Archive | June 2015

Familienportrait – “In Germany Before the War – Part 2” / Black and white photographs from the 1930s

Day of school enrollment

All photographs have been taken between 1935 and 1938. They show a country in a state of common mobilisation. Uniforms, parades and marching-tunes seemed to be an everyday occurrence. In private we see people engaged in peaceful doings, when the terror of the nazis was already obvious for everybody.

My great-aunt Lotte was married to the police-officer Paul Springer. He was an amateur fotographer who focused on his fellow policemen, his family, Berlin and the countyside, namely Bad Liebenwerda, a small town on the prussian border to saxony where Tante Lotte was born. I inherited an album of his pictures, the quality and the freshness of the prints is amazing. Many of the small 5 by 10 cm photographs were destroyed by uncle Paul in the last days of the war. The russian troops were notorious for shooting people on which they found pictures of swastikas or the “Führer”.

After the war uncle Paul was chosen to build a new Berlin police-force because he was no outspoken nazi and no member of the NSDAP. On may 1st 1946 he committed suicide by laying himself on the tracks of the Heidekrautbahn near Berlin. It remained unclear whether he did it because of crimes he committed during the Third Reich, or because of his severe head injury after a bomb explosion a few weeks before his death.

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Japanese marines parading Unter den Linden

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In front of the Humboldt-University

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Raceground Hoppegarten

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Collecting money for the nazis

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Neptun fountain in front of the Stadtschloss

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Olympic fire at the Stadtschloss

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Ladies with dog in the countryside

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Golden wedding of my great-grandparents 1937

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Changing of the guard in front of Schinkels Neue Wache. The Nazis renamed it to “Ehrenmal”, as a memorial for their “martyers”.

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Brandenburg Gate on christmas 1937

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Girls school

All photographs by Paul Springer

In Germany Before the War – Part One:

http://wp.me/p3UMZB-1pK

The Story of Paul Springer in german:

https://marcuskluge.wordpress.com/2013/09/30/familienportrait-tante-lotte-und-onkel-paul-ein-preuse-polizist-fotograf-und-sein-tragisches-ende-1933-46/

Berlinische Leben – “Lummer der Vampir” / Traumszene aus dem Roman “Ein Hügel voller Narren”

IMG_20150609_0015 Als ich für meine erste Lesung im März 2015 eine heitere Zugabe suchte, fiel mir diese Traumsequenz aus “Ein Hügel voller Narren” ein. Im Herbst 1981 träume ich vom Mord an Innensenator Lummer, dem verhassten Hardliner gegen die Hausbesetzerbewegung. Den Traum samt Flugauto, Detektei und Batman habe ich tatsächlich geträumt, nur die Politik ist dazu gesponnen.

Als ich am Montagmorgen erwachte, stellte ich mit Genugtuung fest, dass ich inzwischen in einer weitläufigen Erdgeschosswohnung am Winterfeldplatz wohnte. Sie befand sich etwa dort, wo bis kurzem die Kneipe Slumberland war, die mich immer an den Winsor McCay-Cartoon “Little Nemo in Slumberland” erinnerte. Durch das große Glasfenster konnte ich in Spiegelschrift lesen “Marcus Kluge & Co. Privatdetektiv – Private Dick”. In diesem Moment betrat ein Kellner den Raum. Mit einem Frühstückstablett und der Morgenzeitung balanzierte er schwankend über die riesige Liegefläche meines Bettes. Ich trank etwas Kaffee und widmete mich dann der Zeitung, Innensenator Lummer war tot aufgefunden worden. Man hatte ihm einen Holzflock durchs Herz getrieben, logischerweise, wie das Blatt bemerkte, denn wie hätte man den stattbekannten Vampir sonst umbringen können. Ich weinte ihm keine Träne nach, seine Politik war genauso scheußlich, wie seine Platten mit angeblich Altberliner Liedern. Aber sein Tod würde natürlich aufgeklärt werden müssen, wie aufs Stichwort brachte der Kellner das Telefon. Patti Smith von der Mordkommision Eins in der Keithstraße wollte mich treffen. Sie hatte Bedenken mit den Nachforschungen zu beginnen, ohne sich meiner Mitarbeit versichert zu haben. Ich sagte ihr widerwillig stöhnend zu, ich würde in einer halben Stunde am Tatort sein. Der Ober half mir bei der Garderobe, Smoking, Fliege und schwarze Lackschuhe, meine alltägliche Arbeitskleidung. Vor der Tür wartete schon mein Chauffeur Roberto mit dem renngrünen Bentley, der seit seinem letzten Tuning fliegen konnte. Das war praktisch, denn der Tatort war der Funkturm. Hier auf der Besucherplattform lag der tote Innenpolitiker halbnackt in Lederjacke und High-Heels. Mir war klar, dass der Oberstaatsanwalt gern einen der üblichen Verdächtigen als möglichen Täter gesehen hätte. Einen wie den international bekannten Vampirjäger wie Rudi Dutschke zum Beispiel, aber ich wusste schon jetzt, dass ich dem Oberstaatsanwalt einen solchen Gefallen nicht tuen würde. Denn die Beweislage war eindeutig und zeigte nach Süden, nach Bayern, um genau zu sein. Ich zählte die ausgezutzelten Därme von elf Weißwürsten, fünf leere Weißbierflaschen der Marke St. Malefizius und anhand der Salzkrümel wusste ich, es waren mindesten ein halbes Dutzend Brezeln verzehrt worden. Es gab also nur einen Menschen, der als Täter für dieses Verbrechen in Frage kam, der bayerische Ministerpräsident und Großvampir Franz-Josef Strauß. Offensichtlich ein Streit unter Vampiren nach einem gemeinsamen Frühstück, darüber wer denn nun der bösere und damit größere Vampir war, schien in einem tödlichen Handgemenge fatal ausgegangen zu sein. Da Strauß den tödlichen Holzpflock bereits mitgebracht haben muss, würde sogar ein Vorsatz angenommen werden können. Die saubere Lösung eines schmutzigen Falles, ich konnte wieder einmal stolz auf mich sein. Ich rieb mir zufrieden die Hände und lies mich von Mordkommisarin Patti Smith loben. Daraufhin lobte ich ich ihre ausgezeichnete Idee, mich zum Tatort zu holen. In diesem Moment sprachen mich einige Hippiekünstler an, sie hatten eine begehbare, oder besser gesagt, berutschbare Plastik an den Funkturm gebaut. Durch diese durchsichtige Röhre konnte man 124 Meter bis zum Boden rutschen. Ich probierte es aus und kam mir vor wie in einem verlängerten Geburtskanal, ständig wechselten die Texturen und Materialien, Fell, Gumminoppen, Seide. Nach oben rotierende Rollen verhinderten, dass man zu schnell nach unten stürzte. Gegen Ende wurde es enger, dunkler und fühlte sich zunehmend sexuell erregend an. Endlich gab mich der Kanal frei. Vor mir stand das Batmobil, Batman stieg aus, kam auf mich zu und schüttelte mir die Hand: “Kluge, ich brauche sie. Ich habe da einen Fall und komme nicht weiter.”

In diesem Moment wachte ich auf, ich hatte furchtbare Kopfschmerzen.

M.K.

Illustration: Rainer Jacob

Anmerkung;

Und übrigens, ich habe nicht vergessen den Narrenhügelroman zu Ende zu schreiben. Aber lange fehlte mir die innere Ruhe, die unbedingt erforderlich wäre, die kniffligen Schlusskapitel zu verfassen. Ursprünglich wollte ich Robertos Geschichte einfach nur mit einer kräftigen Prise schwarzem Humor abrunden. Aber im letzten Jahr wurde mir klar, dass das nicht reicht. Auch die Reise des Erzählers, der meinen Namen trägt, muss an einem Ziel ankommen und der Leser soll verstehen, wieso ihm das nun gelingt. Weiter seinem eigenen Leben aus dem Weg zu gehen, mag dem Erzähler nach einem Jahrzehnt langweilig werden. Eine psychologisch fundierte Entwicklung wäre das nicht. Denn es gab einen tiefer liegenden Konflikt, der die Lebensflucht verursachte und diesen gilt es, dem Leser zu vermitteln.

Familienportrait – “In Germany Before the War” / Black and white photographs from the 1930s – Part 1

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On the move

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Folklore at the Lustgarten

My great-aunt Lotte was married to the police-officer Paul Springer. Uncle Paul was a conservative but not a nazi. He was deeply convinced that police should provide shelter for people and therefore he despised the prosecution of the jews. When on 9th november 1938 the nazis raided jewish shops he commanded his policemen to protect jewish property on Friedrichstrasse. This was the end of his career in the Third Reich.

He was an amateur fotographer who focused on his fellow policemen, his family, Berlin and the countyside, namely Bad Liebenwerda, a small town on the prussian border to saxony where Tante Lotte was born. I inherited an album of his pictures, the quality and the freshness of the prints is amazing. Many of the small 5 by 10 cm photographs were destroyed by uncle Paul in the last days of the war. The russian troops were notorious for shooting people on which they found pictures of swastikas or the “Führer”.

After the war he was chosen to build a new Berlin police-force because he was no outspoken nazi and no member of the NSDAP. On may 1st 1946 he committed suicide by laying himself on the tracks of the Heidekrautbahn near Berlin. It remained unclear whether he did it because of dishonourable conduct during the Third Reich or because he had a severe head injury after a bomb explosion a few weeks later.

All fotographs have been taken between 1935 and 1938.

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Neue Wache Unter den Linden

 

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On top of the mountain

 

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At the station

 

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Recreation home

 

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On the bridge

 

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A man and his goat

 

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Everybody loves a marching tune

Berlinische Leben – “Stoffwechsel” / von H.P. Daniels / Momentaufnahme aus dem West-Berlin der frühen 70er Jahre

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Vorwort:

Anfang der 70er Jahre soll West-Berlin die Welthauptstadt des Heroins gewesen sein. Wahrscheinlich beruht diese Einschätzung auf dem ungeheuren Erfolg des Kolportage-Romans „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. In Wirklichkeit war die Szene der harten Drogen recht begrenzt. Sehr viel größer war die Kifferszene. Ich behaupte mal, es lebte damals eine Generation, in der es mehr Kiffer als Nichtkiffer gab. Schüler, Studenten, Lehrlinge, doch auch Rechtsanwälte, Ärzte und Antiquitätenhändler frönten dem Cannabis-Genuss. Ganz besonders Antiquitätenhändler.

Der „Shit“ war nicht teuer und das Geschäft hatte noch nichts mit Waffen und Gangs zu tun. Es war eine skurrile Szene, die sich abends in Teestuben, Cafés und Discos traf. Seltsamerweise ist über dieses West-Berliner Phänomen kaum geschrieben worden. Als ich mich mit dem Schriftsteller und Musikjournalisten H.P. Daniels darüber unterhielt, holte dieser das Manuskript einer Kurzgeschichte aus der Schublade. Sie sei „nichts zum Veröffentlichen,“ aber ich durfte sie lesen. Meiner Meinung nach, war sie sie für die Schublade zu schade. Und weiter fand ich, dass sie stilistisch und thematisch besonders gut in mein Blog passen würde, auch wenn H.P. Sie für eine Art „Jugendsünde“ zu halten schien. Ich begann H.P. zu überreden und schließlich stimmte er zu. Mein Freund Rainer Jacob hat dann noch den Text mit zwei Bleistiftzeichnungen illustriert. Ich freute mich H.P. Daniels als ersten Gastautor begrüßen zu dürfen und wünsche nun erneut gute Unterhaltung mit „Stoffwechsel“, der Momentaufnahme einer Gruppe dilettantischer Dealer auf ihrer ersten Schmuggeltour. M.K.

 

STOFFWECHSEL

 

Es fängt damit an, dass Daniel einen Rundfunkmoderator kennt, den Bernd auch kennt.
– Klar, kenne ich den: Peter König. King haben sie ihn genannt. Kann schon sein, dass der inzwischen ein ganz netter Typ ist, aber damals konnte ich ihn nicht leiden. Ist ja auch schon mindestens zwanzig Jahre her inzwischen. König war Diskjockey im GLOBE, am Kudamm. Er hat Platten aufgelegt. Und nebenbei gedealt. Oder er hat gedealt. Und nebenbei Platten aufgelegt. Je nachdem, wie man es betrachtet. So genau konnte man das nicht trennen. Das gehörte irgendwie zusammen bei dem: Plattenauflegen und Dealen. Dealen und Platten auflegen. King war sowas wie ein Großhändler, Verteiler. Er hat alle kleinen Dealer von Berlin beliefert. Hundertgrammweise. Heck haben wir dazu gesagt, weil ein Heck sich heckt: es vermehrt sich. Du verkaufst das Meiste, rauchst den Rest und du hast genug Geld, um wieder ein Heck zu kaufen.

Irgendwann war uns das zu blöde mit Peter König, mit seiner Monopolstellung. Dass der als Einziger in Berlin den Markt beherrschte, dass er die Preise bestimmte. Mit ein paar Kumpels haben wir unsere ganze Knete zusammengeschmissen, ein paar Klamotten verkauft, Schallplatten und sowas, und noch ein bißchen was gepumpt. Dann sind wir los. Amsterdam. Zu viert in meinem alten Hundertachtziger Daimler. Dschingis war auch mit. Der hat so Ledersachen gemacht: Gürtel, Taschen, Hüte, sowas. Er wollte Leder kaufen in Amsterdam. Das war dort auch günstig

Die ganze Nacht durchgefahren, am Morgen waren wir da. Amsterdam. Eine Kamikaze-Aktion. Dschingis wusste, wo er hingehen musste, wo er sein Zeug bekommt, alle möglichen Sorten von Leder. Er hatte eine Adresse und wir hatten keine Ahnung. Wo wir einkaufen könnten. Etwas ratlos blöde haben wir rumgestanden. Mitten in Amsterdam. Schwer übermüdet nach dem ganzen Weg von Berlin. Und wir haben beschlossen, wenn wir bis abends nichts gefunden haben, hauen wir wieder ab.

Irgendwann, mitten im Tag, mitten in der Stadt, kam ein Typ auf uns zu, so mit PSST, PSST, und wollt ihr was kaufen?

– Kommt drauf an, was du hast!
Er zeigte uns ein lächerliches Piece, so ein mickriges Zwanzig-Mark-Krümelchen.

– Eigentlich hatten wir an eine größere Menge gedacht, haben wir ihm gesagt. Und ob er vielleicht einen Tipp für uns hätte?
– Wieviel?
– Na, so drei, vier Kilo.

Er zuckte. Gleichzeitig mit den Augen und den Mundwinkeln:
– Ihr wollt wirklich drei bis vier Kilo? Und ihr seid euch da auch ganz sicher?

– Natürlich, es kommt drauf an, was du uns bieten kannst. In punkto Preis und Qualität.
In Ordnung. In zwei Stunden sollten wir wieder zur selben Stelle kommen.

Und wir haben das gemacht, wir hatten eh keine andere Wahl.

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Der Typ führte uns in eine Wohnung. Sehr schnieke alles. Nicht so eine Höhle, wie man das sonst so kannte. Nein, sehr edel alles, luxuriös eingerichtet. Ledersofa, Glastisch, teuere Stereoanlage. Tausende von Platten. Und überall an den Wänden riesige Posters: Keith Richards, Plakate von Stones-Konzerten. Jimi Hendrix. Doors. Sauber aufgehängt, sehr stilvoll, unter Glas. In edlen, poliert silbrigen Rahmen. Doch, der Typ hatte Geschmack. Und das nötige Kleingeld. Rik war eine eindrucksvolle Erscheinung. Mit einer schwarzen Lederhose, weißer Seidenbluse mit weiten Ärmeln. Und jede Menge Indianerschmuck. Silberne Ringe und Armreifen mit dicken Türkisen. Mit seinen dunklen, lockigen Haaren hatte Rik eine frappierende Ähnlichkeit mit Jim Morrison.

Im Angebot hatte er schwarzen, knetbaren Paki und Kaschmir. Wir durften probieren. Erstklassiges Zeug. Kein großes Gerede, schnell wurden wir uns einig. Der Preis war okay, wir zahlten in bar.

Da standen wir nun mit unseren Kilos. Unser Geld hatte für vier Kilos gereicht. Nicht ganz, aber Rik hatte uns großzügig etwas Rabatt gewährt.

Da standen wir nun mit vier Kilo besten schwarzen pakistanischen Haschischs. Mitten in Amsterdam.

Der Vermittler war immer noch dabei. Ganz netter Kerl eigentlich.

– Und? fragte er. Wie kriegt ihr das Zeug jetzt rüber, über die Grenze? Wussten wir nicht.

– Okay, sagte er, ich zeig euch eine Stelle, wo ihr zu Fuß rüber könnt. Für fünfzig Mark zeig ich euch den Weg.

Zu zweit sind wir los mit dem. Die anderen beiden sind im Auto gefahren. Sie wollten uns auf der anderen Seite aufsammeln. Mit dem Typen sind wir in der Bahn zu irgendeinem Kaff gefahren. Dann hat er uns zu einem Waldstück geführt.

– Hier müsst ihr einfach immer geradeaus gehen. Einfach nur geradeaus. Irgendwann seid ihr über die Grenze. Und wenn ihr eine gelbe Telefonzelle seht, seid ihr in Deutschland.

Wir gingen geradeaus in den Wald, wie er es uns gesagt hatte. Aber irgendwie müssen wir uns verlaufen haben. Stundenlang latschten wir durch diesen gottverdammten Wald. Ich hatte das blöde Gefühl, dass wir ständig im Kreis herumliefen. Inzwischen war es dunkel geworden, und wir haben völlig die Orientierung verloren. Und diese verdammten vier Kilo Shit dabei. Uns wurde immer mulmiger, weil wir nicht wussten, wo die Grenze war. Und wo wir waren. Und weil uns jederzeit Zollbeamte über den Weg laufen könnten. Oder Polizei. Dann wären wir am Arsch gewesen. Aber es blieb ruhig.

Endlich sahen wir die Telefonzelle. Sie kam uns vor wie ein Leuchtturm für ein Schiff, das den Kurs verloren hatte. Geschafft. Wir hatten es geschafft. Wir waren drüben. In Deutschland mit vier Kilo Haschisch.

– Hey, wir dachten schon, ihr kommt überhaupt nicht mehr, wir dachten, sie haben euch geschnappt. Was war denn los, Mann?

Dschingis erzählt, dass sie mit dem Auto am regulären Grenzübergang einfach durchgefahren sind:

– War kein Grenzer da. Nicht einer. Wir sind durchgefahren, einfach durch. Und mussten noch nicht mal die Pässe zeigen. Keine Kontrolle. Nichts. Ganz easy. Und Ihr. Wo wart ihr denn so lang?

In Berlin haben wir die vier Kilo relativ schnell unters Volk gebracht. Haschisch fürs Volk. Hat nicht Karl Marx mal so was gesagt? Wir haben das Zeug fünfzig Pfennig billiger verkauft pro Gramm als Peter König. Unser Programm, hahaha. Da war der King stinkig, weil wir ihm das Geschäft vermasselt haben, und sein Monopol baden ging. Aber er konnte nichts machen.

Das Geschäft lief so gut, dass wir weitermachten, die Sache wiederholten, und wir unsere Beziehungen ausweiteten. Wir fuhren regelmäßig nach Amsterdam, kauften ein bei Rik, gewannen Routine beim Grenzübertritt, wurden professionelle Schmuggler, versorgten die Freaks in Berlin. War ja alles noch nett und harmlos zu der Zeit. Keine Mafia, keine Gewalt, keine Waffen, keine Drohungen. Das kam erst später.

Ende

Berlinische Leben – „Cola und Hakenkreuze – Das Nazi-Sommermärchen“ / Die Olympischen Spiele 1936

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„Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt.“

– Heinrich Mann: Konferenz zur Verteidigung der Olympischen Idee am 6. und 7. Juni 1936 in Paris

Wie jedes Märchen ist auch dieses eine erfundene Geschichte. Nichts hat die scheinbare Weltoffenheit dieser Tage mit der Realität im Lande zu tun. Terror, Rassismus und Raffgier werden von heiter-sommerlichen Spielen übertönt.

Im Sommer 1936 nutzt das Nazi-Regime die Olympischen Sommerspiele in Berlin erfolgreich als Propaganda-Forum, um sich im Ausland positiv darzustellen. Es funktioniert. Auch meine Mutter Käte, sie ist 13, ist begeistert von der ungewohnt kosmopolitischen Athmosphäre auf den Straßen und den Sportlern aus aller Welt. Besonders beeindruckt sie die Athletik und Schönheit schwarzer Olympioniken wie Jesse Owens. Nie vorher hat sie selbst dunkelhäutige Menschen gesehen. Als Kind von der rassistischen Propaganda beeinflusst, hatte sie sich als primitive Wilde vorgestellt, die im Baströckchen Stammestänze aufführen. Auf dem Kudamm wird Coca-Cola gratis ausgeschenkt, es ist die erste und letzte, die meine Mutter trinkt. Erst nach dem Ende des Krieges bringen die US-Alliierten die Limonade wieder mit. In Nazi-Deutschland gibt es zwar Coca-Cola, doch ist sie noch ein Luxus-Genussmittel, das sich die Familie eines BVG-Schaffners nicht leisten kann.

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Kätes Onkel Paul, der Polizei-Offizier und Hobby-Fotograf ist, besorgt Eintrittskarten für die ganze Familie. Ausgerechnet meine Oma, die die Nazis hasst und die sich mehr als einmal durch kritische Äußerungen in Gefahr bringt, fotografiert er direkt unter der „Führer-Loge“. Käte lichtet er Unter den Linden ab, die 13-jährige wirkt älter, sie schaut entschlossen in die Kamera. Pauls Frau Charlotte posiert vor einer, von der Propaganda „Altar“ genannten, Feuerschale vor dem Stadtschloss.

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Überhaupt legt das Regime viel Wert auf Schmuck, überall wogen riesige Fahnenmeere, zwischen denen die Hakenkreuzflaggen kaum auffallen. Zum ersten Mal gibt es einen Fackellauf, die Idee stammt vom Sportfunktionär Carl Diem. Diem zieht gern Parallelen zwischen sportlichem und kriegerischem Kampf und verwies auf den Nutzen des Sports für die Heranbildung künftiger Soldaten. Die Olympischen Spiele waren außerdem ein willkommener Anlass, die von der NS-Ideologie geforderte körperliche Ertüchtigung, das „heranzüchten kerngesunder Körper“ für einen gesunden „Volkskörper“ im Hinblick auf Wehrertüchtigung und Einsatz im Krieg, auf breiter Basis zu propagieren und auch in die Tat umzusetzen. Daneben schätzt man auch ideelles Pathos, wie die Olmpiahymne zeigt:

„Wie nun alle Herzen schlagen in erhobenem Verein,
soll in Taten und in Sagen Eidestreu das Höchste sein.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Freude sei noch im Erliegen, Friedensfest: Olympia.
Freudvoll sollen Meister siegen, Siegesfest Olympia!
Olympia! Olympia! Olympia!“

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Straßenschmuck Unter den Linden

449px-Bundesarchiv_B_145_Bild-P016311,_Berlin,_OlympiaglockeOlympiaglocke

11422693_10153081993892982_1332758993_nDampferfahrt

11328939_10153081993862982_1826156199_nPolizei Unter den Linden

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Mehr Polizei mit “Grüner Minna”

11120588_10153081993822982_63177752_nPaul und Charlotte vor dem Berliner Dom

11420056_10153081993762982_1223139744_nNeptun-Brunnen vor den Stadtschloss

Heinrich Mann ist bei weitem nicht der Einzige, der einen Boykott der Spiele forderte. Besonders in den USA, wo man die Verfolgung der deutschen Juden mit viel Sorge sieht, fällt die Entscheidung, doch nach Berlin zu fahren, nur knapp aus. Schließlich ist die Sowjet-Union das einzige Land, das boykottiert und das Kalkül der braunen Herren geht auf. Sie haben drei weitere Jahre Zeit, vom Ausland unbehelligt,Verbrechen zu begehen und einen beispiellosen Angriffskrieg vorzubereiten.

M.K.

Foto Olympiaglocke: Bundesarchiv Koblenz ©Creative Commons

Alle anderen Fotos: Paul Springer ©M.Kluge, Nachdruck mit Quellenangabe.

Mein Großonkel, der Fotograf und Polizist Paul Springer, brachte sich am 1. Mai 1946 um. Seine tragische Geschichte erzähle ich hier:
http://wp.me/p3UMZB-14P

Berlinische Leben – “Grönemeyer kann nicht tanzen” / Eine Pinguin-Club-Anekdote

11391328_10153353625642250_667197079382556864_nFoto: Tom Drushba

Für die Lesung am 28. Mai 2015 im Pinguin erinnerte ich mich an eine kleine Anekdote, die mir dort vor vielen Jahren auffiel:

Als ich 1987 den “Filmbär” machte, ein Berlinale-TV-Journal, fielen mir die Drehbücher für das “Hollywood-Friedenau-Spiel” wieder ein. Für ein Brettspiel hatte ich mit Herbert Nonsens-Kurz-Treatments erfunden, in denen wir bekannte Filme verballhornten. Aus “Über den Dächern von Nizza” wurde “Über den Löchern der Pizza”, oder aus “Dial M for Murder” wurde “Dial M for Mini-Pizza”. Es war zwar zu aufwändig, die Scripts tatsächlich zu verfilmen, aber wir drehten eine Reihe von Kurz-Videos in denen ich die Stories vorstelle. Kulisse bildete der Pinguin-Club und der großartige Volker Hauptvogel mixte mir zu jedem Treatment einen passenden Cocktail und servierte in mit viel Applomb.

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Leider habe ich nur zwei Jahre direkt um die Ecke vom Pinguin-Klub gewohnt, das war verdammt praktisch. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt und mir fällt eine kleine Anekdote ein, um das zu illustrieren.Am 18. Mai 1991 war ich dort und gegen Mitternacht kam Herbert Grönemeyer mit zwei oder drei Begleitern herein. Die Begleiter waren offensichtlich Stammgäste, der Sänger wohl nicht. Die Begleiter zertreuten sich um mit verschiedenen Gästen zu plaudern, während der Sänger etwas verloren an der Theke stehenblieb. Nach einer längeren Weile, gelang es ihm die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erhaschen. Er bestellte sich ein Flaschenbier, vermutlich sowas Nordisches, wie Becks oder Jever. Niemand hatte ihm gesagt, dass es Köpi vom Fass gab. Die neben ihm stehenden kümmerten sich nicht um ihn. Also stellte sich Grönemeyer, an seinem Flaschbier nuckelnd, in die Mitte des Ladens und “guckte ob jemand guckt”. Er wippte ein wenig zur Musik, drehte sich langsam um 360 Grad im Kreis, aber niemand guckte zurück. Er wurde ignoriert. Kurz vorher war er von 100000 Menschen auf einem Open-Air-Konzert bei Ahrensfelde gefeiert worden, er hält wohl immer noch irgendeinen deutschen Rekord dafür. Auf jeden Fall drehte sich niemand zu ihm um, keiner guckte und seine Versuche mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Nach 20 Minuten sah er ziemlich frustriert aus und versuchte seine Begleiter zum gehen zu bewegen. Kurz danach stürzte er hinaus und ward nicht mehr gesehen.

Hier findet Ihr die ganze “Hollywood-Friedenau-Geschichte”:

http://wp.me/p3UMZB-X4

Familienportrait – “As Time Goes By” / Black & white photographs from 1963

At first sight these photos seem to depict nothing out of the ordinary. But if you look at them a bit longer you sense they show a world gone by the wind. A port with no containers, street without marked lanes, people waiting for the train while they are standing on the tracks, men with briefcases and boys in shorts.  We look into a world more quiet and slow than our period. These photos were taken just half a century ago in West-Berlin, West-Germany and Denmark by T. Kluge.

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Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

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500 Wörter die Woche

500 Wörter, jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

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