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Familienportrait – „A Saucerful of Löschpapier“ / Audi Max der TU 13. März 1970

Wir freuten uns schon seit Wochen auf das Konzert. Unsere Lieblingsband war in Deutschland und den USA noch nahezu unbekannt, selbst in England blieb ein Platz sechs in den Charts schon ihr größter Erfolg, doch für uns sind sie die Größten. Aber ein Geheimtipp, eine Band für Kunststudenten und sie treten auch meist in Unis auf. Dass sie eines Tages mit bombastischen Arrangements Stadien füllen würden, hätten wir uns nicht vorstellen können.

Image Schon am Nachmittag treffen wir uns vor dem Audi Max der TU an der Straße des 17. Juni. Andi (Foto oben), Richard, Frieder und ich überlegen, wie wir umsonst hereinkommen können. Karten gibt es nicht mehr, wir haben auch kein Geld, um welche zu kaufen. Einlass und Backstagebereich sind abgeriegelt, da geht nichts.

Wir gehen wieder auf die Straße und sehen einen Truck, der dort parkt. Roadies beginnen Equipment auszuladen. An der Halle wird ein Seiteneingang neben der Bühne geöffnet, damit man die Anlage nicht weit tragen muss. Ein Roadie hat uns beobachtet, er sagt etwas auf Englisch, das wir nicht verstehen. Ruhig und freundlich zeigt er auf die WEM-Boxen und Verstärker und bedeutet uns, wir sollen uns was davon schnappen und in die Halle tragen. Im Vergleich zu den Marshall und Orange-PAs, die wir sonst kennen sind die WEM-Komponenten klein, aber leistungsstark, wie wir merken werden. Ein paarmal machen wir den Weg von draussen nach drinnen und zurück, dann ist der Truck leer und wir bleiben im Saal.

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Oben: Richard. Unten: Marcus, beides 1970.

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Oben: Andi im Tiergarten, 1970.

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So etwas wie Security gibt es hier nicht, nur ein paar Studis vom AStA rennen genervt herum, ihnen wächst die Sache über den Kopf, der Druck auf die noch geschlossenen Saaleingänge muss gigantisch sein. Es ist normal, dass ein paar Leute stürmen und umsonst reinkommen. Aber der Asta der TU ist nicht das Stones-Management, Hells Angels oder ähnliche Kräfte hat man nicht engagiert. So schaffen es mindestens 200 Zuschauer ohne Karten hereinzukommen.

Wir setzen uns auf den rechten Bühnenrand, der nette Roadie kommt noch einmal und holt eine Plastiktüte aus seinen Jeans. Darin ist eine Handvoll Löschpapier, jemand hat runde Löcher ausgestanzt und von dem was übrig bleibt schenkt er uns eine ordentliche Menge, warnt uns aber, wir sollten nicht zuviel davon essen. Ich höre auf ihn, Richard, Andi und Frieder nicht. Ich denke an Alice im Wunderland und nehme nur wenig.

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Ich habe Pink Floyd noch weitere dreimal zwischen 72 und 84 gesehen, nie waren sie annähernd so gut wie in diesem fast intimen Rahmen, ohne zentralen Mischer, ohne Bühnenlicht und ohne Monitoranlage. Waters und Gilmour mit kleinen WEM-Verstärkern, Rick Wright an der Orgel, Nick Mason mit winzigem Drumset, rechts und links noch ein paar Boxen, das war es schon.

Trotz des grellen Saallichts kommt schon bei “Astronomy Domine” psychedelische Atmosphäre auf. Der Saal ist überfüllt, ich sitze immer noch rechts auf dem Bühnenrand, woanders hin könnte ich sowieso nicht, es ist unglaublich voll. Einen Meter von mir entfernt steht David Gilmour und macht die seltsamsten Dinge mit seiner Gitarre, klopft, zirrpt, mit einem Handgriff könnte ich ihm sein Wah Wah-Pedal klauen, er benutzt es kaum.

Bei “A Saucerful of Secrets” beginne ich Farben zu sehen. Nicht nur das, ich sehe die gehörten Töne bunt und wie durch ein Kaleidoskop, das ich durch ein Kaleidoskop betrachte. Die Halluzinationen kommen in Wellen. Um ehrlich zu sein, ich kann nicht wirklich beschreiben, was ich damals sah und empfand.

Image Die Zuschauer sind mucksmäuschenstill, bei den leisen Passagen kann ich Gilmours Gitarre unverstärkt hören. Drei Stunden dauert die Messe. An “Set The Controls for The Heart of The Sun” kann ich mich noch deutlich erinnern, die gehauchten Vocals, ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Als letzte Nummer bekommt das aufmerksame Auditorium einen 20 Minuten langen Blues. Wie Andi und ich in unserer Band “Spoilt Saturn”, haben auch Pink Floyd als Blues-Musiker angefangen und sich dann in den Weiten des psychedelischen Universums verloren.

Richard, Andi  und Frieder sind total abgedreht. Um Frieder mache ich mir etwas Sorgen, es geht ihm nicht wirklich gut. Andi und Richard sind gute Freunde, Frieder hat etwas Unnahbares. Zuerst war er mir zwei Jahre früher aufgefallen, weil er als großer “Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich”-Fan, Hosen mit unterschiedlich farbigen Hosenbeinen trug. Überhaupt konnte er viel Geld für Klamotten und Platten ausgeben. Er arbeitete bei seinem alten Herrn, der hatte wohl eine Kneipe. Mit seinen Sachen war er ziemlich pingelig, während Andi und ich ständig LPs und Kleidung tauschten, verborgte Frieder nie etwas. Aber er hatte eine tolle Anlage, seine Mutter war selten da, so besuchten wir ihn oft, um Musik zu hören.

Nach dem Konzert leert sich das Audi Max nur langsam. Andi und Richard sind wieder halbwegs klar, wir beschließen den wirr redenden Frieder nach Haus zu bringen. Wir fahren mit der neuen U-Bahn-Linie 9 vom Zoo zum Bundesplatz, ich habe den Eindruck in einem Raumschiff aus Kubricks “2001” herumzuschweben. Der Verkehr am Bundesplatz holt mich zurück auf den Boden. Bis zur Frieders Wohnung ist es glücklicherweise nicht weit, wir sind heilfroh in seinem Zimmer, neben dem Bundesplatz-Kino, anzukommen.

Wir hören die Ummagumma-Doppel-LP, wenn ich die Augen schließe, sehe ich wieder bunte Farbspiele. In meiner Grundschule hing in jedem Klassenraum eine Karte von Europa. Das Deutschland in den Grenzen von 1937 erhob sich daraus, dreidimensional dargestellt, wie eine unregelmäßige Torte in drei Stücken, die Bundesrepublik, die DDR und oben rechts Ostpreußen. Darüber stand der Spruch: “Deutschland: dreigeteilt? Niemals!”

Nun, 1970, sehe ich, in ähnlicher grafischer Darstellung, Ost- und West-Berlin, und wie sich die beiden Teile langsam voneinander entfernen. Als ich in meinem halluzinogenen Raumschiff näherfliege, sehe ich wie Menschen am Rand der riesigen Stadthälften mit großen, weißen Taschentüchern, den sich entfernenden Brüdern und Schwestern auf der anderen Seite, traurig Abschied zuwinken. Auch ich werde traurig.

Frieder hatte etwas Labiles, sein Vater war vom Krieg traumatisiert und hat irgendetwas davon auf den Sohn übertragen. Als ich ihn kennenlernte, achtete er noch sehr auf seine Gesundheit, er rauchte noch nicht einmal. Nachdem ich von der Schule flog, sah ich ihn nur noch sporadisch. Er hat später angefangen zu fixen. Seine Unfähigkeit, sich mit uns anzufreunden, war wohl nur das Symptom einer tieferliegenden Einsamkeit. Als er das erste Mal im Knast war, hat er dann auch begonnen zu rauchen. Seine ganze Geschichte erzählte ich 2014, in meinem ersten Roman “Xanadu ’73”, der inzwischen erschienen ist:

http://wp.me/P3UMZB-Rw

Andi blieb ein guter Freund, leider starb er Ende der 1990er Jahre, jäh und unerwartet an einer Lungenkrankheit. Auch mit Richard blieb ich in freundschaftlichem Kontakt, bis wir uns um 2000 aus den Augen verlieren. Mein zweiter Roman, “Helden ’81”, spielt vor der Kulisse West-Berlins auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerbewegung, acht Jahre nach “Xanadu ’73”. Der Held Roberto beruht auf Person und Biografie meines Freundes Richard. So war es logisch, dass ich in den Weiten des Webs begann ihn zu suchen. Schnell wurde ich fündig, wir freuten uns beide, unsere Freundschaft erneuern zu können und Richard konnte Vieles zum Roman beitragen. 15 von 18 Kapiteln sind fertig, ich hoffe “Helden ’81” im Frühjahr 2017 zu veröffentlichen.

Marcus Kluge

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Setlist
Astronomy Domine
Careful With That Axe Eugene
Cymbaline
A Saucerful Of Secrets
The Embryo
Interstellar Overdrive
Set The Controls for the Heart of the Sun
Rick, Richard, Richard, are you ready?
Atom Heart Mother
Blues

 

Hörbeispiel “Interstellar Overdrive” vom 13.3.1970:

http://www.youtube.com/watch?v=h9MZeKwJfA8

LSD: http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Hofmann

WEM: http://www.wemwatkins.co.uk/history.htm

 

Drei Tage später treten Pink Floyd in Nürnberg auf. Auch wenn der Artikel dazu Fehler enthält, dokumentiere ich ihn. Er zeigt sehr deutlich und unterhaltend, wie überfordert Musikjournalisten 1970 mit dem Phänomen Pink Floyd waren.

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“Die Tiefe der Erinnerung” / Interview mit Marcus Kluge / aus “Achte Reise zur Blechluft”

Anfang 2015 bat mich Günter Sahler um ein Interview. Für “Achte Reise zur Blechluft” befragte er mich zu meinem Blog und der Entstehung meines ersten Romans “Xanadu’73”. Hier dokumentiere ich das Gespräch für die Leserinnen und Leser meines Blogs.

Günter Sahler: In den 80er Jahren hast Du das Fanzine „Assasin“ gemacht und warst auch in der Berliner Musikszene aktiv. Als damaliger Fanzine- und Kassettenmacher dürftest Du mit Deinen Erfahrungen mit Druckereien und Selbstvertrieb beim heutigen Selfpublishing Vorteile haben. Wie siehst Du das?

Marcus Kluge: Was wir damals mit Fanzines und Kassetten probiert haben, entstand aus dem Bedürfnis sich selbst auszudrücken und eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Foto-Kopieren, drucken, Kassetten kopieren und alles in West-Berlin zu verteilen, war natürlich viel aufwändiger als heutige Distributionsformen wie das Internet. Über Berlin hinaus lief ja alles über die Post. Da ist das Internet traumhaft im Vergleich. Wichtigste Erfahrung, war: das Selbermachen und somit die Kontrolle zu behalten. Deshalb haben wir uns auch für eine kleine Berliner Druckerei entschieden und gegen eine Internet-Firma, jetzt beim ersten Buch. Vertreiben werde ich das Buch auch wieder selbst, übers Netz und hier in Berlin.

img_20140126_0007 Fanzine “Assasin” 1984

G.S.: Im Herbst 2013 hast mit dem Bloggen von Familiengeschichten angefangen. Wie hat sich das ergeben und wie bist Du dann dazu gekommen mit deinem ersten Roman zu starten?

M.K.: Nachdem ich fast 20 Jahre für die Medienanstalt Berlin-Brandenburg gearbeitet habe und dort die Fernsehprojekte von Laien produziert hatte, war mir meine Kreativität verloren gegangen. Selbst als ich Rentner wurde, gelang es mir nicht mehr eigene Texte zu schreiben. Es war eine handfeste Schreibblockade und ich beschloss einen Umweg zu gehen. Ich gründete die “Blinden Passagiere”, eine Selbsthilfegruppe, in der ich mit traumatisch belasteten Menschen gearbeitet habe. Ich wollte den Fokus nicht nur auf mich, sondern auch auf andere richten und das hat wohl funktioniert. Ostern 2013 bin in den Keller gegangen und kam mit einer Kiste voller Fotos, Briefe und Dokumente zurück. Ich war fasziniert von den Geschichten, die ich da fand und habe kurz danach angefangen diese aufzuschreiben. Sicher hat auch eine Rolle gespielt, dass ich im Sommer 2013 Opa wurde. Eine Freundin empfahl mir ein Blog zu machen, ab dem 13. September 2013 habe ich auf wordpress “Familienportraits” veröffentlicht. In den ersten sechs Monaten wurde 12 000 mal auf Beiträge zugegriffen, eine Reichweite höher, als die Auflage von acht Assasin-Heften. Besonders die Stücke über West-Berlin kamen gut an, weshalb ich die Rubriken Berlinische Leben und Berlinische Räume eröffnet habe. Die “Leben” berichten hauptsächlich biografisch über Berliner und die “Räume” fokussieren auf Institutionen, Klubs und allgemein die Wohnsituation in der Mauerstadt. Zusätzlich habe ich auch Gastautoren gebeten über diese Themen zu schreiben, um den Blickwinkel zu erweitern. Ich möchte möglichst viel aus diesen Jahren dokumentieren, bevor die Zeitzeugen nicht mehr da sind. Siegfried Cracauer hat mal über den Film gesagt, er könne ein Stück Realität für die Nachwelt retten. So etwas versuche ich mit den Mitteln des Internets, ob es mir gelingt müssen andere entscheiden.

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Illu aus Blechluft

G.S.: In Geschichte „Die Legende von Xanadu“ geht es um den Heroinsüchtigen Beaky. Handlungszeitraum sind die 70er Jahre. Was wird auf dem Klappentext des Buchs stehen?

M.K.: Was auf dem Klappentext stehen wird, verrate ich noch nicht*, aber ich erzähle worum es geht. In den 70er Jahren starb ein ehemaliger Schulfreund an einer Heroinüberdosis und schon damals wollte ich darüber schreiben und habe recherchiert. Doch ich merkte, mir fehlte einfach das Handwerkszeug, das Leben von Beaky in seiner Komplexität darzustellen, ihm gerecht zu werden. Erst 35 Jahre später, Anfang 2014, schrieb ich einen kleinen Text über ein Pink Floyd Konzert 1970, bei dem Beaky vorkam und mir fiel sein kurzes, heftiges Leben wieder ein. Also beschloss ich, sein Leben in drei oder vier Kapiteln zu erzählen, an einen Roman hätte ich mich nicht herangetraut. Erst nach und nach gab ich Beaky mehr Raum und schließlich hatte ich einen kleinen Roman von ca. 140 Druckseiten fertig, zu meinem eigenen, größten Erstaunen. Ich hatte mir das nicht zugetraut. “Xanadu” ist eine Erinnerung an das West-Berlin der frühen 1970er Jahre, Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen. Es war mir auch wichtig, eine Art “Gegendarstellung” zu “Wir Kinder von Bahnhof Zoo” zu schreiben, ohne diese spekulative Gossenromantik des Bestsellers, der wahrscheinlich mehr Leute zum Heroin gebracht hat, als davor abgeschreckt. Mein Gegenentwurf ist Beaky, der aus einer bürgerlichen Familie kommt, der gebildet ist, Thomas Mann liest und den trotzdem eine Leere und Verlorenheit zu den Drogen treibt und dessen scheinbar dramatischer Tod in Wirklichkeit ein banaler Unfall ist.

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Illu aus Blechluft

G.S.: Die Geschichten orientieren sich an der Wirklichkeit und Du schreibst über Dinge aus Deinem Erfahrungsraum. Wie sammelst Du darüber hinaus Material und wie recherchierst Du?

M.K.: Im Wesentlichen hielt ich mich an die goldene Regel und schrieb über das, was ich kenne. Ich habe ein merkwürdig ausuferndes Gedächtnis, besonders an Dinge, die keinen besonderen Nutzen oder Sinn haben, erinnere ich mich perfekt, egal wie lange das Erlebte her ist. Und wen ich mich hinsetze und zu schreiben anfange, setzt das einen zusätzlichen Prozess in Gang und die Erinnerung wird tiefer, komplexer. Mit Ausnahme der Romane schreibe ich Wirklichkeit auf, ohne sie zu verändern. Bis auf die “Erfindung”, die der Prozess der Erinnerung und des Bewusstseins, an sich eben darstellt. Erst mit dem Xanadu-Roman fließt auch fiktives ein, doch das Meiste ist nicht erfunden, ich ordne und verdichte die Dinge nur. In meinem zweiten Roman, “Ein Hügel voller Narren” ist dann auch Neu-Schöpfung eingearbeitet. Das hat sich ganz langsam, organisch entwickelt. Selbst dieses Erfundene scheint mir schon dagewesen zu sein, es fühlt sich an, als ob ich es wiederfinde und aufschreibe, das ist ziemlich merkwürdig, es hat sich ergeben, ohne das ich es forciert habe. Ich muss da an einen Begriff aus der Filmsatire “Brazil” denken, da heißt der Geheimdienst “Information Wiederbeschaffung”. So bezeichne ich den Prozess scherzhaft bei mir selbst.
Neben der Erinnerung benutze ich meine reichhaltige Bibliothek und das Internet zum recherchieren. Im Internet finde ich nicht nur Fakten, sondern auch Zeitzeugen, die ich befragen kann. Das tue ich dann in der Regel per Mail oder Telefon.

12687780_10200986269695111_595421101207345024_n 2014, Foto: Geoff Pugh, Daily Telegraph

G.S.: Du hast derzeit einen guten Output, fast täglich erscheinen neue Texte auf Deine Webseite marcuskluge.wordpress.com. Wie kann ich mir Deinen Arbeitsalltag als Blogger mit WordPress, Facebook und Twitter vorstellen?

M.K.: Ich versuche einmal in der Woche einen neuen, längeren Text zu veröffentlichen. Reblogs, Bilderstrecken und Gastautoren ergänzen den Output. Wenn ich das Blog nicht bespiele, nimmt das Interesse ab, dann habe ich nur noch 40-50 Aufrufe statt 100 bis 200 täglich. Wahrscheinlich fließt es bei mir auch deshalb i.M. so gut, weil ich solange einen Schreibblock hatte und in jener Zeit sind Dinge gereift.
Eine Trennung von Privatleben und Arbeit gibt es nicht mehr. Ich schreibe morgens 500 Wörter in zwei Stunden etwa, alles andere, wie recherchieren, promoten, Kontakte pflegen, empfinde ich nicht als Arbeit. Aus gesundheitlichen Gründen muss ich aufpassen, mich nicht zu überlasten. Ich mache eine Siesta mittags und oft noch eine zweite am frühen Abend. Weil die Arbeit Spaß macht, überlaste ich mich manchmal, dann muss ich Auszeiten nehmen. Ich gehe selten weg, weil mich das ziemlich anstrengt und die Technik ermöglicht, dass ich fast alles von daheim machen kann. Ich empfinde diese Möglichkeiten als Segen. Auf der anderen Seite sind mir die Gefahren durch staatliche Dienste wie die NSA, oder private wie Google, sehr bewusst. Ich fürchte die beschworene Dystopie hat bereits begonnen und wird noch sehr böse Folgen haben. Aber auf Google und Facebook zu verzichten ist unrealistisch. Ein “Grundwiderspruch” hätten die 68er gesagt. 😉

G.S.: Rainer Jacob, der auch schon das „Assasin“ gestaltet hat und dort auch Comics gezeichnet hat, zeichnet nun wieder für deine Romane „Die Legende von Xanadu“ und “Ein Hügel voller Narren” Illustrationen. Wie kann man sich die inhaltliche und technische Zusammenarbeit zwischen Dir als Autor und Webmaster und Rainer Jacob als Zeichner vorstellen? Hättest Du auch ohne die Rainer Jacob an Illustrationen zu den Geschichten gedacht?

12654215_10153561472262982_3892196464954072360_nIllu: Rainer Jacob

M.K.: Rainer und ich sind seit über 40 Jahren Freunde. Obwohl, oder vielleicht auch, weil wir oft unterschiedliche Meinungen haben, respektieren wir den Anderen. Das gilt besonders für das Handwerk des Anderen, er redet mir nicht herein und ich ihm auch nicht. Natürlich gebe ich ihm Themen vor, oder sage z.B., die Figur Ghobadi stelle ich mir optisch so ähnlich vor wie Moshe Dayan. Mehr ist es nicht, welche Szene und welche anderen Figuren und Attribute er zeichnet, entscheidet er selber. Wir haben da eine fast schon intuitive Ebene des Verstehens. Manchmal zeichnet er Dinge, die im Text gar nicht vorkommen und ich greife das auf und schreibe es, oder stelle fest, dass die Sache später eine Rolle spielen wird.
Schon bevor wir, im Frühjahr 2014, unsere alte Zusammenarbeit wieder aufgenommen haben, habe ich meine Texte mit Originalfotos, Briefen, Dokumenten und anderem illustriert. Ich verfüge über ein Archiv von etwa 2000 Fotos, an denen ich die Rechte habe. Eigene, Familienfotos und Fotos, die ich in Auftrag gegeben habe aus der Assasin-Zeit. Nur zeichnen kann ich nicht. Ich hätte ohne Rainer die Romane mit Oldschool-Kollagen illustriert, hergestellt wie zu Fanzine-Zeiten, mit Cutter und Fixogum. Gibts eigentlich noch Fixogum?
Ich habe eine Lust an illustrativen Bildern, die einen in Stimmung versetzen, ohne die eigene Fantasie zu zerstören. An meinem neunten Geburtstag bekam ich “Bambi” von Felix Salten in einer wunderschönen Ausgabe geschenkt, Leinen, Fadenheftung usw. Sie hatte nur einen Fehler, sie enthielt keine Bilder. Bambi ohne Bilder? Ich habe nie Felix Salten gelesen.
Ich sehe meine Romane auch als unterhaltsame Fortsetzungsgeschichten, vielleicht eine Art Edel-Pulp, da gehört die Illustration einfach dazu.

G.S.: Du planst jetzt den Roman „Die Legende von Xanadu“ nicht nur über das Internet zu veröffentlichen, sondern auch als gedrucktes Buch. Finanzieren willst du über Crowdfunding. Wie wird das ablaufen? Wie wirst du dafür Werbung machen?

M.K.: Im Frühjahr werden wir in die Bewerbungsphase gehen, da muss man mindestens 25 Fans nachweisen, das wird kein Problem. Dann loben wir Präsente aus für alle, die uns unterstützen. Z.B. jemand der 12 Euro dazugibt bekommt ein signiertes Buch, für 20 ein schönes T-Shirt, oder auch ein Button für drei Euro. Alles natürlich im Stil der 1970er Jahre. Besonders freue ich mich auf ein “Fan-Heft”, das werden wir als Reminiszenz an das alte Assasin gestalten. In der Finanzierungsphase muss man halt viel in den sozialen Netzwerken aktiv werden und Multiplikatoren um Unterstützung bitten. Wenn das Geld zusammenkommt, wird gedruckt, die anderen Dankeschöns werden hergestellt und anschließend an die Unterstützer versandt. Den Rest der Auflage haben wir zu unserer Verfügung und können unsere Arbeit damit ein wenig bezahlt bekommen. Viele Bücher will ich auch zur Promotion verschenken. Dann könnten wir das darauf folgende Buch, also den “Narrenhügel” schon in einer größeren Auflage drucken. Mal sehen, wie’s läuft. Ich spekuliere nicht gern.

11009871_983143975063930_7128229095041179162_n Buch und Fanheft

G.S.: Um ein Buch im Eigenverlag zu veröffentlichen, hat man heute zahlreiche Möglichkeiten. Seit einigen Jahren propagieren Books-on-demand-Firmen das Publizieren für jedermann. Man schickt seine Daten per Internet an diese Firmen und je nach Wunsch muss man die gedruckten Bücher selber verkaufen oder die Firma kümmert sich vollständig darum. Andererseits gibt es immer noch genügend klassische Druckereien, die die Buchherstellung übernehmen. Welche Erfahrungen hast du in dem Bereich in der letzten Zeit gemacht?

M.K.: Ich habe den Eindruck, die Net-Druckereien sind teuer, so als ob die ein Kartell bilden. Außerdem habe ich keine Kontrolle bei der Produktion, das ist mir zu anonym. Deshalb drucken wir in Berlin in einer kleinen Druckerei. Ich hätte gern ein Hardcover mit Fadenheftung gehabt, musst aber einsehen, dass das Buch damit sehr teuer geworden wäre. Inzwischen denke ich auch seriell, eine Reihe von bezahlbaren Taschenbüchern, könnte ich mir vorstellen. “Xanadu” ist ja Teil einer Trilogie, der zweite Band ist fast fertig und die Familienportraits sollten ja auch mal gedruckt werden.
Es war auch klar, das erste Buch im Selbstverlag herauszubringen. Als Anfänger hätte ich sonst Kompromisse eingehen müssen und möglicherweise nicht die Rechte behalten. Ich habe ja den Vorteil, durch eine kleine Rente unabhängig zu sein. Ich muss vom Schreiben nicht leben. Trotzdem würde ich nicht als Schreiber für die Huff oder andere Medien kostenlos arbeiten. Grundsätzlich ist Schreiben ein Beruf, der auch bezahlt werden muss.

11295933_10153054905407982_2900396548150652592_n Lesung im Pinguin-Club

G.S.: Ohne die Unterstützung eines Verlages, willst Du nicht nur das Buch vertreiben, sondern auch Lesungen durchführen. Wie viel Spaß hast Du am „[fast] alles selber machen“?

M.K.: Es gibt wenig, das mir keinen Spaß macht. Kalkulationen sind nicht so meins und ich bin kein großer Kontakter. Ich muss akzeptieren, dass ich nur langsam vorankomme, das ist manchmal lästig, aber die Gesundheit geht vor. Auf die Lesungen freue ich mich schon, damals als ich noch vor der Kamera stand, hat mir das Auftreten immer Freude gemacht. Das ist das Schauspielerblut meines Vaters nehme ich an. Deshalb drehe ich jetzt auch Video-Lesungen und stelle die auf youtube. Ich selbst lese lieber Bücher, aber viele Menschen mögen sich auch gern was vorlesen lassen.
Weil ich viel allein mache, versuche ich immer wieder mit Freunden und Lesern im Gespräch zu bleiben und mir auch Kritik anzuhören. Letztlich tut man was man für richtig hält, aber man sollte vermeiden abzuheben oder sich im Wolkenkuckucksheim zu isolieren.

2015 erschien die Printausgabe von “Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin”, in der Edition Assassin. Das Buch hat 148 Seiten und enthält 13 Illustrationen von Rainer Jacob. Jedem Kapitel steht ein klassischer Rocksong als musikalisches Motto zur Seite. Xanadu beschreibt eine Subkultur, die sich Anfang der 70er Jahre in den Kudammnebenstraßen gebildet hatte. Bevor dieses Stück Mauerstadtgeschichte gänzlich in Vergessenheit gerät, haben wir mit einem schönen, illustrierten Buch daran erinnert.

  • Das Buch kostet 13 Euro (inkl. Versand) und kann hier bestellt werden: marcusklugeberlin@yahoo.deEbenfalls bestellbar ist ein “Xanadu-Fanheft”, dass an die Assasin-Fanzines anknüpft, die ich Anfang der 80er Jahre mit Freunden herausgegeben habe.  Das neue, von Rainer Jacob gestaltete Heft, vereinigt Texte, Fotos und Materialien, die das Umfeld des Xanadu-Romans beleuchten und von Kindheit und Jugend in der Mauerstadt der 60er Jahre erzählen. Außerdem enthält es Geschichten wie “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Bela Rattay’s Dead”. Es ist im DIN A4 Format erschienen, hat 28 Seiten und ist vom Autor signiert. Den Spaß kann man für 6.20€, inkl. Porto bestellen.

*Das steht auf dem Buchrücken:

  • Das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn ist als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nimmt. Er hat einen Plan, wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeuten der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat ihn aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei… –

Günters Website:

Das Interview und die Illus aus dem Buch erscheinen mit freundlicher Genehmigung von Günter Sahler.

Foto: Marcus Kluge mit Blechkanister, ca. 1970 (©M.K.)

Edit

Neue Bestell-Adresse für Bücher-, T-Shirts und Kunst

Bei GMX scheint es zu haken, daher gibt es eine neue Bestell-Adresse für Bücher, T-Shirts, Fanzines und Kunscht-Mappen! marcusklugeberlin@yahoo.de

Man kann auf alles verzichten, außer auf Literatur, Katzen und schöne T-Shirts. Literatur und T-Shirts kann man unter dieser E-Mail-Adresse  bestellen: marcusklugeberlin@yahoo.de  

An den Katzen arbeiten wir noch …

(Abb. oben: Fanheft)

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Buch und Fanzine

Als erstes Buch in der Edition Assassin erschien im Juli 2015 “Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll in West-Berlin”.

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(Abb.: Titelseite Buch)

Ich erzähle das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn ist als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nimmt. Er hat einen Plan, wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat ihn aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…
Jedes der Kapitel hat Rainer Jacob mit einer exklusiven Bleistiftzeichnung illustriert. Auf 148 Seiten erzählt der erste Roman meiner West-Berlin Trilogie, von der Subkultur, die sich damals in Nebenstraßen des Kudamms entwickelt hatte, bevor diese in Vergessenheit gerät. Ein Exemplar kostet inklusive Verpackung und Porto in Deutschland 13€. Ich signiere jedes Buch, auf Wunsch auch persönlich.
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(Abb. Cover Heft)
 
Mit dem “Xanadu ’73-Fanzine” knüpfen wir an unsere Fanzines aus den 1982 bis 1985. Das neue, von Rainer Jacob gestaltete Heft, vereinigt Texte, Fotos und Materialien, die das Umfeld des Xanadu-Romans beleuchten und von Kindheit und Jugend in der Mauerstadt der 60er Jahre erzählen. Außerdem enthält es Geschichten wie “A Saucerful of Löschpapier”, “Halber Mensch” und “Bela Rattay’s Dead”. Es ist im DIN A4 Format erschienen, hat 28 Seiten und ist vom Autor signiert. Den Spaß kann man für 5€, inkl. Porto bestellen.
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 Das Strahlenmotiv wird in Frühjahr 2016 nachgedruckt.
Bei der Crowdfunding-Kampagne für das Buch hatten wir, von Rainer Jacob gestaltete, West-Berlin T-Shirts angeboten. Besonders zwei Motive wurden zum Bestseller. Wir hatten 120 Stück drucken lassen und die meisten sind jetzt verkauft. Lediglich von Motiv “Rotes Herz mit Bärchen” gibt es Restexemplare in den Größen M und L. Das Motiv Weiße Strahlen werden wir 2016 in einer begrenzten Auflage nachdrucken lassen. Ein T-Shirt kostet 20 €, inkl. Verpackung und Porto, und kann unter marcusklugeberlin@yahoo.de bestellt werden.

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Das Bärchen-Motiv ist noch in M und L erhältlich.

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Abb. Kunschtmappe

Dieses auf 10 Stück limitierte Portfolio mit allen Illustrationen ist noch 2x zu Bestellen. Die Drucke kommen im DIN A4 Format, auf bestem 180 Gramm-Papier. Auf dem Beiblatt bestätigt der Künschtler die Echtheit der Drucke. Inklusive Verpackung und Porto innerhalb Deutschlands kosten die Restexemplare 49€ pro Mappe.

Vorschau auf kommende Projekte:

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Lux Phosphor, Grafic Novel wird 2018 erscheinen.

 

Illustrierte Lesung: „Passbilder“ – Ein Jahrhundert Berlin in Wort und Bild

Im Periplaneta Literaturcafé* am 15. April um 20 Uhr, der Eintritt ist frei.

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Der Autor und Blogger Marcus Kluge liest aus seinen autobiografischen Romanen und Familiengeschichten. Er schlägt einen Bogen zwischen dem Jahr 1910, in dem seine Großmutter nach Berlin kam, um als Hausmädchen zu arbeiten, und der heutigen Hauptstadt der Berliner Republik. Ihn interessiert das Leben der einfachen Leute und wie die große Politik Einfluss auf sie nimmt.

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Im seinem ersten Roman, „Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll“, schildert er den West-Berliner Underground der 70er Jahre. Der zweite Roman, „Ein Hügel voller Narren“, führt den Leser ins von Hausbesetzungen polarisierte Berlin des Jahres 1981.

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Der Illustrator und Artdirector Rainer Jacob zeigt zur Lesung historische Fotos und eigene Zeichnungen.

– Es begann zu Ostern im Jahr 2013. Das Wetter war schlecht und ich hatte einen seltenen Anfall von Langeweile. Einer Eingebung folgend ging ich in den Keller und holte einen Karton mit alten Fotos und Papieren hoch. Ich versenkte mich in die Geschichte meiner Familie und war fasziniert.
Meine Mutter hatte mir viel erzählt, andere Verwandte auch, doch die „Aktenlage” gab einiges her, über das nie gesprochen wurde.

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Die Fotos, die einen Zeitraum von 1910 bis heute abdecken, halfen auch oft meiner Erinnerung auf die Sprünge. Ich schreibe nicht als Journalist oder als Familienchronist, eher als Geschichtenerzähler. Sicher ist auch etwas Sehnsucht nach dem alten Berlin beteiligt, in dem natürlich nicht alles besser war. Doch heute, 2016, ist auch die letzte Brache bebaut, jeder Kiez mit einer auswechselbaren Mall versorgt und jeder Freiraum zum Zwecke des Gelderwerbs vernichtet. Es fehlt mir mein altes Berlin, heute mehr denn je. – M.K.

Blog: https://marcuskluge.wordpress.com/

* Periplaneta Literaturcafé, Bornholmer Straße 81a, 10439 Berlin
Tel.: 03044673433  Internet: http://www.periplaneta.com/about/cafe/

Familienportrait – “Am Draht” / “Xanadu ’73” Kapitel Vier / 1973

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Von Anfang an war klar, wer das Zeug testen würde. Speedy, nomen est omen, ist ein durchgeknallter Ex-DDR-Bürger, der drüben im Knast saß und freigekauft wurde. Im Westen stürzt er sich in die Drogenszene, wobei er eine Vorliebe für alles was schnell macht zu haben scheint. Das Rezept hat Beakys Freund, der Doktor, von einem G.I. gekauft.
Sie brauchen ein Schlankheitsmittel aus der Apotheke, das gibt etwas Rennerei. Mehr als zwei Monatsvorräte wollen sie nicht auf einmal kaufen. In der Drogerie ist es einfacher, Beaky kauft gleich 20 Packungen von einer bestimmten blauen Stofffarbe. Er murmelt etwas von T-Shirts und Batik. In einer weiteren Drogerie kommt noch eine Art Katalysator dazu und dann können sie loslegen. Es wird natürlich kein lupenreines Amphetamin, was sie da brauen, aber eine Art Speed soll es schon sein. Es macht angeblich hammerwach, euphorisch und die Wirkung soll für mehrere Stunden anhalten.
Die Herstellung ist schwieriger als vermutet. Erst beim zweiten Versuch, nach einer knappen Woche Arbeit, gelingt es ihnen bläuliche Kristalle herzustellen. Speedy sitzt gerade auf dem Trockenen und ist mehr als motiviert das Eigengebräu zu testen. Der Doktor zerstößt die Kristalle und formt zwei lange, einladende Linien auf einem Spiegel. Er soll erstmal eine nehmen, doch er zieht sich blitzschnell gleich beide in die Nase. Nach wenigen Minuten sackt Speedys Kreislauf weg. Er wird leichenblass und der Doktor kann kaum mehr einen Puls fühlen, Speedy hat die Augen geschlossen und ist nicht mehr ansprechbar. Damit haben sie nun gar nicht gerechnet, ein fataler Anfängerfehler. Der Doktor kommandiert, sie schleppen Speedy ins Badezimmer und legen ihn in die Badewanne. Dort verabreichen sie ihm eine kalte Dusche und der Doc gibt ihm einige sanfte Ohrfeigen, tatsächlich hat beides eine Wirkung. Alle atmen auf und langsam bekommt Speedy wieder Farbe im Gesicht, schließlich schlägt er die Augen auf, grinst und fragt: “Habt ihr noch mehr davon?”

Im Frühjahr des Jahres 1973 sitze ich im Café Bleibtreu, es ist noch früh. Ich bin eben erst aufgestanden, noch nicht richtig wach und schwatze mit der Kellnerin. Wir reden über die Musik der 60er Jahre und fragen uns, wieso das Jahrzehnt, in dem wir leben so wenig tolle Popmusik hervorbringt. Sie kennt sich sehr gut aus und gibt ihr gesamtes Trinkgeld für Platten aus. Hanna ist nicht sehr groß, keine Twiggy, hat blonde halblange Haare und entzückende Grübchen. Sie ist eine Freundin meiner Freundin Ilona, sie kommt aus Bielefeld und studiert nicht sehr zielstrebig Psychologie. Was sie wirklich mit ihrem Leben machen will, weiß sie noch nicht. Als Kellnerin ist sie eine Idealbesetzung, sie kommt mit jedem klar. Ein Mann der auf sein Frühstück wartet reklamiert und Hanna kümmert sich um ihn. Der untersetzte Mittdreißiger lümmelt einige Meter entfernt, mit dem Rücken zur Wand in der Mitte der Bistrobank, die Arme und Beine lang ausgestreckt. Er ist offensichtlich ein aufbrausender Charakter, Hanna beruhigt ihn und bringt ihm sein Frühstück, aber es fehlt nicht viel, beinahe wäre der Kerl explodiert.

Der Herr ist etwas untersetzt, hat bereits tiefe Geheimratsecken und wirkt recht durchschnittlich. Zwei Aspekte heben ihn aus der Menge, zum einem seine hochhackigen, auf Hochglanz polierten Chelsea-Boots und seine sorgfältig manikürten Fingernägel. Während er seine Mahlzeit verputzt, liest er in einem dicken Hefter. An irgendjemand erinnernt er mich.

Ich widme mich dem Tagesspiegel, wieder einmal bestimmt die Watergate-Affäre den Auslandsteil. Richard Nixon hat seinen Kontrahenden mit Wanzen im Watergate-Hotel in Washington abhören lassen und nun gefährdet der Skandal seine Präsidentschaft. Kaum zu glauben, in Deutschland kann ich mir derartiges nicht vorstellen. Im Inland dominiert die Bayerische Landesregierung die Seiten, sie hat Verfassungsbeschwerde gegen den deutsch-deutschen Grundlagenvertrag eingelegt. Bayern, frage ich mich, gehört das überhaupt zum Inland? In diesem Moment läuft jemand am Café Bleibtreu vorbei, dessen Silhouette ich kenne. Ist das nicht Beaky? Ich besiege die vormittäglich mächtige Schwerkraft und flitze raus aus dem Lokal dem rothaarigen, ehemaligen Schulfreund hinterher. Er ist es und ich lade ihn zum Kaffee ein.

Erneut hat er sich auffallend verändert, obwohl das letzte Treffen nur ein paar Monate zurückliegt. Er ist schmaler geworden, die Wildlederjacke ist ihm zu groß und ein enggeschnürter Gürtel hält die weite Jeans. Die Hände wirken ungepflegt, er hat Nikotinflecken und er scheint an den Nägeln zu kauen. Er wirkt fahrig und seine Pupillen sind unnatürlich weit.

Ohne Punkt und Komma beginnt er sprechen, es dauert einen Moment, bis ich Anschluss bekomme und verstehe worauf er heraus will. Es ist eine Verschwörungstheorie, die er mir in seinem aufgeputschten Zustand erklären will. Sie handelt von einem “Tavistock-Institut” in England, angeblich soll es die Beatles, das Hippietum und die gesamte 68er Revolte geplant und eingefädelt haben, als Teil eines Plans zur Errichtung einer neuen Weltordnung. Danach versuchen Hochfinanz und andere Profiteure mit der Grundmethode “Permanenter Schockzustand” ein Klima von Angst und Bedrohung zu etablieren. Ölkrise, Waldsterben und Terror sollen die Menschen in Rückzug und Realitätsflucht treiben. Über ein “Unterhaltungsprogramm” könnten dann die Massenmedien die durch Ängste erzeugte Wut kanalisieren. Oh, Mann!

An diesem Punkt seiner wüsten Tirade versuche ich ihn zu unterbrechen. Das hätte ich schon früher tun sollen, aber Müdigkeit und Überraschung hatten mich scheinbar gelähmt. “Das ist starker Tobak, Beaky. Wo hast Du denn die Räuberpistole her?”
“Der Doc und ich sind doch jetzt im Speed-Geschäft. Einer unserer besten Kunden ist ein älterer Ami, der sagt, er war früher beim CIA und er hat da mitgemacht”, Beakys Monolog hat etwas am Fahrt verloren und ich bremse ihn nochmal ab: “Komm, lass uns erstmal was zu trinken bestellen.”

Ich rufe Hanna und stelle beide einander vor. Sie schütteln sich die Hände, etwas länger als es normal wäre, habe ich den Eindruck und dann verlässt uns die Kellnerin wieder um Beaky eine Cola und mir einen weiteren Kaffee zu bringen.
Ich würde das Thema gern zum Abschluss bringen, also frage ich Beaky, was den diese Verschwörung direkt mit ihm zu tun haben sollte, denn mir scheint das alles sehr global und spekulativ zu sein.
“Na ja, die Drogen. Ist dir nie aufgefallen, das plötzlich irgendwann in den 60er Jahren überall Drogen aufgetaucht sind. In den USA, in Europa, sogar in Vietnam. Das haben die gesteuert.”
“Aber wer sind denn DIE?”
“Die hinter dem Tavistock-Institut stehen, die haben dann vom Drogenhandel profitiert. Wirtschaftsbosse, Geheimdienste, was weiß ich?”

Das Speed für paranoide Empfindungen sensibel macht, ist ja nichts Neues. Und so sieht Beaky sich in diesem Moment, im Frühsommer 1973, als Marionette unheimlicher Kräfte, die ein Interesse hatten, eine ganze Generation erst in die Rebellion und dann zu den Drogen zu treiben. So wild diese Gerüchte sein mögen, vielleicht ist ein Körnchen Wahrheit in ihnen verborgen, sage ich mir. Aber etwas nicht völlig von der Hand zu weisen ist etwas anderes, als es zu glauben. Beaky jedenfalls scheint, als er mir seine wilde Theorie im Café Bleibtreu präsentiert, gläubig zu sein. So als ob es seine momentane Religion wäre. Ich hoffe, er wird möglichst bald zu etwas Vernünftigerem bekehrt werden.

Glücklicherweise haben wir das Thema nun hinter uns gelassen, doch Beakys nächster Gesprächsgegenstand begeistert mich auch nicht. Denn er erzählt mir von dem Speed-Rezept und davon, dass er fast unbegrenzt viel von dem Zeug bekommen kann. Was gar nicht gut ist für den labilen Beaky, denke ich.

Obwohl ich mir zuerst vorkomme, als ob ich gegen eine Wand rede, mache ich den Versuch, ihm das Zeug auszureden. Ich erkläre ihm, es ist die Droge, die am schnellsten Körper und Geist kaputt macht. Es liegt mir fern, den Moralapostel zu geben, aber Speed nehmen ist so dumm und folgenschwer. Ich argumentiere: “dümmer und folgenschwerer als andere Drogen, mit Ausnahme von Klebstoff schnüffeln. Es ist als ob man eine 30jährige Trinkerkarriere in drei Jahren absolvieren würde.”

Ich kann mich irren, aber meine Worte scheinen auf ihn zu wirken. Während ich mit Beaky spreche beobachte ich den kleinen Mann mit den “Beatles-Stiefeln”. Während er liest macht sein Körper die Andeutung von Gesten und mir wird klar, dass es ein Schauspieler ist, der eine Rolle lernt. Aber welche? Und woher kenne ich den Mimen?

In diesem Moment wechselt die Musik, Hanna hat “Dr. Hook and the Medicine Show” in den Kassetten-Spieler gelegt. “Sylvias Mother” läuft, der erste Track vom ersten Album der Band mit dem Drogen-Image. Dabei schaut sie zu unserem Tisch hinüber und grinst. Ich kenne Hannas Humor und vermute in der Musikauswahl einen Kommentar auf meinen Bekannten Beaky, der heute nicht verbergen kann, dass er “high” ist. Kein böser Kommentar, eher das was englisch “tongue in cheek” heißt, also “augenzwinkernd”. Ich fange Hannas Grinsen auf und lächle zurück, auch Beaky lächelt, er mag wohl Dr. Hook, Hannas milde Ironie entgeht ihm aber, aufgeputscht wie er ist.

Um Beaky aufzuheitern frage ich ihn nach Xanadu, seinem Lieblingsthema, ob er denn jetzt bald dorthin aufbräche. Genau wie eben bei seinen Verschwörungstheorien zieht sich seine Stirn kraus und er poltert los, Xanadu gäbe es gar nicht wirklich. Kublai Khan, der Enkel des Dschingis Khan, habe da zwar ein Lustschloss errichten lassen. Doch 100 Jahre danach, im 13ten Jahrhundert, hätten die Chinesen Xanadu bereits wieder zerstört und der Erde gleichgemacht. Und Marco Polo wäre auch nie dagewesen.

Ich überlege krampfhaft mit welchem Thema ich Beaky auf andere Gedanken bringen kann, der arme Kerl ist wirklich arg neben der Spur. Schliesslich habe ich eine Idee und rufe Hanna an unseren Tisch und bitte sie sich einen Moment zu setzen, das Café ist nicht voll. Ob sie Dr. Hook-Fan ist, frage ich sie. Nein, Fan ist zuviel gesagt, die Musik sei ja eher spaßig gemeint. Beaky wirft ein, das das zweite Album sowieso besser sei, “Cover of the Rolling Stone” wäre doch großartig, worauf Hanna nickt. Zwischen den beiden entspannt sich ein Gespräch und ich ziehe mich kurz auf die Toilette zurück.

Als ich zurückkomme stellen beide fest, riesige Bob Dylan Fans zu sein. Fast im Chor ergänzen sie, das das besonders für die frühen Jahre des Musikers gilt. Sie lächeln sich an. Dann frage ich sie: “Guckt da jetzt nicht hin, aber der kleine Mann dort, ist das nicht ein Schauspieler?” Natürlich Gucken beide sofort hin. Beaky schüttelt den Kopf, aber Hanna weiß was. “Ja doch, mir dämmert es.” Sie verspricht beim Abräumen auf das Manuskript zu schauen, vielleicht hilft uns das weiter.

Beaky fällt auf, dass es schon nach zwölf ist und er einen Termin hat. Sein Job, wie er sagt. Weil er auf Bewährung ist, arbeitet er für einen Antiquitätenhändler und Galeristen, als Fahrer, Lagerarbeiter und alles was so anfällt. In Wirklichkeit macht er auch kleine Deals für seinen Chef, der wie viele seiner Kollegen damals nebenbei Drogengeschäfte macht. Dafür bescheinigt dieser, dass Beaky 40 Wochenstunden bei ihm beschäftigt ist, obwohl es meist nur zwei Tage sind. Beaky muss also los, aber er nimmt sich die Zeit nach Hanna zu fragen. Ob sie einen Freund habe?

Inzwischen hat Hanna versucht dem kleinen Mann mit dem schütteren Haar seine Geheimnisse zu entlocken. Ein Titel steht auf dem Manuskript, “Welt am Draht” und noch ein Name: “Fassbinder”. Auch der Name des Schauspielers ist ihr eingefallen: “Klaus Löwitsch”. Natürlich. Wir überlegen was Fassbinder, das Film- und Theater-Wunderkind aus München da wohl wieder inszeniert. Schon damals fiel uns auf, wieviel dieser Rainer Werner Fassbinder produziert und in wie kurzer Zeit. Als ob er wüsste, dass er nicht viel Zeit haben würde.

Als ich gehe und mich von Hanna verabschiede fragt sie nach Beaky. Ob er viele Drogen nimmt. Ja schon, antworte ich, doch wenn er mal eine wirklich liebe Frau kennenlernte, könne er das überwinden. Und Hanna murmelt nachdenklich: “Eigentlich ist er ziemlich niedlich.”

Fortsetzung folgt

Der ganze Roman “Xanadu ’73” ist 2015 als Buch veröffentlicht worden und kann bei mir bestellt werden. 148 Seiten, 13 Illustrationen, 13.- € inkl. Versand in Deutschland: marcusklugeberlin@yahoo.de

“Welt am Draht” ist ein zweiteiliger Fernsehfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahre 1973. Die Science-Fiction Geschichte handelt von einer Welt, die sich als eine Computersimulation herausstellt. Die Hauptfigur Fred Stiller wird vom Schauspieler Klaus Löwitsch verkörpert.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=URq7m3-SOtA

„Mit seiner von einem ‚Goldmann Weltraum Taschenbuch‘ inspirierten Story nimmt Welt am Draht eine Diskussion vorweg, die erst später in vollem Umfang ausdiskutiert werden sollte. Fassbinder fragt nach grundlegenden philosophischen Konzepten des Seins, der Realitätswahrnehmung, und eben auch der Videoüberwachung. Er fragt nach dem Objektstatus von überwachten Subjekten und skizziert den Alptraum, als Individuum mit dem Glauben an seine eigene Existenz lediglich einem Trugbild zum Opfer zu fallen (sicher nicht zufällig heißt der Supercomputer des Films Simulakron). Zahlreiche aktuelle Filme nehmen diese Thematik auf, von Cronenbergs eXistenZ über Matrix von den Wachowsky Brothers (sic!) oder Dark City von Alex Proyas. Ein Rückblick auf Fassbinders Werk bringt dem Zuschauer sicherlich einige neue Erkenntnisse, denn Fassbinder inszeniert zwar möglicherweise ein wenig langsamer als genannte Kollegen, dafür allerdings auch mit ein wenig mehr Tiefgang.“
Benjamin Happel, Welt am Draht. Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter. filmzentrale.com, abgerufen am 10. Mai 2013. Zitiert nach WiKi.
Das Fersehspiel verschwindet nach der Erstsendung für Jahrzehnte im Archiv. Zur Berlinale 2010 wird eine restaurierte Fassung hergestellt. Michael Ballhaus, der Kameramann des Films, leitet die Arbeiten daran. Bereits 1999 wird der Stoff unter dem Titel “The Thirteenth Floor” neu verfilmt. In der US-amerikanisch-deutschen Produktion spielt Armin Müller-Stahl die Rolle des Helden.

-Der Regisseur, Autor und Schauspieler Rainer Werner Fassbinder stirbt im Alter von 37 Jahren am 10. Juni 1982 in München. Die Todesursache ist Herzversagen, vermutlich ausgelöst durch eine Mischung aus Überarbeitung, Kokain, Schlaftabletten und Alkohol.

-Der Schauspieler Klaus Löwisch stirbt am 3. Dezember 2002 in München an Krebs, er wurde 66 Jahre alt.

Die Tavistock Verschwörung:
http://de.verschwoerungstheorien.wikia.com/wiki/Tavistock_Institute

Die Illustration hat Rainer Jacob gezeichnet. Das nächste Kapitel erzählt wie es mit Beaky und Hanna weitergeht. Wird Beaky seine Drogenprobleme in den Griff bekommen? Die fünfte Episode hat den Titel: “Die Einschiffung nach Kythera”: https://marcuskluge.wordpress.com/2014/06/05/familienportrait-einschiffung-nach-kythera-die-legende-von-xanadu-kapitel-funf-1973-von-marcus-kluge/

„LA BOHÈME WEST-BERLIN schelme schurken kebabträume” – Illustrierte Lesung

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Am 19.12. um 20 Uhr im “Naumann Drei” in der Naumannstraße. Eintritt frei.

Marcus Kluge liest aus seinen Romanen und Bloggeschichten über Bohèmiens, Punks, Künstler und Bösewichter in der Mauerstadt West-Berlin. Der Illustrator und Fotograf Rainer Jacob zeigt dazu Fotos und Orginalzeichnungen mit dem Videobeamer.

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– 1977 ziehe ich nach Friedenau und beschließe Schriftsteller zu werden. Bis zum ersten eigenen Buch dauert es dann 38 Jahre, aber die hatten es in sich. Gut das wir heute auf Pixel und Papier schreiben und nicht mehr auf Kuhhäute, denn ich habe viel zu erzählen. –

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Marcus Kluge & Rainer Jacob

– Mein kürzlich als Buch erschienener Roman „Xanadu ’73” berichtet vom kurzen und tragischen Leben meines Schulfreundes Beaky, der vom Popfan zum Drogenkonsumenten wurde und schließlich an einer Überdosis starb. Dabei schildert es die West-Berliner Bohème der frühen 1970er Jahre. Kiffer, Dealer, DJs, Ärzte und Antiquitätenhändler bildeten damals eine ganz eigene Subkultur in den Nebenstraßen des Kudamms. Mein zweiter Roman „Ein Hügel voller Narren” beginnt acht Jahre später am Tag, als der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay, während eines Polizeieinsatzes, von einem Doppeldeckerbus überrollt und getötet wird. Roberto kommt nach einem Knastaufenthalt in seine Heimatstadt zurück und findet West-Berlin polarisiert durch Polizeiübergriffe, Hausbesetzungen und die Zeitungshetze gegen die Protestbewegung. „Ein Hügel voller Narren” ist fast fertig und wird 2016 als Buch erscheinen. Außerdem hören wir einen Ausschnitt aus „Schnelle Schuhe – Punk in West-Berlin” Im subkulturell gesättigten Biotop West-Berlin geriet selbst die Punkbewegung zur Bohème. – Marcus Kluge

Es gibt die Möglichkeit signierte Bücher, Fanzines und West-Berlin-T-Shirts zu kaufen.

Textbeispiel aus „Schnelle Schuhe” Punk in West-Berlin:

– Wahrscheinlich das Beste an den Punk-Jahren war die Selbstverständlichkeit mit der wir ans Werk gingen, um unsere eigene Musik, unsere Medien, unsere Mode und auch unsere eigenen Spiele zu erfinden. Was bisher nur Eliten gestattet war, eroberten wir uns, ohne groß nach Legitimation oder Qualifikation zu fragen. Wir machten es einfach. Was wir machten, hatten wir nicht in einer Schule oder Uni gelernt, wir lernten vom Leben und durch das Tun.

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1983. Wir sind zu dritt und haben ein Kunstkopf-Mikrofon und einen tragbaren Audio-Rekorder dabei. Irgendwo am Teltowkanal kennen wir einen Schrottplatz, der am Wochenende unbewacht ist. Herbert und ich sind nicht allein, Cordula ist auch dabei, glaube ich.
Damals hatte ja jeder eine Band, eine Kapelle, Combo oder wenigstens ein Musik-Projekt oder zwei. Besonders beliebt mit ungewöhnlichen Geräten zu musizieren. Zum Beispiel Presslufthämmer oder Seitenschneider. Wir benutzten gern Kaffeemaschinen, je verkalkter desto besser, oder Küchengeräte wie die Moulinette, für unsere Aufnahmen als „Cut-Up-Swingers”. Nicht fehlen durften martialische Metallteile als Percussion-Instrumente. Auf dem Schrottplatz machten wir mit Herberts kleinem Audiorekorder Aufnahmen. Den benutzte er sonst zum Mitschneiden von Konzerten. Wir kletterten also über einen Zaun, suchten uns geeignete Schrottteile und machten damit lauten, rhythmischen Lärm. Cordula hatte sich schon immer gefragt, wie ein Bagger klingt? Nun konnte sie es ausprobieren. Nach zehn oder zwölf Minuten, wir waren so richtig in Fahrt, mischte sich eine fremde Stimme in die Tonaufnahme, live! Sie brüllte:
„Watt soll’n ditte hier?”
Die Aggressivität der männlichen Stimme wurde durch das entgrenzte Kläffen eines Hundes unterstrichen.
„Wir machen Musik!”, brüllte ich zurück. Jetzt sahen wir den „Schrottplatz-Offiziellen” und seinen riesigen Schäferhund-Rotweiler-Mischling. Beide waren fuchsteufelswild und der Mann schrie die folgenden, unsterblichen Sätze:
„Ach Musik! Ach Musik ist ditte! Macht mal ‘n langen Schuh, sonst jipps Keile!”
Wir beschlossen ohne weitere Diskussion der Aufforderung des Schrottwächters nachzukommen. Schnell packten wir Mikro und Rekorder zusammen, kletterten zurück und spätestens als wir auf unseren Fahrrädern saßen, konnten wir kaum noch die Balance halten vor lachen. Den „Ach Musik!” Audio-Clip bauten wir in einen Song ein und benutzten ihn als Jingle bei unseren Veranstaltungen. Er wurde zum Markenzeichen und zum geflügelten Wort für alle Grenzwertigkeiten musikalischer Natur und an solchen waren die 1980er Jahre reich . –

Fotos und Illustrationen: Rainer Jacob

UNDERGROUND WEST-BERLIN schurken, schelme, kebabträume

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Lesung mit Bildern – Die West-Berlin-Trilogie von Marcus Kluge

Buchpremiere “Xanadu ’73” am Sonntag, den 30.8. um 19.30 Uhr
in der Kulturwerkstadt Danckelmannstr.9a


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Kürzlich erschien der erste Band der Roman-Trilogie von Marcus Kluge in der “Edition Assassin” als Buch. Möglich wurde das durch über 100 Förderer, die unsere Crowdfunding-Kampagne unterstützt haben. Das wollen wir mit einer illustrierten Lesung feiern. Alle Unterstützer, Freunde und Neugierige sind herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Ich lese aus “Xanadu ’73 – Liebe, Rausch und Rock’n’Roll”, dem ersten Band und der 1981 spielenden Fortsetzung “Ein Hügel voller Narren”, sowie dem “Xanadu-Fanheft”. Der Illustrator und Buchgestalter Rainer Jacob zeigt dazu seine Zeichnungen und historische Originalfotos. “Xanadu ’73” berichtet vom kurzen und tragischen Leben meines Schulfreundes Beaky, der vom Popfan zum Drogenkonsumenten wurde und schließlich an einer Überdosis starb. Dabei schildert es den West-Berliner Underground der frühen 1970er Jahre. Kiffer, Dealer, DJs, Ärzte und Antiquitätenhändler bildeten damals eine ganz eigene Subkultur in den Nebenstraßen des Kudamms. “Ein Hügel voller Narren” beginnt acht Jahre später am Tag, als der Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay, während eines Polizeieinsatzes, von einem Doppeldeckerbus überrollt und getötet wird. Roberto kommt nach einem Knastaufenthalt in seine Heimatstadt zurück und findet West-Berlin polarisiert durch Polizeiübergriffe, Hausbesetzungen und die Zeitungshetze gegen die Protestbewegung. “Ein Hügel voller Narren” ist fast fertig und wird 2016 als Buch erscheinen.

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Der Eintritt ist kostenlos und natürlich kann man das Buch erwerben und sowohl vom Autor, als auch vom Illustrator signieren lassen. Gleichzeitig mit dem Buch ist ein Fanheft erschienen. Es knüpft an die Tradition der Assasin-Fanzines aus den frühen 1980er Jahren an. Das neue, von Rainer Jacob gestaltete Heft, vereinigt Texte, Fotos und Materialien, die das Umfeld des Xanadu-Romans beleuchten und von Kindheit und Jugend in der Mauerstadt der 60er Jahre erzählen. Schließlich haben wir noch eine “T-Shirt-Überraschung” in petto.

M.K.

Illus: Rainer Jacob

Bestellen kann man Buch und Heft unter dieser Adresse: blindepassagiere@gmx.de

Berlinische Leben – „Rainer Works Art Marcus Writes“ / Portrait einer Freundschaft / 1973-2014 / von Marcus Kluge

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Es gibt Freundschaften die Bestand haben, auch wenn uns das Leben für viele Jahre von unseren Freunden trennt. Wir treffen uns wieder und sprechen wieder miteinander, als ob es nur Tage oder Stunden der Trennung waren. Sofort finden wir die gemeinsame Sprache und wir verstehen uns.

So geht es mir mit Rainer Jacob, den ich vor über 40 Jahren kennenlernte. Wie genau haben wir beide vergessen. Er wuchs in der West-Berliner Blissestraße und ich einen Katzensprung entfernt am Volkspark Wilmersdorf auf. Es war Freundschaft auf den ersten Blick. Damals waren wir beide knapp 20, politisch links und mit großem Interesse an Film, Literatur und Kunst. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl wir häufig unterschiedlicher Meinung waren. Ohnehin war Rainer immer besonders vom Bild und ich eher von Sprache begeistert.

Rainer ist sowas wie ein Sonntagskind, obwohl er nicht an einem geboren wurde (12 Minuten zu spät) und er ist mit einem kritischen Geist ausgestattet. Für beides ist er dankbar. Wieso er ein Glückskind wurde, kann er sich erklären. Er hatte eben Glück mit seinen Eltern, die eine 59 Jahre lange, harmonische Ehe bis in den Herbst 2008 führten. Dann starb Martha und Günter folgte ihr im Februar 2009.Kennen lernten sich seine Eltern durch eine Art Lotterie. Während des 2. Weltkriegs bemühte sich die Nazipropaganda jedem unverheirateten Soldaten im „Felde“ ein Mädel an der „Heimatfront“ zu vermitteln. Das klappte wohl ganz gut, auf jeden Fall bei Rainers Eltern, die sich so kennen und lieben lernten. Auch bei der Kriegsgefangenschaft hatte Günter Glück. Er machte kein Kreuz an der Stelle wo dies 80% seiner Kameraden taten, „War Hitler ein guter Mann. Ja oder Nein?”. Er kam auf einen britischen Flughafen, wo er sich frei bewegen konnte, in der Offiziers-Messe bediente und Reifen vulkanisierte. Nebenher bastelte Rainers Vater noch Modelle von Lancaster-Bombern, die begehrt bei den Offizieren waren, zusätzlich Geld brachten und er hatte nicht die prägende traumatische Internierung, wie mein Vater zu erleiden, der nach vier Jahren in Sibirien als gebrochener Mann zurückkam.
10703682_752608828129097_6250639662470188336_nRainers Großeltern

Rainer hat noch Liebesbriefe und ein Kriegstagebuch bis zum Ende der Gefangenschaft, versehen mit Zeichnungen und Fotos und inspiriert durch meine Familiengeschichten spielt er mit dem Gedanken, diese Fundgrube auch einmal in ein Blog zu stellen. Die Eltern heirateten und 1955 wurde Rainer als Wunschkind geboren. Wieso Rainer einen überaus kritischen Verstand entwickelte, kann er nicht genau klären. Voraussetzung um eigene Gedanken entfalten zu können war, dass beide Eltern beschlossen hatten etwas anders zu machen bei der Erziehung. Selbst hatten sie Wilhelminische Strenge kennengelernt, künstlerische Ambitionen mussten sie begraben. Mutter wollte Modezeichnerin werden, doch mit dem Argument, sie heirate ja sowieso, verbrannte die Mutter ihre Zeichnungen. Der Vater fotografierte, zeichnete und baute Schiffs-und Flugzeugmodelle, lernen musste er etwas Praktisches.IMG_20140720_0003Rainer 1973img_20140706_0002Marcus

Mir fallen mir zwei Aspekte auf, die Rainer und mich zu kritischem Denken inspiriert haben könnten. Zunächst war in den 1960er Jahren in Deutschland noch der Nachhall von zwölf Jahren Naziherrschaft, Verbrechen und Kriegsschuld zu spüren. Wir merkten schon im Grundschulalter, dass uns in vielem eine beschönigende Version vermittelt wurde. Rainer erlebte Gechichtslehrer mit Schmissen, die prahlerisch und menschenverachtend von Kriegserlebnissen erzählten, oder die Kinder beim Sport als “Dreibeinige Synagogenzwerge” beschimpften.

Kaum jemand bekannte sich zu seiner Mitschuld, aber wir wussten doch, das eine Mehrheit Hitler gewählt und mitgemacht hatte bei den beispiellosen Verbrechen. Oder man schwieg gänzlich über das 3. Reich, wie in den meisten Schulen. Glücklicherweise war Rainers Vater kein schweigender Despot und in der Familie herrschte eine muntere Streitkultur. Viele in unserer Generation hatten schweigende Väter, fast war es eine vaterlose Generation.

Durch das Leben in Westen Berlins machten wir noch eine weitere augenöffnende Erfahrung. Wir wuchsen mit zwei Versionen der Wahrheit auf, die im Westen und im Osten in den Medien, vor allem im Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde. Zunächst werden wir den Westmedien geglaubt haben, aber spätestens nach dem Besuch des Schah von Persien und dem Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 merkten wir, das auch die Westmedien logen. Rainer beobachtete als Dreizehnjähriger bei einem Klassenkameraden zu Besuch, wie im Rohbau des Nebenhauses eine wilde Schießerei zwischen der Polizei und dem Attentäter von Rudi Dutschke stattfand. Später gingen wir auf Demos und erlebten Knüppelorgien der Polizei, in den Westmedien waren die Studenten und Gammler schuld und plötzlich stimmte die Version der Ostmedien mit unserer Beobachtung überein. Also wurde klar, was Medien berichten muss nicht wahr sein, alles ist kritisch zu hinterfragen. Langhaarigen wurden auf offener Straße “Mädchen” hinterhergerufen und die Boulevard-Presse hetze so sehr, daß ein “Doppelgänger”, der Dutschke änlich sah, beinahe vom Mob gelyncht worden wäre.

Rainer sah sich verschiedenste linke Gruppierungen an und bei keiner, ausser den Trotzkisten, fand er einen Arbeiter. Überhaupt war alles sehr merkwürdig, wenn linke Gruppierungen (SEW, DKP) von Errungenschaften sprachen, während man den “realen” Sozialismus für 25 Mark Eintrittsgebühr besuchen konnte und das heruntergedimmte Licht in Straßen voller verkommener Altbauten den wirklichen Sozialismus zeigte. Bei uns wiederum wurde Kritik am Westen mit dem einfachen Satz, “Geh doch ‘rüber” plattgebügelt.

Während mich das Scheitern der 68er Revolte ins Abseits schickte. Abitur und Studium war mir verwehrt und ich habe mich wohl auch freiwillig für einige Zeit in den Schmollwinkel zurück gezogen, begann Rainer eine Lehre in einer Siebdruckerei. Aber er wollte doch noch sein bildnerisches Talent zum blühen bringen und bemühte sich um ein Studium an der Hochschule der Künste (heute UdK).

Es war ein Abend im Jahr 1973, als er mir seine Mappe zeigte, er hatte den Tag im Zoo verbracht und Tiere gezeichnet, in Vorbereitung auf seine Aufnahmeprüfung. Zum ersten Mal sah ich sein Talent und war beeindruckt. Er studierte dann mit dem kleinen Matrikel. Er startete mit freier Malerei, wechselte zu experimenteller Grafik, dann zu Grafik Design. Während er sich zuerst ernsthaft mit den realistischen Details von Reflexen auf Wasserhähnen malerisch herumschlug wollen seine Jahrgangskommilitonen, die Jungen Wilden, mit der Attitüde von Frühvollendeten Party feiern. Maler die den Habitus von Rockstars imitierten und sich anschickten das Niveau von Werbung glatt zu unterbieten. Damals, vor der Verschulung des Studiums konnte man noch vielseitig und selbstbestimmt Seminare auswählen und Rainer belegte einige der Film-und Fernseh Akademie und bei den Architekten.

Der Kunsthistoriker Freiherr von Löhneysen, der Schopenhauer textkritisch bearbeitete, beeindruckt Rainer. Er ist Führer bei einer Studienreise durch die norditalienischen Städte, wo man die Entstehung der Perspektive studiert. Gern hätte ich ihn begleitet, wenn meine Reiseunlust mich nicht zurückgehalten hätte. Am liebsten fahre ich dorthin, wo ich schon mal war. Zum Beispiel Bretignolles-sur-mer, wo ich schon öfter war. So verbringen wir 1975 vier Wochen in Frankreich, hören Pink Floyd, kucken auf Kühe und feiern den 14. Juli mit den Dörflern.

Zurück in Berlin macht Rainer Multimedia, ich kann mich noch an einen unendlich schweren portablen U-Matic Videorekorder erinnern, mit dem man schwarz-weiße Bilder aufzeichnen konnte. Wir filmten im Tiergarten in den Ruinen des Diplomatenviertels zur Musik von Django Reinhardt. Vielleicht hat mich diese Erfahrung auf eine Schiene gesetzt, die mich später zu 20 Jahren professioneller TV-Produktion gebracht hat.

In dieser Zeit ziehen wir oft um die Häuser, um am Morgen noch lange Gespräche zu führen. Manchmal zeichnet Rainer, z. B. mich während ich englischsprachige Songtexte schreibe, passend garniert mit USA-Attributen. Deutsch zu singen kann ich mir damals nur schwer vorstellen. Überhaupt prägte uns amerikanische Popkultur, die im West-Berlin der Nachkriegsjahrzehnte omnipräsent war. Wir gehen gemeinsam in die Off-Kudamm-Kinos, schauen uns Orginalfassungen mit und ohne Untertitel an. Schwarze Serie und andere Hollywoodstreifen, aber auch anspruchsvolle europäische Filme. Video gibt es noch nicht für Normalsterbliche und im Fernsehen regiert dröges Mittelmaß, das vom Dritten Programm manchmal durchbrochen wird.

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Zu Beginn der Uni-Zeit lernte Rainer seine erste Partnerin, die elf Jahre ältere Ingeborg kennen, die selbst Grafik studiert hatte und damals im Mediterranea griechische Möbel und Flokatis verkaufte, zu der er in eine WG einzog. Dort hatte er ein kleines Fotolabor im Gästeklo, auch von mir gern genutzt. Während des Studiums arbeitete er in den Semesterferien als Praktikant bei der Werbeagentur Dorland oder macht Illustrationen für den Tip, diese Erfahrungen brachten Rainer nach dem Studium zu einer Karriere als Art Director in der Werbung. Er arbeitete für namhafte Agenturen, wechselnd zwischen Freelancer und fest, wir bleiben im Kontakt. Er arbeitet um zu leben, am Wochenende bin ich häufig bei dem Paar zu Gast. Eine WG direkt über der Galerie Natubs und dem Engel Gabriel im Kiez nah am Olivaer Platz. Unter ihnen wohnten die Architekten, die das Märkische Viertel verbrochen hatten in feinstem Bauhaus-Dekor.

1982 beschließe ich soetwas wie ein Fanzine zu gründen. Es ist die Zeit, als drei Akkorde reichen, um als Band Karriere zu machen und ich denke, mit drei Fingern tippen zu können, müsste reichen, um ein kleines Subkultur-Magazin herauszugeben. Und es reicht tatsächlich… Dieses Lebensgefühl der Punkjahre, der Fotograf Richard Gleim drückte es kürzlich in einem Interview mit dem Satz „Das machen wir jetzt“ aus, dieses Lebensgefühl half mir, mich selbst am Schopf aus meinem selbstgewählten „Tunix-Sumpf“ zu ziehen.

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Mit der Hilfe von einigen Freunden gebe ich den „Assasin“ heraus. Rainer entwirft das Markenzeichen mit dem Fadenkreuz, Logos für Rubriken, er weckt mein Interesse an Typografie und er bringt mir bei, das Layout selbst zu gestalten. Mit Letraset, Fixogum und Skalpell werde ich ziemlich gut. Acht Hefte und drei Musikkassetten wird es geben. Dann stehe ich journalistisch auf eigenen Beinen, schreibe für die Taz und Rock-Publikationen.

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1988 fange ich beim OKB an, dem Lokalsender, der heute ALEX heißt. Erst disponiere ich den Sender, dann leite ich Produktionen und Sendeabwicklung, auch wenn auf meiner Visitenkarte etwas diffus „Beratung und Betreuung“ steht. Rainer hat inzwischen sein Atelier im Hofgarten gegründet, um mit einem kleinen Team feines Design für Hotels der Luxus-Klasse zu gestalten. Bevor ihn auch hier in Rhiemers Hofgarten die Arbeit auffrisst, übernimmt er die Leitung des Ateliers bei einer Netzwerkagentur und nach dem Mauerfall geht Rainer für ein Jahr nach Leipzig um die Messe zu re-launchen und schließlich als freier Kreativer konzipiert er die Gesamtkampagne und den Werbespot für die Einführung von Melitta Kaffee in den polnischen Markt. Deshalb castet er eine bekannte polnische Schauspielerin, Ewa Ziętek.

In Polen kennt sie jeder, seit sie mit 18 Jahren die Braut in Andrzej Wajdas “Hochzeit” spielte. In sie verliebt er sich, wie vom Blitz getroffen, während des Drehs in Hamburg. Sie lebt in Berlin und spielt Theater mit akzentfreiem Deutsch. Die ostdeutschen Schauspieler drängen auf den wiedervereinigten deutschen Markt und da will sie wieder in die Heimat und Rainer entscheidet sich spontan mit nach Warschau zu gehen und findet auch gleich eine Stelle als, Head of Art, bei Ogilvy&Mather eine spannende Aufgabe, wo er aus Dramaturgen Werbetexter und aus Architekten Art Direktoren macht. Einige Jahre sehen wir uns nicht. Das Kunden-Portfolio der amerikanischen Agentur ist international, die Etats sind groß, er kann großes Kino inszenieren für Schokoriegel, Pharmakonzerne und der, dem Spiegelmagazin vergleichbaren Wprost, Mode, Kosmetik, Bier. Nach drei Jahren fasst auch Ewa wieder Fuß und neben Boulevard-Theater spielt sie in der dortigen TV-Spitzensoap, “Goldenes Polen” vergleichbar mit unserer Lindenstraße. Reisen nach Indien und Italien zwischen beruflichen Reisen nach Bulgarien, Rumänien, Prag, Wien und häufig zur Postproduction nach London. Sie heiraten nach acht Jahren “wilder Ehe” 2000, fast eine Jet-Set Hochzeit, mit Strech-Limo und begleitet von der Regenbogen-Presse mit illustren Gästen aus Film, Funk und Fernsehen. Ich kann leider nicht kommen, ich muss arbeiten. Nachdem ich fast 15 Jahre Fernsehen gemacht habe, merke ich das der Job mich immer mehr Kraft kostet. Ich habe kaum noch ein Privatleben, selbst im Urlaub verreise ich nicht, irgendwie ist mir nicht danach. Wahrscheinlich leide ich schon damals an einer nicht diagnostizierten Depression.

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Nur einmal besuche ich Rainer in Polen, er bewohnt eine nette Villa in einer bewachten Siedlung bei Warschau, er braust mit einem noblen Citroën durch die Stadt und zeigt mir seine neue Heimat. Dann herrscht Funkstille bis 2004, ich besuche Rainer in einer kleinen Wohnung im Hansaviertel, er ist arbeitslos. Was war passiert?

Nachdem er drei Geschäftsführerwechsel “überlebt” hat, war jemand scharf auf seinen Job und hat ihn herausgeekelt. Doch Rainer scheint Glück zu haben, findet eine neue Agentur. Die Firma schwimmt im Geld, es gibt Kunst an den Wänden eines edlen Jugendstilhauses und mit der Zeit fallen meinem Freund Merkwürdigkeiten auf. Man will nicht wirklich große Etats gewinnen und nur ein großer Kunde kann nicht soviel Profit abwerfen, ihm ist schleierhaft woher das Geld kommt. Dann fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, er arbeitet ohne es gemerkt zu haben für den legalen Arm einer Mafia-ähnlichen Organisation. Income gering, Gewinne groß, hier wird Geld gewaschen, bei einer Teilhaberversammlung wird es augenscheinlich. So schnell er kann, kündigt er. Nun wird es prekär für ihn in Warschau, es rächt sich, das er kein Pole ist und auch nicht perfekt polnisch spricht, außerdem ist er mit 42 schon ziemlich alt für eine dem Jugend-Wahn verfallene Branche. Rainer hat eine Depression aus gutem Grund und lässt sich in der Berliner Charite einen kirschgroßen Gallenstein entfernen. In solchen Situationen überdenkt man sein Leben. Der Stress, über den er sich erhaben glaubte, verlangt eine Entschleunigung des Lebens. Er wird in Berlin wieder bei seiner “alten” Agentur stellvertretender Geschäftsführer, nur um sich bei einem der großen Energie-Konzerne von Atomkraftwerken umstellt zu fühlen, während nur noch Praktikanten und Rookies, die nur mit dem Computer umgehen können, als Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Sein Job ist moralisch nicht mehr vertretbar für ihn.

Nur Monate später endet die nur zweijährige Ehe. Die weitergehenden unschönen Details vertraut er nur mir und einem anderen langjährigen Freund an. Seltsam, ein paar Jahre vorher hatte ich nach sieben Jahren Beziehung eine Ehe, die nach nur zweieinhalb Jahren auseinander brach. So unterschiedlich unsere Charaktere und Biografien waren, manches ähnelt sich. So auch der Karriere-Knick, der uns beide ereilt.

Auf eine neue Spitzenposition besteht für Rainer keine Aussicht, auch hier ist er zu alt und zu teuer für potentielle Arbeitgeber. Das Praktikanten-Unwesen hat begonnen, er konkurriert genau wie ich in meinem Job mit Twens, die für nichts oder fast nichts schuften. Und die den Begriff Twen wahrscheinlich nicht kennen, das tun nur „Opas“ wie Rainer und ich. Und sicher, „Twen“ war für uns auch ein legendäres Periodikum, das die Magazin-Gestaltung insgesamt bahnbrechend veränderte.

Rainer bekocht mich im Hansaviertel, er hat 1000 Pläne, wieder ist es so, als ob wir uns nie getrennt hätten. Aber dann habe ich eine längere Phase der Krise und Krankheit. 2003 höre ich beim Sender auf, das wurde mir in der Reha geraten. Ich mache eine Umschulung, habe zwei Jahre eine Fernbeziehung, während ich die Wochenende bei meiner Freundin, einer Psychotherapeutin in Thüringen verbringe, kümmert er sich um meine Katzen. 2005 ist erstmal Schluss für mich. Erst scheitert die Partnerschaft, dann bekomme ich eine Depression und muss auch die Umschulung abbrechen. Ende der Nuller-Jahre entscheide ich mich für die Rente, wieder folgt eine Pause in der Rainer und ich keinen Kontakt haben.

2013 überwinde ich endlich meine Schreibblockade, im Juli bekommt Julia, meine Stieftochter aus der Ehe ein Baby und macht mich zum Quasi-Opa. Auch für sie schreibe ich die Geschichte meiner Vorfahren auf. Durch Facebook treffe ich viele alte Frende wieder, so auch Rainer. Er lebt seit sieben Jahren mit Delilah zusammen, in die er sich verliebte, als er nichts hatte ausser seinem lange unterforderten kritischen Verstand. Am Sterbebett seiner Mutter erlebte er wie das Herz seines Vaters fast hörbar brach. Zugleich war er extrem verliebt, da ihn Delilah mit Gesang und unendlicher Fürsorge durch alle Höhen und Tiefen begleitete. Auch inspirierte sie ihn das Malen und Zeichnen wiederaufzunehmen.

Das temperamentvolle Vollblut-Weib ist siebzehn Jahre jünger als er. Sie hat drei fast erwachsene Kindern und eine Enkelin. Er wird Vatervertreter und Nenn-Opa. Eine Lektion hat ihm das Leben überdeutlich vermittelt, eine schwere Lebenskrise hilft um das Wesen eines Menschen tiefgreifend zu erfahren, dann kann man Liebenswürdigkeit und Charakterstärke erkennen. Er tut und denkt nur noch was er wirklich will, Geld ist nicht das Wichtigste im Leben, öfter mal ein Bild verkaufen, wäre trotzdem schön.

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Nachdem wir uns im Frühjahr 2013 wiedertreffen nehmen wir unseren Dialog wieder auf. Wir diskutieren über Philosophie, Politik, Psychologie und Science-Fiction. Im Sommer ist er begeistert, dass ich eine Neuauflage von Assasin starten will.

Doch es gelingt mir nicht, mich in den punkmäßigen, abgebrühten Assasin-Modus zu versetzen. Na klar über die NSA-Affäre kann man herrlich lästern. Aber das tun Andere ohnehin schon, vielleicht sogar besser. In 30 Jahren ist der Gonzo-Stil des alten Assasin Mainstream geworden und ich habe mich weiterentwickelt. Vielleicht ist der alte flapsige Stil des Assasin ohnehin zu locker für die doch sehr bedrohliche Entwicklung hin zu einem totalitären Staat in den USA und folglich auch bei uns. Natürlich stellt einen die Politik vor viele Fragen. Die geleakten NSA Papiere drängen mir einen bösen Vergleich auf. Stellen sie nicht der Öffentlichkeit die Frage. „Wollt ihr die totale Überwachung?“ Und ist das Desinteresse einer Mehrheit nicht ein klammheimliches „Ja“, oder zumindest „Ist mir egal“. Doch mehr als mich zu informieren und meine Meinung zu sagen, gelingt mir nicht.

Erstaunlicherweise gefällt einigen Leuten, was ich über meine Familie und aus meinem Leben erzähle. Im September starte ich ein Blog, neben den Texten poste ich viele Fotos, auch welche die mein Freund Rainer gemacht hat. Als ich zum ersten Mal einen Gastautor veröffentliche, bitte ich Rainer Illustrationen zu zeichnen und damit beginnt eine neue, fruchtbare Zusammenarbeit mit ihm.

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Im Frühjahr 2014 beginne ich eine vierteilige Erzählung über einen Schulfreund, aber es wird ein kleiner Roman daraus, zu jedem der zwölf Kapitel macht Rainer stimmungsvolle Bleistiftzeichnungen. Nun da ich mit „Die Legende von Xanadu“ fast fertig bin, sprechen wir über einen weiteren Roman, den ich gern in West-Berliner Punkszene Anfang der 80er Jahre ansiedeln möchte. Es gibt viel zu schreiben und zu zeichnen: „Das machen wir jetzt“.

Nachtrag, 6. Juni 2015:

Morgen um Mitternacht endet unser erstes Crowdfunding. Wir werden in ein paar Wochen “Xanadu” als Buch veröffentlichen. 2000 Euro haben unsere Unterstützer gegeben, um Dankeschöns wie Bücher, T-Shirts und Illustrationen zu bekommen. Rainer und ich sind höchst erfreut und dankbar für tolle Resonanz. Besonders schön finde ich, dass Rainers T-Shirt-Entwürfe und die Drucke seiner Zeichnungen so gut angekommen sind. Ende dieses Jahres werden wir aus den “Familienportraits” ein Buch machen. Nächstes Jahr folgt die Fortsetzung von “Xanadu” und weitere Projekte, unter anderem eine Graphic Novel über ein fiktives Berlin, in dem die Wiedervereinigung nicht stattgefunden hat: “Lux Phosphor – Der Himmel unter Berlin”.

-Vorläufiges Ende-

Editorial – “Blitz, Buch, WeBeMaKis und Lesung”

Rotes Herz Makis

Vor zwei Wochen hat ein Blitz meinen alten PC gekillt. Ein paar neue Texte waren weg, selbst die externen Back-Ups waren unvollständig. Das Xanadu-Buchprojekt dümpelte bei 46%, ohne dass etwas dazukam. Dann haben Rainer und ich uns, zusammen mit der geschätzten Prinzipalin der WeBeMaKis, Jeanette, T-Shirts für Mauerkinder ausgedacht. Rainer hat schöne Entwürfe gemacht und Gruppenmitglieder haben zwei Entwürfe ausgesucht. Eine Woche später waren ca. 50 Hemden bestellt und wir haben unser Funding-Ziel erreicht. Wir sind begeistert und sagen allen Unterstützern und Jeanette vielen, lieben Dank! Mein Traum wird wahr, im Juni wird mein erster Roman gedruckt.

https://www.startnext.com/xanadu-west-berlin-buch

Wer möchte kann sich am 28. Mai im Pinguin-Club von mir vorlesen lassen. Als Gast beim Stammtisch “Plastics, Punks & Pussys” lese ich, um 21 Uhr, kurze Texte über Liebe, Punk und Rock’n’Roll in der Mauerstadt. Die Lesung wird ca. 35-40 Minuten dauern. Mein Freund und Illustrator Rainer Jacob zeigt Zeichnungen und Originalfotos dazu. Der Eintritt ist frei!

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“Rainer und ich waren in der T-Shörterei und haben Neuigkeiten. Girlie-Shirts, also tailliert und mit Rund- oder V-Kragen sind machbar in den Motiven, die wir als T-Shirts anbieten. (Siehe 1a und 6a) Auch Hoodies wären machbar (siehe 4c mit einem neuen Motiv). Ich persönlich könnte mich auch noch für die Variante Grill- und Koch-Schürze erwärmen. Der Haken ist i.M. der Listenpreis der Textilien, wir werden nächste Woche mit dem Chef dort reden und versuchen günstigere Preise aushandeln. Immerhin bestellen wir insgesamt eine größere Menge. 4a ist ein schönes, neues Design, da wäre die Frage, ob wir 10 Besteller finden?

Grundsätzlich denken wir, die Hemden sollten etwas besonderes bleiben, das es nicht immer gibt. Wir werden ein paar Shirts mehr bestellen, z.B. für Mauerkinder, die sich mit der Größe unsicher sind. Eine Kommerzialisierung streben wir nicht an, es soll ja auch nicht “Jedermann” damit rumlaufen. Wenn wir ein neues Projekt starten, würden wir gern in diesem Rahmen neue Shirts vorstellen. Im Herbst möchten wir aus den “Familienportraits” ein Buch machen, so dass zu Weihnachten das Buch und vielleicht ein T-Shirt unterm Weihnachtsbaum liegen.

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XANADU- Buch: Die Songs

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“Xanadu ’73″ist auch ein Buch über Musik, Rock-Musik, genauer gesagt. In jedem der 12 Kapitel gibt es einen Song, der eine Rolle spielt. Manche verstecken sich im Text, andere werden sogar zitiert. Am besten sind die Rolling Stones vertreten, 3 Stücke steuern sie bei. Daneben finden sich Musiker wie die Beatles, Neil Young, der frühe Rockstar Johann Strauss oder die Rock-Geschichten-Erzähler Dr. Hook and the Medicine Show.

Am liebsten hätte ich für die Crowd eine Art “Mix-Tape” auf CDs gebrannt, aber die GEMA-Strafe würde mich ruinieren. Aber die Unterstützer des Buch-Projektes können sich nun anhand dieser Liste selbst was zusammenstellen, um sich die Wartezeit auf das Buch zu verkürzen und sich schon mal darauf einstimmen. Viel Spaß beim Musik hören, tanzen und mitsingen.

Falls ihr unser Projekt noch nicht unterstützt habt, hier könnt ihr Bücher, T-Shirts, Fanzines und Drucke bestellen.
https://www.startnext.com/xanadu-west-berlin-buch

Die Liste:

Kapitel 1 “The Legend of Xanadu” – Dave Dee & Co

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(Lithografie von Josef Kriehuber, 1853)

K.2 “2001 Soundtrack: An der schönen blauen Donau” – Johann Strauss

Pink Floyd, Earls Court, 1973

K.3 “Set the Controls for the Heart of the Sun” – Pink Floyd

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K. 4 “Sylvia’s Mother” – Dr. Hook & the Medicine-Show

K. 5 “Pledging my Time” – Bob Dylan

K.6 “The Needle and the Damage Done” – Neil Young

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K. 7 “Downtown” – Petula Clark

K. 8 “Cold Turkey” – Plastic Ono Band / John Lennon

K. 9 “With a Little Help from my Friends” – Beatles

K. 10 “The Spider and the Fly”- Rolling Stones

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K. 11 “Ich sprenge alle Ketten” – Ricky Shayne

K. 12 “Dead Flowers / Moonlight Mile” – Rolling Stones

Editorial – “Information Wiederbeschaffung” / Interview mit Marcus Kluge / aus “Achte Reise zur Blechluft”

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Anfang dieses Jahres bat mich Günter Sahler um ein Interview. Für “Achte Reise zur Blechluft” befragte er mich zu meinem Blog und der Entstehung meines ersten Romans. Das schön illustrierte Buch erschien kürzlich, nun dokumentiere ich das Gespräch für die Leserinnen und Leser meines Blogs.

Neben Interviews von Autoren, Musikern, Graphic Novel-Machern und Fotografen führt eine fiktive Rahmenhandlung in die Geschichten der portraitierten Künstler. Sahlers Protagonist Gierlich reist in einer Art Punk Fantasy in die realen oder erfundenen Welten seiner Interview-Partner. Beispielsweise fährt Gierlich mit einem beigefarbenen Citroen DS direkt in die Handlung meines Xanadu-Romans. Er besucht die Galerie Puvogel in der Schlüterstraße des Jahres 1973, lernt meinen Helden Beaky kennen und versucht die im Roman wichtige Watteau-Kopie zu kaufen. Offenbar hat er ein Geheimnis über das Gemälde erfahren, dass noch nicht einmal ich, der das Bild erfunden hat, kennt. Er lässt erst von seinem Vorhaben ab, als er begreift, dass der Watteau noch für meinen Roman gebraucht wird.

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Das Interview:

Günter Sahler: In den 80er Jahren hast Du das Fanzine „Assasin“ gemacht und warst auch in der Berliner Musikszene aktiv. Als damaliger Fanzine- und Kassettenmacher dürftest Du mit Deinen Erfahrungen mit Druckereien und Selbstvertrieb beim heutigen Selfpublishing Vorteile haben. Wie siehst Du das?

Marcus Kluge: Was wir damals mit Fanzines und Kassetten probiert haben, entstand aus dem Bedürfnis sich selbst auszudrücken und eine Art Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Foto-Kopieren, drucken, Kassetten kopieren und alles in West-Berlin zu verteilen, war natürlich viel aufwändiger als heutige Distributionsformen wie das Internet. Über Berlin hinaus lief ja alles über die Post. Da ist das Internet traumhaft im Vergleich. Wichtigste Erfahrung, war: das Selbermachen und somit die Kontrolle zu behalten. Deshalb haben wir uns auch für eine kleine Berliner Druckerei entschieden und gegen eine Internet-Firma, jetzt beim ersten Buch. Vertreiben werde ich das Buch auch wieder selbst, übers Netz und hier in Berlin.

G.S.: Im Herbst 2013 hast mit dem Bloggen von Familiengeschichten angefangen. Wie hat sich das ergeben und wie bist Du dann dazu gekommen mit deinem ersten Roman zu starten?

M.K.: Nachdem ich fast 20 Jahre für die Medienanstalt Berlin-Brandenburg gearbeitet habe und dort die Fernsehprojekte von Laien produziert hatte, war mir meine Kreativität verloren gegangen. Selbst als ich Rentner wurde, gelang es mir nicht mehr eigene Texte zu schreiben. Es war eine handfeste Schreibblockade und ich beschloss einen Umweg zu gehen. Ich gründete die “Blinden Passagiere”, eine Selbsthilfegruppe, in der ich mit traumatisch belasteten Menschen gearbeitet habe. Ich wollte den Fokus nicht nur auf mich, sondern auch auf andere richten und das hat wohl funktioniert. Ostern 2013 bin in den Keller gegangen und kam mit einer Kiste voller Fotos, Briefe und Dokumente zurück. Ich war fasziniert von den Geschichten, die ich da fand und habe kurz danach angefangen diese aufzuschreiben. Sicher hat auch eine Rolle gespielt, dass ich im Sommer 2013 Opa wurde. Eine Freundin empfahl mir ein Blog zu machen, ab dem 13. September 2013 habe ich auf wordpress “Familienportraits” veröffentlicht. In den ersten sechs Monaten wurde 12 000 mal auf Beiträge zugegriffen, eine Reichweite höher, als die Auflage von acht Assasin-Heften. Besonders die Stücke über West-Berlin kamen gut an, weshalb ich die Rubriken Berlinische Leben und Berlinische Räume eröffnet habe. Die “Leben” berichten hauptsächlich biografisch über Berliner und die “Räume” fokussieren auf Institutionen, Klubs und allgemein die Wohnsituation in der Mauerstadt. Zusätzlich habe ich auch Gastautoren gebeten über diese Themen zu schreiben, um den Blickwinkel zu erweitern. Ich möchte möglichst viel aus diesen Jahren dokumentieren, bevor die Zeitzeugen nicht mehr da sind. Siegfried Cracauer hat mal über den Film gesagt, er könne ein Stück Realität für die Nachwelt retten. Soetwas versuche ich mit den Mitteln des Internets, ob es mir gelingt müssen andere entscheiden.

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G.S.: In Geschichte „Die Legende von Xanadu“ geht es um den Heroinsüchtigen Beaky. Handlungszeitraum sind die 70er Jahre. Was wird auf dem Klappentext des Buchs stehen?

M.K.: Was auf dem Klappentext stehen wird, verrate ich noch nicht, aber ich erzähle worum es geht. In den 70er Jahren starb ein ehemaliger Schulfreund an einer Heroinüberdosis und schon damals wollte ich darüber schreiben und habe recherchiert. Doch ich merkte, mir fehlte einfach das Handwerkszeug, das Leben von Beaky in seiner Komplexität darzustellen, ihm gerecht zu werden. Erst 35 Jahre später, Anfang 2014, schrieb ich einen kleinen Text über ein Pink Floyd Konzert 1970, bei dem Beaky vorkam und mir fiel sein kurzes, heftiges Leben wieder ein. Also beschloss ich, sein Leben in drei oder vier Kapiteln zu erzählen, an einen Roman hätte ich mich nicht herangetraut. Erst nach und nach gab ich Beaky mehr Raum und schließlich hatte ich einen kleinen Roman von ca. 140 Druckseiten fertig, zu meinem eigenen, größten Erstaunen. Ich hatte mir das nicht zugetraut. “Xanadu” ist eine Erinnerung an das West-Berlin der frühen 1970er Jahre, Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen. Es war mir auch wichtig, eine Art “Gegendarstellung” zu “Wir Kinder von Bahnhof Zoo” zu schreiben, ohne diese spekulative Gossenromantik des Bestsellers, der wahrscheinlich mehr Leute zum Heroin gebracht hat, als davor abgeschreckt. Mein Gegenentwurf ist Beaky, der aus einer bürgerlichen Familie kommt, der gebildet ist, Thomas Mann liest und den trotzdem eine Leere und Verlorenheit zu den Drogen treibt und dessen scheinbar dramatischer Tod in Wirklichkeit ein banaler Unfall ist.

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G.S.: Die Geschichten orientieren sich an der Wirklichkeit und Du schreibst über Dinge aus Deinem Erfahrungsraum. Wie sammelst Du darüber hinaus Material und wie recherchierst Du?

M.K.: Im Wesentlichen hielt ich mich an die goldene Regel und schrieb über das, was ich kenne. Ich habe ein merkwürdig ausuferndes Gedächtnis, besonders an Dinge, die keinen besonderen Nutzen oder Sinn haben, erinnere ich mich perfekt, egal wie lange das Erlebte her ist. Und wen ich mich hinsetze und zu schreiben anfange, setzt das einen zusätzlichen Prozess in Gang und die Erinnerung wird tiefer, komplexer. Mit Ausnahme der Romane schreibe ich Wirklichkeit auf, ohne sie zu verändern. Bis auf die “Erfindung”, die der Prozess der Erinnerung und des Bewusstseins, an sich eben darstellt. Erst mit dem Xanadu-Roman fließt auch fiktives ein, doch das Meiste ist nicht erfunden, ich ordne und verdichte die Dinge nur. In meinem zweiten Roman, “Ein Hügel voller Narren” ist dann auch Neu-Schöpfung eingearbeitet. Das hat sich ganz langsam, organisch entwickelt. Selbst dieses Erfundene scheint mir schon dagewesen zu sein, es fühlt sich an, als ob ich es wiederfinde und aufschreibe, das ist ziemlich merkwürdig, es hat sich ergeben, ohne das ich es forciert habe. Ich muss da an einen Begriff aus der Filmsatire “Brazil” denken, da heißt der Geheimdienst “Information Wiederbeschaffung”. So bezeichne ich den Prozess scherzhaft bei mir selbst.
Neben der Erinnerung benutze ich meine reichhaltige Bibliothek und das Internet zum recherchieren. Im Internet finde ich nicht nur Fakten, sondern auch Zeitzeugen, die ich befragen kann. Das tue ich dann in der Regel per Mail oder Telefon.

G.S.: Du hast derzeit einen guten Output, fast täglich erscheinen neue Texte auf Deine Webseite marcuskluge.wordpress.com. Wie kann ich mir Deinen Arbeitsalltag als Blogger mit WordPress, Facebook und Twitter vorstellen?

M.K.: Ich versuche einmal in der Woche einen neuen, längeren Text zu veröffentlichen. Reblogs, Bilderstrecken und Gastautoren ergänzen den Output. Wenn ich das Blog nicht bespiele, nimmt das Interesse ab, dann habe ich nur noch 40-50 Aufrufe statt 100 bis 200 täglich. Wahrscheinlich fließt es bei mir auch deshalb i.M. so gut, weil ich solange einen Schreibblock hatte und in jener Zeit sind Dinge gereift.
Eine Trennung von Privatleben und Arbeit gibt es nicht mehr. Ich schreibe morgens 500 Wörter in zwei Stunden etwa, alles andere, wie recherchieren, promoten, Kontakte pflegen, empfinde ich nicht als Arbeit. Aus gesundheitlichen Gründen muss ich aufpassen, mich nicht zu überlasten. Ich mache eine Siesta mittags und oft noch eine zweite am frühen Abend. Weil die Arbeit Spaß macht, überlaste ich mich manchmal, dann muss ich Auszeiten nehmen. Ich gehe selten weg, weil mich das ziemlich anstrengt und die Technik ermöglicht, dass ich fast alles von daheim machen kann. Ich empfinde diese Möglichkeiten als Segen. Auf der anderen Seite sind mir die Gefahren durch staatliche Dienste wie die NSA, oder private wie Google, sehr bewusst. Ich fürchte die beschworene Dystopie hat bereits begonnen und wird noch sehr böse Folgen haben. Aber auf Google und Facebook zu verzichten ist unrealistisch. Ein “Grundwiderspruch” hätten die 68er gesagt. 😉

G.S.: Rainer Jacob, der auch schon das „Assasin“ gestaltet hat und dort auch Comics gezeichnet hat, zeichnet nun wieder für deine Romane „Die Legende von Xanadu“ und “Ein Hügel voller Narren” Illustrationen. Wie kann man sich die inhaltliche und technische Zusammenarbeit zwischen Dir als Autor und Webmaster und Rainer Jacob als Zeichner vorstellen? Hättest Du auch ohne die Rainer Jacob an Illustrationen zu den Geschichten gedacht?

M.K.: Rainer und ich sind seit über 40 Jahren Freunde. Obwohl, oder vielleicht auch, weil wir oft unterschiedliche Meinungen haben, respektieren wir den Anderen. Das gilt besonders für das Handwerk des Anderen, er redet mir nicht herein und ich ihm auch nicht. Natürlich gebe ich ihm Themen vor, oder sage z.B., die Figur Ghobadi stelle ich mir optisch so ähnlich vor wie Moshe Dayan. Mehr ist es nicht, welche Szene und welche anderen Figuren und Attribute er zeichnet, entscheidet er selber. Wir haben da eine fast schon intuitive Ebene des Verstehens. Manchmal zeichnet er Dinge, die im Text gar nicht vorkommen und ich greife das auf und schreibe es, oder stelle fest, dass die Sache später eine Rolle spielen wird.
Schon bevor wir, im Frühjahr 2014, unsere alte Zusammenarbeit wieder aufgenommen haben, habe ich meine Texte mit Originalfotos, Briefen, Dokumenten und anderem illustriert. Ich verfüge über ein Archiv von etwa 2000 Fotos, an denen ich die Rechte habe. Eigene, Familienfotos und Fotos, die ich in Auftrag gegeben habe aus der Assasin-Zeit. Nur zeichnen kann ich nicht. Ich hätte ohne Rainer die Romane mit Oldschool-Kollagen illustriert, hergestellt wie zu Fanzine-Zeiten, mit Cutter und Fixogum. Gibts eigentlich noch Fixogum?
Ich habe eine Lust an illustrativen Bildern, die einen in Stimmung versetzen, ohne die eigene Fantasie zu zerstören. An meinem neunten Geburtstag bekam ich “Bambi” von Felix Salten in einer wunderschönen Ausgabe geschenkt, Leinen, Fadenheftung usw. Sie hatte nur einen Fehler, sie enthielt keine Bilder. Bambi ohne Bilder? Ich habe nie Felix Salten gelesen.
Ich sehe meine Romane auch als unterhaltsame Fortsetzungsgeschichten, vielleicht eine Art Edel-Pulp, da gehört die Illustration einfach dazu.

G.S.: Du planst jetzt den Roman „Die Legende von Xanadu“ nicht nur über das Internet zu veröffentlichen, sondern auch als gedrucktes Buch. Finanzieren willst du über Crowdfunding. Wie wird das ablaufen? Wie wirst du dafür Werbung machen?

M.K.: Im Frühjahr werden wir in die Bewerbungsphase gehen, da muss man mindestens 25 Fans nachweisen, das wird kein Problem. Dann loben wir Präsente aus für alle, die uns unterstützen. Z.B. jemand der 12 Euro dazugibt bekommt ein signiertes Buch, für 20 ein schönes T-Shirt, oder auch ein Button für drei Euro. Alles natürlich im Stil der 1970er Jahre. Besonders freue ich mich auf ein “Fan-Heft”, das werden wir als Reminiszenz an das alte Assasin gestalten. In der Finanzierungsphase muss man halt viel in den sozialen Netzwerken aktiv werden und Multiplikatoren um Unterstützung bitten. Wenn das Geld zusammenkommt, wird gedruckt, die anderen Dankeschöns werden hergestellt und anschließend an die Unterstützer versandt. Den Rest der Auflage haben wir zu unserer Verfügung und können unsere Arbeit damit ein wenig bezahlt bekommen. Viele Bücher will ich auch zur Promotion verschenken. Dann könnten wir das darauf folgende Buch, also den “Narrenhügel” schon in einer größeren Auflage drucken. Mal sehen, wie’s läuft. Ich spekuliere nicht gern.

G.S.: Um ein Buch im Eigenverlag zu veröffentlichen, hat man heute zahlreiche Möglichkeiten. Seit einigen Jahren propagieren Books-on-demand-Firmen das Publizieren für jedermann. Man schickt seine Daten per Internet an diese Firmen und je nach Wunsch muss man die gedruckten Bücher selber verkaufen oder die Firma kümmert sich vollständig darum. Andererseits gibt es immer noch genügend klassische Druckereien, die die Buchherstellung übernehmen. Welche Erfahrungen hast du in dem Bereich in der letzten Zeit gemacht?

M.K.: Ich habe den Eindruck, die Net-Druckereien sind teuer, so als ob die ein Kartell bilden. Außerdem habe ich keine Kontrolle bei der Produktion, das ist mir zu anonym. Deshalb drucken wir in Berlin in einer kleinen Druckerei. Ich hätte gern ein Hardcover mit Fadenheftung gehabt, musst aber einsehen, dass das Buch damit sehr teuer geworden wäre. Inzwischen denke ich auch seriell, eine Reihe von bezahlbaren Taschenbüchern, könnte ich mir vorstellen. “Xanadu” ist ja Teil einer Trilogie, der zweite Band ist fast fertig und die Familienportraits sollten ja auch mal gedruckt werden.
Es war auch klar, das erste Buch im Selbstverlag herauszubringen. Als Anfänger hätte ich sonst Kompromisse eingehen müssen und möglicherweise nicht die Rechte behalten. Ich habe ja den Vorteil, durch eine kleine Rente unabhängig zu sein. Ich muss vom Schreiben nicht leben. Trotzdem würde ich nicht als Schreiber für die Huff oder andere Medien kostenlos arbeiten. Grundsätzlich ist Schreiben ein Beruf, der auch bezahlt werden muss.

G.S.: Ohne die Unterstützung eines Verlages, willst Du nicht nur das Buch vertreiben, sondern auch Lesungen durchführen. Wie viel Spaß hast Du am „[fast] alles selber machen“?

M.K.: Es gibt wenig, das mir keinen Spaß macht. Kalkulationen sind nicht so meins und ich bin kein großer Kontakter. Ich muss akzeptieren, dass ich nur langsam vorankomme, das ist manchmal lästig, aber die Gesundheit geht vor. Auf die Lesungen freue ich mich schon, damals als ich noch vor der Kamera stand, hat mir das Auftreten immer Freude gemacht. Das ist das Schauspielerblut meines Vaters nehme ich an. Deshalb drehe ich jetzt auch Video-Lesungen und stelle die auf youtube. Ich selbst lese lieber Bücher, aber viele Menschen mögen sich auch gern was vorlesen lassen.
Weil ich viel allein mache, versuche ich immer wieder mit Freunden und Lesern im Gespräch zu bleiben und mir auch Kritik anzuhören. Letztlich tut man was man für richtig hält, aber man sollte vermeiden abzuheben oder sich im Wolkenkuckucksheim zu isolieren.


Günters Website:
http://www.guentersahler.de/

Das Interview und die Illus aus dem Buch erscheinen mit freundlicher Genehmigung von Günter Sahler.

Foto: Marcus Kluge mit Blechkanister, ca. 1970 (©M.K.)

Editorial – “Das Fanheft” / Ein besonderes Dankeschön

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Rainer und ich haben beschlossen schon mal das Fanheft zu erstellen, dessen Erstauflage ausschließlich für Unterstützer unseres Xanadu-Projektes zu erhalten ist. Inhaltlich wird es Stories vereinen, die mit dem Xanadu-Roman und dem Mauerstadt-Mythos in Verbindung stehen. Natürlich gibt es die LSD-Geschichte “A Saucerful Of Löschpapier”, in der Beaky, noch unter seinem bürgerlichen Namen Frieder, erstmals in meinen Texten auftaucht. Sie war es ja, die mich an Beaky erinnert hat und dazu geführt hat, den Xanadu-Roman über meinen ehemaligen Schulfreund zu schreiben. Sie erzählt, wie wir auf einem Pink Floyd-Konzert 1970 LSD geschenkt bekommen und Beaky auf einen Horrortrip kommt.

Auf jeden Fall möchte ich außerdem die “Easy Andi-” und die Mauerfall- Geschichte “Halber Mensch” in diesem Rahmen erstmals drucken lassen. Ein Impressum schildert, wie der Roman und die Idee für die ganze Trilogie entstanden sind. Auf Seite 3 stelle ich meinen Illustrator und Freund Rainer Jacob und mich, in biografischen Texten, vor.

Ein besonderer Leckerbissen ist für die Mittelseiten geplant, wir setzen unseren, in den 1980er Jahren im Assasin erschienen, Comic “Lux Phosphor” fort. Etwas Heiteres schwebt mir noch vor, nachdem die Traumsequenz über den toten Vampir Lummer auf der Lesung so gut angekommen ist.

Rainer plant ein Lay-Out, dass sich am alten Assasin orientiert, aber durchgehend gut lesbar ist und typografisch “neomodern” wird. Viele Fotos und Faksimiles, für die im Buch kein Platz war, werden das Fanheft illustrieren.

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Heft 5 – 1983

Das Heft hat 24 Seiten, es wird handkoloriert, nummeriert und signiert erscheinen. Auf Wunsch können wir die Exemplare auch dem Unterstützer, oder einer von ihm bestimmten Person widmen. Die Erstauflage ist auf 40 Hefte beschränkt, 20 sind über das Crowdfunding-Projekt zu erwerben. Der Rest der Auflage wird von uns zu Zwecken der Öffenlichkeitsarbeit verwendet. Natürlich können wir, wenn die Nachfrage besteht, später eine Neuauflage produzieren.

Fanheft Kultur

Entwurf Cover Fanheft

Die Finanzierungsphase beginnt erst, wenn Startnext meine Bandident-Unterlagen hat, und da liegt das Problem: Es gibt leider Verzögerungen, sowohl Startnext, als auch die Postbank, bei der ich Kunde bin, sind nicht bereit beim Bankident-Verfahren zusammenzuarbeiten. Startnext hat mich sogar auf Facebook blockiert, weil ich mich beschwert habe. Ich muss also morgen bei fremden Banken betteln gehen, bis ein netter Mitarbeiter bereit ist mir zu helfen. Erst dann kann das Projekt von Startnext ein weiteres Mal geprüft werden und dann in die Finanzierungsphase gehen. Ich hoffe nächste Woche ist es endlich soweit.

M.K.

Abb. oben: “Lux Phosphor” 1983, Art: Rainer Jacob, Text: Marcus Kluge.

Unser Crowdfunding-Projekt:

https://www.startnext.com/xanadu-west-berlin-buch

Editorial – Lesen eins / Illustrierte Lesung 19. März 2015

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Eine Woche hatte ich am Skript für die Lesung gearbeitet. Ich wollte erzählen wie der Xanadu-Roman zustande kam, ohne von mir geplant gewesen zu sein. Moderationen und Textausschnitte über meine Oma, meine verstorbenen Freunde Andi und Frieder, den Xanadu-Helden, sowie Roberto, den Protagonisten des zweiten Romans, füllten 22 Seiten. Alles aufzuschreiben war auch nötig, damit Rainer jeweils im richtigen Moment das passende Bild projezieren konnte.

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Am Tag vor der Lesung hatten wir eine Probe, alles funktionierte. Auch ins Mikro zu sprechen fiel mir leicht. Trotzdem hatte ich heftiges Lampenfieber. Um 20 Uhr sollte Beginn sein, aber kurz vor acht waren eben ein halbes Dutzend Gäste eingetrudelt, also warteten wir. 20 nach acht fing ich an, das Saallicht wurde ausgeschaltet, ich sah nichts mehr vom Publikum. Aber ich hörte es, da war Reaktion, sogar Lacher. Nach sieben Seiten hatte ich eine erste Pause geplant, ich entschied spontan weiterzulesen. Rainer lies sich davon nicht irritieren. Nach Bleistreustraße las ich “A Saucerful of Löschpapier” und ich erklärte wie ich dadurch inspiriert wurde über Frieder zu schreiben und wie daraus, zu meiner Überraschung ein Roman wurde. Nach den ersten Ausschnitten aus Xanadu entlies ich das Publikum in eine kurze Pause. 16 oder 17 Gäste waren insgesamt erschienen. Thomas, Susanna, Sea Wanton, Neda, Gerlinde und auch mein alter Schulfreund, der die Vorlage für den Helden meines zweiten Romans, Roberto, geworden war. Wie so viele andere hatte ich ihn auf Facebook wiedergefunden. Zufällig wohnt er nur einige Häuser von der Kulturwerkstadt entfernt. Auch Cornelia Grosch war gekommen und machte dankenswerterweise Fotos. Daran hatte ich nicht gedacht.

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Nach der Pause stellte ich das Crowdfunding-Projekt vor, das Xanadu-West-Berlin-Buch. Im zweiten Teil las ich weiter aus Xanadu und danach aus dem zweiten Roman “Ein Hügel voller Narren”. Blöderweise hatte ich mein Wasserglas irgendwo stehen lassen, ich lutschte ein Bonbon, um die Stimme zu ölen. Nur bei besonders emotionalen Stellen, blieb mir die Luft weg. Richtige Hänger hatte ich nur einmal, da musste ich mehrmals ansetzen, weil mir ein Satz nicht einleuchtete. Nach dem offiziellen Text las ich als Zugabe den Detektiv-Traum, indem ich den Mord an Vampir Heinrich Lummer aufkläre. Diverse Lacher. Ich hätte zwar noch Material gehabt, aber nach zweimal 40 Minuten war ich so fertig, dass ich Schluss machte. Ich bekam ein Bier und sehr viel Lob. Ich danke allen, die geholfen haben und allen, die den Weg nach Charlottenburg gefunden haben.

Es war eine tolle, aber enorm anstrengende Erfahrung. Und ja, ich mache es wieder. Schon am 30. April um 21 Uhr kann man mir im Pinguin-Club in der Wartburgstraße lauschen. Dieses Mal ohne Bilder und kürzer, aber dafür ohne Eintritt. Das Programm werde ich wieder maßschneidern, Punk, Mauerstadt West-Berlin und Pinguin-Club werden Themen sein.

M.K.

Fotos: Cornelia Grosch

Illustrierte Lesung – “Die Legende von Xanadu – 1973” / 19. März 2015 – Kulturwerkstatt Danckelmannstr. 9a – 20 Uhr

Brandstifter

Marcus Kluge liest aus seinem ersten Roman und anderen Texten über die Mauerstadt. Liebe, Rausch und Rock’n’Roll sind die Themen des Romans, daneben schaut der Autor auf die Punk- und Hausbesetzer-Szene in West-Berlin zurück. Die Lesung wird durch Zeichnungen von Rainer Jacob und Originalfotos aus dem Archiv des Autors illustriert.

“Im März 2014 begann ich eine Kurzgeschichte über einen ehemaligen Schulfreund zu schreiben. Das kurze und heftige Leben des West-Berliners Beaky, der zehn war als die Mauer gebaut wird und achtzehn, als er seinen ersten Trip nahm. 1973 starb er an einer Heroin-Überdosis und ich hatte das Bedürfnis zu erzählen, wie es dazu kam. Das Thema packte mich derart, dass, zu meiner eigenen Überraschung, ein Roman daraus wurde.”
Marcus Kluge

Der Inhalt des Romans:

Beaky hat einen Plan, doch wird er funktionieren? Auf jeden Fall hat er zwei Helfer, die schöne Ungarin Susanna und den Dealer mit der Arzttasche, den alle nur den „Doktor“ nennen. Auch Professor Philippus, der Star-Therapeut der 68er Generation wird zu seinem Unterstützer. Das Leben hat Beaky aus der Bahn geworfen, doch nun steht er wieder auf und kämpft um eine bessere Zukunft. Er versucht von den Drogen loszukommen, er arbeitet beim Galeristen Puvogel, um etwas aus sich zu machen und er verliebt sich. Doch die Liebe hält nicht lange, als seine Geliebte ihn beim Heroin schnupfen erwischt, beendet sie die Beziehung. Als er auch noch Opfer der perversen Lüste seines Chefs wird, schmiedet er einen Plan, um sich an Puvogel zu rächen, seine Geliebte zurückzugewinnen und sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Doch dann passiert ein Unglücksfall, der wie ein Verbrechen aussieht und Beaky gerät ins Visier der Kriminalpolizei…

Marcus Kluge liest aus “Die Legende von Xanadu” und stellt die Crowdfunding-Kampagne für die Buchausgabe vor.

19. März in der Kulturwerkstatt Danckelmannstraße 9a/14059 B.

Einlass: 19.30h Beginn: 20h

Karten: 8.-/4.-(erm.) Euro – Kartenbestellung per E-Mail blindepassagiere@gmx.de

Leseprobe:

Berlinische Leben – “Der zwielichtige Herr Puvogel” / Video-Lesung

Ausschnitt aus dem West-Berlin-Roman “Xanadu ’73” von Marcus Kluge. Mehr aus “Xanadu”: http://wp.me/P3UMZB-Rw

Editorial – „Crowdfunding, Buchausgabe, Videolesungen“ / Neues vom Blog-Haus am Lietzensee

In den letzten Wochen haben Rainer Jacob und ich fleißig Videos gedreht. Zum einen, um für das Crowdfunding einen Clip zu drehen, in dem wir das Projekt vorstellen. Zum anderen habe ich angefangen, Geschichten und Romankapitel auf Video einzulesen. Kostproben gibt es demnächst in diesem Theater. Eine weitere gute Neuigkeit: Wir haben eine Druckerei hier in Berlin gefunden. Die werden für uns den Xanadu-Roman herstellen. Die ganzen Net-Druckereien haben fast identische, hohe Preise aufgerufen. Ein Hardcover mit Fadenheftung hätten wir damit für mindestens 25 Euro verkaufen müssen, was einfach zu teuer ist für 140 Seiten. Also wird es ein Softcover geben, das wir für 10 – 12 Euro abgeben können. Für eine Erstausgabe mit kleiner Auflage wäre das ein äußerst günstiger Preis. Freunde haben mit der Druckerei gute Erfahrungen gemacht und im Gegensatz zu den Netzdruckern kann man hingehen und mit den Leuten reden.

Bezahlt wird die Druckauflage von 300 – 400 Stück mit Crowdfunding. Neben signierten Büchern und Drucken von Rainers Illus haben wir uns weitere schöne Präsente ausgedacht. Z.B. ein Fan-Heft, streng limitiert, mit dem wir an unsere frühere Fanzine-Arbeit anknüpfen. Inhaltlich gibt es weitere Geschichten von mir und Illus von Rainer, sowie Fotos und Materialien, die die 70er Jahre in West-Berlin weiter illustrieren. Außerdem denken wir an T-Shirts und Buttons, natürlich auch im Stil der Zeit.

Allerdings nimmt das viel Zeit in Anspruch und ich habe ja noch zwei weitere “Jobs”, die mir am Herzen liegen und die ich nicht unterbrechen will. Ich schreibe den Nachfolger von Xanadu und ich bespiele das Blog mit neuen, alten, eigenen, sowie Posts von Gästen. Realistisch wäre im Januar mit der Startphase loszulegen, 25 Fans müssten rasch zusammen kommen. Dann folgt die Finanzierungsphase, so dass im März hoffentlich alle Unterstützer ihre “Dankeschöns” in der Hand halten und ich mein erstes eigenes Buch.

Meine erste “Live”-Lesung wird im Januar 2015 im Kulturladen Mainzer7 in Neukölln stattfinden. Der Termin wird demnächst bekanntgegeben. Ich bin auch auf der Suche nach weiteren Orten für Lesungen, ich freue mich über Tipps.

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich eine schöne Adventszeit, fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins Jahr 2015.

Marcus Kluge

Video-Kostprobe:

http://wp.me/p3UMZB-Xm

Illu: Rainer Jacob

Familienportrait – A Saucerful of Löschpapier / Audi Max der TU 13. März 1970 / von Marcus Kluge

Wir freuten uns schon seit Wochen auf das Konzert. Unsere Lieblingsband war in Deutschland und den USA nahezu unbekannt, selbst in England blieb ein Platz sechs in den Charts schon ihr größter Erfolg, doch für uns sind sie die Größten. Sie sind fast noch ein Geheimtipp, eine Band für Kunststudenten und sie treten auch meist in Unis auf. Dass sie eines Tages mit bombastischen Arrangements Stadien füllen würden, hätten wir uns nicht vorstellen können.

Image Schon am Nachmittag treffen wir uns vor dem Audi Max der TU an der Straße des 17. Juni und überlegen, wie wir umsonst reinkommen können. Karten gibt es nicht mehr, wir haben auch kein Geld, um welche zu kaufen. Einlass und Backstagebereich sind abgeriegelt, da geht nichts.

Wir gehen wieder auf die Straße und sehen einen Truck, der dort parkt. Roadies beginnen Equipment auszuladen. An der Halle wird ein Seiteneingang neben der Bühne geöffnet, damit man die Anlage nicht weit tragen muss. Ein Roadie hat uns beobachtet, er sagt etwas auf englisch, was wir nicht verstehen. Ruhig und freundlich zeigt er auf die WEM-Boxen und Verstärker und bedeutet uns, wir sollen uns was davon schnappen und reintragen. Im Vergleich zu den Marshall und Orange-PAs, die wir sonst kennen sind die VEM-Komponenten klein, aber leistungsstark, wie wir merken werden. Ein paarmal machen wir den Weg von draussen nach drinnen und zurück, dann ist der Truck leer und wir bleiben in der Halle.

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So etwas wie Security gibt es hier nicht, nur ein paar Studis vom AStA rennen genervt herum, ihnen wächst die Sache über den Kopf, der Druck auf die noch geschlossenen Saaleingänge muss gigantisch sein. Es ist normal, dass ein paar Leute stürmen und umsonst reinkommen. Aber der Asta der TU ist nicht das Stones-Management, Hells Angels oder ähnliche Kräfte hat man nicht engagiert. So schaffen es mindestens 200 Zuschauer ohne Karten hereinzukommen.

Wir setzen uns auf den rechten Bühnenrand, der nette Roadie kommt noch einmal und holt eine Plastiktüte aus seinen Jeans. Darin ist eine Handvoll Löschpapier, jemand hat runde Löcher ausgestanzt und von dem was übrig bleibt schenkt er uns eine ordentliche Menge, warnt uns aber, wir sollten nicht zuviel davon essen. Ich höre auf ihn, Andi und Frieder nicht. Ich denke an Alice im Wunderland.

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Ich habe Pink Floyd noch weitere dreimal zwischen 72 und 84 gesehen, nie waren sie annähernd so gut wie in diesem fast intimen Rahmen, ohne zentralen Mischer, ohne Bühnenlicht und ohne Monitoranlage. Waters und Gilmour mit kleinen WEM-Verstärkern, Rick Wright an der Orgel, Nick Mason mit winzigem Drumset, rechts und links noch ein paar Boxen, das wars.

Trotz des grellen Saallichts kommt schon bei “Astronomy Domine” psychedelische Athmosphäre auf. Der Saal ist überfüllt, ich sitze immer noch rechts auf dem Bühnenrand, woanders hin könnte ich sowieso nicht. Einen Meter von mir entfernt steht David Gilmour und macht die seltsamsten Dinge mit seiner Gitarre, klopft, zirrpt, mit einem Handgriff könnte ich ihm sein Wah Wah-Pedal klauen, er benutzt es kaum.

Bei “A Saucerful of Secrets” beginne ich Farben zu sehen. Nicht nur das, ich sehe die gehörten Töne bunt und wie durch ein Kaleidoskop, das ich durch ein Kaleidoskop betrachte. Die Halluzinationen kommen in Wellen. Um ehrlich zu sein, ich kann nicht wirklich beschreiben, was ich damals sah und empfand.

Image Die Zuschauer sind mucksmäuschenstill, bei den leisen Passagen kann ich Gilmours Gitarre unverstärkt hören. Drei Stunden dauert die Messe. An “Set The Controls for The Heart of The Sun” kann ich mich noch deutlich erinnern, die gehauchten Vocals, ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Als letzte Nummer bekommt das aufmerksame Auditorium einen 20 Minuten langen Blues. Wie Andi und ich in unserer Band “Spoilt Saturn”, haben auch Pink Floyd als Blues-Musiker angefangen und sich dann in den Weiten des psychedelischen Universums verloren.

Andi und Frieder sind total abgedreht. Um Frieder mache ich mir etwas Sorgen, es geht ihm nicht wirklich gut. Andi ist mein Freund, Frieder hat etwas Unnahbares. Zuerst war er mir zwei Jahre früher aufgefallen, weil er als großer Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich-Fan, Hosen mit unterschiedlich farbigen Hosenbeinen trug. Überhaupt konnte er viel Geld für Klamotten und Platten ausgeben. Er arbeitete bei seinem Alten, der hatte wohl eine Kneipe. Mit seinen Sachen war er ziemlich pingelig, während Andi und ich ständig LPs und Kleidung tauschten, verborgte Frieder nie was. Aber er hatte eine tolle Anlage, seine Mutter war selten da, so besuchten wir ihn oft, um Musik zu hören.

Nach dem Konzert leert sich das Audi Max nur langsam. Andi ist wieder halbwegs klar, wir beschließen den wirr redenden Frieder nach Haus zu bringen. Wir fahren mit der neuen U-Bahn-Linie vom Zoo zum Bundesplatz, ich habe den Eindruck in einem Raumschiff aus Kubricks “2001” herumzuschweben. Der Verkehr am Bundesplatz holt mich zurück auf den Boden. Bis zur Frieders Wohnung ist es glücklicherweise nicht weit, wir sind heilfroh in seinem Zimmer, neben dem Bundesplatz-Kino, anzukommen.

Wir hören die Ummagumma-Doppel-LP, wenn ich die Augen schließe, sehe ich wieder bunte Farbspiele. In meiner Grundschule hing in jedem Klassenraum eine Karte von Europa. Das Deutschland in den Grenzen von 1937 erhob sich daraus, dreidimensional dargestellt, wie eine unregelmäßige Torte in drei Stücken, die Bundesrepublik, die DDR und oben rechts Ostpreußen. Darüber stand der Spruch: “Deutschland: dreigeteilt? Niemals!”

Nun, 1970, sehe ich, in ähnlicher grafischer Darstellung, Ost- und West-Berlin, und wie sich die beiden Teile langsam voneinander entfernen. Als ich in meinem halluzinogenen Raumschiff näherfliege, sehe ich wie Menschen am Rand der riesigen Stadthälften mit großen, weißen Taschentüchern, den sich entfernenden Brüdern und Schwestern auf der anderen Seite, traurig Abschied zuwinken. Auch ich werde traurig.

Frieder hatte etwas Labiles, sein Vater war vom Krieg traumatisiert und hat irgendetwas davon auf den Sohn übertragen. Als ich ihn kennenlernte, achtete er noch sehr auf seine Gesundheit, er rauchte noch nichtmal. Nachdem ich von der Schule flog, sah ich ihn nur noch sporadisch. Er hat später angefangen zu fixen. Seine Unfähigkeit, sich mit uns anzufreunden, war wohl nur das Symptom einer tieferliegenden Einsamkeit. Als er das erste Mal im Knast war, hat er dann auch begonnen zu rauchen. Seine ganze Geschichte erzählte ich erst 2014, in meinem ersten Roman “Xanadu ’73”, der inzwischen erschienen ist:

http://wp.me/P3UMZB-Rw

 

Setlist
Astronomy Domine
Careful With That Axe Eugene
Cymbaline
A Saucerful Of Secrets
The Embryo
Interstellar Overdrive
Set The Controls for the Heart of the Sun
Rick, Richard, Richard, are you ready?
Atom Heart Mother
Blues

 

Hörbeispiel “Interstellar Overdrive” vom 13.3.1970:

http://www.youtube.com/watch?v=h9MZeKwJfA8

LSD: http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Hofmann

WEM: http://www.wemwatkins.co.uk/history.htm

 

Drei Tage später treten Pink Floyd in Nürnberg auf. Auch wenn der Artikel dazu Fehler enthält, dokumentiere ich ihn. Er zeigt sehr deutlich und unterhaltend, wie überfordert Musikjournalisten 1970 mit dem Phänomen Pink Floyd waren.

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Fotos © Marcus Kluge

Editorial – „Ein Jahr. Geschichten werden erzählt. Es geht.“ / von Marcus Kluge / 13. September 2014

Ein Jahr. Genau heute vor einem Jahr habe ich dieses Blog gegründet. Ich suchte einen öffentlichen Ort für meine autobiografischen Texte und ich habe ihn gefunden. Seitdem hat die Statistik 22 000 Zugriffe auf Beiträge oder Homepage des Blogs registriert. Real sind es mehr gewesen, aber auch diese Zahl erstaunt mich. Zuerst stand meine Familie im Vordergrund, dann reagierte ich auf das starke Interesse am Berlin der Mauerjahre und schrieb darüber. Von 191 Beiträgen sind etwa 40% Erstveröffentlichungen gewesen und ca. jeder achte wurde von einem Gastautor verfasst. 892 Stichworte führen von Suchmaschinen auf das Blog. Nachdem mir bis vor kurzem nur ein halbes Dutzend andere Blogger gefolgt sich, sind es nun 31, sowie 669 inklusive Facebook. In den 80er Jahren habe ich mit meinem Assasin-Heft vielleicht 2 000 – 3 000 Leser pro Nummer erreicht und der Aufwand ist erheblich höher gewesen. Ich bin also hochzufrieden, auch mit den freundlichen Kommentaren und Mails, die mich erreicht haben.

Es geht. Das eigentliche Wunder für mich ist die Tatsache, dass ich überhaupt wieder schreibe. Vor 2013 war ein Drehbuch für einen Film über Kathy Acker im Jahre 1990, der letzte persönliche Text, der mir gelang. Dann schrieb ich 23 Jahre nur noch beruflich, nichts eigenes. Zu untersuchen woher meine Blockade kam, würde an dieser Stelle zu weit führen, aber sie war massiv und ich hatte die Hoffnung wieder schreiben zu können aufgegeben. Im Frühjahr 2013 verfasste ich kleine Texte und postete sie bei Facebook und sie wurden von einigen Usern geliked. Letztlich war diese Akklamation entscheidend und ich machte weiter. Am 13. 9. stellte ich drei kurze Texte in mein Blog und schon die Reaktion in den ersten Tagen war toll. Im Lauf der Monate wuchsen die Stücke im Umfang von 600-800 Wörtern auf 2500-3000 Wörter und das wurde mein Wochenpensum.

Geschichten werden erzählt. Zu dem Anfangsformat „Familienportrait“ gesellten sich, an der Nachfrage orientierte Rubriken: „Berlinische Leben“ und „Berlinische Räume“. Die „Räume“ behandeln Orte, Kneipen, Institutionen und das Thema „wohnen“ im West-Berlin der Mauerjahre, die „Leben“ erzählen Biografien. Meine Freundin Annemarie begann für die „Räume“ und „Leben“, wunderbare, prägnante Stücke zu verfassen. Im März begann ich „Die Legende von Xanadu“ zu schreiben, ich überlistete mich selbst, denn es wurde ein Roman, ohne das ich mir das verriet. Wenn ich an einem Roman gearbeitet hätte, wäre der Druck zu groß gewesen und ich hätte Angst vor dem „weiten Bogen“ gehabt. So schrieb ich eine Erzählung, die auf wundersame Weise immer länger wurde. Mein Freund Rainer illustrierte die Kapitel mit herrlichen Bleistiftzeichnungen. Als ich am 19. Juli das letzte Kapitel von Xanadu postete, war ich derartig angetan, dass ich sofort anfing an einer Fortsetzung zu arbeiten.

Innerhalb weniger Wochen entwarf ich den neuen Roman: „Ein Hügel voller Narren“. Am 22. September 1981 treffe ich den Rückkehrer im Café Mitropa, es ist der Tag an dem Klaus-Jürgen Rattay stirbt. Wir müssen vor der wildgewordenen Polizei flüchten und Roberto erkennt seine Heimatstadt kaum wieder.
Doch das ist nicht sein einziges Problem, Gangster sind hinter ihm her, sie wollen Geld zurück, das er mit seinem missglückten Schmuggel verloren hat. Als ich Roberto bei mir wohnen lasse, gerate auch ich in den Strudel einer atemberaubenden Geschichte mit überraschenden Wendungen, die bis zum Widerstand gegen das Nazi-Regime während des 2. Weltkriegs zurückführt. Daneben erkunden wir das legendäre Nachtleben, besuchen Klubs wie das SO 36 und die Music-Hall. Wir erleben Bands, zum Beispiel die “Einstürzenden Neubauten” und die “Goldenen Vampire” und treffen originelle Zeitgenossen.

Weiter. In Arbeit ist ein Stück über die 70er Jahre, Disco mit Ilja Richter und den gruseligen Geschmack dieser Ära. Ein neuer Gastautor arbeitet an persönlichen Erinnerungen an den OKB. Aber ich werde alles etwas ruhiger angehen, so wie ich mir das versprochen hatte, als ich 2007 Rentner wurde. Es ist aber auch eine Crux mit meinem geliebten Berlin, es hat immer Tempo drauf und dem kann man sich nur schwer entziehen. Es lebe die Entschleunigung!

Das Foto stammt von Geoff Pugh der mich am 4. Dezember 2013 für den Daily Telegraph fotografiert hat. Wie es dazu kam, erzähle ich hier:
https://marcuskluge.wordpress.com/2014/08/04/familienportrait-pankoff-passierscheine-und-venezolanische-passe-1961-85-von-marcus-kluge/

Familienportrait – „Moonlight Mile“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Zwölf / 1973 / von Marcus Kluge

Als er das Krankenhaus verlässt, kommt er auf die Idee seine neugewonnene Freiheit mit einem Eis bei Monheim in der Blissestraße zu feiern. Dort hat er schon als Kind, mit einer Schüssel, am Sonntag Eis geholt. Es ist immer noch heiß an diesem Juliabend im Jahre 1973, das sein letztes werden wird.
25 Pfennig kostet die Kugel Eis bei Monheim, er nimmt dreimal Rum-Traube. Dann schlendert er am Eva-Kino vorbei, er erinnert sich an die sonntäglichen Jugendvorstellungen. Meist gab es Sandalenfilme, es wurde gejohlt und gepfiffen. Mit seinem Eis setzt er sich ans alte Fenn und starrt auf das Wasser. Doch immer wieder steigen andere Bilder hoch, die sich vor sein inneres Auge schieben. Sie steigen auf wie Gespenster, es sind Fotos, peinliche Fotos, schmerzliche Fotos, Fotos, die sich eingebrannt haben in sein Bewusstsein. Nun merkt er auch wieder sein Knie, ein brennender Schmerz zieht bis in den linken Fuß. Er hat Angst, wovor weiß er gar nicht so genau. Am liebsten würde er schlafen, lange schlafen und am besten auch nicht träumen, nur schlafen. Die Polizei hat ihm alles Dope weggenommen, auch die Pfeifen und die Spritzen. Wo bekommt er nun Drogen her? Seine alte Heroin-Connection hat er gekappt, bevor er auf Entzug gegangen ist. Er hat den Pusher gebeten, ihm nie wieder H oder etwas ähnliches zu verkaufen und damals haben sich manche Pusher noch an solche Versprechungen gehalten. Auf die Szene am Bahnhof Zoo oder an der Kurfürstenstraße will er nicht gehen. Zu hoch ist die Gefahr in eine Razzia zu kommen, mit der die Bullen regelmäßig die Drogenszene aufmischen, wenn sie zu groß und auffällig wird. Früher, als er selbst noch Dealer war, hatte er seine Leute, die ihn gewarnt haben, doch das ist vorbei. Wo soll er hingehen? Da fällt ihm ein, er ist ja in der Blissestraße, hier wohnt Susanna, die kann er besuchen, vielleicht hat die was da.

Da das Haus in der Blissestraße immer offen ist, steigt er gleich die Treppen hoch und klingelt bei Susanna. „Wer ist da?“
„Ich bins, Beaky.“
Susanna ist wieder in ihren Kimono gehüllt, sie sieht krank und dünn aus. Beaky bietet ihr eine Zigarette an, sie rauchen beide und Beaky fragt: „Hast du was von Doktor gehört? Weißt du, die Polizei hat mich verhaftet, ich würde am liebsten das ganze Geld zurückgeben.“
Susanna sieht ihn ungläubig an, sie kann seine Naivität nicht nachvollziehen: „Das Geld wirst du nie sehen wieder, Beaky. Und der Doktor woll auch nicht.“ Wenn sie aufgeregt ist, wird ihr Akzent stärker.
„Meinst du wirklich? Ich habe furchtbare Angst für lange Zeit in den Knast zu gehen, ich würde das nicht nochmal durchhalten. Vielleicht bringe ich mich dann um. Übrigens, ich habe die Schnauze gehalten. Die Bullen wissen nichts von dir.“
„Danke Beaky, du bist guter Kerl“
„Sag mal, hast du Dope, Pulver oder irgendwas?“
„Nein, kein Pulver. Seitdem der Arsch weg ist, habe ich Affen.“
Wieder steigt die Angst in ihm auf, am liebsten würde er auf seine Ängste einschlagen, solange bis sie abhauen und ihn in Ruhe lassen.
Immerhin, Susanna schenkt ihm ein bißchen Grass und auf seine Bitte ein altes Spritzbesteck vom Doc, das er zurückgelassen hat: „Aber, du musst steril machen mit kochende Wasser“, sagt sie mit einem Stirnrunzeln.

Perilog
Erst Mitte August 1973 erfuhr ich was Beaky geschehen war. Ich hatte kaum an ihn gedacht und gehofft es es wäre ein gutes Zeichen, wenn ich nichts von ihm hörte. Doch da irrte ich mich. Nachdem ich die ganze traurige Geschichte kannte, habe ich darüber nachgegrübelt, ob Beaky trotz seines frühen Todes ein erfülltes, ein richtiges Leben hatte. Damals dachte ich an den Satz von Adorno, den Hanna zitiert hatte, nachdem es kein richtiges Leben im falschen gäbe. Und mit dem falschen meinte ich natürlich seine Drogenkarriere. Ich sah die Drogen sehr kritisch, vielleicht besonders kritisch, weil ich sie, wie die meisten meiner Generation, wenige Jahre vorher noch völlig unkritisch gelobt hatte. Wie alle Bekehrten war ich strikt in meinen Ansichten.
Damals, Ende der 60er Jahre, als Beaky begann Drogen zu nehmen, standen sie noch nicht im Zusammenhang mit Gewalt, sozialem Abstieg und Krankheit. Für Beaky waren sie am Anfang Mittel, mit denen man experimentierte und sich selbst erforschte. Er las „The Doors of Perception“, das Essay nach dem sich die „Doors“ benannt hatten. Dort schrieb Aldous Huxley, einer der klügsten Köpfe seiner Generation, über seine Selbstversuche mit Meskalin. Dem glaubte Beaky nachzueifern, am Anfang.
Ich möchte Beakys Leben auch nicht verherrlichen. Diesen Satz: „Live fast, die young“ fand ich schon immer oberflächlich und herzlos. Die, die ihn anführen waren auch meist die, die insgeheim davon ausgingen, selbst ein langes Leben zu haben. Und die, die dem Spruch mit offenen Augen bis in die bittere Konsequenz folgten, waren tragische, von ihren Dämonen verfolgte Menschen. So einer war Beaky auch nicht.
Unseren Eltern ging es gut nach dem verlorenen Krieg. Wir erwarteten, dass es so weiter gehen würde. Alles würde immer besser werden, quasi automatisch und mit den Drogen ließen wir es uns schon einmal, im Vorgriff auf die Zukunft, gut gehen. Es war ausgemachte Sache, das Drogen früher oder später legal werden würden. In der „Bravo“ erschien 1969 eine dreiteilige Serie über das Leben im Jahr 2000. Danach verbrachten die Teenager der Zukunft ihre Nachmittage in Spaßbädern, wobei sie LSD nahmen und Sex mit unterschiedlichen Partnern hatten. Das Lernen erledigten Maschinen, die den Teens das Wissen im Schlaf vermittelten. Nun, es kam anders, sowohl mit dem ewigen „immer besser gehen“, als auch mit den Spaßbädern. Beaky würde es nicht mehr erleben.
Ich versuchte aufzurechnen, was dafür sprach, dass mein Schulfreund nicht völlig sinnlos gelebt hatte. Er hatte die Musik gehabt und er hatte Xanadu gehabt, seinen etwas unrealistischen Traum. „The Legend of Xanadu“, dieser Song von Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick and Tich hatte ihn inspiriert. Ein nicht einmal erstklassiger Popsong, aber von seiner Lieblingsband, mit den Mariachi-Trompeten und dem Effekt mit dem Peitschenknall, wurde die Basis für seinen Traum. Er hatte sogar angefangen das Gedicht zu übersetzen, das den Begriff Xanadu im englischsprachigen Raum berühmt gemacht hat. Doch wie Coleridge wurde auch Beaky bei der Arbeit gestört und konnte sie nicht vollenden. Diese Koinzidenz wurde mir bewusst, als ich nach Beakys Tod über das Gedicht recherchierte.

Im Sommer 1797 lebte Samuel Taylor Coleridge im Südwesten Englands und arbeitete an mehreren Gedichten. Er war krank und zog sich auf ein abgelegenes Gehöft zwischen Linton und Porlock im heutigen Nationalpark Exmoor zurück. Ein Arzt verschrieb ihm ein Anodyn, wie man damals schmerzlindernde Tinkturen nannte. Die darin enthaltene kräftige Dosis Opium versetzte ihn in einen von lebhaften Träumen begleiteten Schlaf. Davor hatte er einen Text über Kublai Khan und dessen legendäres Lustschloss Xanadu gelesen und im Schlaf wurde ihm ein 200 bis 300 Zeilen langes Gedicht eingegeben. Später bestand er darauf, dass er zu dieser Ballade ohne jede eigene Anstrengung kam, sie war fertig, und er konnte sie im Traum auswendig lernen. Als er erwachte, setzte er sich sofort an den Schreibtisch und begann das gesamte Gedicht aufzuschreiben. Leider wurde er mitten in der Arbeit von einen Besucher gestört. „A person from Porlock“, jemand aus Porlock, der mit ihm Geschäftliches zu besprechen hatte, klopfte an seine Tür und hielt ihn etwa eine Stunde auf. Als Coleridge danach weiterschreiben wollte, musste er feststellen, dass das Poem bis auf wenige Fragmente aus seiner Erinnerung verschwunden war. Trotzdem das Werk so nur 54 Zeilen lang wurde, und erst 20 Jahre später veröffentlicht wurde, gilt es als eines der bekanntesten englischen Gedichte. Generationen von Dichtern haben sich mit ihm auseinander gesetzt und es hat vielfältigen Eingang in Kunst und populäre Kultur gefunden. „A person from Porlock“ wurde zu einem geflügelten Wort für die unglückliche Unterbrechung einer Arbeit, später auch für eine nicht ganz nachvollziehbare Erklärung, wieso man etwas nicht vollendet hat. 1941 inspirierte das Gedicht Orson Welles für seinen epochalen Film „Citizen Kane“. 1968 machte Dave Dee einen Popsong daraus, in dem er das Schloss seltsamerweise nach Mexiko verlegte. In den 80er Jahren wurde Dave Dee bei einer Massenaudienz der Queen vorgestellt. Elizabeth II. soll gesagt haben: „You’ re the one with the whip!“ Aus Xanadu wurde schließlich ein Musical und die Band „Frankie Goes to Hollywood“ hatte 1984 einen Riesen-Hit mit „Welcome To the Pleasuredome“, der mit der gleichen Zeile beginnt, wie das Gedicht: „In Xanadu did Kublai-Khan a pleasuredome …“

August 1973. Es war ein Freitagnachmittag, ich lag in der schönen, in den Boden eingelassenen Jugendstil-Badewanne in der Schlüterstraße und entspannte mich. Axel, einer der WG-Mitbewohner, klopfte an die Tür und brüllte: „Telefon, Marcus. Scheint wichtig zu sein.“
Ich fluchte, stieg aus der Wanne, warf mir den Bademantel über und lief über den Flur. Ich rutschte aus und legte mich langhin. Abermals fluchend erreichte ich das Telefon im Berliner Zimmer. Er war Beakys Mutter. Sie konnte ihr Schluchzen kaum verbergen, als sie mir berichtete, dass Beaky tot war, er hatte eine Überdosis Heroin genommen. Sie bat mich um einen Besuch und ich sagte zu, am Sonntagnachmittag bei ihr vorbeizukommen. Selten hatte ich soviel Bammel vor einem Gespräch. Ja, ich hatte Bammel, auch so ein Berlinisches Wort das aus dem Jiddischen kommt, „baal ema“ bedeutet soviel wie „furchtsamer Mensch“.
Ich hatte Bammel, weil ich mich verantwortlich fühlte. Ich fühlte mich verantwortlich, schon weil ich zur selben Generation wie Beaky gehörte, weil ich auch über die Politik und die Rock-Musik an die Drogen gekommen war, auch wenn ich bald wieder die Finger davon ließ und Drogenerfahrungen nur noch aus zweiter Hand sammelte. Und ich fühlte mich verantwortlich, weil ich vor meinem Urlaub nicht erkannte, wie groß die Gefahr war, die über Beaky schwebte. Ich wusste nicht, wie ich Beakys Mutter unter die Augen treten sollte, doch ich wusste auch, ich würde mich nicht davor drücken können. Zwei Nächte schlief ich sehr schlecht, Sonntagmittag war ich bei meiner Mutter essen, die mir Mut machte. Beakys Mutter wäre schon froh, wenn ihr jemand zuhörte, der Beaky kannte und ihren Kummer nachvollziehen konnte.

Pünktlich um vier stand ich vor dem Haus neben dem „Bundesplatz-Kino“ und klingelte bei Becker. Nachdem Beakys Mutter und ich einen Moment von Fremdheit und Peinlichkeit überwunden hatte, kamen wir ins Gespräch. Innerlich atmete ich ein wenig auf. Beakys Mutter machte mich nicht verantwortlich, im Gegenteil. Wir saßen in ihrer Küche und sie erzählte mir, was passiert war, als ich in Frankreich war. Sie wusste ziemlich gut Bescheid über die letzten Tage ihres Sohnes. Sie hatte mit fast allen Beteiligten gesprochen.
Sie versuchte mich ihren Kummer nicht anmerken zu lassen, doch er war präsent, wie eine große dunkle Wolke, die über den Küchentisch schwebte, an dem wir saßen. Sie war inzwischen Patientin bei Professor Philippus geworden. Die Gespräche halfen ihr und er verschrieb ihr auch ein Medikament, das gegen Depressionen und Antriebsschwäche wirkte. Besonders hilfreich war, das Philippus ihren Sohn gekannt hatte und das Beaky ihm intimste Gedanken mitgeteilt hatte. Beakys Vater war entlastet worden, weder für Brandstiftung noch für Pornografie gab es Beweise. Zwei Jahre später wurde das allgemeine Pornografie-Verbot in den Bunderepublik Deutschland aufgehoben. Petra Porlock entschuldigte sich ausdrücklich bei Beakys Mutter, weil sie ihrem Sohn im Verhör mit Vorwürfen über seinen Vater zusetzte, für die sie keine Beweise hatte. Sie hatte einfach spekuliert, weil sie, wie viele Polizistin meinte, dass der Zweck die Mittel heiligt. Es hatte wohl Ende der 50er Jahre einen Verdacht auf Verbreitung jugendgefährdender Bilder gegen Herrn Becker gegeben, aber das Verfahren war wegen mangelnder Beweise eingestellt worden. Puvogel hatte sich relativ gut erholt, er hatte keine bleibende Schäden, doch es blieben einige Gedächtnislücken, was die letzten Tage vor seinem Unfall betraf. Vielleicht hatte er es auch vorgezogen, sich nicht mehr an diese für ihn peinlichen Ereignisse zu erinnern. Da er damit als Zeuge ausfiel stellte die Staatsanwaltschaft die Verfahren wegen schwerer Körperverletzung und Einbruchsdiebstahl ein. Die Suche nach Beakys Komplizen endete damit auch. Es hatte Spekulationen über Puvogel in den Boulevardzeitungen gegeben, da es aber keine Quellen gab, die die Reporter angraben konnten, verschwand die Geschichte nach kurzer Zeit und andere spekulative Stories füllten das Sommerloch. An Petra Porlock hatten sie die Journalisten die Zähne ausgebissen, sie schwieg, wenigstens das gehörte zu ihrer Auffassung von Professionalität.
Jahre später traf ich Ingomar von Puvogel auf einer Nach-Vernissage-Party bei dem inzwischen verstorbenen Galeristen Kunze in der Giesebrechtstraße. Bei ihm hatte sich aus dem Diebstahl der Watteau-Kopie und Beakys Tod eine amüsante Anekdote entwickelt, in der er selbst eine höchst heldenhafte Rolle spielte. Ich war befremdet aber auch fasziniert. Hanna machte nach dem Studium eine Therapeutenausbildung und lebt als Analytikerin in Bielefeld. Von Susanna habe ich nie wieder etwas gehört und der falsche Doktor soll in Amsterdam gelebt haben, bevor sich seine Spur auf den Balearen verlor.

An diesem Sonntag im August 1973 leitete ich nach einem zweistündigem Gespräch langsam meinen Rückzug ein. Das Gespräch mit Beakys Mutter hatte mich Kraft gekostet. Frau Becker betonte noch einmal: „Frieder hat sie bewundert, Marcus. Er hat oft von ihnen gesprochen, er wäre gern wie sie gewesen. Ich glaube, es wäre in seinem Sinne, wenn sie diese Bücher bekommen. Die hatte ihm Puvogel geschenkt und ich möchte sie nicht behalten.“
Damit holte sie eine Reisetasche unter dem Küchentisch hervor, die randvoll mit Büchern gefüllt war. Sie wog deutlich mehr als zehn Kilo. Ich war nicht begeistert über das Geschenk, aber ich konnte es unmöglich ablehnen. Ich wollte eben aufstehen, als ich merkte Frau Becker hatte noch etwas auf ihrem Herzem: „Sagen sie, Marcus. Glauben sie er hat sich umbringen wollen? Aber dann hätte er doch einen Brief hinterlassen, oder?“
„Ich bin mir sicher, das es ein Unfall war. Er war ja wohl runter vom Heroin gewesen, da passieren leider häufig Überdosierungen. Für Selbstmord war er auch überhaupt nicht der Typ.“
Ganz so sicher war ich mir nicht.

Als Beaky wieder auf der Blissestraße steht, ist die Sonne untergegangen und er überlegt, wo er etwas zum spritzen bekommen könnte. Nein, er will nicht wieder damit anfangen. Nur heute bräuchte er einfach ein Hilfsmittel um einmal total abzuschalten und lange zu schlafen. Dann würde die Welt bestimmt wieder heiterer aussehen. Es gibt doch da diesen Laden in der Bundesallee, wo er kurz drin war, als er auf Entzug war. Die „Baustelle“ ist zwar ein angeranzter Schuppen, aber was zum drücken gab es dort bestimmt, eigentlich ist es genau der Laden, den er jetzt braucht.
Die Disco ist noch leer, kaum ein Dutzend Menschen bevölkern den großen Raum. Beaky hat ein merkwürdiges Gefühl, ähnlich wie ein deja vu. Er stellt sich vor, dass bevor er zur Tür hereinkam, die Personen stocksteif wie Wachspuppen gewesen wären. Nur für ihn würden sie jetzt so tun, als ob sie Gäste, D.J. oder Tresenkraft wären. Verbunden mit diesem Gefühl ist die Ahnung etwas Schlimmes könnte passieren. Ja, er ist ziemlich mit den Nerven fertig.
Der D.J. blendet eben zu „Dead Flowers“ von den Stones über und ein Paar betritt die leere Tanzfläche. Beaky setzt sich an die Theke, der wie ein Rocker aussehende Keeper fragt ihn „Cola?“ und Beaky nickt. Er mag den Song und es hört sich so, als ob Jagger seinen Namen singt:

„Take me down little Beaky take me down
I know you think you’re the king of the underground.“

Beaky schaut sich um und überlegt, wen er ansprechen soll. Der Barmann stellt ihm die Cola hin und verlangt eine Mark. Beaky sucht die Münze aus der Tasche und bevor er bezahlt, fragt er: „Sag mal, weißt du, ob hier jemand Pulver verkauft?“
„Geh mal zu dem Kleinen mit der braunen Lederjacke.“
Er zeigt in Richtung der D.J. Kanzel. Dort stehen ein größerer und kleiner Mann.

„Send me dead flowers to my wedding
Send me dead flowers by the mail.
And I won’t forget to put roses on your grave.“

Der größere Mann sieht wie Ricky Shayne aus. Konnte es sein, dass der ehemalige Schlagerstar in so einem Schuppen rumhing? Na ja, er hatte Ricky Shayne mal in Ilja Richters „Disco 72“ gesehen. Da sah er ziemlich breit aus. Beaky dachte oft wenn er Prominente im Fernsehen oder auf Fotos sah, dass diese auf Drogen wären. Der Sänger war bleich gewesen, wirkte irgendwie steif und sang Playback. Das wurde sehr deutlich als er, ungefähr in der Mitte des Songs, das Mikrofon bis auf die Höhe seines Gürtels sinken lies und völlig vergaß es wieder vor den Mund zu halten. Jetzt sieht er allerdings frisch und wach aus. Der kleinere Mann nicht, er fährt sich mehrfach mit der Hand ins Gesicht und reibt darin herum. Eine typische Junkie-Geste. Ja, das könnte sein „Mann“ sein. Der D.J. spielt nun „Break On Through“ von den Doors.

Tried to run
Tried to hide
Break on through to the other side.“

Beaky hat es nicht eilig, im Gegenteil, jetzt wo er so kurz vor der Erfüllung seines Wunsches ist, kommen ihm Zweifel, ob das was er hier tut richtig ist? Neben der Tanzfläche ist ein Baugerüst aufgebaut, an dem eine Leinwand hängt. Darauf wird ein alter Tom und Jerry Film projeziert. Der Kater bekommt Ärger mit einer grimmig aussehenden Bulldogge. Der Mann, der wie Ricky Shayne aussieht verabschiedet sich nun von seinem Gesprächspartner und verlässt dann mit großen Schritten die Disco. Das ist Beakys Stichwort, er läuft langsam ohne Hast hinüber und spricht den kleinen Mann so cool wie möglich an.
Das Geschäft wickeln sie auf der Herrentoilette ab, einem üblen Ort, der selten oder nie sauber gemacht wird. Beaky kauft ein „halbes Halbes“ für 20 Mark. Der Pusher will erst in die Innentasche seiner Lederjacke greifen, besinnt sich aber und nimmt aus seinem Geldbeutel ein Briefchen, das nicht aus Papier sondern aus goldenem Stanniol gefaltet wurde.

1973 dachte ich, Beaky wäre an den Drogen gescheitert. Heute sehe ich das natürlich differenzierter, im Grunde war es eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen und natürlich auch von dummen Entscheidungen, die er getroffen hatte. Er war dabei sich aus dem Milieu der Drogen herauszuarbeiten, doch dann kamen Liebeskummer, Missbrauch und die Behandlung durch eine Polizistin, die ihn vorverurteilte und unter Druck setzte, erneuter Missbrauch eigentlich. In der Folge hatte er einen Rückfall, eine „Abstinenzunterbrechung“, wie es heute die Suchtexperten nennen. Noch der Pusher, der ihm das Heroin verkaufte, hätte es in der Hand gehabt, Beaky vor dem Tod zu retten. Doch der dachte als Geschäftsmann und gab ihm das ungestreckte Zeug, das für Neukunden reserviert war. Hätte Beaky das normale, gestreckte Zeug für die Stammkunden bekommen, wäre eine Überdosis ausgeschlossen gewesen. Es war sein Todesurteil.
Als ich an diesem Sonntagabend zuhause in der Schlüterstraße die Reisetasche mit den Büchern aufmachte, lag obenauf der Gedichtband von Colerigde. Ich schlug den Beginn von „Kubla Khan“ auf.

In Xanadu did Kubla Khan
A stately pleasure-dome decree;
Where Alph, the sacred river, ran
Through caverns measureless to man
Down to a sunless sea.

Dabei fiel ein Zettel aus dem Buch. Auf ihm las ich, in Beakys krakliger Kinderhandschrift, mit dem Bleistift geschrieben, den Anfang des Gedichtes in deutscher Sprache. Etwa 20 Zeilen hatte er offensichtlich selbst übersetzt. Es war sicher nicht die beste denkbare Übersetzung, doch ich fand sie ganz ordentlich.

In Xanadu hat Kublai Khan
ein großes Prachtschloß sich erbaut:
Wo Alph, heiliger Fluss, durchströmte Höhlen
für Menschen nicht ermesslich
hinab zu sonnenloser See.

Oben rechts befand sich ein Datum auf dem Zettel, 13. Juli 1973. War er da nicht schon tot? Ich suchte die Todesanzeige aus meiner Brieftasche, die Frau Becker mir gegeben hatte. Nein, es war sein Todestag. Übersetzt jemand, der Selbstmord machen will, noch ein Gedicht und bricht damit nach einem Drittel ab? Mein Herz schlug schneller, ich begann hastig nach meinem alten Notizbuch zu suchen, in dem die Telefonnummern der Mitschüler notiert waren. Ja, richtig Frieder Becker. Ich lief zum Telefon im Berliner Zimmer und rief Frau Becker an. Erst hatte sie Schwierigkeiten meiner aufgeregten Argumentation zu folgen, doch mit der Zeit konnte ich sie überzeugen, dass ich einen Beweis gefunden hatte. Einen Beweis dafür, das er keine Absicht hatte, sich zu töten.
Der Fund der Übersetzung hatte mich ein wenig beruhigt, ob er auch Beakys Mutter geholfen hatte, konnte ich nur hoffen. Weder von ihr noch von seinem Vater habe ich je wieder gehört. Nur die Bücher, die Puvogel Beaky schenkte, stehen immer noch in meiner Bibliothek und erinnern mich ab und zu an Beaky und sein kurzes Leben.

Beaky hat keine Lust die zwei Stationen von der Güntzelstraße bis zum Bundesplatz mit der U-Bahn zu fahren. Er läuft, der Sommerwind erfrischt ihn. Er wünscht sich das Puvogel nicht aus dem Koma aufwacht und gleich hat er ein schlechtes Gewissen deshalb. Aus einem Fenster hört er den Schlager:

„Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung
Dubdidubdidubdub dubdidub.“

Na super, noch ein Ohrwurm, Cindy und Bert, schlimmer geht’s nicht. Da ist Ricky Shayne noch richtig gut gegen, mit seinem “Ich sprenge alle Ketten und sage nein nein nein nein nein.“
Als er am Volkspark ankommt überquert er die Bundesallee mit der Fußgängerbrücke. Er schaut nochmal in beide Richtungen in den Park, der sich vom Alten Fenn an der Blissestraße, bis zum Schöneberger Rathaus hinzieht. Der Mond ist schon fast voll, es ist Freitag fällt ihm auf. Freitag, der 13. Er ist ein Stadtkind, der Volkspark Wilmersdorf ist, was er sich unter Natur vorstellt. Im Wald oder in den Bergen hat er sich nie wohlgefühlt.
Zuhause hat er es nicht eilig mit dem Schuss. Erstmal geht er in die Küche und setzt einen kleinen Topf mit Wasser auf. Als es kocht, legt er die Spritze hinein und stellt die Eieruhr auf 20 Minuten. Dann setzt er sich an seinen Schreibtisch und nimmt sich den Hornby vor, sein englisches Schulwörterbuch. „decree“ schlägt er nach, „order given by a ruler or authority“, das war es, darüber hatte er in der Zelle gegrübelt. Mit Bleistift beginnt er zu schreiben. Etwa eine Stunde arbeitet er, dann klingelt das Telefon. Wer könnte das sein? Vielleicht wegen seiner Mutter. Nein, es ist Frau Porlock, die Polizistin, ihre Stimme hat etwas triumphierendes: „Also, Herr Becker. Ihr Chef ist aufgewacht, ich vernehme ihn morgen vormittag. Kommen sie doch bitte in die Keithstraße. Passt es ihnen um 15 Uhr?“
Natürlich passt es Beaky, was soll er sagen, wie soll er sich entziehen? Sofort ist seine Konzentration weg und er legt nun eine Platte auf. „Sticky Fingers“, die B-Seite. Das erste Stück „Bitch“ mag er nicht besonders, eine up-tempo Nummer mit Bläsersatz ist nicht so ganz sein Fall. Aber sie geht in die Beine und die Zeile „I salivate like a pawlow dog“ bringt ihn immer zum grinsen. Die Amis sagen „smack“ zu Heroin, auf Berlinisch hieße das „Haue“.
„I Got the Blues“ hört er mit Genuss, auch wenn er an Hanna denken muss. Merkwürdig, ursprünglich war Brian Jones der Blues-Guru der Band, doch nun sieht es aus, als ob Mick Taylor, der ihn ersetzt, die Band auch in Richtung Blues beeinflusst. Trotzdem wird Mick Taylor nie einen Brian Jones ersetzen können.
Als er die ersten Akkorde von „Sister Morphine“ erkennt, läuft er in die Küche und holt die ausgekochte Spritze, einen Löffel, Zitronensaft und ein Teelicht. Auf seinem Schreibtisch versammelt er nun alle Ingredenzien für den Schuss. Sein Feuerzeug, Zigaretten, ein Gummischlauch kommen dazu.

„Well it just goes to show things are not what they seem
Please, Sister Morphine, turn my nightmares into dreams.“

Ob es wohl stimmt, das Marianne Faithfull den Text für Sister Morphine geschrieben hat, oder ist das Legende? Oder wurde es erfunden um mehr Platten zu verkaufen? Oder ist beides wahr?

„What am I doing in this place?
Why does the doctor have no face?“

Beaky spritzt Zitronensaft auf den Löffel, dann öffnet er das Päckchen. Es sieht gut aus, feines, braunes Pulver. Mit der Messerspitze entnimmt er Pulver und gibt es auf den Löffel. Ja, ruhig noch ein bißchen mehr. Er will Ruhe, richtig Ruhe: „Moonlight Mile“.

Just another mad mad day on the road.“

Er trennt den Filter von einer Zigarette, dann kocht er das Gemisch auf und zieht es durch den Filter in die Spritze.

„I’m hiding sister and I’m dreaming
I’m riding down your moonlight mile.“

Er bindet den Stauschlauch um den linken Oberarm, sucht eine Vene. Kein Problem, die Kanüle dringt butterweich ein. Ein Fädchen Blut im Kolben zeigt ihm, er hat getroffen. Langsam drückt er den Stoff in die Blutbahn. Die Wirkung kommt mächtig. Er hat Angst, kann nicht mehr atmen, sein Herz ist ein einziger Schmerz. Dann lichtet sich der weiße Nebel. Er ist wieder in Xanadu, er sieht den herrlichen Palast und diesmal ist er nicht enttäuscht. Im Gegenteil. Er hat nun keine Angst mehr, er fühlt sich sicher und geborgen und er hofft dieses Gefühl würde für immer anhalten.

„I got silence on my radio
Let the airwaves flow
Let the airwaves flow.“

Ende –

– Die Illustration stammt wieder von Rainer Jacob: rainerjacob.com

– Um Xanadu hintereinander im Blog zu lesen, sollte man die Such-Funktion benutzen und “Xanadu Kapitel Eins” “Xanadu Kapitel Zwei” usw. eingeben.

– “Die Legende von Xanadu” wird eine Fortsetzung bekommen. Sie hat natürlich einen anderen Helden, aber den Erzähler und andere Figuren aus Xanadu werden wir wiedertreffen. Die Fortsetzung wird im wesentlichen 1981, vor dem Hintergrund der Berliner Punk- und Hausbesetzer-Szene spielen. Ich habe mit dem Schreiben des Romans angefangen und Rainer Jacob wird ihn wieder illustrieren, worüber ich mich sehr freue. Der Roman trägt den Titel “Ein Hügel voller Narren” und wird wieder hier im Blog vorveröffentlicht.
Das erste Kapitel heißt “Bela Lugosi ist tot”:
http://wp.me/p3UMZB-PT
– Meine Romane sind fiktiv, aber nicht erfunden. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, habe ich Namen und Details verändert.

Familienportrait – „Das Brennen“ / Die Legende von Xanadu Kapitel Elf / 1973 / von Marcus Kluge

Beaky wurde unsanft aus seinen Träumen geholt, als jemand an seiner Schulter rüttelte. Zu seiner Verblüffung erkannte er seinen Vater vor sich. Was machte sein Vater hier, bei der Kriminalpolizei in der Keithstraße? Bevor er zuende gedacht hatte, fragte dieser: „Junge, Frieder, was machst du denn hier? Und wieso haben sie dich angekettet?“
Beaky schüttelte den Kopf und formulierte etwas umständlich: „Sie denken, ja also, ich hätte meinen Chef umbringen wollen. Aber das ist natürlich Quatsch, ich hoffe die merken bald, dass ich kein Mörder bin.“
„Den Puvogel? Den Antiquitätenhändler? Als ob es nicht genug zwielichtige Bekannte von ihm gäbe, denen sowas zuzutrauen ist.“
Beaky hatte inzwischen bemerkt, dass auch sein Vater gefesselt war. Der Unifomierte neben Becker senior hatte sich eine Zigarette angezündet und war offensichtlich bereit, Vater und Sohn ein kurzes Gespräch zu gewähren. Herr Becker wollte nicht auf eine Frage warten, er hob seine Hand und zeigte Beaky den Metallring um sein Handgelenk: „Mich wollen sie wegen Brandstiftung drankriegen. Ich soll meine Kneipe angezündet haben. Du weißt doch wie ich an dem Schuppen hänge. Frieder. Niemals würde ich sowas tun.“
Sie tauschten noch ein paar belanglose Sätze aus, dann drängte der Beamte zum Aufbruch, Vater und Sohn wünschten sich Glück und verabschiedeten sich. In Beakys Hirn türmte sich ein weiteres Fragezeichen auf die schon vorhandenen. Könnte sein Vater sowas gemacht haben? Die Kneipe lief ja nicht gut, wollte er die Versicherung kassieren? Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er mochte seinen Papa nicht so sehr wie seine Mutter, doch war er immer eine verlässliche Größe in seinem Leben gewesen, nun wurde ihm bewusst, wie wenig er eigentlich über seinen Erzeuger wusste.

Lange hatte er nicht Zeit darüber nachzudenken, dann wurde auch er abgeführt. Man brachte ihn in ein Zimmer im Souterrain, Licht fiel nur durch eine Art Oberlicht und außer Tisch und Stühlen war der Raum leer. Es dauerte nicht lange, dann erschien Petra Porlock mit einem Stapel Akten unter dem Arm, in ihrem Schlepptau folgte ein junger Uniformierter.
„Also Herr Becker, ich bin ja etwas sauer auf sie. Ich mag es nicht angelogen zu werden. Und gleich zweimal. Sie wissen doch wovon ich spreche?“
Beaky hatte sich vorgenommen erstmal gar nichts zu sagen, den Tipp hatte ihm der “Doc” mal gegeben. Er hätte gern die Arme verschränkt, aber mit der linken Hand war er immer noch an ein Tischbein gekettet. Also schaute er, etwas betreten, auf die Tischplatte vor sich.
Einige Minuten passierte gar nichts, Petra kuckte an die Zimmerdecke, nickte freundlich dem Polizisten zu, während Beaky merkte, wie ihm die Situation zunehmend unangenehm wurde.
„Wissen sie, Beaky, so werden sie doch genannt. Ich kenne dieses Spiel gut und versichere ihnen, ich kann es besser und vor allem länger spielen als sie. Tun sie sich einen Gefallen und beantworten sie meine Fragen, damit wir beide hier irgendwann wieder rauskommen. Wieso haben wir heute morgen das Gemälde aus Puvogels Galerie in ihrem Zimmer gefunden?“
Beaky machte den Mund auf, wollte sprechen, aber nur ein kläglicher Laut kam aus seiner Kehle. Petra wies den Beamten an, Beakys Handfessel zu lösen. Der Befreite rieb sich das Handgelenk, räusperte sich und sagte: „Mein Chef hat mir das Bild zum Aufbewahren gegeben. Ich kann mir nur denken, wieso. Ich habe mich nicht getraut zu fragen.“
„Und, was denken sie?“
„Na ja, es sieht nach einem Versicherungsschwindel aus, oder?“
„Gut, ich werde das prüfen, aber überzeugt bin ich nicht von ihrer Theorie.“

Es wird ein langes Verhör. Petra stellt immer wieder die gleichen Fragen und Beaky bemüht sich, nicht in eine von ihren Fallen zu tappen. Er hält sich gut, findet er. Doch dann zieht Petra ihr Netz enger, sie spielt einen weiteren Trumpf aus: „Also, sie haben zugegeben, dass sie die perversen Fotos gesehen haben, was ich übrigens sowieso wusste, weil überall ihre Fingerabdrücke darauf sind. Also, entweder er hat sie gezwungen, oder er hat sie betäubt? Es kann natürlich auch sein, das sie sich wie ein kleiner Stricher vom Bahnhof Zoo, haben bezahlen lassen? War es nicht so? Haben sie sich nicht verkauft, um sich Drogen von dem Geld zu besorgen?“

Beaky hat feuchte Augen und seine Wangen brennen. Obwohl es kühl ist, schwitzt er und er hat furchtbaren Durst. Der Polizist sitzt mit versteinerter Miene neben der Tür und hört alles mit, was ihm besonders peinlich ist. Er beschließt zuzugeben, was in Puvogels Wohnung geschah. Er hofft, dieses unerträgliche Verhör kommt dann zu einem Ende: „Nein, ich habe nichts bekommen. Ich war vor ein paar Tagen bei ihm und ich glaube, er hat mich betäubt und die Scheißbilder gemacht, das Schwein.“ Die letzten Worte werden zu einer Art Winseln, er ist mit seinen Nerven am Ende, nun hat er auch noch Schmerzen in seinem Knie.
Aber Petra treibt Beaky weiter vor sich her: „So, da hatten sie ja allen Grund wütend auf ihn zu sein, sie sind ja immer noch außer sich. Und traf sie dieser Missbrauch nicht an einer ganz besonders empfindlichen Stelle? Weil schon ihr Vater perverse Bilder von ihnen gemacht hat?“
Aus seinem Mund kommt nur noch ein Flüstern: „Mein Vater? Was hat der denn damit zu tun?“
„Stellen sie sich doch nicht dumm, sie müssen sich doch erinnern können. Ihr alter Herr ist übrigens auch gerade hier. Dreimal dürfen sie raten wieso?“
„Wegen Brandstiftung ist er hier.“
„Ja, und praktischerweise ist sein kleines Fotostudio mitsamt den Bildern auch verbrannt. Ein toller Zufall.“
Beaky schüttelte seinen Kopf verzweifelt, als ob er damit die letzten Sätze wieder ausradieren könnte und er sagt jetzt nichts mehr.

Er ist froh, das Verhör hinter sich zu haben. Er freut sich fast, jetzt allein in einer Zelle zu sein, er liegt auf der Pritsche und hat die Augen geschlossen, langsam beruhigt sich der Schmerz im Knie. Draußen ist es ein heißer Sommertag in diesem Juli 1973, das vergitterte Fenster ist geöffnet und der Wind trägt einen alten Schlager an Beakys Ohren: „Ich sprenge alle Ketten“. Trotz seiner beschissenen Situation muss er über die Ironie des Zufalls grinsen. Ricky Shayne, er erinnert sich, das war ein Star in den 60ern gewesen.
Am späten Nachmittag schläft er ein, dann gibt es Abendbrot, schlichtes Graubrot mit Tilsiter, er isst hastig und bis zum letzten Krümel alles auf. Um 22 Uhr wird das Licht gelöscht, er freut sich auf den Schlaf, doch der hat keine Gnade mit ihm. Immer wieder erscheinen die Fotos, auf denen er aussieht wie ein Opfer mit einem Strick um den Hals, vor seinem inneren Auge. Hat Frau Porlock wirklich das Wort „Kinderpornografie“ gesagt, oder bildet er sich das ein? Ihm wird heiß, schwindlig, er glaubt zu fallen, obwohl er liegt. Es riecht verbrannt in der kleinen Zelle. Dann kommt die Angst, es ist Todesangst, ihm ist als würde er jetzt in diesem Moment sterben. Er steht auf, hämmert gegen die Tür, bis ein schlecht gelaunter Wärter auftaucht: „Woln se alle wachmachn?“ Immerhin hört er dann zu, murmelt „Zellenkoller“, haut ab und kommt mit einer Pille zurück: „Noch en Mucks, denn wird’s die Jummizelle.“

Der nächste Tag zieht sich schleppend dahin, wobei es in der Zelle immer wärmer und schwüler wird. Er hatte schon vormittags mit weiteren Verhören gerechnet, doch nichts passiert. Erst am frühen Abend erscheint Petra Porlock, er steht auf, doch sie bedeutet ihm mit einer Geste wieder auf dem Bett Platz zu nehmen. Sie selbst setzt sich auf den einzigen Stuhl: „Also, ich will fair sein, aber auch nicht verschweigen, dass ich sie immer noch für hochgradig verdächtig halte. Ihr Chef ist nach wie vor im Koma, die Ärzte haben da keine Prognose. Allerdings wird er möglicherweise einen bleibenden Schaden haben, weil die Blutversorgung zum Gehirn unterbrochen war. Man weiß nicht wie lange. Ich hatte gehofft, er kann aussagen, aber es sieht nicht so aus. Ihre Mutter hatte einen Kreislaufzusammenbruch, da dürfen sie ruhig ein gehörig schlechtes Gewissen haben. Die arme Frau hat mit ihnen nur Kummer und Sorgen. Sie liegt im Gertrauden-Krankenhaus, bekommt Infusionen, braucht Ruhe und wird ein paar Tage dort bleiben.“
Petra macht eine Pause und sieht ihr Gegenüber prüfend an. Dann wird ihr Ton eine Nuance freundlicher: „Wissen sie das sie einen Freund haben? Ihr Doktor.“
Beaky wird übel, spricht sie von seinem Freund, dem “Doc”, der mit den 10 000 Mark abgehauen ist? Erst als Petra fortfährt, atmet er erleichtert auf, nein sie meint einen anderen, einen richtigen Arzt.
„Dieser Professor Philippus, ihr Seelenklempner, hat mit dem Staatsanwalt gesprochen. Der Mann scheint gute Kontakte zu haben. Jedenfalls hat er behauptet, Puvogel hätte sich bei irgendeiner sexuellen Handlung selbst stranguliert. Na ja, unsere Gerichtsmediziner prüfen das. Da ich im Moment, und ich betone im Moment nicht genug gegen sie in der Hand habe, sie einen festen Wohnsitz und rein theoretisch auch einen Job haben, lasse ich sie erstmal frei. Sie können ihre Mutter besuchen, aber wenn sie auch nur einen verdächtigen Schritt machen, sei es sie kaufen sich großformatiges Zigarettenpapier oder steigen in einen Bus nach Spandau, gehört ihr Arsch wieder mir und ich lasse sie in Ketten legen. Haben sie das verstanden?“
„Ja, Frau Porlock. Danke und glauben sie mir, ich habe Puvogel nicht einmal angefasst.“
„Nun ja, lassen wir das. Wir sehen uns auf jeden Fall. Adschö Herr Becker.“

Perilog
Als ich Anfang August des Jahres 1973 aus dem Urlaub in Frankreich zurückkam, war Beakys Schicksal bereits besiegelt. Ich konnte nichts mehr für ihn tun. Doch auch wenn ich in Berlin gewesen wäre, hätte ich wohl keinen Einfluss auf die Geschehnisse gehabt, die ihn letztlich das Leben kosten sollten. Trotzdem habe ich mir Vorwürfe gemacht. Schon damals hatte ich die Idee über sein Leben zu schreiben, doch ich merkte, dass mir der Abstand fehlte und es wurde nichts daraus. Woran war Beaky gescheitert? Wenn ich es auf einen Aspekt reduzieren müsste, würde ich sagen es waren die Drogen, an denen er scheiterte. Damals sah ich das auf jeden Fall so. Diese Erkenntnis half mir sogar in gewisser Weise, denn ich begann Drogen sehr viel kritischer zu sehen, als es der Zeitgeist es tat. Nachdem ich selbst mit Drogen experimentiert hatte, wurde ich nun abstinent, ich hatte Angst wie Beaky zu enden. Ich fürchtete mich vor Sucht, Überdosierungen und schlechten Trips, also ließ die Finger von den Substanzen. Vielleicht am meisten fürchtete ich ins Gefängnis zu kommen. Eine solche agressive Männerwelt stellte ich mir als Hölle für mich vor. Aber der Bereich Drogen und Gifte blieb in meinem Blickfeld. Ohne das ich mir es vorgenommen hätte, begann ich Bücher über zum Thema zu sammeln. Hauptsächlich auf Flohmärkten und in Antiquariaten fand ich sowohl Belletristik als auch Sachliteratur. Von Louis Lewins Standardwerk „Phantastika“ über Scheidts „Die Behandlung Drogenabhängiger“, pharmakologischen und toxikologischen Fachbüchern bis zu de Quinceys „Bekenntnissen eines englischen Opiumessers“ oder Karen Boyes Science-Fiction-Klassiker „Kallocain“. Und ich begann auch Geschichten zum Thema zu sammeln. Ich hielt Kontakt mit alten Schulfreundinnen und Freunden, die zu Jüngern von Halluzinogenen, Narkotika oder Aufputschmittel geworden waren und ich hörte stundenlang zu, wenn sie mir von ihren Erfahrungen erzählten. In gewisser Weise wurden Literatur und erzählte Geschichte für mich zu Substituten für die eigene Erfahrung, die ich scheute. Jahrelang war es mein Ziel darüber zu schreiben, dramatische Romane stellte ich mir vor, auch Krimis über ausgetüfftelte Giftmorde wollte ich mir ausdenken.
Ich versuchte mich darin, doch ich war mit meiner Schreibe sehr unzufrieden, mir fehlte Erfahrung, Übung und ein Plan. Ich wusste nicht, wieso ich etwas schreiben sollte und für wen. Ich wusste noch nicht einmal, was ich für mich selbst schreiben sollte. Dazu hätte ich ja wissen müssen, wenigstens ungefähr, wer ich war und was meine Bedürfnisse waren, doch von solchen Erkenntnissen war ich Jahrzehnte weit entfernt.
Alles was ich zu Papier brachte war holprig, gewollt und unzulänglich. Dazu kam, damals in den 1970er Jahren hatte ich eine leicht paranoide Einstellung gegen Polizei und Justiz. Ich befürchtete, selbst wenn ich Namen und Umstände verschlüsselte, könne die Exekutive meine Freunde und Bekannte aus der Drogenszene verfolgen, vielleicht war das weit hergeholt. Denn diese war hauptsächlich beschäftigt die RAF, oder andere „Staatsfeinde“, wie das Sozialistische Patienten-Kollektiv zu verfolgen. Drogendelikte hatten noch nicht den Stellenwert wie später. Richard Nixon hatte zwar schon 1972 den „Krieg gegen die Drogen“ erklärt, aber in Deutschland dauerte es noch Jahre bis diese repressive Welle angespült wurde.
Es blieb also viele Jahre beim „schreiben wollen“. Erst zu Beginn der 80er Jahre fing ich an regelmäßig Texte auf meiner Schreibmaschine zu tippen. Doch Beakys Geschichte war mir noch zu nah. Es folgten Jahrzehnte, in denen ich neben der Arbeit nichts mehr Persönliches schreiben konnte. Es mussten 40 Jahre vergehen, bis mir seine Geschichte wieder einfiel und ich mir zutraute sie zu Papier zu bringen. Im Herbst 2013 schrieb einen Text über ein Pink Floyd Konzert Anfang 1970 und da war er wieder, Beaky. Und der langhaarige Junge mit der Schnute und der Fransenjacke erstand vor meinem geistigen Auge auf und forderte einen Tribut. Ich begriff, dass es ihm schuldig war, sein Leben, oder wenigstens sein tragisches Ende, für die Nachwelt festzuhalten…

Beaky verlässt das Polizeigebäude in der Keithstraße und läuft los, ohne nachzudenken wohin. Er will einfach nur weg und das laufen tut ihm gut, obwohl es heiß ist und er schnell anfängt zu schwitzen. Es ist kurz nach sechs, er kauft schnell noch Zigaretten, bevor die Läden zumachen. Plötzlich steht er vor dem Aquarium, er setzt sich auf eine Bank und raucht eine Camel mit Filter. Zum ersten Mal seit zwei Tagen entspannt er sich ein bisschen. Dann geht er die Budapester Straße lang,am Bikini-Haus und dem Zoo-Palast vorbei, zum Vorplatz des Bahnhofs Zoo. Den Bahnhof Zoo hat er immer gemieden, die Stricher und verkommenen Junkie-Gestalten stoßen ihn ab. Aber jetzt will er doch noch ein paar Blumen kaufen, tatsächlich findet er einen offenen Laden in West-Berlins einzigem Fernbahnhof. Dann stellt er sich an die Haltestelle des 60er Busses, der ihn zur Blissestraße bringt. Von dort sind es nur zwei Ecken zum Gertrauden-Krankenhaus.

„Hallo Mama, wie geht’s dir denn?“
„Ach Frieder, die Blumen sind aber schön. Das wär doch nicht nötig gewesen.“
„Doch Mama, das war nötig. Ich hab ein total schlechtes Gewissen, dass du wegen mir krank bist.“
„Ach Quatsch. Ich hab wohl zu wenig getrunken und bin dann bei der Hitze umgekippt. Der erste Lack ist halt ab bei mir. Nu geh aber gleich mal zu den Schwestern und lass dir ‘ne Vase geben.“
Die Krankenschwestern tragen alle merkwürdige Kutten, das müssen Nonnen sein. Beaky überlegt, wie man die anspricht.: „Bitte Frau Schwester, hätten sie ein Blumenvase für mich?“
Beaky versucht seine Mutter zu beruhigen, er stellt sich als rehabilitiert dar, wobei er in Wirklichkeit Angst hat. Angst, Petra Porlock könnte seinen Plan aufdecken und herausfinden, dass er selbst der Anstifter war. Wenn Puvogel aufwachen sollte, wäre er geliefert. Er hofft seine Mutter merkt nicht, wie es wirklich um ihn steht.
„Pass auf dich auf, Junge. Und iss was Vernünftiges, im Eisschrank sind Bouletten und Kartoffelsalat, die müssten noch gut sein.“
„Ich komme morgen wieder, Mama und ich liebe dich. Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“

wird fortgesetzt –

Die Personen und die Handlung von “Die Legende von Xanadu” wurde von wahren Vorbildern und Ereignissen inspiriert, ist aber eine fiktive Geschichte geworden. Zu meiner eigenen Überraschung ist auch der Erzähler, der ja Ähnlichkeit mit mir hat, zur Kunstfigur mutiert. Um Persönlichkeitsrechte zu schützen, habe ich, wo es nötig war Namen und Details verändert. Die letzte Fortsetzung der Geschichte trägt den Titel „Moonlight Mile“. https://marcuskluge.wordpress.com/2014/07/19/familienportrait-moonlight-mile-die-legende-von-xanadu-kapitel-zwolf-1973-von-marcus-kluge/

Die Illustration stammt von Rainer Jacob. Mehr von ihm:
http://www.rainerjacob.com

 

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