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Familienportrait – “Der verlorene Mann” / Die Liebe in Zeiten des Krieges Teil 4 / 1946-49

Käte Kluge, meine Mutter, war Jahrgang 1922 , sie wurde Zeugin fast des ganzen 20. Jahrhunderts. Das Kriegsende vor 72 Jahren empfand sie als Befreiung. Sie war 22, nun konnte ihr Leben erst wirklich beginnen. Nur war der Mann, den sie liebte, verschwunden. Erst 1948 erfuhr sie, was mit ihm geschehen war.

“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” soll der Grieche Platon schon vor 2400 Jahren geschrieben haben. Alle anderen tragen den Krieg mit sich, so lange sie leben und sie geben ihr Trauma an ihre Kinder weiter. Wäre es also besser, wenn die überlebenden Männer nicht aus dem Krieg zurückkommen würden? Wäre es nicht besser für ihre Frauen und Kinder? Ich bin froh, dass ich diese hypothetische Frage nicht beantworten muss. Denn die Überlebenden kommen zurück, meistens jedenfalls und so war es auch mit meinem Vater.

Genauso wie Penelope ihren geliebten Odysseus, so hat auch Käte Helmut nicht vergessen. Obwohl sie fast drei Jahre nichts von ihm gehört hat. Vielleicht ist er bei den Kämpfen um die Marienburg gefallen? Er könnte aber auch in russischer Gefangenschaft sein. Sie weiß, als deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion, könnte er dennoch tot sein, ohne das sie es erfährt. Mindestens ein Drittel der deutschen Gefangenen überleben die Gefangenschaft nicht. Es ist fast hoffnungslos, aber ein Gefühl hindert sie, Helmut ganz abzuschreiben.

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Käte arbeitet täglich 10 Stunden bei der Polizei

Die Befreiung von den Nazis und vom Krieg macht sie glücklich, daran ändert auch der Hunger nichts. Ihre Arbeit macht ihr Spaß, auch wenn ihr Dienst selten kürzer als zehn Stunden dauert. Es suchen so viele Menschen ihre verschollenen Lieben und sie freut sich, dass sie denen helfen kann. Das Leben geht weiter und im Herbst 1947 lernt sie einen Mann kennen, er umwirbt sie, eine Liebschaft beginnt. Anfang 1948 ist sie schwanger, genau weiß sie nur, sie will dieses Kind. Bei dem Mann ist sie sich nicht so sicher. Sie bleibt bei ihren Eltern in der Kaiserallee (heute Bundesallee) wohnen, inzwischen arbeitet sie im Polizeirevier 12 in Mitte. Der Dienst hindert sie allzuviel zu grübeln. Die Arbeit hatte ihr noch ihr Onkel Paul besorgt. Am 1. Mai 1946 hat er sich dann vor die Heidekrautbahn gelegt. Seine Witwe, meine Großtante Lotte wird nie erfahren, wieso. Ein paar Wochen vorher hatte er einen Unfall bei der Bergung einer Fliegerbombe. War es wegen der daraus entstandenen Kopfverletzung, seit der sein Bewußtsein getrübt war, oder weil er im Dritten Reich, als Polizist, schlimme Dinge tat, mit denen er nicht leben konnte? Vielleicht kam auch beides zusammen?

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Kriegsgefangene in Sibirien

Der Sommer 1948 ist heiß. An einem Sonntagmittag klingelt es bei Käte und ihren Eltern, vor der Tür steht ein deutscher Soldat. Er ist nicht mehr jung, sehr dünn und bleich, trotz der Sonne draußen. Der zerschlissene Soldatenmantel schlottert ihm um die Hüften. Erst nachdem er angefangen zu sprechen, und auch dann erst nach einer Weile, erkennt ihn Käte. Helmut ist aus dem Krieg zurückgekehrt, sie umarmen sich, beide schluchzen, weinen. Es dauert bis sie ihre Fassung wiederfinden.

Die Wochen die folgen werden schwierig. Schwierig für Käte, die hochschwanger eine Entscheidung treffen muss. Schwierig für Helmut, der es übelnimmt, dass sie das Kind eines Anderen unterm Herzen trägt. Bei allen Entbehrungen der Gefangenschaft in Sibirien, der Kälte, dem Hunger, dem Verlust jeglicher Menschenwürde, hat er nie die Hoffnung verloren, dass Käte auf ihn warten wird.

Obwohl sie nicht weit auseinander wohnen, sie in der Kaiserallee, nahe der Berliner Straße, er in der Brandenburgischen Straße, schreiben sie sich wieder Briefe. Nun freiwillig, nachdem es so lange vom Krieg erzwungen war, hilft es ihnen, ihre Situation zu klären.

Seit 24. Juni wird West-Berlin von den Sowjets blockiert. Seitdem wird die Stadt von US-amerikanischen Flugzeugen versorgt, die Luftbrücke nennt man die beispiellose Unternehmung. Auch die anderen westlichen Allierten beteiligen sich. Britische Maschinen landen in Gatow, die Franzosen richten extra für die Luftversorgung den Flughafen Tegel ein. Die Westberliner leben hauptsächlich von Trockenkartoffeln und Brot. Ein “kartenfreies” Stück Kuchen kostet acht Mark, ein Tageslohn. Der “Otto-Normalverbraucher” wird sprichwörtlich, ein spindeldürrer Gert Fröbe spielt ihn in dem Film “Berliner Ballade”.

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Helmut mit meinem Halbbruder Thomas in der Bundesallee

Käte und Helmut einigen sich, Käte gibt dem “Anderen” den Laufpass, sie wird ihn nicht wiedersehen. Das Ungeborene werden sie aufziehen, als ob Helmut sein Vater wäre. Am 2. September 1948 wird mein Bruder Thomas geboren. Käte hat Glück, es gibt gerade Strom im Kreissaal, das ist nicht die Regel. Am 16. März 1949 feiert die kleine Familie Verlobung, Abendgarderobe wird erbeten.

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Die Einladung schreiben sie auf Ausweisformulare, Papier oder Pappe gibt es nicht im blockierten Berlin.

Helmut hat ein Programm vorbereitet, er rezitiert Hauptmann, Goethe, Tucholsky und Shakespeare. Es wird getanzt. Das kalte Buffet wird schlicht ausgefallen sein. Die Blockade endet erst am 12. Mai 1949.

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Entfernung einer Blockade Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße (Co: Walter Heilig/Creative Commons)

Am 8. September hat Helmut in der Tribüne Premiere, endlich kann er wieder auf der Bühne stehen.

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Er spielt mit Heli Finkenzeller in “Die kleine Hütte” von André Roussin. Es ist ein kalter 8. September, die Premierengäste werden gebeten Kohlen mitzubringen, damit man das Theater heizen kann. Es wird ein großer Erfolg. 1957 wird das Stück mit David Niven und Ava Gardner verfilmt. Am Tag nach der Premiere heiraten meine Eltern.

Helmut wird mit der Inszenierung von den Amerikanern auf ein Festival eingeladen. Helmut schreibt auf Briefpapier von American Airways: ” Nach jedem Bild Applaus. Zum Schluss doller Beifall. Gustaf (Gründgens) lehnte sich zurück und klatschte bis alles raus war. Nach der Vorstellung kam Gründgens zu uns und lobte meine Darstellung und Regie.” Leider kann mein Vater später nicht an diesen Erfolg anknüpfen.

Bild Maijachen nannte er Käte in Briefen

In den Jahren danach bauen meine Eltern ein Geschäft auf. Mein Vater wirbt Mitglieder, meine Mutter verkauft ihnen Bücher und Platten. Es ist ein Buchklub, doch meilenweit entfernt vom “Bertelsmann Käsering”, wie sie die Konkurrenz taufen. Die Deutschen sind hungrig auf Schriftsteller, die in der Nazidiktatur nicht den Weg nach Deutschland fanden. Sartre, Camus, Hemingway und die vielen Deutschen, die nur im Exil oder heimlich schreiben konnten. In der Musik gilt ähnliches, Swing, Hot und Cool Jazz, aber auch moderne Klassik findet viel Interesse.

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Jazz und moderne Klassik findet viel Interesse

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Viele gute Jahre, ein Ball in den 50ern

Ein befreundeter Leser schrieb kürzlich, ich würde meinen Eltern ein Denkmal setzen. Dieses Kompliment muss ich leider zurückweisen. Denkmäler werden aus edlen Stoffen, wie Bronze oder Marmor modelliert. Sie sind stilisiert und fast immer idealisiert. Mein Werkstoff ist jedoch das Leben und dieses ist eben fast nie ideal. Und so wird diese Geschichte nicht wie ein Märchen mit den Worten: “Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.”, enden. Viele gute Jahre haben meine Eltern. 1954 werde ich, als Wunschkind, nur mit dem falschen Geschlecht geboren, ich sollte ein Mädchen werden. 1960 promoviert Helmut in Philosophie, im gleichen Jahr eröffnet meine Mutter einen großen, schicken Laden in der Rankestraße. Doch Mitte der 60er Jahre holen das Paar die Schatten der Vergangenheit ein. Neun Jahre Krieg und Gefangenschaft haben meinen Vater nicht nur körperlich gezeichnet, auch seelisch hat er tiefe Narben zurückbehalten. Die Details sollen privat bleiben, jedenfalls hat meine Mutter viele Gründe 1967 die Reißleine zu ziehen und die Scheidung einzureichen.

Mein Vater findet erneut eine Ehefrau, als er krank wird pflegt sie ihn, bis er kurz nach seinem 63. Geburtstag an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft stirbt. Meine Mutter findet noch eine Liebe, die in den 70er unglücklich endet. Trotzdem blickt sie auf ein erfülltes, zufriedenes Leben zurück, als sie 2005 in ihrem 83. Lebensjahr stirbt.

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Marcus Kluge

Die ganze Serie findet Ihr hier:

http://wp.me/P3UMZB-1

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Familienportrait – “Der verlorene Mann” / Die Liebe in Zeiten des Krieges Teil 4 / 1946-49

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“Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen” soll der Grieche Platon schon vor 2400 Jahren geschrieben haben. Alle anderen tragen den Krieg mit sich, so lange sie leben und sie geben ihr Trauma an ihre Kinder weiter. Wäre es also besser, wenn die überlebenden Männer nicht aus dem Krieg zurückkommen würden? Wäre es nicht besser für ihre Frauen und Kinder? Ich bin froh, dass ich diese hypothetische Frage nicht beantworten muss. Denn die Überlebenden kommen zurück, meistens jedenfalls und so war es auch mit meinem Vater.

Genauso wie Penelope ihren geliebten Odysseus, so hat auch Käte Helmut nicht vergessen. Obwohl sie fast drei Jahre nichts von ihm gehört hat. Vielleicht ist er bei den Kämpfen um die Marienburg gefallen? Er könnte aber auch in russischer Gefangenschaft sein. Sie weiß, als deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion, könnte er dennoch tot sein, ohne das sie es erfährt. Mindestens ein Drittel der deutschen Gefangenen überleben die Gefangenschaft nicht. Es ist fast hoffnungslos, aber ein Gefühl hindert sie, Helmut ganz abzuschreiben.

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Käte arbeitet täglich 10 Stunden bei der Polizei

Die Befreiung von den Nazis und vom Krieg macht sie glücklich, daran ändert auch der Hunger nichts. Ihre Arbeit macht ihr Spaß, auch wenn ihr Dienst selten kürzer als zehn Stunden dauert. Es suchen so viele Menschen ihre verschollenen Lieben und sie freut sich, dass sie denen helfen kann. Das Leben geht weiter und im Herbst 1947 lernt sie einen Mann kennen, er umwirbt sie, eine Liebschaft beginnt. Anfang 1948 ist sie schwanger, genau weiß sie nur, sie will dieses Kind. Bei dem Mann ist sie sich nicht so sicher. Sie bleibt bei ihren Eltern in der Kaiserallee (heute Bundesallee) wohnen, inzwischen arbeitet sie im Polizeirevier 12 in Mitte. Der Dienst hindert sie allzuviel zu grübeln. Die Arbeit hatte ihr noch ihr Onkel Paul besorgt. Am 1. Mai 1946 hat er sich dann vor die Heidekrautbahn gelegt. Seine Witwe, meine Großtante Lotte wird nie erfahren, wieso. Ein paar Wochen vorher hatte er einen Unfall bei der Bergung einer Fliegerbombe. War es wegen der daraus entstandenen Kopfverletzung, seit der sein Bewußtsein getrübt war, oder weil er im Dritten Reich, als Polizist, schlimme Dinge tat, mit denen er nicht leben konnte? Vielleicht kam auch beides zusammen?

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Kriegsgefangene in Sibirien

Der Sommer 1948 ist heiß. An einem Sonntagmittag klingelt es bei Käte und ihren Eltern, vor der Tür steht ein deutscher Soldat. Er ist nicht mehr jung, sehr dünn und bleich, trotz der Sonne draußen. Der zerschlissene Soldatenmantel schlottert ihm um die Hüften. Erst nachdem er angefangen zu sprechen, und auch dann erst nach einer Weile, erkennt ihn Käte. Helmut ist aus dem Krieg zurückgekehrt, sie umarmen sich, beide schluchzen, weinen. Es dauert bis sie ihre Fassung wiederfinden.

Die Wochen die folgen werden schwierig. Schwierig für Käte, die hochschwanger eine Entscheidung treffen muss. Schwierig für Helmut, der es übelnimmt, dass sie das Kind eines Anderen unterm Herzen trägt. Bei allen Entbehrungen der Gefangenschaft in Sibirien, der Kälte, dem Hunger, dem Verlust jeglicher Menschenwürde, hat er nie die Hoffnung verloren, dass Käte auf ihn warten wird.

Obwohl sie nicht weit auseinander wohnen, sie in der Kaiserallee, nahe der Berliner Straße, er in der Brandenburgischen Straße, schreiben sie sich wieder Briefe. Nun freiwillig, nachdem es so lange vom Krieg erzwungen war, hilft es ihnen, ihre Situation zu klären.

Seit 24. Juni wird West-Berlin von den Sowjets blockiert. Seitdem wird die Stadt von US-amerikanischen Flugzeugen versorgt, die Luftbrücke nennt man die beispiellose Unternehmung. Auch die anderen westlichen Allierten beteiligen sich. Britische Maschinen landen in Gatow, die Franzosen richten extra für die Luftversorgung den Flughafen Tegel ein. Die Westberliner leben hauptsächlich von Trockenkartoffeln und Brot. Ein “kartenfreies” Stück Kuchen kostet acht Mark, ein Tageslohn. Der “Otto-Normalverbraucher” wird sprichwörtlich, ein spindeldürrer Gert Fröbe spielt ihn in dem Film “Berliner Ballade”.

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Helmut mit meinem Halbbruder Thomas in der Bundesallee

Käte und Helmut einigen sich, Käte gibt dem “Anderen” den Laufpass, sie wird ihn nicht wiedersehen. Das Ungeborene werden sie aufziehen, als ob Helmut sein Vater wäre. Am 2. September 1948 wird mein Bruder Thomas geboren. Käte hat Glück, es gibt gerade Strom im Kreissaal, das ist nicht die Regel. Am 16. März 1949 feiert die kleine Familie Verlobung, Abendgarderobe wird erbeten.

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Die Einladung schreiben sie auf Ausweisformulare, Papier oder Pappe gibt es nicht im blockierten Berlin.

Helmut hat ein Programm vorbereitet, er rezitiert Hauptmann, Goethe, Tucholsky und Shakespeare. Es wird getanzt. Das kalte Buffet wird schlicht ausgefallen sein. Die Blockade endet erst am 12. Mai 1949.

Bild

Entfernung einer Blockade Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße (Co: Walter Heilig/Creative Commons)

Am 8. September hat Helmut in der Tribüne Premiere, endlich kann er wieder auf der Bühne stehen.

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Er spielt mit Heli Finkenzeller in “Die kleine Hütte” von André Roussin. Es ist ein kalter 8. September, die Premierengäste werden gebeten Kohlen mitzubringen, damit man das Theater heizen kann. Es wird ein großer Erfolg. 1957 wird das Stück mit David Niven und Ava Gardner verfilmt. Am Tag nach der Premiere heiraten meine Eltern.

Helmut wird mit der Inszenierung von den Amerikanern auf ein Festival eingeladen. Helmut schreibt auf Briefpapier von American Airways: ” Nach jedem Bild Applaus. Zum Schluss doller Beifall. Gustaf (Gründgens) lehnte sich zurück und klatschte bis alles raus war. Nach der Vorstellung kam Gründgens zu uns und lobte meine Darstellung und Regie.” Leider kann mein Vater später nicht an diesen Erfolg anknüpfen.

Bild Maijachen nannte er Käte in Briefen

In den Jahren danach bauen meine Eltern ein Geschäft auf. Mein Vater wirbt Mitglieder, meine Mutter verkauft ihnen Bücher und Platten. Es ist ein Buchklub, doch meilenweit entfernt vom “Bertelsmann Käsering”, wie sie die Konkurrenz taufen. Die Deutschen sind hungrig auf Schriftsteller, die in der Nazidiktatur nicht den Weg nach Deutschland fanden. Sartre, Camus, Hemingway und die vielen Deutschen, die nur im Exil oder heimlich schreiben konnten. In der Musik gilt ähnliches, Swing, Hot und Cool Jazz, aber auch moderne Klassik findet viel Interesse.

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Jazz und moderne Klassik findet viel Interesse

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Viele gute Jahre, ein Ball in den 50ern

Ein befreundeter Leser schrieb kürzlich, ich würde meinen Eltern ein Denkmal setzen. Dieses Kompliment muss ich leider zurückweisen. Denkmäler werden aus edlen Stoffen, wie Bronze oder Marmor modelliert. Sie sind stilisiert und fast immer idealisiert. Mein Werkstoff ist jedoch das Leben und dieses ist eben fast nie ideal. Und so wird diese Geschichte nicht wie ein Märchen mit den Worten: “Sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.”, enden. Viele gute Jahre haben meine Eltern. 1954 werde ich, als Wunschkind, nur mit dem falschen Geschlecht geboren, ich sollte ein Mädchen werden. 1960 promoviert Helmut in Philosophie, im gleichen Jahr eröffnet meine Mutter einen großen, schicken Laden in der Rankestraße. Doch Mitte der 60er Jahre holen das Paar die Schatten der Vergangenheit ein. Neun Jahre Krieg und Gefangenschaft haben meinen Vater nicht nur körperlich gezeichnet, auch seelisch hat er tiefe Narben zurückbehalten. Die Details sollen privat bleiben, jedenfalls hat meine Mutter viele Gründe 1967 die Reißleine zu ziehen und die Scheidung einzureichen.

Mein Vater findet erneut eine Ehefrau, als er krank wird pflegt sie ihn, bis er kurz nach seinem 63. Geburtstag an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft stirbt. Meine Mutter findet noch eine Liebe, die in den 70er unglücklich endet. Trotzdem blickt sie auf ein erfülltes, zufriedenes Leben zurück, als sie 2005 in ihrem 83. Lebensjahr stirbt.

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Marcus Kluge

Obwohl wir hier schon etwas weiter in die Zukunft geblickt haben, weil es mir wichtig war die Scheidung als Kriegsfolge nicht zu verschweigen, wird die Reihe fortgesetzt. Die nächste Geschichte handelt von meiner Geburt und meinem Kindermädchen, die zu “My Fair Lady” wurde.

Die ganze Serie findet Ihr hier:

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Familienportrait – “Rund um die Bundesallee” / Lost and Found-Spezial

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An einem trüben Oktobertag war ich in Wilmersdorf, um historische Fotos rund um die Bundesallee nachzufotografieren. Die Idee ergab sich durch ein Bild von Ilona, meiner ersten großen Liebe, die ich 1975 in der Bundesallee Ecke Badensche Straße fotografierte, nachdem wir meine Oma in der Prinzregentenstraße besucht hatten. Die Gegend rund um die Bundesallee ist meine Heimat und dieser Kiez hat in der Geschichte meiner Familie eine entscheidende Rolle gespielt.

1960 wurde ich eingeschult, jeden Morgen musste ich die Bundesallee überqueren. Mein Weg führte mich von der Livländischen Straße zur Grundschule in der Prinzregentenstraße. Ich kam an der Weinhandlung Mitscher & Caspary vorbei, die mysteriöserweise immer geschlossen war. Ich überlegte mir wilde Geschichten, was dort tatsächlich passierte. Es waren Detektiv- oder Spionage-Geschichten, ich war ein Kind mit viel Fantasie. Dann kam ich am nackten Speerwerfer vorbei. Auch darüber musste ich grübeln, Nacktheit war damals verpönt, wieso stand dann, mitten im Park, ein nackter Mann? Die Welt der Erwachsenen war kompliziert. Noch merkwürdiger war, dass in den Büschen rund um den Speerwerfer oft Exhibitionisten um die Aufmerksamkeit von uns Schulkindern buhlten. Meine Eltern hatten mir das Phänomen erklärt, ich hielt die Vorzeiger für arme Würstchen. In der Waghäuslerstraße kauften wir nach Schule Kaugummi und später Zigaretten, die wir heimlich rauchten. Weil meine Mutter arbeitete, verbrachte ich den Nachmittag bei Oma und lief dann über die Bundesallee heim. Mit anderen Kindern spielte ich in der Ruine der Schwedischen Botschaft. Es lagen Papiere mit Hakenkreuzen herum und wir dachten uns “Kriegsspiele” aus. Das Gebäude war baufällig, wahrscheinlich hatten wir Glück, dass uns nichts passierte. Manchmal holte ich meine Mutter an der Haltestelle ab, auf der Bundesallee fuhren noch Busse, die U 9 wurde hier erst 1971 eröffnet.

Es gibt schönere Straßen in Berlin, aber die Bundesallee ist mir besonders ans Herz gewachsen, wegen ihrer sind wir Wilmersdorfer geworden und das kam so. Nach der Kapitulation können meine Großmutter und meine Mutter den Bunker an der Schumannstraße verlassen. Was sie draußen erwartet hat apokalyptisches Ausmaß. Überall lodern noch Brände, der Rauch beißt in den Augen. Es riecht nach verbranntem Fleisch, nicht nur Leichen liegen auf den Straßen, auch viele Pferdekadaver sind der Verwesung preisgegeben. An Laternenmasten hängen Tote, die Schilder um den Hals haben. Darauf stehen Sätze wie: ” Ich war zu feige mein Vaterland zu verteidigen”, oder ähnliches. Auf dem Weg in die Perleberger Straße sehen sie mehr Ruinen als bewohnbare Häuser. Ihre Wohnung hat einen Bombenschaden, sie werden sich eine andere behausung suchen müssen. Meine Familie befand das Kriegsende als Befreiung, aber meine Großmutter hatte Angst vor der Roten Armee. Die Nazi-Propaganda hatte funktioniert, doch die Gefahr war real, es kam zu Plünderungen und Vergewaltigungen. Moabit war wie ganz Berlin in diesen Tagen in der Hand der Roten Armee, die anderen Alliierten würden erst später Berlin erreichen, wann, wusste niemand genau. In der Nacht zum 10. Mai 1945 drangen russische Soldaten in das Vorderhaus ein und meine Oma schwante Übles, die Geräusche, die ins Hinterhaus drangen, waren beängstigend, meine Mutter war 22, hübsch und blond. Und Oma überlegte sich einem Trick, wie sie die trunkenen Sieger abhalten konnte, meine Mutter zu vergewaltigen. Käte bekam rote Punkte aufgemalt und Ofenasche ließ ihre blonden Locken ergrauen. Glücklicherweise wurde die Verkleidung nicht getestet, Militärpolizei griff vorher ein. Aber Großmutter beschloss umzuziehen.

Als meine Großmutter Elisabeth wenige Tage nach Ende des Krieges, im Mai 1945, beschloss nach Wilmersdorf zu ziehen, kannte sie die Bundesallee, die damals natürlich noch Kaiserallee hieß, bereits seit 35 Jahren. 1910, sie war 15, musste sie allein in die große Stadt Berlin fahren, um hier als Hausmädchen “in Stellung” zu gehen. Sie wurde schlecht behandelt und hatte schreckliches Heimweh. Jeden zweiten Sonntag hatte sie frei. Dann lief sie zu Fuß von Steglitz, über die Bundesallee, zum Bahnhof Zoo, wo sie sich bei Aschinger eine Erbsensuppe gönnte. Auf dem Weg bewunderte sie die schönen Bauten an der Kaiserallee, Bauten wie die Schwedische Botschaft oder das Joachimsthalsche Gymnasium, wo ich 75 Jahre später, zwei Jahre arbeiten sollte. Nun, nach zwei Weltkriegen, wollte sie selbst hier wohnen. Sie fand, sie hatte es sich verdient. Außerdem würde Wilmersdorf “amerikanisch” werden, während Moabit in russischer Hand bleiben sollte. Es muss um den 12. Mai herum gewesen sein, als Elisabeth und Käte mit einem Handwagen durch den Tiergarten und die Kaiserallee zogen, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Die erste Nacht verbringen sie unter freiem Himmel, in einem der Regenhäuschen im Volkspark Wilmersdorf. Am nächsten Morgen hören sie sich um. Neben der Ruine der Schwedischen Botschaft ist eine Hinterhauswohnung frei. Sie brechen ein und besetzen die Wohnung. Später behaupten sie, der Mietvertrag wäre verbrannt. Es sind wilde Zeiten und sie haben Glück, man glaubt ihnen. Omas Mann Werner kommt aus dem Krieg und findet sie, aber erst 1948 kommt mein Vater aus russischer Gefangenschaft. Jetzt ist die Familie wieder vereint und meine Eltern heiraten und ziehen in den Hohenzollerndamm.

Anfang der 1960er Jahre wird Oma Elisabeth von einem Auto angefahren. Ihr Wahlspruch zum Straßenverkehr: “Der sieht mich doch!” hat versagt. Sie zieht mit Werner in eine Neubauwohnung in der Prinzregentenstraße. Werner stirbt früh und danach siedelt Omas Schwester Lotte aus Ost-Berlin um und zieht in die Prinzregentenstraße. Nach Lottes Tod wird Oma dement, wir versuchen sie allein zu versorgen, doch nach einem halben Jahr müssen wir sie in ein Pflegeheim geben. Die Zwei-Zimmerwohnung in der Prinzregentenstraße wird eine Zeitlang zum Heim für meine spätere Frau, meine Stieftochter und mich, bevor wir heiraten und nach Schöneberg ziehen. Meine Mutter wohnte bis zu ihrem Tod 2005 am Volkspark Wilmersdorf.

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Oben: Oma, Opa und meine Mutter Ende 1920er Jahre. Unten: Oma um 1940.

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img_20131009_0001 Meine schöne, blonde Mutter Anfang der 1940er Jahre. Unten: Mein Vater mit meinem Bruder in der Bundesallee um 1952.

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img_20150204_0001 Mit Oma ca. 1975 in der Prinzregentenstraße.

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In der Wilhelmsaue, um 1961 und heute.

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Auf dem Weg zum Sonntagskaffee bei Oma in der Prinzregentenstraße (ca. 1963).

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Oben: Die Ruine der Schwedischen Botschaft auf einem Foto von H. Noack aus den frühen 1960er Jahren. Unten der prosaische Neubau, der heute an der Stelle steht.

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Die Kreuzung Berliner Straße Bundesallee um 1960 und heute.

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1960, bei meiner Einschulung gibt es den “Volksparksteg” (unten) noch nicht. Ich soll eigentlich bis zur Ampel laufen, aber meist renne ich verbotenerweise über die Bundesallee.

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Auf dem Volksparksteg etwa 1975 und heute.

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Blick vom Steg in Richtung Norden.

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Die geheimnisvolle Weinhandlung 1960 und unten zeigt sich die Ecke heute, weniger mysteriös, aber ebenso verschlossen.

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Am Regenhäuschen, mit Nazi-Grafitto um 1975 und heute.

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Oben: Um 1940 beginnt die Badensche Straße noch in Höhe der Nassauischen Straße.

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Oma, Tante Lotte, Cousine (v.r.) mit dem kleinen Johannes im Hof der Prinzregentenstraße um 1966.

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Um 1975, mein Zimmer in der elterlichen Wohnung, kurz bevor ich ausgezogen bin. Unten: Im Volkspark mit Freunden um 1989.

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M.K.

 


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Familienportrait „Wir waren dabei“ / Das Nazi-Regime im Spiegel von Zeitungsausschnitten

Meine Großtante Charlotte heiratete Ende der 1920er Jahre den Polizeioffizier Paul Springer. Für die junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen war er eine gute Partie, wie man sagte. Paul war konservativ, kein ausgesprochener Nazi. Aber er hielt die Hitler-Partei für das richtige Gegengift gegen die politisch „instabile“ Weimarer Republik und die Massenarbeitslosigkeit. Wie viele andere erlag er dem furchtbaren Irrtum, Rechtsbruch, Antisemitismus und Gesinnungsterror seien „Kinderkrankheiten“ auf dem Weg zu einem neuen, erstarkten Deutschland. Letztlich bezahlt er für seinen Irrtum mit dem Leben, am 1. Mai 1946 legt er sich vor die “Heidekrautbahn” und bringt sich um.

Foto oben: Mussolini besucht Berlin und wird Veteranen begrüßt.

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Seine Frau und er glaubten Zeugen einer „großen Zeit“ zu sein. Lotte sammelte Zeitungsausschnitte und gemeinsam klebten sie sie in ein Album, dem sie den stolzen Titel „Wir waren dabei“ gaben. Aufmärsche, Paraden und Staatsbesuche „Unter den Linden“ sind dokumentiert, denn Paul war für die polizeiliche Sicherung dieser Veranstaltungen zuständig. Andere Themen sind die Polizei, Kriminalfälle, die rege Bautätigkeit dieser Jahre und Feierlichkeiten aller Art, wie Weihnachten, denen die Nazis ebenfalls ihren Stempel aufdrücken. Die Sammlung beginnt 1935 und endet abrupt 1938, kurz vor den Novemberpogromen, was kein Zufall ist. Ob es damals die erste Konfrontation zwischen Paul und seinen Vorgesetzten war, weiß ich nicht, aber diese hatte Folgen.

Als am 9. November gegen 22Uhr jüdische Geschäfte angegriffen wurden, stellte Paul uniformierte Polizisten als Schutz vor solche Läden in der Friedrichstraße. Um Mitternacht ging auf dem Revier ein Telex der Gestapo ein, nachdem die Polizei jüdische Einrichtungen nicht mehr schützen sollte, bzw. nur Plünderungen verhindern sollte. Paul Springer soll sich noch eine Stunde unsichtbar gemacht haben, doch gegen eins gab er den Befehl dann weiter.
Damit war seine Karriere im Dritten Reich beendet, der Polizeidienst machte ihm auch kaum noch Spaß. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen, während seine Nazi-Kollegen für unabkömmlich erklärt wurden.

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Schon zwei Jahre vor Kriegsbeginn bereitet sich Berlin auf den Ernstfall vor. Eine ganze Woche übt man Luftangriff, Verdunkelung und Giftgasbedrohung.

Tante Lotte und er überlebten den Krieg und er erhielt eine zweite Chance sich im Polizeidienst zu bewähren, weil er relativ unbelastet war. Schon im Mai 1945 wurde er von den Alliierten als Fachkraft auf dem Revier 2 angestellt. Kurze Zeit danach konnte er als Reviervorsteher den Wiederaufbau des Reviers 12 leiten.

Am 16. März 1946 sicherte Paul mit Kollegen eine Fliegerbombe ab, als es zur Explosion kam. Er wurde schwer am Kopf verletzt, Prellungen, Schnitt- und Platzwunden wurden im Krankenhaus versorgt. Trotz einer Gehirnerschütterung wurde er aus der nach dem Unglück überfüllten Klinik entlassen.
Nach einem Tag ging er wieder arbeiten, gegen ärztlichen und freundschaftlichen Rat glaubte er, preußische Disziplin üben zu müssen. Ständige Kopfschmerzen, Schwindel und eine leichte Verwirrtheit, die er gut überspielte, begleiteten ihn. Am 30. April war seine Krankheit so offensichtlich, dass er sich arbeitsunfähig schreiben lies.
Paul hat sich am 1. Mai 1946 umgebracht, indem er sich vor die Heidekrautbahn legte. Lotte hat nie erfahren, ob sich Paul wegen der Kopfverletzung oder aufgrund von Gewissensbissen infolge seiner Mitwirkung an Naziverbrechen suizidiert hat.
Das „Wir waren dabei-Album“ hat das Kriegsende überstanden, weil es rechtzeitig in Bad Liebenwerda versteckt wurde. Andere Fotoalben und Abzüge auf denen Hakenkreuze oder Nazigrößen zu sehen waren, hat man verbrannt, bevor die Rote Armee Berlin einnahm. Man musste damit rechnen, umgebracht zu werden, wenn „Nazimaterial“ bei einem gefunden wurde. Tante Lotte zog nach Pauls Tod nach Pankow, wo wir sie regelmäßig besuchten, bis der Mauerbau unsere Familie trennte. Aber als Rentnerin konnte Lotte 1965 nach West-Berlin „ausreisen“. Sie wohnte dann mit meiner Oma zusammen in der Prinzregentenstraße. Bevor sie 1980 starb, hat sie mir das Album geschenkt.

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Die sogenannte Ost-West-Achse durch den Tiergarten wird gebaut.

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So sehen Humor und Frohsinn im Nazireich aus.

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Das Programm des gleichgeschalteten Rundfunks auf der Rückseite eines Ausschnitts.

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Blumenkorso zum 700. Geburtstag Berlins. Dominiert wird das großformatig abgedruckte Foto von Hakenkreuzfahnen, der Korso wirkt bescheiden daneben.

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Am Stadtschloss wird gebaut.

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Auch eine Weihnachtsbescherung von Droschkenkutschern ist Mittel der Propaganda, sie wird von der sogenannten “N.S.Volkswohlfahrt” durchgeführt.

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Im April 1937 feiert das Regime die Annexion Österreichs mit einer „Schweigeminute“ und dem „Hitler-Gruß“. Das Foto zeigt das Kranzler-Eck in der Friedrichstraße.

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Auch der Propagandaminister und seine Familie sind in Weihnachtstsimmung.

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US-Navy Matrosen beehren die “Reichshauptstadt”.

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Frontalunterricht und Hightech im Polizeirevier, Pauls Arbeitsplatz.

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Parade im April 1937.

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Opernball 1937. Das Foto stammt von Heinrich Hoffmann, der als “Hitler-Fotograf” bekannt wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hoffmann_%28Fotograf%29

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1937 wurde der schöne Rundbau des Zirkus Busch wegen Straßenbegradigung der Burgstraße und Erweiterung des Blocks „Börse“ für den Bau von Reichszentralen verschiedener Wirtschaftsverbände abgerissen. Paula Busch hatte vergeblich versucht, durch Verhandlungen mit der Berliner Stadtverwaltung und Reichsstellen den Abriss zu verhindern.

Redaktion: Marcus Kluge

Die Dokumentation wird fortgesetzt.

Familienportrait – “Ariernachweis” / Die Bürokratie des Rassismus / 1936

Der Zufall wollte es, dass ich mich am letzten Wahlsonntag, dem 13. März, bei der Arbeit am “Familienportrait-Buch”, mit der Rassismus-Bürokratie des Dritten Reichs auseinandersetzen musste. Die rechtsextreme AfD kam mit zweistelligen Ergebnissen in drei Bundesländern in die Parlamente. Was eine rechtsextreme Partei tun kann, wenn sie an die Macht kommt, zeigte mir ein sogenannter “Ariernachweis”, den ich bei den Papieren meines Vaters fand.

1936 hatte mein Vater einen Nachweis erbringen müssen, dass er “arisch” war, sonst hätte er kein Abitur machen können. So wollte es die NSDAP, die schon im April 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung, Rassismus und Ausgrenzung zum Gesetz erhob. Erst mussten Beamte und öffentlich Bedienstete diesen Nachweis führen, bald danach wurde er für viele weitere Berufe Pflicht. Nach den “Nürnberger Gesetzen” wurde der Nachweis 1935 für alle Bürger obligatorisch. Und schließlich wurden sogenannte “Nichtarier” auf Basis dieses Dokuments in “Konzentrationslager” verschleppt und ermordet. Dabei war das Verfahren äußerst widersprüchlich. Es gab keine objektivierbaren Merkmale für den Rassenwahn der Nazis, die Physische Anthropologie, die sich mit Rassemerkmalen beschäftigt, kennt keine “arische Rasse”. Also war letztlich die Religionszugehörigkeit entscheidend. Wenn der Urgroßvater jüdischer Herkunft war, aber zum Christentum konvertierte, hatte man Glück, man galt als Arier. Doch wenn der Ur-Opa stattdessen dem Christentum abgeschworen und den jüdischen Glauben angenommen hatte, war man “unreinen Blutes”, mit schlimmen Konsequenzen.

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Den Antrags-Bogen hat ein deutscher Bürokrat sehr effizient gestaltet. Es gibt drei Abschnitte und alles findet auf einem DIN A4-Blatt Platz. Zunächst ist ein Lebenslauf gefordert, handschriftlich und äußerst ausführlich. Manche Details sind verwunderlich, so wird nach “Flugsport” gefragt. Es wird bereits an den Krieg und die Verwendung der “Arier” in ihm gedacht. Piloten werden erfasst und die Luftwaffe wird sie später zu Kampfpiloten machen. So widmet sich der zweite Abschnitt der Verwendungsfähigkeit der Antragsteller beim Militär. Ob man sich freiwillig gemeldet hat und ob man gemustert wurde, ist anzugeben.

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Auf der Rückseite folgt der eigentliche “Nachweis”. Da für alle Angaben beglaubigte Dokumente vorzulegen waren, musste mein Vater wie andere auch, sieben Geburts- oder Taufurkunden, sowie drei Heiratsurkunden besorgen. Er war der erste Abiturient in der Familie, seine Vorfahren waren Arbeiter, Lohnknechte und Mägde, allesamt protestantisch.  Eine Diskriminierung als “Nichtarier” musste er nicht befürchten.

Neben der diskriminierenden Wirkung, nach der weite Teile des Volks stigmatisiert wurden, gab es auch eine qualifizierende Wirkung. Menschen, die noch nie etwas im Leben erreicht hatten, auf das sie stolz sein konnten, fühlten sich nun als Mitglieder einer “Herrenrasse”. Wegen des Interesses an Stammbäumen wuchs die Zahl der “Sippenforscher” enorm an. Eigens für Ahnenangelegenheiten wurde die ‘Reichsstelle für Sippenforschung’ (ab 1940 ‘Reichssippenamt’) gegründet, welche die Abstammungsnachweise auf Grund der Urkunden ausstellte.

Mein Vater bestand 1937 sein Abi mit 1,0. Er begann zu studieren, doch schon 1938 wurde sein Jahrgang gemustert. Er war tauglich und rechnete sich aus, nach zweieinhalb Jahren wieder ins Zivilleben zurückzukehren, und sein Studium wieder aufzunehmen. Der Wehrdienst war eben auf zwei Jahre verlängert worden und ein halbes Jahr Arbeitsdienst kam hinzu. Als Einser-Abiturient hätte er Offizier werden können, aber er entschied sich dagegen. Helmut war zu diesem Zeitpunkt Buddhist, was er natürlich geheim hielt und das Töten, hoffte er, auf diese Weise vermeiden zu können. Seine Überlegung war vielleicht etwas naiv, aber im Grunde nachvollziehbar. Als einfacher Soldat glaubte er, daneben schießen zu können, doch als Offizier hätte er das Töten befehlen müssen.

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Ob ihm bewusst war, dass sein Wehrdienst länger werden würde, weiß ich nicht. Er wird sich darüber klar gewesen sein, dass die Nazis auf einen Krieg zusteuerten. Jedem halbwegs realistisch denkenden Deutschen musste dieser Gedanke gekommen sein. Hitler hatte sein Vorhaben schon in “Mein Kampf” niedergeschrieben. Außerdem war bei aller deutschen “Friedensrethorik” im Vorfeld des 2. Weltkriegs, die gigantische Aufrüstung unübersehbar. Wahrscheinlich hatte mein Vater gehofft, ein Krieg würde nicht lange dauern und er würde ihn überleben. Das Letztere gelang ihm, er überlebte den Krieg. 35% der Männer seines Jahrgangs kamen nicht aus Krieg und Gefangenschaft zurück. Was dem Regime das Leben eines Soldaten wert war, illustriert ein Hitler-Zitat, das perfiderweise auf den Feldpostkarten abgedruckt war: “Es ist gänzlich unwichtig, ob wir leben, aber notwendig ist, daß unser Volk lebt, daß Deutschland lebt.”

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Sein Wehrdienst sollte länger dauern. Ganze zehn Jahre war er Soldat gewesen, als er im Sommer 1948, abgemagert und traumatisiert, vor der Tür meiner Mutter stand, die ihn für tot gehalten hatte. Schon der Krieg war ihm als eine Art Hölle erschienen, doch die danach folgenden drei Jahre Kriegsgefangenschaft in Sibirien, waren wohl schlimmer. Wie die meisten Männer redete er nie über seine Erfahrungen. Er starb mit Anfang 60 an den Spätfolgen von Krieg und Gefangenschaft.

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Anfang der 1950er Jahre

M.K.

Familienportrait Teil 25 – “Sag mir wo die Blumen sind” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / 3. und letztes Kapitel / 1961- heute

Mein Bruder, meine Cousinen und ich, 1961 im Grunewald

1961 wird alles anders.

In Hamburg nimmt eine unbekannte Band unter dem Namen “The Beat Brothers” mit Tony Sheridan “My Bonnie” auf. Die Aufnahme wird in Deutschland 100 000mal verkauft. Die Musiker der Gruppe lassen sich ihre Haare zu Moptops schneiden, “Pilzköpfe” sagt man in Deutschland, ihr Name ist nun “The Beatles”. Sie werden nicht nur Mode und Musik nachhaltig beeinflussen, sie werden den ganzen Erdball verändern. Der sowjetische Kosmonaut Yuri Gagarin fliegt als erster Mensch in den Weltraum. Barbie bekommt einen Freund namens Ken, in Berlin wird eine Mauer errichtet, die jeden Kontakt zwischen und Ost und West unterbindet und ich bringe mir englisch bei. Ich will die Musik im AFN besser verstehen und die amerikanischen Comics, wie Batman oder Spider-Man lesen können, die ich mir in den Hefte-Tausch-Läden besorge. 1961 ist auch das Jahr in dem die venezolanischen Kluges nach West-Berlin kommen.

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Wolfgang und Notburga in Tokyo (vorn, Mitte, 1969)

Erst einmal wohnen sie bei uns. Mein Bruder und ich kampieren mit den beiden Mädchen aus Venezuela im großen Wintergartenzimmer mit Blick auf den Volkspark. Ich bin mit sieben Jahren der Kleinste, Ingrid ist neun, die kleine Notburga ist elf, Thomas ist 13. Wir verständigen uns auf deutsch, mit spanischen und englischen Ausdrücken. Als wir im Sommer ins Strandbad Wannsee gehen, will Ingrid nicht ins Wasser. Sie hat Angst vor Haifischen. Abends quatschen wir lange, ich hatte mir ja immer Schwestern gewünscht. Leider dauert der Ausnahmezustand nicht lange.

Image Wolfgang

Wolfgang wird meine erste männliche Stil-Ikone. Er trägt amerikanische Oberhemden, die Zigaretten stets in der Brusttasche, schicke Krawatten aus Caracas, seine Haare sind mit Pomade locker gelegt. Obwohl er viel arbeitet und sicher auch Stess hat, strahlt er Ruhe aus und gibt jedem Gesprächspartner das Gefühl, ganz für ihn da zu sein. Die große Notburga sieht im piefigen West-Berlin wie ein Filmstar aus. Selbst im Kopftuch scheint sie den Seiten eines Modemagazins entsprungen zu sein.

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Wolfgang arbeitet als Manager für die Charterfluglinie “Saturn Airways” im Flughafen Tempelhof. Nachmittags besuche ich ihn öfter dort, er nimmt sich für mich Zeit, zeigt mir das imposante Gebäude, ich darf sogar aufs Rollfeld mit ihm. Anschließend bekomme ich Coco-Cola, echte amerikanische, ich bilde mir ein, dass sie viel besser schmeckt als deutsche.

Die amerikanischen Kluges ziehen in die Nähe vom Flughafen. Alle 20 Minuten donnert ein Clipper im Tiefflug über das Haus. Dann mieten sie einen Bungalow in Lichtenrade, er wirkt sehr amerikanisch, innen und außen. Sie behalten aber auch die ganze Zeit eine Wohnung in Österreich, in Ach an der Salzach, wo Notburgas Vater nach dem Krieg praktizierte. Viele Einwohner können sich an ihren ehemaligen Arzt, Dr. Baumgartner erinnern. Für die große Notburga wird es ein Stück Heimat gewesen sein, dort auszuspannen. Auch meine Familie macht hier Urlaub, im Sommer 1963. Im Dorfkino sehen wir Dr. No, den ersten Bond-Film. Man muss nur über eine Brücke gehen, dann ist man in Burghausen, Deutschland. In Österreich wird auch der Sohn von Wolfgang und Notburga, Johannes, geboren, am 27.2.1964. Die Eltern legen wert darauf, dass er nicht in Deutschland zur Welt kommt, nie soll er eine deutsche Uniform tragen.

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Die große Notburga mit dem kleinen Johannes

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Marcus 1961, Volkspark Wilmersdorf

Als meine Mutter krank wird und in eine Klinik muss, wohne ich eine Zeitlang in der Villa in Lichtenrade. Die große Notburga kümmert sich sehr freundlich um mich. Ich habe angefangen mir das Kochen beizubringen, Notburga unterstützt mich und zeigt mir exotische Gerichte, die sie auf den vielen Reisen rund um den Globus mit Wolfgang kennen gelernt hat. Suki-Yaki wird mein neues Leibgericht. Wolfgang zeigt mir seine technischen Geräte, wie das Uher-Report-Tonbandgerät und seine Filmkamera. Das Haus ist voll mit süd- und nord-amerikanischer Kultur, Platten, Büchern, Bildern und Kunstgegenständen, ich fühle mich sehr wohl. Die größte Entdeckung ist jedoch der kleine Fernseher in der Küche. Dort kann ich das amerikanische Soldatenprogramm sehen, das nicht nur in Dahlem, sondern auch am Flughafen Tempelhof, einen kleinen Sender betreibt. Zu einer Zeit, als das deutsche Fernsehen um 17 Uhr beginnt und um 23.30 Uhr endet und in West und Ost gleichermaßen langweilig ist, wird das für mich zu einer Offenbarung. Serien wie Dragnet, Addams Family oder The Outer Limits begeistern mich. Jeden Abend läuft die Tonight Show mit Johnny Carson, der Prototyp der Late Night Show. In Deutschland wird es 30 Jahre dauern, bis das Format adaptiert wird. Carson ist großartig und ich lerne viel über US-Pop-Kultur. Jeden Sonnabend kommt ein Gruselfilm der B-Klasse, meist aus den 50er Jahren. “The cheaper they are the better they are!”, wie es Frank Zappa ausdrücken wird.

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Johannes und die kleine Notburga

In Berlin ist für Wolfgang das obere Ende der Karriere-Leiter erreicht, die Familie zieht in den Taunus, nahe dem Rhein-Main-Flughafen. Hier will Wolfgang seine Vison verwirklichen. Durch 20 Jahre Berufserfahrung im Fluglinien-Geschäft und seine unzähligen Reisen, ist er zum Experten geworden. Jetzt will er seine Expertise in einem weltweiten Linienflug- und Straßenatlas einbringen. Ein gigantisches Projekt, das er fast allein auf die Beine stellt, selbst Illustrationen wie die Concorde zeichnet er eigenhändig. Die Flug- und Straßenkarten ergänzt ein umfangreicher Informationsteil, ein mehrsprachiges Wörterbuch ist auch dabei. Leider hat das Produkt keinen durchschlagenden Erfolg. Vielleicht war er mit seiner Idee auch zu früh, 15 oder 20 Jahre später, in einer globalisierten Welt, hätte er wohl mehr Erfolg mit seinem wegweisenden Projekt gehabt.

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Wolfgangs Atlas

Am 2. Juli 1971 sehe ich ihn zum letzten Mal. Auf unserem Weg nach Paris, besuchen wir ihn und die große Notburga, in der Nähe von Frankfurt. Es ist Nachmittag, er hatte sich hingelegt, Notburga will ihn eigentlich schlafen lassen, aber er besteht darauf, uns Hallo zu sagen. Als er im Morgenmantel die Treppe herabkommt, bin ich bestürzt, er sieht alt aus und müde, sehr müde. Ich habe eine Ahnung, ich werde ihn nicht wiedersehen. Nach einer Stunde verabschieden wir uns, wir noch eine lange Strecke vor uns.

In der folgenden Nacht bin ich zum ersten Mal in Paris. Während ich um 3 Uhr morgens am Boulevard St-Michel sitze, stirbt ein paar Ecken weiter Jim Morrison in seiner Badewanne.

https://marcuskluge.wordpress.com/2013/12/09/familienportrait-marathon-tag-15-paris-zum-ersten-1971/

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Notburga, Johannes, Wolfgang, Mitte der 70er Jahre

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Johannes, Marcus, 1977 in Berlin

Nach dem Atlas-Projekt zieht Wolfgangs Familie zurück nach Venezuela. Nur die kleine Notburga ist inzwischen in Deutschland verheiratet und hat einen Sohn, sie bleibt in Europa. In Amerika kann Wolfgang an seine beruflichen Erfolge nicht mehr anknüpfen. In Venezuela ist geschäftlicher Erfolg häufig mit Korruption und Vetternwirtschaft verbunden, aber das liegt dem geradlinigen Wolfgang nicht. Die große Notburga geht wieder arbeiten. Wolfgang geht es gesundheitlich nicht gut. Es rächt sich, dass er sich nie geschont hat und auch nie Sport getrieben hat. Er muss ins Krankenhaus, nimmt es wie Urlaub, scherzt es ginge ihm großartig, nach der Erholung im Spital. Niemand rechnet mit der Katastrophe, die sich nun ereignet. Am 24. April 1979 stirbt Wolfgang Kluge an einem Herzinfarkt, keine 50 Jahre Lebenszeit waren ihm vergönnt. Ingrid erkennt die Warnsignale bei ihrem Vater und fährt ihn nach Caracas in Krankenhaus, doch schon auf der Panamericana, mitten im Verkehr, verlassen ihn die Lebensgeister für immer. Er stirbt in ihren Armen.

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Notburga, die den eigenen Schmerz tragen muss, macht sich große Sorgen um ihre Kinder, besonders Johannes. Wolfgang und er standen sich besonders nah. “Wie zwei verschworene Lausbuben”, seinen sie gewesen, schreibt die Witwe meiner Mutter. Johannes ist 14 einhalb, er frisst den Schmerz in sich hinein, auch Notburga verschließt sich. Sechs Monate später schreibt Notburga meiner Mutter, dass sie wieder zueinander gefunden haben. Aber Johannes hat unter dem Druck der Trauer seine Kindheit aufgeben müssen. Er ist nun vollends erwachsen. Schon länger hatte er den Plan auf die Luftwaffenakademie zu gehen, er will fliegen. Dadurch würde sein Studium nicht die Eltern belasten. Notburga hat Vorbehalte, “Du weißt wie ich den Militarismus hasse.”, schreibt sie. Natürlich ist sie trotzdem einverstanden. Der nunmehr 15jährige will auch in den Schulferien arbeiten gehen, um für die kleine Familie beizutragen, das redet sie ihm aus. Für die Luftwaffe ist er zu groß gewachsen und die Brille stört. Er geht zum Heer, sein Kompaniechef ist ein ehrgeiziger Offizier namens Hugo Chavez. Johannes hält ihn damals schon für ziemlich durchgeknallt. 1992 versucht sich Chavez durch das Militär an die Macht zu putschen. Der Umsturz misslingt, nach zwei Jahren wird er begnadigt. 1998 wird er Präsident, er ist vor allem im Ausland umstritten. 2013 stirbt er an Krebs, noch heute besteht die Regierung aus seinen Weggefährten. Zu denen hätte auch Johannes gehören können, doch dieser erkennt früh den Karrieristen, der mit blankem Populismus Anhänger um sich schart, die einen Personenkult betreiben, der Chavez’ Narzissmus schmeichelt.

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Johannes beim Militär

Es ist merkwürdig und traurig, dass offenbar alle Kluge-Männer zu früh auf ihren Vater verzichten mussten. Bei meinem Vater war das so, bei Wolfgang, bei Johannes und auch bei mir. Nach der Scheidung meiner Eltern, da war ich zwölf, hat sich mein Vater nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet, er hat mir nie geschrieben oder sich sonst um mich gekümmert. Ein paar Mal habe ich ihn besucht, die Initiative ging dabei von mir aus. Aber auch bei diesen Treffen hat er nie gefragt, wie es mir ginge, was ich machte oder wie meine Pläne wären. Sicher sind die Einzelschicksale unterschiedlich und können kaum verglichen werden, aber das Fehlen einer Vaterfigur fühlt sich sehr ähnlich an und es ist ein elementarer Mangel, nicht nur in meiner Familie.

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Notburga bei mir in Berlin, Anfang der 90er

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In Los Castores. Anfang der 90er Jahre

1993. Vier Wochen bleiben wir in Venezuela. Wir wohnen bei Notburga und Johannes in Los Castores, einer bewachten Wohnanlage, wo auch andere Familienmitglieder zu Hause sind. Auch Ingrid, die in der Nähe wohnt, treffe ich hier wieder. Neben Merida in den Anden, lernen wir Prado Largo kennen, dort hat die Familie seit langem Urlaub gemacht. Wir wohnen bei Notburgas Schwester Titti und ihrem Mann Diethard. Klimamäßig komme ich mir vor wie im Dschungel. An die 40° bei hoher Luftfeutigkeit sind nicht so mein Wohlfühlwetter. Danach verbringen wir noch eine Woche auf der Karibikinsel Margarita, mit Seebrise und Baden im Atlantik fühle ich mich dort besser aufgehoben. Wir wohnen in einer Ferienwohnung, die der kleinen Notburga und ihrem Mann gehört.

Um 22 Uhr am 3. Dezember 1993 soll unser Rückflug vom Maiquetia-Flughafen abheben. Nach einer tränenreichen Verabschiedung stellen wir fest, dass unser Flug erhebliche Verspätung hat. Erst morgens um 1.30h können wir die Lufthansa-Maschine besteigen. Wir erfahren, dass die Witwe des Drogenbosses Pablo Escobar mit dem gleichen Clipper aus Frankfurt zurückgeflogen ist, nachdem sie vergeblich in Deutschland um Asyl gebeten hat. Escobar wurde am Vortag von einem Elite-Kommando in Medellin erschossen. Deutsche Geheimdienstler haben die Maschine und das Gepäck stundenlang durchgecheckt, weil sie einen Racheanschlag befüchteten. An Bord zeigt sich die Lufthansa großzügig mit den alkoholischen Getränken, meine 70jährige Mutter, die eigentlich Flugangst hat, schläft bald seelig. Ich kann nicht schlafen. Ich denke über Wolfgang und Notburga nach, über den Krieg und seine Folgen, die für Generationen nachwirken. Ich denke an die Verletzungen, die Schuld, die Vertreibung und das Schweigen, dass in so vielen Familien herrscht und das auch die Kinder stumm macht. Ein Lied kommt mir in den Sinn, ich habe es seit der Kindheit nicht mehr gehört. Notburga hat es mir damals vorgespielt. Pete Seeger hat es geschrieben, Marlene Dietrich hat es in Deutschland bekannt gemacht.

Sag mir wo die Blumen sind
Wo sind sie geblieben
Sag mir wo die Blumen sind
Was ist gescheh’n
Sag mir wo die Blumen sind
Mädchen pflückten sie geschwind
Wann wird man je verstehn
Wann wird man je verstehn

Image Venezuela 1959

Die große Notburga stirbt am 20. Dezember 1995 an einem Lungenemphysem und einer Lungenentzündung. Meine Mutter erliegt am 15. Mai 2005 einem Krebs, der ihre Lunge befallen hatte. Beide haben viel und gern geraucht.

Die “kleine” Notburga lebt heute mit ihrem Mann im Taunus, nachdem sie fast ein Leben lang für Fluglinien wie die venezolanische Viasa gearbeitet hat. Ingrid wohnt in der Nähe von Caracas, genau wie ihr Bruder, Johannes W. Kluge, der am 17. Oktober 2009 geheiratet hat.

Ich danke Johannes für seine Unterstützung, seine Hinweise und sein Gedächtnis, ohne ihn hätte ich diese Geschichte nicht aufschreiben können.

Marcus Kluge

Der erste Teil:

http://wp.me/p3UMZB-1rj

Der zweite Teil:

http://wp.me/p3UMZB-1rJ

Mein erstes Buch könnt Ihr hier bestellen:

marcusklugeberlin@yahoo.de

Familienportrait Teil 24 – “Siebenbürgen, Curare und erneute Vertreibung” / Die Ballade von Wolfgang und Notburga / Kapitel 2 / 1931-61

In 3000 Metern Höhe laufe ich nachts bei dichtem Nebel, auf einer Pass-Straße in den Anden, vor dem Jeep, den mein Cousin Johannes steuert. Es ist 1993 und Johannes ist der einzige noch lebende Kluge, außer mir. Deshalb habe ich ihn in Venezuela besucht und ich wollte seine Mutter wiedersehen, Notburga, die ich 1961 kennenlernte, als sie zu uns nach West-Berlin kam, um bei uns zu wohnen. Heute haben wir uns etwas mit der Zeit verschätzt, Johannes hatte wohl auch vor, mit mir ein kleines Abenteuer zu erleben. Dass es so abenteuerlich wird, hat er nicht erwartet.

Ich weiß nicht wie lange ich vor dem Wagen laufend den Weg erkundschaften musste, es war lange und wir sind kaum vorwärts gekommen. Ich bin jedenfalls froh, als die Sicht minimal besser wird und ich wieder einsteigen kann. Müde sind wir nicht, unsere Nebennieren haben reichlich Stesshormone produziert und ich bitte Johannes mir weiter von seinen Eltern zu erzählen.

Auch Notburga hat einen weiten Weg hinter sich, als sie 1952 Wolfgang trifft. Notburgas Vater, Hans Baumgartner, kam aus Siebenbürgen. Während des Medizin-Studiums in Bonn lernt er seine Frau kennen, sie heiraten 1931. Dann ziehen sie nach Rumänien, dort wird bald danach Notburga geboren. Drei weitere Geschwister folgen bis 1941. Dr. Baumgartner, der hier Janos genannt wird, praktiziert als Bezirksarzt in dem von vielen Kulturen geprägten Landstrich. 1939 wird er als Hauptmann zur rumänischen Kavallerie eingezogen wird. Im Lauf des Krieges werden die Militärärzte mehrfach degradiert, Rumänien kann sich den Sold nicht leisten.

Die letzten Kriegsjahre ist Hans verschollen. Die Restfamilie muss Siebenbürgen verlassen, als die Russen näherrücken. Die Mutter läuft mit den vier Kindern zu Fuß nach Deutschland.

Sie haben viel Glück, sie treffen sich wieder. Eine Weile praktiziert Dr. Baumgartner als Dorfarzt im österreichischen Ach an der Salzach, auch aus dem deutschen Burghausen kommen Patienten. Aber als Staatenlose, nur mit Nansen-Pässen versehen, können sie nicht bleiben.

Kofferanhänger der Emigranten-Familie

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Notburgas Eltern entschliessen sich nach Venezuela auszuwandern, dort kann der Doktor seinen Beruf ausüben. Er wird Venezuelas erster Indianerarzt. Dr. Baumgartner lebt eine Zeitlang mit seiner Familie bei den Ureinwohnern Venezuelas in Dschungel. Er wird eine hoch respektierte Persönlichkeit und gehört später zu den wenigen Weißen, dem die Indianer Curare anvertrauen. Das berühmte Pfeilgift lähmt die Muskulatur, der Tod tritt durch Herzstillstand ein. Trotzdem kann man das erjagte Wild bedenkenlos essen, da Curare nur über die Blutbahn giftig ist. In den 50er Jahren wird Dr. Baumgartner Curare an Schering in Berlin verkaufen. Ein willkommener Geldsegen nach den vielen Jahren der materiellen Entbehrung.

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Dr. Baumgartner bei seinen Patienten

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Frau Baumgartner mit Ureinwohnern

Notburga heiratet 1950 und bekommt ein Jahr später eine Tochter, die sie auch Notburga nennt. In der Familie haben wir deshalb die Mutter, die “große” und die Tochter die “kleine” Notburga genannt. 1952 wird eine zweite Tochter geboren, Ingrid. Notburga hat als Kind zweimal die Heimat verloren, dann wird sie als Teenager in den Dschungel geschickt. Die frühe Ehe sollte ihr wohl Halt und Sicherheit geben. Das Gegenteil passiert, die Ehe scheitert. Als die große Notburga Wolfgang kennenlernt, verlieben sich die beiden. Wolfgang gibt Notburga endlich Halt, er übernimmt auch Verantwortung für sie und die Töchter. Bis zu seinen Tode wird Wolfgang für die Familie sorgen.

Sie ziehen zusammen und Wolfgang wird Büroangestellter bei der Pan Am. Nach ein paar Jahren wird Wolfgang sogar regional cargo manager für die Fluglinie, eine bemerkenswerte Karriere für den ehemaligen Kellner und Bauarbeiter. Wolfgang ist ehrgeizig, er will sich hocharbeiten, er glaubt an den amerikanischen Traum und erreicht auch viel, besonders wenn man bedenkt wie steinig seine Lehrjahre waren. Er ist nicht nur hochintelligent, er hat eine sympathische Ausstrahlung, sodass er fast jedermann in kürzester Zeit von sich einzunehmen weiß. Sein großes Ziel ist es aber, sich irgendwann selbständig zu machen und finanziell unabhängig zu sein. Zunächst ist die Familie zufrieden, es geht aufwärts und ein Ende des Aufstiegs ist nicht abzusehen. Wolfgang ist fleißig, er schont sich nicht und Notburga unterstützt ihn dabei.

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Wolfgang, Notburga, die Töchter und Oma Baumgartner im Urwald

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Wolfgang bei seinem Hobby

Nachdem 1958 der Diktator Marcos Pérez Jiménez gestürzt wird, sind Ausländer nicht mehr gern gesehen. Jiménez hat die Immigration gefördert, die Einwanderer sind meist besser gebildet als die Alteingesessenen, es geht ihnen materiell gut, so werden sie zum Ziel des Volkszorns. Die kleine Notburga und Ingrid werden auf dem Schulweg angepöbelt, es ist nicht auszuschließen, dass es noch schlimmer kommt. Also entscheiden Wolfgang und die große Notburga nach Deutschland zu gehen. Leicht fällt ihnen die Entscheidung nicht, Wolfgang wollte eigentlich nicht zurück in das Land, das ihm seine Jugend nahm und für Notburga ist es ein fremdes Land.

1993. Der Nebel lässt endlich nach und wir nähern uns Merida. Als wir ins Ferienhaus zurückkommen, stellen wir fest, dass Notburga während wir auf der nebligen Passstraße unterwegs waren, krank geworden ist. Sie hat hohes Fieber bekommen, offensichtlich hat sie sich sehr um Johannes ihren Sohn und auch mich geängstigt. Nachdem sie viel zu früh ihren Mann Wolfgang verloren hat, macht sie sich nicht nur große Sorgen um Johannes, so etwas wie eine latente posttraumatische Belastungsstörung hat von ihr Besitz ergriffen. Als sie uns heil zurückkehren sieht, geht es ihr langsam besser.

M.K.

Fortsetzung folgt

Alle bisher veröffentlichten Folgen sind hier verlinkt:

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