.
“Vielleicht kann ich sie etwas ablenken, Frieder. Sie lesen doch gern und sie mögen Bücher. Haben sie schon mal von Karl Grünberg gehört? Das war ein kommunistischer Schriftsteller.” Beaky zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.
“1928 hat er “Brennende Ruhr” veröffentlicht, ein Roman über den Ruhraufstand, das war eine Arbeitererhebung gegen den reaktionären Kapp-Putsch”, dozierte Puvogel. “Thomas Mann hat das Buch geschätzt, erstaunlicherweise”, nun schüttelte Puvogel sein pomadisiertes Haupt über den großbürgerlichen Romancier, der Gutes über den “Asphaltliteraten” Grünberg geschrieben hatte. Beaky hatte Mühe den Ausführungen seines Chefs zu folgen. Worauf wollte Puvogel denn hinaus?
“Grünberg ist letztes Jahr gestorben. Ich hatte das Glück, mir einen Teil seines Nachlasses zu sichern, fast seine ganze Bibliothek.”
“Ach, Bücher”, bemerkte Frieder überflüssigerweise.
“Ja, mein lieber Frieder. Bücher, “habent sua fata libelli”. Sie haben ihr Schicksal, die Bücher”, er nickte.
“Um sie ein wenig aufzubauen, werde ich ihnen einige Doubletten überlassen, Was halten sie davon?” Davon hielt Frieder, der lieber Beaky genannt werden wollte viel.

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Am gleichen Abend klingelte Beaky an der Tür von Puvogels Privatwohnung in der Fasanenstraße. Er war noch nie dagewesen und bewunderte die Villa aus dem 19. Jahrhundert. Man sah noch Schäden aus dem 2. Weltkrieg, sodass eine Anmutung von Ruine das Bauwerk umgab, verstärkt noch durch die Dämmerung wirkte es düster und geheimnisvoll auf den jungen Mann. Sein Chef öffnete, im Anzug wie immer, allerdings hat ein statt einer Krawatte ein blau-goldenes Seidentuch um den Hals. Puvogel führte ihn in einen großzügigen Wohnraum, der von einem Konzertflügel dominiert wurde. Sonst bestand die Einrichtung aus einer seltsamen Mischung von schlichten Bauhaus-Möbeln und eher verspielten Jugendstil-Lampen und anderen Accessoires aus dem fin de siécle. Ja, Beaky stellte stolz fest, dass er schon einiges über Antiquitäten gelernt hatte in den letzten Monaten. An den Wänden hingen, neben venezianischen Masken, Grafiken, die er wegen ihrer reichen Ornamentik auch dem Jugendstil zuordnen konnte, dennoch hatte er dergleichen noch nie gesehen. Einige davon waren geradezu pornografisch.
“Aubrey Beardsley. Ein genialer englischer Zeichner und Illustrator, der leider nur 25 Jahre alt wurde. Er starb fast so früh, wie heute die Pop-Sänger, nur waren es bei ihm nicht die Drogen, er hatte Tuberkulose.” Beaky überlegte, ob die Anspielung ihm gegolten hatte, Puvogel wusste von seinen Drogenproblemen, aber er wischte den Gedanken zur Seite.
Der Ältere hofierte den Jungen in eine Sitzecke, wo mehrere Barcelona-Sessel um einen flachen Glastisch gruppiert waren. Auf dem Tisch stapelten sich schon einige Bücher. Puvogel entschuldigte sich, um weitere “Doubletten”, wie er sagte, zu holen und der junge Mann verspürte einen plötzlichen Harndrang. Auf dem Flur irrte er umher und öffnete eine Tür, dahinter befand sich so etwas wie ein Fotostudio. Seltsam er wusste garnicht, dass Puvogel diesem Hobby frönte. Inmitten einiger Scheinwerfer ruhte eine Art Chaiselongue vor einer goldfarbenen Tapete, daneben auf einem Podest stand die Statue eines nackten jungen Mannes, dessen bäuerlich wulstige Stirn nicht so recht zu dem sonst eher filigranen Körper passen wollte.
“Curiosity killed the cat”, hörte Beaky seinen Arbeitgeber rezitieren. “Nicht jede Tür im Leben sollte man öffnen, geschätzter Freund.”
Nachdem er sich erleichtert hatte, wurde er von Puvogel auf einem der Barcelona-Sessel platziert und hörte dann den Erläuterungen über die meist dicken, gebundenen Büchern vor sich, zu. Puvogel empfahl ihm Thomas und Heinrich Mann, Frieder war froh bei Thomas Mann etwas mitreden zu können. Nachdem er ihm einige Klassiker wie Dante, Rabelais und eine dreibändigen Casanova-Ausgabe ans Herz legte, stand Puvogel auf, um eine “Erfrischung” zu holen. Frieder schwirrte der Kopf.
Heutzutage kennen wir die entlegensten Single Malt Whiskies, die aus kleinen Destillerien in gutsortierte Fachgeschäfte geliefert werden, aber in den 70er Jahren war, zumindest in Deutschland, der Scotch der Wahl “Chivas Regal”. Der Romancier der Edel-Kolportage, Johannes Mario Simmel hatte diesem schottischen Destillat 1971 in “Der Stoff aus dem die Träume sind” ein Denkmal gesetzt. Auch Frieder hatte davon gehört, unter anderem von seinem Vater, der Chivas als teuersten Schnaps auf der Karte seiner Kneipe führte. So kam es, das Frieder, obwohl er nicht scharf auf Alkohol war, unbedingt probieren wollte, als der Galerist eine Flasche des edlen Gesöffs auf einem Beistelltisch öffnete. Er goss in zwei Whisky-Tumbler je zwei Finger breit von der gold-braunen, öligen Flüssigkeit. Dann bestand er darauf Beaky einen Eiswürfel ins Glas zu tun, dessen Protest ließ er nicht gelten, Chivas trinke man natürlich mit Eis. Mit den Gläsern kam der zwielichtige Kunsthändler zum Tisch zurück und reichte Beaky eines davon.

Der Whisky schmeckt schärfer, als der Jüngere sich das vorgestellt hat. Puvogel erzählt nun von einem Gedichtband, noch einmal reisst Beaky sich zusammen, weil sein Chef das legendäre “Xanadu” erwähnt. Samuel Taylor Coleridge habe ein Gedicht darüber geschrieben, “Kubla Khan”. Es soll ihm, wie eine Vision im Opiumrausch erschienen sein. Das ist das Letzte woran er sich erinnert. Dann wird es dunkel um ihn.

Endlich hat er es geschafft, er ist in Xanadu. Beaky weiß zwar nicht genau, wie er hergekommen ist, mit dem Flugzeug wahrscheinlich, diese Art zu reisen ist ja rasant. Doch nun ist er hier. Ein bißchen enttäuscht ist er schon, er hätte es sich prächtiger vorgestellt. Wenn er sich umschaut, sieht er vor allem Wüste und Ruinen, besser die Reste von Ruinen. Mauern, die schon vor Jahrhunderten geschleift wurden, abgebrochene Säulen und unter Sand fast verschwundene Fundamente und Wege. Nirgendwo sieht er Menschen, das macht ihn nervös. Er läuft schneller und nach einer Weile sieht er so etwas wie einen Kiosk, an dem man Karten, Reiseführer, Souvenirs und auch Getränke kaufen kann. Im Kiosk steht ein Mann mit blonden, lockigen Haaren, der eine Maske trägt, er erinnert Beaky an Bob Dylan. “Das ganze Zeug wartet nur auf dich”, sagt Bob Dylan, nickt ihm zu und öffnet die Arme zu einer allumfassenden Geste. Beaky, der eigentlich etwas zu trinken kaufen wollte, wird rot und unsicher. Sein Mund ist staubtrocken, wahrscheinlich die Wüstenluft, sein Hals ist wie zugeschnürt. Jetzt hört er Pferdegetrappel hinter sich, er sieht sich um und erkennt Hanna, die auf einem weißen Pferd auf ihn zu reitet. Sie neigt sich zu ihm nieder und flüstert in sein Ohr: “Du brauchst Hilfe, I think it’s time to go.” Dann reicht sie ihm die Hand und zieht ihn auf den Schimmel. Sofort nachdem er sie von hinten umfasst hat, reitet sie los. Er hört eben noch, wie Bob Dylan ruft: “das wird der reinste Osterspaziergang.” Er wundert sich, dass Bob Dylan deutsch kann. Sie reiten bis sie zu einer Kneipe kommen, sie sieht aus das “Zum Schotten” in der Schlüterstraße. “Seltsam”, denkt Beaky und steigt ab. Auch die andere Person steigt vom Pferd und dreht sich um. Er bekommt einen Riesenschrecken als er sieht, das nun Puvogel vor ihm steht. Puvogel dreht im brachial den Arm um und schiebt ihn in die Kneipe, in der ein Fotostudio aufgebaut ist. Der Mann mit dem Schnurrbart zwingt ihn auf die Chaiselongue und nimmt sein Hèrmes-Tuch ab, das er um Beakys Hals legt und ihn damit würgt bis der Jüngere bewusstlos wird.

Am nächsten Morgen erwacht Beaky mit einem Filmriss, der so groß und breit ist, wie eine Hollywood-Verfilmung des alten Testaments: Außerdem hat er höllische Kopfschmerzen und ein äußerst ungutes Bauchgefühl. Wie war der Abend zuende gegangen? Wie war er nach Haus und ins Bett gekommen? Und was war passiert in den Stunden, die ihm fehlen?
Auf dem Küchentisch findet er einen Zettel von seiner Mutter:
“Guten Morgen, Frieder. Dein Chef hat dich gestern heim gebracht, Du warst offensichtlich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken. Ich mache mir Sorgen. Bin um sieben wieder da, wir müssen reden. Deine Mama.”
Zusätzlich zu seinem Missbefinden, überfällt ihn glühend-heiss sein schlechtes Gewissen, als er den Zettel seiner Mutter liest. Er bemüht sich sich zu sammeln, kocht Kaffee und dreht sich eine Zigarette. Das belebende Getränk und das Nikotin helfen ihm, seine Fassung wieder zu erlangen. Langsam findet er in den Tag. Seine Kehle ist immer noch wie ausgedörrt. Er lässt eben ein Glas kaltes Wasser einlaufen, als es an der Wohnungstür schellt.
“Frieder Becker” steht auf dem Päckchen, Beaky erkennt Hannas Handschrift. Als er beim Gang zurück in die Küche das Päckchen aufreißt, stolpert er über eine Reisetasche. Was ist denn das? Er hat sie noch nie gesehen. In der Küche schüttelt er den Inhalt des Päckchens über den Küchentisch. Es enthält nur zwei Dinge, eine Musikkassette und eine Visitenkarte. Die Karte ist von einem Professor Dr. Amon Philippus, einem Psychiater und Psychotherapeuten in der Uhlandstraße. “Du brauchst Hilfe”, hat Hanna noch dazu geschrieben. Er trinkt das Wasser, mit der Kassette geht Beaky zurück in sein Zimmer und legt sie ein. Dann hört er ein Lied, das er von Hanna kennt. Es ist ihm peinlich eben dieses Lied zu hören, er wird rot, denn der Text trifft ihn exakt an seiner wunden Stelle, dem Schuldgefühl das er hat, weil er die Beziehung in den Sand gesetzt hat, wegen eines kleinen Häufchens Pulver und zum ersten Mal seit seiner Kindheit weint er.

“I’ve seen the needle
and the damage done
A little part of it in everyone
But every junkie’s
like a settin’ sun.”

Fortsetzung folgt

Neil Youngs Song über Heroinsucht, “The Needle and the Damage Done”, erschien zuerst auf seinem Studioalbum “Harvest” im Jahre 1972. Es ist seitdem von einer fast unendlichen Reihe von Musikern gecovert worden. Hier erfährt man mehr darüber:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Needle_and_the_Damage_Done

Der vollständige Text:
http://www.azlyrics.com/lyrics/neilyoung/needleandthedamagedone.html

Die Zeichnung ist eine Orginal-Illustration von Rainer Jacob. Die Grafik “Maskerade” stammt von Aubrey Beardsley (Co: creative commons). Das siebte Kapitel erscheint am Ende der Woche, es trägt den Titel “Plan B”. “Die Legende von Xanadu” beruht auf wahren Begebenheiten. Allerdings habe ich Namen, Orte und Daten soweit verändert, dass eine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen tatsächlich rein zufällig und nicht beabsichtigt wäre. M. K.

Familienportrait – Easy Andi Solo Gitarre / 1970-99

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Drei Uhr am Nachmittag, trotz der Sonnenstrahlen ist es eiskalt im Tiergarten. Wir drücken uns um eine Bank herum und rauchen. Das Kino fängt erst um halb vier an. “Easy Rider” läuft im Kino Bellevue am Hansaplatz. Zuerst ist es im Kino auch noch kalt, doch dann wird uns fast so warm wie den beiden Bikern im Film, auf der Leinwand vor uns. Trotz des traurigen Endes, die von Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson gespielten Figuren sterben, haben wir gute Laune. Der Film hat uns Kraft gegeben. Andi, Richard und ich spinnen rum, wie wir durch Amerika biken, große Deals machen und uns als Rockband feiern lassen. Das meiste davon ist utopisch, doch die Geschichte mit der Band verfolgen wir weiter. Es ist der 13. März 1970.

 

In diesem Sommer und Herbst werde ich mir immer wieder die Nase an Otto Simonowskis Musikhaus am Zoo plattdrücken. Erst 44 Jahre später werde ich erfahren, dass auch Dee Dee Ramone hier seine erste Gitarre gekauft hat. Da er mit der sechsseitigen Gitarre nicht gut klarkommt, wechselt er später zum Bass. Ich träume von Anfang an von einem Bass.

Im Sommer 1970 gehe ich mit Andi zum Smoke-In im Tiergarten. Jeden Sonnabend nachmittags sitzen hier “Gammler”, so werden sie im Fernsehen genannt. Sie drehen Joints und kiffen. Beim ersten Mal gab es noch Flugblätter, die das Happening als politische Demonstration bezeichnen. Das ist es auch, aber hauptsächlich ist er eine kollektive Lebensäußerung von Außenseitern in einem Land, das zum Spießbürgertum neigt und das aus seiner Nazivergangenheit kaum etwas gelernt hat. Die Langhaarigen, die hier mit Bongos, Gitarren und Maultrommeln sitzen, provozieren, testen ihre Spielräume aus und sie vertreiben mit ihrem Tun die kleinbürgerlichen Geister der Vergangenheit. Über der Szene bilden sich Rauchwolken. Die Polizei ist auch da, berittene Beamte umkreisen in weitem Bogen die “Gammler”.

Andi und mich nennt man auch Gammler mit unseren mehr als schulterlangen Haaren, den ausgefransten Jeans und den Batik-T-Shirts. Zum Beispeiel wenn wir an Baustellen vorbei kommen, dann hören wir: “Euch hätte man früher vergast.” oder “Geht doch in den Osten, ihr Dreckschweine.” Schläge werden uns angedroht und manchmal müssen wir auch flitzen, um diesen zu entgehen. Acht oder neun Jahre später werde ich wieder an Baustellen vorbei kommen und wieder werden mir Schläge angedroht, nur jenes Mal wegen meiner raspelkurzen Haare, selbst wenn diese nicht gefärbt sind. Denn die Bauarbeiter haben inzwischen lange Haare und lange Koteletten, sie tragen Jeans und bunte T-Shirts, während ich nur noch schwarz trage.

Zu Weihnachten bekomme ich einen weißen Höfner-Bass, der aussieht wie eine Telecaster. 1971 treten wir ein paarmal auf. Es macht viel Spaß, Andi zeigt mir die Bassläufe, ein großes musikalisches Talent habe ich, im Gegensatz zu ihm, nicht. Richard trommelt, Rolf spielt klaglos Rhythmusgitarre, während Andi sich in ultralangen Solos verliert. Dann wird unsere Anlage geklaut, damit ist das Thema Band für mich erstmal erledigt. Andi jammt mit unterschiedlichen Musikern, in eine neue Band steigt er nicht ein.

Die meisten meiner Freunde sind Frauen und die männlichen sind meist sehr kommunikativ veranlagt. Wenn wir zusammen sind, sprechen wir stundenlang miteinander und wenn wir uns trennen, bleibt Vieles ungesagt, das eigentlich noch gesagt werden müsste. Nur mit Andi ist es anders, wir sprechen nicht soviel. Manchmal laufen wir lange nebeneinander durch den Wald ohne irgendein Wort. Wenn wir reden, dreht es sich um Liebe, Sehnsucht und unsere Träume. Über Frauen sprechen wir häufig, wenn wir Liebeskummer haben trösten wir uns. Nein, wir streichen uns nicht gegenseitig über die langen Haare, eher frozzeln wir uns ein bißchen an bis der Blues besser wird.

Andi ist fast immer in eine Frau verliebt. Meist aus der Distanz, aber in erreichbarer Ferne. Wenn es dann zu einer Beziehung kommt, dauert diese meist nicht lange. Andi mit seinen langen, dunklen Haaren und dem androgynen Blick macht auf viele Frauen Eindruck. Er ist aber nie an einem One-Night-Stand interessiert, für ihn gibt es immer nur das momentane Ideal, die aktuelle Frau seiner Frau seiner Träume, die große Liebe. Wenn er dann mit ihr zusammen ist, kann die Wirklichkeit nicht mithalten mit dem Traum. Für mich kann die Realität zum Traum werden, ich verliebe mich auch in Frauen, die ich zufällig treffe oder die auf mich zukommen. Für ihn ist nur der Traum die Realität. Nur die Eine zählt und im Laufe seines Lebens ändert sich das nicht. Im Gegenteil, er wird immer zentrierter auf die jeweilige Traumfrau und die Frauen, die er sich aussucht sind immer weiter entfernt von ihm und immer schwerer zu erobern.

Anfang der 70er Jahre sind wir noch jung und wir glauben an unsere Träume. Oft fotografieren wir uns, im Tiergarten oder in Kudammnähe. Einmal ist seine derzeitige Flamme Sabine dabei. Ich fotografiere die beiden in der klassischen Film-Ende-Pose, wie sie mit ihren Levis in Richtung Sonnenuntergang marschieren. Wie Andi auf sie gekommen ist, kann ich nicht nachvollziehen. Nach ein paar Tagen bekommt er auch Zweifel und beendet die Romanze.

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Andi und ich gehen zusammen tanzen. Eine Weile besuchen wir donnerstags die Dachluke am Mehringdamm. Der Disc-Jockey ist meistens Gunter Gabriel, erst zwei oder drei Jahre später wird seinen ersten Hit haben: “Er fährt ‘nen 30 Tonner-Diesel”. Gegen zehn, wenn die Tanzfläche noch leer ist, spielt er für uns den “Midnight Rambler” von den Rolling Stones. Dann ziehen wir unsere Tanzshow ab, die langen Mähnen und die zehn Zentimeter hohen “Market”-Boots spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich weiß das “strangle” würgen heißt, trotzdem wird mir erst Jahre später klar, dass der Song einen Serienmörder beschreibt.

1972 fahren wir im Sommer auf die Insel Texel, als Kind war ich schon mal da, die wilde Nordsee hat mir gut gefallen. Wir haben uns ein Zelt geborgt, als wir am späten Abend auf dem Campingplatz ankommen bauen wir es auf, so gut wir können. In der Nacht regnet es und wir wachen klitschnass auf am nächten Morgen. Zum einen haben wir in einer Senke gezeltet und das Zelt war auch nicht richtig geschlossen. Trotz solcher Probleme geniessen wir die Zeit sehr. Hier regt sich niemand über unsere langen Haare auf und wir lernen nette Leute kennen. Nur das Wetter ist nicht so toll. Oft sitzen wir in der gemütlichen Caféteria, essen leckere Pommes und trinken Kakao. Das geht ins Geld. Abends gehen wir ein paarmal in die große Disco, dort sehen wir Bands wie Golden Earring, Ekseption und Focus. Besonders die beiden letzten gefallen Andi, er mag die Einflüsse klassischer Musik. Er ist ein großer Fan von Keith Emerson, der bei The Nice und Emerson, Lake & Palmer, Bach und andere klassische Komponisten einfließen lässt. Ich bin kein Fan dieses Stil-Mixes, doch live ist es OK für mich. Schliesslich sind wir pleite. Ich muss meine Mutter anrufen und sie schickt uns Geld.

Zurück in Berlin überredet Andi mich, mit ihm ins Big Eden zu gehen. Mir ist die große Disco am Kudamm eigentlich zu poppig, aber ich bin ein guter Freund, oder vielleicht will ich nur nicht allein tanzen gehen. Es ist die Zeit des Glam-Rocks, wir stylen uns androgyn mit Augen-Make-Up, weiten Hosen und hohen Absätzen. Da wird man ab und zu blöd angemacht und zu zweit lässt sich das besser aushalten. Und immerhin hat Andi Recht, im Big Eden kann man gut Frauen kennenlernen.

Er lernt zuerst jemand kennen und hat für ein paar Monate eine Beziehung. Dann lerne ich Katrin kennen, sie ist 17 und hat schon ein Kind. Sie wohnt in einem Heim für minderjährige Mütter in Grunewald. Sie ist ein herzensguter Mensch, ein bißchen zu gut vielleicht. Mit Rolf Eden hatte sie eine Romanze, oder viel mehr was der “Playboy” dafür hält. Sie fand es schick im Porsche herumkutschiert zu werden und in teuren Restaurants essen zu gehen. Der Sex mit dem 42jährigen Kneipier scheint ihr eine akzeptable Gegenleistung zu sein. Ich sehe das anders, aber halte den Mund um sie nicht zu verletzen. Auf jeden Fall sind mir Gestalten wie Eden zuwider seitdem. Das arme Mädchen denken zu lassen, da wäre eventuell ein wohlhabender Mann, der für sie und ihre Tochter sorgen könnte ist schäbig. Egal wie naiv Katrins Hoffnung gewesen sein mag. Ich denke sehr ernsthaft darüber nach, ob ich für Katrin mehr als ein Flirt sein könnte. Ich bin selber noch ein Kind, habe keinen richtigen Job, keinen Beruf. Mit meiner “no future”-Perspektive bin ich nicht der Richtige für sie und die Liebschaft ist zuende, noch bevor sie richtig angefangen hat. Auch Andi ist bald wieder Single.

Den Juli 1973 verbringt Andi mit meiner Familie in St.-Jean-de-Monts am Atlantik. Er ist froh nicht mit seinen Eltern Urlaub machen zu müssen. Ich lasse mir die langen Haare abschneiden in diesem Urlaub. In Frankreich nervt es besonders lange Haare zu haben, da sind die Franzosen weder sehr freiheitlich noch brüderlich. “Ils sont chauvins”, sagt uns ein Mädchen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund, wieso ich zum Friseur gehe, ich habe das Gefühl erwachsen werden zu müssen und die Matte scheint mir da zu stören. Andi findet es blöd, dass ich mich unter die Schere begebe. Er mag auch das modische Tweed-Sacco nicht das ich jetzt öfter trage.

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St.-Jean-de-Monts

 

Andi ist ein Nachzügler. Sein Vater ist ein pensionierter Studienrat, seine Schwester war schon aus dem Haus, als Andi zur Welt kam. Auf dem Rückweg von der Atlantikküste besuchen wir Andis Eltern, die am Stadtrand von Paris ein Feriendomizil haben. Mir fällt auf, wie wenig seine Eltern ihn verstehen oder auf ihn eingehen. Sie behandeln ihn wie ein Kind und können wenig mit diesem androgynen Mädchenschwarm anfangen, der unmerklich unter ihrer Obhut groß geworden ist. Groß ja, aber nicht erwachsen.

Wieder in Berlin entwickeln sich unsere Leben unterschiedlich. Ich gehe nicht mehr tanzen mit ihm. Ich lege jetzt selber Scheiben auf, im ersten Tolstefanz in der Sächsischen Straße. Andi kommt nur einmal vorbei, es gefällt ihm nicht. Ich wohne mit Ilona, meiner ersten großen Liebe in einer WG in der Schlüterstraße. Nach der Trennung von Ilona ziehe ich zu einem Freund in die Knesebeckstraße. Währendessen hat Andi seine einzige längere Beziehung. Dreieinhalb Jahre ist er mit seiner Traumfrau zusammen. Die Trennung die folgt erlebt er als traumatisch. Er fühlt sich tief verletzt, betrogen und er macht den Fehler zu verallgemeinern. Danach wird er von “den Frauen” sprechen und es wird ihm an diesem Grundvertrauen fehlen das erforderlich ist, um eine partnerschaftliche Beziehung einzugehen. Ich versuche ihm diese Misogynie auszureden, aber da hat sich etwas festgesetzt bei ihm.

Richtig erwachsen kommt er mir nie vor, auch in seinem späteren Leben nicht. Er war Peter Pan ähnlich, der immer ein Junge blieb. Ich konnte mir Andi nie in einem Büro oder in einer Fabrik vorstellen. Er versuchte das Leben leicht zu nehmen, “easy” war eines seiner Lieblingswörter. Ich weiß nicht was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht das Taxi fahren zum Gelderwerb entdeckt hätte. Das Taxi fahren ermöglicht ihm weiter seinen Träumen nachzuhängen, so braucht er keine weitreichenden Entscheidungen treffen. Er verdient gut dabei, er fährt lange Schichten, ist freundlich und bekommt viel Trinkgeld. Er ist sich durchaus dieser Schwebe bewusst, in der sich seine Existenz befindet. Taxi fahren ist kein richtiger Beruf für einen Schöngeist, einen begabten Musiker wie ihn. Aber er fährt weiter und er leidet darunter, dass die Menschen, die er fährt ein richtiges Leben führen, eine richtige Arbeit haben und eine richtige Familie. Das Alles hat er nicht und er fühlt, da ist ein Spalt zwischen ihm und seinen Fahrgästen und er weiß nicht wie er diesen Spalt überwinden soll, um ins richtige Leben zu gelangen.

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Ausflug 1990

 

In der Zeit nach dem Mauerfall machen wir viele Ausflüge. Ich habe noch keinen Führerschein, den schenke ich mir erst zum 40sten Geburtstag und er hat einen gewissen Spielraum die bequeme Daimler-Droschke privat zu nutzen. Meist nehmen wir meine Mutter mit. Sie und er mögen sich, so wie meine Mutter hätte er sich seine eigene auch gewünscht. Wir besuchen Langschaftsgärten in Branitz und bei Dessau, dort besuchen wir auch das Bauhaus. Wir fahren nach Bad Muskau an der polnischen Grenze. Auch dort hat Fürst Pückler einen grandiosen Park geschaffen, die abgebrannte Ruine eines Schlosses krönt die Lausitzer Parklandschaft an der Neisse. Meine Mutter hat sentimentale Erinnerungen, sie war im Krieg dort ausquartiert mit ihrer Arbeitsstelle, hat dort das erste Mal allein gewohnt. Mein Vater hat sie auf Fronturlaub besucht, als Alles noch offen war, ob sie wirklich ein Paar werden oder gar heiraten und ein Kind bekommen. Wir besuchen auch Bad Liebenwerda, wo meine Familie mütterlicherseits herkommt. Meine Oma musste es 1910 verlassen um in Berlin in “Stellung” zu gehen. 15 war sie da.

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Bad Liebenwerda, 1990

 

Anfang der 90er Jahre besucht er mich in meinem Büro im Offenen Kanal Berlin. Das ich so eine richtige Aufgabe finde, hatten wir beide nicht erwartet. Er würde gern weg vom “auf dem Bock sitzen” und fremde Leute kutschieren. Er hat eine Idee, er würde gern mit Musik Geld verdienen. Er hat eine fünfstellige Summe ausgegeben, um sich ein fast professionelles Tonstudio aufzubauen. Er würde gern Filme vertonen, Filmmusik schreiben, Jingles für Werbung oder On-Air-Promotion fabrizieren. Ich kann ihm erklären, wie so etwas technisch funktioniert. Doch ich kann ihm nicht helfen in die Branche zu kommen. Eigentlich braucht man Beziehnugen dafür und die bekommt nur, wenn man irgendwie in diesem Bereich arbeitet, egal als was. Und einen langen Atem muss man haben. Soziale Kompetenz hilft viele Kollegen kennen zu lernen. Und nie darf man müde werden auf eine Chance zu warten. Andi hat weder einen langen Atem noch ausgeprägte soziale Kompetenz. Ich biete ihm an, eine Produktion zu suchen die jemanden braucht der die Filmmusik komponiert, damit er erste Erfahrungen sammeln kann. Das will er aber nicht. Ich kann nur vermuten, er hat Angst zu versagen, sich vor fremden Leuten zu blamieren.

Ich zeige Andi noch den Sender, dann fahren wir in Richtung Kudamm um bei mir noch ein Bier zu trinken. Ich glaube es passierte im Bahnhof Seestraße. Kurz nach dem Losfahren macht der U-Bahnfahrer eine Vollbremsung, wir die Fahrgäste hören ein schrilles Quietschen und das Licht geht aus. Die Türen sind blockiert, wir können uns denken was da passiert es. Erst nach zehn Minuten werden wir von Feuerwehrleuten aus dem Bahnhof geführt. Nur in eine Richtung dürfen die Fahrgäste den Bahnhof verlassen. In Richtung des Triebwagens wird niemand gelassen, dort wo ein armer Teufel eben sein Leben verloren hat, nicht ohne dabei den Zugfahrer zu traumatisieren. Das Schlimmste, das was ich nicht vergessen werde, ist der Geruch. Die U-Bahn ist gesperrt, die Busse sind voll, also laufen wir einfach vom Wedding bis zum Kranzler-Eck, mitten durch den Tiergarten, wo wir uns als Teenager fotografiert haben. Wir laufen stumm nebeneinander. Eigentlich wollten wir bei mir am Rankeplatz noch ein Bier trinken. Wir lassen es, es ist uns nicht danach. Vor dem Kudamm-Eck umarmen wir uns zum Abschied.

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Dänemark 1993

 

Noch einmal machen wir zusammen Urlaub, wir wohnen in einem Wohnwagen an der Ostsee in Dänemark. Wir reden nicht viel, machen lange Wanderungen, spielen Karten. Es fehlt uns nichts, wir sind zufrieden. Manchmal abends fühlen wir eine Leere, dann geht einer von uns zu der netten Kaufmannsfrau und bringt ein halbe Flasche Gammel Dansk zurück. Große Flaschen gibt es nicht. Ich arbeite viel in den 90er Jahren. Er fährt Taxi und macht Musik. Er findet tatsächlich eine Band mit der er eine Weile zusammen spielt. Er nimmt sogar ein Album auf mit “Prussia”. Die Nachricht ist ein Schock. Meine Mutter ruft mich an, berichtet das Andis Schwester sie informiert hat, meine neue Telefonnummer hat sie nicht gefunden. Andi ist tot, völlig überraschend ist er krank geworden. Er hat keine Luft mehr bekommen, es soll ein Pilz in seiner Lunge gewesen sein. Die Ärzte konnten nichts mehr tun. Das ist jetzt viele Jahre her, trotzdem vermisse ich Andi, ich denke oft an ihn und träume von ihm. Bis heute.

 

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