Archive | May 2016

„Berlin-Lost and Found“ Die Foto-Serie hat jetzt eine eigene Seite

Im März 2016 kaufte ich mir eine einfache Digitalkamera. Ich hatte Lust den Orten meiner Kindheit und Jugend nachzuspüren. Es regnete tagelang, aber endlich am 1. April war Fotowetter. Ich streifte fünf Stunden durch die Nebenstraßen des Kudamms und veröffentlichte das Ergebnis als Strecke hier im Blog. http://wp.me/p3UMZB-1uU Am Steinplatz fiel mir das Polaroid von Ilona ein, auf dem sie vor einer Notrufsäule steht. Ich ahmte das alte Foto nach und so entstand mein erster Vorher/Nachher-Fotovergleich. Die Motive dieser “Lost and Founds” werden meist durch Fotos meines Vaters, Bruders, sowie eigene Bilder vorgegeben. Auch Rainer Jacob und andere Amateur- und Profikollegen haben mir Material anvertraut.
e393c2085129be1a57b3cc528047f2cc

77c374e763f866291f564a68a3b74b42

Das Posting war recht erfolgreich und innerhalb von zwei Tagen wurde es 600mal besucht. Als zweites Projekt besuchte ich Schöneberg. Ich knipste das Café Mitropa, das Slumberland oder das Bowiehaus in der Hauptstraße. In kurzer Zeit sind ein halbes Dutzend dieser Zeitreisen erschienen und hier werde ich alle als Serie verlinken. Manchmal haben sich die Orte kaum verändert und nur im Detail zeigen sich die vergangenen Jahre. Meist ist der Lauf der Zeit gut erkennbar, die freien Sichtachsen der Nachkriegszeit sind durch Neubauten und das frische Grün des Frühlings besetzt. Wie grün Berlin heute ist, fällt positiv auf. Aber andere Entwicklungen sind schade, anstelle der romantischen Plumpe am Marheineckeplatz hocken hässliche Glascontainer, oder der ehemals schicke Gloria-Palast wirkt unansehnlich und ist mit Spanholzplatten vernagelt. Ein halbes Jahrhundert hat sich in das Gesicht meiner Mutterstadt eingeschrieben und mit wechselnden Gefühlen lichte ich es ab.

10410111_4154973488798_1890347161068619697_n

Heimstraße Marheineckeplatz 1959. (Der Autor fotografiert von seinem Vater.)

DSCN0416 (2)

img_20131023_00071

Gloria-Palast (oben 1958).

DSCN0469 (2)

(Café Central Foto: Knut Hoffmeister)

1554608_10201539611427607_1282365882_n

DSCN0252 (2)

TEIL 1

Im ersten Teil der Serie besuchen wir die Nebenstraßen des Kudamms. Es war meine Heimat in den 70er Jahre, mit meiner Liebe Ilona wohnte ich in einer WG in der Schlüterstraße und arbeitete als DJ im Tolstefanz.

http://wp.me/p3UMZB-1uU

10986728_4852329522263_50532681015384714_o

Ilona am Steinplatz 1975.

DSCN0093 (2)

TEIL 2

1977 zog ich nach Friedenau und Schöneberg wurde meine Heimat. 1981 führt der gewaltsame Tod von Klaus-Jürgen Rattay, unter anderen am Winterfeldtplatz, zu bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen. Ich erinnere mich und fotografiere, was heute noch daran erinnert.

http://wp.me/p3UMZB-1yv

img_20130728_0002

Straßenschlacht Maaßenstraße (oben), ehemalige Hoffmanfiliale (unten).

DSCN0169 (2)

TEIL 3

Im dritten Teil besuchen wir die Gegend rund um das Kranzler-Eck. In der Rankestraße hatte meine Mutter in den 60ern ihren Phono-Klub und ich verbrachte dort meine Nachmittage. 1988 bis 98 wohnte ich am Rankeplatz.

http://wp.me/p3UMZB-1zw

admin-ajax.php

Rankestraße, ca. 1959.

DSCN0240 (2)

Teil 4

Im vierten Teil der Reihe besuche ich den Fehrbelliner Platz, den Preußenpark und den Hohenzollerndamm, wo ich bis zum sechsten Lebensjahr wohnte.

http://wp.me/p3UMZB-1Af

IMG_20141113_0001 (3)

Blick über den Hohenzollernplatz zur, von den Berlinern, “Kraftwerk Jesu” genannten Kirche.

DSCN0347 (2)

M.K.


Die Serie wird fortgesetzt.

„Sonntagsspaziergang“ / Berlin – Lost and Found

Die historischen Ausgangsmotive für meine heutige fotografische Spurensammlung sehen aus, als könnten sie an einem Sonntag entstanden sein. Also habe ich mich auf einen Sonntagsspaziergang begeben und nachgeschaut, wie die Orte heute aussehen. Die meisten der alten Fotos hat mein Vater gemacht, das vom Ernst-Reuter-Platz ist einem Programmheft der Tribüne entnommen und die Savigny-Passage hat Cornelia Grosch in den 70er Jahren in Szene gesetzt.

IMG_20150728_0001

Wilmersdorfer Ecke Kantstraße (Der Junge mit der Kapuze ist mein Freund Rainer, das Foto hat sein Vater gemacht, ca. 1959).

DSCN0273

IMG_20150716_0007_0001 (2)

Bahnhof Zoo, ca. 1958.

DSCN0476 (2)

IMG_20130828_0006

Ernst-Reuter-Platz (Oben: frühe 60er Jahre).

DSCN0501 (2)

10410111_4154973488798_1890347161068619697_n

Marheinickeplatz Heimstraße, ca. 1959.

DSCN0416 (2)

img_20131003_0003 (2)

Europa-Center, oben ca. 1965.

DSCN0446 (2)

IMG_20131004_0002

DSCN0451

2015-10-26-0001 (4)

Delphi-Kino (Foto oben: Rainer Jacob 1978).

DSCN0097 (2)

conny5

DSCN0062 (2)


M.K.

Schnelle Schuhe – „Landei, aufgeschlagen.“ / von Cordula Lippke – Punk in Berlin Teil 1

Heute beginne ich mit dem Reblog von “Schnelle Schuhe”, einer kleinen Reihe über Punk in der Mauerstadt. Neben den Texten von Cordula und mir werden drei weitere, neue Posts erscheinen. Zwei Artikel schildern die West-Berliner Punkszene aus der Sicht einer Spandauer Punkclique. Aufgeschrieben hat dieses Zeitdokument Olaf Kühl. Entnommen sind die Geschichten seinem, leider vergriffenen, Buch “laut und betrunken”. Außerdem erinnert sich der Musiker Sea Wanton, wie er 1983 mit seiner Band über die Transitstrecke nach West-Berlin kommt, um beim Atonal-Festival aufzutreten. Aber nun hat meine gute Freundin Cordula das Wort und erinnert sich an das Punk House, jene legendäre erste Punk-Location im West-Berlin der späten 70er Jahre. (M.K. Ob wirklich Bands wie “The Talking Heads” im Punk House gespielt haben, ist nicht zu belegen. Andere Zeitzeugen bestreiten es jedenfalls. Möglicherweise hat hier die Phantasie der Autorin einen Streich gespielt. )

10893045_4876018555309_240160042_o

(Für meinen Sohn, der gerade 19 ist und seine Jugend an der XBox verschwendet.)

1977 kam ich nach Berlin um Kunst zu studieren, eigentlich: Visuelle Kommunikation, der eben erst eingerichtete FB 4 der Hochschule der Künste (die seit 2002 Universität der Künste heißt). Meine Eltern hatten es für mich vorbereitet. Ich war schon zur Aufnahmeprüfung nach Berlin gereist, aus Bad Gandersheim, wo ich gerade mein Abitur bestanden und bei der Zeugnisausgabefeier meinen ersten Vollrausch erlebt hatte.

Berlin war mein Sehnsuchtsort aus vielen Gründen. Auch dieses Lied, das ich aus einem alten deutschen Spielfilm kannte, schwingt da mit:
“Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin … Da
gehörst du hin”* [„Der eiserne Gustav“ 1958].
Kurz zuvor war ich noch Bowie Fan gewesen. Bowie hatte mir zuerst meine Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer vorgespielt: “There’s a starman waiting in the sky …” Das hatten wir 1972 im Chor gesungen.

1971 besuchten wir als Familie Berlin. Wir waren mit dem Flugzeug in Tempelhof gelandet, im Zoo und in Ost-Berlin gewesen und konnten einem Selbstmörder beim Nichtspringen vom Europa-Center zuschauen.
Ich hatte die Nase voll von den irritierten Blicken der Kleinstädter und Kurgäste, wenn meine roten oder blauschwarzen Haare, meine schrille selbstgeschneiderte Kleidung (eine Hommage an meine Oma Alwine, die immer alles selbst genäht hatte), ihr Weltbild störten. Im Frühjahr hatte ich die Aufnahmeprüfung an der HdK bestanden und war zum Studienbeginn mit Sack und Pack nach Berlin gezogen.

September 1977. In der Hochschule der Künste, im Konzertsaal, spielte Iggy Pop – das war mir wichtig! Er war ein Freund von David Bowie (wie wenig ich davon wusste, dass die Beiden kurz zuvor in Berlin gelebt hatten, wurde mir erst in diesem Jahr, 2014, in der grossen Bowie-Ausstellung bewusst). Ich bin allein zum Konzert gegangen, kannte ja noch Keinen in der großen Stadt, die ja noch eine halbe Stadt war und doch die größte Westdeutschlands, strictly West-Berlin.
Meine erste eigene Wohnung war eine recht teure möblierte Ein-Zimmer-Butze mit Aussenklo und ohne Bad in Neukölln (U-Bahnhof Grenzallee). Das war damals verbreitet in West-Berlin. Ich hatte mich bald daran gewöhnt ins Stadtbad zu gehen, um in einer der Kabinen ein Wannenbad zu nehmen. War auch gar nicht teuer.
Ja, ich war froh, von meiner Familie weg zu sein. “Das Dasein ist okay, aber Wegsein ist okayer!”, singt Funny van Dannen heute in mein Ohr. Die Familie hatte sich bald nach meinem Weggang aufgelöst (hinterrücks).
Bei mir in Berlin war Ausgehen angesagt, das war ja in Bad Gandersheim so gut wie unmöglich gewesen. Ich liess mich hierhin und dorthin treiben, was die Stadtmagazine eben so ankündigten (die taz war noch nicht gegründet, das zitty gerade erst) – ein Landei von 19 Jahren, auf der Suche nach dem Glück – und lernte viele seltsame Menschen kennen. Heute staune ich, dass mir trotz meiner grenzenlosen Naivität und Unerfahrenheit nicht mehr passiert ist als dieser Typ, den ich eigentlich meinen ersten Freund nennen müsste, wenn es nicht so peinlich wäre. Er hieß Harald und war heroin-abhängig, was mich als Fan von “The Velvet Underground” wahrscheinlich eher neugierig als vorsichtig machte, hatte ich doch bisher nur in Songtexten von dieser Droge gehört. Und das war Kunst, oder? Meine Drogen waren (und sind) Kaffee und Zigaretten. Selbst vom Alkohol wurde mir eher noch übel. Dieser Typ also hatte wunderbare lange blonde Locken und einen niedlichen süddeutschen Akzent. Die Hippiediskotheken, in die er mich ausführte, waren nicht ganz mein Geschmack. Ich hatte schon im Radio Punkmusik gehört (Niedersachsen war Einzugsgebiet vom BFBS, British Forces Broadcasting Service, wo auch John Peel sendete).
Eine neue Bekanntschaft empfand mein geringschätziges Naserümpfen über die üblichen Kneipen als Herausforderung und zeigte mir den neuesten Schuppen am Lehniner Platz: das Punk House. Von diesem Tag an war ich dort Stammgast, fuhr jeden Abend (das Nachtleben begann damals noch vor Mitternacht) mit dem 29er Bus vom Hermannplatz den Kudamm rauf. Ich hatte meine neue Heimat und viele Freunde gefunden, die zusammen mit mir das Punk-Sein in Deutschland gerade erst entwickelten. So kam es mir vor. Das war mein Ding. “Don’t know what I want but I know how to get it”. Jeder konnte so sein wie er wollte. Keine Vorschriften, keine Vorurteile. Nur Hippie durfte man nicht sein. Klar, dass ich mich von Harald trennen musste. Zum Abschied klaute er mir die paar Wertgegenstände, die mein möbliertes Zimmer hergab. Schmerzlich vermisste ich nur die Spiegelreflexkamera. Ich hatte meine erste Großstadtlektion gelernt, seitdem war ich Heroin-Usern gegenüber misstrauisch. Eine neue Kamera sollte ich erst drei Jahre später wieder bekommen, als mein irischer Freund mir eine aus einem Fotogeschäft klaute.

10877854_4876018195300_377464097_n
Aber das alles war jetzt nicht wichtig. Genauso wenig wie mein Studium. Das Nachtleben hatte mich voll im Griff und es war absolut erfüllend. “The Talking Heads” und viele andere Bands spielten live im Punk House, wo die Bühne nur ein abgeteiltes Stück Tanzfläche war, Auge in Auge mit den Fans, manche Musiker blieben hinterher noch ein Weilchen da. Wildes Pogo tanzen, sich vor Begeisterung gegenseitig mit Bier überschütten und ab und zu am Flipper austoben, solche Sachen waren jetzt wichtig. Ich lernte dort Nina Hagen kennen und schüttelte Rio Reiser die Hand.
Wie lange gab es das Punk House? Ich weiss es nicht. [Wolfgang Müller in „Subkultur Westberlin 1979-1989“ erzählt davon: „Im Sommer 1977 eröffnet das Funkhouse am Kurfürstendamm. Westberlin – Funky Town? Ein kapitaler Flop. Das Lokal läuft schlecht. Der Inhaber erkennt die Zeichen der Zeit. Eine kleine Buchstabenauswechslung hat große Folgen: Aus dem Funkhouse wird das Punkhouse. Und dieses Punkhouse entwickelt sich nun zum ersten Treffpunkt einer gerade erst im Entstehen begriffenen Westberliner Punkszene.“ ] Wenn ich die Vielfalt der Erlebnisse und der Konzerte dort addiere, komme ich auf gefühlte zehn Jahre. Es war aber wohl nur etwas mehr als ein Jahr.

Das Silvester zum Jahr 1978 erlebte ich schon mit meiner ersten Band, “DinA4”, die Mädchenband ohne Auftritte, aber mit Proberaum, den uns Blixa Bargeld in einem Keller in der Sponholzstrasse, Friedenau, besorgt hatte. Wir hatten uns im Punk House an der Theke kennengelernt und zusammengetan, Birgit, Barbara, Gudrun und ich. Wir entschieden uns für unsere Instrumente nach Gutdünken und Laune, denn Können war kein Kriterium. Silvester feierten wir in Gudruns Schöneberger Wohnung mit vielen Freunden und einem genialen Buffet voller Speisen, die mit Lebensmittelfarbe ihren ursprünglichen Charakter verlieren sollten: grüne Buletten, blauer Vanillepudding, sowas alles. Dazu mein erster LSD-Trip, eher unspektakulär.
Für mich war und ist Silvester allein schon ein Trip und dieses Feuerwerk über dem Wartburgplatz war einfach großartig. Ein paar Hippies waren auch da (aus Flensburg und Köln oder so), sie waren Musiker und hatten uns damit Einiges voraus. Sie waren okay, obwohl wir uns als Punks gern von den Hippies abgrenzten. Sie verhalfen uns später, als “Din A Testbild”, immerhin zum ersten richtigen Auftritt: 13. August 1978, Mauergeburtstag. Süße sechzehn Jahre Mauer wurden mit einer Torte gefeiert, die die
Berliner Punkband “PVC” von der Bühne herunter verteilte. Lecker! Ich glaube, es war schon eine gewisse Dankbarkeit für diesen Schutzwall vorhanden, der uns das besondere, zulagengeförderte, wehrdienstbefreite, West-Berliner Punkleben ermöglichte.

Beim Mauerfestival 1978 lernten wir die Düsseldorfer/Solinger Szene kennen. Musiker übernachteten bei uns und diese neuen Verbindungen brachten schöne Transitreisen mit sich. Wir spielten und tanzten im Ratinger Hof und in Hamburg. Ich erinnere mich heute nicht gut an die Einzelheiten. Liebesdinge spielten eine Rolle, Drogen natürlich und das, was wir definitiv nicht Rock’n’Roll nannten.
Zu der Zeit war ich bereits länger beim Plattenladen Zensor quasi “angestellt” um die Buchhaltung zu machen. Das brachte es mit sich, dass ich in Berlin alle Konzerte, die mich irgendwie interessierten, umsonst besuchen konnte. Ich bin gerade dabei eine Liste zu erstellen und die Länge, die Menge haut mich selbst um. Da wundert es mich nicht mehr, dass ich bald mein Studium geschmisssen habe. Das Leben war doch zu schön. Ich wollte es mir nicht von obskuren Aufgaben verderben lassen, die keinen Spaß machten und deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Inzwischen wohnte ich auch in der Wartburgstrasse (Schöneberg), Parterre. Die Küche war schwarz lackiert, das Schlafzimmer bonbonfarben und das Wohnzimmer grün und blau, wie ich es heute noch schön finde. Der Vermieter regte sich fürchterlich auf und schrieb Briefe an meine Eltern und meine Hochschule. Das amüsierte mich. Es gab ein Klo in der Wohnung! Zum Baden ins Stadtbad gehen war kein Problem. Ein Problem war der Kohleofen, der sich meinen Heizkünsten fast immer verweigerte. Als ich, zu Silvester 1978/79, vom Weihnachtsbesuch bei der Familie in Westdeutschland zurückkam, hatte ich Glatteis im Flur. Es war der legendäre Schneewinter, (in Schneewehen steckengebliebene Züge, ausgefallene Heizung, Fahrgäste, die miteinander die letzten Rotweinreserven teilten). Ich kroch mit dicken Wollpullovern unter die Bettdecke. Die Silvesterparty im Übungsraum konnte ich eh nicht mehr erreichen. Am nächsten Tag erfuhr ich, wer alles in welche Ecke gekotzt hatte.

11002843_10152816197512982_304235525_oIMG_20130624_0002 (2)

Der Zensor war ganz in der Nähe, Belziger Str. 23. Burkhardt freute sich, dass ich mich mit seiner elenden Zettelwirtschaft und den Anforderungen des Steuerberaters beschäftigen wollte. Ich wollte einfach nur ein bisschen Geld verdienen und mochte es, zwischen den Schallplatten (hatte doch selbst schon eine ansehnliche Sammlung zu Hause in den Obstkisten) und ihren Liebhabern zu arbeiten. Die vorderen Ladenräume gehörten dem Blue Moon, einem Rockabilly-Klamottenladen.

– wird fortgesetzt –

*”Du bist verrückt
Mein Kind
Du musst nach Berlin!
Wo die Verrückten sind

Da gehörst du hin!

Du bist verrückt
Mein Kind

Du musst nach Plötzensee.
Wo die Verrückten sind
Am grünen Strand der Spree!”

Berliner Volkslied. Die Melodie ist ein Marsch aus der selten gespielten und ersten abendfüllenden Operette “Fatinitza” (1876) von Franz von Suppé. Der Marsch ist im Libretto nicht textiert, die Worte hat der Berliner Volksmund hinzugefügt.

Die Zeichnung “Obey/Subvert” von Rainer Jacob zeigt den “Zensor” und seine “Buchhalterin” Cordula, rechts in der Subvert-Ecke. Sie ist als Illustration für das Kapitel “Beim Zensor hinter dem Blauen Mond”, aus dem Roman “Helden ’81” von Marcus Kluge, entstanden.

„Sign o’ the Times“ / Europa-Center, Breitscheidplatz, Kinos / Berlin – Lost and Found

Image

Marmorhaus (Oben ca. 1956).

DSCN0463 (2)

 

img_20131023_00071

Gloria-Palast (Oben ca. 1958).

DSCN0469 (2)

img_20131004_0003 (4)

Europa-Center Bikini-Haus (Oben ca. 1966). Unten: Europa-Center im Bau, 1965.

13413513_10153895799817982_6516465951988427477_n

DSCN0450 (2)

Conny3

U-Bahnhof Kurfürstendamm (Oben ca. 1978 Foto: Cornelia Grosch).

DSCN0473 (2)

2016-02-23-0010 (2)

Europa-Center Tauentzienstraße (Rainer ca. 1966).

DSCN0444 (2)

2016-01-10-0004 (5)

Bikini-Haus (Rainer ca. 1958)

DSCN0458 (2)


M.K.

„EVA-Lichtspiele, Monheim, Karstadt “ / Wilmersdorf Teil 3 / Berlin – Lost and Found

Als Kind in den 60er Jahren in Wilmersdorf aufzuwachsen hatte tatsächlich etwas dörfliches. Der Autoverkehr war kaum zu merken, insbesondere die Jahre nach dem Mauerbau waren still. So still, dass manche Berliner an einer Zukunft von West-Berlin als freier Stadt zweifelten. In der Wilhelmsaue gab es noch einen Viehbauern, bei dem man frisch gemolkene Milch kaufen konnte. Das großstädtische Leben spielte sich, wenn überhaupt, am Kudamm ab. Unsere Verbindung zur großen Welt war das kleine Karstadt-Kaufhaus zwischen der Berliner und der Badenschen Straße. Dort gab es Delikatessen, Spielzeug und billige Exportartikel aus aller Welt, wie Blumenbänkchen aus Bambus oder exotische Fische und Vögel in der Zooabteilung. In den 1970er Jahren schließt Karstadt die Filiale, später nutzt die Verwaltung der Sparkasse das Gebäude. Heute gehört es zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Nachdem auch meine Eltern Mitte der 60er einen Fernseher anschafften, erhielten wir Freitags unsere Dosis Krimi. Um 20.15 Uhr guckte die Familie gemeinsam “Seventy-Seven Sunset-Strip” oder die unendliche Geschichte von Dr. Kimble, der “Auf der Flucht” nach dem einarmigen Mörder seiner Frau suchte. Am Sonnabend Nachmittag wurde ich mit einer Schüssel zum Eiscafé Monheim geschickt und immer gab es Rum-Traube, ob der darin enthaltene Alkohol schädlich für Kinder gewesen sei, war nie ein Thema. Nach dem meist etwas zähen Sonntagsbraten ließen sich die Kinder gern in die Jugendvorstellung im “Eva” schicken, während sich die Eltern einer, mehr oder weniger, faulen Siesta hingaben.

kinoeva6_062013

EVA-Lichtspiele, 1938.

DSCN0312 (2)

img_20131007_0008_0001

U-Bahnhof Blissestraße, 1960.

DSCN0302 (4)

serve (2)

“Land unter” in den 1970er Jahren.

DSCN0385

Eiscafé Monheim.

DSCN0309 (3)

2016-05-16-0004 (2)

Mannheimer Straße am Alten Fenn, 1960.

DSCN0375 (4)

2016-05-16-0004 (3)

DSCN0379 (2)

DSCN0371 (2)

Am Alten Fenn liegt auch die Friedrich-Ebert-Oberschule, die ich zwei Jahre besuchte. Dann flog ich vom Gymnasium, wie andere aus meiner, im Jargon der 68er “Kollektiv” genannten Clique, auch. Wir hatten einen Schulstreik angezettelt und waren auch sonst höchst gefährlich. Einige von uns kifften und man befürchtete, wir wären Proselytensuche. Einmal ließ man uns zu acht, in der großen Pause, von der Polizei verhaften. Die Anekdote erzähle ich in meinem Roman “Xanadu ’73″*.

“An einem Montag im Herbst stehe ich wieder in der Raucherecke und ich drehe mir mit Drum eine filterlose Zigarette. Beaky steht ein paar Meter weg mit einem Mädchen und einem Jungen aus der Oberstufe. Die Drei rauchen eine Purpfeife. Irgendetwas geht vor, ich kann es nur noch nicht einordnen. Im rechten Augenwinkel sehe ich zwei Lehrer, ich blicke nach links, von dort nähern sich auch einige Lehrer. Als die Glocke die Pause beendet, hindern die Pauker mich, Beaky und sechs weitere Schüler, die Raucherecke zu verlassen. Als wir die Pädagogen fragen, was das soll, bekommen wir keine Antwort. Sie haben wohl Funkstille vereinbart. Die anderen Schüler hängen aus den Fenstern und glotzen. Als nach einer knappen Viertelstunde Polizisten den Schulhof betreten, bin ich nicht wirklich erstaunt.

DSCN0374 (2)

Wir acht werden also wie Verbrecher abgeführt, die restlichen Zöglinge in den Fenstern johlen und pfeifen. Wofür oder wogegen sich diese Akklamation richtet ist nicht völlig klar. Meiner Einschätzung nach richtet sich der lautstarke Protest gegen unsere polizeiliche Festnahme. Wir, die Delinquenten, finden uns in einer Arrestzelle in der Polizeiwache Rudolstätter Straße wieder. Wir werden erstmal in Ruhe gelassen, man wartet wohl auf Spezialisten aus dem Rauschgiftdezernat. Beaky hat noch die Pfeife und ein klelnes Stück Haschisch dabei. Die Fenster sind zwar vergittert, aber man kann sie öffnen und Beaky kann die Konterbande in einer Regenrinne verstecken, so das niemand von uns etwas Belastendes bei sich trägt.”

IMG_20140708_0001 (3)

Hildegardstraße 1961.

2016-05-16-0004 (4)

DSCN0367 (2)

11038929_10200408710576494_4091169337213493369_n

Das Karstadt-Kaufhaus (Berliner Straße 150), 1960 von der Gerdauer Straße aus gesehen. Es wurde Ende der 1920er Jahre als “Kepa”-Kaufhaus gebaut.

DSCN0339 (3)

DSCN0340 (3)

2016-05-05-0003 (2)

Die Inneneinrichtung der 60er Jahre.

2016-05-05-0008 (2)


M.K.

*”Xanadu ’73 – der Roman”: http://wp.me/P3UMZB-Rw

Das historische Foto vom Eva stammt von der Website des Kinos: http://www.eva-lichtspiele.de/

Das Wolkenbruch-Foto von der Seite des Eiscafés Monheim: http://www.eiscafe-monheim.de/

Familienportrait „Wir waren dabei“ / Das Nazi-Regime im Spiegel von Zeitungsausschnitten

Meine Großtante Charlotte heiratete Ende der 1920er Jahre den Polizeioffizier Paul Springer. Für die junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen war er eine gute Partie, wie man sagte. Paul war konservativ, kein ausgesprochener Nazi. Aber er hielt die Hitler-Partei für das richtige Gegengift gegen die politisch „instabile“ Weimarer Republik und die Massenarbeitslosigkeit. Wie viele andere erlag er dem furchtbaren Irrtum, Rechtsbruch, Antisemitismus und Gesinnungsterror seien „Kinderkrankheiten“ auf dem Weg zu einem neuen, erstarkten Deutschland. Letztlich bezahlt er für seinen Irrtum mit dem Leben, am 1. Mai 1946 legt er sich vor die “Heidekrautbahn” und bringt sich um.

Foto oben: Mussolini besucht Berlin und wird Veteranen begrüßt.

2015-12-22-0001 (2)

Seine Frau und er glaubten Zeugen einer „großen Zeit“ zu sein. Lotte sammelte Zeitungsausschnitte und gemeinsam klebten sie sie in ein Album, dem sie den stolzen Titel „Wir waren dabei“ gaben. Aufmärsche, Paraden und Staatsbesuche „Unter den Linden“ sind dokumentiert, denn Paul war für die polizeiliche Sicherung dieser Veranstaltungen zuständig. Andere Themen sind die Polizei, Kriminalfälle, die rege Bautätigkeit dieser Jahre und Feierlichkeiten aller Art, wie Weihnachten, denen die Nazis ebenfalls ihren Stempel aufdrücken. Die Sammlung beginnt 1935 und endet abrupt 1938, kurz vor den Novemberpogromen, was kein Zufall ist. Ob es damals die erste Konfrontation zwischen Paul und seinen Vorgesetzten war, weiß ich nicht, aber diese hatte Folgen.

Als am 9. November gegen 22Uhr jüdische Geschäfte angegriffen wurden, stellte Paul uniformierte Polizisten als Schutz vor solche Läden in der Friedrichstraße. Um Mitternacht ging auf dem Revier ein Telex der Gestapo ein, nachdem die Polizei jüdische Einrichtungen nicht mehr schützen sollte, bzw. nur Plünderungen verhindern sollte. Paul Springer soll sich noch eine Stunde unsichtbar gemacht haben, doch gegen eins gab er den Befehl dann weiter.
Damit war seine Karriere im Dritten Reich beendet, der Polizeidienst machte ihm auch kaum noch Spaß. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen, während seine Nazi-Kollegen für unabkömmlich erklärt wurden.

2015-12-24-0006 (2)

Schon zwei Jahre vor Kriegsbeginn bereitet sich Berlin auf den Ernstfall vor. Eine ganze Woche übt man Luftangriff, Verdunkelung und Giftgasbedrohung.

Tante Lotte und er überlebten den Krieg und er erhielt eine zweite Chance sich im Polizeidienst zu bewähren, weil er relativ unbelastet war. Schon im Mai 1945 wurde er von den Alliierten als Fachkraft auf dem Revier 2 angestellt. Kurze Zeit danach konnte er als Reviervorsteher den Wiederaufbau des Reviers 12 leiten.

Am 16. März 1946 sicherte Paul mit Kollegen eine Fliegerbombe ab, als es zur Explosion kam. Er wurde schwer am Kopf verletzt, Prellungen, Schnitt- und Platzwunden wurden im Krankenhaus versorgt. Trotz einer Gehirnerschütterung wurde er aus der nach dem Unglück überfüllten Klinik entlassen.
Nach einem Tag ging er wieder arbeiten, gegen ärztlichen und freundschaftlichen Rat glaubte er, preußische Disziplin üben zu müssen. Ständige Kopfschmerzen, Schwindel und eine leichte Verwirrtheit, die er gut überspielte, begleiteten ihn. Am 30. April war seine Krankheit so offensichtlich, dass er sich arbeitsunfähig schreiben lies.
Paul hat sich am 1. Mai 1946 umgebracht, indem er sich vor die Heidekrautbahn legte. Lotte hat nie erfahren, ob sich Paul wegen der Kopfverletzung oder aufgrund von Gewissensbissen infolge seiner Mitwirkung an Naziverbrechen suizidiert hat.
Das „Wir waren dabei-Album“ hat das Kriegsende überstanden, weil es rechtzeitig in Bad Liebenwerda versteckt wurde. Andere Fotoalben und Abzüge auf denen Hakenkreuze oder Nazigrößen zu sehen waren, hat man verbrannt, bevor die Rote Armee Berlin einnahm. Man musste damit rechnen, umgebracht zu werden, wenn „Nazimaterial“ bei einem gefunden wurde. Tante Lotte zog nach Pauls Tod nach Pankow, wo wir sie regelmäßig besuchten, bis der Mauerbau unsere Familie trennte. Aber als Rentnerin konnte Lotte 1965 nach West-Berlin „ausreisen“. Sie wohnte dann mit meiner Oma zusammen in der Prinzregentenstraße. Bevor sie 1980 starb, hat sie mir das Album geschenkt.

2015-10-18-0006 (4)

Die sogenannte Ost-West-Achse durch den Tiergarten wird gebaut.

2015-10-18-0008 (2)

2015-12-24-0004 (2)

So sehen Humor und Frohsinn im Nazireich aus.

10375117_4410912047102_8426983027205475389_n

Das Programm des gleichgeschalteten Rundfunks auf der Rückseite eines Ausschnitts.

2016-05-14-0001 (2)

Blumenkorso zum 700. Geburtstag Berlins. Dominiert wird das großformatig abgedruckte Foto von Hakenkreuzfahnen, der Korso wirkt bescheiden daneben.

1238074_3237555113912_2095954900_n

Am Stadtschloss wird gebaut.

10665810_4410910847072_4308945013217767997_n

10522899_4415252995623_89968713573523523_o

Auch eine Weihnachtsbescherung von Droschkenkutschern ist Mittel der Propaganda, sie wird von der sogenannten “N.S.Volkswohlfahrt” durchgeführt.

2015-10-18-0005 (2)

Im April 1937 feiert das Regime die Annexion Österreichs mit einer „Schweigeminute“ und dem „Hitler-Gruß“. Das Foto zeigt das Kranzler-Eck in der Friedrichstraße.

2015-12-22-0003 (2)

Auch der Propagandaminister und seine Familie sind in Weihnachtstsimmung.

2015-10-18-0009 (2)

US-Navy Matrosen beehren die “Reichshauptstadt”.

2015-12-22-0002 (2)

Frontalunterricht und Hightech im Polizeirevier, Pauls Arbeitsplatz.

2015-12-23-0002 (2)

Parade im April 1937.

530442_3237610875306_1743596570_n

Opernball 1937. Das Foto stammt von Heinrich Hoffmann, der als “Hitler-Fotograf” bekannt wurde.
http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hoffmann_%28Fotograf%29

2015-12-24-0003 (2)

1937 wurde der schöne Rundbau des Zirkus Busch wegen Straßenbegradigung der Burgstraße und Erweiterung des Blocks „Börse“ für den Bau von Reichszentralen verschiedener Wirtschaftsverbände abgerissen. Paula Busch hatte vergeblich versucht, durch Verhandlungen mit der Berliner Stadtverwaltung und Reichsstellen den Abriss zu verhindern.

Redaktion: Marcus Kluge

Die Dokumentation wird fortgesetzt.

„Volkspark und Schramm-Block” / Wilmersdorf Teil 2 / Berlin – Lost and Found

1960 zogen wir in den Schramm-Block direkt am Volkspark Wilmersdorf. Der etwas düstere, expressionistisch angehauchte Bau, aus den 1920er Jahren, hatte mir schon als Kind gut gefallen. Im gleichen Jahr wurde ich eingeschult. Auf dem Schulweg zur Prinzregentenstraße sollte ich die Bundesallee an der Ampel überqueren. Natürlich ersparte ich mir den Umweg und rannte über die Bundesallee, wenn keine Autos in Sicht waren. Der “Volksparksteg” wurde erst 1971 gebaut. Seit den 1920ern steht hier, am Beginn des östlichen Parkteils, der Speerwerfer”, eine Bronzeplastik von Karl Möbius. 1944 wurde das Standbild eingeschmolzen und 1954 neu gegossen.

IMG_20140929_0002

DSCN0334 (2)

Bis zum Jahr 1915 gab es noch einen See (unten) im mittleren Teil des Parks. Es war ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner, Schramms Tanzpalast war legendär. “Komm, Karlineken wat meenste, morjen jehn wa bei Schramm, een danzen?“, hieß es dann. Aber nicht nur die Gastronomie brachte Geld ins “Seebad Wilmersdorf”, auch die Spekulation mit Bauland machte manche Bauern zu Millionären. Der See begann zu versanden und um den Verkehr nach Berlin zu erleichtern, wurde er 1915-20 zugeschüttet. Als ich klein war bildete sich oft am Ende des Winters ein kleiner Tümpel aus Schmelzwasser auf der Wiese und ich hoffte stets, dass wieder ein See entstehen würde. Heute gibt es an dieser Stelle ein kleines Feuchtbiotop.

12744271_10205850645809537_88314315958930406_n

IMG_20150708_0009_0003

DSCN0358 (2)

IMG_20141217_0001

Der Block im Zustand nach dem Bau ca. 1930 (oben).

DSCN0364 (2)

In den Nuller-Jahren wurde der Schramm-Block neu gestaltet und dabei oberhalb der 1. Etage heller verputzt (oben), wobei er etwas von seinem morbiden Charme eingebüßt hat. Wir wohnten im Eckhaus in der 2. Etage. Das Foto unten zeigt meine Großmutter vor dem Block 1960. Aus den 1960er Jahren stammen auch die meisten der älteren Fotos.

2016-05-11-0002 (3)

2015-12-02-0003 (2)

2013-09-05-09-43-44 (2)

Gleich im ersten Winter 1960/61 gab es reichlich Schnee und mein Bruder und ich bekamen Skier.

DSCN0319 (2)

Heute befindet sich in unserem ehemaligen Wohnhaus ein Café. In den 70er und 80er Jahren war in den Räumen ein Geschäft von “Lautsprecher Teufel”.

e-haus (3)

DSCN0317 (2)

img_20131010_0002

DSCN0362

IMG_20150708_0010

Straße Am Volkspark.

DSCN0327 (2)

Die mittlere Parkanlage zwischen Bundesallee und Blissestraße wurde in den Jahren 1933 bis 36 angelegt. In den 60er Jahren wirkte sie noch recht streng, Rasen betreten und freilaufende Hunde waren verboten. Heute wirkt der Park freundlicher.

img_20131007_00061

DSCN0356 (2)

IMG_20150708_0009_0002

Oben: Sicht in Richtung Schoeler-Park.

IMG_20150825_0002 (2)

IMG_20150708_0009_0001

Der Fußballplatz im Bereich des früheren Sees mit Blick auf die Auenkirche (oben 1960)

DSCN0316 (2)

img_20131004_0001-2

Meine Mutter konnte sich ihren Wunsch erfüllen, bis zu ihrem Tod im Jahre 2005, in der Wohnung am Park zu leben. Wenn meiner Tochter und mir nostalgisch zu Mute ist, besuchen wir mit der Enkelin Neala das Café im Haus Livländische Straße 2.

DSCN0328 (2)

M.K.

Der nächste Teil der Serie beschäftigt sich unter anderem mit dem Eva-Kino und der Eisdiele Monheim.

Volkspark: https://de.wikipedia.org/wiki/Volkspark_Wilmersdorf

Wilmersdorfer See: https://de.wikipedia.org/wiki/Wilmersdorfer_See

Editorial – „Punk Perdu & wiedergefundene Bilder“

À la recherche du Punk perdu!

2016-05-08-0001 (2)

Meine kleine Reihe zu Punk in Berlin wird fortgesetzt. Zu den Texten von Cordula über das Punk-House und meinen aus dem Assasin-Universum kommen die Jugenderinnerungen eines Spandauer Punks und ein wilder Beitrag über das erste Atonal-Festival. Wenn Ihr selbst zu dem Thema etwas beizutragen habt, schreibt mir doch eine Mail am marcusklugeberlin@yahoo.de  Neben Texten bin ich auch an Fotos aus den Jahren 76 bis 85 interessiert.

6b7741212976a7f8363a77b9e7977783

À la recherche des images perdues!

Nachdem meine Kameraspaziergänge, auf der Suche nach den Motiven alter Fotografien und den erinnerungswürdigen Locations der Mauerstadt, so viel Anklang finden, wird daraus eine Serie. In Vorbereitung sind ein weiterer Teil über Schöneberg, diesmal besuchen beispielsweise wir den Zensorladen, das Quartier Latin und das ehemalige Sound. Ein zweiter Beitrag mit Fotovergleichen Wilmersdorfer Motive und eine Reise ins alte Kreuzberg sind ebenfalls in Arbeit.

12999721_1018854448199483_317213314_o (2)

Zettels Albtraum

Die Lesung im Literaturcafé Periplaneta hat viel Spaß gemacht, trotzdem wird es erstmal keine weiteren Lesungen geben. Es ist auch noch unsicher, ob ich dieses Jahr ein weiteres Buch veröffentliche. Ich merke, dass ich mich verzettele, als Verleger, Agent, Lektor, Vertriebsleiter und Autor gleichzeitig zu fungieren. Um wieder in Ruhe zum schreiben zu kommen, werde ich die anderen Tätigkeiten erstmal stark zurückfahren. Eine weitere Ursache muss ich noch nennen, mir geht es gesundheitlich nicht so gut in letzter Zeit, auch dadurch fehlt es an Esprit, der zum schreiben nötig wäre. Im Juni gehe ich zu einer OP ins Krankenhaus und im Spätsommer kommt dann die nächste Baustelle dran. Danach sollte es mir besser gehen.

M.K.

„West-Berlin Revisited“ / Wilmersdorf Teil 1: Preußenpark, Fehrbelliner- und Hohenzollern-Platz

U-Bahnhof Blissestraße, ca. 1977.

IMG_20150811_0008

DSCN0307 (2)

IMG_20150627_0001

Der Preußenpark wurde in den Jahren 1920 bis 1925 angelegt. Bei schönem Wetter waren wir in den Fifties fast jeden Nachmittag dort. Wir hörten Musik mit dem Kofferradio und ich interessierte mich für Abfallkörbe (unten). 1960 (oben) ist das Bausenat-Hochhaus noch gut zu erkennen. Es entstand 1954-55 nach Plänen von Roth und Schuberth und wird heute von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung genutzt.

DSCN0279

IMG_20130814_0002 (2)

DSCN0282 (2)

IMG_20140511_0008

IMG_20131007_0005_0002 (2)

DSCN0289 (2)

Den Fehrbelliner Platz dominieren bis heute die Bauten aus der Nazi-Zeit. Die Planung für eine großangelegte, hufeisenförmige Bebauung begann allerdings schon vorher. Ursprünglich sollte auf der Fläche des heutigen Flohmarkts ein Rathaus für “Deutsch-Wilmersdorf” entstehen. Mit der Höhe des Turms wollte die Wilmersdorfer die Schöneberger übertreffen. Das Schöneberger Rathaus wurde 1911-14 verwirklicht. Die Wilmersdorfer waren zu langsam, der Weltkrieg beendete ihre Träume und 1920 verlor “Deutsch-Wilmersdorf” das Stadtrecht. Es wurde Bezirk des neugebildeten Groß-Berlin. Das bis 2014 als Rathaus genutzte Gebäude (Architekt: Helmut Remmelmann) wurde von 1941 bis 1943 am Fehrbelliner Platz 4 (oben) als letzter Gebäudekomplex der NS-Zeit im neoklassizistischen Stil zur Erweiterung des benachbarten Sitzes der Nazi-Arbeitsfront errichtet. Der einstöckige Bau einer Schultheiss-Destille war wohl ein Nachkriegs-Provisorium und wurde schon in den 70er Jahren wieder abgerissen. Die heutige Lösung, ein roter Flachbau mit Bio-Company-Werbung, stellt ästhetisch keine Verbesserung dar.

IMG_20131007_0005_0001 (3)

DSCN0286 (2)

DSCN0292 (2)

Der rote Eingangspavillon des U-Bahnhofs (oben) wird, wohl wegen des Uhrenturms, im Volksmund “Bohrinsel” genannt. Der 1968-72 errichtete Zweckbau soll in Farbgebung und Gestaltung einen Kontrast zur umgebenden Nazi-Architektur bilden, Architekt war Rainer W. Rümmler. 1960 (unten) stand an seiner Stelle noch ein Flachbau im 50er Jahre-Stil.

IMG_20131007_0008 (2)

DSCN0291

DSCN0295 (2)

Fehrbelliner Platz 2, Detail: Greif. (Für die Nordstern-Versicherung im NS-Stil gebaut. Architekt: Otto Firle, 1934-35)

DSCN0297 (2)

IMG_20131007_0006_0001

Brandenburgische Straße.

DSCN0300 (2)

IMG_20141113_0001 (3)

DSCN0344 (2)

IMG_20130810_0002_0001 (2)

IMG_20140626_0001

Bis 1960 wohnten wir am Hohenzollerndamm 17. Mein Bruder ist offensichtlich vom fotografierenden Vater genervt. Vom Balkon hatte man einen guten Blick auf den Hohenzollenplatz und die gleichnamige Kirche. Der U-Bahnhof wurde 1913 eingeweiht, den westlichen Eingang (oben) schmücken Pylone mit dem Adler der Hohenzollern. Die Kirche am Hohenzollernplatz gilt als Hauptwerk deutscher expressionistischer Baukunst. 1930-34 nach Entwürfen von Ossip Klarwein, vom Architekturbüro Fritz Höger erbaut, war der Bau umstritten. Klarwein zog nach Baubeginn in die Nähe und hat die Arbeiten überwacht. 1934 musste er wegen seiner jüdischen Herkunft nach Palästina emigrieren. Von den Berliner wird die Kirche auch “Kraftwerk Jesu” genannt. Das Bild ganz unten zeigt sie von der Fasanenstraße aus gesehen.

DSCN0347 (2)

DSCN0117 (2)

M.K.

 – wird fortgesetzt –

Die historischen Fotos stammen von meinem Vater, meinem Bruder und mir. Den Wachmann mit MG hat Rainer Jacob beigesteuert.

Fehrbelliner Platz: https://de.wikipedia.org/wiki/Fehrbelliner_Platz

Kirche am Hohenzollernplatz: https://de.wikipedia.org/wiki/Kirche_am_Hohenzollernplatz

„Are You Experienced?“ oder „Wie ich Hendrix verpasste“ / 4. September 1970 – A Day in the Life

Am 4. September gab es in der Deutschlandhalle ein kleines Festival, als letzter Act und Hauptattraktion trat Jimi Hendrix auf. Außerdem standen Ten Years After, Procul Harum und Canned Heat auf dem Plakat. Die Zeitschrift „Stern“ war Mitveranstalter und ich hatte mir für 16.- Mark eine Karte gekauft. Ich war da an diesem Abend in der Deutschlandhalle. Aber Hendrix habe ich nicht gesehen. Ich wusste es damals nicht, natürlich nicht, doch es war das vorletzte Konzert das Jimi Hendrix jemals geben sollte. Zwei Wochen später war er tot, er starb am 18. September 1970 in London, im Alter von 27. Er hatte eine Mischung aus Rotwein und Schlaftabletten zu sich genommen und erstickte an Erbrochenem.
Als ich von Hendrix Tod in der Zeitung las, war ich traurig, ich ärgerte mich und ich verdrängte die Erinnerung an den 4. September 1970. Erst 44 Jahre später fiel er mir wieder ein und ich erinnerte mich, was damals geschah. Ich erinnerte mich, wieso ich den wahrscheinlich größten Gitarrenvirtuosen der 60er Jahre nicht erlebt hatte und ich erinnerte mich noch an etwas anderes. Es war auch der Tag, an dem ich meine Unschuld verlor.
6524_3

Ich hatte mal wieder die Schule gewechselt. Es war die fünfte Schule in sechs Jahren und das erste Mal, dass der Wechsel freiwillig war. Anfang 1970 hatte man mir mitgeteilt, kein Gymnasium in West-Berlin würde mich noch aufnehmen. Der Schulrat, den ich konsultierte, es war ein CDU-Mann, der später in einem Bauskandal auftauchte, verriet mir was ich schon geahnt hatte. Man bestrafte mich für mein politisches Engagement. „Ich wäre selbst schuld“, meinte er.

Dann ging ich ein halbes Jahr auf eine Privatschule, wo ich ausschließlich von gescheiterten Existenzen unterrichtet wurde. Ich war auf dem besten Wege selbst eine zu werden. Es war zwar unterhaltsam, aber ziellos. Also suchte ich eine Realschule, um wenigstens die Mittlere Reife zu machen. Der Direktor der Alfred-Wegener-Schule im großbürgerlichen Dahlem war bereit mich zu nehmen. Der Mann hatte eine Schwäche für Kultur und war beeindruckt, dass meine Mutter mit Schauspielern und Schriftstellern befreundet war. In seiner Schule fanden auch regelmäßig Nachdrehs für die damals beliebten „Pauker-Filme“ statt. Das einzige was mich an dem Mann irritierte war seine Kleidung, er trug stets braune Anzüge in eben jener Farbe, die die SA-Uniformen hatten.

Diese Schulwechsel empfand ich als qualvoll. Ich war eigentlich introvertiert bis zur Sozialphobie, aber ich maskierte meine Verfassung mit Extrovertiertheit und ich spielte den Klassenclown. Dadurch blieb ich zwar Außenseiter, aber wenigstens beliebter Außenseiter. Leider kostete dieses Auftreten viel Kraft und das sollte Folgen haben.
Zunächst legte ich mich mit dem Mathematiklehrer an. Der hatte die Angewohnheit die Schüler zu Beginn jeder Stunde mit einem Spiel zu „wecken“. Er stellte Rechenaufgaben und warf dann ein Stück Kreide auf einen der Schüler, der blitzschnell antworten musste. Er benutzte den Ausdruck „flink wie Windhunde“. Damit war er sehr „flink“ zu meinem Feind geworden. Als dann die Kreide in meine Richtung flog, verschränkte ich meine Arme und blieb selbstverständlich auch stumm. Erst als er mich nach meiner Verweigerung befragte, erklärte ich ihm: „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl!“, hätte schon einmal eine Jugend verdorben und für den Krieg tauglich gemacht und man solle doch vorsichtig sein mit solchen Begriffen. Ich setzte noch hinzu, Einstein wäre in der Schule im Kopfrechnen sehr schlecht gewesen und ich nähme mir an ihm ein Vorbild. Der Lehrer war sauer, weil ich ihn in die Nazi-Ecke stellte, doch er ließ sie Sache auf sich beruhen. Später stellte er sich als Sozialdemokrat und Willy Brandt-Fan heraus. Es war einfach normal, auch 25 Jahre nach Kriegsende noch, solche Nazi-Sprüche zu benutzen. Er hatte sich „nichts“ dabei gedacht. Ich aber hatte damit einen Spitznamen bekommen, ich hieß nur noch „Einstein“. Die Anekdote sprach sich bald herum und da ich optisch ziemlich auffällig war, mit meinen langen Haaren, wusste bald jeder in der Schule, wer ich war. Ein paar Tage später wurden die Schulsprecher gewählt und ich wurde einer der Stellvertreter. Glücklicherweise brauchte ich das ganze Schuljahr lang nicht in Funktion zu treten.
640px-Jimi_hendrix_woodstock

Hendrix’ Stratocaster.

An jenem Freitag, dem 4. 9., hatte ich nach der fünften Stunde frei und als ich aus dem Schultor trat, stellte ich fest, es regnete kräftig. Vor dem Tor stand eine Schülerin aus der Parallelklasse mit einem Schirm, Susanne Fleischbauer. Sie hatte braune, lockige Haare, strahlende, blaue Augen und einen Kussmund. Ich hatte sie in der Raucherecke kennengelernt, sie war mir sympathisch und ich hatte mir vorgenommen mich bei Gelegenheit mit ihr zu verabreden. Mehr aus Jux klagte ich: „Igitt, da werden ja meine schönen Haare nass.“ Erstaunlicherweise ließ sich Susanne darauf ein und bot an, mich mit ihrem Schirm zur Haltestelle des Einsers zu bringen. Wir unterhielten uns gut bis mein Bus in Richtung Innenstadt kam und Susanne stieg mit ein, obwohl sie nach Zehlendorf-Mitte gemusst hätte. Wir sprachen über das Super Concert und sie war neidisch auf mich. Wir sprachen über die Bands, die auftreten würden und kamen auch auf Birth Control zu sprechen, eine Berliner Band, die das Vorprogramm bestritt und sie teilte mir beiläufig mit, sie würde die Pille nehmen. Sie wäre auch gern in die Deutschlandhalle gegangen, aber sie war verhindert, wegen eines Familientreffens. An der Blissestraße stieg sie mit mir aus und wir liefen die drei Ecken bis zu meiner Wohnung Arm in Arm. Mittags war ich allein zuhause, meine Mutter war in ihrem Phonoklub, mein Vater wohnte nicht mehr bei uns und mein Bruder arbeitete auf dem Flughafen Tempelhof.
In meinem winzigen Zimmer, neben einem schmalen Bett war nur Platz für ein Bücherregal, zogen wir uns aus und schließlich taten wir „es“. Ich hatte mir mein erstes Mal natürlich romantischer vorgestellt, aber ich war froh es hinter mir zu haben, weil ich auch Angst davor hatte. Angst etwas falsch zu machen und mich zu blamieren. Aber „es“ war total einfach und machte sehr viel Spaß. Erst Jahre später wurde mir klar, dass sie mich verführt hatte. Ich war ja viel zu schüchtern, um ein Mädchen zu verführen. Auf jeden Fall war ich schwer begeistert, wir schliefen gleich nochmal miteinander, bevor sie nach Zehlendorf-Mitte und ich in die Deutschlandhalle musste. Schon auf der Fahrt dorthin spürte ich Anzeichen für eine Verliebtheit bei mir.

Band72-1

Birth Control.

In der Halle spielte bereits „Birth Control“*, für die es eine Ehre war, als einzige Vorgruppe zu fungieren. Wie die meisten deutschen Bands damals, interessierten mich Birth Control nur am Rande, doch ich fand sie ziemlich gut an diesem Nachmittag. 1966 hatte sich B.C. aus den „Earls“ und den „Gents“, Berliner Beatbands der ersten Stunde, gebildet, Gründungsmitglied war unter anderem Hugo Egon Balder. Der wurde allerdings recht bald durch Bernd Noske als Drummer ersetzt. Noske wurde auch zum Sänger und zur integrativen Kraft hinter der Band, er starb erst kürzlich, im Februar 2014. In den ersten Jahren spielten Birth Control vor allem Cover, dann entwickelten sie einen breiten Blues mit langen Solo-Einlagen. 1969 hatten sie ein dreimonatiges Engagement in einem Nachtklub in Beirut. 1971 spielten sie als erste deutsche Band im Londoner Marquee Club, 1972 erschien ihr einziger Hit: „Gamma Ray“. Das Lied wurde 1990 auch von der Techno-Szene adaptiert.

Doch so ganz flog der Funke nicht zu mir über, an diesem Nachmittag in der Deutschlandhalle. Ich war auch noch in Gedanken bei Susanne. Ich kam erst richtig in Stimmung, als Procul Harum ihren bombastischen Rock aufführten. „A Whiter Shade of Pale“ spielten sie zwar nicht. Aber auch Stücke wie „A Salty Dog“, gesungen vom charismatischen Gary Brooker, waren damals schon Klassiker und das Publikum freute sich.

Bei Canned Heat** gerieten die schwer zu begeisternden Berliner schier aus dem Häuschen und ich mit ihnen. Der Rauch von diversen Joints brachte ein wenig Woodstock ins provinzielle West-Berlin und Bob „The Bear“ Hite verbreitete gute Laune. Kaum zu glauben, es war nur einen Tag her, das man Alan „Blind Owl“ Wilson, Gitarrist und Gründungsmitglied der Band, leblos in der Nähe Bob Hites Haus gefunden wurde. Kurz bevor die Band in die Maschine nach Berlin stieg, erfuhren sie von Al Wilsons Tod.

Canned_Heat_1970Canned Heat,  Bear in der Mitte, Al Wilson 2. v. rechts.

„On September 3, 1970, just prior to leaving for a festival in Berlin, the band was shattered when they learned of Wilson’s death by barbiturate overdose; found on a hillside behind Bob Hite’s Topanga home. Believed by de la Parra and other members of the band to have been a suicide, Wilson died at the age of 27“ WiKi

Der Show in der Deutschlandhalle war es nicht anzumerken und ich wusste nichts davon. Internet oder Twitter gab noch nicht und die Zeitungen meldeten nur den Tod von Weltstars. Meine Stimmung konnte gar nicht besser sein. Ich dachte wieder an Susanne und den unglaublichen Nachmittag, der hinter mir lag und freute mich schon, sie wiederzusehen.

Die Umbaupausen dauerten sehr lange, so war es bereits deutlich nach 22 Uhr, als Ten Years After auf die Bühne kamen. Neben Eric Clapton gehörte Alvin Lee damals zu meinen absoluten Gitarrengöttern. Aber nach einer halben Stunde merkte ich, ich hatte genug gute Musik gehört und konnte nichts mehr aufnehmen und ich war müde. Außerdem war ich in Gedanken schon am nächsten Morgen in der Schule, wenn ich Susanne wiedersehen sollte. Darauf freute ich mich sehr und ich wollte ihr nicht allzu unausgeschlafen entgegentreten. Ich war ja überzeugt, nun würde Susanne meine Freundin werden und ein großartiger Lebensabschnitt stand mir bevor. So dachte ich mir das. Also traf ich die Entscheidung, die ich ein paar Wochen später sehr bedauern würde. Ich hatte auch gehört, dass Hendrix zur Zeit ohnehin keine sehr guten Konzerte gab. Ich würde ihn mir anhören, wenn er das nächste Mal in Berlin Station machen würde. Wieso auch nicht?

Ob Hendrix an diesem Abend gut war, darüber streiten sich die Zeugen. Die Mehrheit des Berliner Publikums war wohl mit Hendrix unzufrieden. Robin Trower, der Gitarrist von Procul Harum berichtet von diesem Gig und er hat eine Erklärung:
I think it was above their [the audience’s] heads you know? I mean, I couldn’t take in a lot of what he was doing and I’m a musician, a guitarist, so you can imagine what it was like for them.
So anyway, then I was walking up and down outside the dressing room after he’d come off, and I was sort of saying, “Should I go in?” Then I burst into the dressing room all of a sudden and said, “Er, I’ve gotta tell you, it was the best thing I’ve ever seen.”
Which it was. And he said, “Uh, thank you, but, uh, naw.” And I just went, “Whoops, that’s it,” and walked out again.

Are_You_Experienced_-_US_cover-edit
Danach soll ihm Gerd Augustin*** backstage Uschi Obermayer vorgestellt haben. Der Musikmanager erinnert sich: “…Ich brachte nun auf Hendrix’ Deutschland-Tour, Uschi (Obermaier) in Berlin mit Jimi zusammen. Das war genau drei Wochen vor seinem Tod. Uschi war überglücklich, als ich sie mit in Hendrix’ Garderobe nahm, wo außer uns nur noch der Drummer Mitch Mitchell und seine Freundin Karen abhingen. Dort ließen wir es uns dann richtig gut gehen.”

Zwei Tage vor dem Berliner Auftritt hatte Hendrix ein Gig in Aarhus nach drei Songs abgebrochen. Mit den Worten: „I’ve been dead a long time!“ verabschiedete er sich vom Publikum. Sein letztes Konzert auf der Insel Fehmarn, am 6.9., geriet zu einem Desaster. Hendrix kehrte nach London zurück, wo ihn seine Freundin Monika Dannemann am Vormittag des 18.9.1970 leblos fand. Im Krankenhaus konnte nur noch sein Tod festgestellt werden. Er hatte nach Dannemanns Aussagen, neun Schlaftabletten genommen, die 18-fache Normal-Dosis von Vesparax, einem Barbiturat, das heute nicht mehr verschrieben wird. Es gab trotzdem keinerlei Anzeichen für einen Selbstmord. Hendrix war 27 als er starb. Genau einen Monat nach dem Super Concert starb auch Janis Joplin mit 27, an einer Überdosis Heroin. Am 1. 10. 1970 wurde Hendrix in seiner Heimatstadt Seattle beigesetzt.

IMG_20131127_0004

Der Autor 1970.

Ich fuhr nach Hause, konnte aber lange nicht einschlafen, zu viel ging mir durch den Kopf. Trotzdem war ich am nächsten Morgen bester Laune. In der ersten großen Pause hielt ich Ausschau nach Susanne, sie kam aber nicht in die Raucherecke. Erst als ich nach der letzten Stunde auf sie wartete, passte ich sie ab, ich hatte den Eindruck, sie wollte mir aus dem Weg gehen. Ich verstand die Welt nicht mehr und stellte sie zur Rede.
Erst druckste sie herum, sie war merkwürdig kleinlaut, schließlich fand sie Worte, doch ich kann mich nicht daran erinnern, wie sie sich genau ausdrückte. Zu heftig traf mich ihr Geständnis. Ich fühlte mich, als hätte man einen Kübel mit Eiswasser über mir ausgeschüttet. Sie würde schon zwei Tage für ein Jahr als Austauschschülerin in die USA gehen. Bis dahin hätte sie auch keine Zeit mehr mich zu sehen. Sie hatte sich wohl bewusst mit mir eingelassen, weil durch ihre Reisepläne eine Beziehung nahezu ausgeschlossen war. Ich habe eine ziemliche Weile gebraucht, bevor ich mich wieder mit einer Frau einließ und ich war misstrauisch geworden, durch meine Erfahrung.
Sechs Wochen vor Ende des Schuljahrs wurde ich krank, es rächte sich, dass ich permanent gegen meine Natur den extrovertierten Klassenclown spielte. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, hatte wohl auch einen Infekt verschleppt und mir eine schwere Lungenentzündung zugezogen. Der Direktor mit den braunen Anzügen gab mir trotzdem die Mittlere Reife. Vielleicht wollte er mich nicht ein weiteres Jahr auf seiner Schule.

Als Susanne ein Jahr später zurück kam, war an eine Beziehung nicht mehr zu denken, zu viel war passiert. Als Geschenk brachte sie mir einen schönen Arbeitsoverall aus den Staaten mit.

Inzwischen habe ich mir Jimis Auftritt vom 4. 9. 1970 bei You Tube herausgesucht und angehört. Nein, es wäre nicht mein Geschmack gewesen und selbst heute kann ich dem egozentrierten Spiel von Hendrix, an diesem Abend, wenig abgewinnen. Es mag artistisch wertvoll sein, aber ich bevorzuge eher bodenständigen Blues, mein Musikgeschmack ist nicht raffiniert.

Susanne ist also nicht meine erste Liebe geworden, aber eine Verbindung gab es trotzdem. Zwei Jahre später lernte ich zufällig Ilona kennen, sie erzählte mir, ich könne sie bei einer Modenschau wiedersehen. Aber wie sollte ich ohne Einladung da reinkommen? Ich beschloss mich als Pressefotograf zu tarnen. In der Modeszene waren gerade amerikanische Overalls total in und ich zog den von Susanne geschenkten an. Mit Overall und Kamera wurde ich problemlos eingelassen. Ich sah Ilona wieder und sie wurde meine erste große Liebe.

M. K.


* http://de.wikipedia.org/wiki/Birth_Control

** http://de.wikipedia.org/wiki/Canned_Heat

***Gerd Augustin:
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ra&dig=2011%2F09%2F22%2Fa0022&cHash=0515723d28f9b052f5c6a4577fdccde8

Fotos: ©M. Kluge oder creative commons

Erste Liebe: https://marcuskluge.wordpress.com/2014/09/12/familienportrait-grose-liebe-blei-streu-strase-wg-und-tolstefanz-1973-74-3/

Berlinische Räume – “Joachimsthaler und Rankestraße” / Berlin – Lost and Found

 

DSCN0232

Verkehrskanzel Kranzler-Eck.

IMG_20131007_0005

admin-ajax.php

Rankestraße Blickrichtung Ranke- heute: Friedrich-Hollaender-Platz, 1957.DSCN0240 (2)

IMG_20130715_0002

Rankestraße Los-Angeles-Platz, 1959.

DSCN0241 (3)

img_20131023_0002 (5)

Ku-Damm Ecke Joachimsthaler Straße, 1960.

DSCN0233 (3)

IMG_20131023_0013

Rankestraße Blickrichtung Marburger Straße.

DSCN0244 (2)

img_20131111_0009

Agrippina-Haus Rankestraße.

DSCN0246 (2)

DSCN0248 (2)

Oben: Heute ist es das “Ellington Hotel”, erbaut wurde das Gebäude 1928 als “Femina-Palast”. Es beherbergte legendäre Clubs wie die “Badewanne” und den “Dschungel”.

Unten: Das ehemalige “First” in der Joachimsthaler Straße, heute “Cheshire Cat”:

DSCN0237 (2)

DSCN0229 (2)

IMG_20131230_0001 (2)

Joachimsthaler Blickrichtung Bilka, heute Karstadt Sport.

DSCN0226 (3)

M.K.

Berlin Typography

Text and the City // Buchstaben und die Stadt

Der ganz normale Wahnsinn

Das Leben und was uns sonst noch so passiert

500 Wörter die Woche

500 Wörter, (fast) jede Woche. (Nur solange der Vorrat reicht)

Licht ist mehr als Farbe.

(Kurt Kluge - "Der Herr Kortüm")

Gabryon's Blog

Die Zeit vollendet dich...

bildbetrachten

Bilder sehen und verstehen.

Idiot Joy Showland

This is why I hate intellectuals

theinsatiabletraveler.com/

Travel inspiration, stories, photos and advice

Marlies de Wit Fotografie

Zoektocht naar het beeld

Ein Blog von Vielen

ein Ziel - viele Kämpfe_r_innen

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

literaturfrey - Kunst und Kultur

In der Kunst spielt ja die Zeit, umgekehrt wie in der Industrie, gar keine Rolle, es gibt da keine verlorene Zeit, wenn nur am Ende das Möglichste an Intensität und Vervollkommnung erreicht wird. H. Hesse

blackbirds.TV - Berlin fletscht seine Szene

Zur Musikszene im weltweiten Berliner Speckgürtel

Leselebenszeichen

Buchbesprechungen von Ulrike Sokul©

.documenting.the.obvious

there is no "not enough light" there is only "not enough time"